Beachtliches Ergebnis

Laut aktuellem ARD-DeutschlandTrend sind 15 Prozent der Deutschen für und 39 Prozent der Deutschen gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform. Es gibt also mehr als doppelt so viele Gegner wie Befürworter. Das überrascht kaum. Das eigentlich Erstaunliche an dem Ergebnis: Fast die Hälfte der Befragten (44 Prozent) gibt zu, dass ihr für ein fundiertes Urteil das Hintergrundwissen fehlt („kann ich nicht beurteilen“). Beachtlich für die heutige Zeit, in der doch jede und jeder zu allem eine Meinung hat.

(Josef Bordat)

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Down-Syndrom: Dringend zu vermeidender Schadensfall?

Heute, am 21.3., findet der Welt-Down-Syndrom-Tag statt. Diesen Tag haben die Vereinten Nationen eingerichtet, um auf das Thema Trisomie 21 aufmerksam zu machen und für eine bessere Integration von Menschen mit Down-Syndrom in unserer Gesellschaft zu werben. Die Nähe zum Frühlingsanfang ist dabei eine schöne Koinzidenz.

Trisomie 21 meint die Verdreifachung des 21. Chromosoms, eine Genmutation, die zum Down-Syndrom führt. Entdeckt hat sie der Kinderarzt und Genetiker Jérôme Lejeune. Als Mediziner forschte er an der Heilung dieses Gendefekts, als Christ setzt er sich für das Recht auf Leben behinderter Kinder ein, und damit auch gegen die Auswahl und Abtreibung von Embryonen mit Trisomie 21. Dafür wiederum hatte er mit seiner Entdeckung die diagnostischen Grundlagen geschaffen – eine Tragik, die ihm sehr nahe ging. Am 3. April dieses Jahres erinnern wir uns an seinen 25. Todestag.

Es geht also beim Welt-Down-Syndrom-Tag darum, die Integration von Menschen mit Down-Syndrom in unserer Gesellschaft zu befördern. Die beste Integration ist Inklusion – volle Teilhabe, ohne Einschränung. Inklusion von Menschen mit Down-Syndrom in unserer Gesellschaft – das ist immer noch ein Problem. Dafür zu werben, scheint immer noch bitter nötig zu sein. Laut einer Studie aus dem Jahr 2001 muss sich die Mehrzahl der Eltern eines Kindes mit Down-Syndrom (72 Prozent der befragten Mütter, 100 Prozent der befragten Väter) nach der Geburt dafür rechtfertigen, warum keine pränatale Diagnostik in Anspruch genommen wurde. Gemeint ist: So etwas muss doch heute nicht mehr sein! Tatsächlich entscheiden sich neun von zehn Frauen in Deutschland nach einem positiven Pränataltest auf Trisomie 21 für eine Abtreibung. Island rühmt sich damit, „Down-frei“ zu sein, in Holland gibt es den Traum von einer „Down-freien“ Gesellschaft.

Was ist das eigentlich, das nicht mehr sein darf? Mal ganz abgesehen davon, dass man eher behindert wird, als dass man behindert ist, gelten Menschen mit Down-Syndrom als „geistig“ rückständig (wohl besser: kognitiv eingeschränkt). Das heißt: Sie schneiden bei einem Intelligenztest schlechter ab als der Durchschnitt der Bevölkerung. In einer Cogito-Gesellschaft, in der ein gutes Abschneiden bei einem Intelligenztest zum Würdeausweis wird, bedeutet das folgerichtig einen Mangel an Würde bis hin zum Verlust derselben.

Die meisten Kinder mit Trisomie 21 können heute Lesen und Schreiben lernen und erwerben Grundkenntnisse im Rechnen. Zudem häuft sich die Zahl der Menschen mit Down-Syndrom, die einen höheren Bildungsabschluss erlangen. Selbst das erfolgreiche Absolvieren eines Hochschulstudiums mit Trisomie 21 ist offenbar möglich, wie die Literaturwissenschaftlerin Aya Iwamoto und der Lehrer Pablo Pineda zeigen. Zwar wird dies die Ausnahme bleiben, andererseits ist zu fragen, ob denn das Lebensrecht erst mit der Promotion erworben wird.

Es scheint generell bei Menschen mit Trisomie 21 so zu sein wie bei Menschen ohne Trisomie 21: Wichtig ist die individuelle Fähigkeit und die Förderung, die eine Person erhält. Zwar wird der Anteil der Akademiker mit Down-Syndrom wohl auch in Zukunft unterdurchschnittlich bleiben, doch je selbstverständlicher die Integration im Rahmen der Früherziehung funktioniert, je sensibler Erzieher und Lehrerinnen reagieren, kurz: je mehr wir wissen über den vielgestaltigen Phänotyp dieser Genanomalie, desto besser werden betroffene Menschen ihr Leben führen können.

Was auffällt: Menschen mit Trisomie 21 bereichern als Künstler und Sportler unsere Kultur. Schauspieler wie Mirco Kuball und Gewichtheber Lukas Schütterle (Deutscher Meister im Kraftdreikampf) zeigen das Potential von Menschen mit Down-Syndrom. Und: Kinder mit der Genanomalie fallen den Erzieherinnen und Erziehern überdurchschnittlich oft positiv auf, wegen ihres vorbildlichen Sozialverhaltens und ihrer besonderen Emotionalität. Menschen mit Down-Symdrom sind meist lieb, nett, gesellig, ehrlich, unterhaltsam, offen, sozial und glücklich.

Anders sieht das die US-Justiz: Für sie ist ein solches Menschleben ein „Schadensfall“, dessen fahrlässige oder vorsätzliche Nichtverhinderung ersatzpflichtig macht. In den Vereinigten Staaten gab es 2012 für die Eltern eines nicht diagnostizierten Trisomie 21-„Falles“ drei Millionen Dollar Schadensersatz. Wie fühlt sich wohl ein Mensch, der erfährt, dass seine Eltern eine Menge Geld als Entschädigung dafür bekommen, dass er lebt? Und was bleibt von der Beschwichtigung übrig, Trisomie 21-Testverfahren mit Tötungsrecht bei positivem Ergebnis führten nicht zur Diskriminierung von Menschen mit Down-Syndrom? Richtig: Es löst sich in Luft auf, wenn das Leben eines Menschen mit Down-Syndrom, der dem Test durch die Lappen ging, künftig mit drei Millionen Dollar Schadensersatz belegt wird. Die Aussage, die dahinter steht: Du bist für uns eine Katastrophe! – Ist das Diskriminierung? Entscheiden Sie selbst, ob es für einen Menschen angenehm ist, das Äquivalent eines Hochwassers zu sein. Denn dafür gibt es sonst Schadensersatz.

Der Mensch als „Schaden“, das Leben als „Schadensfall“. Wer so einen „Schaden“ liebevoll großzieht, sieht sich in Zeiten, wo das „ja nicht mehr sein muss“, sozialem Druck ausgesetzt. Denn nicht Inklusion, sondern Selektion ist das Gebot der Stunde – Welt-Down-Syndrom-Tag hin oder her! Darauf aufmerksam zu machen, gehört daher auch zu den traurigen Obliegenheiten eines solchen Tages, der eigentlich ein Feiertag ist, ein Tag, das Leben zu feiern, sei es behindert oder nicht.

(Josef Bordat)

Wer weiß?

„Keine Ahnung!“ Wenn Sie diesen Satz heute (noch) öfter hören als sonst, könnte es daran liegen, dass die deutsche Version des Weltwissens für 24 Stunden Pause hat, sprich: Wikipedia ist offline. Man möchte damit „gegen Teile der geplanten EU-Urheberrechtsreform“ protestieren, die „am 27. März vom Parlament der Europäischen Union verabschiedet werden“ sollen.

Begründung: „Die geplante Reform könnte dazu führen, dass das freie Internet erheblich eingeschränkt wird. Selbst kleinste Internetplattformen müssten Urheberrechtsverletzungen ihrer Userinnen und User präventiv unterbinden (Artikel 13 des geplanten Gesetzes), was in der Praxis nur mittels fehler- und missbrauchsanfälliger Upload-Filter umsetzbar wäre. Zudem müssten alle Webseiten für kurze Textausschnitte aus Presseerzeugnissen Lizenzen erwerben, um ein neu einzuführendes Verleger-Recht einzuhalten (Artikel 11). Beides zusammen könnte die Meinungs-, Kunst- und Pressefreiheit erheblich beeinträchtigen.“

In der Tat wäre es problematisch, wenn Algorithmen darüber zu entscheiden hätten, wann ein Verstoß gegen das Urheberrecht vorliegt, wann ein aus anderen Gründen rechtswidriger und wann ein schlicht nur unliebsamer Inhalt hochgeladen wird. „Sicherheitshalber“ werden viele Anbieter wohl dazu übergehen, Uploads generell einem zeitaufwändigen Verfahren zu unterwerfen, was dazu führen wird, dass viele Nutzer entnervt aufgeben. Das Internet würde ärmer werden.

Viele Menschen protestierten gegen die geplante EU-Urheberrechtsreform. Man bekommt den Eindruck, „Brüssel“ stelle sich „mal wieder“ gegen den Willen „des Volkes“. Ist überhaupt jemand dafür. Ja, etwa die „Initiative Urheberrecht“, die von Schriftstellerverbänden (etwa „pen“ oder dem „Verband deutscher Drehbuchautoren“), Künstlervereinigungen („Deutscher Künstlerbund“, „Union Deutscher Jazzmusiker“ etc.) und Gewerkschaften (ver.di, DGB) getragen wird.

Sie hat ein „Manifest“ veröffentlicht, aus dem die Gründe für die Unterstützung der EU-Urheberrechtsreform hervorgehen. Dort heißt es u.a.: „Gegen die Behauptung, mit Artikel 13 könnten Uploadfilter verbindlich vorgeschrieben werden, argumentiert das Manifest, dass ‚nur kommerzielle Plattformen, deren Hauptzweck das Monetarisieren und Kuratieren von großen Mengen urheberrechtlich geschützter Inhalte ist, indem sie diese der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich machen‘, eine Lizenz erwerben müssen“. Die Sache ist also alles andere als eindeutig.

Ich persönlich lebe vom Schreiben. Ich bin darauf angewiesen, dass die Erträge meiner Arbeit in irgendeiner Form verwertbar sind. Das sind sie aber nur, wenn sie als Rechtsgut geschützt sind. Sollten Sie also der Meinung sein, dass alles für alle jederzeit und überall frei (also: kostenfrei) sein sollte, nur, weil es (im Internet) de facto greifbar ist, dann denken Sie daran: Auch Autoren müssen Miete zahlen. Und es gibt unter diesen nicht nur Paulo Coelhos und Joanne K. Rowlings.

(Josef Bordat)

Drei Jahre „Amoris laetitia“

Amoris laetitia (zu deutsch: „Die Freude der Liebe“) ist ein Schreiben von Papst Franziskus vom 19. März 2016, in dem der Heilige Vater die Ergebnisse der Weltbischofssynoden von 2014 und 2015 zur Erneuerung der kirchlichen Ehe- und Familienlehre und -seelsorge zusammenfasst. Kaum war das Papier veröffentlicht, hagelte es Kommentare, Beurteilungen und Einschätzungen. Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell einige Menschen sehr lange Texte zu äußerst komplexen Sachverhalten lesen, verstehen und geistesgeschichtlich einordnen können. Aber das nur nebenbei.

Zur Wirkungsgeschichte des Schreibens

Mittlerweile sind drei Jahre vergangen und es ist einiges passiert. Eine Frage stand immer wieder im Zentrum der moraltheologischen Diskussionen: Darf und soll wiederverheirateten Geschiedenen der Zugang zu den Sakramenten ermöglicht, insbesondere der Empfang der Heiligen Kommunion erlaubt werden? Im Streit um diese Frage haben sich die deutschen Bischöfe für eine größere Offenheit in begründeten Einzelfällen ausgesprochen: „Eine Entscheidung für den Sakramentenempfang gilt es zu respektieren“, heißt es entsprechend in einem mit Spannung erwarteten Bischofswort zu Amoris laetitia, das die Deutsche Bischofskonferenz 2017 verabschiedet hat. Es trägt den etwas sperrigen Titel „‚Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche‘ – Einladung zu einer erneuerten Ehe- und Familienpastoral im Licht von Amoris laetitia“. Mit diesem Papier gehen die deutschen Bischöfe wieder einmal weiter als die Hirten in anderen Teilen der Welt. Sie setzen gewissermaßen die Tradition fort, die mit der Königsteiner Erklärung (1968) begann. 2018 stand dann das „World Meeting of Families“ in Dublin ganz im Zeichen von Amoris laetitia, ohne dabei eine klare Richtung vorzugeben. Zwischen überhohen Ansprüchen – die Familie als Spiegelbild des Beziehungsideals der Perichorese –, echtem Bemühen um die Heiligung der Partnerschaft (junge Paare gaben in Dublin glaubwürdig Zeugnis), dem Scheitern von Beziehungen und dem Druck der säkularen Gesellschaft wird der kirchliche Familienbegriff immer unschärfer, geklammert einzig von der „Freude der Liebe“. Damit kann am Ende jedoch Beliebiges in das Konzept der Familie hineingetragen werden kann. Das zeigten auch die Tage von Dublin deutlich.

Schlüsselbegriff: Gewissen

Zentral ist in allen Debatten immer wieder ein Begriff: Gewissen. Auch die Bischöfe betonten 2017, dass es keinen „Automatismus in Richtung einer generellen Zulassung aller zivilrechtlich wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten“ gebe, sondern dass dies eine individuelle Gewissensentscheidung sei. Der Gewissensentscheidung müssten eine ernsthafte Prüfung und ein von einem Seelsorger begleiteter geistlicher Prozess vorausgehen. An dessen Ende stehe „nicht in jedem Fall der Empfang der Sakramente von Buße und Eucharistie“. Es geht also wieder um eine Gewissensentscheidung, die sich gegen eine Norm richtet – und durchdringt. Damit setzen die deutschen Bischöfe die durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) begonnene Stärkung des Gewissenskonzepts in der katholischen Morallehre fort, dessen große Wertschätzung man jedoch bis Thomas von Aquin zurückverfolgen kann (vgl. dazu Das Gewissen. Ein katholischer Standpunkt. Rückersdorf 2013, S. 68-80).

Dabei ist das mit dem Gewissen schon so eine Sache. Im Gewissensgebrauch trifft die subjektive Perspektive des Individuums (also: des Gläubigen) auf die objektive Normativität der Gemeinschaft (also: der Kirche). Während aus dem Blickwickel des Subjekts Beliebiges erkannt werden kann und der Gewissensgebrauch damit in einen „So sehe ich das!“-Relativismus herabzusinken droht, der Authentizität und persönliches Wohlergehen zu den alleinigen Kriterien von Moral macht, kann die objektive Ordnung durch zu starke Verbindlichkeit jeden Spielraum eigener Verantwortungsübernahme des Einzelnen zunichte machen. Wird der Gewissensgebrauch im Subjektivismus durch Relativität und fehlende Verbindlichkeit in Bezug auf die objektive Norm- und Wertordnung in seiner Unberechenbarkeit zur Gefahr für die Allgemeinheit, so wird er im Objektivismus vom Vorrang der Normativität im Keim erstickt. Polemisch gesagt: Das subjektivistisch formierte Gewissen ist zu allem fähig, das objektivistisch eingefasste Gewissen zu nichts zu gebrauchen.

Wenn also in der Moraltheologie vom Gewissen die Rede ist, steht auf der einen Seite die Furcht vor Willkür und Anarchie, vor einem losgelösten Individuum, das die Fähigkeit verloren hat, sich überhaupt noch an allgemeine Werte und Normen zu binden, auf der anderen Seite der Vorwurf, das Gewissen werde in seiner Fähigkeit zur Kritik der Werte und Normen unterschätzt, gerade dadurch, dass man es zu sehr auf eben diese Werte und Normen festlegt. Auf der einen Seite scheint zu gelten: Wenn wir das Gewissen nicht mehr an objektiven Maßstäben messen, sondern dem Einzelnen überlassen, hat jeder die Chance, durch entsprechende Gewissensbildung ein „gutes Gewissen“ zu bekommen, auf der anderen Seite scheinen die objektivistischen Forderungen das Gewissen zu überfrachten und zu lähmen.

Der Gewissensbegriff des Schreibens Amoris laetitia

Das weiß Franziskus natürlich – und holt in Amoris laetitia das Konzept genau in dieser Spannung ab. Er meint: „Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen“ (Nr. 37). Genau darum geht es. Weiterhin zitiert Franziskus die einschlägigen lehramtlichen Texte, in denen das Gewissen eine Rolle spielt, um es als „die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist“ zu definieren (Nr. 222; nach Gaudium et spes, Nr. 16). Das eigentliche Problem liegt nach Franziskus demnach nicht im Gewissensgebrauch, sondern in dem, was wir fälschlicherweise dafür halten: „Um gut zu handeln, reicht es nicht, ’sachgemäß zu urteilen‘ oder ganz klar zu wissen, was man tun muss – obschon das vorrangig ist. Oft sind wir inkonsequent mit unseren eigenen Überzeugungen, selbst wenn diese gefestigt sind. Sosehr unser Gewissen uns ein bestimmtes moralisches Urteil eingibt, haben hin und wieder andere uns anziehende Dinge mehr Macht, wenn wir es nicht erreicht haben, dass das vom Verstand erfasste Gute sich als tiefe gefühlsmäßige Neigung in uns eingewurzelt hat“ (Nr. 265).

Franziskus will also keineswegs, dass das Gewissen als moralischer Joker zum Einsatz kommt, gar als Gegenkonzept zum Gebot. Er will eine dialogische Pastoral, die den einzelnen Menschen in den Blick und das Gewissen ernst nimmt. Er fordert, „dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss“ (Nr. 303). Zunächst aber will Franziskus, dass sich der einzelne Mensch selbst ernsthaft in den Blick nimmt und einen inneren Dialog führt, vor seinem von der Kirche gebildeten (und insoweit „recht geformten“, Nr. 302) Gewissen. Als Synthese formuliert der Heilige Vater schließlich eine etwas sperrige Konzeption des Gewissens für die pastorale Praxis, die jedoch für beide Seiten (für den Gläubigen als Vertreter der Subjektivität und für die Kirche als Hüterin der Objektivität) alles beinhaltet, was eine wohlabgewogene Anleitung zum Gewissensgebrauch benötigt: „Selbstverständlich ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen. Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht. Auf jeden Fall sollen wir uns daran erinnern, dass diese Unterscheidung dynamisch ist und immer offen bleiben muss für neue Phasen des Wachstums und für neue Entscheidungen, die erlauben, das Ideal auf vollkommenere Weise zu verwirklichen“ (Nr. 303).

Also: Papst Franziskus traut dem Gewissen weitreichende Erkenntnis zu, sowohl die Erkenntnis dessen, was falsch läuft (das obliegt zunächst dem einzelnen Gläubigen), als auch die Erkentnis des rechten Umgangs mit dem objektiv Unvollkommenen (hier ist dann vor allem die Kirche bzw. deren seelsorglich-pastoral tätige Mitarbeiterschaft gefragt), angesichts eines konkreten Subjekts, das hier und jetzt eine Antwort der Kirche von Gott her erwartet – vom Gott des Gebots und vom Gott der Gnade; und zugleich wirksame Hilfe bei der wichtigsten Erkenntnis erhalten sollte: dass dieser Gott ein Gott ist, dessen Normen barmherzig sind, dessen Liebe daher geboten werden kann und auf dessen Gnade wir deswegen vertrauen dürfen. Die deutschen Bischöfe schließen sich dieser Position an und konkretisierten sie für den Einzelfall: „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, den Weg der Gewissensbildung der Gläubigen zu vertiefen. Dazu ist es nötig, unsere Seelsorger zu befähigen und ihnen Kriterien an die Hand zu geben. Solche Kriterien einer Gewissensbildung gibt der Heilige Vater in Amoris laetitia in ausführlicher und hervorragender Weise an“.

Impulse für eine gestärkte Familienpastoral 

Wenn begründete Einzelfälle eine so große Aufmerksamkeit erhalten, ist es jedoch umso wichtiger, die Begründung für die allgemeine Geltungskraft moraltheologischer Prinzipien deutlicher als zuvor herauszustellen, also: die Regel angesichts der Ausnahme wieder öfter und genauer in den Blick zu nehmen und argumentativ zu stärken. Auch dazu besteht ja durchaus eine besondere Chance. Nur eine in beide Richtungen gewissenhafte Pastoral ist glaubwürdig und kann die besondere Bedeutung des Sakraments vermitteln. Und der besonderen Rolle des Gewissens gerecht werden. Das nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia soll und kann dabei helfen. Und jenseits der Denkanstöße für eine verfeinerte ethische Methodik kann es pastorale Inhalte im Alltag der Kirche neu ins Bewusstsein rufen: Berlins Erzbischof Heiner Koch, in der Deutschen Bischofskonferenz als Vorsitzender der Familienkommission für das Themengebiet von Amoris Laetitia zuständig, sieht das Schreiben „als eine große Einladung an die Kirche vor Ort, uns noch mehr zu engagieren für Ehen und Familien, im Alltag unserer Gemeinden, in der Ehevorbereitung, in der Begleitung von Eheleuten, aber auch in der Zuwendung zu wiederverheiratet Geschiedenen und Alleinerziehenden“.

Amoris Laetitia kann nicht zuletzt auch durch eine andere Diktion die Familienpastoral stärken: Franziskus wählt in seinem Schreiben eine neue Begrifflichkeit für und eine neue Perspektive auf moraltheologische Schlüsselthemen, ohne damit die Lehre selbst grundsätzlich in Frage zu stellen. Wie wohltuend muss es sein, im Schmerz des Scheiterns an den Idealen der Kirche zu lesen, die sei „im Besitz einer soliden Reflexion über die mildernden Bedingungen und Umstände. Daher ist es nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten ‚irregulären‘ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben“ (Nr. 301)! Der Papst selbst hofft, „dass jeder sich durch die Lektüre angeregt fühlt, das Leben der Familien liebevoll zu hüten“ und wünscht sich, die Gläubigen – insbesondere „die in der Familienpastoral Tätigen“ – mögen sich in den 300-Seiten-Text „Abschnitt für Abschnitt geduldig vertiefen“ (Nr. 7). Das sollten wir – immer wieder. Aus Freude an der Liebe.

(Josef Bordat)

Wechselbad

Der Josefstag war für mich mit seinen Höhen und Tiefen sehr aufschlussreich. Zwei Telefonate haben ihn emotional geprägt.

Den ersten der beiden Anruf erhielt ich heute morgen von einer Dame, die mich aus kirchlichen Zusammenhängen kennt. Sie sei in der Frühmesse gewesen, habe dort den Heiligen Josef gefeiert und gedacht: „Jetzt musst Du aber mal anrufen!“ Sie tat es und gratulierte mir zum Namenstag. Eine schöne Überraschung! Ich habe ihr gesagt, dass ich mich sehr über ihren Anruf freue. Daraufhin meinte die Dame, dass sie dies nun wiederum sehr freue. Ein Anruf – zwei fröhliche Menschen. Ein schöner Start in den Tag, dem viele weitere schöne Momente folgten, weil doch einige Menschen an meinen Namenstag gedacht haben und gratulierten – auch solche, die selbst nur wenig damit anfangen können, aber doch wissen oder ahnen, dass es mir damit wichtig ist. Das weiß ich ganz besonders zu schätzen!

So, jetzt muss ich etwas ausholen. Gestern erhielt ich die Anfrage, ob ich nicht zu einer „Talkshow“ des österreichischen Fernsehens kommen wolle, bei der es um Missbrauch in der Kirche gehe (und die damit allgemein konnotierten „Missstände“ wie Zölibat, Hierarchie, die Unmöglichkeit für Frauen, ins Priesteramt einzutreten usw.). Die Anfrage lief über den Lepanto-Verlag – man war auf das „Sündenregister“-Buch gestoßen und hielt mich daher für einen geeigneten Gast. Der Lektor des Verlags, der selbst in Wien lebt, die Sendung offenbar kennt und ihr ein gutes Zeugnis ausstellt, machte mir Mut. Also gab ich meine Zusage, fest davon ausgehend, dass es was wird. Ich begann, mich organisatorisch (und vor allem innerlich) schon ein wenig ab- und einzustimmen.

Doch nach dem heutigen Vorgespräch mit der Redaktion – das besagte zweite einschneidende Telefonat des Tages – kristallisierte sich heraus, dass es die Macher der Sendung vorziehen, auf einen anderen Kandidaten zurückzugreifen. Schade! Doch wenn es denn daran gelegen haben sollte, dass ich mehrfach betonte, eine meiner Thesen zu dem Missbrauchs-Missstand-Junktim sei, man möge die Dinge nicht voreilig und nicht zu fest verbinden, dann hätte ich gewissermaßen den Kopf aus der vorbereiteten Schlinge gezogen. Denn ein Gespräch, das so angelegt ist, das im Grunde Einigkeit darüber herrscht, Missbrauchsprävention hieße notwenig und automatisch Kirchenreform, hätte ich wohl nicht gut durchgestanden. Aber ich denke einfach: Wir können die kirchenpolitische Agenda ja gerne diskutieren, aber nicht unter dem Leitgedanken „Missbrauch – was jetzt zu tun ist!“.

Nun geht der wechselhafte Josefstag zur Neige. Was bleibt, sind die vielen schönen Erfahrungen und die Hoffnung, dass die „katholische Seite“ bei der „Talkshow“ Demut zeigt, ohne die Treue zur Lehre der Kirche aufzugeben. Das geht, davon bin ich überzeugt. Sich dabei am Heiligen Josef zu orientieren, ist sicher nicht das schlechteste.

(Josef Bordat)

Drei Bemerkungen zu den Schülerprotesten für einen besseren Klimaschutz

1. Klimaschutz ist wichtig. Insofern sind die Demonstrationen der Schüler grundsätzlich gut und richtig. Es geht ja um ihre Zukunft.

Aber: Noch wirkungsvoller wäre es, wenn diese außerhalb der Unterrichtszeit stattfänden, etwa am Samstag. Das würde noch mehr Menschen überzeugen, dass es die Schüler ernst meinen.

2. Anprangern und Fordern ist gut und richtig. Die entscheidenden Weichen stellt die Politik und die Wirtschaft, also die Welt der Erwachsenen.

Aber: Klimaschutz beginnt zuhause. Es schadet nicht, das eigene Verhalten zu überprüfen. „Mama, ich will kein neues Handy!“ oder „Papa, das Stück zur Schule kann ich auch laufen!“ hätte mehr Wirkung als jede Massendemo.

3. Greta Thunberg ist eine couragierte Aktivistin, die weiß, was sie will und was sie tut.

Aber: Sie steht derart im Fokus, dass sie einem Leid tun kann. Von den einen als Ikone, ja, Heilige überhöht, von den anderen als ideologisch verblendet gebrandmarkt oder gar gleich auf ihren (mutmaßlichen) gesundheitlichen Zustand reduziert.

***

Es bleibt zu hoffen, dass die Bewegung „Fridays For Future“ ihr Ziel erreicht, den Druck auf die Entscheidungsträger hoch zu halten. Über das etwas nassforsche und naseweise Auftreten einiger unter den protestierenden Kindern und Jugendlichen sollte man hinwegsehen. Das ist ihr Vorrecht.

(Josef Bordat)

Ein zweiter Blick

Nachdem der erste Schock über den Anschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland einigermaßen verdaut ist, überkommt mich bei den Recherchen zu den Hintergründen erneut großer Schrecken: Vorausgesetzt es stimmt, was man in den zugänglichen Agenturen und den deutschsprachigen Medien über die ideologischen Grundlagen der Terrortat zur Stunde in Erfahrung bringen kann, dann sind diese kaum zu unterscheiden von dem, was praktisch täglich in sozialen Netzwerken und einschlägigen Foren zu lesen ist.

Das bizarre „Manifest“, das angeblich vom mutmaßlichen Täter vor der Tat in einer Art Selbstinterview aufgesetzt wurde, trägt den Titel „The Great Replacement“ („Der große Bevölkerungsaustausch“). Wer „Der große Bevölkerungsaustausch“ (ohne Anführungszeichen) bei Google eingibt, erfährt, dass es sich um ein rechtsextremes Narrativ handelt, das längst zum üblichen Sprachgebrauch all derer gehört, die gegen alles Fremde agitieren.

Der mutmaßliche Täter bezeichnet die in den Gotteshäusern betenden Menschen als „Invasoren“. Ein hierzulande unter Rechten nicht unübliches Synonym für Migranten, insbesondere für diejenigen, die aus Ländern mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit stammen. Auf rechtsextremen Plattformen findet es Verwendung und in manchem rechtsextremen Blog gibt es „Invasoren“ schon als „tag“. Wer „Invasoren Orban“ via Google sucht, erhält einen Artikel der Zeitung „Die Welt“ angezeigt, Titel: Orbán sieht Flüchtlinge als „muslimische Invasoren“.

Als Folge der „Invasion“ artikuliert der mutmaßliche Attentäter die Furcht vor einem „Genozid am weißen Mann“. Auch diese Befürchtung wird von Rechtsextremen im deutschen Sprachraum gehegt. Das Blog „Wahrheit Inside“ legt dar, wie der „Völkermord an den Weißen“ von langer Hand geplant und organisiert wurde; dabei scheut sich der Verfasser auch nicht, die historischen Zusammenhänge neu zu arrangieren und entkontextualisierte Zitate von Lemkin und Horowitz zur Untermauerung seines Hirngespinstes einer genozidalen „Neuen Weltordnung“ zu missbrauchen. Freilich eine krude Verschwörungstheorie. Aber lachen kann ich darüber seit ein paar Stunden nicht mehr.

Der mutmaßliche Attentäter fand offenbar Breivik gut, und Trump („Symbol der weißen Identität“), sah gerne „Fox News“, hielt sich zwar nicht für einen Nazi, aber doch für einen Rassisten und Faschisten, dem man den Friedensnobelpreis schulde, denn den habe Nelson Mandela schließlich auch erhalten. Man kommt nicht ganz umhin zu meinen, hier arbeite ein sehr vorausschauender Mann schon mal der Schuldunfähigkeitsthese seines Anwalts zu. Doch: Einfach nur „irre“ – das ist wohl zu wenig. Dagegen spricht, dass ganze Textbausteine des „Manifests“ so oder ähnlich in fast jeder Facebook-Kommentarschlacht aufweisbar sind, dagegen spricht, dass man (fast) jeden Stammtisch auch nach „Bevölkerungsaustausch“-Vermutung und „Invasoren“-Geschwätz unbeschadet verlassen kann.

Was mich so sehr erschüttert: Es scheint, der Anschlag hätte auch in Neustrelitz, Neuruppin oder Neubrandenburg passieren können. Das „Manifest“ wäre dann halt auf deutsch gewesen.

(Josef Bordat)