Ausgrenzend? Kann sein!

Der Begriff „christliches Abendland“ sei „vor allem ausgrenzend“, meinte Reinhard Kardinal Marx im Gespräch mit Michel Friedman. Mir ist das gar nicht aufgefallen, obwohl ich ziemlich aufmerksam zugehört habe. Andere jedoch haben es gehört und seitdem wird diskutiert: Wie hältst du‘s mit dem Abendland?

Die Rede vom „christlichen Abendland“ gänzlich abzulehnen, unterschätzt den Konnex von christlicher Morallehre und dem, was wird heute in Europa und „im Westen“ an Rechten genießen. Abendland, Europa, „der Westen“ – das sind natürlich Konstrukte, wenn man nicht ganz banal geographische Räume damit meint, sondern kulturelle Vorstellungen mit den Begriffen verbindet. Und so ist es ja gemeint. Insoweit ist Australien abendländisch, europäisch, „der Westen“, obwohl das mit Blick auf den Globus natürlich Unfug ist. Es geht eben um ein bestimmtes Denken, um politische Einrichtungen, um Rechtstradition, meinetwegen auch um Musik- und Modestile oder populäre Sportarten. Und in dem Zusammenhang ist das „christliche Abendland“ ein berechtigter Begriff.

Es ist auch weniger der Begriff selbst, sondern vielmehr sein Verwendungskontext, der ausgrenzend wirkt. Das gilt ja grundsätzlich und ist daher trivial. Dass das so eine geringe Rolle spielt in der Debatte, verwundert etwas. Geht es darum zu beschreiben, wie das Abendland, wie Europa, wie „der Westen“ zu seinen Wertvorstellungen gekommen ist, dann ist das Christentum der entscheidende Hinweis. Das ist historischer Fakt. Insoweit ist „christliches Abendland“ das Ergebnis einer Genese von Moral, Recht und Kultur. Und von daher unproblematisch. Wenn aber „christliches Abendland“ in diesem Sinne nicht retrospektiv erklärend , sondern mit Blick in die Zukunft besitzergreifend verwandt wird, man also sagen will, das Abendland sei eine abgeschlossene christliche Idee, die allein bestimmen soll, wie Menschen in Europa und „im Westen“ leben, dann kann das eine Wirkung entfalten, die als ausgrenzend empfunden wird. Zumal, wenn die Rede auf Personen kommt, wenn also aus „christlichem Abendland“ ein „Abendland der Christen“ wird.

Nur: Wer benutzt bzw. missbraucht den Begriff derart? Doch nur eine kleine Minderheit, der man die Deutung des „christlichen Abendlands“ nicht überlassen sollte. Dass Kardinal Marx, den ich – gerade wegen seiner theologischen Tiefe und seiner Fähigkeit, oftmals angemessene Formulierungen zu finden – sehr schätze, diese Splittergruppe aufwertet, indem er ihre Interpretation zugrunde legt und die Rede vom „christlichen Abendland“ daher als „vor allem ausgrenzend“ bezeichnet (und nicht als „vor allem historisches Deutungsmuster und überzeugende Erklärung für die normativen Bedingungen, unter denen wir leben“), ist sehr schade.

(Josef Bordat)

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Kirchensteuer abschaffen?

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke kann sich vorstellen, „über die Zukunft der Kirchensteuer nachzudenken“. Das bedeutet zum einen noch nicht, dass er die Kirchensteuer ersatzlos gestrichen sehen möchte, zum anderen problematisiert er an der Kirchensteuer das „Junktim von Gnade und Geld“ – und kritisiert damit mehr die Einstellung zur Kirchensteuer als die Kirchensteuer selbst. Es geht ihm darum, „eine ärmere Kirche zu wagen“. Das muss man im Hinterkopf haben, bevor man über den Vorstoß Hankes spricht. Und bevor man über die Kirchensteuer spricht, muss man zudem mit einigen Mythen und Halbwahrheiten aufräumen, die gegebenenfalls das Verständnis dessen, worum es eigentlich geht, trüben. Fünf Anmerkungen dazu.

Zunächst: Eine Kirchensteuer im engeren Sinne gibt es nur in Deutschland. Rechtsgrundlage dafür ist die Weimarer Verfassung (1919), Art 137 Abs 6: „Die Religionsgesellschaften, welche Körperschaften des öffentlichen Rechtes sind, sind berechtigt, auf Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmungen Steuern zu erheben.“ Diese Regelung wurde 1949 ins Grundgesetz übernommen. In Österreich gibt es einen Kirchenbeitrag, das ist so was ähnliches, dazu ist den Schweizer Kantonen freigestellt, eine Kirchensteuer zu erheben, sowohl für natürliche als auch für juristische Personen. In Italien und Spanien gibt es eine allgemeine Kultur- und Sozialsteuer, die man an die Kirche geben kann, aber auch an staatliche Einrichtungen. In vielen Ländern gibt es nichts offizielles, da läuft alles über Spenden, etwa in den USA. Rund zwei Drittel ihrer Einnahmen erhält die Kirche weltweit aus Spenden.

Sodann: Der Eindruck, die Kirchensteuer lasse die Kirche in Deutschland „im Geld schwimmen“, ist völlig falsch. Bei rund 24 Millionen Katholiken und rund 4 Milliarden Euro Kirchensteuer jährlich kommen auf jeden Katholiken 167 Euro pro Jahr, das sind 13 Euro im Monat. So schmelzen die „Unsummen“ schnell auf den Betrag einer Mitgliedschaft im Kegelclub zusammen. Dabei braucht die Kirche die Steuer, denn die Katholische Kirche in Deutschland finanziert sich ganz überwiegend aus der Kirchensteuer; je nach Bistum werden zwischen 60 und 90 Prozent der Kosten mit Kirchensteuermitteln gedeckt. Die Unterdeckung wird über Staatsleistungen, Vermögenserträge (Zinsen) und Spenden ausgeglichen. Mancher Pfarrhaushalt in Berlin kann trotz der „Milliarden an Kirchensteuern“ nur mit regelmäßigen Spenden („freiwilliges Kirchgeld“) engagierter Gemeindeglieder ausgeglichen werden. Das ist die Realität. Ich denke, die Kirchensteuer ist angemessen hoch. Sie beträgt 8 bis 9 Prozent der Steuerlast aus der Einkommensteuer. In Bayern und Baden-Württemberg 8, sonst 9 Prozent. Wenn diese 22 Prozent des Bruttoeinkommens beträgt, sind das 2 Prozent vom Brutto. Jesus sprach mal vom „Zehnten“, nicht vom „Fünfzigsten“. Da sind wir also noch sehr gut bedient. Im Ernst: Gemessen an dem, was die Kirche damit auf die Beine stellt, ist das nicht zu viel. Die pastorale Arbeit, aber auch die Caritas, die zu etwa zehn Prozent aus der Kirchensteuer finanziert wird. Zu 90 Prozent wird die Caritas-Arbeit aus den allgemeinen Steuern und Sozialabgaben finanziert, also auch von denen bezahlt, die nicht Mitglied der Katholischen Kirche sind, aber eben zu zehn Prozent von den Kirchenmitglieder allein, obwohl die Arbeit zu 100 Prozent allen Menschen – unabhängig von ihrer Kirchenzugehörigkeit – zugute kommt.

Ferner: Der Staat hilft den Kirchen beim Inkasso, also dabei, die Kirchensteuer zu berechnen und einzuziehen. Das tut er aber nicht deshalb, weil die Kirche ihn sonst auf den Scheiterhaufen zerrt, sondern weil er, der Staat, dafür bezahlt wird, sehr gut sogar. Er bekommt dafür viel Geld und hat zugleich keine oder kaum zusätzliche Kosten. Jedes Jahr nimmt der Staat zig Millionen Euro ein, für die er nichts weiter zu tun braucht als den Kirchen die Erlaubnis zu erteilen, seine Infrastruktur im Bereich der Finanzverwaltung mitzunutzen. Übrigens: Hier sind nicht nur die Kirchen mit im Boot, auch für die Jüdischen Gemeinden, die ebenfalls eine Steuer erheben, leistet der Staat diesen Dienst. Gegen Gebühr, versteht sich. Seit der Vereinigung (1990) hat der Staat mit seiner Inkasso-Tätigkeit über fünf Milliarden Euro eingenommen. Dann muss man aber auch sehen, dass der Staat ja nichts gegen die Christen und Juden hat und daher gerne hilft (Stichwort: „wohlwollende Neutralität“, mit Betonung auf „wohlwollend“). Es grenzte an Schikane, wenn man der Kirche aufbürdete, eine eigene Finanzverwaltung aufzubauen. Das wäre zumindest reine Ressourcenverschwendung. So ergibt sich eine „Win-Win“-Situation: Der Staat hilft der Kirche, die dafür sehr dankbar ist und zahlt (allein die Katholische Kirche hat im letzten Jahr etwa 120 Millionen Euro für die Dienstleistung bezahlt). Alles andere wäre unvernünftig. Das sehen selbst kirchenkritische Politiker wie Volker Beck so.

Aber, so heißt es dann: Die Kirchensteuer mindert die Steuereinnahmen, weil die gezahlte Kirchensteuer als Sonderausgabe vom Gesamtbetrag der Einkünfte abziehbar ist und damit das zu versteuernde Einkommen reduziert. Das stimmt zwar, nur wäre ja auch die Alternative – eine direkte Spende an die Kirchengemeinde – abzugsfähig, mit gleicher Wirkung für die Steuerlast. Der Einwand wäre erst dann gerechtfertigt, wenn man den Kirchen die Gemeinnützigkeit entzöge, um Zuwendungen an Gemeinden steuerlich zu neutralisieren. Die Kirche müsste also schlechter gestellt werden als ein Sportverein oder eine Theatergruppe. Das kann nur jemand wollen, der nicht dem Staat nützen, sondern der Kirche schaden will.

Schließlich: Ich kann mir so ein Modell wie in Italien oder Spanien gut vorstellen. Interessanterweise sind gerade diejenigen dagegen, die bislang keine Kirchensteuer zahlen, sich aber über deren Existenz aufregen. Da muss man schon klar sagen, was man will: dem Sozialstaat helfen oder der Kirche schaden. Also, wenn es diese Möglichkeit gibt, dass jeder, sagen wir mal ein Prozent des Bruttoeinkommens zahlt, entweder an die Kirche oder an eine islamische, jüdische oder humanistische Einrichtung, dann fänd‘ ich das in Ordnung bzw. im Sinne Hankes wert, einmal genauer „darüber nachzudenken“. Dazu gehört auch, einmal in ein Land zu schauen, das die Optionsregelung hat, zum Beispiel nach Spanien. In Spanien gibt es rund 35 Millionen Katholiken, also 11 Millionen mehr als in Deutschland. Trotzdem kommt die Kirche mit erheblich weniger Geld aus, nämlich mit nur 250 Millionen Euro pro Jahr. Das Geld stammt auch in Spanien zum größten Teil vom Steuerzahler, über das Optionsverfahren. Jeder Steuerpflichtige zahlt einen bestimmten Anteil seiner Einkommensteuer automatisch an soziale Einrichtungen des Staates, es sei denn, er möchte diesen Anteil der Kirche zukommen lassen. Dann muss er das bei der Steuererklärung angeben. Das Geld fließt dann in einen Fonds, aus dem die spanische Bischofskonferenz Mittel erhält. Zur Zeit optieren rund 35 Prozent der Steuerzahler Spaniens für die Kirche – im Vergleich zur Katholikenquote von 75 Prozent ist das nicht einmal die Hälfte. Wenn man sich dann anschaut, was für die Caritas-Arbeit in ganz Spanien bleibt, dann sind das – sechs Millionen Euro. Ein Witz, verglichen mit dem deutschen Caritas-Verband. Aber es funktioniert – durch die freiwillige Arbeit vieler Menschen, durch sehr hohe Effizienz und die Reduktion auf echte karitative Arbeit. Etwa 4,2 Millionen Menschen (9 Prozent der Bevölkerung) konnte in den 8500 Caritas-Stellen Spaniens geholfen werden. Und das bei einem Budget von 1,43 Euro pro Klienten. Es geht also, aber es geht nur dann, wenn alle mit anpacken. Die „arme Kirche“, da hat Bischof Hanke völlig Recht, ist ein Wagnis.

(Josef Bordat)

Engel

Engel sind beliebt. Nicht nur in vielen Religionen, auch in der Populärkultur spielen Engel eine wichtige Rolle. Drei Engel für Charlie, die „gelben Engel“ eines deutschen Automobilclubs, Send me an Angel oder auch – wer es noch kennt – Hubert Kahs Engel 07: „Jemand nahm den Kontakt auf / Engel 07 / in mir kam ein Verdacht auf / ist sie ein himmlischer Spion?“. Engel sind allgegenwärtig. Engel haben Konjunktur. Der populär-esoterische Engelglaube blüht.

Alles, was sonst noch zum Thema „Engel“ zu sagen wäre, also die Antworten auf Fragen zum Wesen („Wie muss ich mir einen Engel vorstellen?“), zur Position („Finden sich in der Bibel überhaupt hinreichend Hinweise auf die besondere Stellung von Engeln?“) und zur Bedeutung von Engeln („Was hab ich persönlich mit Engeln zu tun?“), können Sie sich heute in der Radio Horeb-Sendung „Katechismus“ (16:30 Uhr) anhören.

(Josef Bordat)

Und noch einmal: Zölibat

Ist der Zölibat Schuld an sexuellen Übergriffen von Priestern?

Das wurde ich kürzlich gefragt. Nicht zum ersten Mal. Dahinter steckt für mich die Vorstellung, dass ein Mann, der keine Frau hat, irgendwann zwangsläufig sexuell übergriffig werden müsse – von Natur aus Täter. Dem ist nicht so. Entsprechend gibt es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch, dass man also meinen sollte, zölibatär lebende Männer würden „aus der Not heraus“ zu Missbrauchstätern.

Aber: Die zölibatäre Lebensform war (und ist) attraktiv für Männer, die ihre (gesellschaftlich nicht akzeptierten) sexuellen Präferenzen heimlich ausleben wollen, während sie nach außen hin ein anerkanntes Leben führen, das Niemanden Verdacht schöpfen lässt. Zugleich haben sie in der pastoralen Arbeit tagtäglich Zugang zu Kindern und Jugendlichen. Das ist ein Problem – nicht nur der Kirche, sondern aller Einrichtungen der Erziehungs- und Bildungsarbeit.

Der Zölibat ist also nicht die Ursache von sexuellem Missbrauch, er kann aber die Wirkung haben, die Wahrscheinlichkeit für sexuellen Missbrauch in entsprechend organisierten Lebensformen zu erhöhen, weil er potentielle Täter anzieht.

Alles, was ich sonst noch zum Thema „Zölibat“ zu sagen habe, können Sie sich heute in der Radio Horeb-Sendung „Katechismus“ (16:30 Uhr) anhören oder hier durchlesen.

(Josef Bordat)

Der starke Rechtsstaat ist gefragt

Eine der hervorstechenden Eigenschaften von Zivilisation ist der Verzicht auf Gewalt als Ordnungsprinzip. Einige Menschen scheinen das nicht zu verstehen. Dazu gehört bzw. gehören auch der oder die Täter, der resp. die den AfD-Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz gewaltsam attackierte/n. Brutal, entsetzlich, fürchterlich, feige! Dem Opfer wünsche ich rasche Genesung, seinen Angehörigen Kraft und Trost.

Ich kann den politischen Ideen der AfD nur sehr, sehr wenig abgewinnen, doch die Idee des Gewaltverzichts in der politischen Auseinandersetzung überragt für mich auch und gerade deswegen alles. Es gibt schlicht keine Rechtfertigung für Gewalt, es gibt allein die Gewalt des Rechtsstaats, in dem jede Frau und jeder Mann als Mensch mit Würde Anerkennung findet.

Dieser Rechtsstaat sorgt dafür, dass AfD-Bundestagsabgeordnete ihre Meinung frei äußern dürfen und dass man auch anderer Meinung als AfD-Bundestagsabgeordnete sein und sie insoweit kritisieren darf. Er muss darüber wachen, dass dies stets friedlich und gewaltlos geschieht. Dieser Rechtsstaat muss jetzt also den oder die Täter ermitteln und nach seinen Regeln behandeln – nicht nach ihren. Das ist seine Stärke.

(Josef Bordat)

Sternsinger: Ausgebeutet von der superreichen Kirche?

Auch, wenn es kaum Sinn haben dürfte, gegen die Position, die Sternsinger seien gewissermaßen Bettel-Sklaven einer superreichen Kirche, die nichts gegen Armut unternimmt, möchte ich doch noch einmal drei Dinge zum Thema „Sternsinger“ herausstellen.

1. Die Sternsinger machen das freiwillig und gerne.

Kein Sternsinger ist je zum Sternsingen gezwungen worden. Sie tun das freiwillig, sie tun das gerne, sie machen das bei Wind und Wetter – und das ist Anfang Januar nicht immer das beste. Sie sammeln nach dem Motto „Kinder für Kinder“ Geld für sinnvolle Projekte – ja, und Süßigkeiten für sich. Nebenbei lernen die Sternsinger eine Menge über die Situation in den Projektgebieten, etwa durch das gemeinsame Schauen des jährlichen Sternsinger-Films. Wer den guckt, merkt: In diesem Jahr werden vor allem behinderte Kinder in Peru unterstützt. Ganz so böse ist das also nicht.

2. Das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ arbeitet effizient.

Das Geld geht nicht an „die“ Kirche (oder den Papst), sondern an das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“. Der administrative Overhead ist dort mit rund sieben Prozent (Jahresbericht 2017) vergleichsweise niedrig. Auf deutsch: Von jedem Euro in der Sternsinger-Sammelbüchse kommen 93 Cent bei behinderten Kindern in Peru an. Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) hält bei Hilfsorganisationen bis zu zehn Prozent Verwaltungsanteil an den Gesamteinnahmen für „niedrig“, zehn bis zwanzig Prozent für „angemessenen“ und zwanzig bis dreißig Prozent für „vertretbar“. Erst ab dreißig Prozent Verwaltungskostenanteil versagt das DZI sein Gütesiegel.

3. Reichtum ist relativ.

Die Gesamteinnahmen des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“ liegen in den letzten Jahren zwischen 73 und 79 Millionen Euro jährlich. Die dem Fiskus weltweit entzogenen Steuern betragen jährlich rund 250 Milliarden Euro. Heißt: Zahlten 2019 alle Menschen (und Unternehmen) ehrlich ihre Steuern, hätten die Staaten dieser Welt so viel Geld zusätzlich zur Verfügung wie die Sternsinger in den nächsten 3289 Jahren sammeln werden. Anders: Jeder Deutsche gibt im Jahr 240 Euro für Bier aus, was insgesamt rund zwanzig Milliarden Euro ergibt. Liebe Deutsche: Hört auf, Bier zu trinken, trinkt stattdessen Wasser und gebt das gesparte Geld dem Kindermissionswerk – und schon hätten die armen ausgebeuteten Sternsinger 263 Jahre Ruhe. Und die Kritiker dann auch.

(Josef Bordat)

Wer B sagt, muss auch A sagen?

Und andere Fragen zwischen Bottrop und Amberg.

Schon traurig, aber real. Denn irgendjemand muss ja hier die Kurznachrichten schreiben. Denke ich, während ich mir das bizarre „Twitter-Duell“ um die Taten von Amberg und Bottrop anschaue, mit wachsendem Entsetzen. Kaum ein Gedanke an die Opfer, dafür viel Medienschelte: Wer über Bottrop berichtet, dürfe über Amberg nicht schweigen. An den beiden Taten manifestiert sich die Instrumentalisierung von Gewalt zum Jahreswechsel besonders deutlich.

Was lässt sich sagen, um zu einer sinnvollen Einordnung zu kommen? Vielleicht mal ein Blick auf die Tatumstände: A) Vier junge Männer schlagen und treten auf Menschen ein, es gibt zwölf Verletzte. B) Ein nicht mehr ganz so junger Mann fährt mit einem PKW in Menschengruppen hinein, es gibt fünf Verletzte. Beides Straftaten, die im Rahmen unseres Rechtssystems die entsprechende Verfolgung erfahren müssen. Beides Fälle, in denen Unschuldige zu Opfern wurden. Dennoch nicht einfach gleichzusetzen.

Offenbar muss man im zweiten Fall nämlich von einer Tötungsabsicht ausgehen, die im ersten Fall nicht besteht. Offenbar muss man im zweiten Fall weiterhin davon ausgehen, dass hier eine klare Motivlage besteht, schließlich soll der Mann ausgesagt haben, die „Ausländerfrage“ lösen zu wollen: Es gäbe zu viele Ausländer und da wolle er eben Abhilfe leisten. Ist es jetzt immer noch so unverständlich, warum die Medien über B anders berichten als über A?

Was mir sonst noch auffällt: Der Mangel an Fähigkeit oder Willen, die Dinge angemessen einzuordnen, ist erstaunlich groß. Da wird etwa gesagt, die Bundeskanzlerin hätte sich in ihrer Neujahrsansprache nicht zum Klimawandel äußern sollen, sondern zu Amberg. Und ich glaube nicht, dass das Satire war. Denn dieser Verlust an geeigneten Kriterien zur Einschätzung von Relevanz begegnet mir in letzter Zeit öfter. Ganz im Ernst. Was die Sache nicht besser macht.

Kann es sein, dass auch das ein Ergebnis von neuer Wahrnehmungsgewohnheit unter den Bedingungen digitaler Strukturen ist? X ist ein tweet, Y ist ein tweet. M ist eine website, N ist eine website. Ob tweets Resultate jahrelanger Forschung sind oder einfach nur mal dahingeschrieben – wer soll das schon wissen? Ob eine website von einer seriösen Einrichtung betrieben wird oder von einer unseriösen – wie kann man das unterscheiden, wenn beide nett gemacht sind? Information 1: Eine Prügelei am Bahnhof. Information 2: Klimawandel, Fotos aus dem All. (1) ist ein Datensatz, (2) ist ein Datensatz. Wer sagt mit jetzt, was wirklich wichtig ist?

Also: Übernehmen wir das Denkmodell der Maschine? Vielleicht ja gerade in dem Maße, in dem wir versuchen, der Maschine das Denken beizubringen? Wir würden uns dann quasi auf halbem Weg treffen – der Rechner lernt irgendwann alle Emotionen einzuschätzen, für die es Bildchen gibt, wir geben dafür jetzt schon mal unseren hohen Anspruch an Kontextsensitivität und Bedeutungszuschreibung auf. So kommen wir uns näher, so verstehen wir uns.

Naja, vielleicht bin ich einfach nur müde und es ist alles halb so wild. Aber überzeugt bin ich davon noch nicht.

(Josef Bordat)