Menschenrechte – christlich oder säkular?

Wem verdanken wir die Menschenrechte – dem Christentum oder der Aufklärung? Einige Gedanken dazu, anlässlich des heutigen 70. Jahrestags der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Man kann den Menschenrechtsdiskurs von zwei Seiten betrachten – einerseits in einer langfristigen schöpfungstheologischen und heilsgeschichtlichen Perspektive (der Mensch als Abbild Gottes und durch Christus von der Sünde erlöst, hat Würde und ist frei), andererseits in einer kurzfristigen rechtshistorischen und gesellschaftspolitischen Sicht, welche auf die Entwicklung kodifizierter Normen schaut.

Langfristig war die Triebkraft des Christentums entscheidend, damit die Idee der Menschenrechte aus dem Gedanken der geschöpflichen Würde und Freiheit des Menschen entstehen konnte. Kurzfristig hat die Kirche im 19. Jahrhundert bei der Umsetzung gebremst – aus Angst vor der eigenen Courage, denn sie fürchtete den Irrtum, dem sie keine Freiheit schenken wollte, mehr als sie das Gewissen, die Stimme Gottes im Menschen, schätzte.

Die Kirche hat kurzzeitig vergessen, dass Wahrheit nur in Liebe zu haben ist, so, wie Liebe nur in Wahrheit zählt. Daher mussten sich die Verfechter verbindlicher Kodizes nicht nur gegen die weltlichen, sondern auch die geistlichen Machthaber durchsetzen, um für ihre Vorschläge jene juridische Bindungskraft zu erringen, die das Individuum von den Institutionen Staat und Kirche emanzipierte.

Beide Sichtweisen sind von Hans Joas gut auf den Punkt gebracht worden: Einerseits gebe es diejenigen, die meinten, die Menschenrechte seien „nicht die Frucht irgendeiner religiösen Tradition, sondern vielmehr die Manifestation eines Widerstands gegen das Machtbündnis von Staat und (katholischer) Kirche oder gegen das Christentum als Ganzes“, andererseits deuteten einige Vertreter aus den Reihen „christlicher, vornehmlich katholischer Denker“ auf „langfristige religiöse und intellektuelle Traditionen“ hin, durch welche „den Menschenrechten der Weg gebahnt“ wurde, vor allem „das Verständnis der menschlichen Person, wie es aus dem Evangelium zu uns spricht“ (Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Berlin 2011, S. 16).

Man kann es vielleicht so ausdrücken: Ohne die Institution Kirche als politisch wirksamer Machtfaktor, als weltliche Repräsentation der Christenheit wäre die Menschenrechtsidee möglicherweise früher und flächendeckender umgesetzt worden, ohne Christentum hingegen wäre sie mit Sicherheit gar nicht erst entstanden.

(Josef Bordat)

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Das „Weyhnachts-Lied“

Am 24. Dezember 1818 wird in der Schifferkirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg das Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ erstmals gesungen.

Komponiert hatte es am gleichen Tag Conrad Franz Xaver Gruber auf einen Text, den Joseph Mohr bereits 1816 verfasst hatte. In seiner Urspruchsfassung heißt es einfach „Weyhnachts-Lied“.

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht,
Nur das traute heilige Paar,
Holder Knab’ im lockigten Haar;
Schlafe in himlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Gottes Sohn! O! wie lacht
Lieb’ aus Deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund;
Jesus! in Deiner Geburth!
Jesus in Deiner Geburth!

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höh’n,
Uns der Gnade Fülle läßt seh’n
Jesum in Menschengestalt!
Jesum in Menschen-Gestalt!

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoß,
Und als Bruder Huldvoll umschloß
Jesus die Völker der Welt!
Jesus die Völker der Welt!

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreyt,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß!
Aller Welt Schonung verhieß!

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel „Hallelujah!“
Tönt es laut bey Ferne und Nah
„Jesus der Retter ist da!“
„Jesus der Retter ist da!“

Heute ist es das Weihnachtslied. Wer sich seiner Entstehungsgeschichte annähern will, dem sei der Film „Stille Nacht“ (2012) empfohlen; er erzählt sie ebenso unterhaltsam wie besinnlich. Sehenswert.

(Josef Bordat)

Die Katholische Kirche im Ersten Weltkrieg

Vor 100 Jahren ging er zu Ende, der Erste Weltkrieg. Welche Rolle spielte darin die Katholische Kirche?

Die Katholische Kirche stand bei der allgemeinen Kriegstreiberei in den großen europäischen Nationen zu Beginn des 20. Jahrhunderts eher außen vor, da ihr Charakter als Weltkirche einer nationalistischen Instrumentalisierung widerspricht – im Gegensatz zu Landes- oder Nationalkirchen. Vereinzelt wurde aus der katholischen Theologie auch Kritik an Chauvinismus und Hochrüstung laut.

Der Kriegseintritt Deutschlands im August 1914 wurde jedoch auch von der Kirche als notwendig angesehen, teilweise auch begrüßt, obgleich auch hier die Distanz der Katholischen Kirche zum Staat prinzipiell erhalten blieb. 1917 legte Papst Benedikt XV. einen Friedensplan vor, der aber in Deutschland nur vom Zentrum unterstützt wurde.

In den Kriegspredigten (von Geistlichen beider Konfessionen) wurde das Motiv des „gerechten Krieges“ (als solcher wurde der Erste Weltkrieg damals in Deutschland mehrheitlich gesehen) zu einem „von Gott gesegneten Krieg“, seltener auch zum „heiligen Krieg“ überhöht und theologisch als Bußpraxis verstanden und zum missionarischen Dienst gegen Sittenverfall und Materialismus umgedeutet.

Diese Verlagerung in den Bereich des Religiösen wirkte sich ambivalent aus: Einerseits trug sie zur Erhöhung des Durchhaltevermögens der Soldaten bei, die glaubten, nicht nur in einer guten, sondern gar gottgewollten Sache zu handeln, andererseits zu einer Humanisierung der Kriegsführung durch gläubige Soldaten, denen die Prinzipien der gerechten Kriegsführung in dieser religiös gewendeten Form verstärkt präsent waren. Katholische Soldaten erhielten überdies moralische Anregungen in den Gebeten des so genannten „Feldgesangbuch“.

Im „Gebet des Soldaten“ heißt es ganz im Geiste des „ius in bello“ nach Augustinus und Thomas von Aquin: „Bewahre mich vor jedem unnützen Blutvergießen, vor jeder unmenschlichen Behandlung des verwundeten oder gefangenen Feindes.“ und „Laß mich nie vergessen, dass nur die im Felde mir gegenüberstehenden Krieger meine Feinde, daß dagegen die unbewaffneten Einwohner des Landes, die Verwundeten und Wehrlosen meine leidenden Mitbrüder sind, denen ich Schonung und Mitleid schuldig bin“ (Katholisches Feldgesangbuch, 1914).

Darüber hinaus gab es seitens der Militärseelsorge Segen und geistlichen Beistand für Soldaten, allerdings keinen „Waffensegen“. Es gibt im Benediktionale einen Segen für fast alles, aber nicht für Waffen. Ein offizieller „Waffensegen“ seitens der Kirche ist kirchengeschichtlich nicht nachweisbar. Somit hat nicht die Kirche, sondern es haben allenfalls einzelne Geistliche – gegen den Willen der Kirche – Waffen gesegnet. Allerdings ist bislang noch kein einziger Fall einer Waffensegnung nachgewiesen worden – weder für die Zeit des Ersten Weltkriegs noch für den Zweiten Weltkrieg.

(Josef Bordat)

Erster Advent

Am ersten Adventssonntag beginnt ein neues Kirchenjahr. Es beginnt zugleich die Vorbereitung auf Weihnachten, auf das Fest, das uns Christen an die Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth erinnert. Mit dem göttlichen Christus kam etwas in die Welt, das zuvor durch die Sünde verdunkelt war: die Liebe. Die Liebe Gottes zum Menschen ermöglicht die Liebe des Menschen zu Gott und zum Mitmenschen. Die Adventszeit dient der betrachtenden Vorbereitung auf diesen Neuanfang Gottes mit dem Menschen, der dem Neuanfang des Menschen mit Gott vorausgeht.

Das klingt sehr anspruchsvoll und ist es auch. Alfred Delp hat es mit drastischen Worten ausgedrückt: „Advent ist eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst.“ Geht das denn überhaupt: Erschütterung, wach werden, zu sich selbst kommen – zwischen Glühwein, Lebkuchen und verkaufsoffenem Sonntag? Worauf bereiten wir uns vor – im Advent? Denken wir Weihnachten von uns her, auf dass es ein schönes Fest werde, in der Familie oder im Freundeskreis? Oder stellen wir uns selbst zurück und denken Weihnachten von Gott her? Feiern wir es wirklich als Fest der Menschwerdung Gottes im Christuskind? Dann können wir auch schon den Advent von Gott her begehen und mit Dietrich Bonhoeffer zu der Erkenntnis gelangen, dass es auf unser Tun dabei gar nicht so sehr ankommt. In einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge schreibt Bonhoeffer am 21. November 1943 aus dem Gefängnis Berlin-Tegel: „Weißt Du, so eine Gefängniszelle, in der man wacht, hofft, dies und jenes – letztlich Nebensächliches – tut, und in der man ganz darauf angewiesen ist, dass die Tür der Befreiung von außen aufgetan wird, ist gar kein so schlechtes Bild für den Advent.“

In der Tat – kein schlechtes Bild: die Tür, die nur von außen aufgetan werden kann. Das Volk, das im Dunkeln lebt, findet in der Dunkelheit keine Möglichkeit, sich selbst zu erleuchten. Das Licht muss von außen in die Nacht hinein kommen. Dadurch, dass Gott in die Welt kommt. Wenn wir also in den nächsten Wochen die Türen von Kaufhäusern und die Türchen des Adventskalenders öffnen – denken wir daran: Dass uns die Tür zur Krippe, in der Gott als Mensch liegt, ganz weit offen steht, ist nicht Resultat unserer Geschäftigkeit, sondern das Geschenk der Liebe Gottes.

Der Text erschien zuerst in: Miteinander. Pfarrnachrichten der Katholischen Gemeinde St. Norbert – Berlin. Dez. 2013 / Jan. 2014, S. 2-3.

(Josef Bordat)

Unter Verfolgung

Katholiken aus Vietnam gedenken in Berlin der Märtyrer ihrer Heimat. Auch heute werden Christen in Vietnam verfolgt.

Hoher Besuch in der vietnamesischen katholischen Mission in Berlin: Der Apostolische Nuntius, Erzbischof Nikola Eterović, war gekommen. Für die Feier zum Christkönigsfest mit Prozession, Heiliger Messe und anschließender Begegnung im Pfarrsaal gab es zwei Anlässe: Zum einen ist die vietnamesische Mission seit 10 Jahren in der Gemeinde St. Aloysius ansässig, zum anderen wurden vor 30 Jahren 117 Frauen und Männer heiliggesprochen, die in der Christenverfolgung in Vietnam das Martyrium erlitten.

30 Jahre
1988-2018 – Ein Banner an der St. Aloysius-Kirche verkündet den Anlass der Festveranstaltung: 30 Jahre ist es her, dass 117 vietnamesische Märtyrer heiliggesprochen wurden. Foto: JoBo, 11-2018.

Am 24. November gedenkt die Kirche seither der zahlreichen vietnamesischen Märtyrer, von denen nur einige namentlich bekannt sind. Peter Truong Van Thi zum Beispiel. Oder Andreas Dung-Lac. Insgesamt gehen Schätzung von 130.000 bis 300.000 katholischen Opfern der Christenverfolgung in Vietnam aus, die vor allem in der zweiten Hälfte des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders grausam war. 1988 hat Papst Johannes Paul II. 117 katholische Christen, die in diesen Jahrzehnten in Vietnam für ihren Glauben starben, heiliggesprochen – 96 Vietnamesen, 10 Missionare aus Spanien und 11 aus Frankreich.

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Prozession zu Ehren der 117 vietnamesischen Märtyrer, die 1988 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen wurden. Foto: JoBo, 11-2018.

Es gibt in Berlin etwa 2000 Vietnamesen katholischen Glaubens, rund jeder Zehnte war heute dabei, als Nikola Eterović in seiner Predigt einen Bogen vom Festgeheimnis zur Realität der Verfolgung schlug: Christi Reich ist nicht von dieser Welt, seine Waffen sind nicht aus Stahl, so der Nuntius. Der Märtyrer erkennt das an und führt einen geistlichen Kampf mit den Waffen Jesu: Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Erzbischof Eterović überbrachte der Festgemeinde die Grüße des Heiligen Vaters, Papst Franziskus. Der Nuntius war wegen der Feierlichkeiten in Berlin einen Tag früher aus Rom zurückgekehrt.

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Begegnung unter einem Wandbild der „Cap Anamur“, ein Rettungsschiff, das zwischen 1979 und 1987 viele Bootsflüchtlinge aus Vietnam aufnahm. Viele der Katholiken aus Vietnam kamen als so genannte „Boat People“ nach Deutschland. Foto: JoBo, 11-2018.

Gedacht wurde heute auch an die gegenwärtig unter Verfolgung leidenden Christen in Vietnam. Das Land liegt auf Rang 18 des aktuellen „Open Doors-Weltverfolgungsindex 2018“, in dem die Hilfsorganisation auf „ein Wachsen des Drucks auf Christen“ hinweist. Grund ist die neue Religionsgesetzgebung, die Anfang des Jahres in Kraft trat. Entscheidend ist dabei der in der neuen Norm erwähnte Tatbestand des „Freiheitsmissbrauchs“, der bereits vorliegt, wenn in Religionsgemeinschaften eine vom Verständnis der vietnamesischen Behörden abweichende Spiritualität gelehrt wird. Und das ist im Christentum der Fall. Die Gemeinde lasse sich nicht entmutigen, so Erzbischof Eterović. Das Beispiel der Märtyrer stärke den Glauben.

(Josef Bordat)

Elisabeth von Thüringen

Heute gedenkt die Kirche der Heiligen Elisabeth von Thüringen. 2007 – im 800. Geburtsjahr der Heiligen – war unter dem Titel Elisabeth von Thüringen – Eine europäische Heilige auf der Wartburg eine umfangreiche Ausstellung zu sehen, die wohl größte „Elisabeth-Schau“ des Festjahrs. Damals hatte ich für das Marburger Forum eine Besprechung des Ausstellungskatalogs verfasst. Das Marburger Forum musste bald darauf eingestellt werden, nach dem plötzlichen Tod des Gründers, Herausgebers und Chefredakteurs Max Lorenzen. Nachzulesen ist der Text in seinen Grundzügen nun hier.

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Die Heilige Elisabeth von Thüringen. Körnerbild, Marburg. Foto: JoBo, 08-2007.

Dort, wo heute im Gottesdienst der Heiligen Elisabeth von Thüringen gedacht wird, hört man dieses Tagesevangelium: „Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden“ (Lk 6, 27-38). „Liebt eure Feinde.“ – Was meiner Ansicht nach zum Gebot der Feindesliebe zu bedenken ist, habe ich hier zusammengestellt.

Schließlich möchte ich die Tagesheilige selbst zu Wort kommen lassen: „Ich habe Euch immer gesagt: Ihr müsst die Menschen froh machen“. Das hat sie sicher, mit ihrem aufopferungsvollen Engagement für die Armen, Kranken, Marginalisierten.

(Josef Bordat)

Kirche und Antisemitismus

„Und die Kirche? Heute steht sie an der Seite der Juden, aber wie war es früher? Wo stand sie da?“

Vorab: Mir geht es jetzt um die gemeinsame Geschichte der Christenheit und die Geschichte der Katholischen Kirche – Luthers Judenhass, der von keinem seriösen protestantischen Theologen oder Historiker bestritten wird, sowie die unrühmlichen „Entjudungsversuche“ der „Deutschen Christen“ möchte ich hier nicht abhandeln. Also: Schauen wir auf die Kirche der Antike, des Mittelalters und schließlich auch auf die Katholische Kirche in der Moderne. Schauen wir besonders auf das, was die Päpste gesagt, geschrieben und getan haben.

1. Die Kirche steht dem Judentum von Beginn an skeptisch, aber nicht feindselig gegenüber. Natürlich musste sich die junge Christenheit in Lehre und Leben von den jüdischen Traditionen lösen (Jesus selbst beginnt ja damit) und selbstverständlich ging das nicht immer reibungslos von statten (das erste Apostelkonzil diente der Beilegung des urkirchlichen Grundkonflikts zwischen Juden und Heiden in den christlichen Gemeinden) und leider schoss auch mancher Theologe der Antike, auch mancher Kirchenvater, in seiner Abgrenzungsbemühung über das Ziel hinaus.

Bekannt sind die polemischen „Adversus Judaeos-Traktate“ des Johannes Chrysostomus oder auch die Schriften Athanasius des Großen gegen die „Arianer“, in denen er nebenbei sehr heftig gegen die Juden austeilte, sowie die Briefe des Hieronymus an Augustinus, der seinerseits die antijüdische Polemik reproduzierte, die Juden aber auch als Zeugen für die Wahrheit des Christentums betrachtete. Es gab aber in der Patristik auch gewichtige christliche Fürsprecher des Judentums, etwa Origenes oder Gregor von Nazianz.

Feindschaft, wie sie in späteren Zeiten – gerade in unserer jüngsten Vergangenheit – auftrat, war das jedoch nicht. Der Antijudaismus der christlichen Antike war – bei aller sprachlichen Grobheit – rein theologischer Natur, er trug keine rassistischen Züge, wie der Antisemitismus der Moderne. Die Kirche steht dem Judentum nicht feindselig gegenüber – und tat dies auch nicht im Mittelalter.

2. Dennoch gab es in der christlichen Mehrheitsgesellschaft schon früh einen weit verbreiteten Antijudaismus. Grund für den volkstümlichen Judenhass war vor allem die Annahme, die Juden seien für den Tod Jesu verantwortlich („Christus-Mörder“). Zudem spielte der Vorwurf der Gotteslästerung im Verfahren gegen Jesus eine Rolle: Hatten die Juden Jesus wegen Blasphemie verurteilt (Mt 26, 65-66), so verurteilten nun viele Christen die Juden ebenso wegen Gotteslästerung, aufgrund ihrer Weigerung, Jesus als den Messias anzuerkennen.

Es gab im Volk weiterhin massive kulturelle Vorbehalte gegen Juden. Die kulminierten in drei Hauptvorwürfen: Den Juden wurde vorgeworfen, das Trinkwasser vergiftet und so die Pest ausgelöst zu haben (Brunnenvergiftung). Es wurde ihnen weiterhin vorgeworfen, christliche Kinder zu entführen und im Rahmen kultischer Handlungen zu töten (Ritualmord). Schließlich gab es den Vorwurf, Juden raubten geweihte Hostien, um sie zu schänden (Hostienschändung). Das führte schon früh zu Gewalt gegen Juden. Neben zahlreichen minderschweren Ausschreitungen, die sich an den Vorwürfen „Ritualmord” und „Hostienschändung“ entzündeten, gab es 1096 schwere, jedoch lokal begrenzte Pogrome, die im zeitlichen, aber nicht in unmittelbarem sachlichen Zusammenhang mit dem Ersten Kreuzzug (1095) standen.

3. Auch jüdische Quellen machen für diese Pogrome nicht Papst Urban II. verantwortlich, der zum Ersten Kreuzzug aufgerufen hatte, nicht aber zur Judenverfolgung. Die Ausschreitungen wurden vielmehr von einigen wenigen unorganisiert handelnden Rittern getragen, die von Volkspredigern angestiftet wurden. Die Juden behielten Rechtsschutz (das heißt: die Ritter wurden bestraft) und erfuhren teilweise die Unterstützung der Kirche in Person des Ortsbischofs, der schützend seine Hand über sie hielt (etwa in Köln). Weitere große Pogrome gab es 1236 in Frankreich. Dagegen wandte sich Papst Gregor IX. in einem Schreiben an die französischen Bischöfe.

Die größte Pogromwelle rollte Mitte des 14. Jahrhunderts durch Europa, wegen der grassierenden Pest, für die die Juden verantwortlich gemacht wurden (Vorwurf der Brunnenvergiftung). Diese Pogrome fanden ebenfalls gegen den entschiedenen Widerstand der Kirche statt. Papst Clemens VI. verfasste zwei Bullen gegen die Judenjagd, die jedoch im Volk ohne Wirkung blieben. In seiner Bulle Quamvis perfidiam (1348) spricht Clemens die Juden vom Vorwurf der Brunnenvergiftung frei. Clemens argumentierte gegen diesen Aberglauben mit Verweis auf die Tatsache, dass auch die Juden selbst Opfer der Pest seien.

Allerdings wurde dagegen ins Feld geführt, Juden seien unterproportional von der Pest betroffen. Das ist wahr, lag aber – wie wir heute wissen – an den besonderen Hygiene- und Speisevorschriften der Juden, die das Infektionsrisiko hemmten. Wer gegen die Weisung der Bulle weiterhin Juden verfolge, so Clemens, werde exkommuniziert. Die Flagellanten, die sich bei den Judenpogromen besonders hervorgetan hatten, erklärte er zu Häretikern. Das Engagement des Papst war jedoch vergeblich. Noch im selben Jahr kam es zu Pogromen gegen Juden in Toulon und in Zürich, 1349 in Freiburg im Breisgau, Speyer, Straßburg und Erfurt.

4. Was sagt die Kirchenlehre und die zeitgenössische katholische Theologie? Die Lehre der Kirche hat stets betont, die Menschen (alle Menschen) trügen die Schuld am Kreuz, soweit sie Sünder sind und der Erlösung bedürfen. Die Vorstellung, die Juden seien Nachfahren der „Christus-Mörder“, wurde zwar lange Zeit im christlich motivierten Antijudaismus tradiert, sie stand aber in klarem Gegensatz zur Lehre des Konzils von Trient (1545-1563), in dem festgestellt wurde: „Wenn man den Grund sucht, warum der Sohn Gottes ein so bitteres Leiden erduldet hat, wird man finden, daß dies vor allem die Verbrechen und Sünden sind, welche die Menschen vom Anbeginn der Welt bis auf den heutigen Tag begangen haben und die sie noch bis zum Ende der Zeit begehen werden“.

Papst Gregor IX. brachte die gebotene Toleranz der Christen den Juden gegenüber bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts auf eine der Goldenen Regel entsprechende Formel: „Es ist den Juden jenes Wohlwollen entgegenzubringen, das wir im Heidenland den Christen gewährt zu sehen wünschen“. Damit wollte er vor allem gegen die im Volk übliche Praxis der Unterstellungen vorgehen, die den Antijudaismus motivieren sollten (insbesondere mit dem Vorwurf des Ritualmords und der Hostienschändung). Ende des 13. Jahrhunderts legte Papst Nikolaus IV. in diesem Sinne nach: „Die Kirche erträgt nicht gefühllos, daß die Juden Unrecht und Anwürfe erfahren von seiten der Bekenner des christlichen Namens“.

Zum Schutz der Juden vor Übergriffen, vor Verunreinigung durch Eingriffe in die Intimsphäre, die gerade in stark gemischten Gesellschaften wie beispielsweise im mittelalterlichen Spanien eine reale Gefahr darstellten, beschloss das IV. Laterankonzil (1215) die Kenntlichmachung der Juden durch besondere Kleidung oder Abzeichen. Fälschlich wurde das oft als soziale Ausgrenzung und rechtliche Diskriminierung von Juden gedeutet, obwohl es eigentlich eine Schutzmaßnahme aus Rücksicht auf die jüdischen Reinheitsvorstellungen war, konkret: um die bereits von Mose (vgl. Lev 19, 19) verbotene geschlechtliche Vermischung von Juden und Nichtjuden zu verhindern.

5. Das alles zeigt: Antijudaismus war eine Angelegenheit des Volkes, die von den Päpsten scharf kritisiert wurde. Doch wie sah es in der Kirche jenseits des Vatikan aus? Etwa in der Theologie. Bereits im 12. Jahrhundert begann im christlichen Europa eine intensive Beschäftigung mit dem Judentum, die sich auch in einem zunehmenden Austausch von christlichen Exegeten mit jüdischen Schriftgelehrten zeigt. Zahlreiche Größen der mittelalterlichen Theologie und Kirchengeschichte haben sich im 12. Jahrhundert wohlwollend mit dem Judentum befasst, etwa Hugo von Sankt Viktor, Bernhard von Clairvaux und Hildegard von Bingen. Zentral wird dann die Rezeption bei Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert, der dem Judentum eine bleibende Heilsbedeutung zuspricht und in diesem Zusammenhang die Beschneidung als „Voraustaufe“ in einer quasi-sakramentalen Funktion anerkennt. Die treffendste Beschreibung des Verhältnisses der Juden zum Christentum aus Sicht der Kirche ist jene, die das Judentum als Mutter und das Christentum als Tochter versteht.

6. Kommen wir zur jüngeren Vergangenheit. Fest steht: Der Antijudaismus in der Bevölkerung des mittelalterlichen Europa war zwar unbestritten eine Quelle des europäischen Antisemitismus, der sich im 19. Jahrhundert in allen gesellschaftlichen Bereichen ausbreitete und im 20. Jahrhundert zur Schoah führte, doch die lokal begrenzten Pogrome des Mittelalters haben zur systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden in Europa durch die Nationalsozialisten keinen direkten Bezug. Entscheidend ist dabei, dass die Juden-Pogrome im Mittelalter nicht von oben (weder von der Kirche noch vom Staat) unterstützt oder gar angeordnet wurden. Das war insbesondere im nationalsozialistischen Deutschland anders: Hier wurde das antijüdische Vorgehen auf allen Ebenen von oben geplant und gesteuert.

Fest steht aber auch: Die fortschreitende Säkularisierung des Judentums und der jüdische Intellektualismus sowie die Entwicklung einer jüdisch geprägten linken Kunst- und Kulturavantgarde wurde von den christlichen Kirchen im 19. Jahrhundert mit Argwohn zur Kenntnis genommen. Die Wahrnehmung des Judentums als „zersetzend“ und „wurzellos“ hat hier ihren Ursprung. Die Juden standen für die Moderne, die vom Katholizismus sowohl theologisch als auch praktisch mit großer Skepsis bedacht wurde; erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich das grundlegend geändert. Dennoch lässt sich hier keine direkte Linie zur Schoah ziehen.

7. Dass direkter Antisemitismus in die Lehre, Liturgie und Verkündigung der katholischen Kirche eingedrungen wäre, ist aber eine Ausnahme, die nicht den Episkopat und die Gemeinden betraf. Und das muss als besondere Leistung anerkannt werden, vor allem dann, wenn man bedenkt, wie schnell das Gift des Antisemitismus in andere gesellschaftliche Institutionen eindrang, in den Kulturbetrieb etwa oder in die Sportverbände. Doch nicht allein, dass die Katholische Kirche nicht dezidiert antisemitisch war – vielmehr gilt, dass sie von hoher Stelle für die Juden Partei ergriff: Bereits 1934 erschienen die Adventspredigten von Kardinal Faulhaber, der acht Jahre zuvor in Rom mit über 300 Bischöfen und über 3000 Priestern das Opus sacerdotale Amici Israel („Priesterliche Vereinigung der Freunde Israels“) gründete, dessen Ziel die christlich-jüdische Versöhnung war.

Papst Pius XI., Autor der Enzyklika Mit brennender Sorge (1937), hat ausdrücklich den modernen Rassismus verurteilt und handelte demonstrativ projüdisch. Seinem Nachfolger Pius XII. wird von (inzwischen gründlich widerlegten) Historikern wie Daniel Goldhagen und tendenziösen Schriftstellern wie Rolf Hochhuth insbesondere der Vorwurf gemacht, zur Schoah geschwiegen zu haben. Er wird dabei zu einer Art „Sündenbock“, auf den die damals schweigende Mehrheit in Europa schon sehr bald nach dem Krieg ihre Schuldgefühle projizieren konnte. Die Frage, warum der Papst schwieg, also etwa die von seinem Vorgänger erarbeitete Anti-Rassismus-Enzyklika nicht veröffentlichte, wird oft mit „Antisemitismus“ zu beantworten versucht, obgleich darin eine kluge Vorsicht zum Ausdruck kommt und die zutiefst christliche Haltung aufscheint, aus Imagegründen keine Menschenleben zu gefährden, was höchstwahrscheinlich der Fall gewesen wäre, wie die Konsequenzen der offenen Regimekritik seitens der katholischen Bischöfe in den Niederlanden sehr deutlich zeigen.

Die beiden Pius-Päpste waren weder Rassisten noch Antisemiten, der Vatikan insgesamt ist von Antisemitismus freizusprechen. Das kann man weniger ihren Worten entnehmen, als vielmehr ihren Taten: Pius XI. hatte einige konvertierte Juden im Vatikan aufgenommen, Pius XII. handelte ebenso. In Gebäuden im Vatikan, in Räumen der Päpstlichen Universität Gregoriana sowie in der Sommerresidenz des Papstes in Castel Gandolfo wurden zwischen 100.000 (Thomas Brechenmacher) und 860.000 (Pinchas E. Lapide) Juden versteckt und konnten somit gerettet werden; Michael Hesemann geht für ganz Europa sogar von „mindestens 960.000“ geretteten Juden aus.

Israel Zolli, Oberrabbiner in Rom während des Zweiten Weltkriegs, notiert 1945 in seinem Tagebuch: „Das Judentum hat Pius XII. gegenüber eine große Dankesschuld. Bände könnten über seine vielfältige Hilfe geschrieben werden. Kein Held der Geschichte hat ein tapfereres und stärker bekämpftes Heer angeführt als Pius XII. im Namen der christlichen Nächstenliebe. Das außergewöhnliche Werk der Kirche für die Juden Roms ist nur ein Beispiel der ungeheuren Hilfe, die von Pius XII. und den Katholiken in aller Welt mit einem Geist unvergleichlicher Menschlichkeit und christlicher Liebe geleistet wurde.“ Keine Lorbeeren zum Ausruhen.

(Josef Bordat)