Thomas Morus

Thomas More (um 1478-1535), latinisiert Morus war ein bedeutender englischer Staatsmann und Humanist der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Als Staatsmann war Morus ab 1504 Mitglied des Unterhauses, wurde 1518 in den königlichen Rat berufen und 1529 zum Lordkanzler ernannt. Er unterstützte Heinrich VIII. zunächst im Kampf gegen den Protestantismus und hat in diesem Zusammenhang eine Reihe von Schriften gegen die lutherische Reformation verfasst. Der Bruch mit Heinrich folgte auf dessen Bestrebungen, eine von Rom unabhängige Staatskirche zu gründen. Nach der Verweigerung des Suprematseids wurde Morus 1535 wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und hingerichtet. 400 Jahre danach erfolgte seine Heiligsprechung. Heute gedenkt die katholische Kirche seiner – und seines nicht korrumpierbaren Gewissens.

Als Humanist – er unterhielt engen Kontakt zu Erasmus von Rotterdam – war er neben den Vertretern der spanischen Barockscholastik einer der Vollender jener intensiven Rezeptionsphase antiker Philosophie (Platon, Aristoteles, Stoa, Epikur) durch christliche Denker, die bei Augustinus (im frühen 5. Jahrhundert) ihren Ausgang genommen hatte und die Philosophie des abendländischen Mittelalters prägte, vor allem das Werk Thomas von Aquins im 13. Jahrhundert.

Die als Reisebericht konzipierte Schrift De optimo reipublicae statu, deque nova insula Utopia (1516) gilt als sein Hauptwerk, mit dem Morus zugleich die Utopie als literarische Gattung begründet. In der „Utopia“ verarbeitet Morus sowohl den Anspruch Platons, einen Idealstaat zu entwerfen, als auch den Duktus der epikureischen Schule, der sich in der Gleichförmigkeit der Utopier zeigt, die jedes äußere Unterscheidungsmerkmal abgeschafft haben.

Das Gleichheitsparadigma bringt so etwas hervor wie eine „kommunistische Monarchie“, deren hierarchisches System paternalistischer Sippen für eine flächendeckende Einbeziehung aller Bewohner in gesellschaftsbildenden Bereichen (Politik, Bildung, Wirtschaft) sorgt. Die Kehrseite der Uniformiertheit, die aus einem gleichheitsorientierten Gerechtigkeitsbegriff erwächst, ist ein starrer Anti-Individualismus, der – wie schon in Platons Stände-Staat – keinen Raum bietet für ein Anders-Sein, ein Kennzeichen idealer Staatskonzepte mit Absolutheitsanspruch und egalitaristischem Rechtfertigungsüberbau, in dem nicht nur der Utopismus-Kritiker Karl Popper die Vorlage für die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts erkennt.

Der Text der „Utopia“ ist in zwei Abschnitte gegliedert, der erste Teil enthält eine satirische Kritik an den realen ökonomischen Zuständen im England des beginnenden 16. Jahrhunderts, der zweite Teil schildert das ideale Gemeinwesen auf der nahe Sri Lanka künstlich angelegten Insel Utopia, eine perfekt organisierte Gesellschaft, die in der Glückseligkeit das Höchste Gut sieht und vorführt, wie man dieses erreichen kann. Davon berichtet der Seefahrer Raphael Hythlodaeus, angeblich ein Gefährte Amerigo Vespuccis. Der Name des fingierten Berichterstatters Raphael Hythlodaeus ist dabei mit Bedacht gewählt, weil er die Ambivalenz Utopias kennzeichnet: Raphael bedeutet soviel wie „heilbringender Arzt“, Hythlodaeus setzt sich aus den griechischen Wörtern ΰλος („Geschwätz“, „Unsinn“) und δάΐος („erfahren“, „bewandert“) zusammen und bedeutet somit etwa „erfahrener Fachmann für unsinniges Geschwätz“.

Morus möchte also schon im Namen des Erzählers andeuten, dass die Ausführungen teils heilsamen, teils unsinnigen Charakter haben, was in der grundlegenden Gegenüberstellung von Wünschenswertem und Unwirklichem gerade dem Wesen der Utopie entspricht. Die Signifikanz der Namensgebung erfährt im übrigen bei allen wichtigen Eigennamen eine Fortsetzung: Der Name der Hauptstadt Utopias, Amaurotum, ist abgeleitet vom Griechischen άμαυρός, was soviel bedeutet wie „dunkel“, „nebulös“, „unsichtbar“, ein Hinweis auf die Nichtexistenz einer solchen Stadt. Der wichtigste Fluss der Insel heißt Anydrus. Auch dieser Name ist ein Fingerzeig auf die Unwirklichkeit Utopias, denn das griechische Wort άνυδρος bedeutet „wasserlos“, „trocken“. Mit all diesen gezielten Anspielungen verdeutlicht Morus den unwirklichen und ambivalenten Charakter seines Gesellschaftsentwurfs.

In ihrer Verzerrung enthält die „Utopia“ sowohl Elemente der wünschenswerten Veränderung, aber auch dystopische Aspekte einer Fortschreibung des Gegebenen und Andeutungen eines Umschlags guter Intentionen in schlechte Institutionen. Mag Morus‘ Hauptwerk ambivalent sein, Morus‘ Leben war konsequent. Es zeigt uns: Immer ist es richtig, seinem Gewissen zu folgen.

(Josef Bordat)