Christentum und Gewalt

Der aktuelle „Dicke Hund“ in der Tagespost behandelt ein „ZDF-(Des)Info“-Video mit dem Titel „Töten für Jesus?“. Darin werden Beispiele für Kriminalität, Terror und Krieg genannt, die sich angeblich direkt dem Christentum verdanken. Das ist völlig verfehlt, denn Gewalt findet keine Deckung durch den christlichen Glauben.

1. Die Berufung eines Gewalttäters auf Jesus zeigt, dass er nichts von Jesu Botschaft verstanden hat. Jeder, der meint, Gewalt mit dem Gott der Bibel rechtfertigen zu können, ist dem wohl größtmöglichen Irrtum erlegen, dem ein Mensch überhaupt erliegen kann. Und wer meint, das damit begründen zu können, dass sich diese Rechtfertigung aus einer bestimmten Bibelstelle ergebe, übersieht den Ozean an anderen Bibelstellen, die dem widersprechen. Somit nimmt er die biblisch-christliche Botschaft insgesamt nicht ernst. Ich möchte etwas ausführlicher erläutern, was ich meine.

Zunächst: Man kann die Bibel in der Tat wörtlich nehmen oder ernst (Carl Friedrich von Weizsäcker). Der Ernst zeigt sich in der aktualisierenden Deutung und in der Unterscheidung zwischen Wort und Begriff, zwischen Bild und Bedeutung. Metaphern als solche zu erkennen und zu deuten, ist wichtig für die richtige Interpretation aller sprachlichen Mitteilung, besonders aber für die Exegese von Bibeltexten, die zeitüberdauernd und raumübergreifend auf Menschen wirken sollen (Geltungs-Anteil), aber eine konkrete zeitliche Kontextualisierung aufweisen (Genese-Anteil). Einige Menschen scheinen Genesis und Geltung von biblischen Aussagen zu verwechseln bzw. sie versuchen, über den Entstehungszusammenhang die Geltungskraft zu unterminieren. Etwa indem sie den Unterschied zwischen den Lebensgewohnheiten des Volkes, zu dem Gott zuerst gesprochen hat, und unseren Lebensgewohnheiten heute betonen, um damit anzudeuten, dass es keinen Sinn habe, an den Aussagen festzuhalten, oder aber indem sie meinen, wir müssten unsere Lebensgewohnheiten bis ins kleinste Detail an denen ausrichten, die in Alt-Israel vorherrschten, um auch heute das Gesetz zu erfüllen. Das kann beides nur dann richtig sein, wenn man dieses Gesetz eben wortwörtlich auffasst bzw. meint, es nur so auffassen zu können. Ich bin mir sicher, dass Menschen auch in ferner Zukunft den Dekalog oder die Bergpredigt oder 1 Kor 13 lesen, verstehen und ernst nehmen können, auch wenn vielleicht keiner mehr weiß, was denn ein „Schaf“ oder ein „Kamel“ gewesen sein soll. Insoweit hätte die Bibel in der Geltung ihrer Kernaussagen Ewigkeitscharakter. Die lex nova der Liebe gilt eben nicht nur im konkreten Kontext der Erzählung, also für die Zuhörer in der historischen Situation, sondern auch für uns heute und eben auch – da bin ich mir sicher – für Menschen in 100.000 Jahren.

Ganz grundsätzlich ist es weiterhin so, dass man Bibelverse nicht aus dem textlichen und historischen Zusammenhang reißen darf, sondern diesen immer mitbedenken sollte. Bei Levitikus handelt es sich um ein Buch mit zahlreichen Vorschriften, die Gott durch Mose für Sein Volk erlässt. Darunter befinden sich viele Vorschriften, die gegenüber vorrechtlich-anarchischen Zuständen durchaus fortschrittliche Regelungen enthalten, wie die Achtung älterer Menschen (Lev 19, 32), der Respekt vor Fremden (Lev 19, 33-34), der faire Handel (Lev 19, 35-36) u.v.a.m., aber auch harte Strafen für – aus der Sicht Gottes – schwere Verirrungen (Lev 20). Wenn wir das Buch Levitikus aus dem Alten Testament lesen und die dortigen Gesetze Alt-Israels als Handlungsanweisungen Gottes nach dem Verständnis des Mose, also eines Menschen aus der Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr., verstehen wollen, dann müssen wir schauen, womit wir sie vergleichen. Die hermeneutische Methode legt nahe, die Vorschriften mit anderen Rechtstexten aus der Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr. zu vergleichen – und nicht mit unseren Vorstellungen von Gottes Gebot heute. Das wäre ahistorisch. Hier werden wir in der Summe und bei redlicher Betrachtung feststellen können, dass es sich bei der Satzung Alt-Israels – bei aller Kritik, die wir über 3000 Jahre später formulieren können – um einen zivilisatorischen Fortschritt handelte, schon deshalb, weil es sich überhaupt um verbindliche Normen handelt, die Willkür und Selbstjustiz eindämmen helfen. Aber die Vorschriften sind eben nicht historisch und heute nicht mehr bindend. Bereits Jesus brach mit einigen Regeln bzw. deutete sie um, so dass klar wurde: Das Gesetz ist für den Menschen da. Nicht umgekehrt.

Entscheidend für das Christentum ist die Deutung des Gesetzes im Lichte des Evangeliums. Für den Christen, der dem Alten Testament nicht ganz gleichgültig gegenüberstehen kann (ich teile jedenfalls die Einschätzung nicht, das Alte Testament sei durch das neue Licht, den neuen Weg zu Gott, durch Jesus Christus, komplett „überholt“ – das ist theologisch falsch, denn es widerspricht den vielen Bezügen von Altem und Neuem Testament), gilt es, das dort enthaltene Ethos an der Ethik Jesu zu spiegeln. Bezogen auf „Verirrungen“ – theologisch würde man auch „Sünden“ sagen – gilt nach Christus: Hasse die Sünde, liebe den Sünder! Diese Liebe markiert nur scheinbar etwas völlig Neues, knüpft sie doch an die zivilisatorische Leistung an, spitzt sie jedoch so zu, dass echter Fortschritt entsteht. Echter Fortschritt in der Moral kann nämlich nur dort entstehen, wo ein Übergang vom reziproken Rechtsprinzip der Vergeltung zum Grundsatz des Wünschenswerten stattfindet. Nicht mehr Gleiches mit Gleichem zu beantworten (nach dem alttestamentlichen ius talionis, also „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“, Dtn 19, 21), sondern zu erkennen, dass die Fortschreibung von moralisch falschem Verhalten nur in der empathischen Haltung dem Anderen gegenüber durchbrochen und nur in der Bezugnahme auf das Erwünschte überwunden werden kann, stellt eine neue Form des Umgangs miteinander dar, die alle Möglichkeiten friedlich-kooperativen Zusammenlebens eröffnet. Diese Umgangsform lehrt Jesus Christus, nicht zuletzt in Gestalt der Goldenen Regel („Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, also tuet auch ihr ihnen.“, Mt 7, 12), vor allem aber durch Seine bedingungslose Liebe und Hingabe. Die Zehn Gebote werden auf ihre Basis, die Gottesliebe und die Nächstenliebe, zurückgeführt, das Gesetz, das erfüllt werden muss, erfüllt sich in der Liebe. Jesu Einstellung zu den Sündern und die Bereitschaft – entgegen der Reinheitsvorschriften – mit ihnen zu speisen und sie damit in die (Mahl-)Gemeinschaft aufzunehmen, ein Kernpunkt der Ethik Jesu, wird verdeutlicht an der Berufung eines Zöllners, und der hieß – dreimal dürfen Sie raten – Levi (Lk 5, 27-32)! Dieses pikante Detail im Hinblick auf die Behandlung der Sünder verdeutlicht die Wendung, die durch Christus in die Welt kommt.

Was ist für den Christen zentral, woran hat er sich zu halten? Darauf gibt es eine theologisch recht einfache Antwort: Das, was Jesus den Jüngern gesagt hat, so wie es in den Evangelien steht, ist wichtig. Bedeutend ist darunter vor allem das, was Christus selbst als wichtig, als Kern Seiner Botschaft bezeichnet und als bedeutend eingeführt hat, mal durch bestärkende Rhetorik („Amen, ich sage euch…“), mal ganz offen, wie etwa bei der Frage nach dem „wichtigsten Gebot“ (Mt 22, 36-39). Weiterhin ist zentral, was Christus all denen mit auf den Weg gegeben hat, die Ihm folgen und zu Ihm halten möchten, die so genannten „Abschiedsreden“ (Joh 13-17). Kernpunkte sind der Dienst (Fußwaschung, Joh 13, 1-20) und die Liebe (Joh 13, 34; Joh 15, 17: „Dies trage ich euch auf: Liebt einander!“) sowie die Einheit von Vater und Sohn, von Sohn und Gemeinde durch den Geist (Joh 14, 15-31). Alles muss sich fortan an diesen Stellen messen lassen. Man erkennt nun leicht, dass es einem Christen schwer fallen dürfte, das Buch Levitikus (insbesondere Kapitel 20) als Aufforderung zur Gewalt zu missdeuten, weil im Spiegel der Barmherzigkeit, die in Jesu Botschaft der Liebe hervorsticht, aber auch der Gewaltlosigkeit Seines Auftretens sich schlussendlich ein ganz anderes Bild ergibt. Sowohl die Theologie als auch die Pastoral haben das erkannt und weisen vielstimmig darauf hin.

2. In den Kommentaren ist dann oft von „Christlichem Fundamentalismus“ die Rede. Das bedeutet, derart in den Diskurs eingestreut, dass da jemand bereit ist, Gewalt anzuwenden, um seinen Glauben zu vertreten. Christlicher Fundamentalismus bedeutet aber eigentlich, dass jemand bereit ist, sich zu den Grundlagen seines Glaubens durchzuringen und sich radikal in die Nachfolge Christi zu stellen, das heißt: Gott, seinen Nächsten und seinen Feind zu lieben. Christen, die stark sind und deren einzige Waffe die Liebe ist, sind fundamentalistisch. Die Liebe ist ihre einzige Waffe, die mächtigste Waffe überhaupt, gerade weil es nicht ihre Waffe ist, sondern die Waffe Gottes. Die Heilige Schrift der Christen lehrt entsprechend Liebe und Friedfertigkeit. Nicht jedoch Gewalt. Das erkennt man, wenn man die Schrift von Christus aus liest und sich vor bewussten Missverständnissen hütet. Wenn man – wie gesagt – die Bibel nicht wörtlich nimmt, sondern ernst.

3. Kommen wir zu dem, was auch ohne geglaubte Voraussetzungen nachvollzogen werden kann, kommen wir zur Geschichte. Das Christentum ist historisch nicht mit Gewalt vorbelastet. Als Christus, der Auferstandene, zuvor selbst Opfer von religiös-politischer Verfolgung, den Jüngern begegnet, haben diese die Türen fest verschlossen – aus Furcht vor den Juden (Joh 20, 19), aus Angst vor Übergriffen aus der Mehrheitsgesellschaft Jerusalems. Elf der zwölf Männer, die der Auferstandene anhaucht, denen Er den Geist Gottes spendet und denen Er in diesem Geist den Auftrag zur Mission erteilt, elf der zwölf Apostel Christi finden in der Erfüllung dieses ihres Missionsauftrags den Tod; allein Johannes überlebte die erste Welle der Christenverfolgung. Auch der Völkerapostel Paulus – zu dieser Zeit noch als Saulus an der Spitze der Verfolger (vgl. Apg 6, 58) – fand ein gewaltsames Ende: er wird in Rom enthauptet. Die Entstehungsbedingung des Christentums ist erlittene Verfolgung.

Und: Die Christenverfolgung ist heute eine der größten humanitären Katastrophen. Sie ist ein globales Problem, das dringend auf die Agenda der deutschen und europäischen Politik gehört. Es wird Zeit für ein religion-mainstreaming, also für die im politischen Entscheidungsprozess fest implementierte Berücksichtigung des Menschenrechts auf Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit, etwa auch bei der Frage, welche Länder und Regionen in welcher Weise wirtschaftlich unterstützt werden sollen.

Noch einmal: Ich glaube, dass es nur ganz wenige Menschen gibt, die aufgrund des Fehlverständnisses konkreter Bibelverse Gewalt anwenden. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die an Christus glauben und allein deswegen unter Schikanen, Repressionen und Behördenwillkür zu leiden haben. Und ich weiß, dass sich die allermeisten dieser Menschen von der Gewaltlosigkeit, die Christus meinte, inspirieren lassen und unbeirrt daran festhalten.

(Josef Bordat)

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Scharfe Kritik am „Sündenregister“

Ich möchte fast sagen: Endlich! Endlich einmal übt ein Rezensent nach offenbar sehr genauer Lektüre – neben einigem wohlwollenden Lob – sehr, sehr scharfe Kritik an meinem „Sündenregister“. Die Rezension kommt von Franz Norbert Otterbeck, der das Buch für die Zeitschrift „Theologisches“ (Mai/Juni 2018) besprochen hat. Über die Fachkompetenz des promovierten Juristen und Historikers besteht kaum ein Zweifel, über seine charakterliche Eignung, mein Buch komplett auseinanderzunehmen (nein, macht er nicht, jedenfalls nicht wirklich), sicher auch nicht – schließlich stammt Otterbeck ebenfalls vom linken Niederrhein. Und da leben keine schlechten Menschen.

Das dazu. Zur Sache.

Ich bin gerne bereit, die Kritikpunkte in Ruhe zu analysieren, die aufgeführten Fehler (wenn es denn wirklich welche sind – ich habe nochmal nachgeschaut und kann höchstens bei einem eine unglückliche Formulierung erkennen, der Rest ist für mich selbst beim masochistischsten Willen nicht nachvollziehbar), möchte allerdings zunächst allgemein etwas erwidern.

Es gibt zwei Hauptvorwürfe: Der eine betrifft den Inhalt (zu modernistisch, zu viel Zugeständnisse an den Zeitgeist, zu viel Kritik an der Alten Messe, zu viel Küng usw. – ich fasse mal zusammen). Darüber kann man streiten. Darum geht es ja eigentlich auch. Das Buch ist in den systematischen Fragen (die Behandlung der historischen Themen wird gelobt – da sei ich „in meinem Element“) vor allem ein Debattenbeitrag, der – durchaus in beide Richtungen – den Argumenten Nahrung geben soll.

Der andere Vorwurf betrifft die Form. Und hier wird es nun etwas pikanter, weil ich mich (bzw. das Buch) in diesem Zusammenhang schon etwas ungerecht beurteilt fühle.

1. Das Buch sei nicht nur „kaum ein erschöpfendes Register“, sondern auch „nicht wissenschaftlich“ (was wiederum etwas anderes als „unwissenschaftlich“ ist). Man könne „fast froh sein“, so Otterbeck, wenn es in der wissenschaftlichen Diskussion ignoriert werde (was – insoweit kann ich den Rezensenten beruhigen – der Fall ist). Nur: Ich erhebe mit dem Buch ja gar nicht den Anspruch, alle Probleme vollständig und in wissenschaftlicher Diktion anzusprechen oder gar zu beheben. Gerade die von vielen gelobte „Lockerheit“ in Stil und Sprache gereicht dem Rezensenten jedoch mehrfach zum heftigen Vorwurf. Offenbar liegt hier ein Missverständnis dahingehend vor, was das Buch sein will und sein kann – und was eben nicht.

2. Ganz widerspruchsfrei sehe ich die Besprechung auch in diesem Kontext nicht: Einerseits moniert der Rezensent meine locker-leichte „Blogger“-Spontanität, die ihm offenbar akademisch unzulänglich erscheint (was sie auch ist: siehe oben), weil sie „nur gelegentlich feuilletonistischen Anspruch übersteigt“ (was – siehe oben – nie mein Ziel war, also: zu übersteigen), andererseits beschwert er sich darüber, dass ich Ernst Bloch zitiere, den ohnehin keiner (mehr) kenne. Da bin ich am Ende etwas ratlos, zumal sich hier der Rezensent ein abschließendes Urteil darüber anmaßt, was als bekannt gelten darf und was nicht. Ludwig Fleck ist unter Philosophen, die sich auch schon mal mit Wissenschaftstheorie befasst haben, beispielsweise nicht nur „zufällig“ bekannt.

3. Wirklich unfair finde ich die Bemerkung, es sei nicht klar, wodurch sich die Literaturnachweise (der Rezensent spricht von „Literaturhinweisen“) von der weiterführenden Literatur unterschieden bzw. welches Kriterium ich denn dafür angelegt hätte. Ganz einfach: In den Literaturnachweisen steht die zitierte Literatur (um deren Vollständigkeit ich mich, entgegen dem Eindruck des Rezensenten, schon sehr bemüht habe), in der weiterführenden Literatur eben Texte, die man noch hinzuziehen könnte, wenn man das denn mag, ein Bereich übrigens, der in der zweiten Auflage noch erheblich erweitert wird.

Also.

Insgesamt erweckt Franz Norbert Otterbeck den Eindruck, als sei das Buch ein in kurzer Zeit mehr oder minder lustlos dahingeschludertes Flickwerk von mehr oder minder rein zufällig passenden Spontaneingebungen ohne jede fachliche Substanz. Das sagt er so nicht, weil er ein höflicher Mensch ist, aber es entsteht der Eindruck, dass er das so oder ähnlich denkt. Und da fühle ich mich wirklich ungerecht beurteilt.

Dass der Rezensent meint, man dürfe „trotzdem“ nicht „zu eilig über den wertvollen Nutzen der Publikation hinweggehen“, weil man schließlich „für jede kleine Initiative dankbar sein“ müsse und auch der Stil werde wohl „manchen gefallen“ (stimmt, siehe oben), macht die Sache am Ende nur bedingt versöhnlich. Aber darum geht es ja auch nicht. Zumindest nicht im Streit um die Wahrheit.

Insofern bin ich schließlich doch dankbar für die Kritik, die Hinweise auf (vermeintliche) Fehler, das Konzedieren von Wissenschaftlichkeit als Messlatte für die Texte (auch ohne selbst den Anspruch darauf erhoben zu haben) und auch für das gelegentliche Lob.

(Josef Bordat)

Richtigstellen, aber richtig

So gut, richtig und wichtig es ist, die Rede von der „erfolgreichen deutschen Geschichte“ (Gauland) auf den Prüfstand zu stellen, so falsch und schlecht ist es, dabei selbst ungenau und einseitig zu werden. Leider geschieht das in der Kolumne „Die Top-Erfolge der deutschen Geschichte“ des Hamburger Kognitionspsychologen Christian Stöcker auf Spiegel Online.

Mal abgesehen davon, dass es hochproblematisch ist, für die Zeit vor 1871 von „Deutschland“ zu sprechen, worauf sich Stöcker selbst auch nur sehr widerwillig einlässt, indem er aufgrund des mangels an Kontinuität zumindest die Bezeichnung „deutsche Geschichte“ für die „Geschichte auf deutschem Boden“ hinterfragt, enthält seine Darstellung zwei Fehler. Der eine gravierend, der andere eher klein, aber – wegen seiner langen Tradition – nicht minder nervtötend.

1. Stöcker schreibt, die Kreuzfahrer seien vor dem Ersten Kreuzzug „mit fadenscheinigen Argumenten angestachelt“ worden. Ein Blick auf die Vorgeschichte des Ersten Kreuzzugs zeigt allerdings, dass diese Argumente alles andere als fadenscheinig waren.

Die Christen sahen sich mit einem seit dem 7. Jahrhundert aggressiv expandierenden Islam konfrontiert. In etwas mehr als einem Jahrhundert (nämlich vom Tod Mohammeds im Jahr 632 bis Mitte des 8. Jahrhunderts) hatte sich der Islam von der Arabischen Halbinsel über den Nahen Osten und Nordafrika im Westen bis nach Spanien ausgebreitet, im Osten über Persien bis nach Indien. Also, das, was wir heute als „Arabische Welt“ kennen, war in relativ kurzer Zeit militärisch erobert und politisch stabilisiert. Dass das nicht allein durch friedliche Überzeugungsarbeit geleistet wurde und dass die errichteten Kalifate keine demokratischen Rechtsstaaten waren, dürfte klar sein. Vor allem ab dem 9. Jahrhundert nahmen die Übergriffe auf die nicht-muslimische Bevölkerung zu. Mittlerweile hatte Europa wieder einen weltlichen Regenten, so dass der Papst nicht alles alleine machen musste. Karl der Große, seit 800 deutsch-römischer Kaiser, reagierte auf die zunehmende Gewalt gegen Christen und handelte mit Harun Al Raschid, dem Kalifen von Bagdad, mit dem er freundschaftlich verbunden war, obwohl er ihm nie persönlich begegnete, ein Abkommen zum Schutz der christlichen Pilger aus. Das hatte jedoch keinen Bestand. Die sich im 10. und 11. Jahrhundert mehrenden Übergriffe auf Pilger entlang der Route ins Heilige Land können nun aber als Verletzungen früher „völkerrechtlicher“ Freundschaftsabkommen angesehen werden.

Um nur mal einige Schlaglichter auf die Realität im Nahen Osten zu dieser Zeit zu werfen: 966 kam es nach der Rückeroberung von Teilen Syriens durch die Byzantiner zu Übergriffen der Muslime auf Christen in Jerusalem. 969 drangen die Fatimiden, Berber aus Marokko, in Ägypten, Syrien und Palästina ein. Bei der Eroberung Jerusalems durch den Kalifen Ibn Moy (979) wurde die Auferstehungskirche in Brand gesetzt, ihre Kuppel stürzte ein, der Patriarch kam in den Flammen ums Leben. Unter dem Kalifen Abu Ali al-Mansur al-Hakim (996-1021) gerieten die Christen immer stärker unter Druck: öffentliche Prozessionen wurden verboten, Christen zur Annahme des Islam gezwungen und etwa 30.000 Kirchen enteignet, viele davon geplündert und zerstört, darunter die Auferstehungskirche. 1056 wurden 300 Christen aus Jerusalem ausgewiesen und europäischen Pilgern wurde es verboten, die Grabeskirche zu betreten. Als 1065 der Erzbischof von Mainz und die Bischöfe von Utrecht, Bamberg und Regensburg zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufbrachen, war dies nur noch in bewaffneter Begleitung möglich. Die Pilgerwege waren nicht mehr sicher, Übergriffe auf friedliche Wallfahrer an der Tagesordnung.

Zur Kreuzzugsidee kam es aber erst nach der Besetzung Byzanz’ durch die Seldschuken, auf die der Hilferuf Ost-Roms folgte. Die Seldschuken, ein Steppenvolk aus dem Gebiet des heutigen Turkmenistan, Vorfahren der Türken, brachen mordend, plündernd und brandschatzend über den Orient herein. Obwohl sie selber Muslime waren, fielen sie Anfang 1055 in Persien ein und stürzten am Ende desselben Jahres den Kalifen von Bagdad. 1071 schlugen sie die Byzantiner und nahmen Kaiser Romanus IV. gefangen. 1076 eroberten sie Syrien, 1077 Jerusalem. Die Rede Urbans war eine Reaktion auf diese Situation und den Hilferuf aus Byzanz. Er rief also nicht willkürlich zu einem Kreuzzug auf, etwa um die Muslime zu missionieren oder deren Gebiete zu erobern, sondern forderte als einen Akt der Nothilfe das, was wir heute eine „Humanitäre Intervention“ nennen und für ähnliche Fälle in Erwägung ziehen.

Das ist der historische Rahmen, den man zur Kenntnis nehmen muss. Ich erwähne das nicht, um damit die Gewalt von zwei Jahrhunderten Kreuzzugsgeschichte schönreden zu wollen, sondern um die Situation darzulegen, die dann 1095 zum Ersten Kreuzzug führte.

2. Stöcker spricht davon, der Hexenverfolgung seien 70.000 Menschen zum Opfer gefallen, in „Deutschland“ etwa 40.000. Diese Zahlen sind gegenüber dem, was vor einigen Jahren noch im Spiegel zu lesen war („über eine Million“ Opfer – Der Spiegel, Nr. 17/2000, S. 115) schon stark verbessert, aber dennoch falsch.

Nach derzeitigem Forschungsstand waren es insgesamt etwa 40.000 bis 50.000 Opfer (Thomas A. Brady) bzw. ca. 50.000 (Gustav Henningsen), bei einer Untergrenze von 30.000 (Wolfgang Behringer) und einer Obergrenze von 60.000 (Brian P. Levack). Rund die Hälfte der Opfer lebte auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Das wären also 15.000 (Untergrenze) bis 30.000 (Obergrenze). Übrigens: Keineswegs nur „Frauen und Mädchen“ – etwa jedes fünfte Opfer war männlich.

Dennoch: Christian Stöckers Kolumne „Die Top-Erfolge der deutschen Geschichte“ ist ein deutliches Plädoyer gegen neuen deutschen Nationalismus, für das man – trotz der Mängel – nur dankbar sein kann.

(Josef Bordat)

Abseits!

Alles, was reifen soll, braucht langes Ruhen. Alles, was zur Tiefe drängt, braucht die Behütung eines gütigen Abseits. (Gertrud von Le Fort)

Wenn sich in ein paar Tagen auch diejenigen zum Fußball schauen zusammenfinden, die dem Rasensport sonst eher distanziert gegenüber stehen, dann fällt die Unterhaltung oft schwer, wenn es um die Feinheiten geht. Dass Cristiano Ronaldo ein guter Spieler ist und Deutschland eine „Turniermannschaft“, das werden die meisten der vor dem Fernseher versammelten Freunde mitbekommen haben, doch wenn im Verlauf der Partie strittige Schiedsrichterentscheidungen zu kommentieren sind – und bei welchem Spiel ist das nicht der Fall –, trennt sich schnell die Spreu der WM-Gucker vom Weizen der echten Fans. Eine Sollbruchstelle ist dabei die Abseitsregel. Wer eine Abseitsstellung erkennt, gehört zum engeren Kreis der Fußballfreunde.

Abseits – wie soll man das erklären? Mit Rainer Moritz hat sich ein Autor des Themas angenommen, der weiß, wovon er spricht, war er doch selbst als Schieds- und Linienrichter aktiv. „Abseits. Das letzte Geheimnis des Fußballs“, heißt sein Buch, das bereits 2006 erschien – zur Heim-WM, dem „Sommermärchen“.

Er führt in die Geschichte, das Wesen und den Sinn einer komplizierten und umstrittenen Regel ein, die Einige wegen ihrer besonderen Schwierigkeiten gerade deshalb aus dem Regelwerk des sonst sehr einfach strukturierten Spiels gestrichen wissen wollen. In der Tat: Die Regel ist schwierig. Man denke nur an den feinen Unterschied von „passivem Abseits“ (Spieler greift nicht ins Geschehen ein) zu „aktivem Abseits“ (Spieler greift ins Geschehen ein), der deswegen besonders schwer zu beurteilen ist, weil der Moment der Ballabgabe, nicht der Ballannahme zählt.

Überhaupt macht diese Dynamik die Abseitsregel zum problematischen Unikum im Kanon der Fußballnormen: Hier ist eine große Deutungsleistung des Schiedsrichtergespanns erforderlich, und zwar nicht über Geschehenes (wie etwa bei einem Foulspiel), sondern über Geschehendes. Die Unparteiischen müssen die Spielsituation und ihre Entwicklung ganzheitlich erfassen, und das in Sekundenbruchteilen. Klar, dass es hier verhältnismäßig viele Fehlurteile gibt – Ärger und Frust inklusive. Auch klar, dass man sich – als Spieler, Fan oder auch Schiedsrichter – manchmal wünscht, es gäbe sie nicht, die Abseitsregel. Moritz hingegen hält sie für „intelligent“ und warnt vor einer Reform des Fußballsports: „Wer die Abseitsregel abschaffen möchte, läuft Gefahr, dem Spiel sein geheimes Regulativ zu rauben.“

Die Auseinandersetzung mit diesem Regulativ beginnt mit einer kleinen Kulturgeschichte des „Mysteriums Abseits“, in der Moritz aufzeigt, dass im Gegensatz zu anderen Regelwidrigkeiten oder Fußball-Begriffen das Phänomen Abseits auf viele Kreative inspirierend wirkte, auf Dieter Nuhr etwa („Männer haben 100 Gramm mehr Gehirn als Frauen – da ist unter anderem die Abseitsregel drin.“) oder auch auf Günther Grass („Nächtliches Stadion“).

Dem launigen Einstieg folgt die trockene Regelkunde. Mit Hilfe von Grafiken wird die Abseitsregel im Detail erklärt. Abseits ist zwar, wenn der Schiedsrichter pfeift, aber man sollte doch wissen, warum er pfeift. Zudem steht zu erwarten, dass man während der nächsten WM den weniger Informierten die Regel (mal wieder) erklären muss. Sein (neues oder gefestigtes) Wissen kann man in einem kleinen Test am Ende des Buchs überprüfen.

Hochinteressant ist die vom Autor recht ausführlich geschilderte Geschichte der Abseitsregel, die deutlich macht, wie sehr eine einzige Regel den Spielverlauf beeinflussen kann. Die Abseitsregel, so Moritz, „greift in das Grundgefüge ein und nötigt die Akteure viel stärker als andere Regeln dazu, das System ihrer Aufstellung zu überdenken“.

Das Entscheidende jedoch bei einer Regel, die bestimmte Spielzüge sanktioniert, ist es, in der Praxis die „Tatbestandsvoraussetzungen“ des Regelverstoßes eindeutig erkennen zu können. War es Abseits oder nicht? Diese, wie gesagt, oft sehr schwer zu beantwortende Frage erhitzt die Gemüter und der arme Mensch, der darüber zu entscheiden hat, nämlich der Schiedsrichter, ist „ohnmächtig“ und „einsam“. Zwar stehen ihm die beiden Assistenten an der Linie zur Seite, was wegen der perspektivischen Verzerrung gerade bei Abseitsentscheidungen von großer Bedeutung ist, doch das letzte Wort hat er.

Schließlich gehört es zur Taktik des Fußballs, sich zu überlegen, wie man die Regeln am besten für sich nutzen kann. Die beste Freundin der Abseitsregel ist die „Abseitsfalle“, ein „effektives“, aber auch „riskantes“ Instrument der Spielgestaltung in der Defensive. Einige Teams haben sich mit ihr einen Ruf erworben, etwa der Hamburger SV unter Trainerlegende Ernst Happel Ende der 1970er / Anfang der 1980er Jahre oder auch die Nationalmannschaft Belgiens zur gleichen Zeit.

Auch bei der Fußballweltmeisterschaft in Russland wird es wieder strittige Entscheidungen geben. Nur wird dort der Videobeweis zum Einsatz kommen. Dann wird also doch über Geschehenes geurteilt, retrospektiv. Die große Besonderheit des Abseits ist vergangen. Eigentlich schade.

(Josef Bordat)

Kulturrat fordert Sendepause für Talkshows

Der Deutsche Kulturrat hat ARD und ZDF dazu aufgefordert, ihre Talkshows zu überarbeiten und ein Jahr lang keine mehr zu senden.

Der Geschäftsführer Olaf Zimmermann kritisierte in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung die einseitige Berichterstattung in den Sendungen. „Mehr als 100 Talkshows im Ersten und im ZDF haben uns seit 2015 über die Themen Flüchtlinge und Islam informiert und dabei geholfen, die AfD bundestagsfähig zu machen“, sagte Zimmermann.

Der Deutsche Kulturrat ist der Dachverband der Bundeskulturverbände. Ziel des Deutschen Kulturrates ist es, die „kulturpolitische Diskussion auf allen politischen Ebenen anzuregen und für Kunst-, Publikations- und Informationsfreiheit einzutreten“.

(Josef Bordat)

Der Maßstab: Wahrheit, nicht Entlastung

Eine sehr schöne Rezension des „Sündenregister“-Buchs hat Harald Stollmeier für die Mai-Ausgabe der „Akademischen Monatsblätter“ verfasst, der „Zeitschrift des Kartellverbandes katholischer deutscher Studentenvereine“.

Unter dem Titel „Sündenregister statt Vorurteile. Argumentationshilfe für Christen“ kommt er zu dem Urteil: „Josef Bordats Von Ablasshandel bis Zölibat ist eine gut lesbare Übersicht über die gängigen Vorwürfe gegen unsere Kirche. Bordats Maßstab ist erkennbar die Wahrheit, nicht die Entlastung.“

Ein großes Kompliment. Vielen Dank!

(Josef Bordat)

Recht auf Abtreibung? Grund zu feiern?

So problematisch ich es finde, dass man Schwangeren in Not auch nach einer Vergewaltigung nur mit Strafe droht, statt ihnen beizustehen, so unerträglich finde ich es, wie nun ein angebliches „Recht auf Abtreibung“ ausgelassen gefeiert wird.

Zumindest in Deutschland gibt es ein solches Recht nicht. Dass Straffreiheit trotz Rechtswidrigkeit in der Summe als „Recht“ wahrgenommen wird, kann man ja psychologisch gerade noch nachvollziehen, dass Abtreibung aber in der öffentlich-rechtlichen „Tagesschau“ wie selbstverständlich als „Recht“ behandelt wird, ist nicht nachzuvollziehen.

Dass ich für so etwas qua Existenz Gebühren zu zahlen habe, tut schon einigermaßen weh: „Das Land hat seine eigenen Bürgerinnen schändlich behandelt – und daran ist wesentlich die Katholische Kirche schuld, mit der der irische Staat seit seiner Gründung in der Rebellion gegen das britische Empire eine unheilige Allianz eingegangen ist. Gut ein Jahrhundert nach der Staatsgründung schaffen es Politiker und Bürger, sich aus den moralischen Fesseln zu lösen, die Bischöfe und Priester und Nonnen ihnen zu lange anlegen konnten. Besser spät als nie.“

Was nun allgemein bejubelt wird, ist die Aussicht auf eine Fristenlösung wie sie von 1972 bis 1990 in der DDR galt. Bis zur 12. Schwangerschaftswoche darf das ungeborene menschliche Leben getötet werden. Der Embryo genießt bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Rechtsschutz. Es findet keine Beratung statt, um die Frau zu ermutigen, sich für das einzigartige Leben zu entscheiden, das in ihr heranwächst. Immer noch in Partylaune?

Warum eigentlich diese 12-Wochen-Frist? Es geht dabei offenbar nicht um „Empfindungsfähigkeit“ oder irgendein objektivierbares „Bewusstsein“, denn je nach dem, welche Ansprüche man an „Hirnströme“ stellt (Reicht ihre nachweisliche Existenz, also: „Strom fließt“ oder braucht es die Ausbildung eines gleichförmigen Wellenprofils auf dem Bildschirm?), liegt der erste Zeitpunkt ihres Auftretens zwischen der 6. und der 24. Schwangerschaftswoche. Irgendwo mittendrin liegt dann die 12-Wochen-Frist. Bei dieser geht es allein um pragmatische Fragen der Durchführbarkeit von Abtreibungen.

Fassen wir zusammen: Irland droht mit einer neuen Gesetzgebung zur Abtreibung weit hinter den bundesdeutschen Kompromiss zurückzufallen, weil eine klare Abstufung des Lebensrechts vorgenommen wird (was unser Grundgesetz nach geltender Ausdeutung durch das Bundesverfassungsrecht nicht erlaubt), und mitten in der DDR zu landen. Ein Grund, ausgelassen zu feiern, sieht anders aus.

(Josef Bordat)