Keine „leichte“, aber „lesenswerte“ Kost

Zwei Rezensionen des Grundgesetz-Geburtstagsbuchs sind in den vergangenen Tagen erschienen.

Christof Haverkamp schreibt in der Münsteraner Bistumszeitung „Kirche+Leben“ (Nr. 19-2019, S. 8): „Dieses Buch ist keine leichte Kost, doch verständlich formuliert und klar gegliedert. Empfehlenswert für jeden, der sich für das Staat-Kirche-Verhältnis interessiert.“

Norbert Geis schreibt in der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ (Nr. 20-2019, S. 41): „Josef Bordat weist in dem sehr lesenswerten Buch auf die geistige Herkunft unserer Verfassung hin und auf deren Bedeutung für unsere Kultur. Das Buch steht gegen den Trend, Gott aus dem Leben der Menschen zu verbannen“.

Unter’m Strich: Keine „leichte“, aber „lesenswerte“ Kost.

Guten Appetit!

(Josef Bordat)

Werbeanzeigen

Die Politische Theologie des Papstes

Religion als Schwungrad kultureller und sozialer Prozesse nimmt Einfluss auf die Politik eines Landes, eines geographischen Raums oder gar auf die Entwicklung globaler Strategien – in guter wie in schlechter Weise. Die katholische Soziallehre, der islamistische Terror, Gedanken zu Leben und Tod, Krieg und Frieden in den Weltreligionen – all das beeinflusst auf allen Ebenen und in vielfältiger Weise die Wirtschafts- und Sozialpolitik und die Vorkehrungen zur Gewährleistung von Sicherheit und Ordnung. Anders gesagt: Es gibt kaum ein Politikfeld, das gänzlich frei wäre von impliziter oder ausdrücklicher Einflussnahme der Religionen, hierzulande der Kirchen.

Das kritisieren diejenigen, die unsere moderne Gesellschaft nicht nur säkular, sondern säkularistisch organisieren wollen und dabei das bewusste Ausklammern der Religionen hinsichtlich der Meinungsbildung als Grundprinzip des Staates ansehen. Aber auch in den Religionsgemeinschaften und Kirchen selbst ist man sich keineswegs einig, wie groß der Einfluss auf die weltlichen Dinge sein soll. Gerade in der katholischen Kirche tut man sich schwer mit einer auf die Nation bezogenen Anteilnahme an der Politik, weil die Perspektive des katholischen Christen gemäß Gründungsauftrag der Kirche globales Handeln verlangt („ganze Welt“, „alle Völker“). Also, Frage: Wie politisch darf die Kirche sein?

978-3-451-38182-9_1xxlp

Grundlegend und ausführlich beantwortet Papst Franziskus diese Frage im Gespräch mit dem Soziologen Dominique Wolton. Das Interview erschien 2017 in französischer Sprache, nun veröffentlicht es der Herder-Verlag in deutscher Übersetzung, für die Gabriele Stein verantwortlich zeichnet. Heraus kam dabei ein stolzes 300-Seiten-Buch – auch mündlich neigt Franziskus zur Weitschweifigkeit. Zudem wird eine Palette an Themen behandelt, die auch in drei bis fünf Einzelbänden Platz gefunden hätten. Über Grundsatzfragen des Verhältnisses von Religion und Politik, von Kirche und Staat geht es zu Sachfragen der globalen Friedenspolitik und der Europapolitik, zu gesellschaftlichen Entwicklung wie der Kommunikationstechnologien und der Suche nach Identität, bis hin zu kirchenpolitischen Fragen und – ganz konkret – zur Rolle des Papstes bei der Formulierung von Antworten.

Franziskus gibt dieser auf menschliche und persönliche Art. Er macht damit methodisch klar, was dann auch inhaltlich verdeutlicht wird: Ein Papst darf sich einmischen, als Bürger dieser Welt, die Kirche muss sich einmischen, als „global player“. Dass sich das Gespräch nicht völlig disparat entwickelt, dafür sorgt die kleinteilige Untergliederung. Weiterhin hilfreich: Die Zusammenfassung der Positionen des Heiligen Vaters in zentralen Sätzen, auch wenn damit der Aussagegehalt der oft sehr dezidierten Einschätzungen zu Kalendersprüchen eingedampft wird – und nicht zu Aphorismen. Man sollte sie also nicht isoliert betrachten, die Franziskus-Perlen, sondern stets im Kontext. Es ist trotzdem gut, so pointierte Aussagen zu lesen wie: „Verwechselt das Glück nicht mit einem Sofa.“ Dass zudem die thematisch einschlägigen Ansprachen des Papstes dokumentiert sind, macht das Buch zu einem umfassenden Nachschlagewerk für alle, die wissen wollen, wie sich Papst Franziskus in den brennenden Fragen unserer Zeit positioniert – und was er dazu von der Kirche erwartet.

Bibliographische Angaben:

Papst Franziskus: Mit Frieden gewinnt man alles. Im Gespräch mit Dominique Wolton über Politik und Gesellschaft.
Freiburg i.Br.: Herder (2019).
320 Seiten, € 25,–.
ISBN: 978-3-451-38182-9.

(Josef Bordat)

Eiserne Haltung gegen Aluhüte

Der Physiker Holm Gero Hümmler stellt Verschwörungstheorien auf den Prüfstand.

Mondlandung, Chemtrails, Flache Erde – wie umgehen mit Verschwörungstheorien? Gerade der Umstand, dass sie oft völlig absurd wirken, macht einen Zugriff schwierig. Doch man kann sich ihnen – wie anderen Theorien auch – systematisch nähern. Holm Gero Hümmler tut das. In „Verschwörungsmythen“ geht er beliebten Gedankengebäuden auf den Grund, die sich gerade auch im Internet rasend schnell verbreiten. Der Untertitel ist dennoch etwas irreführend: „Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden“. Wer ist „wir“? Der Indikativ als grammatische Form der Tatsachenbeschreibung ist hier fehl am Platz: Die meisten Menschen sind keine Verschwörungstheoretiker.

Man möge sich auch durch den Aluhelm-Träger auf dem Einband nicht täuschen lassen: Das Buch ist keine polemische Satire über Verschwörungsmythen (Hümmler spricht auch vom Verschwörungsglauben; er verwendet die Begriffe synonym, obwohl Theorie, Mythos und Glaube nicht das gleiche bedeuten), sondern eine ernsthafte, wissenschaftsbasierte Auseinandersetzung mit einigen mehr oder minder populären Außenseiter-Ideen. Hümmler nimmt sie so ernst wie nötig (und möglich), um sie sachlich zu widerlegen.

Das ist genau der richtige Ansatz. Verschwörungstheorien lassen sich nur dann erfolgreich dekonstruieren, wenn man sie (und ihre Vertreter) ernst nimmt und mit naturwissenschaftlichen und technischen Fakten und Argumenten konfrontiert. Dazu gehören auch eigene Versuchsreihen, die die Bedenken der Skeptiker gezielt aufgreifen – gut gelungen etwa im Zusammenhang mit dem Schattenwurf der Astronauten auf dem Mond. Die Hinweise zu Beobachtungen, die engagierte Hobby-Forscher unter den Lesern selbst mal machen könnten, ergänzen die überzeugende empirische Dekonstruktionsarbeit.

Das ist alles gut und schön, besser: valide und glaubwürdig, doch eine Schwierigkeit besteht ja darin, dass es sich bei Verschwörungstheorien oftmals um Vorstellungen voller Halbwahrheiten handelt, nicht um völlig absurde Phantasiegebilde. Das heißt: Der Verschwörungsanteil des Gesamtgebildes besteht in Einzelaspekten und in der Quantität der unterstellten Phänomene, z.B. der Eingriffe des Menschen in die Natur. Da bedarf es einer differenzierten Analyse. Hümmler bietet sie. Denn auch, wenn es beispielsweise keine Klimabeeinflussung durch Chemtrails gibt (wirklich nicht!), wird über technische Möglichkeiten nachgedacht, CO2 zu binden, wenn man den Ausstoß des Treibhausgases nicht deutlich und zeitig genug reduzieren kann. Dieses (heute noch utopische oder auch dystopische) „Geoengineering“ liegt als „Plan B“ in mancher Institutsschublade. Zumindest als Theorie, ganz ohne Verschwörung.

Die Frage, sie sich schließlich stellt: Für wen hat Holm Gero Hümmler das Buch geschrieben? Nach eigener Auskunft weder für glühende Anhänger noch für entschiedene Skeptiker von Verschwörungstheorien. Verständlich: Jene wollen nichts lernen, diese brauchen nichts zu lernen. Zielgruppe des Buchs – und für diese sei es auch empfohlen – sind Menschen, die (privat oder beruflich) mit Verschwörungstheorien zu tun bekommen, ein diffuses Unbehagen verspüren und wissen wollen, wie sie sich souverän positionieren können. Holm Gero Hümmlers Buch kann da mit Argumenten und Vorschlägen für kleine Experimente im Alltag abhelfen.

Bibliographische Angaben:

Holm Gero Hümmler: Verschwörungsmythen. Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden.
Stuttgart: Hirzel (2019).
224 Seiten, € 19,80.
ISBN 978-3-7776-2780-9.

(Josef Bordat)

„Verständliche Sprache“, „große inhaltliche Dichte“, „beachtliches Buch“

Zwei Rezensionen zur Neuerscheinung „Ewiges im Provisorium. Das Grundgesetz im Lichte des christlichen Glaubens“.

 

Josef Gottschlich schreibt in seiner sehr ausführlichen Besprechung für das IRP Freiburg (pdf): „Resümierend sei festgehalten, dass Josef Bordat, wie bereits in den bisherigen Buchpublikationen, auch mit seinen Ausführungen zu Grundgesetz, Recht, Ethik und Religion annähernd uneingeschränkt zu überzeugen weiß: durch klare, verständliche Sprache, große inhaltliche Dichte und Stringenz, ein erfreulich eindeutiges Ethos der Menschenfreundlichkeit und eine innere Haltung, die im Konfliktfall stets Primärtugenden den Vorrang vor Sekundärtugenden einräumt – auch wenn damit ein hoher sittlicher Anspruch verbunden ist, der Menschen, insbesondere Gläubigen, durchaus viel abverlangt, aber auch Erstaunliches zutraut.“

Cornelia Klaebe meint: „Zum Jubiläum hat der Berliner katholische Philosoph und Journalist Josef Bordat sich mit dem ‚Grundgesetz im Lichte des christlichen Glaubens‘ auseinandergesetzt und ein beachtliches Buch zu Fragen von verfassungsrechtlicher Religionsethik geschrieben. Er beweist in seiner Auseinandersetzung unter anderem mit dem Gottesbezug der Präambel, dem Verhältnis von Kirche und Staat oder der Religionsfreiheit, dass das Grundgesetz nicht den Juristen vorbehalten ist“. (Geronnene Vernunft, in: Tag des Herrn, Nr. 15, 2019, S. 16).

Das Buch erhalten Sie hier und dort.

(Josef Bordat)

Über den Tod hinaus

Das Ehepaar Mieth gibt Einblicke in die letzte Lebenszeit – authenisch, offen, reflektiert.

Der Tod ist unausweichlich und wird es – nach allem, was wir wissen – auch bleiben. Menschen sterben. Wenn sich diese Tatsache im persönlichen Umfeld zu erkennen gibt, dann ist es trotzdem ein Schicksal, das erschüttert. Wenn ein naher Angehöriger stirbt, ist das eine existenzielle Erfahrung, die uns nicht nur als Menschen betrifft, sondern die uns mitten ins Herz trifft.

Dietmar Mieth, Moraltheologe und Mitglied in verschiedenen europäischen, deutschen und kirchlichen Ethikkommissionen, und seine Frau Irene Mieth, Oberstudienrätin für Religion und Deutsch am Wildermuth-Gymnasium in Tübingen, sind fast ein halbes Jahrhundert verheiratet, als Irene Mieth die schockierende Diagnose: Krebs in fortgeschrittenem Stadium. Dietmar Mieth begleitet seine Frau in dieser dunklen Zeit der schweren Erkrankung.

Wie damit umgehen? Irene schreibt ihre Gedanken nieder. Den Hauptteil des Buches bilden denn auch ihre größtenteils stichwortartigen Tagebuchaufzeichnungen. Mal fragmentarische Notizen, mal Eindrücke lyrischer Art – immer ehrlich, immer offen. Irene Mieth lässt den Leser sehr nach ran an das, was sie während der Krankenhausaufenthalte bewegt; phasenweise ist der Text geradezu intim. Der ständige Wechsel zwischen nüchternen Beschreibungen über äußere Vorgänge und Ausbrüchen tiefer Gefühle über innere Zustände verstört in seiner unprätentiösen Klarheit.

2017 stirbt Irene und Dietmar veröffentlicht ihre Tagebuchaufzeichungen, ergänzt um eigene Anmerkungen. Er ordnet die Gespräche, die sie als Paar in den letzten Monaten vor dem Tod Irenes hatten, Gespräche, die weit mehr behandeln als Varianten von Abschiedspathos. Der Text lebt von ihrem – auch bei gravierenden Meinungsverschiedenheiten – respektvollen Dialog, der sie bis zuletzt gemeinsam in ihrem geteilten Glauben nach Antworten suchen und oft in der Mystik Meister Eckharts finden lässt.

Dass mit Dietmar Mieth nicht nur ein persönlich betroffener Ehemann über die Gespräche mit seiner kranken Frau berichtet, sondern ein bedeutender Moraltheologe, gibt der Reflexion ethische Tiefe. Dass zugleich nicht ein Ethiker abstrakt über das Thema Sterbehilfe oder Eschatologie referiert, sondern ein mitfühlender Mensch das schwierige Ringen mit einem konkreten „Fall“ schonungslos offenlegt, gibt den Gedanken eine große Glaubwürdigkeit.

Getragen von der Gelassenheit, die in der Mystik Meister Eckharts eine überragende Rolle spielt, kommt Dietmar Mieth zu Formen der Todesüberwindung, die ihm Kraft und Trost spenden. Mit dem Gedanken des Sterbens als eines „Sich Gott überlassen“ wird nichts vom Schmerz und vom Leid schönfärberisch geleugnet, sondern echte Hoffnung darauf entfaltet, dass Schmerz und Leid nicht das letzte Wort haben. Am Ende bleibt die Liebe.

Bibliographische Angaben:

Dietmar Mieth / Irene Mieth: Sterben und Lieben. Selbstbestimmung bis zuletzt.
Freiburg i. Br.: Herder (2019).
160 Seiten, € 18,–
ISBN 978-3-451-38315-1.

(Josef Bordat)

Wo das Leben so spielt

Petra Altmann weist den Weg durch die Stadt unseres Lebens

Das Leben als Stadt, seine Funktionsbereiche als Straßen, Plätze und Gebäude – eigentlich liegt dieser Gedanke ganz nah. Unser Leben spielt sich in der Tat nicht nur im Zeitlauf zwischen Zeugung und Tod ab, sondern auch zwischen definierten räumlichen Bedingungen. Petra Altmann überträgt nun die Stätten des beruflichen und privaten Daseins auf das Leben selbst. Sie stehen sinnbildlich für existenzielle Erfahrungen wie Arbeit (Bürogebäude), Spiritualität (Kirche) und Normativität (Rathaus). Im Leben hat die Gesundheitsvorsorge durch Leibesübungen (Sportplatz) ebenso einen Ort wie Gelungenes (Ehrenmal) und Unvollendetes (Baustellen). Es gibt in der Stadt des Lebens „dunkle Gassen“, die metaphorisch für das Verborgene in mir stehen, und eine „Bank im Grünen“, also Dinge, die mich Kraft schöpfen lassen.

Die promovierte Kulturwissenschaftlerin Petra Altmann setzt mit ihrem neuen Buch „Stadtplan für ein gutes Leben. Ein spiritueller Wegweiser“, erschienen bei Herder, publizistisch fort, was sie in ihrer Praxis als Logotherapeutin zu vermitteln versucht: Sinn und Struktur im Leben zu entdecken, einen Plan zu entwerfen, der Orientierung schafft. Dazu ist das Bild der Stadt geradezu ideal, denn Stadtpläne kennt und nutzt fast jeder Mensch. Die Botschaft, die diese Metapher aussendet: Es ist keine Schande, sich in einer Stadt nicht auszukennen – und es ist auch nicht schlimm, im Leben nach einem guten Weg zu suchen, die Gebäude funktional, aber auch ästhetisch ansprechend zu gestalten, Ruhezonen und Grünflächen zu berücksichtigen und auch über das Leben hinaus zu denken – der „Friedhof“ und die „Ausfallstraße“ haben ihren festen Platz in der Stadt.

Wer dann mit entfaltetem Stadtplan einen Rundgang unternimmt und sich die Wirkungsstätten seiner aktuellen Lebenssituation anschaut, soll in die Lage versetzt werden, erfüllter und bewusster zu leben. So die Idee. Checklisten und Fragebögen helfen dabei, ebenso wie Aphorismen weiser Menschen, mit denen die einzelnen Kapitel eingeleitet werden. Sicherlich kann diese Systematik, neben der bedeutungsschweren Struktur, die eine Stadt von sich aus vorgibt, tatsächlich dabei helfen, das Ziel zu erreichen, also: Bauvorhaben anzugehen, vielleicht auch die eine oder andere Sanierung in Angriff zu nehmen und so in der Stadt des Lebens Chancen zu entdecken und Sinn zu stiften. Ein gelungener Ansatz – auch, wenn man einen Ort vermissen mag: die Mülldeponie.

Bibliographische Angaben:

Petra Altmann: Stadtplan für ein gutes Leben. Ein spiritueller Wegweiser.
Freiburg i. Br.: Herder (2019).
208 Seiten, € 20.
ISBN 978-3-451-38446-2.

(Josef Bordat)

Christentum, buddhistisch-feministisch gewendet

„Sylvia Wetzel ist eine buddhistische Feministin, die in buddhistischen Kreisen Deutschlands bekannt ist, da sie die Themen Buddhismus, Meditation und Spiritualität als Frau für Frauen vermittelt“. Soweit „Wikipedia“ zur Autorin des bei Patmos erschienenen Buchs „Erwachen und Erlösung“, Untertitel: „Eine Buddhistin interpretiert das Christentum“.

Eine Buddhistin und Feministin deutet das Christentum. Man muss dogmatisch nicht besonders sattelfest sein, um zu ahnen, dass dabei keine theologisch anschlussfähige Interpretation herausspringt, sondern brüchige und sperrige Gedanken. Doch genau das macht die Sache interessant: der ungewohnte Zugang eröffnet neue Perspektiven, die das Verständnis dessen befördern, was wir regelmäßig lesen, hören oder beten.

Die recht eigenwillige Kommentierung zentraler Bibelstellen und die Umformulierungsvorschläge zu Grundlagentexten des Christentums provozieren – und die Provokation geht an die Schmerzgrenze. Gender-Sternchen („Kirchenvertreter*innen“) und die feministische Wendung aller Sachverhalte, die weder vor Gott („Vater-Mutter“) noch der Kirche („Beichtmütter“) halt macht, tun ihr übriges in Sachen Abschreckung. Die Schrift vorschnell als ketzerisch abzutun und eine nähere Auseinandersetzung zu verweigern, verhinderte jedoch die eine oder andere tiefere Einsicht in allzu bekannte Texte und Begriffe. Dass es sich um eine Außenperspektive handelt, mag dabei trösten. Es lässt jedenfalls über die eine oder andere sprachliche oder inhaltliche Ungereimtheit hinwegsehen.

Insgesamt gilt: Sylvia Wetzel blickt ebenso respektvoll wie unkonventionell auf Bibel, Christentum und Kirche. Man muss ihr zugestehen, dass sie wohlwollend analysiert und dass es ihr dabei tatsächlich gelingt, einige Begriffe auf ihre tiefe innere Semantik zurückzuführen, etwa den der „Sünde“. Die christliche Kontemplationsmystik liegt ihr nahe, mit der Kirche als Institution hat sie erwartungsgemäß Schwierigkeiten. Dennoch: Sylvia Wetzel nimmt christliche Glaubenswahrheiten stets ernst, auch wenn sie diese nicht immer teilt.

Dabei ist Sylvia Wetzel frei genug, den Dingen auf den Grund zu gehen, ohne falsche Scheu (oder gar Scham), in klarer, untheologischer Sprache. Jesus ist bei ihr „wahrer Gott und wahrer Mensch“, das Kreuz „ein Schlüssel, ja sogar der Schlüssel“. Auch von der Art, wie sie über Leid und Tod spricht („Wir können große Leiden nur im Vertrauen auf Gott annehmen.“) und wie sie die Auferstehung denkt („Nach Jesu Tod und Auferstehung können wir mit Gottvertrauen und Zuversicht leben.“), werden Christen geistlich profitieren können.

Und dann gibt es echte Überraschungen. Wann hat ein katholischer Theologe zuletzt auf die „befreiende Dimension der Beichte“ hingewiesen? Oder gesagt: „Beichten ohne Transzendenzbezug, ohne Gottvertrauen, bleibt in der Regel auf Bewusstwerdung und Selbstoptimierung beschränkt. Und das ist zu wenig.“? Sylvia Wetzel tut es. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.

Wem kann das Buch empfohlen werden? Wohl nur denen, die bereits so fest im Glauben stehen, dass sie Sylvia Wetzels Ausführungen an (mindestens) Ratzingers „Einführung in das Christentum“ spiegeln können. Es als interessierter Agnostiker im Bemühen um einen Zugang zum Christentum zu lesen, birgt die Gefahr erheblicher Missverständnisse. Auch Studenten der Religionswissenschaft, die meinen, hier gleich „zwei Fliegen“ mit einer Klappe schlagen zu können, seien gewarnt: Am Ende weiß man weder, was Buddhismus ist, noch, was Christentum ist. Man weiß, wie ein buddhistisch-feministisch gewendetes Christentum aussähe. Das ist durchaus interessant. Mehr aber auch nicht.

Bibliographische Angaben:

Sylvia Wetzel: Erwachen und Erlösung. Eine Buddhistin interpretiert das Christentum.
Ostfildern: Patmos (2019).
224 Seiten, € 24.
ISBN 978-3-8436-1075-9.

(Josef Bordat)