Ehe für alle – wirklich alle

„Wer Ja sagt zur ‚Ehe für alle‘ muss Ja sagen zur Ehe für alle, muss also Ja sagen zur Vielehe, muss Ja sagen auch zur Verwandtenehe, muss freilich Ja sagen zum uneingeschränkten Adoptionsrecht, muss daher am Ende gar Ja sagen zur Leihmutterschaft. Denn sie oder er hat Nein gesagt zum Naturrecht christlich-abendländischer Kultur. Und zur menschlichen Vernunft gleich mit.“

Das schrieb ich vor etwa anderthalb Jahren – und erntete dafür massive Kritik. Nicht so sehr dafür, dass ich den „Ehe für alle“-Befürwortern in letzter Konsequenz die Vernunft absprach, sondern dafür, dass ich es gewagt hatte, die naheliegende Konsequenz der Begrifflichkeit aufzuzeigen.

„Die konservative Befürchtung, dass mit der Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben noch nicht das Ende der Debatte erreicht ist, mag also in ihrer emotionalen Panik veraltet wirken. Rein logisch stimmt das aber, und das ist auch gut so.“

Das schreibt heute die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Antje Schrupp. Ich bin davon überzeugt, dass sie dafür sehr viel Lob bekommen wird. Für ihren Scharfsinn. Für ihren Mut, die „Ehe für alle“ als Ehe für alle aufzufassen.

Eins überrascht mich dann doch: Ich hatte mit mehreren Jahren Karenzzeit gerechnet bis zur nächsten Stufe auf der Kellertreppe abwärts in Sachen Naturrecht christlich-abendländische Kultur und menschliche Vernunft, also bis zum ersten affirmativen Debattenbeitrag im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur „Ehe für wirklich alle“. Am Ende waren es 17 Monate.

(Josef Bordat)

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Elisabeth von Thüringen

Heute gedenkt die Kirche der Heiligen Elisabeth von Thüringen. 2007 – im 800. Geburtsjahr der Heiligen – war unter dem Titel Elisabeth von Thüringen – Eine europäische Heilige auf der Wartburg eine umfangreiche Ausstellung zu sehen, die wohl größte „Elisabeth-Schau“ des Festjahrs. Damals hatte ich für das Marburger Forum eine Besprechung des Ausstellungskatalogs verfasst. Das Marburger Forum musste bald darauf eingestellt werden, nach dem plötzlichen Tod des Gründers, Herausgebers und Chefredakteurs Max Lorenzen. Nachzulesen ist der Text in seinen Grundzügen nun hier.

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Die Heilige Elisabeth von Thüringen. Körnerbild, Marburg. Foto: JoBo, 08-2007.

Dort, wo heute im Gottesdienst der Heiligen Elisabeth von Thüringen gedacht wird, hört man dieses Tagesevangelium: „Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln. Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden“ (Lk 6, 27-38). „Liebt eure Feinde.“ – Was meiner Ansicht nach zum Gebot der Feindesliebe zu bedenken ist, habe ich hier zusammengestellt.

Schließlich möchte ich die Tagesheilige selbst zu Wort kommen lassen: „Ich habe Euch immer gesagt: Ihr müsst die Menschen froh machen“. Das hat sie sicher, mit ihrem aufopferungsvollen Engagement für die Armen, Kranken, Marginalisierten.

(Josef Bordat)

Dreimal Tod – und die Frage, was danach kommt

Momentan läuft in den Kinos die Komödie „Johnny English. Man lebt nur dreimal“ mit dem unnachahmlichen Rowan Atkinson in die Titelrolle. Was für englische Agenten gilt, das gilt nicht für den Rest der Welt. Die „Normalsterblichen“ haben genau ein irdisches Leben – und das endet mit dem Tod. Man lebt nur einmal.

Der Tod – ist er, wie einst Epikur sagte, bedeutungslos? Oder bildet das Sterben den Kern lebenslangen Lernens, wie Platon meinte? Am Umgang mit Sterben und Tod scheiden sich die Geister. Nicht nur in der Antike. Für die „Tagespost“ vom 8. November 2018 habe ich mich auf eine thanatologische Spurensuche in der antiken Philosophie begeben. Es zeigte sich dabei: Zum Menschsein gehört die Auseinandersetzung mit dem Sterben und die Vorbereitung auf den Tod unbedingt dazu.

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Der November bringt es mit sich, dass zwischen Allerseelen und Totensonntag diese Auseinandersetzung alljährlich Konjunktur hat. So befasst sich die Zeitschrift „Neue Stadt“ in der aktuellen Ausgabe (Nov./Dez. 2018) mit der Frage „Was kommt nach dem Tod?“ Herausragend das Interview mit dem Theologen Hans Kessler, der kenntnisreich und verständlich über Nahtoderfahrungen und Jenseitsvorstellungen spricht, der die christliche Hoffnung auf ewiges Leben erfrischend undogmatisch stärkt: „Wir werden auferstehen in Gott hinein“.

Schließlich gibt es bei „Media Maria“ eine interessante Neuerscheinung zum Thema, die ich hier gerne vorstellen will. Der Kölner Geistliche Klaus-Peter Vosen legt mit „Tor – nicht Tod“ ein kleines Kompendium der Eschatologie vor resp. das, was auf knapp 100 Seiten passt, wenn lesefreundlicher Großdruck gewählt wurde und die Verstehbarkeit der Ausführungen für Jedermann die Diktion bestimmt. Dabei ist der Text nicht etwa flach, sondern höchst erbaulich. Er trägt persönliche Züge (Vosen schrieb ihn, kurz nachdem seine Mutter verstorben war), eröffnet aber allgemeine Perspektiven auf den Glauben daran, dass mit dem Tod nicht alles aus ist.

(Josef Bordat)

Das Vater Unser mit dem Papst beten

Auch, wer nicht so regelmäßig in die Kirche geht, kennt es und kann es mitsprechen: das Vater Unser. Ein Gebet zudem, auf das man sich überkonfessionell immer einigen kann. Denn Jesus hat es uns allen geschenkt – jeder Christ darf Gott „Aba“ nennen, „Vater“.

Papst Franziskus durchdringt das Grundgebet der Christenheit neu und schlüsselt uns die Bedeutung zentraler Begriffe auf. „Wenn wir Hilfe brauchen“, so der Papst, „sagt Jesus uns nicht, wir sollten uns beruhigen und sehen, wie wir selbst damit zurechtkommen. Er lehrt uns, wie wir uns an den Vater wenden und Ihn vertrauensvoll um Hilfe bitten können. Alles, was wir brauchen, von den offensichtlichen und täglichen Bedürfnissen wie Brot, Gesundheit, Arbeit bis hin zu den seelischen wie Vergebung und Halt in der Versuchung, findet hier Berücksichtigung und zeigt uns, dass wir nicht einsam sind: Unser Vater ist für uns da, passt liebevoll auf uns auf und lässt uns ganz sicher nicht allein.“

Besonderes interessant ist es, wie Franziskus die jene Bitte auffasst, um die sich vor einigen Monaten eine heftige theologische Kontroverse entspann: „Und führe uns nicht in Versuchung“. Zahlreiche Theologen haben sich an der Debatte beteiligt. Schon vor Jahren wurden die unterschiedlichsten Ideen für eine Alternativübersetzung vorgelegt: „Führe uns nicht in Zerreißproben“ (DEKT, 1999), „Lass uns nicht in die Gefahr kommen, dir untreu zu werden“ (Gute Nachricht, 2000), „Führe uns nicht zum Verrat an dir“ (Bibel in gerechter Sprache, 2006). Doch das Problem liegt woanders: Wie kann es sein, dass Gott uns ganz gezielt in die Versuchung hineinmanövriert? Hineinsteuert? So ja bereits im lateinischen Text: „Et ne nos inducas in tentationem“. Induzieren – anstiften, auslösen, herbeiführen.

Papst Franziskus sieht das Übersetzungsproblem ebenfalls und verweist auf den eigentlich Sinn: „Und lass uns nicht allein in der Versuchung!“ Der Heilige Vater erklärt: „Ich bin es also, der fällt. Es ist nicht Gott, der mich in die Versuchung stößt, um zu sehen, wie ich ihr verfalle. Ein Vater tut so etwas nicht. Ein Vater eilt sofort herbei, um seinem gestolperten Kind aufzuhelfen.“ Der Sinn der Bitte läge vielmehr darin, Gott um die helfende Hand zu bitten, so wie Petrus Jesus bat: „Herr, rette mich!“ (Mt. 14, 30). Wir sollten dabei an den barmherzigen Vater aus dem Gleichnis des Lukasevangeliums denken (vgl. LK 15, 11-32). Das sei die „Grundlage unserer Hoffnung“.

Auch zu den anderen Bitten des Vater Unser legt Papst Franziskus in diesem Sinne Deutungen vor. Mit den Gedanken des Pontifex sind nicht alle theologischen Fragen beantwortet, aber es wird doch eine hoffnungsvolle Perspektive aus der Freude des Glaubens heraus eröffnet, die vor allem auf die Barmherzigkeit Gottes schaut – eben auf den „Vater“.

Das Buch ist werthaltig gearbeitet, hat ein angenehmes Druckbild und lässt sich gut lesen. Schön auch, dass jedes Kapitel von einem handgeschriebenen Vater Unser aus Franzikus‘ Feder eingeleitet wird. Für Franziskus-Freunde ein echter Lesetipp.

Bibliographische Angaben:

Papst Franziskus: Vater Unser. Das Gebet Jesu neu gelesen.
Kösel: München 2018.
144 Seiten, € 18.
ISBN 978-3466372263.

(Josef Bordat)

Ergänzung zu „KI mit Maria“

Tatort-Freunde aufgepasst: Zu dem Beitrag KI mit Maria erreichte mich eine Mitteilung, die sich auf meine dortige Abschlussfrage bezieht: „Wieso kennt der bisher nicht als besonders religiös in Erscheinung getretene Leitmeyer das Matthäusevangelium so gut, dass er ‚Maria‘ punktgenau zitieren lassen kann?“

Der Verfasser klärte mich darüber auf, dass das gar nicht so abwegig sei, schließlich werde im Tatort „Gefallene Engel“ vom 20. September 1998 „in einem Gespräch zwischen Leitmeyer und seinem alten Pfarrer angedeutet, dass Leitmeyer als Jugendlicher Ministrant war, sehr religiös und marienfrömmig“.

Es bleibe offen, so der geschätzte Verfasser, „was mit dem Glauben von Leitmeyer passiert ist, aber er hat eine sehr katholische Grundlage“. Insofern habe er es im Tatort „KI“ als „durchaus passend“ empfunden, „dass Leitmeyer und nicht Batic mit Maria zu philosophieren beginnt“.

Vielen Dank für diesen Hinweis!

(Josef Bordat)

KI mit Maria

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Mt 16, 26 – nach Luther 2017)

Großartiger Tatort heute aus München! Der Krimi „KI“ verbindet eine mäßig spannende Geschichte mit zahlreichen Nebensträngen, deren Entwicklung sowohl über das Genre als auch über den sonst üblichen leichten Hang der Serie zum Paternalismus hinausgeht.

Einsamkeit als menschliches Problem, die Grenzen der Empathie eines Computerprogramms, dessen Lernfähigkeit in moralischen Fragen (interessanterweise lernt die Maschine namens „Maria“ am Matthäusevangelium), die tiefe Zerrüttung aller Beteiligten einer Scheidung.

Dass das Ganze nicht ohne den für München üblichen Humor abläuft, macht den Tatort „KI“ zu einem der besten des Jahres. Das lässt mich auch über eine Unstimmigkeit hinwegsehen: Wieso kennt der bisher nicht als besonders religiös in Erscheinung getretene Leitmeyer das Matthäusevangelium so gut, dass er „Maria“ punktgenau zitieren lassen kann?

Nein, wirklich: Großartig!

(Josef Bordat)

Die Botschaft der Bibel – Leitlinie für die Politik?

Wie lesen Politikerinnen und Politiker die Bibel? Welche Schlüsse ziehen sie aus der Heiligen Schrift? Wie lässt sich ihre Botschaft der Barmherzigkeit, des Friedens und des Heils in die politische Alltagsarbeit übersetzen? Diese und andere Fragen stehen im Hintergrund des von Nikolaus Schneider herausgegeben Bandes „Glaube, Liebe, Hoffnung. Die Bibel der Politikerinnen und Politiker“.

Diverse deutsche Politikerinnen und Politiker schreiben über ihren biblischen Lieblingstext und erklären, was gerade dieses Wort für ihr Leben und politisches Handeln bedeutet. Der Band zeigt eine in der Öffentlichkeit kaum bekannte Seite von Ministerinnen, Abgeordneten und Parteivorsitzenden. Einige der Beiträge sind bereits 2006 in „Suchet der Stadt Bestes. Die neue Politikerbibel“ erschienen, der Großteil der Texte ist jedoch original. Und durchaus auch originell.

Es sind nicht nur Politikerinnen und Politiker, die man auch für ihren christlichen Glauben kennt (wie Söder, Thierse oder Lammert), sondern auch Vertreterinnen und Vertreter aus dem liberalen, linken und grünen Spektrum der Parteienlandschaft (wie Kühnast oder Pau), die man für gewöhnlich nicht so sehr mit Religion in Verbindung bringt. Die Texte werden in der Ordnung der biblischen Bücher präsentiert, so dass ein beständiger Wechsel der parteipolitischen Perspektive garantiert ist.

Der Band „Glaube, Liebe, Hoffnung. Die Bibel der Politikerinnen und Politiker“ bietet einen interessanten Einblick in die religiöse Basis der Mächtigen in unserem Land.

Bibliographische Angaben:

Nikolaus Schneider (Hg.): Glaube, Liebe, Hoffnung. Die Bibel der Politikerinnen und Politiker.
Freiburg im Breisgau: Kreuz Verlag 2018.
224 Seiten, € 24.
ISBN 978-3-946905-46-2.

(Josef Bordat)