Im Zeichen des Kreuzes. Oder: Glauben heißt bleiben

Heute denkt die Kirche an die Schmerzen Mariens. Bei der Kreuzerhöhung gestern stand bereits das Kreuz im Zentrum – und heute gleich wieder, denn vier der sieben Schmerzen Mariens haben mit Kreuzigung und Tod ihres Sohnes Jesus zu tun: der Weg nach Golgota, die Kreuzigung, die Kreuzabnahme, die Grablegung.

Was hat die Kirche nur mit diesem „Hinrichtungsinstrument“? Warum gibt sie dem Kreuz soviel Raum? Nun, die Kirche blickt durch das Kreuz hindurch auf das Licht des Ostermorgens. Es ist ihr zum Zeichen des Lebens geworden, das Kreuz, zum Symbol des Heils. Jesus erlöst am Kreuz die Welt. Das ist der Gegenstand des christlichen Glaubens.

Dabei war das Kreuz nicht von Anfang an das zentrale Symbol der Christen. Das war der Fisch, griechisch „Ichthys“, das zugleich als sinnträchtiges Akronym verstanden werden kann, denn die Buchstaben von „Ichthys“ bilden die Wortanfänge jener Glaubenswahrheit des Kreuzes: Iēsous Christós, Theou Yiós, Sotér („Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser“). Der Fisch war also gut gewählt, als (Erkennungs-)Zeichen der Christen.

Das Kreuz setzte sich erst allmählich durch. Der Wandel vom Hinrichtungsinstrument zum Zeichen des Lebens dauerte eine Weile, hat sich dann aber nicht nur wegen der historischen Kreuzigung durchgesetzt, sondern auch wegen des theologischen Gehalts, den man einem Kreuz zuschreiben kann. Die Verbindung von Gott und Mensch, die Verbindung der Menschen untereinander. Himmel und Erde, Geist und Materie, Seele und Leib – kommen in der Kreuzesform zusammen. Also es ist damit auch ein Symbol der Schöpfung.

Dass sich das Kreuz im vierten Jahrhundert als zentrales Symbol des Christentums durchsetzen konnte, hat auch etwas mit einer Mutter und ihrem Sohn zu tun: Mit Helena und Konstantin. Kaiser Konstantin hatte eine ganz persönliche Erfahrung mit dem Kreuz, eine Art Vision. Bei der Schlacht an der Milvischen Brücke (312) erschien ein Kreuz am Himmel und er, Konstantin, sah dazu die berühmten Worte geschrieben: En toutō nika („Durch dieses siege“), was später dann – grammatikalisch nicht ganz korrekt – zu dem geflügelten Wort In hoc signo vinces („In diesem Zeichen wirst Du siegen!“) wurde.

Seine Mutter Helena machte sich auf ins Heilige Land, um das Kreuz Christi zu finden. Der Überlieferung nach fand sie es auch (325) und ließ es erstmals erhöhen und verehren (335) – der historische Ursprung der Kreuzerhöhung. Zugleich wird das Kreuz Hoheitszeichen: Die ältesten Münzen, auf denen ein Kreuz aufgeprägt ist, stammen aus dem ersten Drittel des vierten Jahrhunderts. Bis in unsere Tage hinein findet sich das Kreuz in Wappen, auf Fahnen und an staatstragenden Funktionsgebäuden.

Das zur Geschichte. Das Entscheidende ist jedoch die theologische Dimension – und die kommt heute noch einmal ganz besonders deutlich heraus. Dass es möglich ist, durch das Leid des Kreuzes hindurchzusehen (ohne davon abzusehen oder es gar zu übersehen), erfährt nur der, der nicht wegläuft im Leid, sondern bleibt. So wie Maria. Sie blieb unter dem Kreuz. Und erfährt in ihrem Schmerz auch die Liebe ihres Sohnes: Jesus führt Maria und Johannes zusammen.

Das Kreuz ist schmerzhaft, aber nur im Bleiben kann man glauben. Glauben heißt bleiben – angesichts von Schwierigkeiten, angesichts von Zweifeln, angesichts von Gewalt. Als es in der Abschiedsrede Jesu um das Gebot der Liebe und den Hass der Welt geht, wird bleiben das zentrale Wort; im 15. Kapitel des Johannesevangeliums kommt es genau zwölfmal vor. Und der letzte Satz des Matthäusevangeliums überliefert uns die Zusage Jesu, er werde immer bei uns bleiben: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 20). Darauf antwortet der Christ mit Treue im Glauben. Wie Maria.

Es ist also ein Akt des Glaubens, unter dem Kreuz zu bleiben. Und auch angesichts des eigenen Kreuzes im Glauben zu bleiben. Das Leiden als Kreuz annehmen und ihm wie der gekreuzigte Jesus in der Liebe einen Sinn geben, das ist damit Kern der Nachfolge Christi. Die Nachfolge Christi, in der wir alle stehen, soweit wir uns Christen nennen, ist unmittelbar verbunden mit dem Kreuz: „Will mir jemand nachfolgen“, sagt Jesus, „der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir“ (Mt 16, 24). Die Identifikation Gottes mit dem Menschen geschieht am Kreuz und durch das Kreuz, die Identifikation des Menschen mit Gott geschieht entsprechend. Am Kreuz vorbei kann niemand Christ sein.

(Josef Bordat)