Bilder des Schreckens

Ein Sammelband von Mateo Galli und Heinz-Peter Preußer nähert sich dem „Mythos“ Terrorismus. – Zum 11. September.

Wer in einem Konversationslexikon den Begriff „Mythos“ nachschlägt, erhält Auskünfte, die sich um zwei Begriffe ranken: das Symbolische und das Phantastische. Während der Terror seit jeher Symbolcharakter hat – es ist eben der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand, der 1918 einem Attentat zum Opfer fällt, es ist Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer, der 1977 von der RAF entführt und ermordet wird und es sind die Zentren der militärischen und ökonomischen Macht der USA, das Pentagon und das World Trade Center, die Al Qaida 2001 ins Visier nimmt -, so erschließt sich der Begriff des Phantastischen im Zusammenhang mit dem Terrorismus nicht so ohne weiteres. Phantastisch, das ist unwirklich und geheimnisvoll. Es mag in der Tat ein Rätsel sein, warum junge Männer sich und andere in den Tod reißen, „unwirklich“ ist jedoch dieser und jeder andere Terror nicht. Es sind wirkliche Koffer, die Verdacht erregen, wirkliche Züge, die von Bombenexplosionen zerrissen werden und es sind wirkliche Menschen, die leiden und sterben.

Die Herausgeber des Bandes Mythos Terrorismus. Vom Deutschen Herbst zum 11. September – Fakten, Fakes und Fiktionen (Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2006) bemühen sich in der Einleitung um eine erste erläuternde Annäherung, später nimmt sich Heinz-Peter Preußer noch einmal des umstrittenen Begriffs an („Warum Mythos Terrorismus? Versuch einer Begriffsklärung“). Er kommt zu einer weit weniger missverständlichen Deutung des Mythoskonzepts, indem er es in die Nähe von „Erzählung“ (Burkert) und „komplexe Sprache“ (Lévi-Strauss) rückt und sogar mit „Logos“ (=Wort) in Verbindung bringt, was Preußer schließlich dazu führt, den Mythos als „Anstrengung der Rationalisierung“ zu bezeichnen. Dieser systematischen Depotenzierung zum Trotz verweist er auch auf das „Verführungspotential“ des Begriffs, um schließlich zu verdeutlichen, dass es in den Beiträgen nicht um „eine Mystifizierung von Verbrechen“ gehe, sondern mit dem Mythos Terrorismus auf das „Unbewältigte der Zeitgeschichte“ verwiesen werden soll. Auch wenn man freilich nicht unterstellen möchte, dass sich der Band um Glorifizierung des Terrors bemüht, bleibt doch fraglich, inwieweit der Selbstmythologisierung von Terrorgruppen durch die Darstellung der (angeblichen) Faszinationskraft ihres Wirkens nicht ungewollt Vorschub geleistet wird.

Im Sammelband ist das Bemühen spürbar, ausgehend von den diagnostizierten Definitionsschwierigkeiten des Begriffs „Terrorismus“ dessen unterschiedliche Gesichter (globale Netzwerke wie Al Qaida, regionale Gruppen wie die ETA, die IRA und – immer wieder – die RAF) ebenso zu berücksichtigen wie die Facetten der gesellschaftlichen Auseinandersetzung: Terror wird künstlerisch zwischen Verklärung und Dämonisierung und wissenschaftlich zwischen Politikum und Verbrechen verhandelt. Diese Dichotomie zieht sich durch die systematische Beschäftigung mit dem Thema, angefangen von den Biografien und psychologischen Profilen übe die mediale Präsentation bis hin zur Rezeption des Terror-Topos in Literatur und Malerei. Immer bewegt sich der Duktus der Darstellung zwischen dem freiheitsliebenden Heroen und der banalen Verbrecherbiografie, zwischen Selbstbefreiung und Fremdheit.

Ganz wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang die Frage, wie der Diskurs über den Terrorismus in den Medien geführt wird. Dieser Frage widmet sich Ralf Parr. Er stellt eine eindeutige Feind-Identität im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Terroristen fest, während Terror eher als diffuses Bedrohungsszenario erscheint, das beim Rezipienten Ängste schürt und schüren soll. Das besondere Dilemma der Medien bestehe darin, dass sie mit der vom Terroristen „aufgezwungenen“ Darstellung „am Propagandaerfolg des Terroranschlags nolens volens mitarbeiten“. Fraglich ist – ich erwähnte es bereits – ob das nicht auch für das vorliegende Medium gilt. Vor allem dann, wenn Terrorismus zum Kunstobjekt wird.

Im 16-seitigen Abbildungsteil sind sowohl Karikaturen zum Thema als auch Bilder Gerhard Richters zu sehen. Martin Henatsch unterzieht Richters RAF-Zyklus „18. Oktober 1977“ einer ästhetischen Analyse und erkennt in der Verwischung Dimensionen von „Unsicherheit gegenüber dem Dargestellten“ und „Verweigerung gegenüber jeglicher ideologischer Festlegung“. Henatsch schließt mit den Worten: „Sie sind gezeichnet von Unsicherheit, Sinnverweigerung und leiser Trauer; gerade darin liegt ihre Nachdrücklichkeit – wie Nachhaltigkeit.“ Dies ist sehr untypisch für heute, wo Terrorbilder mit deutlicher Signalwirkung in den Medien erscheinen und ikonografisch klargestellt wird, wer gut und wer böse ist. Der künstlerische Blick auf den 11. September, Thema des Aufsatzes von Uwe Schütte, ist zu profiliert, zu scharf, als dass er zu jener „Neutralität“ zurückfinden könnte, die Richter anstrebte.

Man kann den Tagungsband trotz der Irritationen um den Titel mit Gewinn lesen, zeigt er doch, wie vielschichtig das Thema ist und dass der globale Terror mit dem üblichen Gut-Böse-Schema nicht zu erfassen ist. Wichtig scheint es aber zu sein, bei aller ertragreichen Reflexion und Analyse nicht zu vergessen, dass es sich bei dem Gegenstand der Erörterung um eine Straftat handelt (§ 129a StGB), die für die meisten beruflich damit befassten Menschen auch nur als eine solche gesehen wird, die es zu vereiteln, zu verfolgen und zu ahnden gilt. Daran erinnert auch der Sammelband in einer Fußnote, in der ein ehemaliger Beamter des Bundeskriminalamts zu Wort kommt und den Terror-Forschern ihre besondere Position verdeutlicht: „Künstler und Wissenschaftler können sich im Nachhinein damit befassen und die Ereignisse nach ihren Vorstellungen formen, umformen und deuten, ohne in das aktuelle Geschehen einbezogen zu sein und Mitverantwortung für Leib und Leben der vom terroristischen Angriff Betroffenen zu tragen. […] Ihre Resultate unterscheiden sich zwangsläufig von denen der Staatsmänner und der Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden, insbesondere […] auch von den Anschauungen und Empfindungen derer, die durch terroristisch-kriminelles Verhalten unmittelbar geschädigt wurden oder auch von denen der Täter in ihrer extrem exponierten Lage.“

Vergangener Terrorismus mag in der Rückschau zum „Mythos“ werden, wohlverstanden als „das Ungeklärte“, die Gegenwart des Terroralltags in Israel, im Irak und anderswo zeigt den Terrorismus hingegen als das, was er ist: ein brutales Verbrechen.

Die Rezension erschien zuerst auf Literaturkritik.de.

(Josef Bordat)