Verteiltes Interesse

Lebensschutz in der DDR und die Folgen

Noch einmal zu dem DDR-Verfassungsentwurf von 1990 und der darin zum Ausdruck kommenden Haltung gegenüber dem ungeborenen Leben. Wenn dort steht: „Der Staat schützt das ungeborene Leben durch das Angebot sozialer Hilfen“ (Art. 4, Abs. 3, Satz 2), dann ist das zwar dünn (ein „Angebot“ kann man ablehnen). Doch immerhin wird die Schutzwürdigkeit des Ungeborenen anerkannt. Dreißig Jahre später ist davon in der Debatte über Abtreibung fast nichts mehr zu spüren, wenn der ungeborene Mensch wahlweise als „Zellklumpen“ oder „Parasit“ erscheint.

Die Erosion von Achtung und Schutzwillen schritt offenbar schnell voran. Mit Auswirkungen – auch auf das geborene Leben. Es war Wolfgang Böhmer, Frauenarzt und Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt (2002-2011), der – unter großem Protest der Öffentlichkeit – im Jahr 2008 auf den Zusammenhang zwischen mangelndem Schutz des ungeborenen Lebens in der DDR und einer signifikanten Häufung von Baby-Morden im Osten Deutschlands hinwies. Da in der DDR seit 1972 Abtreibungen in den ersten drei Monaten ohne Angabe von Gründen möglich war, hätte sich dort eine „leichtfertigere Einstellung zum werdenden Leben“ entwickelt, so Böhmer damals in einem „Focus“-Interview, eine Einstellung, die bis heute nachwirke – in Gestalt von Kindstötungen.

Von der Abtreibung zur Kindstötung – nur ein kurzer Weg? Böhmer vermutete damals, dass die Abtreibungspraxis in der DDR zu einer Art schiefen Ebene geführt habe, auf der die Menschenwürde langsam aber sicher abgeglitten ist: Von der Relativität des Wertes eines Embryo/Fötus hin zur Relativität des Wertes eines Neugeborenen. Kindstötung als Folge der Abtreibungspraxis.

In Böhmers Einlassungen zur schleichenden Gewissensunterhöhlung und zu ganz praktischen Interessenkonflikten (Urlaub am Schwarzen Meer vs. Schwangerschaft), die ihm nach eigenem Bekunden während seiner Tätigkeit als Gynäkologe begegnet seien, geht es nun nicht um ein prinzipielles Ost-West-Gefälle in Fragen der Moral (so wurde es damals aufgefasst, auch deshalb, weil Böhmer pauschal von „DDR-Mentalität“ sprach, wofür er später um Entschuldigung bat), sondern um ein viel gravierenderes kulturelles Problem unserer Zeit.

Das eigentliche Problem ist das unmittelbar mit dem Interessensprimat verbundene vorherrschende Menschenbild: Der Loslösung des Menschen von seiner absoluten Würde als Person (von Anfang, also Zeugung, an), was unausgesprochene Bedingung jeder Abtreibung ist, folgt ein Vakuum, das mit anderen Konzepten gefüllt sein will. Ein solches ist nun das Konzept „Interesse“. Bei Abtreibungen geht es um das Aktualinteresse der Mutter, das schwerer wiegen soll als das Potentialinteresse des Fötus.

Und genau hier stellt sich das Problem der Abgrenzung ein, das Böhmer, bewusst oder unbewusst, markiert, wenn er von einer „leichtfertigen Einstellung zu werdendem Leben“ spricht, die u. U. zu einer leichtfertigen Einstellung zu neugeborenem Leben führen könnte. Denn: Was hindert uns – vom Standpunkt des „Interesses“ ausgehend – eigentlich daran, einen Säugling zu töten, wenn die Tötung eines Fötus kein großes (oder überhaupt kein) moralisches Problem darstellt?

Jemand, der das konsequent bedacht hat, ist Peter Singer. Er vertritt die zur liberalen Abtreibungspraxis passende interessenorientierte utilitaristische Ethik. Für ihn hat die Unfähigkeit von Föten vor der 18. Schwangerschaftswoche „of feeling anything at all, since their nervous system appears to be insufficiently developed to function“[1] die Konsequenz, dass „an abortion up to this point terminates an existence that is of no intrinsic value at all“[2]. Es ist unwahrscheinlich, dass Föten vor der 18. Schwangerschaftswoche fähig sind, etwas zu empfinden, weil ihr Nervensystem noch nicht genug entwickelt ist. Deshalb beendet eine Abtreibung vor der 18. Schwangerschaftswoche eine Existenz, die überhaupt keinen Wert an sich hat.

Also: Singer ist der Meinung, menschliches Leben habe (in diesem Stadium) „no intrinsic value at all“, „keinen Wert an sich“. Singer schlägt deshalb vor, „dem Leben eines Fötus keinen größeren Wert zuzubilligen als dem Leben eines nichtmenschlichen Lebewesens auf einer ähnlichen Stufe der Rationalität, des Selbstbewußtseins, der Wahrnehmungsfähigkeit, der Sensibilität etc.“[3] Als eine Folge der Orientierung an Empfindungsfähigkeit bzw. an dem utilitaristischen Interessenbegriff trennt Singer nicht Menschen von Tieren, sondern Personen (Wesen, mit der Fähigkeit, Interessen zu entwickeln) von „Nicht-Personen“ (Wesen, die diese Fähigkeit nicht haben). Dabei gehören „some nonhuman animals“[4] in die erste Gruppe (etwa Affen), jeder menschliche Fötus jedoch in die zweite, denn: „no fetus is a person“[5].

Wer aufgrund des Prinzips der Interessenerwägung alle Wesen unterschiedslos auf Präferenzbildungsfähigkeit hin untersucht, muss auch die letzte Konsequenz aus dieser Argumentation ziehen: „Tötet man eine Schnecke oder einen 24 Stunden alten Säugling, so vereitelt man keine Wünsche […], weil Schnecken und Neugeborene unfähig sind, solche Wünsche zu haben.“[6] Nicht das Lebensrecht des Embryo, nicht das des Fötus, sondern das des Neugeborenen wird hier von Singer mit Hilfe eines utilitaristischen Konzepts, welches das Lebensrecht an die Fähigkeit bindet, Wünsche, Interessen und Präferenzen zu haben, in Frage gestellt bzw. auf die Ebene des Lebens einer Schnecke gedrückt.

Zugegeben: Die meisten Menschen, in denen – aus welchen Gründen auch immer – der furchtbare Gedanke reift, ihr Baby zu töten, werden diese perfide Argumentation nicht kennen. Doch kann sich diese Denkweise zu einem ideologischen Überbau auswachsen, der den sowieso schon leichtfertigen Umgang mit menschlichem Leben noch weiter erleichtert. Darauf verwiesen zu haben, ist Wolfgang Böhmers bleibendes Verdienst.

Anmerkungen:

[1] Peter Singer: Practical Ethics. Cambridge 1979, S. 118.
[2] Ebd.
[3] Peter Singer: „Schwangerschaftsabbruch und ethische Güterabwägung“, in: Hans-Martin Sass (Hg.), Medizin und Ethik. 2. Aufl., Stuttgart 1994, S.139-159, hier: S. 154 f.
[4] Singer: Pract. Eth., S. 97.
[5] Singer: Pract. Eth., S. 118.
[6] Peter Singer: Praktische Ethik. 2. Aufl., Stuttgart 1994, S. 122.

(Josef Bordat)

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Von Leben, Lehre und Geschwindigkeitsbegrenzungen

So erfreulich es ist, dass die „Rheinische Post“ („Kultur im Gelderland“, S. C4) gestern in ihrer Printausgabe ausführlich auf die Veranstaltung morgen in Straelen hinweist, muss ich an einer Stelle des Textes doch noch mal einhaken. Dort wird meine Position, die katholische Morallehre sei die entscheidende Prüffolie bei der Gewissenbildung, mit ein wenig Häme („schreibt Bordat im Jahr 2019“) kontextualisiert („In einer Zeit, in der die Kirche drauf und dran ist, den letzten Kredit als moralische Instanz zu verspielen“).

Mit dieser Formulierung wird suggeriert, eine aktuelle Schieflage (es gäbe auch historische Beispiele) innerhalb der Katholischen Kirche untergrabe die Bedeutung der katholischen Lehre für den Menschen. Das tut sie de facto sicherlich (und das macht die Vergehen von Priestern und Bischöfen insoweit besonders schlimm), weil die Motivation der einzelnen Gläubigen sinkt, sich überhaupt nur mit ihr zu beschäftigen, wenn schon „die da oben“ sich (offenbar) nicht dran halten.

Das bedeutet aber nicht, die Lehre gelte nicht mehr oder könne in den sperrigen Passagen einfach so geändert werden – orientiert an einer „Praxis“, die die Lehre missachtet (wenn sie sie überhaupt kennt). Wenn in Deutschland die Zahl der Verkehrstoten steigt, bedeutet das ja auch nicht, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Ampeln und Stoppschilder seien überflüssig. Im Gegenteil: Weil sich (offenbar) kaum einer dran hält, haben wir die Probleme. Auch, wenn manche Ampel dauernd auf „Rot“ steht (und das ziemlich nervt), kann man sie nicht einfach ausschalten. Man müsste zunächst mal schauen, warum man sie dort aufgestellt hat.

Es entsteht in der oben zitierten Passage so ein wenig der Eindruck, als sähe ich weltfremd oder gar ignorant über die aktuellen Probleme der Kirche hinweg. Dem ist natürlich nicht so! Ich bin aber der Meinung, dass sie nicht wegen, sondern trotz der katholischen Morallehre entstanden sind. Leben und Lehre sind zu unterscheiden! Wenn Menschen in einem sozialen Kontext (hier: „Katholische Kirche“) versagen, folgt daraus nicht die Untauglichkeit der Moral, die diesen Kontext prägt / prägen sollte (hier: „Katholische Morallehre“).

Das Gewissen des Einzelnen darf auch weiterhin an dieser Lehre Maß nehmen – aus meiner Sicht sollte es das auch. Die Möglichkeit, an diesem hohen Maß zu scheitern, ist dabei eingeschlossen. Die Messlatte abzusenken, nur um sie ja nicht mehr zu reißen, wäre hingegen keine ethisch kluge Strategie. Das wäre so, als höben wir Geschwindigkeitsbegrenzungen auf, um am Ende keine Raser mehr zu haben.

Also: Fehlverhalten innerhalb der Kirche diskreditiert nicht die Lehre in ihrer Funktion als Richtschnur für das Gewissen. Fehlverhalten innerhalb der Kirche sollte vielmehr Anlass geben, sich erneut mit der Bedeutung der Lehre für die Gewissensbildung auseinanderzusetzen. Denn irgendwo kam der Kredit, von dem nicht ganz zu Unrecht gesagt wird, er werde verspielt, ja mal her.

(Josef Bordat)

RB Welt

Was für ein Finale! Bayern gegen Rasenball. Die einen haben ein halbes Jahrhundert lang hart gearbeitet und den allgemeinen Neid der Konkurrenz ehrlich erworben. Und die anderen entstanden, weil jemand, der mit koffeinhaltiger Brause Geld verdient hat, sich dachte: „Formel 1 – OK. Aber was mach ich samstags?“ So hatte er eben eine Idee: „Bundesliga!“ Suchte sich ein freies Grundstück, baute einen Sportplatz und gründete den Rasenball-Verein.

Obwohl – „Verein“ ist es ja eigentlich nicht. Ein Verein hat Mitglieder, einen Kassenwart und einen stellvertretenden Schriftführer fürs Protokoll. Das will niemand machen, aber gerade das ist die Chance für die stillen Intellektuellen. Im Verein ist für jeden gesorgt. Rasenball hat Rasen und Ball. Und ein kompliziertes Geflecht aus Firmen und Geschäftsführern und Sponsoren. Deren Geschäftsführer nicht zu vergessen.

Während sich also die Bayern-Bosse jedes Jahr der ominösen Basis stellen muss, verzichtet Rasenball einfach darauf – auf die Basis. Praktisch. Und wegweisend. Zum Beispiel für die Politik. Immer diese energiesaugenden und zeitraubenden Delegiertenversammlungen mit ihren endlosen Tagesordnungen. Was den Bayern ihre Fans sind der Union ihre Kommunalpolitiker. Immer was zu meckern. Und am Ende „selbst für die schlechte Stimmung verantwortlich“ (U. Hoeneß).

Natürlich würde die RB-Partei vom Parteiengesetz ausgenommen, von wegen Demokratie und so. Das ist ja kein Problem. Was im Fußball geht, geht auch in der Politik. Und umgekehrt. Gewinnen, Verlieren, Auswechseln. Rote Karte. Also. Wenn man schon dabei ist, könnte man dann gleich die EU zur RB umformen. Motto: Hier tritt man nicht aus. Hier fliegt man raus. Fertig ist das neue Europa.

Und warum bei den Neuerungen in der Alten Welt stehen bleiben? Die UN könnten doch auch zu den RB werden. Globalisierung aus einer Hand. Die vielen Mikrostaaten, die ständig dazwischenfunken, weil sie im Meer zu versinken drohen, bekommen Gratis-Brause und das Finanzierungsproblem der Weltgemeinschaft wäre auch gelöst. Wie bitte: Zu viel Macht für Einzelne? Tradition? Ja, wo leben Sie denn! Immer diese Fußball-, Politik-, EU- und UN-Romantiker!

Viel Spaß beim Spiel – im genderneutralen Berliner Olympiastadion.

(Josef Bordat)

Der Missbrauch Mariens

Ein Plakat macht die Runde in den Sozialen Medien. Es zeigt Maria als Teil der primären weiblichen Geschlechtsorgane. Es steht im Zusammenhang mit den Forderungen des „Kirchenstreiks“ („Maria 2.0“), bei dem es um eine bessere Wahrnehmung und höhere Wertschätzung der Frauen in der Kirche geht.

Und nun dieses Plakat. Ganz abgesehen davon, dass es von Katholiken jedweden Geschlechts als Verunglimpfung der Gottesmutter empfunden werden kann, so ist es doch vor allem eines: frauenfeindlich.

Wenn ich den Feminismus nicht völlig falsch verstehe (was möglich ist), dann geht es ihm doch auch um die Kritik der Reduktion von Weiblichkeit auf Körper und Geschlechtsmerkmale, wie sie oft gerade von Männern vorgenommen wird, etwa im Zusammenhang mit Prostitution, aber auch in der Werbung und den Medien.

Und nun das. Wie soll ich das verstehen? Eine Provokation, die Aufmerksamkeit erzielen will – OK. Man soll endlich drüber reden – auch verständlich. Aber das alles um den Preis des Verrats an einer Grundsäule der Frauenbewegung: Es lohnt zu erwägen, dass eine Frau mehr sein könnte als ihre verfügbare Physis.

Schließlich fällt die für das Plakat verantwortliche Fachschaft des Instituts für katholische Theologie der Universität Freiburg der Initiative „Maria 2.0“ gehörig in den Rücken: mit dem darauf erkennbaren reduktionistischen Frauenbild und einem Zugang zur Gottesmutter, der vor effektheischender Instrumentalisierung nicht zurückschreckt.

(Josef Bordat)

Parteipräferenz und Rechtsextremismus

In der FES-Studie zur Mitte der Gesellschaft, aus der ich bereits einige Schlaglichter vorgestellt hatte, gibt es ein Unterkapitel zum Thema „Rechtsextreme Einstellungen und politische Selbstpositionierung“. Interessant, was dabei über die Einstellung von Anhängern unterschiedlicher politischer Parteien zu Tage gefördert wurde.

Stichwort: Diktatur. Wer hätte gerne eine Diktatur? Während der Anteil der Diktatur-Befürworter, die nicht die AfD wählen würden, zwischen 0,5 Prozent (FDP) und 1,7 Prozent (CDU/CSU) schwankt, beträgt er bei den AfD-Anhängern 14,3 Prozent. Jeder siebte AfD-Wähler wünscht sich also, dass seine Wahl die letzte sei.

Stichwort: Verharmlosung des Nationalsozialismus. Hier liegen die Anhänger von CDU/CSU (0,2 Prozent) und Bündnis90/Die Grünen (0 Prozent) fast gleichauf, gefolgt von SPD, Linken und FDP, wo mit 1 bis 2 Prozent Anteil die Verharmloser des Nationalsozialismus ebenfalls marginalisiert sind. Anders in der AfD-Anhängerschaft: Hier verharmlosen 10,3 Prozent den Nationalsozialismus. Jeder zehnte AfD-Wähler verharmlost den Nationalsozialismus, was gut zu dem Diktatur-Befund passt.

Stichwort: Fremdenfeindlichkeit. Am deutlichsten heben sich die AfD-Anhänger bei den Einstellungen vom Rest der Bevölkerung ab, die auf Fremdenfeindlichkeit deuten. Während bei allen anderen Parteien die Wählerschaft zu über 90 Prozent keine fremdenfeindlichen Positionen vertritt (am größten ist der Anteil der Fremdenfeinde hier erstaunlicherweise bei der SPD, mit immerhin 8,4 Prozent), zeigen 42,1 Prozent der AfD-Anhänger fremdenfeindliche Tendenzen. Geht man davon aus, dass zumindest ein Teil der AfD-Anhänger bei Umfragen prinzipiell vorsichtig ist, um das Image der präferierten Partei nicht noch weiter zu beschädigen, so liegt es nahe zu sagen, dass rund die Hälfte der AfD-Anhänger fremdenfeindliche Haltungen zeigen.

Stichwort: Antisemitismus. Hier ist das Ergebnis hochinteressant, denn es sind mit 3,8 Prozent nicht die AfD-Anhänger, die hier führend sind (was nach den anderen Quoten anzunehmen wäre), sondern die Wähler der FDP (7,2 Prozent). Die Wahrscheinlichkeit, bei den Liberalen einem Antisemiten zu begegnen, ist also etwa doppelt so hoch wie die, bei der AfD auf einen Antisemiten zu treffen. Auch bei den Unionsanhängern ist der Anteil von Menschen mit antisemitischen Haltungen höher als unter den AfD-Anhängern (4,2 Prozent).

Sind hier die AfD-Anhänger einfach noch vorsichtiger, weil sie wissen, dass der Antisemitismus eine rote Linie darstellt? Gibt es unterschiedliche Motive für den Antisemitismus, so dass es auch die Anhänger wirtschaftsliberaler Parteien mitreißt? Oder gibt es Antisemiten schlicht immer und überall (selbst bei den Linken und Grünen gibt es unter 1000 Wählern zwei bzw. acht Antisemiten) – aus welchen Gründen auch immer? Letzteres ist zu befürchten, wobei andererseits weit über 90 Prozent der Menschen hierzulande gegen das Gift des Antisemitismus immun zu sein scheinen – unabhängig davon, was sie sonst noch für Einstellungen haben. Das ist die gute Nachricht.

(Josef Bordat)

Es ist nicht alles schlecht

Sicher: Ob man jeden Fortschritt begrüßen kann, ist fraglich. Auch wissen wir nicht, was noch auf uns zukommt – Stichwort: Klimawandel. Dennoch: Es ging uns noch nie so gut wie heute. Leider vergessen wir das manchmal.

Früher wurden die Menschen vierzig, heute werden sie achtzig Jahre alt. Und älter.

Früher musste eine Frau zehn Kinder gebären, um zu erleben, wie eins davon erwachsen wird. Heute reicht es dafür im Durchschnitt, wenn sie ein Kind bekommt.

Früher sind die Menschen an Karies gestorben, weil die Entzündung in den Kopf gewachsen ist. Heute geht man zum Zahnarzt, wird – praktisch schmerzfrei – behandelt und beschwert sich dann noch, wenn man zehn Minuten warten musste.

Früher sind die Menschen von Berlin nach München gelaufen. Das dauerte wochenlang. Sie wurden auf dem Weg mit großer Wahrscheinlichkeit von Wölfen angefallen oder beraubt. Heute setzen wir uns in den ICE, sind vier Stunden später da, haben auf dem Weg noch E-Mails geschrieben oder Zeitung gelesen und beschweren uns, wenn das Bier, das wir dabei getrunken haben, nicht kalt genug war.

Früher sind die Regierenden gekommen und haben sich genommen, was sie haben wollten, und wenn man was dagegen gesagt hat, wurde man umgebracht. Heute beschweren wir uns andauernd über die Regierenden, die wir uns zuvor aussuchen durften, und reden dann von mangelnder Meinungsfreiheit.

Früher haben Menschen für die Demokratie gekämpft – das war vor dem Totalitarismus des 20. Jahrhunderts mit zwei Weltkriegen, mit Völkermorden und Millionen Toten. Heute gibt es einige, die sie, die Demokratie, am liebsten wieder abgeschafft sähen. Nach und trotz der Erfahrung jenes Totalitarismus.

Früher wurde in Mitteleuropa praktisch täglich die Todesstrafe verhängt – für Mord, Hexerei, Diebstahl. Heute ist die Todesstrafe in Mitteleuropa abgeschafft.

Frauen, Kinder, Behinderte, Kranke, Alte, Fremde, Andersdenkende, Ungläubige, Homosexuelle hatten früher Glück, wenn man ihre Würde achtete. Heute haben sie in Europa ein Recht darauf.

Früher haben die Menschen täglich 16 Stunden gearbeitet und acht Stunden geschlafen. Heute arbeiten die Menschen acht Stunden am Tag, schlafen acht Stunden und weitere acht Stunden bleiben ihnen für etwas, das es erst seit kurzem gibt: Freizeit.

Früher hatten die Menschen in und um Berlin die Wahl zwischen Rüben und Karotten, die sie zuvor anbauen mussten. Heute haben sie die Wahl zwischen 2000 Restaurants mit Speisen aus über 100 Ländern, die sie sich liefern lassen können.

Früher haben sich viele Menschen ihr Leben lang nie weiter als 20 Kilometer vom Ort ihrer Geburt entfernt. Heute legen die meisten Menschen größere Entfernungen zurück. Täglich.

Früher war alles besser. Meinen einige Leute, heute.

(Josef Bordat)

Warum man die Meinung, es sei geboten, Homosexuelle zu steinigen, nicht tolerieren muss

Ich bin davon überzeugt, dass es moralisch falsch ist, Homosexuelle zu steinigen. Nun gibt es aber Menschen, die sind da anderer Ansicht und erwarten – im Zuge des freiheitlichen Meinungspluralismus – Toleranz für ihre Haltung. Der Sultan von Brunei, zum Beispiel. Ich wiederum halte selbst das für falsch: die Toleranz gegenüber dieser anderen Ansicht. Nur: Wie kann ich das begründen, über meine Empörung und mein sittliches Empfinden hinaus, ohne den Verweis auf bei uns geltende Sitten und Regeln? Denn Gefühle sind keine Argumente und auf „bei uns“ könnte ja entgegnet werden: „Schön – bei uns aber nicht!“ Andere Länder, andere Sitten. Wie also begründen wir die Intuition (wenn wir sie denn haben), dass es für die Todesstrafe bei ausgeübter Homosexualität keine Toleranz geben kann?

Das ist gar nicht so einfach. Eine erste Antwort könnte sein, dass wir grundsätzlich keine Abweichungen von unserer Sicht der Dinge dulden. Das führte dann aber dazu, mit so ziemlich allen anderen Menschen und Völkern ständig im Konflikt zu leben. Eine zweite, etwas differenziertere Antwort könnte lauten, dass wir Abweichungen von unseren Regeln nur dann dulden (müssen), wenn dabei keine vernünftigen Grundsätze unserer übergeordneten Auffassung von Gerechtigkeit verletzt werden. Hier kämen zwei dieser Grundsätze in Frage: das Recht auf Leben und das Recht eines Unschuldigen, nicht bestraft zu werden.

Bei letzterer Begründung ist zu zeigen, dass zwischen gelebter Homosexualität und Schuld kein Zusammenhang besteht, soweit hier staatlich zu sanktionierende Schuld gemeint ist – nur um die geht es. Das haben wir (in Deutschland) bis vor relativ kurzer Zeit noch etwas anders gesehen, mittlerweile sehen wir es aber genau so. Nun aber könnte uns entgegnet werden: „Gut – wir sehen das aber nach wie vor anders!“ Nun müsste man sich auf eine Definition von Schuld einigen, in der etwa die Absicht zu einer bestimmten Handlung grundlegend ist. Eine „Absicht, homosexuell zu sein“ gibt es nicht (wir setzen voraus, dass wir uns in diesem Punkt einig werden), wohl aber gibt es eine Absicht zur (homo)sexuellen Handlung. Damit wäre die notwendige Bedingung also erfüllt.

Hinreichend kann aber von Schuld nur dann gesprochen werden, wenn ein Dritter aufgrund eines absichtsvollen Handelns Nachteile erleidet. Hier müsste der Diskussionspartner, etwa der Sultan von Brunei, schon sagen, wer das sein soll. Er könnte sagen: „Das Volk!“ und sich insoweit auf das sittliche Empfinden der Mehrheit seines Volkes zurückziehen, das man dann befragen müsste. Angenommen, die Mehrheit der Menschen in Brunei spräche sich tatsächlich entsprechend aus – wäre die Strafbarkeit homosexueller Handlungen im Rahmen einer allgemein anerkannten Rechtslogik damit begründet? Doch nur für die Fälle, in denen die Öffentlichkeit Kenntnis von homosexuellen Handlungen erlangt. Damit schrumpfte das Spektrum strafbarer Handlungen auf Fälle willentlicher öffentlicher Ausübung von Homosexualität zusammen. Das ist die eine Seite: Im Rahmen allgemeiner sittlicher Schranken ausgelebte Homosexualität sollte – mangels Wahrnehmungsmöglichkeit – Niemanden schädigen, ist daher nicht strafbar, darf also – dem vernünftigen Grundsatz folgend – nicht bestraft werden. Deshalb ist unsere Intoleranz berechtigt.

Jetzt zur Todesstrafe und zum Recht auf Leben. Hier ist es weniger aussichtsreich, die Intoleranz rational zu begründen, denn eine Argumentation gegen die Todesstrafe für Homosexuelle liefe immer dann ins Leere, wenn sie sich allein auf diese Fälle bezöge, man aber nicht die Todesstrafe an sich als einen Eingriff in das Lebensrecht ansähe. Auch andere Eingriffe in das Lebensrecht müssten gleichsam zurückgewiesen werden, um eine stringente Position zu entwickeln. Hier zeigt sich der Westen, trotz geteilter Grundwerte, viel zu uneins, um das unbedingte Lebensrecht des Menschen global durchsetzen zu können – diskursiv, wohlgemerkt. Dass es sich bei der Steinigung als Hinrichtungsmethode um eine besonders brutale Form der Exekution handelt, kann die Argumentation bestenfalls flankieren, aber nicht die Begründung dafür liefern, warum wir die Brunei-Regel nicht tolerieren. Der Verweis auf die Härte und Bestialität der Strafe ist also keine rationale Basis unserer Intoleranz, wenn und soweit wir a) die Todesstrafe nicht allgemein ächten und b) das Lebensrecht aller Menschen nicht allgemein durchsetzen.

In der Summe ist es also das Recht eines Unschuldigen, nicht bestraft zu werden, das unsere Intoleranz gegenüber der Steinigung von Homosexuellen in Brunei begründet. Das ist keine westliche Sitte, sondern ein kulturübergreifender Grundsatz der Vernunft. Er gilt immer und überall, auch heute, auch in Brunei.

(Josef Bordat)