Verfolgung, Vertreibung, Verbreitung

Das entscheidende Moment der heutigen Lesung aus der Apostelgeschichte lässt sich in den letzten drei Versen finden: „Das Wort des Herrn aber verbreitete sich in der ganzen Gegend. Die Juden jedoch hetzten die vornehmen gottesfürchtigen Frauen und die Ersten der Stadt auf, veranlassten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas und vertrieben sie aus ihrem Gebiet. Diese aber schüttelten gegen sie den Staub von ihren Füßen und zogen nach Ikonion“ (Apg 13, 49-51).

Hier erkannt man dreierlei: 1. Die Mission ist in einer bestimmten Gegend erfolgreich. 2. Es beginnt in dieser Gegend ein Verfolgung und Vertreibung – die Missionare müssen fliehen. 3. Die Mission geht an anderer Stelle weiter – es kommt zur Verbreitung der Guten Nachricht. Das heißt: Unter dem Druck lokaler Verfolgung breitet sich das Christentum in großen Regionen aus.

Die Verfolger erreichen damit gerade das Gegenteil dessen, was ihre Absicht war: die chrisliche Botschaft aus der Welt zu schaffen. Stattdessen helfen sie mit, sie in die Welt hinaus zu tragen.

Und dieses Paradoxon der Christenverfolgung gilt nicht nur in der Antike. Auch in der Moderne gibt es dafür Beispiele. Der Kirchenkampf in Frankreich etwa fordert um die Jahrhundertwende zahlreiche Opfer, das „Gesetz zur Aufhebung der Ordenskongregationen“ (1901) ist der Auftakt einer breit angelegten Zerstörungs- und Vertreibungswelle.

Es trifft auch die wenige Jahre zuvor von Louis Brisson gegründeten Oblaten des Heiligen Franz von Sales sowie die von ihm gemeinsam mit Leonie Aviat (Franziska Salesia) gegründeten Oblatinnen. Die Schwestern und Brüder werden vertrieben. Sie werden jedoch damit zugleich gezwungen, ihren Orden in andere Länder und Kontinente zu tragen. Damit sorgt das „Gesetz zur Aufhebung der Ordenskongregationen“ dafür, dass überall auf der Welt neue Orden entstehen und sich die salesianische Spiritualität weltweit ausbreitet.

„Diese aber schüttelten gegen sie den Staub von ihren Füßen und zogen nach Ikonion.“ – Staub von den Füßen schütteln und weiterziehen. Nachfolge Christi seit 2000 Jahren.

(Josef Bordat)

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Drei Jahre „Amoris laetitia“

Amoris laetitia (zu deutsch: „Die Freude der Liebe“) ist ein Schreiben von Papst Franziskus vom 19. März 2016, in dem der Heilige Vater die Ergebnisse der Weltbischofssynoden von 2014 und 2015 zur Erneuerung der kirchlichen Ehe- und Familienlehre und -seelsorge zusammenfasst. Kaum war das Papier veröffentlicht, hagelte es Kommentare, Beurteilungen und Einschätzungen. Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell einige Menschen sehr lange Texte zu äußerst komplexen Sachverhalten lesen, verstehen und geistesgeschichtlich einordnen können. Aber das nur nebenbei.

Zur Wirkungsgeschichte des Schreibens

Mittlerweile sind drei Jahre vergangen und es ist einiges passiert. Eine Frage stand immer wieder im Zentrum der moraltheologischen Diskussionen: Darf und soll wiederverheirateten Geschiedenen der Zugang zu den Sakramenten ermöglicht, insbesondere der Empfang der Heiligen Kommunion erlaubt werden? Im Streit um diese Frage haben sich die deutschen Bischöfe für eine größere Offenheit in begründeten Einzelfällen ausgesprochen: „Eine Entscheidung für den Sakramentenempfang gilt es zu respektieren“, heißt es entsprechend in einem mit Spannung erwarteten Bischofswort zu Amoris laetitia, das die Deutsche Bischofskonferenz 2017 verabschiedet hat. Es trägt den etwas sperrigen Titel „‚Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche‘ – Einladung zu einer erneuerten Ehe- und Familienpastoral im Licht von Amoris laetitia“. Mit diesem Papier gehen die deutschen Bischöfe wieder einmal weiter als die Hirten in anderen Teilen der Welt. Sie setzen gewissermaßen die Tradition fort, die mit der Königsteiner Erklärung (1968) begann. 2018 stand dann das „World Meeting of Families“ in Dublin ganz im Zeichen von Amoris laetitia, ohne dabei eine klare Richtung vorzugeben. Zwischen überhohen Ansprüchen – die Familie als Spiegelbild des Beziehungsideals der Perichorese –, echtem Bemühen um die Heiligung der Partnerschaft (junge Paare gaben in Dublin glaubwürdig Zeugnis), dem Scheitern von Beziehungen und dem Druck der säkularen Gesellschaft wird der kirchliche Familienbegriff immer unschärfer, geklammert einzig von der „Freude der Liebe“. Damit kann am Ende jedoch Beliebiges in das Konzept der Familie hineingetragen werden kann. Das zeigten auch die Tage von Dublin deutlich.

Schlüsselbegriff: Gewissen

Zentral ist in allen Debatten immer wieder ein Begriff: Gewissen. Auch die Bischöfe betonten 2017, dass es keinen „Automatismus in Richtung einer generellen Zulassung aller zivilrechtlich wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten“ gebe, sondern dass dies eine individuelle Gewissensentscheidung sei. Der Gewissensentscheidung müssten eine ernsthafte Prüfung und ein von einem Seelsorger begleiteter geistlicher Prozess vorausgehen. An dessen Ende stehe „nicht in jedem Fall der Empfang der Sakramente von Buße und Eucharistie“. Es geht also wieder um eine Gewissensentscheidung, die sich gegen eine Norm richtet – und durchdringt. Damit setzen die deutschen Bischöfe die durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) begonnene Stärkung des Gewissenskonzepts in der katholischen Morallehre fort, dessen große Wertschätzung man jedoch bis Thomas von Aquin zurückverfolgen kann (vgl. dazu Das Gewissen. Ein katholischer Standpunkt. Rückersdorf 2013, S. 68-80).

Dabei ist das mit dem Gewissen schon so eine Sache. Im Gewissensgebrauch trifft die subjektive Perspektive des Individuums (also: des Gläubigen) auf die objektive Normativität der Gemeinschaft (also: der Kirche). Während aus dem Blickwickel des Subjekts Beliebiges erkannt werden kann und der Gewissensgebrauch damit in einen „So sehe ich das!“-Relativismus herabzusinken droht, der Authentizität und persönliches Wohlergehen zu den alleinigen Kriterien von Moral macht, kann die objektive Ordnung durch zu starke Verbindlichkeit jeden Spielraum eigener Verantwortungsübernahme des Einzelnen zunichte machen. Wird der Gewissensgebrauch im Subjektivismus durch Relativität und fehlende Verbindlichkeit in Bezug auf die objektive Norm- und Wertordnung in seiner Unberechenbarkeit zur Gefahr für die Allgemeinheit, so wird er im Objektivismus vom Vorrang der Normativität im Keim erstickt. Polemisch gesagt: Das subjektivistisch formierte Gewissen ist zu allem fähig, das objektivistisch eingefasste Gewissen zu nichts zu gebrauchen.

Wenn also in der Moraltheologie vom Gewissen die Rede ist, steht auf der einen Seite die Furcht vor Willkür und Anarchie, vor einem losgelösten Individuum, das die Fähigkeit verloren hat, sich überhaupt noch an allgemeine Werte und Normen zu binden, auf der anderen Seite der Vorwurf, das Gewissen werde in seiner Fähigkeit zur Kritik der Werte und Normen unterschätzt, gerade dadurch, dass man es zu sehr auf eben diese Werte und Normen festlegt. Auf der einen Seite scheint zu gelten: Wenn wir das Gewissen nicht mehr an objektiven Maßstäben messen, sondern dem Einzelnen überlassen, hat jeder die Chance, durch entsprechende Gewissensbildung ein „gutes Gewissen“ zu bekommen, auf der anderen Seite scheinen die objektivistischen Forderungen das Gewissen zu überfrachten und zu lähmen.

Der Gewissensbegriff des Schreibens Amoris laetitia

Das weiß Franziskus natürlich – und holt in Amoris laetitia das Konzept genau in dieser Spannung ab. Er meint: „Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen“ (Nr. 37). Genau darum geht es. Weiterhin zitiert Franziskus die einschlägigen lehramtlichen Texte, in denen das Gewissen eine Rolle spielt, um es als „die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist“ zu definieren (Nr. 222; nach Gaudium et spes, Nr. 16). Das eigentliche Problem liegt nach Franziskus demnach nicht im Gewissensgebrauch, sondern in dem, was wir fälschlicherweise dafür halten: „Um gut zu handeln, reicht es nicht, ’sachgemäß zu urteilen‘ oder ganz klar zu wissen, was man tun muss – obschon das vorrangig ist. Oft sind wir inkonsequent mit unseren eigenen Überzeugungen, selbst wenn diese gefestigt sind. Sosehr unser Gewissen uns ein bestimmtes moralisches Urteil eingibt, haben hin und wieder andere uns anziehende Dinge mehr Macht, wenn wir es nicht erreicht haben, dass das vom Verstand erfasste Gute sich als tiefe gefühlsmäßige Neigung in uns eingewurzelt hat“ (Nr. 265).

Franziskus will also keineswegs, dass das Gewissen als moralischer Joker zum Einsatz kommt, gar als Gegenkonzept zum Gebot. Er will eine dialogische Pastoral, die den einzelnen Menschen in den Blick und das Gewissen ernst nimmt. Er fordert, „dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss“ (Nr. 303). Zunächst aber will Franziskus, dass sich der einzelne Mensch selbst ernsthaft in den Blick nimmt und einen inneren Dialog führt, vor seinem von der Kirche gebildeten (und insoweit „recht geformten“, Nr. 302) Gewissen. Als Synthese formuliert der Heilige Vater schließlich eine etwas sperrige Konzeption des Gewissens für die pastorale Praxis, die jedoch für beide Seiten (für den Gläubigen als Vertreter der Subjektivität und für die Kirche als Hüterin der Objektivität) alles beinhaltet, was eine wohlabgewogene Anleitung zum Gewissensgebrauch benötigt: „Selbstverständlich ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen. Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht. Auf jeden Fall sollen wir uns daran erinnern, dass diese Unterscheidung dynamisch ist und immer offen bleiben muss für neue Phasen des Wachstums und für neue Entscheidungen, die erlauben, das Ideal auf vollkommenere Weise zu verwirklichen“ (Nr. 303).

Also: Papst Franziskus traut dem Gewissen weitreichende Erkenntnis zu, sowohl die Erkenntnis dessen, was falsch läuft (das obliegt zunächst dem einzelnen Gläubigen), als auch die Erkentnis des rechten Umgangs mit dem objektiv Unvollkommenen (hier ist dann vor allem die Kirche bzw. deren seelsorglich-pastoral tätige Mitarbeiterschaft gefragt), angesichts eines konkreten Subjekts, das hier und jetzt eine Antwort der Kirche von Gott her erwartet – vom Gott des Gebots und vom Gott der Gnade; und zugleich wirksame Hilfe bei der wichtigsten Erkenntnis erhalten sollte: dass dieser Gott ein Gott ist, dessen Normen barmherzig sind, dessen Liebe daher geboten werden kann und auf dessen Gnade wir deswegen vertrauen dürfen. Die deutschen Bischöfe schließen sich dieser Position an und konkretisierten sie für den Einzelfall: „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, den Weg der Gewissensbildung der Gläubigen zu vertiefen. Dazu ist es nötig, unsere Seelsorger zu befähigen und ihnen Kriterien an die Hand zu geben. Solche Kriterien einer Gewissensbildung gibt der Heilige Vater in Amoris laetitia in ausführlicher und hervorragender Weise an“.

Impulse für eine gestärkte Familienpastoral 

Wenn begründete Einzelfälle eine so große Aufmerksamkeit erhalten, ist es jedoch umso wichtiger, die Begründung für die allgemeine Geltungskraft moraltheologischer Prinzipien deutlicher als zuvor herauszustellen, also: die Regel angesichts der Ausnahme wieder öfter und genauer in den Blick zu nehmen und argumentativ zu stärken. Auch dazu besteht ja durchaus eine besondere Chance. Nur eine in beide Richtungen gewissenhafte Pastoral ist glaubwürdig und kann die besondere Bedeutung des Sakraments vermitteln. Und der besonderen Rolle des Gewissens gerecht werden. Das nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia soll und kann dabei helfen. Und jenseits der Denkanstöße für eine verfeinerte ethische Methodik kann es pastorale Inhalte im Alltag der Kirche neu ins Bewusstsein rufen: Berlins Erzbischof Heiner Koch, in der Deutschen Bischofskonferenz als Vorsitzender der Familienkommission für das Themengebiet von Amoris Laetitia zuständig, sieht das Schreiben „als eine große Einladung an die Kirche vor Ort, uns noch mehr zu engagieren für Ehen und Familien, im Alltag unserer Gemeinden, in der Ehevorbereitung, in der Begleitung von Eheleuten, aber auch in der Zuwendung zu wiederverheiratet Geschiedenen und Alleinerziehenden“.

Amoris Laetitia kann nicht zuletzt auch durch eine andere Diktion die Familienpastoral stärken: Franziskus wählt in seinem Schreiben eine neue Begrifflichkeit für und eine neue Perspektive auf moraltheologische Schlüsselthemen, ohne damit die Lehre selbst grundsätzlich in Frage zu stellen. Wie wohltuend muss es sein, im Schmerz des Scheiterns an den Idealen der Kirche zu lesen, die sei „im Besitz einer soliden Reflexion über die mildernden Bedingungen und Umstände. Daher ist es nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten ‚irregulären‘ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben“ (Nr. 301)! Der Papst selbst hofft, „dass jeder sich durch die Lektüre angeregt fühlt, das Leben der Familien liebevoll zu hüten“ und wünscht sich, die Gläubigen – insbesondere „die in der Familienpastoral Tätigen“ – mögen sich in den 300-Seiten-Text „Abschnitt für Abschnitt geduldig vertiefen“ (Nr. 7). Das sollten wir – immer wieder. Aus Freude an der Liebe.

(Josef Bordat)

Papst Franziskus seit sechs Jahren im Amt

Sechs Jahre Papst Franziskus, sechs Aspekte seines Pontifikats

Heute vor sechs Jahren, am 13. März 2013, wurde aus Jorge Mario Kardinal Bergoglio der 266. Papst der Kirchengeschichte. Der Jesuit aus Argentinien nennt sich „Franziskus“ – ganz bewusst in Anlehnung an die historische Rolle des Heiligen Franz von Assisi („Geh und baue meine Kirche wieder auf!“). Und dieser Papst Franziskus sagt als erstes „Guten Abend“. Damit war schnell klar: Wir dürfen gespannt sein. Was kam danach?

1. Franziskus steht für Veränderung in der Kirche, für die Ecclesia semper reformanda. Das zeigt sich rasch. Beispiel: „Evangelii Gaudium“ (2013). Das Apostolische Schreiben, das wenige Monate nach dem Beginn seines Pontifikats erschien, ist programmatisch für den neuen Wind, der in Rom weht. Wenn der Heilige Vater sagt, wir dürften „die Dinge nicht so belassen, wie sie sind“ (EG, Nr. 25) und mit Paul VI. „fordert, den Aufruf zur Erneuerung auszuweiten, um mit Nachdruck zu sagen, dass er sich nicht nur an Einzelpersonen wandte, sondern an die gesamte Kirche“ (EG, Nr. 26), um gemäß dem Konzil „eine ständige Reform ihrer selbst aus Treue zu Jesus Christus“ (EG, Nr. 26) zu verwirklichen, eine Reform, die Ziele, Strukturen, Stil und Methoden (vgl. EG, Nr. 33) auf den Prüfstand stellt, dann ist das mehr als Rhetorik. Es ist der Beginn eines Reflexionsprozesses, der substanziell Neues hervorbringen soll, hinsichtlich vieler Fragen: der Kirchen(finanz)verwaltung, der Rolle von Frauen in dieser kirchlichen Verwaltung, des Dialogs mit anderen Konfessionen und Religionen.

2. Franziskus steht für Kontinuität in wichtigen moralischen Fragen, etwa der des Lebensschutzes. Papst Franziskus hat Abtreibungen als Ausdruck einer „Wegwerfkultur“ scharf verurteilt. „Häufig werden menschliche Wesen wie nicht mehr benötigte Gebrauchsgegenstände entsorgt“, so der Heilige Vater in seiner Neujahrsansprache 2014 vor den versammelten Diplomaten. Die Äußerungen des Papstes seien „die bislang schärfsten Worte zu diesem Thema“, stellte die FAZ erstaunt fest. In Erstaunen versetzen konnten sie die Katholiken jedoch nicht. Erstaunlich ist vielmehr, dass es offenbar viele Menschen gibt, die sich vom Papst etwas „anderes“ versprochen hatten, eine „andere“ Haltung zur Abtreibung. Doch solange Abtreibung das ist, was es ist, wird die Haltung der Kirche weiterhin die sein, die sie bisher war. Reformen: ja, aber nur dort, wo dies moralisch möglich oder gar geboten ist. Aus der beschriebenen Veränderungsbereitschaft des Papstes zu schließen, nun sei „alles“ offen, ist ein Trugschluss. Dass Papst Franziskus das unbedingte Lebensrecht des Menschen hoch hält, wurde bereits zuvor in einem Gruß an die Teilnehmerinnen und Teilnehmern des „Marsch für das Leben“ im Jahr 2013 spürbar, als sich der Heilige Vater mit dessen Anliegen solidarisierte: „Gerne verbindet sich Seine Heiligkeit mit den Teilnehmern am Marsch für das Leben im Gebet und bittet Gott, alle Bemühungen zur Förderung des uneingeschränkten Schutzes des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen mit seinem Segen zu begleiten.“ Dass Papst Franziskus „Pro Life“ ist, hätte man schließlich schon wissen können, wenn man Kardinal Bergoglio zugehört hätte: „Abtreibung ist nie eine Lösung. Wir müssen zuhören, unterstützen und verstehen, um zwei Leben zu retten: das kleinste und wehrloseste menschliche Wesen zu respektieren, Schritte zu unternehmen, die sein Leben retten, seine Geburt ermöglichen und kreativ sein, um ihm bei seiner Entfaltung zu helfen“ – ein Statement aus 2012.

3. Franziskus steht für eine ökologische Ausrichtung der katholischen Soziallehre. Seine Verlautbarungen sind geprägt von sozialen und ökologischen Fragen, etwas, das es zwar zuvor schon gab (etwa bei Papst Benedikt XVI., der eine Solarstromanlage von der Größe eines Fußballfeldes im Vatikan errichten ließ, mit der jedes Jahr rund 220 Tonnen Kohlendioxid-Emissionen eingespart werden; dafür erhielt der Vatikan 2008 den „Europäischen Solarpreis“), das Franziskus aber mit Nachdruck und neuen Akzenten fortschreibt. Beispiel: „Laudato Si‘“. Franziskus‘ im Sommer 2015 vorgestellte Umwelt- und Sozialenzyklika thematisiert die globale ethische Herausforderungen wie Klimawandel und Armut gleichermaßen und gleichrangig. Die dort erkennbare Verbindung ökologischer und ökonomischer Fragen ist hochinteressant, vor allem die Fortschreibung des Eigentumskonzepts der Katholischen Soziallehre in der Figur des „Gemeineigentums“, dem das Privateigentum untergeordnet sei. Wenn Franziskus betont (vgl. LS, Nr. 23 ff. und Nr. 93 ff.), dass es sich bei der natürlichen Umwelt um ein Gemeingut handelt, so ergibt sich daraus die moralische Rechtfertigung, Eingriffe in das Privateigentum (etwa an fossilen Brennstoffen) zur Zwecke der Abwehr von Gefahren für das Gemeineigentum (etwa der sauberen Luft, aber auch der thermisch ausgeglichenen Atmosphäre) vorzunehmen. Papst Franziskus hat damit einen zentralen Gedanken der Umweltschutzbewegung ins katholische Bewusstsein gehoben. Dieser Gedanke ist zwar auch für die Kirche nicht ganz neu (schon in Gaudium et spes lesen wir: „Gott hat die Erde mit allem, was sie enthält, zum Nutzen aller Menschen und Völker bestimmt“, GS Nr. 69), aber er wird nun politisch relevant, weil in Zeiten des Klimawandels erstmals das Gemeingut „Erde“ gänzlich zur Disposition steht.

4. Franziskus spricht eine neue Sprache. Man bekommt damit den Eindruck: Es kann über alles geredet werden. Franziskus selbst hat eine neue Begrifflichkeit für und eine neue Perspektive auf moraltheologische Themen gefunden, ohne damit die Lehre selbst grundsätzlich in Frage zu stellen. Beispiel: das nachsynodale Schreiben „Amoris Laetitia“ (2016). Wie wohltuend muss es sein, im Schmerz des Scheiterns an den Idealen der Kirche zu lesen, die sei „im Besitz einer soliden Reflexion über die mildernden Bedingungen und Umstände. Daher ist es nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten ‚irregulären‘ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben“ (AL, Nr. 301). Das hat Franziskus nicht erfunden, aber er betont es. Er ändert die Sicht auf die Norm. Er versucht, das Gesetz in Liebe auszulegen. Er nimmt die christliche Erkenntnis ernst: Barmherzigkeit ist die Gerechtigkeit Gottes. Und er stellt eine Instanz ins Zentrum der Morallehre, die ein Schattendasein führte: das Gewissen.

5. Franziskus ist ein Medienpapst. Das ist, was die Zeit braucht, wir leben ja in einer Mediengesellschaft. Freilich ist es für Katholiken immer etwas eigenartig, wenn die Presse Franziskus für etwas lobt, das sie bei Benedikt kritisierte oder überging. Oder, wie schnell sich der Wind auch wieder drehen kann. Dass in den letzten Wochen und Monaten die Stimmung kippt, ist ebenso Symptom des am Tagesgeschäft orientierten Sensationsjournalismus‘ wie die Lobeshymnen zu Beginn seiner Amtszeit. Dennoch trugen die Medien (und der Umgang des Heiligen Vaters mit ihnen) zur großen Beliebtheit des Papstes bei. Auch in den Sozialen Medien zeigt sich, wie beliebt Franziskus ist. Auf Twitter folgen ihm Millionen, im Facebook bildeten sich rasch Freundeskreise mit vierstelliger Mitgliederzahl.

6. Franziskus ist ein Papst der Jugend und damit der Zukunft. Schon drei Weltjugendtage hat er absolviert: Rio (2013), Krakau (2016) und Panama (2019). Themen, die Jugendliche besonders interessieren (nicht nur Sex, sondern auch Fragen der Berufung) ließ der Heilige Vater synodal verhandeln, unter Einbeziehung der Jugendlichen. Bei seinen Reisen plant er zumeist ein Treffen mit Mädchen und Jungen ein, um sich über ihre Situation vor Ort zu informieren. Er ist bemüht, auch die fürchterlichen Abgründe des Umgangs mit Kindern und Jugendlichen innerhalb der Katholischen Kirche auszuleuchten, damit sich das, was in den vergangenen Jahrzehnten geschah, nicht wiederholt. Dass jetzt einige (auch innerhalb der Kirche) ihre absolut verständliche Irritation angesichts des Missbrauchsskandals auf Franziskus projizieren, ist schmerzlich, denn das hat der Papst nicht verdient.

(Josef Bordat)

Zur Fastenzeit

Die Kirche hat Schuld auf sich geladen. Das „Sündenregister“ der Kirche ist lang. Die Kirche braucht Reformen. So oder ähnlich hört man es oft. In der Fernsehtalkshow, in der Pfarrgemeinderatssitzung, beim Abendessen mit Freunden.

Wer die Kirche kennt, mag darauf entgegnen: Die Kirche ist heilig. Ihrem Selbstverständnis nach. Aber: Eine heilige Gemeinschaft sündhafter Menschen. Die katholische Kirche ist eine heilige Gemeinschaft der Sünder in Gemeinschaft mit dem Heiligem – mit Gott. Sie ist heilig, insoweit sie göttlicher Stiftung entspringt, sie ist sündig, weil in ihr Menschen wirken. In ihrer Geschichte zeigt sich beides: Der göttliche Funke der Heiligkeit, der in Menschen wie Elisabeth von Thüringen, Adolph Kolping oder Mutter Teresa das Feuer der Liebe entfachte, und die Abgründe des Menschen, die andere Menschen verfolgten, missbrauchten und töteten. Hier gilt es, genau hinzusehen und zu unterscheiden.

Diese Differenzierung macht die Kirche selbst, in einer Formel, die auf den Kirchenvater Augustinus zurückgeht: Einige, die drin sind, sind draußen, und einige, die draußen sind, sind drin. Das bedeutet, dass es in der Christenheit unchristliches Verhalten gab und gibt und christliche Nächstenliebe auch unter Menschen möglich ist, die nicht der Kirche angehören. Das Wort Extra ecclesiam salus non est („Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil“) steht freilich dagegen, wenn man es isoliert betrachtet. Wenn man aber bedenkt, in welchem historischen Zusammenhang es steht, ist es weniger Drohung oder Zwang, sondern vielmehr liebevolle Ermahnung zur Treue und Warnung vor Irrlehren.

Zudem sind es eben auch die Menschen in der Kirche, die das Versagen der Kirche offenlegen. Die Aufarbeitung des Missbrauchs in der Katholischen Kirche in Deutschland kam etwa durch das mutige Bekenntnis eines Jesuitenpaters ins Rollen, der als Schulleiter an die Öffentlichkeit ging, aber auch als gläubiger Christ, der schlicht und einfach erkannte: Hier wurde an einer katholischen Schule das Gegenteil von Heiligkeit gelebt.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es immer „diese“ und „jene“ innerhalb der Kirche gab. Als die Dekadenz der Hirten unserer Kirche unerträglich wurde, erschienen in dem kleinen Ort Assisi Franz und Klara, die zeigten, wie es anders geht. Als das Papsttum sittlich verlottert war, kam mit Hadrian VI. ein Mann auf den Stuhl Petri, der mit der höfischen Verschwendungssucht im Vatikan brach. Gegen die Eroberer Amerikas in Diensten der „Katholischen Könige“ steht der Dominikaner Bartolomé de Las Casas auf. Den Menschen, die dort als Sklaven gehalten wurden – auch von Katholiken – begegnete Petrus Claver mit Liebe.

Und das Ganze geht nicht nur ethisch, es geht auch epistemisch. Es gibt Katholiken, die lehnen Impfungen ab, aber es war ebenfalls ein Katholik, der mit seiner Forschungsarbeit u.a. die Grundlagen für Impfungen legte: der Augustiner Gregor Mendel. Es gibt Katholiken, die missverstehen die Genesis als Laborbericht und glauben an eine 6000 Jahre alte, an sechs Werktagen erschaffene Welt. Und es gibt den Katholiken Georges Lemaître, der die Theorie vom „Urknall“ entwickelte. Ja, und wenn man sich so umschaut, stellt man fest, dass es offenbar auch Katholiken gibt, denen Humor und Lebensfreude fremd sind. Und dann gibt es Katholiken wie Harald Schmidt, Thomas Gottschalk und Micky Krause.

Licht und Schatten – die Kirche hat beides zu bieten.

Mehr dazu in meinem Beitrag für die diesjährige Februarausgabe der Zeitschrift „X451“ zum Thema „Fasten“, kostenlos zu bestellen bei:

Sebastian Berndt
Emilienstraße 1
D-99817 Eisenach

oder per E-Mail:

fanzine@X451.de

(Josef Bordat)

Kulturgeschichte des Karnevals

Die Kulturgeschichte des Karneval beginnt vor 5000 Jahren. Am Beginn der Zivilisation steht gewissermaßen der Karneval, und zwar in Mesopotamien, im Zweistromland, im Land der ersten urbanen Kulturen. Eine altbabylonische Inschrift aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. gibt Auskunft darüber, dass unter dem Priesterkönig Gudea ein siebentägiges Fest gefeiert wurde und zwar nach Neujahr als symbolische Hochzeit eines Gottes. Die Inschrift besagt: „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet.“ – Das ist eine gute Definition des Karneval: Jeder Jeck ist anders, aber alle machen mit. Oben und unten verschwimmen.

In allen frühen Kulturen des Mittelmeerraumes lassen sich ähnliche Feste nachweisen: In Ägypten feierte man ein ausgelassenes Fest zu Ehren der Göttin Isis und die Griechen veranstalten es für ihren Gott Dionysos und nennen es Apokries, was eben genau die Bedeutung von carne vale hat, nämlich „Fleisch vorbei“. Davon könnte sich auch das Wort „Karneval“ ableiten, doch vermutlich kommt es eher vom mittellateinischen carne levare (Fleisch wegnehmen). Lange hielt man es für eine Abwandlung von carrus navalis (Schiffskarren), was wiederum auf das Narrenschiff zurückgehen sollte, doch das gilt mittlerweile als widerlegt. Auch in Rom feierten die Sklaven mit ihrem Herrn, man saß zusammen am Tisch, trank und aß nach Herzenslust und konnte jedes freie Wort wagen. Zugleich überschüttete man sich mit kleinen Rosenblütenblättern; daran erinnert heute noch das Konfetti.

Jetzt gibt es zwei unterschiedliche historische Erklärungen dafür, warum wir heute immer noch Karneval feiern. Die eine, man könnte sie Kontinuitätsthese nennen, geht davon aus, dass die antiken, insbesondere römischen Festbräuche in den besetzten Gebieten tradiert wurden. Das Rheinland war damals von den Römern besetzt, die bis zum Rhein kamen und sich dort über Jahrhunderte ansiedelten. Dann kamen die Franken (455) und Germanen im frühen Mittelalter bis zum Reichsgründung (800). Das Gebiet wurde christianisiert, Köln wurde wichtige Bischofsstadt – und ist es, bis heute. Dann, so die These, hätten die neuen Christen die alten Bräuche übernommen. Diese Erklärung wird heute zunehmend angezweifelt, weil es zwischen dem Ende der Römer-Herrschaft im 5. Jahrhundert und dem Wiederaufleben des Karnevals im 12. Jahrhundert doch eine große zeitliche Lücke gibt.

Die andere Erklärung, die man Katholizitätsthese nennen könnte, geht davon aus, dass der Karneval in der heutigen Form sehr eng mit der Fastenzeit zusammenhängt, also als Teil des Kirchenjahres gesehen werden muss. Das wäre dann eindeutig ein christlich-katholischer Zusammenhang. Das erklärt freilich nicht die Tatsache, dass der Rhein die Geister des Karnevals scheidet, dass also linksrheinisch gefeiert wird (Köln, Düsseldorf) und rechtsrheinisch, vor allem dann in Westfalen (Münster, Paderborn), nicht ganz so groß. Das jedoch könnte man auch mit der unterschiedlichen Mentalität erklären, also gewissermaßen ethnologisch, und natürlich auch damit, dass Köln und Düsseldorf Großstädte sind, die ein ganz anderes Potential freisetzen können bei den Feierlichkeiten.

Dass es in dem nach 1500 protestantisch werdenden Raum keinen Karneval in der Form gibt, passt ins Bild, denn der wurde in dem Maße zurückgedrängt, in dem auch die Fastenzeit oder das Fasten überhaupt in Frage gestellt wurden, als Bußübung, die zu sehr an katholische Werkgerechtigkeit zu erinnern schien. Das würde diese zweite Erklärung also stützen. In diesem Sinne könnte man von einem antiken Karneval sprechen (vom 3000 v. Chr. bis 500 n. Chr.) und von einem katholischen Karneval (von 1100 n. Chr. bis heute).

Bei der Suche nach christlichen Deutungsmustern für den zweiten, den katholischen Karneval wird man bei niemand geringerem als dem Kirchenvater Augustinus fündig. Die mittelalterliche Fastnacht wird auf dessen Werk De civitate Dei (Gottesstaat) zurückgeführt. Der Karneval steht dabei für das Gegenmodell, die civitas diaboli, den Teufelsstaat. Karneval wurde also religionspädagogisch bzw. pastoral aufgenommen, um zu illustrieren, dass die Herrschaft des Bösen in der „verkehrten Welt“ vergänglich und Gott am Ende siegreich ist. Das machte den Karneval quasi zur Katholikenpflicht. Es gab päpstliche Empfehlungen, so die von Martin IV. (1284), die Gläubigen sollten ruhig „etliche Tage Fastnacht halten und fröhlich sein“. Johann Geiler von Kayserberg, Franziskanerprediger am Straßburger Münster aus dem 15. Jahrhundert, meinte: „Die Christliche Catholische Kirche erlaubet eine ehrliche recreation und Wollustbarkeit, damit ihre geistlichen Kinder desto williger seyn, das heilige Fasten zu halten“. Also, die Ausrichtung auf das Fasten ist bereits ein impliziter Bestandteil des Karnevals, der Karneval selbst damit ein Bestandteil des Kirchenjahrs.

So wurde Karneval gefeiert und so kehrt am Aschermittwoch die „verkehrte Welt“ wieder um, der Mensch wendet sich wieder Gott zu. Dieser Effekt, also Umkehr zu verdeutlichen, Abkehr vom Bösen, war entscheidend für die positive Sicht auf den Karneval. Denn während die Kirche während der Fastnacht, während des Karnevals offenbar sogar Blasphemie duldete (kirchliche Rituale wurden parodiert, Pseudopäpste wurden gekürt, es gab „Narrenmessen“), wurde ein Weiterfeiern nach Aschermittwoch strengstens verfolgt. Also, es war im Grunde alles erlaubt, aber nicht, den rechtzeitigen Absprung zu verpassen, mit dem man sich wieder zu Gott und der Kirche wandte – nach dem Karneval. Es gibt eine Grenze nicht inhaltlicher, sondern zeitlicher Art. Das „Kehret um!“ gilt allen Menschen, unabhängig davon, was vorher war. Nur, man muss es dann auch tun! Das ist die, wenn man so will, pastoraltheologische Seite des Karnevals im Mittelalter und eigentlich auch bis heute. Macht, was ihr wollt, aber am Aschermittwoch ist alles vorbei. Von außen betrachtet mutet das an wie Heuchelei und Doppelmoral, aber die feiernden Christen verstehen doch, dass es hier um Umkehr geht, um die Erfahrung von Gnade und Liebe Gottes dem Sünder gegenüber, der sich – das ist entscheidend – von der Sünde abwendet.

Unter diesem Vorzeichen beginnen im Hochmittelalter die Karnevalsfestivitäten im Rheinland. Ab dem frühen 12. Jahrhundert finden wir erste Anzeichen für größere Fastnachtsfeiern. So ist überliefert, dass der erste Karnevalswagen 1133 in Aachen gebaut wurde. In Köln sprach man schon im Jahr 1234 vom „närrischen Treiben“. Im Jahre 1341 fand der erste Karnevalsumzug in Köln statt. Eine der ältesten Erwähnungen der Fastnacht findet sich in der Speyerer Chronik von 1612, der aus alten Akten berichtet: „Im Jahr 1296 hat man Unwesen der Fastnacht etwas zeitig angefangen / darinn etliche Burger in einer Schlegerey mit der Clerisey Gesind das ärgst davon getragen / hernach die Sach beschwerlich dem Rhat angebracht / und umb der Frevler Bestrafung gebetten.“

Sinnbild für die „verkehrte Welt“ des Karneval, den verkehrten Kurs ist das mittelalterliche „Narrenschiff“. Es ist besetzt mit Personen, die nur dem eigenen Vergnügen frönen. Auf Holzschnitten und Bildern sind Frauen und Männer geistlichen Standes vertreten. Sie reisen unter geblähten Segeln „gen Narragonien“. Bekannt ist auch die Schrift Daß Narrenschyff ad Narragoniam von Sebastian Brant, ein Buch, das 1494 erschien und das dieses Bild der „verkehrten Welt“ aufgreift und der Narrengesellschaft auf dem Schiff durch eine unterhaltsame Schilderung ihrer Laster kritisch den Spiegel vorhält. Die Moralsatire Brants ist das erfolgreichste deutschsprachige Buch des Mittelalters.

Der Blick in die Geschichte des Mittelalters zeigt: Der Karneval hat als „Fest der verkehrten Welt“ (hierin liegt auch der Ursprung der Verkleidung) eine unverrückbare Stellung im christlich-katholischen Kalender, er ist untrennbar mit dem Aschermittwoch und der folgenden Fastenzeit verbunden. Bereits der Fasching bereitet die Fastenzeit als den reinigenden Bußakt vor: Durch Darstellung und Spiel der verkehrten Welt soll die rechte Ordnung um so deutlicher erscheinen. Am Aschermittwoch ist schlagartig alles vorbei. Die Narrenkappe mit den „Eselsohren geistlicher Trägheit“ und den „Schellen der Lieblosigkeit“ wird abgelegt. Umkehr hin zu Gott. Damit ist der Antagonismus von Karneval und Fastenzeit auch so etwas wie der ewige Kampf des Guten gegen das Böse. Als ein Beleg dafür gilt das Gemälde „Kampf zwischen Fastnacht und Fastenzeit“ von Pieter Brueghel d. Ä. aus dem 16. Jahrhundert. Das wüste Fastnachtstreiben stellt demnach den unerlösten, chaotischen Zustand der Welt dar – samt der Herrschaft des Teufels und seiner Narren. Die Umkehr und Rückkehr zur kirchliche und weltlichen Ordnung ist eine Umkehr und Rückkehr zu Gott.

Die Reformation stellte die vorösterliche Fastenzeit und damit eben auch die Fastnacht infrage. Der Karneval zieht sich vom 16. bis ins 19. Jahrhundert an die Höfe, auf die Schlösser zurück, wird als elitärer Maskenball veranstaltet; der lebhafte Straßenkarneval des Volkes verschwindet. Die Umzüge mit Wagen und Fußgruppen, wie man es vom Rosenmontagszug kennt, wurden erst 1823 in Köln neu belebt, dann vor allem organisiert vom aufstrebenden Bürgertum, das die Rolle der Zünfte übernahm. In der Geschichte Kölns fiel der Zug seit 1823 nur ganz selten aus, zuletzt 1991 aufgrund des Zweiten Golfkriegs. Auch davor hauptsächlich wegen der Kriege und der unmittelbaren Kriegsfolgen.

In dieser Zeit der Wiederentdeckung des Straßenkarnevals, also Anfang des 19. Jahrhunderts, entstehen auch die Garden, die Funken. Die Funken gehen zurück auf verschiedene Einheiten der Kölner Stadtsoldaten, die von den 1794 einmarschierenden französischen Truppen aufgelöst wurden. Die Karnevalssoldaten machten aus dieser Not eine Tugend, übernahmen die alten Uniformen der Stadtgarden und karikierten damit in den Folgejahren die preußischen Soldaten, die nach 1822 in Köln das Kommando innehatten (von 1822 bis 1945 gab es die so genannte „Rheinprovinz“ als Teil Preußens). Bis heute persiflieren die Funken das militärische Gehabe durch ihre Kommandosprache und ziemlich absurde Exerzierformen, z. B. den Stippeföttchedanz.

Im 19. Jahrhundert wird die „Elf“ zur Zahl des rheinischen Karnevals. Den Prunksitzungen steht ein Elferrat vor, der Karnevalsbeginn wird in neuerer Zeit am 11.11. um 11.11 Uhr begangen. Das soll sich aus den Anfangsbuchstaben der drei Wahlspruchwörter der Französischen Revolution ergeben haben: „Egalité, Liberté, Fraternité“. Andere sehen darin eine Parodie auf die oftmals zehn- oder zwölfköpfigen Gremien in Politik und Verwaltung. Zudem ist elf die Zahl der Unvollkommenheit, des Teuflischen, während zehn (Zehn Gebote) oder zwölf (Zwölf Stämme Israel, Zwölf Apostel) heilige, vollkommene Zahlen sind. Also: verkehrte Welt im Karneval.

Dann kommt das 20. Jahrhundert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde Fasching, wie alles andere auch, oftmals für propagandistische Zwecke eingesetzt. Die Propaganda der Nazis sollte den Karneval umfunktionieren und aus seinem religiösen Sinnzusammenhang lösen. Stattdessen sollte es unter Berufung auf die „germanische Vorzeit“ eine „Deutsche Fastnacht“ geben, die kein „Abkömmling jüdisch-christlicher Kultur“ sei. „Die innere Beziehung zum kirchlich-christlichen Fastabend“ müsse „negiert und verwischt“ werden, hieß es in einer nationalsozialistischen Weisung vom November 1933.

Kardinal Michael Faulhaber hat den Karneval gegen diese völkische Umdeutungen in Schutz nehmen. In seiner Predigt zu Silvester 1934 sagte er: „Der Karneval, früher eine Vorfeier der kirchlichen Fastenzeit, hat sich von der Kirche losgesagt und wird, eigentlich als Irrläufer und ohne inneres Recht, auch von jenen heute gefeiert, die die fleischlosen Fasttage der Kirche nicht mitmachen.“ 1935 widerstand der Kölner Karneval dem Eintritt in die NS-Organisation „Kraft durch Freude“, was als Narrenrevolte bezeichnet wird. Allerdings bezog sich das nur auf die Organisationsstruktur; ein Teil der Leitung der Kölner Karnevalisten war bereits zuvor in die NSDAP eingetreten.

Von Widerstand auf breiter Front kann seitens der Narren also keine Rede sein. Doch in Einzelfällen zeigt sich, dass die Kreativität des Karneval dem Zeitgeist auch damals etwas entgegenzusetzen hatte. Erinnert sei etwa an Karl Küpper, einen Kölner Büttenredner, der die Nazis (besonders deren „Deutschen Gruß“) gehörig auf die Schippe nahm, daraufhin lebenslängliches Redeverbot bekam und sich dem KZ nur entziehen konnte, indem er freiwillig in die Wehrmacht eintrat. Küpper selbst sah sich jedoch nie als Widerstandskämpfer gegen den Faschismus, sondern immer als Karnevalist. Das sollte im besten Fall auf das gleiche hinauslaufen.

Interessant ist auch ein Blick in die Begriffsgeschichte der Schlachtrufe „Helau“ (Düsseldorf) und „Alaaf“ (Köln). Manche vermuten hinter dem Düsseldorfer „Helau“ eine Abwandlung des „Hallo“ aus dem Englischen. Andere bringen das Wort mit „Hellblau“ oder „Halbblau“ als Zustand fortgeschrittener Alkoholisierung zusammen. Eine dritte Gruppe leitet „Helau“ vom alten Ruf „Hol-über“ ab, mit dem man nach karnevalistischen Veranstaltungen die Fähre von der anderen Rheinseite heranholte. Am Niederrhein soll das „Helau“ auch einmal ein Hirtenruf gewesen sein. Das Kölner „Alaaf“ kommt wohl von „all af“ („alles ab“ oder „alles weg“), was dann wiederum darauf deuten könnte, dass damit die in der Fastenzeit verbotenen Speisen und Getränke gemeint sind, die eben im Karneval vollständig aufgezehrt wurden und man mit dem Kölle Alaaf eine Art Vollzugsmeldung gegenüber der Kirche kundtat: In Köln ist alles weg, was dem Fasten im Wege stehen könnte. Eine Alternativerklärung führt das Wort auf das keltische alaf zurück, was „Glück“. Kölle Alaaf wäre dann ein „Köln, Glück auf!“ oder „Köln, lebe hoch!“ Manchmal wird „Alaaf“ auch als „von der Rolle“, „aus der Reihe“ gedeutet, also: „alles ab“ („all af“), aber eben vom normalen Leben.

Heute geraten der Karneval und die Kirche in ein gewisses Spannungsverhältnis, das der Narr selbst am besten ausdrückt, wenn er von sich sagt, er sei zwar streng katholisch, habe aber mit der Kirche nichts am Hut. Der Karneval gibt uns damit auf seine Art die Frage zur Beantwortung auf, ob die Kirche tatsächlich die Botschaft Jesu in der Welt und für die Welt, die ganze Welt, nicht nur verwaltet, sondern auch erfahrbar macht, das ist ja ihre Aufgabe, die Aufgabe der Kirche, oder ob vielleicht wahr ist, was so mancher Narr vermutet, dass nämlich Gott längst aus der Kirche ausgetreten ist.

Viele Witze, in denen der Papst, der Vatikan und andere Würdenträger vorkommen, und zwar eher wenig vorteilhaft, thematisieren die innerkirchliche Spannung von göttlich-überzeitlichem Auftrag im Angesicht der conditio humana unter den Gegebenheiten dieser Welt. Also, das „in der Welt sein“, aber nicht „von der Welt sein“, wird als problematisch entlarvt, indem es immer wieder in Richtung eines Übergewichts allzu weltlicher Erscheinungen innerhalb der Kirche aufgelöst wird und damit Themen wie Geld oder Macht offen und vor dem Hintergrund des kirchlichen Selbstverständnisses eben auch sehr, sehr kritisch verhandelt werden.

Karnevalsschlager und Büttenreden weisen vielfach einen religiösen Bezug auf, spielen mit theologischen Konzepten, deuten sie um, gehen allerdings nicht so weit, sie vollständig zurückzuweisen. Wenn De Höhner oder Bläck Fööss von Gott sprechen, vorzugsweise vom „leeve Jott“, dann geht es nicht um blasphemische Verspottung, sondern um durchaus affirmative Bezugnahme. Man zeigt sich katholisch, weil man katholisch ist. So verehrt ist die Welt im Karneval dann eben doch nicht.

(Josef Bordat)

Nicht nörgeln – zufassen!

Vor 90 Jahren starb der Berliner Großstadtpfarrer Carl Sonnenschein.

Mit seinem entschiedenen Auftreten, seiner klaren Sprache und seinem goldenen Herzen bleibt er bis heute in Erinnerung.

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Gedenktafel am Haus Georgenstraße 44 in Berlin-Mitte. Foto: OTFW, Berlin (Wikimedia). CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/).

Am 29. August 1926 notierte er: „Nicht nörgeln! Nicht abseits stehen! Nicht beleidigt sein! Zufassen! Unser Land aus Wirrnis und Not herausführen! Die christliche Kultur des Landes schützen, pflanzen entfalten! Der Demut solcher Arbeit gehört der Segen Gottes“.

Hat kaum etwas an Aktualität verloren: Carl Sonnenschein.

(Josef Bordat)

„Warum verfolgst du mich?“

In jenen Tagen wütete Saulus immer noch mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe an die Synagogen in Damaskus, um die Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, die er dort finde, zu fesseln und nach Jerusalem zu bringen. Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst. Seine Begleiter standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand. Saulus erhob sich vom Boden. Als er aber die Augen öffnete, sah er nichts. Sie nahmen ihn bei der Hand und führten ihn nach Damaskus hinein. Und er war drei Tage blind, und er aß nicht und trank nicht. In Damaskus lebte ein Jünger namens Hananias. Zu ihm sagte der Herr in einer Vision: Hananias! Er antwortete: Hier bin ich, Herr. Der Herr sagte zu ihm: Steh auf und geh zur so genannten Geraden Straße, und frag im Haus des Judas nach einem Mann namens Saulus aus Tarsus. Er betet gerade und hat in einer Vision gesehen, wie ein Mann namens Hananias hereinkommt und ihm die Hände auflegt, damit er wieder sieht. Hananias antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört, wie viel Böses dieser Mann deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat. Auch hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle zu verhaften, die deinen Namen anrufen. Der Herr aber sprach zu ihm: Geh nur! Denn dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen. Ich werde ihm auch zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muss. Da ging Hananias hin und trat in das Haus ein; er legte Saulus die Hände auf und sagte: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen ist; du sollst wieder sehen und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden. Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen, und er sah wieder; er stand auf und ließ sich taufen. Und nachdem er etwas gegessen hatte, kam er wieder zu Kräften. Einige Tage blieb er bei den Jüngern in Damaskus; und sogleich verkündete er Jesus in den Synagogen und sagte: Er ist der Sohn Gottes. Alle, die es hörten, gerieten in Aufregung und sagten: Ist das nicht der Mann, der in Jerusalem alle vernichten wollte, die diesen Namen anrufen? Und ist er nicht auch hierher gekommen, um sie zu fesseln und vor die Hohenpriester zu führen? Saulus aber trat umso kraftvoller auf und brachte die Juden in Damaskus in Verwirrung, weil er ihnen bewies, dass Jesus der Messias ist. (Apg 9, 1-22)

„Warum verfolgst du mich?“ So lautet die Frage Jesu an Saul. Sauls Antwort besteht in einer Gegenfrage: „Wer bist du, Herr?“ Jesus offenbart sich ihm. „Ich bin Jesus, den du verfolgst“. Damit ist das Warum der Verfolgung freilich noch nicht geklärt. Oder? Vielleicht schon. Vielleicht steckt die Antwort tatsächlich in der Aussage „Ich bin Jesus.“, und vielleicht reicht für die Fälle heutiger Verfolgung bereits „Ich folge Jesus.“ als Begründung aus. Vielleicht steckt ja in Jesus selbst der Grund. Gehen wir diesem Gedanken einmal nach.

Jesus stört die bestehende Ordnung zugunsten einer neuen Form des Zusammenlebens, deren Regeln sich weniger vom Gesetz her ergeben, sondern vielmehr von der Liebe her. Jesus irritiert die kulturellen und religiösen Grundlagen der Gesellschaft. Das können die Eliten dieser Gesellschaft, die sich auf jene Grundlagen eingestellt haben, die ihre Macht davon ableiten, nicht hinnehmen. Nicht in Jerusalem, nicht in Rom, nicht in Pjöngjang.

Jesus identifiziert sich mit den Verfolgten, wie die Verfolgten sich mit ihm identifizieren. So hat Jesu Frage Sinn: „Warum verfolgst du mich?“ – mich. Wer Christen verfolgt, verfolgt Christus. Auch heute spricht durch die Verfolgten die Stimme des Herrn: „Ich bin Jesus, den du verfolgst“. Der Lebensweg Jesu, seine Identifikation mit den verfolgten Christen und das Beispiel des Saul, der zum Paul wird, mögen den Christen in aller Welt heute Mut machen, die Verfolgung auszuhalten und für die Verfolger zu beten.

(Josef Bordat)