Renovabis fordert „Bewusstsein für gute Ware“ und „Schluss mit Ausbeutung von Osteuropäern“

Nachdem Corona-Neuinfektionen in Schlachtbetrieben die dortigen Missstände aufdeckten, fordert das katholische Osteuropa-Hilfswerk erneut gerechten Lohn und akzeptable Arbeitsbedingungen.

Renovabis macht angesichts der weiteren Corona-Ausbrüche in Großschlachtereien abermals auf die ungerechten und gesundheitsgefährdenden Arbeitsverhältnisse für osteuropäische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland aufmerksam.

Tiefstpreise brauchen Billiglöhne

Renovabis-Geschäftsführer Burkhard Haneke kritisiert in einer Pressemitteilung des katholischen Osteuropa-Hilfswerks die ausbeuterischen Bedingungen, unter denen insbesondere Arbeiter aus Bulgarien und Rumänien hier leben und ihren Unterhalt verdienen müssen. „Davor darf unsere Gesellschaft die Augen nicht mehr verschließen. Es kann doch nicht sein, dass wir erst wach werden, wenn unsere Urlaubspläne in Gefahr geraten oder unser Gemüse und unsere Früchte nicht zeitgerecht geerntet werden.“ Die Corona-Krise decke Versäumnisse auf, die wir in der Vergangenheit nicht wahrhaben wollten: „Wir messen mit zweierlei Maß, wenn es um gerechten Lohn oder akzeptable Arbeits- und Lebensbedingungen geht – und kaufen billigst produzierte Schweinesteaks.“

Skandalöses Ausbeutungssystem

Burkhard Haneke verurteilt die Ausbeutung in der Fleischindustrie als skandalös: „Migrantinnen und Migranten aus Osteuropa werden mitten in Deutschland als billige Arbeitskräfte missbraucht und in menschenunwürdigen Behausungen untergebracht.“ Dies dürfe nicht länger hingenommen werden. Die Coronakrise bringe die Gesellschaft dazu, bei manchen üblich gewordenen Gepflogenheiten, von denen wir bislang profitiert haben, jetzt nachzufragen, ob es nach der Krise so weiter gehen könne. „Die bedrückende Situation der osteuropäischen Lohnarbeiter in den Schlachtfabriken, aber auch auf Baustellen oder in der Landwirtschaft sind dafür prägnante Beispiele“, so Haneke.

Es geht um die Menschenwürde

Der Renovabis-Geschäftsführer weiter: „Als katholisches Hilfswerk setzen wir uns gemeinsam mit unseren Partnern im Osten Europas für die Entwicklung von Lebensperspektiven vor Ort ein. Und wir erheben unsere Stimme für die Menschen, die ihr Heimatland verlassen haben und nun mitten unter uns unter ausbeuterischen Bedingungen leben und arbeiten müssen.“ Haneke ergänzt, dass „jeder, dem an Menschenwürde und Solidarität gelegen ist, sich fragen lassen muss, ob das, was er konsumiert – was er isst, das Ergebnis von Ausbeutung ist. Uns muss bewusst sein, dass unser Konsumverhalten Einfluss auf Arbeitsbedingungen und Löhne hat“. Wirtschaftsformen, die den Menschen letztlich zum Gebrauchsgegenstand degradieren, habe Papst Franziskus in den vergangenen Jahren immer wieder als „unchristlich“ gebrandmarkt.

Zum Hintergrund: Corona-Krise, osteuropäische Arbeitskräfte, Abhängigkeit

In der Corona-Krise sind schlagartig wirtschaftliche Verflechtungen zwischen Ost- und Westeuropa spürbar geworden, als tausende osteuropäische Pflegekräfte aufgrund der Grenzschließungen in ihre Heimatländer zurückkehrten oder Erntehelfer nicht nach Deutschland einreisen konnten. Vor allem männliche Arbeitnehmer aus Rumänien, Bulgarien oder anderen Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas sind in den Betrieben beschäftigt.

Vielfach wird die Unterkunft an den Arbeitsplatz gekoppelt, denn bei Kündigung verlieren die Beschäftigten sofort auch ihre Bleibe. Oft müssen vier oder mehr Personen in einem Zimmer hausen. Diese Lebenssituation und die Tatsache, dass die osteuropäischen Beschäftigten geltende Regeln rein sprachlich nicht verstehen, könnten in kürzester Zeit zu hohen Covid-19-Infektionsraten führen.

Ein wesentliches Problem ist das Werkvertrags-System: Die Arbeitnehmer schließen ihre Verträge mit Subunternehmen ab und nicht mit den Firmen, in denen sie tätig sind, womit diese sich ihrer Verantwortung für die Beschäftigten im Prinzip entledigen. Die Subunternehmen nutzen die Abhängigkeit der Werkvertragsnehmer oft aus. Gezwungenermaßen finden sich die Beschäftigten damit ab, um ihren Job nicht zu verlieren.

(Josef Bordat)