Gewollt. Geliebt. Geschossen?

Ich werde (voraussichtlich) nie verstehen, wie ein und derselbe Mensch es gleichzeitig schafft, die wunderbare Einsicht zu verbreiten, dass „jedes Kind – geboren oder ungeboren – gewollt und geliebt“ ist, und damit zu drohen, auf 7000 Menschen, darunter auch gewollte und geliebte Kinder, schießen zu lassen, sollten sie sich der US-Grenze von Mexiko aus zu sehr nähern.

Ich hoffe, ich habe die Presseberichte falsch verstanden. Denn das wäre in diesem Fall noch die beste aller Möglichkeiten.

(Josef Bordat)

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UNO!

Der „Globaler Pakt für sichere, reguläre und geordnete Migration“ der Vereinten Nationen

Im Zusammenhang mit dem „Migrationspakt“ der Vereinten Nationen erreichen mich die eigenartigsten Einschätzungen. Auf die Spitze des Eisbergs hatte ich schon humoristisch (ich hoffe, das wurde bemerkt) hingewiesen. Mir scheint aber, dass durchaus auch ein ernstes Wort angebracht ist, denn in der öffentlichen Wahrnehmung geht doch einiges durcheinander.

Erst lesen, dann kommentieren

Also: Am besten, jede und jeder liest sich den Text des „Global Compact for Safe, Orderly and Regular Migration“ (zu deutsch: „Globaler Pakt für sichere, reguläre und geordnete Migration“) erst mal unvoreingenommen durch. Den gibt es auf Deutsch hier [pdf]. Hilfreich kann auch eine Einschätzung von Fachleuten dazu sein, wie die des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik. Ich glaube, vieles an Befürchtungen löst sich damit in Luft auf.

Soweit zum Inhalt. Nun zur Form. Schließlich scheint für viele Kritiker des Migrationspakts auch der völkerrechtliche Rahmen selbst ein Problem zu sein. Die Vereinten Nationen werden dabei gerne überschätzt und als schier allmächtige Subordinationseinrichtung missverstanden. Dabei geht es tatsächlich vor allem um Koordination. Dem Nationalstaat wird weniger an rechtlichen Möglichkeiten weggenommen als ihm an faktischer Hilfe gegeben wird.

Schon Hegel wusste, dass es im Völkerrecht keine Durchsetzungsmacht gibt

Und, selbst wenn es „hart auf hart“ käme – keine Angst: An Völkerrecht braucht sich keiner zu halten. Warum? Weil es an Vollzugskontrollmöglichkeiten mangelt. Anders gesagt: Völkerrecht ist nicht zwingend bzw. seine Einhaltung kann nicht erzwungen werden. Nach Kant bedeuten „Recht“ und „Befugnis zu zwingen“ einerlei: „Das strikte Recht kann auch als die Möglichkeit eines mit jedermanns Freiheit nach allgemeinen Gesetzen zusammenstimmenden durchgängigen wechselseitigen Zwanges vorgestellt werden“. Eben diese „Möglichkeit“ fehlt im Völkerrecht de facto.

Bereits Hegel hat dies deutlich markiert. Das Völkerrecht bleibt bei ihm ein Sollenskonzept, in der die Hilflosigkeit dem Rechtsbruch gegenüber spürbar, jedoch gleichsam unvermeidbar dem System der Staatenwelt immanent ist, denn es gebe, so Hegel, „keine Gewalt […], welche gegen den Staat entscheidet, was an sich Recht ist, und die diese Entscheidung verwirklicht“. Die „Entscheidung, was Recht ist“ mag es heute zwar geben (etwa in Gestalt der Menschenrechte), doch die „Verwirklichung“ ist ein ungelöstes, vielleicht unlösbares Problem, zumindest, wenn man nicht willkürliche Kasuistik, sondern die Verrechtlichung der internationalen Ordnung nach dem Vorbild innerstaatlichen Rechts vor Augen hat. Es gibt eben keine „Weltpolizei“, die Knöllchen bei zu hohen CO2-Emissionen eines Staates verteilen oder einen Diktator am Foltern hindern kann.

Was kann das Völkerrecht?

So, und jetzt noch mal einen Schritt zurück. Wenn Völkerrecht nichts bringt, warum gibt es dann so etwas überhaupt? Vor allem aus zwei Gründen: Es hat eine Appellfunktion, die nicht zu unterschätzen ist, weil sie die Ächtung von Staaten zur Folge haben kann, die das Völkerrecht brechen; das kann sich politisch, kulturell und wirtschaftlich negativ auswirken, in Einzelfällen auch juristisch (mit – wie gesagt – Einschränkungen beim Vollzug). Und, das Völkerrecht kann einvernehmlich diejenigen Dinge regeln, die eben zwischen den Nationen geregelt werden müssen, weil sie zwischen den Nationen stehen – der Austausch von Waren, Menschen, Daten, Hochdruckzonen.

Und dann ist es eben so: In Zeiten der globalisierten und digitalisierten Gesellschaften, in denen ohnehin nur noch „komplexes Regieren“ erfolgversprechend und politisches Handeln nur noch als bescheidenes, kluges Koordinieren gleichgeordneter Funktionssysteme sinnvoll ist, muss ein Nationalstaat die Fragen, die er alleine nicht beantworten kann, im Verbund mit anderen Staaten zu beantworten versuchen.

Also, bei aller Skepsis gegenüber supranationalen Regimen: Globale Phänomene wie Migration, Klimawandel, Verteilungskonflikte und Warenhandel lassen sich am besten von globalen Institutionen regulieren, in offenen und fairen internationalen Beziehungen. Die Alternative dazu ist ja nicht, dass die Phänomene verschwinden, sondern, dass sie ungeregelt auftreten und so ungebremst auf den einzelnen Nationalstaat treffen, der damit rasch überfordert ist. Die UNO kann helfen. Geben wir ihr eine Chance.

(Josef Bordat)

Jesu Geburtstag

Es geht (keine Panik: ganz langsam und in großen Schritten) auf Weihnachten zu. Das merkt man daran, dass es die ersten Installationen auf den Arealen bekannter Berliner Wintermärkte gibt. Am Potsdamer Platz wird bereits an der Schneerutsche gebaut. Außerdem bieten Supermärkte verdächtige Ware an: Lichterketten, Christbaumständer, Dominosteine. Gut, die gibt es schon seit Ende August.

Ich merke das auch daran, dass jetzt wieder die Zweifel an der Existenz Jesu virulent werden. Die saisonale Stimmung motiviert offenbar einige, ihre Auffassung, Jesus habe gar nicht gelebt, mal wieder hervorzuholen. Denn: Sein Geburtstag sei schließlich nicht bekannt – der „25. Dezember 0000“ werde es ja wohl kaum gewesen sein.

Richtig. Nur: Was hat das mit der Existenzfrage zu tun? Das mit dem exakten Geburtstag ist auch bei anderen historischen Persönlichkeiten nicht immer so klar. Man weiß zum Beispiel nicht genau, wann Karl der Große (747 oder 748), Epikur (um 341 v. Chr.), Bartolomé de Las Casas (1484 oder 1485), Herodes Antipas (um 20 v. Chr.), Francisco de Vitoria (um 1483), Meister Eckhart (um 1260) oder Platon (427 oder 428 v. Chr.) geboren wurden. Heißt das jetzt, die haben alle gar nicht gelebt?

Weder in den Evangelien noch in den Briefen wird die Geburt Jesu genau terminiert. Richtig. Das Neue Testament ist aber schließlich keine Chronik der Ereignisse, zumindest nicht in erster Linie. Jahr und Tag der Geburt Jesu waren für die ersten Christen völlig unbedeutend – und sind es für die Christen heute auch. Dass wir die Geburt am 25. Dezember feiern, ist Konvention, und das ist auch allen Christen bekannt. Daraus mehr abzuleiten, ist voreilig.

(Josef Bordat)

Faktencheck Kirche

Die Fides-Statistik 2018 ist da. Zeit für einen Faktencheck.

1. „Der Kirche laufen die Menschen in Scharen davon! Es gibt immer weniger Katholiken!“

Falsch.

Richtig ist: Es gibt immer mehr Katholiken. Die Zahl der Katholiken ist im Jahr 2016 weltweit um rund 14 Millionen auf 1,299 Milliarden gestiegen.

2. „Besonders in Deutschland ist die Kirche in der Krise. So gibt es hier beispielsweise einen eklatanten Priestermangel!“

Falsch.

Richtig ist: In Deutschland gab es 2017 insgesamt 13.560 Priester und 23.311.321 Katholiken. Auf jeden Priester kamen also 1707 Katholiken. In Asien und Ozeanien kommen auf einen Priester 2172 Katholiken, in Afrika 5051 Katholiken und in Amerika 5156 Katholiken. Durchschnittlich kommen weltweit 3130 Katholiken auf einen Priester.

3. „In Deutschland, in Europa, in der Welt: Die Kirche tut nichts für die Menschen! Vor allem tut sie nichts für die, die es besonders nötig haben: die Jungen, die Alten, die Kranken!“

Falsch.

Richtig ist: In Trägerschaft der Katholischen Kirche sind weltweit 72.826 Kindergärten, 96.573 Grundschulen und 47.862 weiterführende Schulen. Etwa 68 Millionen junge Menschen besuchen derzeit einen katholischen Kindergarten, eine katholische Schule oder eine katholische Universität. Des weiteren betreibt die Kirche 5.287 Krankenhäuser, 15.937 Apotheken und Medikamentenausgabestellen, 610 Lepra-Stationen, 15.722 Seniorenheime, 9.552 Waisenhäuser, 11.758 Kindertagesstätten, 13.897 Ehe- und Familienberatungsstellen, 3.506 Rehabilitationszentren und 35.746 andere soziale und karitative Einrichtungen.

***

Die Zahlen insgesamt sind dennoch alles andere als rosig. Abnehmende Wachstumsdynamik und eine (im Verhältnis zum Bevölkerungswachstum) unterproportionale Zunahme der Katholikenzahl. Signifikante und schmerzliche Rückgänge bei Priestern und Ordensleuten, Missionsstationen und Säkularinstituten. Zuwächse dagegen bei den Diakonen und Bischöfen.

(Josef Bordat)

Ergänzung zu „KI mit Maria“

Tatort-Freunde aufgepasst: Zu dem Beitrag KI mit Maria erreichte mich eine Mitteilung, die sich auf meine dortige Abschlussfrage bezieht: „Wieso kennt der bisher nicht als besonders religiös in Erscheinung getretene Leitmeyer das Matthäusevangelium so gut, dass er ‚Maria‘ punktgenau zitieren lassen kann?“

Der Verfasser klärte mich darüber auf, dass das gar nicht so abwegig sei, schließlich werde im Tatort „Gefallene Engel“ vom 20. September 1998 „in einem Gespräch zwischen Leitmeyer und seinem alten Pfarrer angedeutet, dass Leitmeyer als Jugendlicher Ministrant war, sehr religiös und marienfrömmig“.

Es bleibe offen, so der geschätzte Verfasser, „was mit dem Glauben von Leitmeyer passiert ist, aber er hat eine sehr katholische Grundlage“. Insofern habe er es im Tatort „KI“ als „durchaus passend“ empfunden, „dass Leitmeyer und nicht Batic mit Maria zu philosophieren beginnt“.

Vielen Dank für diesen Hinweis!

(Josef Bordat)

Meine lieben Linksextremisten!

Dass Linksextremisten jeden, den sie für einen „Nazi“ halten (und das geht schnell), mehr oder weniger offen bekämpfen, immer mit dem vielleicht nicht erklärten, so doch erkennbaren Ziel, dessen Existenz zu zerstören, ist das eine.

Dass Linksextremisten aber noch nicht mal in der Lage sind, zwei ungleiche Dinge mit der gleichen Bezeichnung auseinanderzuhalten, ist das andere.

Merke: Das eine Teekesselchen ist eine Physiotherapiepraxis, das andere ein AfD-Bezirksverordneter. Beide heißen „Holzhausen“. Nicht, dass ich meinte, es sei gut und richtig, nun etwa den Politiker außerhalb der dafür vorgesehenen Formen, Räume und Zeiten anzugehen, es wäre aber zumindest der Ausweis dafür, dass man vorher zumindest ganz kurz nachgedacht hat.

Nicht auszudenken, was hier demnächst los ist.

(Josef Bordat)

An keiner Stelle verurteilt die Bibel Homosexualität?

Auf katholisch.de ist ein Interview zum Thema „Homosexualität“ erschienen. Rede und Antwort stand Ilse Müllner, Professorin für Biblische Theologie am Institut für Katholische Theologie an der Universität Kassel.

Sie vermittelt interessante Einsichten (etwa die, das der enge Zusammenhang von Sex und Macht, den die Missbrauchskrise kennzeichnet, in antiken, biblisch beschriebenen Gesellschaften bereits Realität war). Insgesamt überzeugen mich ihre Ausführungen aber nicht.

Auf Römer 1, 26-27 geht Ilse Müllner beispielsweise gar nicht ein, auch dann nicht, als sie explizit danach gefragt wird. Paulus meint offenbar, dass die Homosexualität eine „entehrende Leidenschaft“ hervorbringt, was ihn insgesamt urteilen lässt, eine homosexuelle Handlung sei eine „Verirrung“ (vgl. Römer 1, 26-27). Keine Verurteilung?

Die Rede richtet sich zwar „gegen die Menschen aus der Völkerwelt“ – damals, wie in der Einheitsübersetzung erläutert wird. Doch ist damit nur eine historische Bestandsaufnahme verbunden und kein zeitloses moralisches Urteil? Dann bräuchten wir also den ganzen Absatz (Römer 1, 18-32) nicht mehr auf uns zu beziehen? Wo aber ist die Grenze dieser historischen Kontextualisierung erreicht? Anders gefragt: Was gilt dann für uns heute überhaupt noch – und woher wissen wir das? Nur die Stellen, die heute nicht ins Welt- und Lebensbild der Mehrheit passen, willkürlich auszuklammern, scheint mir einseitig.

Noch problematischer finde ich den Versuch, homosexuelle Beziehungen in der Bibel nachzuweisen, auch dann, wenn der Text das gar nicht hergibt („Ob die Beziehung von David und Jonatan sexuelle Aspekte hat, ist in der Erzählung offen, jedenfalls wird von Liebe gesprochen.“). Und: Wenn die Schwiegertochter der Schwiegermutter Treue zusagt, ist das ein Beleg für eine lesbische Liebesbeziehung? Etwas zu spekulativ für meinen Geschmack.

Und gleich nach dem Satz „So müssen wir die Bibel lesen und nicht anders.“ auf die Würdigung der „Bandbreite[sic!] exegetischer Auslegungsansätze“ durch die Päpstliche Bibelkommission zu verweisen, ist auch einigermaßen kühn, zumal Ilse Müllner in erster Linie auf einen exegetischen „Fundamentalismus“ zielt. Was aber ist „…und nicht anders.“ denn anderes als „Fundamentalismus“? Auch methodologisch bleiben also Zweifel übrig.

Der Wille Ilse Müllners, die Kirche „zu einer reifen Sexualität, in der Machtgefälle nicht sexuell missbraucht werden“ zu führen, ist sicher unterstützenswert. Ob diese Reifung darin ihren Ausgang nehmen kann, dass die Kirche – einer einseitig-spekulativen Exegese folgend – nun als erstes eine theologische Neubewertung der Homosexualität vornimmt, ist hingegen mehr als fraglich.

(Josef Bordat)