Schreiben und Denken

Dass die Handschriftlichkeit heute keine Rolle mehr spielt, ist keine Neuigkeit. Handschriftlich verfasste Briefe sind selten geworden. Selbst Dokumente sind heute „ohne Unterschrift gültig“. Jenseits von Persönlichkeit, Ästhetik und positiver Wirkung auf die Verinnerlichung und damit Memoration dessen, was man schreibt, hat das Schreiben mit der Hand auch eine große Bedeutung für unser Denken.

Mit dem Schreiben am Computer oder Smartphone geht die Fähigkeit verloren, Texte zu konzipieren. Sich also zuvor Gedanken darüber zu machen, was man eigentlich sagen will. Wenn man einen Text per Hand in einem Zug niederschreiben muss, ist das gute Konzept die Basis. Hat man was Wesentliches vergessen, muss man den Text noch einmal schreiben. Das ist weit mühsamer als sich vorher ein paar Gedanken zu machen. Man hangelt sich entlang an der gedanklichen Gliederung, die den Gang der Argumentation klar hervortreten lässt. Zunächst für einen selbst, dann aber auch für die Leser.

Wenn man hingegen alles nochmal verändern kann, Ansätze verschieben, ergänzen, streichen kann, dann wird Schreiben zum Flickwerk. Die Gedanken werden nicht mehr geordnet verschriftlicht, sondern so, wie sie gerade kommen. Sortieren kann man ja immer noch. Das wirkt aber auf das Denken selbst zurück, das ebenfalls fragmentarischer und punktueller wird. Und wenn man sich seine eingeschränkte Sicht der Dinge nur noch bestätigen lässt, indem man immer und ausschließlich mit Menschen kommuniziert, die methodisch und inhaltlich ähnlich denken, dann ist das vorprogrammiert, worunter heute viele Debatten leiden: die Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, der Unwille, den anderen zu verstehen und die Ungeduld, die es verhindert, dass ein Konsens gesucht wird.

Es wäre schon sehr viel gewonnen, würden alle Facebook-Kommentatoren ihre Positionen vor dem Posten handschriftlich skizzieren. Was ist meine These? Was ist mein Argument dafür? Welche Belege habe ich? Was spricht gegen meine These? Das wurde als „dialektischer Besinnungsaufsatz“ früher in der achten Klasse eingeübt. Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber eine Kultur, in der Menschen zuerst mit Maus und Tastatur in Berührung kommen, noch ehe sie schreiben können (und häufig auch danach mit nichts weiterem), verkümmert an dieser Stelle ganz erheblich.

Man muss nicht „Schönschrift“ wieder benoten und im Zeugnis mit Mathe und Englisch auf eine Stufe stellen. Es würde reichen, wenn man ein Problem wieder zunächst einmal auf einem weißen Blatt Papier aufschlüsselte, ehe man es googelt.

(Josef Bordat)

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Hilf, Herr meines Lebens

Das Lied „Hilf, Herr meines Lebens“ gehört sicher zu den bekannteren Kirchenliedern. Melodie und Text sind sehr einfach, daher lässt es sich in Familiengottesdiensten ebenso singen wie bei Seniorenandachten. Auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen und Lernbehinderte verstehen die Botschaft der Bitte: Mit Gottes Hilfe soll das Leben gelingen. Die wiederholten Passagen lassen das Entscheidende hervortreten: nicht Anderen zur Plage werden, nicht an sich selbst gebunden sein, nicht fehlen, wo man nötig ist – ergo: nicht vergebens auf Erden sein.

Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.

Hilf, Herr meiner Tage, dass ich nie zur Plage, dass ich nie zur Plage meinem Nächsten bin.

Hilf, Herr meiner Stunden, dass ich nicht gebunden, dass ich nicht gebunden an mich selber bin.

Hilf, Herr meiner Seele, dass ich niemals fehle, dass ich niemals fehle, wo ich nötig bin.

Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.

Es ist ein schönes, schlichtes Lied, in dessen drei zentralen Strophen typisch menschliche Schwächen bekannt werden: Schuld gegenüber dem Anderen, Selbstbezogenheit, die den Anderen übersieht, Mangel an Aufmerksamkeit für die Nöte des Anderen. Geklammert werden die drei mittleren Strophen von zwei textgleichen Strophen zu Beginn und am Ende, die der Hoffnung Ausdruck geben, das eigene Leben möge gelingen. Sie fassen damit zusammen, was Kern der christlichen Ethik ist: nicht „vergebens hier auf Erden“ zu sein.

Gerade der Wunsch, nicht „vergebens hier auf Erden“ zu sein, drückt eine tiefe Sehnsucht aus. Nicht nur, wenn wir an „runden“ Geburtstagen oder zu Silvester Zwischenbilanz ziehen, sondern auch im Alltag, inmitten von Enttäuschungen und Rückschlägen, die uns manchmal am Sinn des Daseins zweifeln lassen, ist der Wunsch danach, zu erfahren, zu spüren und vielleicht auch konkret vor Augen geführt zu bekommen, dass das Leben (bis hierhin) ein gelungenes war, ein sehr großer, vor allem dann, wenn nicht alles nach Plan gelaufen ist, wenn nichts so richtig geklappt hat, wie es sollte, oder, wenn man nicht (mehr) so funktioniert, wie man es gerne hätte.

Das Lied macht uns in diesem Zusammenhang auf eine Tatsache aufmerksam: Scheitern ist keine Frage der nicht erbrachten Leistung, sondern der Unfähigkeit zur Liebe. Das Maß an Bereitschaft, dem Anderen nicht zur Plage zu werden, die Bindung an sich selbst aufzuknüpfen und dort zu sein, wo man gebraucht wird, bestimmen den Grad des Gelingens. Gelungenes Leben ist moralisches Leben. Das schließt Erfolg nicht aus, aber es betrachtet die Mutmaßung, „vergebens hier auf Erden“ zu sein, aus einer anderen Perspektive – aus der Perspektive des Anderen. Am Niveau der Beziehungen bemisst sich damit das Gelingen des Lebens. Mit anderen Worten: an der Liebe.

(Josef Bordat)

Sommerabend

Lieblich senkt die Sonne sich,
Alles freut sich wonniglich
In des Abends Kühle!
Du gibst jedem Freud und Rast,
Labst ihn nach des Tages Last
Und des Tages Schwüle.
Horch, es lockt die Nachtigall,
Und des Echos Widerhall
Doppelt ihre Lieder!
Und das Lämmchen hüpft im Tal,
Freude ist jetzt überall,
Wonne senkt sich nieder!
Wonne in des Menschen Brust,
Der der Freud ist sich bewusst,
Die ihm Gott gegeben,
Die du jedem Menschen schufst,
Den aus nichts hervor du rufst
Auf zum ew’gen Leben.

Theodor Storm

Abseits!

Alles, was reifen soll, braucht langes Ruhen. Alles, was zur Tiefe drängt, braucht die Behütung eines gütigen Abseits. (Gertrud von Le Fort)

Wenn sich in ein paar Tagen auch diejenigen zum Fußball schauen zusammenfinden, die dem Rasensport sonst eher distanziert gegenüber stehen, dann fällt die Unterhaltung oft schwer, wenn es um die Feinheiten geht. Dass Cristiano Ronaldo ein guter Spieler ist und Deutschland eine „Turniermannschaft“, das werden die meisten der vor dem Fernseher versammelten Freunde mitbekommen haben, doch wenn im Verlauf der Partie strittige Schiedsrichterentscheidungen zu kommentieren sind – und bei welchem Spiel ist das nicht der Fall –, trennt sich schnell die Spreu der WM-Gucker vom Weizen der echten Fans. Eine Sollbruchstelle ist dabei die Abseitsregel. Wer eine Abseitsstellung erkennt, gehört zum engeren Kreis der Fußballfreunde.

Abseits – wie soll man das erklären? Mit Rainer Moritz hat sich ein Autor des Themas angenommen, der weiß, wovon er spricht, war er doch selbst als Schieds- und Linienrichter aktiv. „Abseits. Das letzte Geheimnis des Fußballs“, heißt sein Buch, das bereits 2006 erschien – zur Heim-WM, dem „Sommermärchen“.

Er führt in die Geschichte, das Wesen und den Sinn einer komplizierten und umstrittenen Regel ein, die Einige wegen ihrer besonderen Schwierigkeiten gerade deshalb aus dem Regelwerk des sonst sehr einfach strukturierten Spiels gestrichen wissen wollen. In der Tat: Die Regel ist schwierig. Man denke nur an den feinen Unterschied von „passivem Abseits“ (Spieler greift nicht ins Geschehen ein) zu „aktivem Abseits“ (Spieler greift ins Geschehen ein), der deswegen besonders schwer zu beurteilen ist, weil der Moment der Ballabgabe, nicht der Ballannahme zählt.

Überhaupt macht diese Dynamik die Abseitsregel zum problematischen Unikum im Kanon der Fußballnormen: Hier ist eine große Deutungsleistung des Schiedsrichtergespanns erforderlich, und zwar nicht über Geschehenes (wie etwa bei einem Foulspiel), sondern über Geschehendes. Die Unparteiischen müssen die Spielsituation und ihre Entwicklung ganzheitlich erfassen, und das in Sekundenbruchteilen. Klar, dass es hier verhältnismäßig viele Fehlurteile gibt – Ärger und Frust inklusive. Auch klar, dass man sich – als Spieler, Fan oder auch Schiedsrichter – manchmal wünscht, es gäbe sie nicht, die Abseitsregel. Moritz hingegen hält sie für „intelligent“ und warnt vor einer Reform des Fußballsports: „Wer die Abseitsregel abschaffen möchte, läuft Gefahr, dem Spiel sein geheimes Regulativ zu rauben.“

Die Auseinandersetzung mit diesem Regulativ beginnt mit einer kleinen Kulturgeschichte des „Mysteriums Abseits“, in der Moritz aufzeigt, dass im Gegensatz zu anderen Regelwidrigkeiten oder Fußball-Begriffen das Phänomen Abseits auf viele Kreative inspirierend wirkte, auf Dieter Nuhr etwa („Männer haben 100 Gramm mehr Gehirn als Frauen – da ist unter anderem die Abseitsregel drin.“) oder auch auf Günther Grass („Nächtliches Stadion“).

Dem launigen Einstieg folgt die trockene Regelkunde. Mit Hilfe von Grafiken wird die Abseitsregel im Detail erklärt. Abseits ist zwar, wenn der Schiedsrichter pfeift, aber man sollte doch wissen, warum er pfeift. Zudem steht zu erwarten, dass man während der nächsten WM den weniger Informierten die Regel (mal wieder) erklären muss. Sein (neues oder gefestigtes) Wissen kann man in einem kleinen Test am Ende des Buchs überprüfen.

Hochinteressant ist die vom Autor recht ausführlich geschilderte Geschichte der Abseitsregel, die deutlich macht, wie sehr eine einzige Regel den Spielverlauf beeinflussen kann. Die Abseitsregel, so Moritz, „greift in das Grundgefüge ein und nötigt die Akteure viel stärker als andere Regeln dazu, das System ihrer Aufstellung zu überdenken“.

Das Entscheidende jedoch bei einer Regel, die bestimmte Spielzüge sanktioniert, ist es, in der Praxis die „Tatbestandsvoraussetzungen“ des Regelverstoßes eindeutig erkennen zu können. War es Abseits oder nicht? Diese, wie gesagt, oft sehr schwer zu beantwortende Frage erhitzt die Gemüter und der arme Mensch, der darüber zu entscheiden hat, nämlich der Schiedsrichter, ist „ohnmächtig“ und „einsam“. Zwar stehen ihm die beiden Assistenten an der Linie zur Seite, was wegen der perspektivischen Verzerrung gerade bei Abseitsentscheidungen von großer Bedeutung ist, doch das letzte Wort hat er.

Schließlich gehört es zur Taktik des Fußballs, sich zu überlegen, wie man die Regeln am besten für sich nutzen kann. Die beste Freundin der Abseitsregel ist die „Abseitsfalle“, ein „effektives“, aber auch „riskantes“ Instrument der Spielgestaltung in der Defensive. Einige Teams haben sich mit ihr einen Ruf erworben, etwa der Hamburger SV unter Trainerlegende Ernst Happel Ende der 1970er / Anfang der 1980er Jahre oder auch die Nationalmannschaft Belgiens zur gleichen Zeit.

Auch bei der Fußballweltmeisterschaft in Russland wird es wieder strittige Entscheidungen geben. Nur wird dort der Videobeweis zum Einsatz kommen. Dann wird also doch über Geschehenes geurteilt, retrospektiv. Die große Besonderheit des Abseits ist vergangen. Eigentlich schade.

(Josef Bordat)

Zwölf Verrückte, Teil 11: Heinrich von Kleist

Das in Bayern beschlossene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz behandelt gemütskranke Menschen wie Straftäter. Anlass, in einer zwölfteiligen Serie solche Menschen vorzustellen.

Eigentlich sollte Heinrich von Kleist (1777-1811) eine Offizierslaufbahn einschlagen, doch für den sensiblen und musisch talentierten jungen Mann war die Welt der Literatur ungleich verlockender. Von seiner Schwester Ulrike unterstützt, begibt er sich in das Abenteuer des freischaffenden Dichters und schreibt seine heute gefeierten Dramen Der zerbrochene Krug (1805), Käthchen von Heilbronn (1807), Prinz Friedrich von Homburg (1809-11) und andere sowie seine berühmte Erzählung Michael Kohlhaas (1808), die von größter Fabulierlust und -kunst zeugt.

Kleist erlebt keine einzige Aufführung seiner Stücke. Geplagt von Zweifeln und der mangelnden Fähigkeit, sich anzupassen, führt er ein rastloses Wanderleben, das von Unruhe und Depression geprägt ist und 1811 tragisch endet: Zusammen mit seiner Freundin Henriette Vogel begeht Kleist am Wannsee in Berlin Selbstmord. In einem Abschiedsbrief an die Schwester – neben der Freundin offenbar seine einzige Vertrauensperson – begründet er den Schritt damit, dass ihm „auf Erden nicht zu helfen“ sei. Kleist wird nur 34 Jahre alt.

Ob dieser Suizid ausschließlich mit seiner seelischen Not zusammenhing, ist ungeklärt, vermutlich trugen Schulden, die vielen beruflichen Enttäuschungen und auch die schmerzliche Erfahrung der napoleonischen Herrschaft über das geliebte Deutschland zu seiner finalen Entscheidung bei. Schließlich schreibt er im Katechismus der Deutschen (1809): „Es ist Gott lieb, wenn Menschen, ihrer Freiheit wegen, sterben. – Was aber ist ihm ein Greuel? – Wenn Sklaven leben.“

Am plausibelsten scheint mir die Erklärung, dass sich die Depression und der Misserfolg seiner Werke gegenseitig verstärkten und am Ende nur der Suizid als Ausweg aus dem circulus vitiosus möglich schien. Seine Gemütskrankheit eilte ihm als Ruf voraus; Kleists großer Zeitgenosse Goethe lehnte den Kollegen deswegen ab. Wer jedoch bei Goethe in Ungnade fiel, hatte in der großen Zeit der Dichter und Denker schlechte Karten: Dessen Stücke wurden nicht aufgeführt, dessen Romane nicht gedruckt. So war es bei Kleist, mit der Folge immer tieferer Selbstzweifel und immer hoffnungsloserer Zukunftsaussichten.

In unserer Zeit lebt Kleist als Dichter und Mensch um so stärker auf. Seine Stücke werden gespielt und er ist selbst Thema von Film und Literatur. Neben Helma Sanders-Brahms Film Heinrich (1977), der mehr um psychologische Studien bemüht ist als um biographisch-historische Korrektheit, sei Christa Wolfs Erzählung Kein Ort. Nirgends (1979) genannt, die mit deutlicher Referenz auf Kleist die Heimatlosigkeit von Schriftstellern thematisiert, die als Außenseiter aus dem gesellschaftspolitischen Kontext ihrer Zeit herausfallen.

Heinrich von Kleist ist ein Faszinosum. Seine Sprache, seine Themen, sein Leben – ein echtes deutsches Drama zwischen Rausch und Nüchternheit.

(Josef Bordat)

Zwölf Verrückte, Teil 9: Vincent van Gogh

Das in Bayern beschlossene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz behandelt gemütskranke Menschen wie Straftäter. Anlass, in einer zwölfteiligen Serie solche Menschen vorzustellen.

Vincent van Gogh (1853-1890) ist der vielleicht bekannteste Maler der Welt. Seine Ölgemälde erzielen bei Auktionen Stückpreise jenseits der 50-Millionen-Dollar-Grenze, sein Museum in Amsterdam ist längst zur Pilgerstätte für Kunstliebhaber aus der ganzen Welt geworden. Das Kröller-Müller Museum in Otterlo bei Arnheim mit immerhin 87 „echten van Goghs“ steht dem an Popularität kaum nach.

Der Ruhm kam posthum; zu Lebzeiten war van Gogh arm und ein gesellschaftlicher Außenseiter. Der Künstler wurde nur von einigen Fachkollegen anerkannt, die Galleristen und Kunstliebhaber ignorierten den Holländer beharrlich, er verkaufte selbst nur ein einziges Bild zu einem Spottpreis an seinen Bruder Theo. Damit teilte van Gogh das Schicksal vieler Avantgardisten in Kunst und Wissenschaft: Von den Zeitgenossen nicht verstanden zu werden. Sie erkannten die Tragweite seines Schaffens nicht.

1888, zwei Jahre vor seinem Suizid, arbeitet Vincent van Gogh in einem wahren Schaffensrausch. Am 23. Oktober kommt sein Kollege Paul Gauguin in Arles an. Er arbeitet und lebt mit Vincent van Gogh im „Gelben Haus“. Die Beziehung der beiden Künstler verschlechtert sich, nachdem sie zwei Monate zusammenlebten. Gauguin zufolge geht Vincent am 23. Dezember mit einem Rasiermesser auf ihn los. Gauguin stürzt aus dem Haus und übernachtet in einem Gasthof.

Ingo Walther schildert in seiner 1989 erschienenen Biographie wie Vincent van Gogh in der Nacht einen Anfall geistiger Umnachtung erleidet und sich den unteren Teil des linken Ohres abschneidet. Er wickelt es in Zeitungspapier und bringt es der Prostituierten Rachel als Geschenk ins Bordell. Die Polizei findet ihn am frühen Morgen verletzt im Bett und liefert ihn ins Krankenhaus ein. 1889 ging er nach Saint-Rémy-de-Provence Arles in die Heilanstalt, wo Gemälde von ekstatischer Ausdruckskraft entstanden, u. a. „Sternenhimmel“. Ein Jahr danach zieht er nach Auvers und nimmt sich nach einer weiteren intensiven Arbeitsperiode das Leben.

Die Erkrankung Vincent van Goghs ist Gegenstand zahlreicher Spekulationen. Als Ursache seines Leidens wurden unterschiedliche Erklärungen wie akute intermittierende Porphyrie, Epilepsie und Schizophrenie vorgeschlagen. W. K. Strik von der Psychiatrischen Klinik und Poliklinik der Universität Würzburg schreibt dazu in der Fachzeitschrift Der Nervenarzt vom Mai 1997: „Viele der diagnostischen Hypothesen beruhen auf einer einseitigen oder unvollständigen Betrachtung des Lebenslaufes und der Hinweise auf das subjektive Erleben aus den Briefen van Goghs an seinen Bruder. Karl Leonhard zeigte in einer Analyse des Lebenslaufes, daß sowohl der Verlauf als auch die Akutsymptomatik mit der Diagnose der von ihm beschriebenen zykloiden Angst-Glücks-Psychose vereinbar sind.“ Neuere Forschungen (U. Kraft in Gehirn und Geist, Nr. 5, 2004) legen nahe, dass sich hinter der symptomatisch in Erscheinung tretenden Psychose eine lavierte Temporallappenepilepsie als Ursache verbirgt. Krampfanfälle sind hierbei nur schwach ausgeprägt, andere psychische Auffälligkeiten dafür umso mehr. Wenn die unkontrollierten Nervenentladungen den Temporallappen betreffen, schwanken die Betroffenen zwischen Euphorie und Depression. Vincents Bruder Theo beschreibt diese Stimmungsschwankungen eindrücklich: „Es ist, als wären da zwei Menschen: der eine hochbegabt, gebildet und feinsinnig, der andere egoistisch und hartherzig.“. Genial und impulsiv-psychotisch – der „echte van Gogh“ hatte zwei Gesichter.

Diese Janusköpfigkeit bipolarer Labilität ist häufig verbunden mit einer ausgeprägten Emotionalität, mit Angstzuständen, Halluzinationen und Verfolgungswahn. Auch das passt auf Vincent van Gogh.

So unsicher die Fachwelt bei der Diagnose, so sicher ist, dass sich die schweren psychischen Leiden auf van Goghs Bilder auswirkten, was sich z. B. an der Wahl kräftig leuchtender Farben und der expressiven Pinselführung erkennen lässt. Für van Gogh war immer die Wahrhaftigkeit in der Erfassung allen Lebens wichtig. So ließ er immer nur einen Maßstab gelten: die Wirklichkeit. Er gab sich in seiner Malerei völlig der Natur hin, und so wurde ihm immer mehr „alle Wirklichkeit zugleich Symbol“. Ein zentrales Motiv war für ihn die immergrünen Zypresse, lebendig, feurig und lodernd, ein Ausdruck tiefster Erregtheit.

So schreibt van Gogh: Die Zypressen beschäftigen mich dauernd. Es wundert mich, daß man sie noch nicht gemalt hat, wie ich sie sehe. In den Linien und Proportionen so schön wie ein ägyptischer Obelisk. Und das Grün ist so ein ganz besonders feiner Ton. Es ist der schwarze Fleck in einer sonnenbeschienenen Landschaft, aber es ist einer der interessantesten schwarzen Töne, doch ich kann mir keinen denken, der schwieriger zu treffen wäre.

(Josef Bordat)

Zwölf Verrückte, Teil 8: Robert Schumann

Das in Bayern beschlossene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz behandelt gemütskranke Menschen wie Straftäter. Anlass, in einer zwölfteiligen Serie solche Menschen vorzustellen.

Rosenmontag am Rhein. Ein Feiertag. Wer als Rheinländer nicht mitfeiern will, fährt rechtzeitig in Urlaub. Rosenmontag 1854 in Düsseldorf. Viele feiern. Ein Mann springt in den Rhein, will sich das Leben nehmen. Er wird gerettet und spricht hinterher bei seinem Verhalten von einem „Faschingsscherz“. Kaum zu glauben, denn der Lebensmüde ist der psychisch schwerstkranke Komponist Robert Schumann (1810-1856), ein Wahl-Niederrheiner aus Zwickau, der ab 1850 in Düsseldorf als Städtischer Musikdirektor wirkte.

Schumann hatte nach dem Abitur zunächst in Leipzig und Heidelberg Jura zu studieren begonnen, bevor er 1829 erstmals als Pianist auftrat und Kompositionsunterricht nahm, u.a. bei Wieck in Leipzig. Als Schüler war er bei Friedrich Wieck in guten Händen, als junger Mann nicht. Schumanns Aufmerksamkeit galt nämlich bald einer jungen Pianistin namens Clara, Wiecks Tochter.

Ihr Vater ist strikt gegen die Verbindung und blockiert die keimende Liebe, wo er nur kann. Doch Robert und Clara kämpfen, ein ganzes Jahrzehnt. Der sensible Romantiker Schumann erinnert sich des Jura-Studiums und lässt die Zustimmung des Vaters zur Eheschließung gerichtlich erzwingen. Am 1. August 1840 ergeht der Beschluss, am 12. September wird geheiratet. Schumann notiert: „Nie zuvor ist ein Ja mit solcher Überzeugung, mit solchem festen Glauben an eine glückliche Zukunft ausgesprochen worden.“ Im Jahr seiner Heirat mit Clara schreibt Schumann im Hochgefühl der Liebe 138 Lieder, was seinen Ruhm als großen deutschen Liedschöpfer begründet.

Doch die „glückliche Zukunft“ für das junge Paar blieb aus. Zwar ist die mit sechs Kindern gesegnete Ehe harmonisch, zwar gelangen beide in ihrer reifen Liebe und dem tiefen Respekt vor dem Genie des Anderen zunächst in nie gekannte Höhen ihrer Kunst, sie als Pianistin („Meine Clara hat so gespielt, daß ich über die Meisterin die Frau vergaß.“), er als Komponist (es entstehen Symphonien und Kammermusik), doch bald stellt sich die Frage, wer wen begleitet – und wer im Vordergrund steht. Robert Schumann bestimmt zwar die Lebensstationen – 1844 siedeln die Schumanns von Leipzig nach Dresden um, 1850 von dort nach Düsseldorf, immer aufgrund seiner Karriere –, doch er leidet unter dem Gefühl, nur der Gatte der berühmten Pianistin zu sein und arbeitet wie ein Besessener, häufig bis zur totalen Erschöpfung. 1849 ist sein produktivstes Jahr, in den ersten drei Düsseldorfer Jahren komponiert er zwar in dämonischem Arbeitseifer weiter, aber das, was er schreibt, trägt deutliche Spuren seines seelischen Leidens. Musiktheoretiker identifizieren „Verrückungen der Noten im Rhythmus des Wahns“; sein letztes Opus (Gesänge der Frühe) gilt als „traurigstimmender Beleg der restlosen Verausgabung eines der größten Genies der Musik, dessen kranke Seele sich ruhesehnend in himmlischen Gedanken wiegt“.

Das ganze Leben des Komponisten ist von psychischen Krisen geprägt. Das Tagebuch, das er von seinem 18. Lebensjahr an führt, zeugt schon in jungen Jahren von tiefster Melancholie. Kein Wunder, denn als junger Mensch hatte Schumann bereits viel mitmachen müssen; in elf Jahren verlor er fünf engste Verwandte. 1825 begeht seine nervenkranke Schwester Emilie Selbstmord, ein Jahr später stirbt sein Vater, 1833 sein Bruder Julius, kurz darauf seine Schwägerin Rosalie und Anfang 1836 schließlich seine Mutter. So oft und stark mit dem Tod konfrontiert, fällt er von einer Trauerzeit in die andere.

Seine Tätigkeiten als Kritiker und Komponist Anfang der 1830er Jahre zerreißen ihn innerlich und in ihm entstehen die beiden Gestalten, in denen Schumann sein Doppelwesen personifiziert: der verträumte Eusebius und der kämpferische Florestan. Traum und Kampf – nirgendwo tritt diese Ambivalenz der Gefühle deutlicher zu Tage als in seinem langen Ringen um die Liebe zu seiner Clara.

Doch die Auseinandersetzung mit Claras Vater zehrte zusätzlich an den Nerven und vertiefte Schumanns Schwermut. Seine Depression bildete die Grunderkrankung, eine Gemütsdisposition, die das plötzliche, infarktartige Entstehen immer neuer psychotischer bzw. neurotischer Leidensformen begünstigte. Schwermütiger Seelenschmerz schwebt stets über Schumann, Anfälle nervöser Angstzustände und Schlaflosigkeit treten immer wieder plötzlich hinzu, in periodischer Wiederkehr. Sein Leben war Leiden.

Zum Ende dieses kurzen, qualvollen Lebens glitt Schumann nach einem Anfall im Juli 1853, den er selbst als „Nervenschlag“ bezeichnete, endgültig in den Dauerzustand des Wahnsinns, der sich in Hör- und Sprechschwierigkeiten, Halluzinationen und dem so genannten „Faschingsscherz“ manifestierte.

Wenige Tage nach diesem Suizidversuch überführt man ihn auf eigenen Wunsch in die Nervenheilanstalt Endenich bei Bonn. Dort besucht ihn der junge Kollege Brahms regelmäßig – seit dem Zusammenbruch Robert Schumanns ein Freund der Familie –, Clara hingegen wird untersagt, ihren Mann zu besuchen, zu groß sei für ihn die Aufregung.

Zweieinhalb Jahre sehen sich die beiden nicht, bevor die Sehnsucht Clara zu ihrem geliebten Gatten treibt. Am 27. Juli 1856 sehen sie sich wieder. Er lächelt sie an, erkennt sie offenbar, trotz der geistigen Verwirrtheit. Mit letzter Kraft umarmt er seine Frau. Sie bleibt noch Stunden bei ihm. Zwei Tage später stirbt Robert Schumann. Es scheint, als habe er auf Clara gewartet.

(Josef Bordat)