Zwölf Verrückte, Teil 11: Heinrich von Kleist

Das in Bayern beschlossene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz behandelt gemütskranke Menschen wie Straftäter. Anlass, in einer zwölfteiligen Serie solche Menschen vorzustellen.

Eigentlich sollte Heinrich von Kleist (1777-1811) eine Offizierslaufbahn einschlagen, doch für den sensiblen und musisch talentierten jungen Mann war die Welt der Literatur ungleich verlockender. Von seiner Schwester Ulrike unterstützt, begibt er sich in das Abenteuer des freischaffenden Dichters und schreibt seine heute gefeierten Dramen Der zerbrochene Krug (1805), Käthchen von Heilbronn (1807), Prinz Friedrich von Homburg (1809-11) und andere sowie seine berühmte Erzählung Michael Kohlhaas (1808), die von größter Fabulierlust und -kunst zeugt.

Kleist erlebt keine einzige Aufführung seiner Stücke. Geplagt von Zweifeln und der mangelnden Fähigkeit, sich anzupassen, führt er ein rastloses Wanderleben, das von Unruhe und Depression geprägt ist und 1811 tragisch endet: Zusammen mit seiner Freundin Henriette Vogel begeht Kleist am Wannsee in Berlin Selbstmord. In einem Abschiedsbrief an die Schwester – neben der Freundin offenbar seine einzige Vertrauensperson – begründet er den Schritt damit, dass ihm „auf Erden nicht zu helfen“ sei. Kleist wird nur 34 Jahre alt.

Ob dieser Suizid ausschließlich mit seiner seelischen Not zusammenhing, ist ungeklärt, vermutlich trugen Schulden, die vielen beruflichen Enttäuschungen und auch die schmerzliche Erfahrung der napoleonischen Herrschaft über das geliebte Deutschland zu seiner finalen Entscheidung bei. Schließlich schreibt er im Katechismus der Deutschen (1809): „Es ist Gott lieb, wenn Menschen, ihrer Freiheit wegen, sterben. – Was aber ist ihm ein Greuel? – Wenn Sklaven leben.“

Am plausibelsten scheint mir die Erklärung, dass sich die Depression und der Misserfolg seiner Werke gegenseitig verstärkten und am Ende nur der Suizid als Ausweg aus dem circulus vitiosus möglich schien. Seine Gemütskrankheit eilte ihm als Ruf voraus; Kleists großer Zeitgenosse Goethe lehnte den Kollegen deswegen ab. Wer jedoch bei Goethe in Ungnade fiel, hatte in der großen Zeit der Dichter und Denker schlechte Karten: Dessen Stücke wurden nicht aufgeführt, dessen Romane nicht gedruckt. So war es bei Kleist, mit der Folge immer tieferer Selbstzweifel und immer hoffnungsloserer Zukunftsaussichten.

In unserer Zeit lebt Kleist als Dichter und Mensch um so stärker auf. Seine Stücke werden gespielt und er ist selbst Thema von Film und Literatur. Neben Helma Sanders-Brahms Film Heinrich (1977), der mehr um psychologische Studien bemüht ist als um biographisch-historische Korrektheit, sei Christa Wolfs Erzählung Kein Ort. Nirgends (1979) genannt, die mit deutlicher Referenz auf Kleist die Heimatlosigkeit von Schriftstellern thematisiert, die als Außenseiter aus dem gesellschaftspolitischen Kontext ihrer Zeit herausfallen.

Heinrich von Kleist ist ein Faszinosum. Seine Sprache, seine Themen, sein Leben – ein echtes deutsches Drama zwischen Rausch und Nüchternheit.

(Josef Bordat)

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Zwölf Verrückte, Teil 9: Vincent van Gogh

Das in Bayern beschlossene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz behandelt gemütskranke Menschen wie Straftäter. Anlass, in einer zwölfteiligen Serie solche Menschen vorzustellen.

Vincent van Gogh (1853-1890) ist der vielleicht bekannteste Maler der Welt. Seine Ölgemälde erzielen bei Auktionen Stückpreise jenseits der 50-Millionen-Dollar-Grenze, sein Museum in Amsterdam ist längst zur Pilgerstätte für Kunstliebhaber aus der ganzen Welt geworden. Das Kröller-Müller Museum in Otterlo bei Arnheim mit immerhin 87 „echten van Goghs“ steht dem an Popularität kaum nach.

Der Ruhm kam posthum; zu Lebzeiten war van Gogh arm und ein gesellschaftlicher Außenseiter. Der Künstler wurde nur von einigen Fachkollegen anerkannt, die Galleristen und Kunstliebhaber ignorierten den Holländer beharrlich, er verkaufte selbst nur ein einziges Bild zu einem Spottpreis an seinen Bruder Theo. Damit teilte van Gogh das Schicksal vieler Avantgardisten in Kunst und Wissenschaft: Von den Zeitgenossen nicht verstanden zu werden. Sie erkannten die Tragweite seines Schaffens nicht.

1888, zwei Jahre vor seinem Suizid, arbeitet Vincent van Gogh in einem wahren Schaffensrausch. Am 23. Oktober kommt sein Kollege Paul Gauguin in Arles an. Er arbeitet und lebt mit Vincent van Gogh im „Gelben Haus“. Die Beziehung der beiden Künstler verschlechtert sich, nachdem sie zwei Monate zusammenlebten. Gauguin zufolge geht Vincent am 23. Dezember mit einem Rasiermesser auf ihn los. Gauguin stürzt aus dem Haus und übernachtet in einem Gasthof.

Ingo Walther schildert in seiner 1989 erschienenen Biographie wie Vincent van Gogh in der Nacht einen Anfall geistiger Umnachtung erleidet und sich den unteren Teil des linken Ohres abschneidet. Er wickelt es in Zeitungspapier und bringt es der Prostituierten Rachel als Geschenk ins Bordell. Die Polizei findet ihn am frühen Morgen verletzt im Bett und liefert ihn ins Krankenhaus ein. 1889 ging er nach Saint-Rémy-de-Provence Arles in die Heilanstalt, wo Gemälde von ekstatischer Ausdruckskraft entstanden, u. a. „Sternenhimmel“. Ein Jahr danach zieht er nach Auvers und nimmt sich nach einer weiteren intensiven Arbeitsperiode das Leben.

Die Erkrankung Vincent van Goghs ist Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Als Ursache seines Leidens wurden unterschiedliche Erklärungen wie akute intermittierende Porphyrie, Epilepsie und Schizophrenie vorgeschlagen. W. K. Strik von der Psychiatrischen Klinik und Poliklinik der Universität Würzburg schreibt dazu in der Fachzeitschrift Der Nervenarzt vom Mai 1997: „Viele der diagnostischen Hypothesen beruhen auf einer einseitigen oder unvollständigen Betrachtung des Lebenslaufes und der Hinweise auf das subjektive Erleben aus den Briefen van Goghs an seinen Bruder. Karl Leonhard zeigte in einer Analyse des Lebenslaufes, daß sowohl der Verlauf als auch die Akutsymptomatik mit der Diagnose der von ihm beschriebenen zykloiden Angst-Glücks-Psychose vereinbar sind.“ Neuere Forschungen (U. Kraft in Gehirn und Geist, Nr. 5, 2004) legen nahe, dass sich hinter der symptomatisch in Erscheinung tretenden Psychose eine lavierte Temporallappenepilepsie als Ursache verbirgt. Krampfanfälle sind hierbei nur schwach ausgeprägt, andere psychische Auffälligkeiten dafür umso mehr. Wenn die unkontrollierten Nervenentladungen den Temporallappen betreffen, schwanken die Betroffenen zwischen Euphorie und Depression. Vincents Bruder Theo beschreibt diese Stimmungsschwankungen eindrücklich: „Es ist, als wären da zwei Menschen: der eine hochbegabt, gebildet und feinsinnig, der andere egoistisch und hartherzig.“. Genial und impulsiv-psychotisch – der „echte van Gogh“ hatte zwei Gesichter.

Diese Janusköpfigkeit bipolarer Labilität ist häufig verbunden mit einer ausgeprägten Emotionalität, mit Angstzuständen, Halluzinationen und Verfolgungswahn. Auch das passt auf Vincent van Gogh.

So unsicher die Fachwelt bei der Diagnose, so sicher ist, dass sich die schweren psychischen Leiden auf van Goghs Bilder auswirkten, was sich z. B. an der Wahl kräftig leuchtender Farben und der expressiven Pinselführung erkennen lässt. Für van Gogh war immer die Wahrhaftigkeit in der Erfassung allen Lebens wichtig. So ließ er immer nur einen Maßstab gelten: die Wirklichkeit. Er gab sich in seiner Malerei völlig der Natur hin, und so wurde ihm immer mehr „alle Wirklichkeit zugleich Symbol“. Ein zentrales Motiv war für ihn die immergrünen Zypresse, lebendig, feurig und lodernd, ein Ausdruck tiefster Erregtheit.

So schreibt van Gogh: Die Zypressen beschäftigen mich dauernd. Es wundert mich, daß man sie noch nicht gemalt hat, wie ich sie sehe. In den Linien und Proportionen so schön wie ein ägyptischer Obelisk. Und das Grün ist so ein ganz besonders feiner Ton. Es ist der schwarze Fleck in einer sonnenbeschienenen Landschaft, aber es ist einer der interessantesten schwarzen Töne, doch ich kann mir keinen denken, der schwieriger zu treffen wäre.

(Josef Bordat)

Zwölf Verrückte, Teil 8: Robert Schumann

Das in Bayern beschlossene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz behandelt gemütskranke Menschen wie Straftäter. Anlass, in einer zwölfteiligen Serie solche Menschen vorzustellen.

Rosenmontag am Rhein. Ein Feiertag. Wer als Rheinländer nicht mitfeiern will, fährt rechtzeitig in Urlaub. Rosenmontag 1854 in Düsseldorf. Viele feiern. Ein Mann springt in den Rhein, will sich das Leben nehmen. Er wird gerettet und spricht hinterher bei seinem Verhalten von einem „Faschingsscherz“. Kaum zu glauben, denn der Lebensmüde ist der psychisch schwerstkranke Komponist Robert Schumann (1810-1856), ein Wahl-Niederrheiner aus Zwickau, der ab 1850 in Düsseldorf als Städtischer Musikdirektor wirkte.

Schumann hatte nach dem Abitur zunächst in Leipzig und Heidelberg Jura zu studieren begonnen, bevor er 1829 erstmals als Pianist auftrat und Kompositionsunterricht nahm, u.a. bei Wieck in Leipzig. Als Schüler war er bei Friedrich Wieck in guten Händen, als junger Mann nicht. Schumanns Aufmerksamkeit galt nämlich bald einer jungen Pianistin namens Clara, Wiecks Tochter.

Ihr Vater ist strikt gegen die Verbindung und blockiert die keimende Liebe, wo er nur kann. Doch Robert und Clara kämpfen, ein ganzes Jahrzehnt. Der sensible Romantiker Schumann erinnert sich des Jura-Studiums und lässt die Zustimmung des Vaters zur Eheschließung gerichtlich erzwingen. Am 1. August 1840 ergeht der Beschluss, am 12. September wird geheiratet. Schumann notiert: „Nie zuvor ist ein Ja mit solcher Überzeugung, mit solchem festen Glauben an eine glückliche Zukunft ausgesprochen worden.“ Im Jahr seiner Heirat mit Clara schreibt Schumann im Hochgefühl der Liebe 138 Lieder, was seinen Ruhm als großen deutschen Liedschöpfer begründet.

Doch die „glückliche Zukunft“ für das junge Paar blieb aus. Zwar ist die mit sechs Kindern gesegnete Ehe harmonisch, zwar gelangen beide in ihrer reifen Liebe und dem tiefen Respekt vor dem Genie des Anderen zunächst in nie gekannte Höhen ihrer Kunst, sie als Pianistin („Meine Clara hat so gespielt, daß ich über die Meisterin die Frau vergaß.“), er als Komponist (es entstehen Symphonien und Kammermusik), doch bald stellt sich die Frage, wer wen begleitet – und wer im Vordergrund steht. Robert Schumann bestimmt zwar die Lebensstationen – 1844 siedeln die Schumanns von Leipzig nach Dresden um, 1850 von dort nach Düsseldorf, immer aufgrund seiner Karriere –, doch er leidet unter dem Gefühl, nur der Gatte der berühmten Pianistin zu sein und arbeitet wie ein Besessener, häufig bis zur totalen Erschöpfung. 1849 ist sein produktivstes Jahr, in den ersten drei Düsseldorfer Jahren komponiert er zwar in dämonischem Arbeitseifer weiter, aber das, was er schreibt, trägt deutliche Spuren seines seelischen Leidens. Musiktheoretiker identifizieren „Verrückungen der Noten im Rhythmus des Wahns“; sein letztes Opus (Gesänge der Frühe) gilt als „traurigstimmender Beleg der restlosen Verausgabung eines der größten Genies der Musik, dessen kranke Seele sich ruhesehnend in himmlischen Gedanken wiegt“.

Das ganze Leben des Komponisten ist von psychischen Krisen geprägt. Das Tagebuch, das er von seinem 18. Lebensjahr an führt, zeugt schon in jungen Jahren von tiefster Melancholie. Kein Wunder, denn als junger Mensch hatte Schumann bereits viel mitmachen müssen; in elf Jahren verlor er fünf engste Verwandte. 1825 begeht seine nervenkranke Schwester Emilie Selbstmord, ein Jahr später stirbt sein Vater, 1833 sein Bruder Julius, kurz darauf seine Schwägerin Rosalie und Anfang 1836 schließlich seine Mutter. So oft und stark mit dem Tod konfrontiert, fällt er von einer Trauerzeit in die andere.

Seine Tätigkeiten als Kritiker und Komponist Anfang der 1830er Jahre zerreißen ihn innerlich und in ihm entstehen die beiden Gestalten, in denen Schumann sein Doppelwesen personifiziert: der verträumte Eusebius und der kämpferische Florestan. Traum und Kampf – nirgendwo tritt diese Ambivalenz der Gefühle deutlicher zu Tage als in seinem langen Ringen um die Liebe zu seiner Clara.

Doch die Auseinandersetzung mit Claras Vater zehrte zusätzlich an den Nerven und vertiefte Schumanns Schwermut. Seine Depression bildete die Grunderkrankung, eine Gemütsdisposition, die das plötzliche, infarktartige Entstehen immer neuer psychotischer bzw. neurotischer Leidensformen begünstigte. Schwermütiger Seelenschmerz schwebt stets über Schumann, Anfälle nervöser Angstzustände und Schlaflosigkeit treten immer wieder plötzlich hinzu, in periodischer Wiederkehr. Sein Leben war Leiden.

Zum Ende dieses kurzen, qualvollen Lebens glitt Schumann nach einem Anfall im Juli 1853, den er selbst als „Nervenschlag“ bezeichnete, endgültig in den Dauerzustand des Wahnsinns, der sich in Hör- und Sprechschwierigkeiten, Halluzinationen und dem so genannten „Faschingsscherz“ manifestierte.

Wenige Tage nach diesem Suizidversuch überführt man ihn auf eigenen Wunsch in die Nervenheilanstalt Endenich bei Bonn. Dort besucht ihn der junge Kollege Brahms regelmäßig – seit dem Zusammenbruch Robert Schumanns ein Freund der Familie –, Clara hingegen wird untersagt, ihren Mann zu besuchen, zu groß sei für ihn die Aufregung.

Zweieinhalb Jahre sehen sich die beiden nicht, bevor die Sehnsucht Clara zu ihrem geliebten Gatten treibt. Am 27. Juli 1856 sehen sie sich wieder. Er lächelt sie an, erkennt sie offenbar, trotz der geistigen Verwirrtheit. Mit letzter Kraft umarmt er seine Frau. Sie bleibt noch Stunden bei ihm. Zwei Tage später stirbt Robert Schumann. Es scheint, als habe er auf Clara gewartet.

(Josef Bordat)

Zwölf Verrückte, Teil 7: Pablo Picasso

Das in Bayern beschlossene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz behandelt gemütskranke Menschen wie Straftäter. Anlass, in einer zwölfteiligen Serie solche Menschen vorzustellen.

„Piz! Piz!“ Das waren die ersten Worten des Pablo Picasso (1881-1973), Erfinder des Kubismus und als solcher einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. „Piz“ steht für das spanische Wort „lápiz“, zu deutsch: Bleistift. Der kleine Pablo, der so vehement ein Malutensil fordert, wollte die Tauben zeichnen, die im Hause Picasso umherflatterten, von seinem Vater – auch er war Maler – als fliegende Modelle betrachtet. Später entstehen Kinderzeichnungen jener Tauben, die das sagenhafte Talent des jungen Picasso eindrucksvoll belegen.

Aus dem Wunderkind wird schnell ein anerkannter Künstler. Neben seinem künstlerischen Können, das später so bekannte Gemälde wie „Guernica“ (1937) und so geniale Skulpturen wie die „Ziege“ (1950) hervorbringt, lässt die Biographie des Exzentrikers Picasso aufhorchen. Sie unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der anderer berühmter Maler. Insbesondere dadurch, dass Picasso – etwa im Gegensatz van Gogh oder Gauguin – die Früchte seiner Arbeit zu Lebzeiten genießen konnte, denn er vermarktete sich konsequent und kam so zu sehr viel Geld. Als einzigem Künstler widmete ihm der Louvre in Paris 1971 schon zu Lebzeiten eine Sonderausstellung. Ein alles in allem perfektes Leben, das nur durch einige unglückliche Liebesbeziehungen phasenweise etwas getrübt wird.

Doch Picasso lebte stets auch haarscharf am Rande des Abgrunds. Picasso trug eine schizophrene Psychose in sich, die nicht zum Ausbruch kam, sondern künstlerisch umgesetzt wurde, in einer neuen Stilrichtung, die eine neue Sicht auf die Welt ermöglichte: dem Kubismus. Fragmentarische Bilder, die das Abgebildete durch ineinander verschachtelte Darstellung aus verschiedenen Blickwinkeln analysieren, gemalt von einer gespaltenen Persönlichkeit, die diese unterschiedlichen Perspektiven gleichzeitig wahrnimmt – so lässt sich die Entstehung des Kubismus verkürzt beschreiben, den Picasso 1907 mit dem Gemälde „Les Demoiselles d’Avignon“ einführte. Die Psychose führte dazu, dass er Bilder im Kopf hatte, die nur er so sah, wie er sie sah. Er sah in einem Pferdekopf mehr Leid als andere in einer Folterung. Nur so ist die Eindringlichkeit eines Gemäldes wie „Guernica“ zu erklären.

Außerdem hatte er viele Gedanken im Kopf und verband sie in raschen Assoziationen zu abstrusem Neuen. Die üblichen Filtermechanismen eines „gesunden“ Gehirns, die den Menschen vor dem Herstellen abwegiger gedanklicher Brücken und allzu gewagter Schlussfolgerungen bewahren sollen, funktionierten bei Picasso ebenso wenig wie bei Menschen mit schizophrenen Psychosen. Offenbar unterschied ihn jedoch vom klinisch behandlungsbedürftigen Kranken die Gnade, trotz der geringen latenten Inhibition und der damit verbundenen Hypomanie nicht wahnsinnig zu werden, sondern die genauere Wahrnehmung der Umwelt produktiv zu nutzen, in immer neuen, wunderbaren Kunstwerken.

Des weiteren lebte Picasso in der zweiten Lebenshälfte im Exil. Seit 1934 ist er nie mehr in Spanien gewesen. Seine Heimat war von General Franco in Beschlag genommen worden, kein Platz für Picasso. Die Diktatur überdauerte den Künstler – Rückkehr ausgeschlossen. Exil hieß, keine Ruhe zu finden, Exil hieß Einsamkeit. Picassos Einsamkeit, so schreibt John Berger 1965 in Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso, sei die Einsamkeit eines „Wahnsinnigen“, eines „Menschen, der sich selbst genügt“. Eine Einsamkeit, die hinter rastloser Geschäftigkeit ein Leben lang verborgen blieb. „Piz!“ statt „Paz.“ war wohl so etwa wie ein Lebensmotto Picassos.

(Josef Bordat)

Zwölf Verrückte, Teil 6: Paul Celan

Das in Bayern beschlossene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz behandelt gemütskranke Menschen wie Straftäter. Anlass, in einer zwölfteiligen Serie solche Menschen vorzustellen.

Paul Celan – eines seiner Gedichte kennen wohl alle aus dem Deutsch-Unterricht: Die Todesfuge.

„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts

Ein Mann wohnt im Haus und spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“

Im April 2004 erschien bei Suhrkamp der Briefwechsel des Dichters Paul Celan (1920-1970) und seiner Jugendfreundin und Geliebten des letzten Lebensjahres, Ilana Shmueli, ein gutes Stück Zeitgeschichte aktuellster Bedeutung – immer wieder wird die Sorge um den jungen Staat Israel angesichts der militärischen Bedrohung thematisiert. Gleichsam stellt es ein beeindruckendes Zeugnis seines Seelenzustands dar, in den letzten Atemzügen vor seinem Suizid im April 1970.

Die Briefe, die Celan Ilana Shmueli im Winter 1969/70 schreibt, zeugen einerseits von der ungebrochenen Kraft des begnadeten Poeten, der Gefühle zu Sprache verdichten konnte wie kaum ein anderer Literat unserer Zeit. Anderseits offenbaren die Briefe seine Schwäche: Die Unerreichbarkeit eines Genies, das an sich selbst zu leiden beginnt und das mit sich und dem Tode ringt, ehe dieser obsiegt. Christoph König resümiert in der FAZ vom 17.04.2004: „In der Korrespondenz wird erneut deutlich, woran er starb: an Erschöpfung.“.

Paul Celan (eigentlich: Paul Antschel oder Ancel, von daher als Anagramm „Celan“) hatte als deutschsprachiger Rumäne jüdischen Glaubens kein leichtes Leben. Als junger Mann erlebt er, wie seine Heimatstadt Czernowitz zunächst von den Sowjets (1940), dann von den Deutschen (1941) und schließlich wieder von den Sowjets (1943) besetzt wird. Seine Eltern wurden in Arbeitslager verschleppt und starben dort; Celan selbst überlebte die dreijährige Zwangsarbeit unter faschistischer und kommunistischer Diktatur. Er verlässt nach dem Krieg Rumänien und flieht 1947 nach Wien, um sich im Jahr darauf endgültig in Paris niederzulassen. Ilana Shmueli, ebenfalls Jüdin, siedelt in den neu gegründeten Staat Israel um.

Celan schreibt auch in Frankreich nach wie vor auf Deutsch. Sein Werk ist, wie das vieler Dichter und Denker der Nachkriegszeit, geprägt von der Verarbeitung des eigenen Schicksals und der Shoah (man denke an Adorno, Jonas u. a.). Das Erfassen des Unfassbaren – ein unmögliches Unterfangen. Ihm, der als deutscher Jude zweifach Opfer wurde, gelingt es nicht, mit alttestamentlichen Bezügen und erotischen Anspielungen in seinen Gedichten sowie in der Einsamkeit seines Daseins in der französischen Metropole zur Ruhe zu kommen. Im Gegenteil: Gerade an dieser Einsamkeit in Paris, die Celan im Sinne des in alle Welt verstreuten jüdischen Volkes bewusst kultiviert, sollte er zerbrechen.

Dennoch: Die metaphysisch-transzendentalen Geborgenheitsvorstellungen vieler Juden vom himmlischen Jerusalem teilt er ebenso wenig, wie die realpolitische Option des Zionismus: ein irdischen Jerusalem als Zentrum einer neuen Heimat des jüdischen Volkes im neuen Staat Israel auf dem Boden des alten Bundes. „Hoffe, hoffe ein stilles Hoffen, kein zu großes“, schreibt er in einem Brief an Ilana, die er 1965 in Paris wiedersah, jedoch erst 1969 in Israel besuchte. Doch selbst der kleinste Funke Hoffnung ist ihm nicht vergönnt. An den Toren Jerusalems stehend, steht er gleichsam „an den Toren der Vergeblichkeit“, wie Christoph König seinen Essay in der FAZ überschreibt. Den Vorschlag Ilanas, doch zu ihr nach Israel zu ziehen, lehnt er ab: „Israel – das Land, das sein Volk auffrißt, […] ein heilloses Durcheinander […] – Ich will nicht!“

Zeichen einer totalen Erschöpfung, einer psychischen Überlastung als Konsequenz des biographischen Unheils häufen sich in den 1960er Jahren. So reißt er einmal einem Passanten einen leuchtend gelben Schal vom Hals, weil dieser ihn an den gelben Judenstern erinnert, den er einst tragen musste. Eine kulminierende Melancholie – Celan klagt Anfang 1970 über „ein totales Down“ – tun ihr übriges.

Die Krankenakte Celans ist trotzdem dünn: Erst 1966 wird er zwangsweise in eine Heilanstalt eingewiesen, bleibt dort jedoch nur kurz. Ansonsten leidet er still vor sich hin und lässt nur Ilana postalisch an seinem Leben und Leiden teilhaben. Man ist geneigt, Parallelen zu sehen zum Burn out-Syndrom, jenem komplexen Erschöpfungszustand, dem heute viele Stars im Stress der Mediengesellschaft anheimfallen, doch ist Celans Leiden, seine Leidenschaft damit nur unzureichend beschrieben. Er hatte sich in den bitteren Gründen des Herzens verloren, ein Schicksal, das, so paradox es klingt, nach Voraussetzungen verlangt, die heute viele Medien-Menschen gar nicht aufzubringen in der Lage sind.

Das makabere Abschiedgedicht, das Celan der schockierten Ilana im April 1970 schickt, soll mein kurzes Portrait beschließen. Es gibt Zeugnis von einer für den Autor lächerlich gewordenen Welt, in der er keinen Sinn zu erkennen vermag. Auch eine selbstbewusste Verachtung des Absurden im Sinne Albert Camus’ zur Rückeroberung von Authentizität und damit von Würde will Paul Celan nicht gelingen – er nimmt sich wenig später mit einem Sprung in die Seine das Leben und verlässt eine Welt, von der er nur noch spottet: „Die Welt, Welt / in allen Fürzen gerecht, / ich, ich / bei dir, dir, Kahl- / geschorne.“

(Josef Bordat)

In memoriam – Gustl Bayrhammer

Heute vor 25 Jahren verstarb der bayerische Volksschauspieler Gustl Bayrhammer. Zwei Rollen machten ihn über die Grenzen des Freistaats bekannt: die des Kommissar Veigl in der Reihe „Tatort“ (1972–1981) und – natürlich – die des Schreinermeister Eder in der Kinderserie „Meister Eder und sein Pumuckl“ (1982–1989). 1993 trat der Schauspieler noch einmal als „Meister Eder“ in dem Film „Pumuckl und der blaue Klabauter“ auf – wenige Wochen vor seinem Tod.

(Josef Bordat)

Welttag des Buches

Meine Botschaft zum Welttag des Buches ist kurz und eindeutig: Lest!

Und ich habe auch gleich mal drei unverbindliche Empfehlungen.

1. Das Gewissen

Josef Bordat […] legt mit dieser Publikation eine umfassende und systematische Darstellung zu einem der wichtigsten moraltheologischen Themen vor. (Josef Gottschlich, IRP Freiburg, 18.7.2014)

Bordats Buch ist ‚ebenso gehaltvoll wie gut lesbar und hat das Zeug zum Standardwerk.‘ (Harald Stollmeier, Moralblog, 2.2.2014)

Die essayistische Diktion spricht für eine breite Zielgruppe, ohne dass dies auf Kosten der analytischen Tiefenschärfe ginge. […] In differenzierter Argumentation gelingt es Bordat, die Überlegenheit des christlichen Gewissenskonzepts gegenüber einem atheistischen Verständnishorizont darzulegen. (Andreas Püttmann, Pastoralblatt, Juli 2014)

2. Credo

Bordats Erörterungen über das Glaubensbekenntnis habe ich wie einen spannenden Roman an einem Stück gelesen. (Prof. Dr. Volker Kapp, literaturmarkt.info, 7.3.2016)

Ein sehr fundiertes und zugleich gut verständliches Buch, [das] nicht nur die eher leicht verständlichen Glaubenssätze des Credo, sondern auch dessen theologisch komplexere Aspekte klar, überzeugend und vor allem ermutigend erläutert. (Josef Gottschlich, IRP Freiburg, 11.7.2016)

Eine wirkliche Bereicherung für alle, die entweder ihre Schwierigkeiten und Zweifel mit den zentralen Glaubenswahrheiten haben oder deren Glaube zu einer Gewöhnlichkeit abgerutscht ist. (Dr. Richard Niedermeier, Medienprofile Heft 2/2016)

3. Von Ablaßhandel bis Zölibat

‚Von Ablaßhandel bis Zölibat‘ ist keine plumpe Verteidigungsschrift und vermeidet jede Schwarz-Weiß-Malerei. Das Buch sei nicht nur historisch interessierten Lesern empfohlen, sondern jedem, der seine Kirche liebt und für den sie nicht nur eine Kirche der da oben ist. Wer den Dialog mit anderen Religionen oder Weltanschauungen und die Neuevangelisation ernst nimmt, ist dazu aufgerufen, seinen Glauben zu kennen und zu verteidigen. Dieses Buch bietet ihm das Rüstzeug dafür. (Volker Niggewöhner, Die Tagespost vom 24.11.2017)

Josef Bordats Apologie [ist] allen an lebhaften und fundierten Diskussionen zu theologischen Streitfragen Interessierten sehr zu empfehlen. Darüber hinaus kann sie auch dem Religionsunterricht, insbesondere ab der neunten Jahrgangsstufe, gute Dienste leisten. (Josef Gottschlich, IRP Blog, 12.1.2018)

Fundiert und in einer allgemein verständlichen Sprache geschrieben, ist [das Buch] nicht nur dem Gläubigen zu empfehlen, der mehr über die Kirche, ihre Geschichte und den Glauben erfahren will oder argumentatives Rüstzeug für künftige Diskussionen benötigt. Auch Kirchenferne und -kritiker dürfen sich mit ihren Fragen und Argumenten durchaus ernstgenommen wissen. (Tobias Glenz, katholisch.de, 18.1.2018)

Lest, liebe Leute! Wenn nicht heute, wann dann?!

(Josef Bordat)