Social Media-Kreuzweg

1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt

Pilatus sagte zu ihnen: Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt? Da schrien sie alle: Ans Kreuz mit ihm! Er erwiderte: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Da schrien sie noch lauter: Ans Kreuz mit ihm! Darauf ließ er Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen. (Mt 27, 22 – 23, 26)

Ein Mem macht die Runde. Es ist manipuliert, es ist bösartig, es bringt Unschuldige in Schwierigkeiten. Ans virtuelle Kreuz mit ihr, mit ihm! Irgendjemand postet es, in einem Gefühlsgemenge aus Hass, Langeweile und Überdruss. Fake news, im Schutz der Anonymität. Es wird geteilt und geteilt und geteilt. Likes und Kommentare geißeln das Opfer.

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2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus, führten ihn in das Prätorium, das Amtsgebäude des Statthalters, und versammelten die ganze Kohorte um ihn. Sie zogen ihn aus und legten ihm einen purpurroten Mantel um. Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! Und sie spuckten ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihm damit auf den Kopf. Nachdem sie so ihren Spott mit ihm getrieben hatten, nahmen sie ihm den Mantel ab und zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an.
(Mt 27, 27-31)

Du öffnest Dein Profil. Dein Herz klopft. Was wird jetzt wieder passiert sein, wer wird inzwischen kommentiert haben? Hämisch, bösartig, verletzend. Du öffnest es, weil dort auch Gutes, Schönes und Wahres zu finden ist. Du musst das Kreuz der negativen Stimmungsmache auf Dich nehmen, um das Positive nicht zu verlieren.

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3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr ließ auf ihn treffen die Schuld von uns allen. Er wurde bedrängt und misshandelt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt, so tat auch er seinen Mund nicht auf. (Jes 53, 4-7)

Der Blogbeitrag kommt nicht gut an, das Foto wird nicht geliked. Neue Medien bringe neue Erfahrungen eines alten Problems: Scheitern. Alles erscheint sinnlos. Man bemüht sich, seine Meinung zu verdeutlichen, und dann schüttet es wieder nur Häme, Spott und dumme Sprüche. Man fühlt sich zu Boden gedrückt. Aber man steht wieder auf.

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4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, – und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden. (Lk 2, 34-35)

Hilflos sieht man zu, wie andere leiden. Man kann nichts tun. Doch. Man kann da sein, treu bleiben. Einen netten Gruß schicken, einen aufmunternden Kommentar schreiben, ein Like geben. Das ist nicht viel, aber es zeigt, dass man jemanden, der sichtlich leidet, nicht einfach vorbeiziehen lässt beim Scrollen durch die timeline.

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5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Auf dem Weg trafen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon; ihn zwangen sie, Jesus das Kreuz zu tragen.
(Mt 27, 32)

Aktiv werden, dem Anderen helfen, dem Schwächeren beistehen. Oft ist man gefordert, obwohl man gar nicht will. Eigentlich wollte man gerade den Rechner runterfahren, da kommt man doch noch mal auf eine Seite, die zum Mitreden motiviert. Manchmal sind Worte wie das Tragen einer Last.

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6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Mein Herz denkt an dich: Suchet mein Angesicht! Dein Angesicht, HERR, will ich suchen. Verbirg nicht dein Angesicht vor mir; weise deinen Knecht im Zorn nicht ab! Du wurdest meine Hilfe. Verstoß mich nicht, verlass mich nicht, du Gott meines Heils! (Ps 27, 8-9)

Und noch einmal: Aktiv werden! Wer nicht direkt eine hilfreiche Antwort in einer hitzigen Debatte weiß, kann an anderer Stelle ein stärkendes, tröstendes Wort schenken, das wie ein Schweißtuch wirkt.

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7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat durch die Rute seines Grimms. Er hat mich getrieben und gedrängt in Finsternis, nicht ins Licht. Mit Quadern hat er mir die Wege verriegelt, meine Pfade irregeleitet. Meine Zähne ließ er auf Kiesel beißen, er drückte mich in den Staub. (Klgl 3, 1-2, 9, 16)

Immer wieder Rückschläge. Da hat man sich gerade in einer Diskussion geeinigt, bricht an anderer Stelle neuer Streit auf. Es ist zum Verzweifeln! Wozu noch sich aufrichten, warum weitergehen? Gegen all die erdrückende Oberflächlichkeit der Menschen ist doch eh nichts auszurichten. Oder? Steh auf!

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8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen

Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns!, und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden? (Lk 23, 28-31)

Immer wieder kommen Mails und Nachrichten an, die zur Teilnahme an Petitionen aufrufen. Schicksale werden geschildert, mit denen man sich solidarisch erklären soll. Es sind weinende Kinder, Frauen, Männer, es sind leidende Menschen und Tiere, es sind schmerzhafte Zustände. Doch was kann ich tun? Ich kann doch oft nichts tun – außer zu weinen. Das jedoch ist oft schon sehr viel.

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9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Gut ist es für den Mann, ein Joch zu tragen in der Jugend. Er sitze einsam und schweige, wenn der Herr es ihm auflegt. Er beuge in den Staub seinen Mund; vielleicht ist noch Hoffnung. Er biete die Wange dem, der ihn schlägt, und lasse sich sättigen mit Schmach. Denn nicht für immer verwirft der Herr. Hat er betrübt, erbarmt er sich auch wieder nach seiner großen Huld. (Klgl 3, 27-32)

Jetzt ist Schluss. Jetzt wird blockiert. Jetzt melde ich mich ab. Ich habe genug. Es geht nicht mehr weiter. Die Last ist zu groß. Der Klügere gibt nach. Doch: Soll die Dummheit triumphieren? Die Aggression? Der Hass? Aufstehen! Nur noch dieses eine Mal.

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10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt

So kamen sie an den Ort, der Golgota genannt wird, das heißt Schädelhöhe. Und sie gaben ihm Wein zu trinken, der mit Galle vermischt war; als er aber davon gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken. Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Dann setzten sie sich nieder und bewachten ihn. (Mt 27,33-36)

Nackt stehst Du jetzt da, Du Opfer! Das Cybermobbing zeigt Wirkung, der letzte große Shitstorm, das Shamen, Haten, Dissen. Der Würde beraubt stehst Du da, während man einfach weiterzockt, als sei nichts geschehn. Doch Gewinnen kann man dabei nichts. Zumindest nichts, das Bestand hat.

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11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden. Zusammen mit ihm wurden zwei Räuber gekreuzigt, der eine rechts von ihm, der andere links. Die Leute, die vorbeikamen, verhöhnten ihn, schüttelten den Kopf und riefen: Du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst, und steig herab vom Kreuz! Auch die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die Ältesten verhöhnten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Er ist doch der König von Israel! Er soll vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben. (Mt 27, 37-42)

Festgenagelt. Wer online für den Glauben (oder eine politische Position) eintreten will, muss bereit sein, sich festnageln zu lassen. Auch auf die unangenehmen Seiten. Nichts bleibt unentdeckt, alles kommt ans Licht. Mit ein paar Klicks erreicht man Hintergründe und Kontroversen. Wahrhaftigkeit wird zur Bedingung. Dennoch: Hohn wird nicht ausbleiben.

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12. Station: Jesus stirbt am Kreuz

Von der sechsten bis zur neunten Stunde herrschte eine Finsternis im ganzen Land. Um die neunte Stunde rief Jesus laut: „Eli, Eli, lema sabachtani?“, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Er ruft nach Elija. Sogleich lief einer von ihnen hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Die anderen aber sagten: Laß doch, wir wollen sehen, ob Elija kommt und ihm hilft. Jesus aber schrie noch einmal laut auf. Dann hauchte er seinen Geist aus. Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten. Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!
(Mt 27, 45-50, 54)

Sprachlosigkeit angesichts des Kreuzes. Schweigen muss man sich leisten können, wenn die Welt auf Tweets und Kommentare wartet. Doch irgendwann ist es eben soweit: Tod. Ende. Aus. Kontakt abgebrochen. Der User ist für mich gestorben. Doch täuschen wir uns nicht: Wer jemand wirklich ist, das merkt man erst offline.

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Kreuzigungsdarstellung an der Fassade der Magdalenenkirche in Breslau. Foto: JoBo, 8-2018.

13. Station: Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

Gegen Abend kam ein reicher Mann aus Arimathäa namens Josef; auch er war ein Jünger Jesu. Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Da befahl Pilatus, ihm den Leichnam zu überlassen. Josef nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch. (Mt 27, 57-59)

Einer setzt sich ein, einer macht den Unterschied. Kein großer Held, aber jemand der da ist. Er ist online, wenn er gebraucht wird. Kein Poser mit Angeber-Fotos, sondern jemand, dem es um echte Beziehung geht. Auch, wenn er das versteckt – und aus Angst anonym bleibt.

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14. Station: Der heilige Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt

Dann legte er ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hauen lassen. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg. Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber. (Mt 27, 60-61).

Grabesruhe. Unvorstellbar in einer Welt, die immer auf Abruf ist, immer pulsiert, immer online. Ruhe, Abschalten – wahrer Luxus und wahren Privileg. Doch bitter nötig, wenn man zur Auferstehung gelangen will. Die gibt es nämlich nicht als App, sondern nur, wenn man durch Kreuz und Tod hindurchgeht, wahrhaftig, nicht nur virtuell. Leid und Tod – das ist keine Simulation. Auferstehung auch nicht.

(Josef Bordat)

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Drei Jahre „Amoris laetitia“

Amoris laetitia (zu deutsch: „Die Freude der Liebe“) ist ein Schreiben von Papst Franziskus vom 19. März 2016, in dem der Heilige Vater die Ergebnisse der Weltbischofssynoden von 2014 und 2015 zur Erneuerung der kirchlichen Ehe- und Familienlehre und -seelsorge zusammenfasst. Kaum war das Papier veröffentlicht, hagelte es Kommentare, Beurteilungen und Einschätzungen. Es erstaunt mich immer wieder, wie schnell einige Menschen sehr lange Texte zu äußerst komplexen Sachverhalten lesen, verstehen und geistesgeschichtlich einordnen können. Aber das nur nebenbei.

Zur Wirkungsgeschichte des Schreibens

Mittlerweile sind drei Jahre vergangen und es ist einiges passiert. Eine Frage stand immer wieder im Zentrum der moraltheologischen Diskussionen: Darf und soll wiederverheirateten Geschiedenen der Zugang zu den Sakramenten ermöglicht, insbesondere der Empfang der Heiligen Kommunion erlaubt werden? Im Streit um diese Frage haben sich die deutschen Bischöfe für eine größere Offenheit in begründeten Einzelfällen ausgesprochen: „Eine Entscheidung für den Sakramentenempfang gilt es zu respektieren“, heißt es entsprechend in einem mit Spannung erwarteten Bischofswort zu Amoris laetitia, das die Deutsche Bischofskonferenz 2017 verabschiedet hat. Es trägt den etwas sperrigen Titel „‚Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche‘ – Einladung zu einer erneuerten Ehe- und Familienpastoral im Licht von Amoris laetitia“. Mit diesem Papier gehen die deutschen Bischöfe wieder einmal weiter als die Hirten in anderen Teilen der Welt. Sie setzen gewissermaßen die Tradition fort, die mit der Königsteiner Erklärung (1968) begann. 2018 stand dann das „World Meeting of Families“ in Dublin ganz im Zeichen von Amoris laetitia, ohne dabei eine klare Richtung vorzugeben. Zwischen überhohen Ansprüchen – die Familie als Spiegelbild des Beziehungsideals der Perichorese –, echtem Bemühen um die Heiligung der Partnerschaft (junge Paare gaben in Dublin glaubwürdig Zeugnis), dem Scheitern von Beziehungen und dem Druck der säkularen Gesellschaft wird der kirchliche Familienbegriff immer unschärfer, geklammert einzig von der „Freude der Liebe“. Damit kann am Ende jedoch Beliebiges in das Konzept der Familie hineingetragen werden kann. Das zeigten auch die Tage von Dublin deutlich.

Schlüsselbegriff: Gewissen

Zentral ist in allen Debatten immer wieder ein Begriff: Gewissen. Auch die Bischöfe betonten 2017, dass es keinen „Automatismus in Richtung einer generellen Zulassung aller zivilrechtlich wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten“ gebe, sondern dass dies eine individuelle Gewissensentscheidung sei. Der Gewissensentscheidung müssten eine ernsthafte Prüfung und ein von einem Seelsorger begleiteter geistlicher Prozess vorausgehen. An dessen Ende stehe „nicht in jedem Fall der Empfang der Sakramente von Buße und Eucharistie“. Es geht also wieder um eine Gewissensentscheidung, die sich gegen eine Norm richtet – und durchdringt. Damit setzen die deutschen Bischöfe die durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) begonnene Stärkung des Gewissenskonzepts in der katholischen Morallehre fort, dessen große Wertschätzung man jedoch bis Thomas von Aquin zurückverfolgen kann (vgl. dazu Das Gewissen. Ein katholischer Standpunkt. Rückersdorf 2013, S. 68-80).

Dabei ist das mit dem Gewissen schon so eine Sache. Im Gewissensgebrauch trifft die subjektive Perspektive des Individuums (also: des Gläubigen) auf die objektive Normativität der Gemeinschaft (also: der Kirche). Während aus dem Blickwickel des Subjekts Beliebiges erkannt werden kann und der Gewissensgebrauch damit in einen „So sehe ich das!“-Relativismus herabzusinken droht, der Authentizität und persönliches Wohlergehen zu den alleinigen Kriterien von Moral macht, kann die objektive Ordnung durch zu starke Verbindlichkeit jeden Spielraum eigener Verantwortungsübernahme des Einzelnen zunichte machen. Wird der Gewissensgebrauch im Subjektivismus durch Relativität und fehlende Verbindlichkeit in Bezug auf die objektive Norm- und Wertordnung in seiner Unberechenbarkeit zur Gefahr für die Allgemeinheit, so wird er im Objektivismus vom Vorrang der Normativität im Keim erstickt. Polemisch gesagt: Das subjektivistisch formierte Gewissen ist zu allem fähig, das objektivistisch eingefasste Gewissen zu nichts zu gebrauchen.

Wenn also in der Moraltheologie vom Gewissen die Rede ist, steht auf der einen Seite die Furcht vor Willkür und Anarchie, vor einem losgelösten Individuum, das die Fähigkeit verloren hat, sich überhaupt noch an allgemeine Werte und Normen zu binden, auf der anderen Seite der Vorwurf, das Gewissen werde in seiner Fähigkeit zur Kritik der Werte und Normen unterschätzt, gerade dadurch, dass man es zu sehr auf eben diese Werte und Normen festlegt. Auf der einen Seite scheint zu gelten: Wenn wir das Gewissen nicht mehr an objektiven Maßstäben messen, sondern dem Einzelnen überlassen, hat jeder die Chance, durch entsprechende Gewissensbildung ein „gutes Gewissen“ zu bekommen, auf der anderen Seite scheinen die objektivistischen Forderungen das Gewissen zu überfrachten und zu lähmen.

Der Gewissensbegriff des Schreibens Amoris laetitia

Das weiß Franziskus natürlich – und holt in Amoris laetitia das Konzept genau in dieser Spannung ab. Er meint: „Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen“ (Nr. 37). Genau darum geht es. Weiterhin zitiert Franziskus die einschlägigen lehramtlichen Texte, in denen das Gewissen eine Rolle spielt, um es als „die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist“ zu definieren (Nr. 222; nach Gaudium et spes, Nr. 16). Das eigentliche Problem liegt nach Franziskus demnach nicht im Gewissensgebrauch, sondern in dem, was wir fälschlicherweise dafür halten: „Um gut zu handeln, reicht es nicht, ’sachgemäß zu urteilen‘ oder ganz klar zu wissen, was man tun muss – obschon das vorrangig ist. Oft sind wir inkonsequent mit unseren eigenen Überzeugungen, selbst wenn diese gefestigt sind. Sosehr unser Gewissen uns ein bestimmtes moralisches Urteil eingibt, haben hin und wieder andere uns anziehende Dinge mehr Macht, wenn wir es nicht erreicht haben, dass das vom Verstand erfasste Gute sich als tiefe gefühlsmäßige Neigung in uns eingewurzelt hat“ (Nr. 265).

Franziskus will also keineswegs, dass das Gewissen als moralischer Joker zum Einsatz kommt, gar als Gegenkonzept zum Gebot. Er will eine dialogische Pastoral, die den einzelnen Menschen in den Blick und das Gewissen ernst nimmt. Er fordert, „dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss“ (Nr. 303). Zunächst aber will Franziskus, dass sich der einzelne Mensch selbst ernsthaft in den Blick nimmt und einen inneren Dialog führt, vor seinem von der Kirche gebildeten (und insoweit „recht geformten“, Nr. 302) Gewissen. Als Synthese formuliert der Heilige Vater schließlich eine etwas sperrige Konzeption des Gewissens für die pastorale Praxis, die jedoch für beide Seiten (für den Gläubigen als Vertreter der Subjektivität und für die Kirche als Hüterin der Objektivität) alles beinhaltet, was eine wohlabgewogene Anleitung zum Gewissensgebrauch benötigt: „Selbstverständlich ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen. Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht. Auf jeden Fall sollen wir uns daran erinnern, dass diese Unterscheidung dynamisch ist und immer offen bleiben muss für neue Phasen des Wachstums und für neue Entscheidungen, die erlauben, das Ideal auf vollkommenere Weise zu verwirklichen“ (Nr. 303).

Also: Papst Franziskus traut dem Gewissen weitreichende Erkenntnis zu, sowohl die Erkenntnis dessen, was falsch läuft (das obliegt zunächst dem einzelnen Gläubigen), als auch die Erkentnis des rechten Umgangs mit dem objektiv Unvollkommenen (hier ist dann vor allem die Kirche bzw. deren seelsorglich-pastoral tätige Mitarbeiterschaft gefragt), angesichts eines konkreten Subjekts, das hier und jetzt eine Antwort der Kirche von Gott her erwartet – vom Gott des Gebots und vom Gott der Gnade; und zugleich wirksame Hilfe bei der wichtigsten Erkenntnis erhalten sollte: dass dieser Gott ein Gott ist, dessen Normen barmherzig sind, dessen Liebe daher geboten werden kann und auf dessen Gnade wir deswegen vertrauen dürfen. Die deutschen Bischöfe schließen sich dieser Position an und konkretisierten sie für den Einzelfall: „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, den Weg der Gewissensbildung der Gläubigen zu vertiefen. Dazu ist es nötig, unsere Seelsorger zu befähigen und ihnen Kriterien an die Hand zu geben. Solche Kriterien einer Gewissensbildung gibt der Heilige Vater in Amoris laetitia in ausführlicher und hervorragender Weise an“.

Impulse für eine gestärkte Familienpastoral 

Wenn begründete Einzelfälle eine so große Aufmerksamkeit erhalten, ist es jedoch umso wichtiger, die Begründung für die allgemeine Geltungskraft moraltheologischer Prinzipien deutlicher als zuvor herauszustellen, also: die Regel angesichts der Ausnahme wieder öfter und genauer in den Blick zu nehmen und argumentativ zu stärken. Auch dazu besteht ja durchaus eine besondere Chance. Nur eine in beide Richtungen gewissenhafte Pastoral ist glaubwürdig und kann die besondere Bedeutung des Sakraments vermitteln. Und der besonderen Rolle des Gewissens gerecht werden. Das nachsynodale Schreiben Amoris Laetitia soll und kann dabei helfen. Und jenseits der Denkanstöße für eine verfeinerte ethische Methodik kann es pastorale Inhalte im Alltag der Kirche neu ins Bewusstsein rufen: Berlins Erzbischof Heiner Koch, in der Deutschen Bischofskonferenz als Vorsitzender der Familienkommission für das Themengebiet von Amoris Laetitia zuständig, sieht das Schreiben „als eine große Einladung an die Kirche vor Ort, uns noch mehr zu engagieren für Ehen und Familien, im Alltag unserer Gemeinden, in der Ehevorbereitung, in der Begleitung von Eheleuten, aber auch in der Zuwendung zu wiederverheiratet Geschiedenen und Alleinerziehenden“.

Amoris Laetitia kann nicht zuletzt auch durch eine andere Diktion die Familienpastoral stärken: Franziskus wählt in seinem Schreiben eine neue Begrifflichkeit für und eine neue Perspektive auf moraltheologische Schlüsselthemen, ohne damit die Lehre selbst grundsätzlich in Frage zu stellen. Wie wohltuend muss es sein, im Schmerz des Scheiterns an den Idealen der Kirche zu lesen, die sei „im Besitz einer soliden Reflexion über die mildernden Bedingungen und Umstände. Daher ist es nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten ‚irregulären‘ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben“ (Nr. 301)! Der Papst selbst hofft, „dass jeder sich durch die Lektüre angeregt fühlt, das Leben der Familien liebevoll zu hüten“ und wünscht sich, die Gläubigen – insbesondere „die in der Familienpastoral Tätigen“ – mögen sich in den 300-Seiten-Text „Abschnitt für Abschnitt geduldig vertiefen“ (Nr. 7). Das sollten wir – immer wieder. Aus Freude an der Liebe.

(Josef Bordat)

Nicht nörgeln – zufassen!

Vor 90 Jahren starb der Berliner Großstadtpfarrer Carl Sonnenschein.

Mit seinem entschiedenen Auftreten, seiner klaren Sprache und seinem goldenen Herzen bleibt er bis heute in Erinnerung.

Gedenktafel_Georgenstr_44_(Mitte)_Carl_Sonnenschein
Gedenktafel am Haus Georgenstraße 44 in Berlin-Mitte. Foto: OTFW, Berlin (Wikimedia). CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/).

Am 29. August 1926 notierte er: „Nicht nörgeln! Nicht abseits stehen! Nicht beleidigt sein! Zufassen! Unser Land aus Wirrnis und Not herausführen! Die christliche Kultur des Landes schützen, pflanzen entfalten! Der Demut solcher Arbeit gehört der Segen Gottes“.

Hat kaum etwas an Aktualität verloren: Carl Sonnenschein.

(Josef Bordat)

Endzeit

Aber in jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater. (Markus 13, 24-32)

Heute ist der 33. Sonntag im Kirchenjahr, der vorletzte. Wir kommen also ans Ende – liturgisch und pastoral. Gegen Ende des Kirchenjahres begegnen uns in den Lesungen nämlich Texte, die unverblümt von der Endzeit sprechen.

Hier wird ziemlich präzise ausgeführt, was „in jenen Tagen“ passieren wird, in jenen Tagen, in denen der „Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit“ wiederkommt, in jenen Tagen, an denen die „Auserwählten aus allen vier Windrichtungen“ versammelt werden, in jenen Tagen, an denen „Himmel und Erde vergehen“ werden und das Ende der Welt, wie wir sie kennen, eintritt.

Die Menschen damals dachten, „jene Tage“ stünden unmittelbar bevor. Sie bezogen das Wort von der „Generation“, die „nicht vergehen wird, bis das alles eintrifft“ auf sich, auf die biologische Generation, der sie angehörten. Das heißt, sie mussten denken: „In spätestens 20, 30 Jahren ist Schluss!“

Wir können uns nur schwer vorstellen, welche Wirkung die wortgewaltigen Texte gehabt haben mögen. Es sind ja konkrete Mahnungen, die sicherlich kaum jemanden kalt ließen, zumal dann nicht, wenn wirklich erwartet wurde, die Endzeit selbst zu erleben. Bald.

Wir Christen heute lesen die Texte gewöhnlich mit etwas Abstand, zum Teil auch mit naturwissenschaftlichem Interesse. Wir wissen, dass das Ende der Welt, das Ende unseres Universums, wenn es denn ein Ende hat, mit dem Umstand eintreten wird, dass die Sonnen verglühen, sich also „verfinstern“ und infolgedessen die Stern-Trabanten, die Planeten und Monde, eben auch „nicht mehr scheinen“ werden.

Die Umschreibung „die Sterne werden vom Himmel fallen“ passt ganz gut zu den Endzeit-Szenarien der Astrophysiker unserer Tage: die Sterne sind irgendwann ausgebrannt, sie hören auf zu strahlen und fallen in sich zusammen. Einziger Unterschied: Die Wissenschaftler machen glaubhaft, dass unsere Generation das wohl nicht mehr erleben wird.

Abgesehen davon, lesen wir diese Texte zudem nicht besonders gerne, denn das, was sie ansprechen, ist in der Verkündigung kaum noch vorgesehen und daher in der Pastoral längst nicht mehr so präsent wie noch vor 50 oder 100 Jahren. Die Rede vom Ende der Welt, vom Jüngsten Gericht, vom Jenseits (mit Himmel und Hölle) gilt als überholte „Drohbotschaft“.

Es ist sicher gut, nicht in Endzeitpanik zu verfallen oder diese, wenn sie denn bei den Gläubigen aufkommt, theologisch zu stützen, doch etwas mehr „ans Eingemachte“ könnte man bisweilen schon gehen. Wer predigt denn heute noch regelmäßig – also nicht nur im November – über die Letzten Dinge, über die Endzeit, über das, was uns nach dem Tod erwartet? Ich habe den Eindruck, kaum jemand widmet sich in der Pastoral noch ernsthaft den großen eschatologischen Themen.

Diesseitiges ist längst ins Zentrum der Verkündigung gerückt, etwa Fragen der Moral- und Soziallehre. Hunger, Armut, Klimawandel, Familienpolitik, Bildungsmisere, Migration – all das sind zwar ebenfalls sehr wichtige Themen, die sich auch theologisch interpretieren lassen, so wie ja das diakonische Wirken am Menschen ein Wesensvollzug der Kirche ist, der auf die damit verbundenen Fragen Antwort zu geben versucht, doch als Dauerthema für die Predigt lässt das Verharren im Diesseits die Verkündigung verflachen.

Denn der Bedarf, über den Tod und die individuelle Jenseitserwartung zu sprechen, ist ungebrochen groß, ebenso wie das Interesse an theologischen Betrachtungen zum kollektiven Ende der Welt bzw. zum erhofften Übergang in das Reich Gottes – gerade auch bei denen, die nicht unbedingt kirchennah sind. Wir Christen dürfen also, gerade wenn es um die Neuevangelisierung geht, die Letzten Fragen, die mit dem Tod in Verbindung stehen, nicht ausblenden. Es sind dies ja gerade die Fragen, die den Unterschied ausmachen, die Differenz zwischen säkularer und religiöser Weltdeutung.

(Josef Bordat)

Warum bloggen?

Nach einer Reihe von Blogbeiträgen ist es durchaus mal an der Zeit, über das Bloggen selbst zu reflektieren. Und siehe da: Der Kollege Fabian von Theopop nimmt mir die Arbeit ab, indem er fünf Thesen zum Einfluss des Bloggens auf die Theologie formuliert.

Wäre jetzt nicht unbedingt mein Ansatz gewesen, ist aber hochinteressant. Und durchaus nachvollziehbar. Wichtiger wäre es meiner Ansicht nach jedoch, wenn das Bloggen (meinetwegen über die Theologie) Einfluss auf die Kirche hätte, auf ihr Selbstverständnis und ihre Verkündigung. Am wichtigsten aber ist mir aber immer noch der Beitrag des Bloggens zur Neuevangelisierung.

Ein christlicher Blog (also ein Blog, das nicht nur von einem Christen betrieben wird, sondern der auch christliche Inhalte liefert) dient meiner Meinung nach zuerst und vor allem einer zeitgemäßen Ausführung des Missionsauftrags. Das Blog ist eine Form von Apostolat, damit Menschen, die mit ihren Sinnfragen im Netz nach Halt suchen, diesen auch finden können. Offen, aber doch zumindest so verbindlich, dass sie Hinweise darauf finden, wie sie ihn, den Halt im Leben, finden können.

(Josef Bordat)

Frieden im Südsudan

Es ist eine Nachricht, die Hoffnung macht: Der Bürgerkrieg im Südsudan könnte an ein Ende gelangt sein, denn die Konfliktparteien haben sich auf eine Machtteilung geeinigt. Nun haben sie drei Monate Zeit, eine Übergangsregierung zu bilden.

Freilich gibt es noch einige Fragezeichen. Nicht nur die Regierungsbildung muss funktionieren, auch die Gruppen, die sich nicht beteiligen, müssen noch davon überzeugt werden, dass sie im Frieden mehr gewinnen können als im Krieg. Doch für den Moment ist die Freude groß, dass es überhaupt in Richtung Frieden geht, im christlichen Teil des Sudans.

Ich freue mich auch für Pater Gregor Schmidt aus Berlin. Der Comboni-Missionar leistet im Südsudan als Pfarrer und Schuldirektor seit Jahren wertvolle Arbeit. Diese Arbeit war in den letzten Jahren immer wieder durch Unruhen im Land gefährdet. Neue Hoffnung gibt nun auch für ihn.

(Josef Bordat)