Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte

Eine der schönsten Weihnachtsgeschichten, die ich kenne, stammt aus der Feder von Paul Auster: „Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte“. Es ist eine Geschichte über Einsamkeit und Menschlichkeit, über Wahrheit und Lüge, über Liebe und Tod. Sie erschien am Ersten Weihnachtstag 1990 in der „New York Times“. Große Bekanntheit erlangte sie durch den Film „Smoke“ (1995), wo sie genial verarbeitet wird, als im letzten der fünf Erzählstränge des sehenswerten Films rund um einen Tabakwarenladen in Brooklyn der ideenlose Schriftsteller Paul Benjamin (William Hurt; „Benjamin“ ist Austers zweiter Vorname) von Ladenbesitzer Auggie (Harvey Keitel) die Geschichte, die er (angeblich) vor Jahren am Weihnachtstag erlebte, beim Mittagessen erzählt bekommt. Im Abspann wird Auggies Erzählung noch einmal in Schwarz-Weiß inszeniert, untermalt von Tom Waits’ „Innocent When You Dream“.

Erfunden oder wahr – Auggies Geschichte bewegt: Auggie verfolgt einen Ladendieb, der auf der Flucht seine Geldbörse fallen lässt. Die Familienfotos, die Auggie darin findet, rühren ihn so sehr, dass er beschließt, den Jungen am Weihnachtstag aufzusuchen, um ihm sein Portemonnaie zu bringen. Er trifft jedoch nur seine Großmutter an, die ihren Enkel erwartet. Die alte Frau ist blind und fragt den Gast, ob er ihr Enkel sei. Auggie schlüpft kurzerhand in die Rolle des Enkels und feiert mit der Großmutter des Diebs Weihnachten. Natürlich merkt sie, dass Auggie nicht ihr Enkel ist, aber sie spielt das Spiel mit, denn es macht sie glücklich. Und auch Auggie lässt sich darauf ein. Am Ende schläft die Großmutter friedlich ein. Ein paar Monate später erfährt Auggie, dass sie zwischenzeitlich verstarb. Das letzte Weihnachtsfest, das sie erlebt hat, war mit einem Fremden, der ihr Nähe gab.

Wie gesagt: Der ganze Film ist sehenswert. Paul Austers Weihnachtsgeschichte, die es mittlerweile auch als Buch gibt, hat Regisseur und Drehbuchautor Wayne Wang zu fünf bewegenden Erzählungen inspiriert, Geschichten von Menschen, die durch den Brooklyner Eckladen miteinander in Beziehung gelangen. Auster hat am Drehbuch mitgearbeitet. 1995 erhielt „Smoke“ den Silbernen Bären bei der Berlinale. Im gleichen Jahr wurde „Smoke“ mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet – als bester ausländischer Film. Wer nur den fünften Teil („Auggie“) im Original (auf Englisch) sehen will, kann dies hier tun, den Abspann gibt es hier.

(Josef Bordat)

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Das „Weyhnachts-Lied“

Am 24. Dezember 1818 wird in der Schifferkirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg das Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ erstmals gesungen.

Komponiert hatte es am gleichen Tag Conrad Franz Xaver Gruber auf einen Text, den Joseph Mohr bereits 1816 verfasst hatte. In seiner Urspruchsfassung heißt es einfach „Weyhnachts-Lied“.

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht,
Nur das traute heilige Paar,
Holder Knab’ im lockigten Haar;
Schlafe in himlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Gottes Sohn! O! wie lacht
Lieb’ aus Deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund;
Jesus! in Deiner Geburth!
Jesus in Deiner Geburth!

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höh’n,
Uns der Gnade Fülle läßt seh’n
Jesum in Menschengestalt!
Jesum in Menschen-Gestalt!

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoß,
Und als Bruder Huldvoll umschloß
Jesus die Völker der Welt!
Jesus die Völker der Welt!

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreyt,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß!
Aller Welt Schonung verhieß!

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel „Hallelujah!“
Tönt es laut bey Ferne und Nah
„Jesus der Retter ist da!“
„Jesus der Retter ist da!“

Heute ist es das Weihnachtslied. Wer sich seiner Entstehungsgeschichte annähern will, dem sei der Film „Stille Nacht“ (2012) empfohlen; er erzählt sie ebenso unterhaltsam wie besinnlich. Sehenswert.

(Josef Bordat)

Elisabeth von Thüringen

Heute gedenkt die Kirche der Heiligen Elisabeth von Thüringen. 2007 – im 800. Geburtsjahr der Heiligen – war unter dem Titel Elisabeth von Thüringen – Eine europäische Heilige auf der Wartburg eine umfangreiche Ausstellung zu sehen, die wohl größte „Elisabeth-Schau“ des Festjahrs. Damals hatte ich für das Marburger Forum eine Besprechung des Ausstellungskatalogs verfasst. Das Marburger Forum musste bald darauf eingestellt werden, nach dem plötzlichen Tod des Gründers, Herausgebers und Chefredakteurs Max Lorenzen. Nachzulesen ist der Text in seinen Grundzügen nun hier.

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Die Heilige Elisabeth von Thüringen. Körnerbild, Marburg. Foto: JoBo, 08-2007.

Dort, wo heute im Gottesdienst der Heiligen Elisabeth von Thüringen gedacht wird, hört man dieses Tagesevangelium: „Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden“ (Lk 6, 27-38). „Liebt eure Feinde.“ – Was meiner Ansicht nach zum Gebot der Feindesliebe zu bedenken ist, habe ich hier zusammengestellt.

Schließlich möchte ich die Tagesheilige selbst zu Wort kommen lassen: „Ich habe Euch immer gesagt: Ihr müsst die Menschen froh machen“. Das hat sie sicher, mit ihrem aufopferungsvollen Engagement für die Armen, Kranken, Marginalisierten.

(Josef Bordat)

Schreiben und Denken

Dass die Handschriftlichkeit heute keine Rolle mehr spielt, ist keine Neuigkeit. Handschriftlich verfasste Briefe sind selten geworden. Selbst Dokumente sind heute „ohne Unterschrift gültig“. Jenseits von Persönlichkeit, Ästhetik und positiver Wirkung auf die Verinnerlichung und damit Memoration dessen, was man schreibt, hat das Schreiben mit der Hand auch eine große Bedeutung für unser Denken.

Mit dem Schreiben am Computer oder Smartphone geht die Fähigkeit verloren, Texte zu konzipieren. Sich also zuvor Gedanken darüber zu machen, was man eigentlich sagen will. Wenn man einen Text per Hand in einem Zug niederschreiben muss, ist das gute Konzept die Basis. Hat man was Wesentliches vergessen, muss man den Text noch einmal schreiben. Das ist weit mühsamer als sich vorher ein paar Gedanken zu machen. Man hangelt sich entlang an der gedanklichen Gliederung, die den Gang der Argumentation klar hervortreten lässt. Zunächst für einen selbst, dann aber auch für die Leser.

Wenn man hingegen alles nochmal verändern kann, Ansätze verschieben, ergänzen, streichen kann, dann wird Schreiben zum Flickwerk. Die Gedanken werden nicht mehr geordnet verschriftlicht, sondern so, wie sie gerade kommen. Sortieren kann man ja immer noch. Das wirkt aber auf das Denken selbst zurück, das ebenfalls fragmentarischer und punktueller wird. Und wenn man sich seine eingeschränkte Sicht der Dinge nur noch bestätigen lässt, indem man immer und ausschließlich mit Menschen kommuniziert, die methodisch und inhaltlich ähnlich denken, dann ist das vorprogrammiert, worunter heute viele Debatten leiden: die Unfähigkeit, sich verständlich zu machen, der Unwille, den anderen zu verstehen und die Ungeduld, die es verhindert, dass ein Konsens gesucht wird.

Es wäre schon sehr viel gewonnen, würden alle Facebook-Kommentatoren ihre Positionen vor dem Posten handschriftlich skizzieren. Was ist meine These? Was ist mein Argument dafür? Welche Belege habe ich? Was spricht gegen meine These? Das wurde als „dialektischer Besinnungsaufsatz“ früher in der achten Klasse eingeübt. Ich weiß nicht, wie es heute ist, aber eine Kultur, in der Menschen zuerst mit Maus und Tastatur in Berührung kommen, noch ehe sie schreiben können (und häufig auch danach mit nichts weiterem), verkümmert an dieser Stelle ganz erheblich.

Man muss nicht „Schönschrift“ wieder benoten und im Zeugnis mit Mathe und Englisch auf eine Stufe stellen. Es würde reichen, wenn man ein Problem wieder zunächst einmal auf einem weißen Blatt Papier aufschlüsselte, ehe man es googelt.

(Josef Bordat)

Hilf, Herr meines Lebens

Das Lied „Hilf, Herr meines Lebens“ gehört sicher zu den bekannteren Kirchenliedern. Melodie und Text sind sehr einfach, daher lässt es sich in Familiengottesdiensten ebenso singen wie bei Seniorenandachten. Auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen und Lernbehinderte verstehen die Botschaft der Bitte: Mit Gottes Hilfe soll das Leben gelingen. Die wiederholten Passagen lassen das Entscheidende hervortreten: nicht Anderen zur Plage werden, nicht an sich selbst gebunden sein, nicht fehlen, wo man nötig ist – ergo: nicht vergebens auf Erden sein.

Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.

Hilf, Herr meiner Tage, dass ich nie zur Plage, dass ich nie zur Plage meinem Nächsten bin.

Hilf, Herr meiner Stunden, dass ich nicht gebunden, dass ich nicht gebunden an mich selber bin.

Hilf, Herr meiner Seele, dass ich niemals fehle, dass ich niemals fehle, wo ich nötig bin.

Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens, dass ich nicht vergebens hier auf Erden bin.

Es ist ein schönes, schlichtes Lied, in dessen drei zentralen Strophen typisch menschliche Schwächen bekannt werden: Schuld gegenüber dem Anderen, Selbstbezogenheit, die den Anderen übersieht, Mangel an Aufmerksamkeit für die Nöte des Anderen. Geklammert werden die drei mittleren Strophen von zwei textgleichen Strophen zu Beginn und am Ende, die der Hoffnung Ausdruck geben, das eigene Leben möge gelingen. Sie fassen damit zusammen, was Kern der christlichen Ethik ist: nicht „vergebens hier auf Erden“ zu sein.

Gerade der Wunsch, nicht „vergebens hier auf Erden“ zu sein, drückt eine tiefe Sehnsucht aus. Nicht nur, wenn wir an „runden“ Geburtstagen oder zu Silvester Zwischenbilanz ziehen, sondern auch im Alltag, inmitten von Enttäuschungen und Rückschlägen, die uns manchmal am Sinn des Daseins zweifeln lassen, ist der Wunsch danach, zu erfahren, zu spüren und vielleicht auch konkret vor Augen geführt zu bekommen, dass das Leben (bis hierhin) ein gelungenes war, ein sehr großer, vor allem dann, wenn nicht alles nach Plan gelaufen ist, wenn nichts so richtig geklappt hat, wie es sollte, oder, wenn man nicht (mehr) so funktioniert, wie man es gerne hätte.

Das Lied macht uns in diesem Zusammenhang auf eine Tatsache aufmerksam: Scheitern ist keine Frage der nicht erbrachten Leistung, sondern der Unfähigkeit zur Liebe. Das Maß an Bereitschaft, dem Anderen nicht zur Plage zu werden, die Bindung an sich selbst aufzuknüpfen und dort zu sein, wo man gebraucht wird, bestimmen den Grad des Gelingens. Gelungenes Leben ist moralisches Leben. Das schließt Erfolg nicht aus, aber es betrachtet die Mutmaßung, „vergebens hier auf Erden“ zu sein, aus einer anderen Perspektive – aus der Perspektive des Anderen. Am Niveau der Beziehungen bemisst sich damit das Gelingen des Lebens. Mit anderen Worten: an der Liebe.

(Josef Bordat)

Sommerabend

Lieblich senkt die Sonne sich,
Alles freut sich wonniglich
In des Abends Kühle!
Du gibst jedem Freud und Rast,
Labst ihn nach des Tages Last
Und des Tages Schwüle.
Horch, es lockt die Nachtigall,
Und des Echos Widerhall
Doppelt ihre Lieder!
Und das Lämmchen hüpft im Tal,
Freude ist jetzt überall,
Wonne senkt sich nieder!
Wonne in des Menschen Brust,
Der der Freud ist sich bewusst,
Die ihm Gott gegeben,
Die du jedem Menschen schufst,
Den aus nichts hervor du rufst
Auf zum ew’gen Leben.

Theodor Storm

Abseits!

Alles, was reifen soll, braucht langes Ruhen. Alles, was zur Tiefe drängt, braucht die Behütung eines gütigen Abseits. (Gertrud von Le Fort)

Wenn sich in ein paar Tagen auch diejenigen zum Fußball schauen zusammenfinden, die dem Rasensport sonst eher distanziert gegenüber stehen, dann fällt die Unterhaltung oft schwer, wenn es um die Feinheiten geht. Dass Cristiano Ronaldo ein guter Spieler ist und Deutschland eine „Turniermannschaft“, das werden die meisten der vor dem Fernseher versammelten Freunde mitbekommen haben, doch wenn im Verlauf der Partie strittige Schiedsrichterentscheidungen zu kommentieren sind – und bei welchem Spiel ist das nicht der Fall –, trennt sich schnell die Spreu der WM-Gucker vom Weizen der echten Fans. Eine Sollbruchstelle ist dabei die Abseitsregel. Wer eine Abseitsstellung erkennt, gehört zum engeren Kreis der Fußballfreunde.

Abseits – wie soll man das erklären? Mit Rainer Moritz hat sich ein Autor des Themas angenommen, der weiß, wovon er spricht, war er doch selbst als Schieds- und Linienrichter aktiv. „Abseits. Das letzte Geheimnis des Fußballs“, heißt sein Buch, das bereits 2006 erschien – zur Heim-WM, dem „Sommermärchen“.

Er führt in die Geschichte, das Wesen und den Sinn einer komplizierten und umstrittenen Regel ein, die Einige wegen ihrer besonderen Schwierigkeiten gerade deshalb aus dem Regelwerk des sonst sehr einfach strukturierten Spiels gestrichen wissen wollen. In der Tat: Die Regel ist schwierig. Man denke nur an den feinen Unterschied von „passivem Abseits“ (Spieler greift nicht ins Geschehen ein) zu „aktivem Abseits“ (Spieler greift ins Geschehen ein), der deswegen besonders schwer zu beurteilen ist, weil der Moment der Ballabgabe, nicht der Ballannahme zählt.

Überhaupt macht diese Dynamik die Abseitsregel zum problematischen Unikum im Kanon der Fußballnormen: Hier ist eine große Deutungsleistung des Schiedsrichtergespanns erforderlich, und zwar nicht über Geschehenes (wie etwa bei einem Foulspiel), sondern über Geschehendes. Die Unparteiischen müssen die Spielsituation und ihre Entwicklung ganzheitlich erfassen, und das in Sekundenbruchteilen. Klar, dass es hier verhältnismäßig viele Fehlurteile gibt – Ärger und Frust inklusive. Auch klar, dass man sich – als Spieler, Fan oder auch Schiedsrichter – manchmal wünscht, es gäbe sie nicht, die Abseitsregel. Moritz hingegen hält sie für „intelligent“ und warnt vor einer Reform des Fußballsports: „Wer die Abseitsregel abschaffen möchte, läuft Gefahr, dem Spiel sein geheimes Regulativ zu rauben.“

Die Auseinandersetzung mit diesem Regulativ beginnt mit einer kleinen Kulturgeschichte des „Mysteriums Abseits“, in der Moritz aufzeigt, dass im Gegensatz zu anderen Regelwidrigkeiten oder Fußball-Begriffen das Phänomen Abseits auf viele Kreative inspirierend wirkte, auf Dieter Nuhr etwa („Männer haben 100 Gramm mehr Gehirn als Frauen – da ist unter anderem die Abseitsregel drin.“) oder auch auf Günther Grass („Nächtliches Stadion“).

Dem launigen Einstieg folgt die trockene Regelkunde. Mit Hilfe von Grafiken wird die Abseitsregel im Detail erklärt. Abseits ist zwar, wenn der Schiedsrichter pfeift, aber man sollte doch wissen, warum er pfeift. Zudem steht zu erwarten, dass man während der nächsten WM den weniger Informierten die Regel (mal wieder) erklären muss. Sein (neues oder gefestigtes) Wissen kann man in einem kleinen Test am Ende des Buchs überprüfen.

Hochinteressant ist die vom Autor recht ausführlich geschilderte Geschichte der Abseitsregel, die deutlich macht, wie sehr eine einzige Regel den Spielverlauf beeinflussen kann. Die Abseitsregel, so Moritz, „greift in das Grundgefüge ein und nötigt die Akteure viel stärker als andere Regeln dazu, das System ihrer Aufstellung zu überdenken“.

Das Entscheidende jedoch bei einer Regel, die bestimmte Spielzüge sanktioniert, ist es, in der Praxis die „Tatbestandsvoraussetzungen“ des Regelverstoßes eindeutig erkennen zu können. War es Abseits oder nicht? Diese, wie gesagt, oft sehr schwer zu beantwortende Frage erhitzt die Gemüter und der arme Mensch, der darüber zu entscheiden hat, nämlich der Schiedsrichter, ist „ohnmächtig“ und „einsam“. Zwar stehen ihm die beiden Assistenten an der Linie zur Seite, was wegen der perspektivischen Verzerrung gerade bei Abseitsentscheidungen von großer Bedeutung ist, doch das letzte Wort hat er.

Schließlich gehört es zur Taktik des Fußballs, sich zu überlegen, wie man die Regeln am besten für sich nutzen kann. Die beste Freundin der Abseitsregel ist die „Abseitsfalle“, ein „effektives“, aber auch „riskantes“ Instrument der Spielgestaltung in der Defensive. Einige Teams haben sich mit ihr einen Ruf erworben, etwa der Hamburger SV unter Trainerlegende Ernst Happel Ende der 1970er / Anfang der 1980er Jahre oder auch die Nationalmannschaft Belgiens zur gleichen Zeit.

Auch bei der Fußballweltmeisterschaft in Russland wird es wieder strittige Entscheidungen geben. Nur wird dort der Videobeweis zum Einsatz kommen. Dann wird also doch über Geschehenes geurteilt, retrospektiv. Die große Besonderheit des Abseits ist vergangen. Eigentlich schade.

(Josef Bordat)