Was hat Homosexualität mit sexuellem Missbrauch zu tun?

Zwischen der sexuellen Orientierung und sexuellem Missbrauch in Institutionen gibt es nur eine schwache Korrelation. Das stellt die aktuelle Studie der deutschen Bischöfe im Raum der Katholischen Kirche in Deutschland (gemessen an dem Zwischenbericht aus 2016) heraus. Entscheidend seien vor allem Unreife, Persönlichkeitsstörungen und psychische Erkrankungen.

Einen Zusammenhang scheint es aber dort zu geben, wo Missbrauch insgesamt am häufigsten vorkommt: in den Familien bzw. in engen sozialen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen. Genetische Verwandtschaft hemmt in diesen die Wahrscheinlichkeit sexueller Interaktion, der Wegfall dieser „Inzest-Hemmung“ (so der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera) erhöht sie.

Das ist der Fall in Patchwork-Familien (zu den Haupttätergruppen gehören insbesondere Stiefväter) und in Paarbeziehungen homosexueller Männer, wenn in diesen Kinder leben, da diese nicht mit beiden Partner verwandt sind, ja: sein können. Hier ergibt sich also wie in der Patchwork-Familie ein Wegfall der biologischen Nähe zu (mindestens) einem der Partner – nur hier eben systematisch bzw. zwangsläufig.

Damit ist die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit von sexuellem Missbrauch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen mit Kindern eine logische Folge der Homosexualität. Dass diese Wahrscheinlichkeit tatsächlich erhöht ist, zeigen Studien aus den USA.

Ulrich Kutschera führt in einem Zeitungskommentar für die „Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA)“ unter Berufung auf Studien in den USA eine „mindestens 10-fach höhere Wahrscheinlichkeit einer Kindesmisshandlung“ in gleichgeschlechtlichen Beziehungen an. Er bezieht sich dabei u.a. auf die Studie „How different are the adult children of parents who have same-sex relationships?“ des US-Soziologen Mark Regnerus, die 2012 in Social Science Research erschien.

Bereits 2004 hatte eine Studie von James E. McCarrol ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit eines homosexuell lebenden Mannes, einen Jungen zwischen 12 und 15 Jahren zu missbrauchen, fünfmal höher sei als die Wahrscheinlichkeit eines heterosexuell lebenden Mannes, ein Mädchen zwischen 12 und 15 zu missbrauchen („Comparison of U.S. army and civilian substantiated reports of child maltreatment, in: Childhood Maltreatment).

Aktuelle Studien (Monographien von Lopez und Gartner) belegten diese Befunde, so Kutschera im Juli 2018 in einem Interview mit „kath.net“. Dort findet man auch Hinweise auf besagte Studien.

Für die Kirche – als Institution – gilt jedoch die Annahme der schwachen Korrelation. Plausibel ist, was Wunibald Müller in diesem Zusammenhang bemerkt: Nicht Homosexualität, sondern der restriktive Umgang der Kirche mit homosexuellen Priestern sei das Problem, weil es ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität verhindere, was letztlich sexuelle Unreife zur Folge habe. Und Unreife – so wiederum die aktuelle DBK-Studie – ist die Hauptursache von sexuellem Missbrauch.

(Josef Bordat)

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Vier Anmerkungen

Es gibt zu meinem Tagespost-Kommentar „Schweigender Hirte“ viele Rückmeldungen. Zum Teil öffentlich (im Facebook), zum Teil in Gestalt persönlicher Mitteilungen (per Mail). Zunächst: Vielen Dank dafür. Ich bitte um Verständnis, wenn ich nicht auf jeden Beitrag und jede Mail einzeln eingehe.

Ganz allgemein, vier Anmerkungen, die vielleicht etwas aufklären, weil sie Punkte erläutern, die in fast allen kritischen Rückmeldungen vorkommen (über die zustimmenden, die es auch gibt, freue ich mich, muss dazu aber nichts weiter sagen, außer: Danke!).

Also:

1. Es ging mir darum, eine Perspektive zu eröffnen, aus der man das Schweigen auch anders deuten kann denn als Schuldeingeständnis bezüglich der Vorwürfe (solche sind es ja). So kommt das Schweigen offenbar bei vielen an: „am ehesten mit einem Schuldeingeständnis vergleichbar“, „ein schuldiger Mensch schweigt, obwohl (oder gerade weil?) er etwas auf dem Gewissen hat“, „Schutz seiner Person“). Man ist geneigt, gerade katholische Freunde in diesen Tagen daran zu erinnern, dass die Unschuldsvermutung auch (ja: selbst) für den Papst gilt.

2. Es geht mir um das persönliche Schweigen des Papstes, nicht um ein „Schweigen“ der Institution Kirche. Es wäre ein Missverständnis zu meinen, ich sei gegen Aufklärung in Sachen Missbrauch. Das widerspräche so ziemlich allem, was ich sonst zum Missbrauch geschrieben haben (und auch dem gesunden Menschenverstand). Dass das Thema behandelt gehört, so schmerzlich das ist, darüber kann es keine zwei Meinungen geben. Aber die Frage, ob sich Papst Franziskus nun persönlich schnellstens zu Vorwürfen äußern soll, die in die Welt gesetzt wurden, ist eine ganz andere.

3. Der Text entstand im Nachgang einer Debatte darüber, inwieweit die Öffentlichkeit (in Gestalt der Presse) von einem Papst eine Stellungnahme zu Vorwürfen einfordern kann, soll, muss oder darf. Möglicherweise auch noch unter zeitlichem („jetzt“) und / oder moralischem Druck (sonst „Rücktritt“). Dazu gibt es durchaus unterschiedliche Positionen. Ich bin davon überzeugt, dass niemand der an der Diskussion Beteiligten damit verbindet, die Kirche solle das Thema Missbrauch als solches unbehandelt lassen. Es geht hier allein um die Frage, wie sich ein Papst persönlich zu verhalten hat.

4. Viele beziehen sich auch auf die Analogie zum Schweigen Jesu, finden den Vergleich „vermessen“, „geschmacklos“, „skandalös“ (ich hör hier mal auf, es geht noch weiter – an dieser Stelle, finde ich, darf man auch deutlich werden!). Den theologischen Einwand der Nichtvergleichbarkeit des Schweigens Jesu mit dem Schweigen eines sündhaften Menschen generell verstehe ich. Jeder Vergleich mit Jesus hinkt. Mir ging es auch nicht so sehr darum, Franziskus‘ Schweigen mit Jesu Schweigen in Gänze (Anlass, Bedeutung, Wirkung) gleichzusetzen, sondern die Analogie der Drucksituation bei „Original“ und „Stellvertretung“ zu nutzen, um eben (vgl. Punkt 1) eine neue Perspektive auf das Schweigen zu erhalten.

Allgemein sehe ich im Schweigen Jesu nämlich die Quelle für den hohen Stellenwert des Schweigens in der christlichen Spiritualität, gerade auch in Bedrängnis und unter dem Druck der Öffentlichkeit. Daher die Bezugnahme darauf.

Und: Eine Nichtvergleichbarkeit im Speziellen anzunehmen, setzt ja voraus, dass Franziskus schuldig ist (und zwar nicht nur hinsichtlich des Konzepts der Sündhaftigkeit, sondern auch hinsichtlich der Vorwürfe). Viele Bemerkungen gehen in diese Richtung („Jesus war unschuldig!“ – freilich war er das! Gemeint ist dann aber wohl auch: im Gegensatz zu Franziskus). Aber dazu müsste man dann eben auch sehen, dass Franziskus nachweislich unschuldig war in einer Angelegenheit, zu er ebenfalls beharrlich schwieg. Die Situation war 2013 durchaus vergleichbar: 1. Vorwürfe (dubiose Rolle während der Militärdiktatur in Argentinien), 2. Forderungen, Stellung zu beziehen, 3. Schweigen des Papstes.

Ich hoffe, mit diesen kurzen Erläuterungen etwas zur Klärung des Anliegens meines Kommentars beigetragen zu haben.

(Josef Bordat)

Was ist nur in Holland los?

3677 Missbrauchsfälle haben sich gemäß Medienberichten zur Studie der deutschen Bischöfe im Raum der Katholischen Kirche in Deutschland binnen 68 Jahren (von 1946 bis 2014) ereignet – 54 Fälle pro Jahr. Der deutschen Studie zufolge hat es von 1670 Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen in dieser Zeit sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche gegeben. 1670 von 38.156 (Grundgesamtheit der untersuchten Personalakten) – das ist ein Täteranteil von 4,4 Prozent. In Deutschland ist damit jeder 23. Priester betroffen. Das entspricht den Daten zur relativen Häufigkeit aus den USA. Schlimm.

Anders in Australien. Dort sollen im Zeitraum von 1950 bis 2009 über 4000 Kinder von Priestern, Diakonen und männlichen Ordensangehörigen missbraucht worden sein. Jeder 14. Kleriker wäre danach in Fälle sexuellen Missbrauchs verwickelt. Schlimmer.

Am schlimmsten: Holland. In den Niederlanden sollen nach jetzt bekannt gewordenen Zahlen für die Jahre 1945-2010 etwa jeder 8. Priester und jeder 10. Bischof als Täter in Missbrauchsfälle verwickelt worden sein (vgl. Die Tagespost, Onlineausgabe vom 18. September: „Missbrauchskrise: Vorwürfe gegen niederländische Bischöfe“). Zudem wird die Hälfte der Bischöfe der Vertuschung bezichtigt.

Auch die Fallzahl ist in der Kirche der Niederlande dramatisch hoch: Sechsmal so hoch wie in Deutschland. Über 300 Fälle jährlich. Und das in einer Gesellschaft, in der insgesamt weniger Fälle zu erwarten sind als in Deutschland – die Bundesrepublik hatte rund viermal, das vereinigte Deutschland etwa fünfmal so viele Einwohner.

Aktuelle Studien aus den Niederlanden zeigen, dass dort etwa 3 Prozent der Kinder und Jugendlichen sexuellen Missbrauch erfahren haben. Für Institutionen wie Schulen, Polizeistationen, Kinderkliniken, Einrichtungen der Kinderpsychiatrie etc. stellte die Nationale Prevalentiestudie Mishandeling van Kinderen en Jeugdigen im Jahr 2010 insgesamt 96.175 Fälle von Kindesmisshandlung fest, davon waren 3 Prozent Fälle von sexuellem Missbrauch, also 2885 Fälle. Ähnliche Werte lieferte die Studie fünf Jahre zuvor.

Die Kirche als Institution wäre demnach in den Niederlanden mit etwa 10 Prozent an allen Fällen von sexuellem Missbrauch in Institutionen beteiligt. Das wiederum läge durchaus im Rahmen der Erwartung. Warum aber sind die Fallzahlen für institutionellen Missbrauch in Holland insgesamt so hoch? Reagiert man sensibler? Ist der Rechtsbegriff des sexuellen Missbrauchs weiter gefasst?

(Josef Bordat)

Gott. Universum. Natur

In letzter Zeit begegnen mir in Internet-Memen häufiger säkularisierte Bibelsprüche und weltanschaulich neutralisierte christliche Weisheiten. Heißt: Gott wird darin durch Universum oder Natur ersetzt.

Das ist nett gemeint, doch es beginnt meist sofort und unmittelbar zu hinken, das erbauliche Wort, weil für die Aussage ein liebendes Gegenüber nötig ist, kein unnahbares Phänomen.

Ich brauche Gott in Seiner Personalität, um etwa daran glauben zu können, dass Er bei mir ist in meinen Schwierigkeiten. Warum sollte „das Universum“ so etwas tun: An meiner Seite stehen? Hat sich „die Natur“ denn schon einmal selbst entäußert (Schöpfung), qualvoll hingegeben (Kreuzigung), den Tod überwunden (Auferstehung)?

Das ist es doch, was mich glauben lässt: Gott ist da, Er lässt mich (auch jetzt) nicht allein! Das Universum hat gegen diesen Zuspruch keine Chance, so imposant es auch sei. Und die Natur auch nicht.

(Josef Bordat)

Lebensrecht

Am 22. September gehen in Berlin wieder tausende Menschen für das Lebensrecht auf die Straße. Worum geht es beim „Marsch für das Leben“? Es geht um das unbedingte Recht auf Leben, dass einem Menschen – jedem Menschen – zukommt; organisiert wird die Veranstaltung nicht zufällig vom Bundesverband Lebensrecht. Und woher weiß man, dass das Recht auf Leben jedem Menschen zukommt? Ganz einfach: Es steht im Grundgesetz. Artikel 2 Absatz 2 Satz 1 GG lautet: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“. Was „Leben“ ist, klärt die Biologie. Doch: Wer oder was ist hier „jeder“? Wer oder was kann das Lebensrecht für sich in Anspruch nehmen? Etwa auch Wachkomapatienten? Oder Föten? Migranten? Nazis? Journalisten? Demenzpatienten? Embryos? Finanzbeamte? Lebensschützer? Islamisten? Blogger?

Das Bundesverfassungsgericht beantwortet diese Fragen 1975 eindeutig: „Das Recht auf Leben wird jedem gewährleistet, der ‚lebt‘; zwischen einzelnen Abschnitten des sich entwickelnden Lebens vor der Geburt oder zwischen ungeborenem und geborenem Leben kann hier kein Unterschied gemacht werden. ‚Jeder‘ im Sinne des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ist ‚jeder Lebende‘, anders ausgedrückt: jedes Leben besitzende menschliche Individuum; ‚jeder‘ ist daher auch das noch ungeborene menschliche Wesen“ (BVerfGE 39, 1, 133). Ganz klar: „Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG schützt auch das sich im Mutterleib entwickelnde Leben als selbständiges Rechtsgut“ (BVerfGE 39, 1, 131).

Das entspricht dem Umstand, dass sich auch die Achtung und der Schutz der Menschenwürde, die dem Staat in Artikel 1 des Grundgesetzes aufgegeben sind, auf „jeden“ Menschen beziehen soll, als „Würde des Menschseins“, so das BVerfG im Jahr 1993: „Diese Würde des Menschseins liegt auch für das ungeborene Leben im Dasein um seiner selbst willen. Es zu achten und zu schützen bedingt, daß die Rechtsordnung die rechtlichen Voraussetzungen seiner Entfaltung im Sinne eines eigenen Lebensrechts des Ungeborenen gewährleistet“ (BVerfGE 88, 203, 252). Daraus folgt: „Liegt die Würde des Menschseins auch für das ungeborene Leben im Dasein um seiner selbst willen, so verbieten sich jegliche Differenzierungen der Schutzverpflichtung mit Blick auf Alter und Entwicklungsstand dieses Lebens“ (BVerfGE 88, 203, 267).

Das Bundesverfassungsgericht bezog sich bereits bei seiner Entscheidung im Jahre 1975 ausdrücklich auf „die Entstehungsgeschichte des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG“. Diese lege nahe, daß die Formulierung „jeder hat das Recht auf Leben“ auch das „keimende“ Leben einschließen solle. Tatsächlich war schon in den Verhandlungen des Parlamentarischen Rates klar, dass es um eine derart weit gefasste Konzeption von Würde und Leben gehen soll, wenn diese Begriffe im Grundgesetz Verwendung finden.

Nachdem die Fraktion der Deutschen Partei (DP) wiederholt den Antrag gestellt hatte, im Zusammenhang mit dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit auch das „keimende Leben“ ausdrücklich zu erwähnen, beriet der Parlamentarische Rat erstmalig in der 32. Sitzung seines Ausschusses für Grundsatzfragen am 11. Januar 1949 dieses Thema. Der Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates befasste sich in seiner 42. Sitzung am 18. Januar 1949 bei der Zweiten Lesung der Grundrechte eingehender mit der Frage der Einbeziehung des werdenden Lebens in den Schutz der Verfassung. Der Abgeordnete Hans-Christoph Seebohm (DP) beantragte, dem damaligen Art. 2 Abs. 1 GG die beiden Sätze anzufügen: „Das keimende Leben wird geschützt“ und „Die Todesstrafe wird abgeschafft“. Dazu führte Seebohm aus, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit umfasse möglicherweise nicht unbedingt auch das keimende Leben. Deshalb müsse es besonders erwähnt werden. Die Abgeordnete Helene Weber, einzige Frau in den Reihen der Union, erklärte für ihre Fraktion, diese meine das Leben schlechthin, wenn sie für ein Recht auf Leben eintrete, also auch das keimende Leben. Zuspruch bekam sie vom späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss (FDP).

Im Parlamentarischen Rat gab es also eine Lebensschutzkoalition aus CDU/CSU, DP und FDP: Leben ist jedes Leben, geboren oder ungeboren. Einzig die SPD konnte sich dieser Sicht nicht anschließen. Für die Sozialdemokraten meinte der Abgeordnete Otto Heinrich Greve, dass er unter dem Recht auf Leben nicht auch automatisch das Recht auf das keimende Leben verstehe. Seebohm stellte daraufhin seinen Antrag auf ausdrückliche Erwähnung des „keimenden Lebens“ erneut zur Abstimmung im Ausschuss. Dieser Antrag wurde mit 11 zu 7 Stimmen abgelehnt, aber nicht etwa deshalb, weil man ihn für inhaltlich unbegründet, sondern allein deshalb, weil man ihn für formal unnötig hielt. Es war für die Mehrheit aus Union und FDP schlicht überflüssig, extra zu erwähnen, dass mit „Leben“ im Grundgesetz auch „keimendes Leben“ gemeint sei. So steht es im Schriftlichen Bericht des Hauptausschusses zu Art. 2 GG. Die zusammenfassende Einschätzung des Abgeordneten Hermann Hans von Mangoldt (CDU) lautet darin: „Dabei hat mit der Gewährleistung des Rechts auf Leben auch das keimende Leben geschützt werden sollen. Von der Deutschen Partei im Hauptausschuss eingebrachte Anträge, einen besonderen Satz über den Schutz des keimenden Lebens einzufügen, haben nur deshalb keine Mehrheit gefunden, weil nach der im Ausschuss vorherrschenden Auffassung das zu schützende Gut bereits durch die gegenwärtige Fassung gesichert war“ (zit. nach BVerfGE 39, 1, 139).

Das Plenum des Parlamentarischen Rates stimmte dem Art. 2 Abs. 2 GG am 6. Mai 1949 in Zweiter Lesung bei 2 Gegenstimmen zu. Bei der Dritten Lesung am 8. Mai 1949 brachten sowohl der Abgeordnete Seebohm als auch die Abgeordnete Weber zum Ausdruck, daß nach ihrer Auffassung Art. 2 Abs. 2 GG auch das keimende Leben in den Schutz des Grundrechts auf Leben einbeziehe. Beide Redner blieben mit ihren Ausführungen unwidersprochen.

Halten wir fest: Alle phänomenologischen Kriterien, die man sich ausdenken kann, die Eigenschaften und Fertigkeiten des Menschen, müssen hinter dem einen überragenden ontologischen Fakt zurückstehen: Beim Menschen – geboren oder nicht – handelt sich um ein einzigartiges (menschliches) Wesen mit einer DNA, die so nur einmal auf der Welt und nur einmal in der Geschichte vorkommt. Sagt nicht nur die Biologie, das sagt auch das Grundgesetz. Zumindest soll es uns dies sagen, folgt man der Debatte über Artikel 2 GG im Parlamentarischen Rat und der fortlaufenden und bis zum Tage unaufgehobenen, also geltenden Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts.

(Josef Bordat)

Ich geb‘s ja zu: Ich bin Nazi!

Die Versuche, mich irgendwie (ich hätte jetzt fast geschrieben: „auf Teufel komm raus“) in die rechte Ecke zu stellen, reißen nicht ab. Die ulkigen Begründungen auch nicht.

Einen neuen Versuch startet „Dokumentieren gegen Rechts. Verbindungen und Vernetzungen rechter Organisationen“. Dort gibt es einen Artikel über den Lepanto Verlag (katholisch!). Autor des Artikels ist ein gewisser „B. Kramer“, offenbar auch Betreiber der Seite (ein Impressum konnte ich auf der Seite nicht finden).

Wozu auch, wenn klar ist, wer Gut ist und wer Böse. Und: Katholisch – muss ja rechts sein. Logisch. Bernhard – wer?

In dem Artikel heißt es:

„Josef Bordat, Buchautor für den Lepanto Verlag, ist Blogger der AfD-nahen Freie Welt, die zum Netzwerk von Sven und Beatrix von Storch gehört.“

Na, da hätten wir sie ja alle beisammen! – Ich habe in der Freien Welt vor Jahren einige meiner Blogbeiträge aus Jobo72 zweitveröffentlicht, das ist richtig. Und: Ich habe der Freien Welt mal ein paar Exklusiv-Interviews gegeben. Auch richtig. Unter anderem eines über Morddrohungen gegen mich. Seit März 2013 stelle ich der Freien Welt keine Texte mehr zur Verfügung – die AfD wurde am 6. Februar 2013 gegründet. Nicht, dass mich das irgendwie im Urteil „B. Kramers“ entlasten würde – ich sag‘s nur.

„Als Autor schreibt er außerdem für die Bürgerinitiative Faire Medien, die zum Verein Durchblick e.V. gehört. Der katholische Verein Durchblick ist den radikalen Abtreibungsgegner*innen zuzuordnen.“

Hä? Also, es kann ja sein, dass ich langsam alt werde, aber daran, dass ich „für die Bürgerinitiative Faire Medien schreibe“, kann ich mich jetzt spontan nicht erinnern. Ich meine, der Tag hat auch in Berlin nur 24 Stunden (ich hab‘s recherchiert) und ich kann ja nicht für alles und jeden schreiben. Vielleicht hat die „Bürgerinitiative Faire Medien, die zum Verein Durchblick e.V. gehört“ ja auch mal einen Text von mir übernommen. Kann ich mir gut vorstellen, so als „radikaler Abtreibungsgegner*in“.

„Als Online-Redakteur arbeitet Bordat für die katholische Zeitung ‚Die Tagespost‘“.

Richtig. Ist übrigens die erste Behauptung in dem Abschnitt über meine Person, für die dann auch ein Beleg angeboten wird. „B. Kramer“, Sie steigern sich!

„Sein aktuelles Buch: ,Von Ablaßhandel bis Zölibat – Das „Sündenregister“ der Katholischen Kirche‘,“

Falsch. Mein aktuelles Buch ist: „Autogenes Training im Wettkampfmodus. Satiren“. Nazi-Humor vom Feinsten! Kaufen! Jetzt! Befehl des Führers.

„ebenfalls im Lepanto Verlag erschienen, wird Bordat in diesem Jahr nicht nur der Frankfurter Buchmesse vorstellen dürfen, sondern zusätzlich noch in diversen Berliner Gemeindezentren.“

Ja? Darf ich? Und: Was will uns „B. Kramer“ damit sagen? Frankfurter Buchmesse, Berliner „Gemeindezentren“ (auch an Zitaten merkt man, ob jemand Ahnung hat) – alles Nazi? Und: „divers“ – schön wär‘s! Momentan muss ich betteln, dass ich überhaupt mal irgendwo lesen darf. – Ich komme übrigens auch gerne mal zu Ihnen. Ja, auch ohne Honorar.

Aber ich will nicht jammern. Nazis jammern nicht.

Also, dann. Zum Mitschreiben: Ich war – ich geb‘s zu, es hat ja keinen Sinn, es immer wieder zu leugnen – ab 1932 Mitglied der NSDAP und spätestens ab 1938 Mitglieder der Waffen-SS. So, jetzt ist es raus. Meine Beteiligung am Röhm-Putsch ist allerdings umstritten.

Meine Fresse, Leute! Nicht nur, dass ihr mit so einem Schwachsinn eure Lebenszeit vergeudet, nein: Ihr torpediert auch den absolut notwendigen Einsatz gegen Rechtsextremismus und seine Erscheinungsformen, der tagtäglich von vielen Menschen geleistet wird. Das ist doch der Punkt, „B. Kramer“: Wenn alles „Nazi“ ist, was Sie nicht verstehen, dann ist es am Ende keiner.

(Josef Bordat)

Wir sind mehr

Es geht nicht um Mehrheit. Es geht um die Wahrheit der Menschenwürde.

„Wir sind mehr!“ ist eine problematische Parole im Kampf gegen Rechtsextremismus. Erstens kann sich das ändern (vgl. Reichstagswahlen 1932/33), zweitens geht es bei Fragen der Kultur nicht um Mehrheit. Mehrheiten können irren. Auch geschmacklich.

Es geht um Wahrheit, es geht um Würde, es geht um Recht. Es gibt Grundsätze, Rechtsprinzipien, auf denen die Demokratie aufsetzt, die unbedingt gelten. Ein solches Prinzip ist die Achtung der Würde des Menschen.

Dieses ist verletzt, wenn Hetze und Hatz an der Tagesordnung sind. Dieses ist zur Grundlage allen Handelns zu machen, auch, wenn man damit alleine steht. Keine noch so große Mehrheit kann es kippen, kein Volk kann seine Geltung außer Kraft setzen.

„Wir stehen für Artikel 1 Absatz 1 Satz 1 Grundgesetz!“ – Etwas kompliziert, trifft die Sache aber besser.

(Josef Bordat)