Die etwas andere Weltmeisterschaft

Gestern ging sie dann zuende, die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Recht spektakulär, mit einem nicht ganz so souveränen 4:2-Sieg der Franzosen über die Kroaten. Nicht ganz so souverän, wie das Ergebnis klingt, schließlich ging Frankreich zweimal auf recht zweifelhafte Weise in Führung: ein Freistoß nach Stolperer Griezmanns führt zum 1:0, ein von eben diesem verwandelten Handelfmeter zum 2:1. Aber daran, dass Frankreich ein würdiger Weltmeister ist, gibt es wohl keinen Zweifel.

Diese Weltmeisterschaft war anders. Gleich war die Dominanz der UEFA (aus dem Verband kamen die vier Halbfinalisten) und auch der Sieger des Finales ist ein altbekannter Weltmeister (1998) und Vize-Weltmeister (2006). Neu war allerdings der Videobeweis, der sich bewährt hat, die neuen, sympathischen Kräfte im Weltfußball Belgien und Kroatien, das Wiedererstarken von Frankreich und England. Und anders als sonst war natürlich das Abschneiden derer, die man wohl unter „Enttäuschungen“ abbuchen muss: Deutschland, Spanien, Argentinien und Brasilien scheitern früh, Italien und Holland noch früher.

Die nächste und die übernächste WM werden nochmal ganz anders werden: die eine (2022 in Katar) findet in der Adventszeit statt, die andere (2026 in Mexiko, Kanada und der USA) mit 48 Mannschaften. Was bleibt: Kommerz, Dopingvorwürfe, die „große Bedeutung von Standards“ (Oliver Kahn). Mal im Ernst: Quo vadis, Fußball?

(Josef Bordat)

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Livno. Heimat großer Kroaten

Von einem aufmerksamen Leser aus Livno erhielt ich den Hinweis, dass einige der genannten Prominenten aus Kroatien eigentlich gar keine „echten“ Kroaten sind, sondern entweder aus Livno, einer Stadt in Bosnien und Herzegowina, stammen (Davor Šuker, Niko und Robert Kovač, Slatko Dalić), oder zwar in Kroatien geboren wurden, aber eigentlich Serben sind, wie Nikola Tesla.

Gut, Tesla ist wirklich ein interessanter Fall, schließlich wird er auch von den USA beansprucht. Richtig ist wohl, wenn man Wikipedia an dieser Stelle trauen darf, dass er „als viertes von fünf Kindern serbischstämmiger Eltern“ in „Smiljan in der Lika unweit von Gospić (heutiges Kroatien)“ geboren wurde. Also: nach ius soli Kroate, nach ius sanguinis Serbe. Nach Meinung der meisten Tesla-Fahrer US-Amerikaner.

Niko und Robert Kovač wurden beide in (West-)Berlin geboren, ihre Eltern stammen aber in der Tat aus Livno, einer – und jetzt wird‘s richtig kompliziert – „mehrheitlich von Kroaten bevölkerten Gemeinde“ (Wikipedia). Ebenso die Eltern von Davor Šuker, der dann in Osijek geboren wurde, „am Ufer der Drau im Osten der historischen Region Slawonien“ (nicht zu verwechseln mit Slowenien).

Slatko Dalić ist tatsächlich selbst in Livno geboren. Und steht am Sonntag in Moskau im WM-Endpiel. Mit Kroatien. Soviel steht fest.

(Josef Bordat)

629

Nein, ich habe keine Flüchtlinge bei mir zu Hause aufgenommen. Ich habe zwar Kontakt mit aus Ägypten und Syrien geflohenen Menschen (koptische und aramäische Christen, falls jemand jetzt an Beihilfe zur Islamisierung denkt) und habe auch schon mal beim Deutschkurs ausgeholfen, aber ein Aktivist der Helferszene bin ich wirklich nicht. Und: Nein, ich habe auch keine Lösung für das globale Armutsproblem – wenn man mal davon absieht, dass ein Bruchteil der weltweiten Militärausgaben reichen würde, um Programme für die Entwicklung der Landwirtschaft aufzulegen, die die Versorgungslage nachhaltig verbessern würden. Sagen Experten.

Obwohl ich also persönlich nur sehr wenig für Flüchtlinge tue, freue ich mich darüber, wenn andere – der Staat, die Katholische Kirche, persönliche Bekannte – etwas für Flüchtlinge tun und ich zumindest mittelbar meinen kleinen, meist nur finanziellen Beitrag dazu leisten kann. Denn ich finde, Menschen, die sich gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen, sei es, weil dort Krieg herrscht, sei es, weil sie dort in ihrem Glauben verfolgt werden oder sei es, dass sie die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung und Beschäftigung entweder gar nicht gewährleistet oder aber zunehmend gefährdet sehen, verdienen meine Unterstützung.

Noch nie war für Flüchtlinge das Risiko, auf dem Mittelmeer zu ertrinken, so hoch wie jetzt. Allein im Juni starben nach offiziellen Angaben 629 Menschen – während sich Europas Eliten darüber zankten, wie genau man künftig Menschen verwehren will, zu uns zu kommen. Jetzt kann man freilich sagen: „Was kommen sie denn auch übers Mittelmeer zu uns?!“ Das ist zynisch, angesichts der Tatsache, dass viele Menschen offenbar eher bereits sind, das Risiko, auf dem Meer zu sterben, in Kauf zu nehmen, als in ihrem Land zu bleiben. Wenn es mit einem sich „christlich“ nennenden Impetus gefragt wird, ist es schlicht unerträglich.

Unter den 629 Menschen, die im Juni auf der Flucht nach Europa im Mittelmeer ertranken, waren Ingenieure und Analphabeten, Hilfsarbeiter und Anwälte, Erzieherinnen und notorische Lügner, Familienväter und Faulenzer, Kinder, die von einer Karriere als Astronaut träumen, schöne Menschen, hässliche Menschen, kluge Menschen, dumme Menschen, vielleicht auch ein Grabscher, sehr wahrscheinlich ein Steuerhinterzieher. Eine, die immer wieder dieselben Fragen stellt. Einer, der heimlich Gedichte schreibt, aber sie noch nie jemanden hat lesen lassen. So, wie unter 629 Menschen in Paris, Mailand, Berlin oder Moskau. So, wie unter den 629 Gästen einer Ferienanlage auf Rügen. So, wie unter 629 Menschen.

Es waren Menschen, die 629 Ertrunkenen. Mit einer Würde, die der Staat zu achten und zu schützen hat. Diese Aufgabe hat er sich selbst gestellt. Vor fast 70 Jahren. Ist lange her. Nein, ich habe immer noch keine Lösung für die Migrationsthematik. Ich weiß nur, dass wir ihr mit Ignoranz und Zynismus nicht näher kommen.

(Josef Bordat)

Replik von Andreas Püttmann zu „Das verordnete Kreuz“

Zu meinem Beitrag „Das verordnete Kreuz“ hat mich Andreas Püttmann auf ein Missverständnis meinerseits aufmerksam gemacht, durch das ein falscher Eindruck von seiner Position entstehen könnte. Er hat mir die folgende Replik zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

***

Lieber Josef Bordat,

leider erwecken Sie hier einen falschen Eindruck von meiner Position:

„Püttmann ergreift Partei für einen Glauben, der sich nicht verzwecken oder gar verstaatlichen lässt (soweit richtig), sich stattdessen (falsch!) eher in Zeichen denn in Symbolen zu erkennen gibt: Christliches Handeln in Behörden brauche kein christliches Symbol an der Wand (falsch!). Ich denke, dass ein strenges Entweder-Oder nicht die Lösung ist (Scheinwiderspruch: Denke ich auch!).“

Nicht mal der (gläubige) Landrat, den ich zu Beginn zitiere, ist mit einem Entweder-Oder notwendigerweise richtig wiedergegeben. Er sagt nur, dass seine Behörde das Wesentlichere – den gelebten Glauben – erfüllt. Er hat ja selbst ein Kreuz im Büro. Also muss er ja wohl auch die Bedeutung des Symbols schätzen.

Schon gar nicht wird mein Kommentar richtig wiedergegeben mit „stattdessen“ oder „strenges Entweder-Oder“. Ich bekenne mich im Text durchaus, sogar nachdrücklich zur Bedeutung des Symbols, durch seine Erklärung und mit der Verteidigung des Kreuzes in staatlichen Einrichtungen wie Schulen und Gerichten.

Meine Kritik bezieht sich auf konkrete Umstände:
– staatliche Verordnung von oben herab,
– das zeitliche Setting: Wahlkampf,
– im Blick auf geschürte und gewachsene Islam-Ängste: den identitären Trotz – das Kreuz „gegen“ andere,
– künstliches Nachhelfen (Verdacht: staatliches Missionieren?) statt organische, gesellschaftliche Entwicklung christlicher Kultur,
– übergriffige Maßregelung kritischer Bischöfe als Glaubensverleugner,
und damit insgesamt ein Missbrauch des Kreuzes für parteiliche, populistische, spalterische Politik.

Wer im säkularen, weltanschaulich neutralen Staat unter Ausnutzung seiner Machtposition als bzw. guten Beziehungen zu einer gerade regierenden Partei, eine Art religiöse „Landnahme“ betreibt, stört den religiösen Frieden und schadet der Akzeptanz des Christentums bei nichtchristlichen Teilen der Bevölkerung. Er folgt einem ausgesprochen kurzsichtigen, kontraproduktiven, dummen Kalkül. Prototypisch für die Plumpheit, das Unterkomplexe des gerade grassierenden Populismus. Er schadet der Kirche und dem Glauben.

Ich stelle mir dagegen den Gekreuzigten vor, wie er – in meinen Lieblingsfilmen – zum übereifrigen, kämpferischen Don Camillo spricht, der ihn im Rathaus installiert wissen will.

***

Soweit die Replik von Andreas Püttmann zu meinem Beitrag „Das verordnete Kreuz“.

(Josef Bordat)

Kollektiv und Individuum. Oder: Wie es zusammen besser geht

Wenn man sich das WM-Geschehen anschaut, kann man den Triumph starker Kollektive über herausragende Individuen erkennen.

Frankreich, Belgien, England und Kroatien haben einen ausgeglichenen Kader von sehr guten Spielern, ohne dass jemand allzu weit herausragt.

Das gilt auch für andere Mannschaften, die verhältnismäßig erfolgreich waren, also Schweden, Japan, Russland, Dänemark.

Mannschaften hingegen, die zu sehr auf einzelne Superstars setzten, scheiterten, allen voran Argentinien und Portugal, aber auch Brasilien und Polen.

Sie schieden aus, weil der Abstand zwischen dem Besonderen und dem Gewöhnlichen zu groß war, um jenem durch dieses Geltung zu verschaffen.

Die WM ist also auch eine Manifestation der Bedeutung von Gemeinschaft, die immer dann besonders gut funktioniert, wenn sich der Einzelne zum Wohle aller einordnet.

(Josef Bordat)

Das verordnete Kreuz

In seinem „Standpunkt“ auf katholisch.de kritisiert Andreas Püttmann unter dem Titel „Das Kreuz und die billige Münze“ den Kreuz-Erlass der bayerischen Staatsregierung. Püttmanns Ausgangspunkt ist dabei die Weigerung eines (evangelischen) Behördenleiters, den Erlass umzusetzen. Hier zeigt sich, dass sich Widerstände nicht nur aus säkularistischen Motiven regen, sondern auch Christen ein Problem mit dem „verordneten Kreuz“ haben.

In der Debatte zeigt sich deutlich die Spannung zwischen Glaubenszeichen und Kultursymbol, die im Kreuz steckt. Püttmann ergreift Partei für einen Glauben, der sich nicht verzwecken oder gar verstaatlichen lässt, sich stattdessen eher in Zeichen denn in Symbolen zu erkennen gibt: Christliches Handeln in Behörden brauche kein christliches Symbol an der Wand.

Ich denke, dass ein strenges Entweder-Oder nicht die Lösung ist. Weder der rein abstrakte, anonyme Glaubensvollzug noch die Instrumentalisierung von Religion und deren auf Form und Materie reduzierte Zurschaustellung sind im Kern christlich. Es braucht auch das Gegenständliche, das uns an das Wesentliche erinnert – wer wüsste das besser als wir Katholiken.

Das Kreuz ist unstreitig auch das Symbol einer Wertorientierung, die der moderne Verfassungsstaat mit dem Christentum teilt. Bei aller historischen und kulturellen Bedeutung der christlichen Religion und christlicher Institutionen für den europäischen Staat ist das Kreuz die Versinnbildlichung einer Idee mit universalistischem Anspruch, an die zu erinnern zwei schlichte Holzleisten dienen können – ohne damit gleich das Glaubensbekenntnis mit zu meinen.

Das Kreuz im Foyer meint: Alles hoheitliche Handeln in den Büros dieses Gebäudes soll in Verantwortung vor Gott und dem Menschen geschehen, dessen Würde stets zu achten und zu schützen ist. So betrachtet, hängen die Kreuze in Einrichtungen des Staates goldrichtig. Falsch ist es, mit dem Kreuz zeigen zu wollen: „Hier ist das Abendland – und hier gab es mal was, an das wir uns nostalgisch rückbinden. Das machen wir aber nur, um zu zeigen, dass wir anders sind als ihr und ihr anders seid als wir!“ Wer das Kreuz so deutet, hat den Gekreuzigten nicht verstanden.

(Josef Bordat)

„Mangel an Haltung und Anstand“

Gudrun Lux über den alltäglichen Hass

Der „dünnen Decke der Zivilisation“ ist der aktuelle Standpunkt auf katholisch.de gewidmet, Titel: Der pure Hass. Verfasst hat ihn Gudrun Lux.

Sie analysiert schonungslos die Verrohung: „Da wird eine junge deutsche Frau ermordet, die sich für Flüchtlinge eingesetzt hatte – und Leute kommentieren das hämisch als gerechte Strafe. Da ertrinken Kinder im Mittelmeer – und Leute feiern das regelrecht“.

Ein Kommentar, der leider nötig ist. Lesenswert.

(Josef Bordat)