Petition gegen Pacelliallee

Warum die Argumentation der Initiatoren nicht überzeugt. Mich zumindest nicht.

In Berlin verlangen einige Bürger im Rahmen einer Initiative, die Dahlemer Pacelliallee umzubennen, die an Eugenio Pacelli erinnert, den späteren Papst Pius XII. (1939-1958), der zwölf Jahre lang als Nuntius in Deutschland wirkte (1917-1929). Ein genannter Grund: Antisemitismus. Hält dieser Vorwurf einem historischen Faktencheck stand?

Papst Pius XII. sei – im Gegensatz zu Papst Pius XI., dem Autor der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (1937); das Attribut „brennend“ stammt übrigens von Pacelli – Antisemit gewesen. „Sein Vorgänger im Vatikan, Papst Pius XI. hatte im Sommer 1938 ein Lehrschreiben gegen Antisemitismus und Rassismus in Auftrag gegeben. Pacelli/Pius XII. kassierte dieses Projekt wieder“, schreiben die Initiatoren. Es ist in der Tat befremdlich, dass Pius XII. die von Pius XI. vorbereitete Enzyklika, die, wenn sie 1939 umgehend veröffentlicht worden wäre, möglicherweise noch eine positive, rettende, lebenserhaltende Wirkung hätte zeitigen können, nicht publizierte. Doch aus welchem Grund? Antisemitismus?

Hierzu sind die Forschungen noch nicht abgeschlossen (der Archivöffnung Anfang März 2020 kam Corona in die Quere), der weitere Verlauf der Geschichte spricht jedoch nach derzeitigem Kenntnisstand eher dagegen. Zunächst spricht der Umstand, dass die Wahl Eugenio Pacellis zum Papst (1939) sowohl in Italien als auch in Deutschland mit Skepsis aufgenommen wurde, nicht unbedingt dafür, dass Faschisten und Nazis in Pius‘ XII. einen der ihren sahen. Arnold Angenendt, emeritierter Professor für Kirchengeschichte, stellt in Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert (Rezension) fest: „Die beiden Pius-Päpste waren weder Rassisten noch Antisemiten“ und der Vatikan ist „von Antisemitismus freizusprechen“. Schauen wir auf die einschlägigen Fakten, die zu dieser Einschätzung führen.

Papst Pius XII. hat zur Schoah zunächst keineswegs geschwiegen. In den Jahren 1941 bis 1943 hielt Pius drei öffentliche Ansprachen, in denen er die Verfolgung und Ermordung der Juden verurteilt hat. Geschwiegen hat der Papst dann lediglich ab September 1943, nachdem die Wehrmacht Rom besetzt hatte. Die entscheidende Frage ist nun, warum der Papst dann schwieg. Einverständnis mit dem Nazi-Terror? Wohl kaum. Vielmehr war es, so Angenendt, zum einen die Konsequenz aus der Linie des Vatikan, im Kriegsfall Neutralität zu wahren, um so auf alle Kriegsparteien einwirken zu können und „als Friedensvermittler bereit [zu] stehen“, zum anderen die Konsequenz der Sorge, „daß bei Protest Schlimmeres und Schlimmstes geschähe“, der Sorge um eine Ausweitung der Verfolgung. Diese Sorge war berechtigt, wie man am Beispiel der Niederlande sieht. Dort hatten die katholischen Bischöfe unter Führung des Utrechter Erzbischof de Jong Ende Juli 1942 gegen die Deportation von Juden protestiert, mit der Folge, dass Anfang August nicht nur die Juden, sondern auch die „katholischen Nichtarier“ verschleppt wurden (unter tausenden Anderen: Edith und Rosa Stein), während die „evangelischen Nichtarier“ durch das Schweigen ihrer Bischöfe verschont blieben.

Was hat Papst Pius XII. konkret getan? Der von den Initiatoren (zu Recht) gelobte Pius XI. hatte einige konvertierte Juden im Vatikan aufgenommen, Pius XII. handelte ebenso – zahlenmäßig in ganz neuen Dimensionen. So handeln konnte Pius XII. eben nur, weil er schwieg. Hat er deshalb auch die Verurteilungsenzyklika seines Vorgängers verworfen? Um handlungsfähig zu bleiben? Um weiterhin Diplomatie zu ermöglichen und Nächstenliebe zu realisieren? Das ist zumindest eine Hypothese, die von Fakten gestützt ist. Angenendt zitiert den jüdischen Theologen und Publizisten Pinchas Lapide: „Einmal fanden nicht weniger als 3.000 Juden in der Sommerresidenz des Papstes in Castel Gandolfo Unterkunft; sechzig lebten neun Monate lang an der Jesuiten-Universität Gregoriana, und ein halbes Dutzend schliefen im Keller des Päpstlichen Bibelinstituts“. Papst Pius XII. hat vielen Juden das Leben gerettet, mindestens zwischen 100.000 und 200.000 Personen, Pinchas E. Lapide meint sogar, es seien 850.000 gewesen.

Pius XII. wird insbesondere zum Vorwurf gemacht, zur Deportation der Juden aus Rom (Oktober 1943) geschwiegen zu haben. Angenendt erinnert jedoch daran, dass „statt der befohlenen 8.000“ nur etwa „1.000 Juden nach Auschwitz abtransportiert“ wurden. 4715 Juden waren in Klöstern und im Vatikan versteckt – Menschen, die wohl ermordet worden wären, hätte der Papst laut protestiert statt im Stillen zu helfen. Die stille Hilfe wird umgehend gewürdigt. Israel Zolli, Oberrabbiner in Rom während des Zweiten Weltkriegs, notiert 1945 in seinem Tagebuch: „Das Judentum hat Pius XII. gegenüber eine große Dankesschuld. Bände könnten über seine vielfältige Hilfe geschrieben werden. Kein Held der Geschichte hat ein tapfereres und stärker bekämpftes Heer angeführt als Pius XII. im Namen der christlichen Nächstenliebe. Das außergewöhnliche Werk der Kirche für die Juden Roms ist nur ein Beispiel der ungeheuren Hilfe, die von Pius XII. und den Katholiken in aller Welt mit einem Geist unvergleichlicher Menschlichkeit und christlicher Liebe geleistet wurde.“ Was hätte den Rabbi dagegen ein lautstarker Protest des Papstes (und eine höchstwahrscheinliche Intensivierung der Verfolgung) ins Tagebuch schreiben lassen?

In ihrer ausführlichen Darlegung der (unter bewusster oder unbewusster historischer Fehleinschätzung entkontextualisierten und/oder schlicht an den Haaren herbeigezogenen) „Gründe“ für eine notwendige Umbenennung, fragen die Initiatoren rhetorisch: „Würde man eine Straße nach jemandem benennen, der auch nur einmal frauenverachtend und antisemitisch agiert?“ Nun, wenn wir so anfangen, dann sollten wir auch keine Straßen, Plätze und U-Bahnstationen nach Friedrich Nietzsche, Karl Marx, Martin Luther, Johann Wolfgang von Goethe, Immanuel Kant, Friedrich Engels, Arthur Schopenhauer, Richard Wagner (und viele andere mehr) benennen. Dann nummerieren wir lieber.

Fest steht: In Sachen Antisemitismus liegt Eugenio Pacelli resp. Papst Pius XII. weit hinter den Genannten. Und „Frauenverachtung“? Naja, genannt werden zwei (aus dem Kontext gerissene) Notizen, in denen er sich über das Erscheinungsbild von Frauen äußert. Aus heutiger Sicht ist es unnötig, sich über Modetrends oder Nacktheit zu echauffieren. Das war vor hundert Jahren anders, auch außerhalb des Vatikan. Wer von Pacellis Wertschätzung gegenüber seiner Haushälterin, Assistentin und einflussreichen Beraterin Pascalina Lehnert weiß, auf deren Bitte Pius XII. ein persönliches Hilfswerk gründete und der er zahlreiche Unterlagen zur Vernichtung anvertraute, wird sich dem Urteil der Initiatoren auch in diesem Punkt nicht anschließen können.

In einem Punkt haben die Initiatoren allerdings Recht: „All das [zuvor Geschriebene, J.B.] mag man abwägen, interpretieren, historisch zerpflücken“. Genau. Das gilt immer. Auch hier.

(Josef Bordat)