Ein Papst für Berlin

Erzbischof Koch zum 40. Jahrestag der Wahl von Papst Johannes Paul II.
 
Am 16. Oktober 1978 wurde der Erzbischof von Krakau Karol Wojtyła zum Papst gewählt. Er wählte für sich den Papst-Namen Johannes Paul II. als Würdigung seiner drei Vorgänger. Zum 40. Jahrestag der Wahl erinnert Erzbischof Dr. Heiner Koch an seine große Bedeutung für die deutsche Geschichte und die Geschichte des Erzbistums Berlin: „Ich blicke heute mit großer und tief empfundener Dankbarkeit auf das segensreiche Pontifikat von Johannes Paul II. zurück. Mit seiner Wahl begann eine Entwicklung, die für uns Deutsche das Erzbistum Berlin und die Stadt Berlin von entscheidender Bedeutung ist“.

Heiner Koch erläutert: „Die politischen Umwälzungsprozesse in der polnischen Heimat des Papstes brachten das kommunistische System in Europa ins Wanken. Der Ruf nach Freiheit brach sich schließlich am Ende der 80er Jahre auch im Osten Deutschlands Bahn. Papst Johannes Paul II. hat in seinen vielen Predigten die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit immer unterstützt. Er wurde somit zum entscheidenden Wegbereiter für den Fall des Eisernen Vorhangs, das Ende des geteilten Bistums Berlin und die Einheit Deutschlands“.

Schon als Kardinal habe Karol Wojtyła Ost-Berlin besucht, unvergessen sei aber sein Deutschlandbesuch im Juni 1996, so Koch, der an eine in soweit sinnfällige Koinzidenz erinnert: „Die Wahl von Papst Johannes Paul II. erfolgte am Gedenktag der Heiligen Hedwig, der früheren Herzogin von Schlesien, die auch die Patronin unserer Kathedrale in Berlin ist.“

(Josef Bordat)

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„Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?“

Clemens August Graf von Galen und sein Kampf gegen das „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten („Aktion T 4“). – Grußwort anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Töten aus Überzeugung“ zur „Aktion T 4“ am 4. Oktober 2018, 15 Uhr im Caritas-Seniorenwohnhaus „Kardinal von Galen“ in der Goltzstraße 26, 10781 Berlin-Schöneberg.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin gebeten worden, einige Worte zu Clemens August Graf von Galen zu sagen, vor allem zu seiner Rolle im Widerstand gegen die „Aktion T 4“, der diese Ausstellung gewidmet ist. Die „Aktion T 4“ bezeichnet das zynisch „Euthanasie“ genannte Programm zur Vernichtung von etwa 300.000 chronisch kranken und behinderten Menschen, das in der Berliner Tiergartenstraße 4 geplant wurde, daher „T 4“. Gegen dieses menschenverachtende Programm erhob Clemens August Graf von Galen als Bischof von Münster 1941 seine Stimme. In drei wirkmächtigen Predigten mobilisierte er die westfälischen Katholiken.

Der 1878 in Oldenburg geborene und 1904 in Münster zum Priester geweihte Clemens August Graf von Galen war von 1919 bis 1929 als Pfarrer in der Gemeinde Sankt Matthias (Berlin-Schöneberg) tätig. 1933 wurde er zum Bischof von Münster geweiht und 1946 in den Kardinalsstand erhoben, einen Monat vor seinem Tod. Die Aufnahme ins Kardinalskollegium geschah aus Dankbarkeit und als Anerkennung für seine unerschrockene Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus. Am 9. Oktober 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. Seliggesprochen. Dass wir also hier und heute an Kardinal von Galen erinnern hat drei Gründe: Er wirkte hier in Sankt Matthias, er wurde vor 13 Jahren seliggesprochen und – das Entscheidende – er hat sich gegen all das gewandt, wovon diese Ausstellung handelt.

Am Tag seiner Bischofsweihe waren die Nazis schon ein halbes Jahr an der Macht, die ersten Konzentrationslager bereits in Betrieb. Das KZ Dachau zum Beispiel. Von Galen wählte als Wahlspruch das Wort Nec laudibus nec timore – „Weder durch Lob noch durch Furcht“. Das ist durchaus programmatisch für den westfälischen Hirten, der sich im Sommer 1941 (am 13. und 20. Juli sowie am 3. August) in drei Predigten gegen die „Aktion T 4“ wandte, was ihm den Beinamen „Löwe von Münster“ eintrug.

In seiner Predigt vom 3. August 1941 kritisiert er die Auffassung der Nazis, man dürfe „lebensunwertes Leben“ töten, weil es unproduktiv sei, wie eine alte Maschine oder ein lahmes Pferd. Der Schrecken über diese Gleichsetzung lässt ihn furchtlos die folgenden unmissverständlichen und darum wirkmächtigen Worte sagen: „Nein, ich will den Vergleich nicht bis zu Ende führen –, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft! Es handelt sich hier ja nicht um Maschinen, es handelt sich nicht um ein Pferd oder eine Kuh. Nein, hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern! Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen! Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von den anderen als produktiv anerkannt werden?“

Diese Worte sorgten für Unruhe unter denen, die sie hörten. Sie rüttelten an ihrem Gewissen, sie appellierten an ihre Nächstenliebe. Große Betroffenheit löste Clemens August Graf von Galen mit folgendem Satz aus: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden“. Die Gläubigen verbreiteten die Predigttexte ihres Hirten und schafften damit eine Gegenöffentlichkeit.

Und die Predigten bzw. ihre Verbreitung zeigten Wirkung: Das NS-Regime, das schon ahnte, ein „Euthanasie“-Programm werde in der Bevölkerung nicht besonders populär sein und das deswegen versuchte, die „Aktion T 4“ geheim zu halten, knickte wenig später ein. Bereits am 24. August 1941 – nur drei Wochen nach der dritten Predigt von Galens in St. Lamberti – gab Hitler Anweisung, die „Aktion T 4“ auszusetzen.

Der Historiker Winfried Süß schreibt dazu: „Die kirchlichen Proteste machten Hitler dreierlei deutlich: Erstens demonstrierten sie, dass der sorgsam über die Krankenmorde gelegte Geheimhaltungsschleier irreparabel zerrissen war. Zweitens ließen sie weiteren Widerstand der Kirchen befürchten. Und drittens machten sie deutlich, dass die ,Euthanasieʻ in erheblichen Teilen der Bevölkerung nicht konsensfähig war. So gesehen ist Hitlers Abbruchentscheidung weniger überraschend, als sie auf den ersten Blick scheint.“

Für diese Abbruchentscheidung spielte neben der breiten Rezeption der Predigten von Galens unter den Katholiken auch der Protest von Vertretern der Bekennenden Kirche eine Rolle. Das war also durchaus ein ökumenischer Widerstand. Die „Aktion T4“ wurde insgesamt ein Jahr lang ausgesetzt und dann weniger vehement weiterverfolgt.

Clemens August Graf von Galen sollte für diese Störung des Vernichtungsbetriebs getötet werden – „auf Heller und Pfennig“ wolle man mit ihm abrechnen. Aus Furcht vor noch größerer Unruhe unter den Katholiken im Rheinland und in Westfalen beschloss Reichspropagandaminister Joseph Goebbels jedoch, diese Abrechnung auf die Zeit „nach dem Endsieg“ zu verschieben. Doch dazu kam es nicht – nicht zum „Endsieg“ und nicht zur Abrechnung mit von Galen. Stattdessen gab es 1945 die militärische Niederlage und Kapitulation Deutschlands (und damit das Ende des Nationalsozialismus) und – wie eingangs bereits erwähnt – 1946 für Clemens August Graf von Galen die Kardinalswürde.

Sein beherztes Eingreifen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Menschen in Deutschland schwiegen, auch die meisten Christen, auch die meisten Katholiken, dass sie sich von ihrem Gewissen nicht aus dem Gleichgewicht bringen ließen. Nicht zuletzt dies muss uns eine Mahnung sein, die Stimme zu erheben, wenn die Würde des Menschen bedroht ist, etwa dadurch, dass man wieder Rechnungen aufmacht, wie viel uns doch „so ein Behinderter“ kostet, welche Belastung er darstellt für die Gesellschaft.

Ich erlebe solche Bemerkungen auch im aktuellen Diskurs um bioethische Fragen, wo oft genug die rechtzeitige (also: vorgeburtliche) Tötung des (möglicherweise) kranken oder behinderten Menschenlebens als „Erlösung“ angepriesen wird, als „Erlösung“ für das Kind, seine Eltern und die Gesellschaft. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich jedoch auch und gerade an ihrem Umgang mit kranken und behinderten Menschen – der Nationalsozialismus ist hier dramatisch gescheitert. Ich wünsche mir, dass wir heute – auch eingedenk der Erinnerung an dieses Kapitel unserer Geschichte – niemals aus den Augen verlieren, dass dem Menschen Würde zukommt, weil er Mensch ist – nicht, weil er jung, gesund und produktiv ist.

In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung viele interessierte und aufmerksame Besucherinnen und Besucher.

Vielen Dank!

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Oktober 2018 zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Mo. – Fr. 9 bis 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.

(Josef Bordat)

Das Machtwort des Papstes

Es war ein Paukenschlag, deutlich vernehmbar in ganz Europa. Der wegen seiner Amtsführung so stark kritisierte Bischof von Rom, setzt sich für eine verfolgte Minderheit ein.

Heute vor 670 Jahren, am 26. September 1348, spricht Papst Clemens VI. in seiner Bulle Quamvis perfidiam die Juden vom Vorwurf der Brunnenvergiftung frei. Im Volk war zuvor der Aberglaube entstanden, die Juden seien die Verursacher der jüngsten Pestepidemie, weil sie das Trinkwasser vergiftet hätten.

Clemens argumentierte gegen diesen Aberglauben mit Verweis auf die Tatsache, dass auch die Juden selbst Opfer der Pest seien. Allerdings wurde dagegen ins Feld geführt, Juden seien unterproportional von der Pest betroffen. Das ist wahr, lag aber – wie wir heute wissen – an den besonderen Hygiene- und Speisevorschriften der Juden, die das Infektionsrisiko hemmten.

So heißt es im Markusevangelium: „Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln“ (Mk 7, 3-4). Hätten sich auch die Christen daran gehalten, wären sie in diesem Punkt „Pharisäer“ gewesen, dann wäre die Pest nicht zu einer Pandemie geworden, der insgesamt 25 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Wer gegen die Weisung der Bulle weiterhin Juden verfolge, so Clemens, werde exkommuniziert. Die Flagellanten, die sich bei den Judenpogromen besonders hervorgetan hatten, erklärte er zu Häretikern. Das Engagement des Papst war jedoch vergeblich. Noch im selben Jahr kam es zu Pogromen gegen Juden in Toulon und in Zürich, 1349 in Freiburg im Breisgau, Speyer, Straßburg und Erfurt.

Die Pestepidemie hielt bis 1351 an und ebbte danach allmählich ab. Bis heute ist die Pest nicht vollständig besiegt, immer noch erkranken jährlich mehrere tausend Menschen an der Pest, die mittlerweile jedoch behandelbar und damit kein Todesurteil mehr ist. Ein wichtiger Schritt zur Ausrottung der Krankheit gelang 2011 mit der Entschlüsselung des Genoms des Bakteriums Yersinia pestis, das als Erreger der Pest gilt.

(Josef Bordat)

Missbrauchskrise – Krise der Moraltheorie?

Dass Missbrauch ein moralisches Problem ist, sollte nicht weiter erläuterungsbedürftig sein. Doch anders sieht es mit der These aus, Missbrauch sei das Ergebnis falscher Moraltheorie. Wie ist das zu verstehen? Vor zehn Jahren – also noch vor der epochalen Pressekonferenz am Berliner Canisius-Kolleg, noch vor der (morgen nun offiziell vorgestellten) Studie der DBK – sagte der damals amtierende und jetzt emeritierte Papst Benedikt XVI., Missbrauch sei Ergebnis eines „ethischen Proportionalismus“.

Benedikt äußerte sich am 12. Juli 2008 während seines Flugs zum Weltjugendtag in Sydney. Auf die Missbrauchsfälle in Australien angesprochen, skizzierte er die moraltheoretischen Ursachen des Missbrauchs in der Katholischen Kirche: „Es muß klar sein, und es war immer klar, angefangen bei den ersten Jahrhunderten, daß das Priestertum, das Priestersein mit diesem Verhalten unvereinbar ist, da ein Priester im Dienst des Herrn steht, und unser Herr ist die Heiligkeit in Person, und er ist immer unser Lehrer – die Kirche hat hierauf stets den Akzent gesetzt. Wir müssen darüber nachdenken, was in unserer Erziehung, in unserer Lehre der letzten Jahrzehnte unzureichend war: in den 50er, 60er und 70er Jahren gab es das Konzept des ethischen Proportionalismus: es bestand in der Absicht, daß nichts in sich schlecht ist, sondern nur in seiner Proportion zu anderem; mit dem Proportionalismus war die Möglichkeit gegeben, in bezug auf einige Dinge – eines davon kann auch die Pädophilie sein – zu denken, daß sie in bestimmten Proportionen gut sein können. Nun, da muß ich ganz klar sein: das war niemals eine katholische Lehre. Es gibt Dinge, die immer schlecht sind, und Pädophilie ist immer schlecht. In unserer Ausbildung, in den Seminarien, in der ständigen Weiterbildung der Priester müssen wir den Priestern helfen, Christus wirklich nahe zu sein, von Christus zu lernen, und so Helfer und nicht Feinde unserer Mitmenschen, unserer Mitchristen zu sein. Daher werden wir alles in unserer Macht Stehende tun, um zu erklären, was die Lehre der Kirche ist, und in der Ausbildung und Vorbereitung von Priestern helfen, in der ständigen Weiterbildung, und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um die Opfer zu heilen und zu versöhnen. Ich denke, dies ist der wesentliche Inhalt des Wortes »um Entschuldigung bitten«. Ich denke, daß es besser und wichtiger ist, den Inhalt der Formel zu geben, und ich bin der Ansicht, daß der Inhalt besagen muß, was in unserem Verhalten unzureichend war, was wir in diesem Moment tun sollen, wie wir es verhindern und wie wir alle heilen und versöhnen können“.

Der ethische Proportionalismus – eine Variante des Relativismus – bestreitet, dass es Dinge gibt, die in sich schlecht sind. Er trägt uns stattdessen auf, die Moral einer Handlung situativ zu eruieren und damit immer neu zu beurteilen, was das Beste in einer bestimmten Konstellation ist – ohne dabei eine absolute Untergrenze des moralisch Vertretbaren anzuerkennen. Damit wird nicht nur das Bessere immer wieder neu definiert, sondern auch das Böse an sich geleugnet. Benedikt stellt klar, dass ein solches Denken in einigen Fällen verheerende Folgen hat. Zum Beispiel beim sexuellen Missbrauch.

(Josef Bordat)

Was ist nur in Holland los?

3677 Missbrauchsfälle haben sich gemäß Medienberichten zur Studie der deutschen Bischöfe im Raum der Katholischen Kirche in Deutschland binnen 68 Jahren (von 1946 bis 2014) ereignet – 54 Fälle pro Jahr. Der deutschen Studie zufolge hat es von 1670 Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen in dieser Zeit sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche gegeben. 1670 von 38.156 (Grundgesamtheit der untersuchten Personalakten) – das ist ein Täteranteil von 4,4 Prozent. In Deutschland ist damit jeder 23. Priester betroffen. Das entspricht den Daten zur relativen Häufigkeit aus den USA. Schlimm.

Anders in Australien. Dort sollen im Zeitraum von 1950 bis 2009 über 4000 Kinder von Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen missbraucht worden sein. Jeder 14. Kleriker wäre danach in Fälle sexuellen Missbrauchs verwickelt. Schlimmer.

Am schlimmsten: Holland. In den Niederlanden sollen nach jetzt bekannt gewordenen Zahlen für die Jahre 1945-2010 etwa jeder 8. Priester und jeder 10. Bischof als Täter in Missbrauchsfälle verwickelt worden sein (vgl. Die Tagespost, Onlineausgabe vom 18. September: „Missbrauchskrise: Vorwürfe gegen niederländische Bischöfe“). Zudem wird die Hälfte der Bischöfe der Vertuschung bezichtigt.

Auch die Fallzahl ist in der Kirche der Niederlande dramatisch hoch: Sechsmal so hoch wie in Deutschland. Über 300 Fälle jährlich. Und das in einer Gesellschaft, in der insgesamt weniger Fälle zu erwarten sind als in Deutschland – die Bundesrepublik hatte rund viermal, das vereinigte Deutschland etwa fünfmal so viele Einwohner.

Aktuelle Studien aus den Niederlanden zeigen, dass dort etwa 3 Prozent der Kinder und Jugendlichen sexuellen Missbrauch erfahren haben. Für Institutionen wie Schulen, Polizeistationen, Kinderkliniken, Einrichtungen der Kinderpsychiatrie etc. stellte die Nationale Prevalentiestudie Mishandeling van Kinderen en Jeugdigen im Jahr 2010 insgesamt 96.175 Fälle von Kindesmisshandlung fest, davon waren 3 Prozent Fälle von sexuellem Missbrauch, also 2885 Fälle. Ähnliche Werte lieferte die Studie fünf Jahre zuvor.

Die Kirche als Institution wäre demnach in den Niederlanden mit etwa 10 Prozent an allen Fällen von sexuellem Missbrauch in Institutionen beteiligt. Das wiederum läge durchaus im Rahmen der Erwartung. Warum aber sind die Fallzahlen für institutionellen Missbrauch in Holland insgesamt so hoch? Reagiert man sensibler? Ist der Rechtsbegriff des sexuellen Missbrauchs weiter gefasst?

(Josef Bordat)

Zahlen zum Missbrauch

Eigentlich sollten sie erst am 25. September rauskommen, aber dann lagen sie doch bereits heute vor: die Zahlen der DBK-Studie zum Missbrauch.

Danach hat es von 1670 Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen in der Zeit von 1946 bis 2014 sexuelle Übergriffe auf (überwiegend männliche) Kinder und Jugendliche gegeben. 1670 von 38.156 (Grundgesamtheit der untersuchten Personalakten) – das ist ein Täteranteil von 4,4 Prozent. Damit liegt er viermal höher als zu erwarten, da in der Bevölkerung von etwa ein Prozent Männern mit pädophilen Neigungen ausgegangen wird. Viermal höher, das ist signifikant. Und das finde ich schon bedenkenswert.

Ich glaube nicht, dass der Zölibat dazu führt, dass man sich an Kindern vergeht. Aber es gibt Hinweise darauf, dass das Leben als Priester oder Ordensmann in der Vergangenheit attraktiv war für Männer mit einer solchen Neigung, die damit gesellschaftlich unauffällig leben konnten und zugleich in der pastoralen Arbeit tagtäglich Zugang hatten zu Kindern und Jugendlichen.

Nicht der priesterliche Zölibat hat damit versagt, sondern die Kirche hat versagt, weil sie diesen Zusammenhang nicht erkannt hat. Und weil sie bei Bekanntwerden von Fällen nicht entschlossen gehandelt hat. Weil sie so den Tätern in gewisser Weise suggeriert hat: „Ihr bekommt die Kinder – Messdiener, Pfadfinder, Kommunionkinder – und könnt euch quasi folgen- und gefahrlos an ihnen vergehen. Folgen- und gefahrlos für euch“. So und nicht anders werden die einfachen Versetzungen bei einigen Intensivtätern angekommen sein. Das ist die große Schuld der Institution Kirche.

3677 Fälle haben sich im Raum der Kirche in 68 Jahren ereignet – 54 Fälle pro Jahr. Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 10.000 Missbrauchsfälle pro Jahr. Es gibt sogar in der Literatur die Angabe des Faktors 20 für die Dunkelziffer, das wären 200.000 Fälle pro Jahr. Insofern muss man hier auch die Dimensionen sehen, die das Missbrauchsproblem gesellschaftlich hat. Selbst, wenn die Dunkelziffer innerhalb der Kirche ebenfalls um den Faktor 20 höher liegt, bliebe es bei einem Anteil von 0,5 Prozent.

Ich hatte vor fünf Jahren – vor Beginn der Studie – behauptet: „99,4 Prozent der katholischen Geistlichen hatte bzw. hat mit sexuellem Kindesmissbrauch nichts zu tun. 99,9 Prozent der Missbrauchsfälle findet nicht im Raum der Kirche statt“. Das ist offensichtlich falsch. Nach den Erkenntnissen der Studie muss es heißen: „95,6 Prozent der katholischen Geistlichen hatte bzw. hat mit sexuellem Kindesmissbrauch nichts zu tun. 99,5 Prozent der Missbrauchsfälle findet nicht im Raum der Kirche statt“. Das ist – vor allem, was den Anteil der Täter unter den Priestern, Diakonen und männliche Ordensangehörigen – ein Unterschied. Ein Unterschied, der zu denken gibt.

Bei all den Zahlen soll nicht vergessen werden, dass es um 3677 schwere Schicksale geht, um 3677 Menschen, denen unsägliches Leid zugefügt wurde. Durch Menschen, die ihnen den Weg zum Heil zeigen sollten. Das sollte schließlich uns alle schmerzen.

(Josef Bordat)

Die „Causa Galilei“

Statt eines Facebook-Kommentars.

Die „Causa Galilei“ (wenn man denn so will), war eine wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung. Es ging also mehr um Methoden als um Inhalte.

1615 führte die Inquisition den ersten Prozess gegen Galileo Galilei, der als Gelehrter in Rom hohes Ansehen besaß. Galilei wurde 1616 ermahnt, die Behauptung aufzugeben, der Kopernikanismus (heliozentrisches Weltbild) sei eine Tatsache, solange dieser nicht bewiesen sei. Dies geschah in respektvoller Atmosphäre, ohne dass er hätte abschwören oder besondere Bedingungen erfüllen müssen. Auch wurden keinerlei Bußauflagen erteilt. Einzig sollte der Kopernikanismus nicht als Tatsache behauptet, sondern lediglich als Theorie gelehrt und diskutiert werden. Als mathematische Hypothese hielt die Inquisition den Kopernikanismus für zulässig, allein die unbewiesene Behauptung seiner Wahrheit störte die Kirche, zumal es geozentrische Modelle gab (Ptolemaios oder Tycho Brahe), die bis dato nicht widerlegt waren. Galilei unterwarf sich diesem Urteil, stand unter päpstlicher Protektion und konnte ungestört arbeiten.

Bei seiner Arbeit hielt er sich aber nicht an die Abmachung, sondern schrieb einen Dialog, der nur eine halbherzige Diskussion zwischen helio- und geozentrischen Theorien darstellt (Ptolomaios wird verworfen, Brahe ignoriert) und eigentlich nur die Alternativlosigkeit des Kopernikanismus behauptet, ohne durchschlagende Beweise dafür zu bringen. Somit kam es 1633 zum zweiten Inquisitionsprozess. Im zweiten Inquisitionsprozess wurde mit härteren Bandagen diskutiert. In diesem Verfahren versuchte Galileo Galilei zunächst, der Inquisition zu vermittelt, dass es keinen Widerspruch zwischen dem Kopernikanismus und dem Katholizismus gebe. Die Inquisition wiederum verlangte einen Beweis für die Richtigkeit des kopernikanischen Systems, den Galilei auch jetzt nicht darlegen konnte. Gleichwohl wollte er an der Wahrheitsbehauptung festhalten. Da die Inquisition ebenfalls hart blieb, sah sich Galileo Galilei gezwungen, das kopernikanische System nicht nur dem erkenntnistheoretischen Status nach anders zu bestimmen (eben als Theorie, nicht als Tatsache), sondern es insgesamt zu leugnen. Er schwor dem „Irrtum“ ab und stand bis an sein Lebensende unter Hausarrest, durfte aber weiter forschen und Kontakte zu Kollegen unterhalten.

Galilei selbst „hat ausdrücklich erklärt, dass die beiden Wahrheiten, die Wahrheit des Glaubens und die Wahrheit der Wissenschaft, niemals einander widersprechen können, da die Heilige Schrift und die Natur gleichermaßen dem göttlichen Wort entspringen, jene als diktiert von Heiligen Geist, diese als getreue Vollstreckerin der Anordnungen Gottes“ (so Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Fides et Ratio“ vom 14. September 1998).

Wie ist die „Causa Galilei“ heute zu bewerten? Die Inquisitionsprozesse gegen Galileo Galilei erregen bis heute die Gemüter. Sie markieren aber nicht die vermeintliche Sollbruchstelle zwischen Kirche und Wissenschaft (oder gar Religion und Vernunft bzw. Glauben und Wissen), als die sie so oft und gern herbeizitiert werden, ganz im Gegenteil: Sie verdeutlichen die methodischen Bedingungen der wissenschaftlichen Forschung. Wahrheit wird bei Galilei zur Behauptung ohne Beweislast, Wissen zum Glauben. Dass er damit ausgerechnet im Vatikan auf Widerstand stößt, mag verwundern, doch es ist tatsächlich die Kirche (insbesondere deren Verfahrensbevollmächtigter Robert Kardinal Bellarmin SJ), die im Gegensatz zum Angeklagten größten Wert auf eine Haltung der Vorsicht legte, die auch von der gegenwärtigen Wissenschaftsphilosophie eingefordert wird. Ob Karl Popper, Paul Feyerabend oder Carl Friedrich von Weizsäcker – sie alle billigen der Kirche des 17. Jahrhunderts zu, was dem Forscher des 20. Jahrhunderts selbstverständlich werden sollte: Anzuerkennen, dass eine Theorie keine Tatsache ist. „Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht, und seine Revision lässt sich nur politisch-opportunistisch rechtfertigen“ (Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang, Frankfurt 1976, S. 206).

Die Inquisition wollte von Galileo Galilei nicht mehr und nicht weniger, als dass er sich wissenschaftlich korrekt verhält, dass er mithin nur das behauptet, was er auch beweisen kann. Galileis Irrtum ist also kein inhaltlicher, sondern ein methodischer: die fehlende Anerkennung einer epistemologischen Differenz von Theorie und Tatsache im akademischen Diskurs. Vor diesem Hintergrund ist die 1992 erfolgte vollständige Rehabilitierung Galileo Galilei fragwürdig – aus Gründen wissenschaftlicher Redlichkeit.

(Josef Bordat)