Endzeit

Aber in jenen Tagen, nach der großen Not, wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann wird man den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen sehen. Und er wird die Engel aussenden und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, dass das Ende vor der Tür steht. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater. (Markus 13, 24-32)

Heute ist der 33. Sonntag im Kirchenjahr, der vorletzte. Wir kommen also ans Ende – liturgisch und pastoral. Gegen Ende des Kirchenjahres begegnen uns in den Lesungen nämlich Texte, die unverblümt von der Endzeit sprechen.

Hier wird ziemlich präzise ausgeführt, was „in jenen Tagen“ passieren wird, in jenen Tagen, in denen der „Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit“ wiederkommt, in jenen Tagen, an denen die „Auserwählten aus allen vier Windrichtungen“ versammelt werden, in jenen Tagen, an denen „Himmel und Erde vergehen“ werden und das Ende der Welt, wie wir sie kennen, eintritt.

Die Menschen damals dachten, „jene Tage“ stünden unmittelbar bevor. Sie bezogen das Wort von der „Generation“, die „nicht vergehen wird, bis das alles eintrifft“ auf sich, auf die biologische Generation, der sie angehörten. Das heißt, sie mussten denken: „In spätestens 20, 30 Jahren ist Schluss!“

Wir können uns nur schwer vorstellen, welche Wirkung die wortgewaltigen Texte gehabt haben mögen. Es sind ja konkrete Mahnungen, die sicherlich kaum jemanden kalt ließen, zumal dann nicht, wenn wirklich erwartet wurde, die Endzeit selbst zu erleben. Bald.

Wir Christen heute lesen die Texte gewöhnlich mit etwas Abstand, zum Teil auch mit naturwissenschaftlichem Interesse. Wir wissen, dass das Ende der Welt, das Ende unseres Universums, wenn es denn ein Ende hat, mit dem Umstand eintreten wird, dass die Sonnen verglühen, sich also „verfinstern“ und infolgedessen die Stern-Trabanten, die Planeten und Monde, eben auch „nicht mehr scheinen“ werden.

Die Umschreibung „die Sterne werden vom Himmel fallen“ passt ganz gut zu den Endzeit-Szenarien der Astrophysiker unserer Tage: die Sterne sind irgendwann ausgebrannt, sie hören auf zu strahlen und fallen in sich zusammen. Einziger Unterschied: Die Wissenschaftler machen glaubhaft, dass unsere Generation das wohl nicht mehr erleben wird.

Abgesehen davon, lesen wir diese Texte zudem nicht besonders gerne, denn das, was sie ansprechen, ist in der Verkündigung kaum noch vorgesehen und daher in der Pastoral längst nicht mehr so präsent wie noch vor 50 oder 100 Jahren. Die Rede vom Ende der Welt, vom Jüngsten Gericht, vom Jenseits (mit Himmel und Hölle) gilt als überholte „Drohbotschaft“.

Es ist sicher gut, nicht in Endzeitpanik zu verfallen oder diese, wenn sie denn bei den Gläubigen aufkommt, theologisch zu stützen, doch etwas mehr „ans Eingemachte“ könnte man bisweilen schon gehen. Wer predigt denn heute noch regelmäßig – also nicht nur im November – über die Letzten Dinge, über die Endzeit, über das, was uns nach dem Tod erwartet? Ich habe den Eindruck, kaum jemand widmet sich in der Pastoral noch ernsthaft den großen eschatologischen Themen.

Diesseitiges ist längst ins Zentrum der Verkündigung gerückt, etwa Fragen der Moral- und Soziallehre. Hunger, Armut, Klimawandel, Familienpolitik, Bildungsmisere, Migration – all das sind zwar ebenfalls sehr wichtige Themen, die sich auch theologisch interpretieren lassen, so wie ja das diakonische Wirken am Menschen ein Wesensvollzug der Kirche ist, der auf die damit verbundenen Fragen Antwort zu geben versucht, doch als Dauerthema für die Predigt lässt das Verharren im Diesseits die Verkündigung verflachen.

Denn der Bedarf, über den Tod und die individuelle Jenseitserwartung zu sprechen, ist ungebrochen groß, ebenso wie das Interesse an theologischen Betrachtungen zum kollektiven Ende der Welt bzw. zum erhofften Übergang in das Reich Gottes – gerade auch bei denen, die nicht unbedingt kirchennah sind. Wir Christen dürfen also, gerade wenn es um die Neuevangelisierung geht, die Letzten Fragen, die mit dem Tod in Verbindung stehen, nicht ausblenden. Es sind dies ja gerade die Fragen, die den Unterschied ausmachen, die Differenz zwischen säkularer und religiöser Weltdeutung.

(Josef Bordat)

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Warum bloggen?

Nach einer Reihe von Blogbeiträgen ist es durchaus mal an der Zeit, über das Bloggen selbst zu reflektieren. Und siehe da: Der Kollege Fabian von Theopop nimmt mir die Arbeit ab, indem er fünf Thesen zum Einfluss des Bloggens auf die Theologie formuliert.

Wäre jetzt nicht unbedingt mein Ansatz gewesen, ist aber hochinteressant. Und durchaus nachvollziehbar. Wichtiger wäre es meiner Ansicht nach jedoch, wenn das Bloggen (meinetwegen über die Theologie) Einfluss auf die Kirche hätte, auf ihr Selbstverständnis und ihre Verkündigung. Am wichtigsten aber ist mir aber immer noch der Beitrag des Bloggens zur Neuevangelisierung.

Ein christlicher Blog (also ein Blog, das nicht nur von einem Christen betrieben wird, sondern der auch christliche Inhalte liefert) dient meiner Meinung nach zuerst und vor allem einer zeitgemäßen Ausführung des Missionsauftrags. Das Blog ist eine Form von Apostolat, damit Menschen, die mit ihren Sinnfragen im Netz nach Halt suchen, diesen auch finden können. Offen, aber doch zumindest so verbindlich, dass sie Hinweise darauf finden, wie sie ihn, den Halt im Leben, finden können.

(Josef Bordat)

Frieden im Südsudan

Es ist eine Nachricht, die Hoffnung macht: Der Bürgerkrieg im Südsudan könnte an ein Ende gelangt sein, denn die Konfliktparteien haben sich auf eine Machtteilung geeinigt. Nun haben sie drei Monate Zeit, eine Übergangsregierung zu bilden.

Freilich gibt es noch einige Fragezeichen. Nicht nur die Regierungsbildung muss funktionieren, auch die Gruppen, die sich nicht beteiligen, müssen noch davon überzeugt werden, dass sie im Frieden mehr gewinnen können als im Krieg. Doch für den Moment ist die Freude groß, dass es überhaupt in Richtung Frieden geht, im christlichen Teil des Sudans.

Ich freue mich auch für Pater Gregor Schmidt aus Berlin. Der Comboni-Missionar leistet im Südsudan als Pfarrer und Schuldirektor seit Jahren wertvolle Arbeit. Diese Arbeit war in den letzten Jahren immer wieder durch Unruhen im Land gefährdet. Neue Hoffnung gibt nun auch für ihn.

(Josef Bordat)

Christsein heute

Christen werden hierzulande immer mehr zu Exoten. Darin liegt aber auch eine Chance: Im Diskurs als Minderheit gehört und (wieder) ernst genommen zu werden. Vorausgesetzt, die Kirche bleibt argumentativ anschlussfähig und nimmt selbstbewusst an den gesellschaftlichen Debatten teil.

Wer in Berlin katholisch ist, gehört nicht nur zu einer Minderheit, er ist ein Exot. Es gibt in der deutschen Hauptstadt mehr Moslems als Katholiken und auch die katholischen Christen sind zumeist nach Berlin immigriert, aus Schlesien, aus dem Rheinland, aus Schwaben, neuerdings vor allem aus Lateinamerika und Afrika. Die säkularistische Definition von Andersartigkeit erfährt vor diesem Hintergrund erst im Christsein eine negative Wendung. Oder, wie ich es mal in einem Kommentar in einem Internetforum fand: „Ich würde bei meinen Kindern alles tolerieren. Es sei denn, sie würden katholisch werden wollen. Das ginge mir dann doch zu weit!“ Der Kommentar war – auf Nachfrage bestätigt – ernst gemeint.

Wer als Christ im akademischen Umfeld unterwegs ist, wird zudem oft unter Hinweis auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritts gefragt: Warum heute noch seine Orientierung in der Religion suchen? Warum heute noch an Gott glauben? Warum heute noch Christ sein? Ich stelle dann gerne Gegenfragen: Was hat denn der wissenschaftlich-technische Fortschritt mit dem Glauben zu tun? Was hat die Wissenschaft an Erkenntnissen gebracht für die Frage nach Gott? Und: Was bedeutet der Fortschritt für das Lebensglück des Einzelnen? Fakt ist: Noch nie und nirgendwo waren so viele Menschen orientierungslos, hoffnungslos, an Depressionen erkrankt wie hier und heute. Die beglückende Wirkung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts scheint jedenfalls an einigen zielsicher vorbei zu gehen.

Dennoch ist dieser Ansatz nicht uninteressant. Allein – man muss die Frage transformieren: Nicht „Warum“, sondern „Wie“ kann und soll man Christ sein? Heute. Dazu vier Vorbemerkungen: 1. Beim religiösen Glauben des Christen geht es nicht um eine bloße Behauptung, eine Meinung, wie es die philosophische Kategorie des „Theismus“ andeutet. Es geht nicht um das Für-wahr-halten der Gotteshypothese, sondern um ein Vertrauen auf Gott, das so tief ist, dass Gott – auf Vermittlung Jesu – zum „Vater“ wird. Aus dem abstrakten „Etwas“ wird im christlichen Glauben ein konkreter „Jemand“, aus dem „Es“ wird ein „Du“, das sich – obgleich ein „Anderes“ – dem Menschen zuwendet. 2. Der religiöse Glaube des Christen, so, wie er in der Kirche gelebt wird, ist zwar auch ein systematisch erschlossener, vielmehr jedoch ein historisch gewachsener, aus der biblischen Offenbarung, die die Geschichte Gottes mit den Menschen erzählt, und aus der Deutungstradition, die diese Geschichte fortschreibt. Der christliche Glaube bleibt sich dieser Historizität der Gott-Mensch-Beziehung bewusst. 3. Der religiöse Glaube des Christen ist weniger eine Erkenntnis als vielmehr eine Entscheidung. Zwar ist der christliche Glaube vernünftig, aber eben nicht wissenschaftlich ergründbar. Seine Grundlage, die Bibel, ist wahr, aber nicht logisch. Sein Kern, die Auferstehung Christi, ist nicht bewiesen, wohl aber bezeugt. Dass Wahrheit und Vernunft auch außerhalb von Logik und Wissenschaft gesucht und gefunden werden können, mag den menschlichen Verstand übersteigen. Aber nicht die Macht Gottes. 4. Der religiöse Glaube des Christen bewährt sich nicht im Labor, sondern im Leben. Christlicher Glaube ist die existentielle Erfahrung, dass Gott die Liebe ist und will, dass wir Ihn, uns und Andere so lieben, wie Er uns durch Christus geliebt hat. Das hat Folgen für das Leben. Im christlichen Glauben erhält der Mensch die Kraft, die ihn befähigt, die Last der Folgen zu tragen und ein Leben zu führen, wie Christus es uns vorgestellt hat: ein Leben in Fülle.

Eigentlich eine großartige Perspektive! Doch wer so denkt, hat es schwer. Mir geht eine Geschichte aus der Nachbardiözese Dresden-Meißen nicht aus dem Sinn. Eine Firmbewerberin schrieb an ihren damaligen Bischof Dr. Heiner Koch (mittlerweile Erzbischof von Berlin), dass sie sich auf das Sakrament der Firmung freue, diese Freude aber in ihrer Umgebung nicht vermitteln könne, ganz im Gegenteil: „Als mich unser Klassenlehrer fragte, auf was wir uns in diesem Sommer freuen, und ich sagte, dass ich mich auf meine Firmung freue, da rastete er völlig aus. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass wir katholische Christen sind und dass die Firmung die Bekräftigung unseres Glaubens ist, aber er hat nur noch geschrien und mich vor der ganzen Klasse heruntergemacht. Ein Junge aus der anderen Klasse, der auch zur Firmung gehen soll, traut sich gar nicht mehr, in der Schule davon zu sprechen“. So zitierte Bischof Koch die Schülerin in seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit 2015.

Ein Pädagoge „rastete völlig aus“, „hat nur noch geschrien“ und eine Schutzbefohlene „vor der ganzen Klasse heruntergemacht“, weil sie katholische Christin ist. Nein: Weil sie es gewagt hatte, diese Tatsache zuzugeben. In der Schule, einem weltanschaulich neutralen Lernort, wo das Mobbing den Lehrkräften vorbehalten und scheinbar völlig in Ordnung ist. Solange es nur gegen Menschen mit religiösem Bekenntnis geht. Aus dem Geschichtsunterricht habe ich dieses Foto in Erinnerung: Zwei dunkelhaarige Kinder stehen mit gesenkten Köpfen vor einer Tafel, auf dieser die Worte: „Der Jude ist unser größter Feind!“ Ein Symbolfoto für die gezielte Demütigung jüdischer Schülerinnen und Schüler durch ihre Lehrer in den 1930er Jahren. Sie wurden damals „vor der ganzen Klasse heruntergemacht“. Vermutlich, nachdem der zuständige Pädagoge „völlig ausgerastet“ war und „nur noch geschrien“ hatte. Sicher: ein Einzelfall. Sicher: in der Diaspora. Aber um zu verhindern, dass der ausrastende, schreiende Lehrer, der Schülerinnen und Schüler „vor der ganzen Klasse heruntermacht“, weil und soweit sie katholisch sind, zum Normalfall in Deutschland wird, braucht es neben der Geschlossenheit der Christen auch ein deutliches Wort der Hirten an die Wölfe, die darauf eingerichtet sind, ihre Schafe zu reißen.

Trotz dieser unverkennbaren Widerstände in Schule und Universität – also dort, wo die Zukunft Deutschlands gebildet wird – sagen politisch Verantwortliche immer wieder, wie wichtig der gesellschaftliche Beitrag der Christen sei. Auch heute noch. Besser: Gerade heute. In Zeiten sozialer Erosion ist es die Kirche, die mit ihren karitativen Werken und Initiativen den Kitt liefert, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Doch dieser funktionalistische Begriff des Christseins lässt sich nicht trennen vom Bekenntnis des Christen zu seinem Glauben, auch, wenn dies unbequem ist, etwa dann, wenn sich Katholiken nicht nur für Menschen einsetzen, die in ihrer Heimat, sondern auch für die, die im Mutterleib bedroht sind. Flüchtlingshilfe: Ja! – Eintreten für die Ungeborenen: Nein! – das ergibt nicht nur eine inkohärente Lebensschutzethik, sondern eine Forderung an die Kirche, die diese nicht erfüllen kann. So, wie sie auch umgekehrt kein Staat erfüllen kann, der über das positive Recht hinaus glaubwürdig sein will.

Es ist Aufgabe der Katholiken wie der Christen überhaupt, sich deutlich vernehmbar in die Diskurse einzubringen. Das ist – zumal in Berlin – nur in der Ökumene zu leisten. Die Erfahrung des Scheiterns der Initiative „Pro Reli“, die vor rund zehn Jahren vergeblich versucht hat, den konfessionellen Religionsunterricht im Curriculum der Schulen zu erhalten, zeigt jedoch, dass mit säkularisierenden Protestanten nur noch Staat zu machen ist, nicht mehr. Daher müssen neue Allianzen ausgelotet werden. Wertkonservative Evangelikale bieten sich als Partner an. Man muss gemeinsam schauen, was an der Basis zu tun ist, um Menschen wieder zum Glauben an Christus zu führen. Das ist das Wichtigste – gestern, morgen, heute. Neuevangelisierung ist Aufgabe aller christlichen Konfessionen. Dazu gibt es jedoch bedauerlicherweise relativ wenig Impulse aus den Evangelischen Landeskirchen.

Darüber hinaus ist es unerlässlich, konfessionsübergreifend gemeinsame christliche Positionen zu den bioethischen Fragen unserer Zeit zu entwickeln und wirksam in den politischen Diskurs einzubringen. In diesem sind nämlich die konfessionellen Differenzen gar nicht so bedeutend wie die Differenz zwischen einem materialistischen Menschenbild und dem christlichen Menschenbild der Bibel. Das ist die bioethische „Front“, wenn man so will, nicht jedoch der Unterschied zwischen evangelisch, katholisch, orthodox.

Christ sein heute bedeutet, sich einzumischen. Christen müssen sich einmischen in Debatten über die weltliche Ordnung. Ich kann ja nicht ständig beten „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“ – und dann, was die Erde betrifft, nichts dafür tun. Gerade dann, wenn es um Fragen von Leben und Tod geht, müssen Christen und eben auch christliche Publizisten Präsenz zeigen. Das gilt für die Bioethik ebenso wie für den Lebensschutz, der sich der ungeborenen und geborenen Menschen in Not annimmt. Gerade der Katholizismus hat mit seiner Soziallehre eine lange Tradition der Einmischung. Daran gilt es heute anzuknüpfen, fast 170 Jahre nach den Mainzer Adventspredigten des späteren Bischofs und Reichstagsabgeordneten Wilhelm Emmanuel von Ketteler im November und Dezember 1848.

Für Christen katholischer Prägung gilt es heute, ihre Identität zu wahren, auch, wenn das Unverständnis einträgt und Sozialprestige kostet. Auf der Basis einer ultramontanen Grundorientierung und Weltoffenheit, die ihn zurückschrecken lässt vor nationalistischer Abschottung und völkischer Rhetorik, sollte ein Christ katholischer Prägung in den gesellschaftlichen Debatten, die über die Fragen der Dogmatik hinausgehen, eine biophile Grundhaltung entwickeln, die sich einsetzt für Frieden, die Bewahrung der Schöpfung, angemessene Arbeitsbedingungen, gerechte Verfahren in Justiz und Verwaltung sowie eine lebensförderliche Forschung, eine Grundhaltung, die sich erhebt gegen Abtreibung, Sterbehilfe, Folter, Todesstrafe, Krieg und Umweltzerstörung. Er sollte sich also einsetzen für moralische Werte, die nur die Kirche in der ihr eigenen, in zwei Jahrtausenden erprobten und bewährten Radikalität vertreten kann. Die Kirche wiederum muss begründen, wie sie darauf kommt, will sie anschlussfähig bleiben an den gesellschaftlichen Diskurs. Das Argument ersetzt heute den Gehorsam.

(Josef Bordat)

Der Schublade entkommen

Folgende Passage einer Rezension von Benedikt Poetsch zum „Sündenregister“ hat mir besonders gefallen: „Ist der Autor denn jetzt konservativ oder liberal? Zunächst: Das Buch ist kein wissenschaftliches; es ist zwar gut informiert und recherchiert geschrieben, aber es verzettelt sich nicht in der Diskussion fachspezifischer Detailfragen, es beansprucht keine wissenschaftliche Präzision; es beinhaltet Zuspitzungen und bemüht sich nicht, den Stil persönlich gehaltener Essays zu verlassen. Es trägt eine persönliche Färbung an sich, die aber seinen Wert nicht mindert. Bordat tritt in keine philosophischen oder theologischen Schulstreitigkeiten ein. Auch innerkirchliche Zwistigkeiten spielen für ihn keine Rolle. Er kann ebenso die Institution des ZDK loben (vgl. 47f) wie unbefangen für die katholische Sexualmoral (vgl. 215-221) eintreten. Er zitiert Johannes Paul II. ebenso wie Benedikt XVI. oder Franziskus, H. U. von Balthasar ebenso wie K. Rahner oder H. Küng. Eine einfache Etikettierung ist für ihn also nicht möglich. Insgesamt lässt sich sagen: Das Buch ist lehramtstreu, aber darüber hinaus nicht klar irgendeinem kirchlichen „Lager“ zuzuordnen. Das ist angesichts der Vielzahl polarisierender Kräfte in der Kirche erfrischend, weil darin, mit Benedikt XVI. gesagt, der Glaube als ‚positive Option‘ aufscheint, als ein Licht eben, wie es das Titelbild des Buches anschaulich darstellt.“

Gerade noch mal dem zermürbenden Richtungsstreit ausgewichen und es sich zwischen den Stühlen bequem gemacht! Von dort scheint man nicht die schlechteste Perspektive auf Geschichte und Gegenwart der Kirche zu haben. Eduard Werner meint in seiner heute erschienenen Besprechung für das Forum Deutscher Katholiken sogar: „Vor allem der Religionsunterricht könnte von diesem Buch profitieren“. Das freut mich natürlich sehr. Ich stehe übrigens in Berlin und Potsdam auch gern für einen Besuch im Religionsunterricht zur Verfügung. Sprechen Sie mich einfach an (per E-Mail, Adresse unter „Impressum“).

(Josef Bordat)

Kreuz und Gewissen. Der Bußgang der Berliner Katholiken

Beim Bußgang steht traditionell das Kreuz im Mittelpunkt. Ihm folgen die Teilnehmer – im übertragenen und im wörtlichen Sinne. Der Bußgang der Berliner Katholiken stand in diesem Jahr unter dem Leitmotiv „Dem Gewissen folgen“. Dass dies für Christen kein Widerspruch ist, hängt damit zusammen, dass der Gekreuzigte mit seiner Botschaft das Gewissen formt.

Dem Gewissen folgen. Foto: JoBo, 3-2018.

Das hat der Selige Bernhard Lichtenberg mit seinem mutigen Einstehen für alle „Nichtarier“ eindrucksvoll gezeigt. Daher ist das Leitmotiv des Bußgangs mit Blick auf den Berliner Dompropst gut gewählt. Das Gewissen steht im Zentrum des vor 75 Jahren in der Haft verstorbenen Kirchenmanns.

Lichtenberg selbst beschreibt seine Haltung beim Verhör in der Gestapo-Zentrale mit Worten, die einer Definition von „katholischem Gewissensgebrauch“ recht nahe kommen: „Ich kann als katholischer Priester nicht von vornherein zu jeder Verfügung und Maßnahme, die von der Regierung getroffen wird, Ja und Amen sagen. Wenn sich die Tendenz derartiger Regierungsverfügungen und Maßnahmen gegen die geoffenbarte Lehre des Christentums und damit gegen mein priesterliches Gewissen richtet, werde ich meinem Gewissen folgen und alle Konsequenzen mit in Kauf nehmen, die sich daraus für mich persönlich ergeben“.

Prälat Stefan Dybowski. Foto: JoBo, 3-2018.

In seiner kurzen Predigt an der ersten Statio in St. Clemens geht Prälat Stefan Dybowski auf den Schlüsselbegriff Gewissen ein. Die Quellen der Gewissensbildung, der Mut zum Gewissensgebrauch, die Einsamkeit dessen, der dem Gewissen folgt.

Zweimal macht der Bußgang noch Halt, an der Topographie des Terrors, wo einst die Gestapo-Zentrale stand, und am Holocaust-Mahnmal, das an die Ermordung von sechs Millionen Juden durch das NS-Regime erinnert, ehe die rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der St. Hedwigs-Kathedrale eintrafen, um Eucharistie zu feiern und am Grab Bernhard Lichtenbergs zu beten.

Statio am Holocaust-Mahnmal. Foto: JoBo, 3-2018.

Zelebrant Tobias Przytarski hob in seiner Predigt noch einmal hervor, dass die Kraft, dem Gewissen zu folgen, beim Seligen Bernhard Lichtenberg aus dem Glauben, aus der Liebe kam. Mit der Hilfe Gottes habe Lichtenberg die Menschen unterschieds- und bedingungslos lieben können, mit einer Liebe, die größer war als die Angst und die Sorge um die Freiheit, die Gesundheit, das eigene Leben.

Das Kreuz in der St. Hedwigs-Kathedrale. Foto: JoBo, 3-2018.

Für Bernhard Lichtenberg war die Sache klar: Das NS-Regime gehört bekämpft, auch wenn dieser Kampf ein einsamer ist, der Freiheit, Gesundheit und schließlich das Leben kostet. Lichtenberg gab bei der Gestapo zu Protokoll: „Ich bekämpfe falsche Grundsätze, aus welchen falsche Taten entstehen müssen, man denke an Beseitigung des Religionsunterrichts aus den Schulen, Kampf gegen das Kreuz, Beseitigung der Sakramente, Verweltlichung der Ehe, absichtliche Tötung angeblich lebensunwerten Lebens (Euthanasie), Judenverfolgung usw.“.

Einiges davon ist historisch, die Judenverfolgung etwa, anderes aus der Liste ist bis heute (oder heute wieder) eine Herausforderung für das katholisch geformte Gewissen. Bernhard Lichtenberg hat uns den Weg gewiesen, indem er ihn ging, in der Nachfolge Christi. Immer dem Gewissen nach. Und dem Kreuz.

(Josef Bordat)

Mission aus katholischer Sicht

Manuskript eines Vortrags in der Katholischen Kirchengemeinde St. Matthias (Berlin-Schöneberg) über das Thema Mission aus katholischer Sicht. Die Veranstaltung findet statt im Rahmen des „Netzwerk der Religionen“.

Vielen Dank für die Einladung!

Ich werde etwa zwanzig Minuten sprechen. Zunächst allgemein über den Begriff der Mission, dann über das Konzept der Mission in Christentum und Kirche. Ferner möchte ich einige Bemerkungen zur Geschichte der Mission machen, ehe ich dann – zum Schluss – auf Aspekte der heutigen Lage missionarischen Wirkens zu sprechen komme.

1. Allgemeine Vorbemerkungen

Mission ist der Versuch, Andere vom Wert der eigenen Überzeugungen zu überzeugen. Da Menschen, die Überzeugungen vertreten, davon ausgehen, dass diese wahr sind, dient Mission in ihren Augen stets der Verbreitung der Wahrheit. Mission ist nicht auf Religionen beschränkt – missionarischer Eifer motiviert ebenfalls alle Versuche, Menschen für bestimmte Weltanschauungen und politische Ansichten zu gewinnen, und zeigt sich zudem in der Reklame für Produkte und Dienstleistungen (oft ironisch überzeichnet, aber dadurch nicht weniger absichtsvoll).

Den Anspruch, die eigene Überzeugung Dritten zu vermitteln, hat wohl jeder, der überhaupt von etwas überzeugt ist. Von einer Sache überzeugt sein und davon reden, bedeutet nicht automatisch, dem Gegenüber mit Intoleranz zu begegnen, auch nicht, wenn es bei dieser Sache um den eigenen weltanschaulichen Standpunkt geht und man von dessen absoluter, universeller Geltung überzeugt ist. Im Gegenteil: Wer eine Position vertritt, von der er glaubt, sie sei wahr, unabhängig von Zeit und Raum, von Kultur und Situation, kann es besser verstehen, wenn auch der andere eine solche Haltung einnimmt und nachdrücklich eine Position vertritt, die er für wertvoll und wichtig hält, die aufzugeben ihm daher sehr schwer fallen muss.

Dieses Verständnis ist die Basis der Achtung davor, trotzdem in einen Dialog eingetreten zu sein, dem Anderen zuzuhören und die eigene Position überdenken zu wollen. Es kommt also darauf an, wie die Überzeugung, mit der man den Anspruch erhebt, dem Anderen etwas Wahres mitzuteilen, das für diesen nützlich und hilfreich ist, an diesen Anderen herangetragen wird. Die Grenze der Missionstätigkeit in Toleranz ist dort zu sehen, wo der Andere das Angebot zur Prüfung bzw. Übernahme der angebotenen Überzeugung ablehnt. Wer weiter insistiert, womöglich mit Druck oder gar gewaltsam, verlässt den Weg einer Mission im Geiste Christi. Und zu dieser Art von Mission im Geiste Jesu Christi komme ich nun.

2. Mission im Christentum

Die Katholische Kirche ist apostolisch, also missionarisch, das heißt, sie ist darauf ausgerichtet, die Botschaft ihres Gründers, Jesus Christus, allen Menschen zu verkünden. Den Auftrag zur Mission erhält sie dabei von Christus selbst: „Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 18-20).

Diese Mission fordert einen Perspektivenwechsel: vom Ethnozentrismus zum Universalismus. Mit dem Auftrag, „zu allen Völkern“ zu gehen, wird erstmals in der Geschichte die Sphäre der Wertschätzung gegenüber Menschen erweitert. Nicht nur die Angehörigen des eigenen Volkes sind es wert zu erfahren, dass sie von Gott geliebt sind, nicht nur sie haben das Privileg, erlöst zu werden, sondern alle Menschen – „macht alle Menschen zu meinen Jüngern“. Das Christentum wird aufgrund der Mission zur Weltreligion und die Kirche zum ersten „global player“ der Geschichte.

Ziel der Mission ist seit jeher eine globale Verbreitung der Frohen Botschaft Jesu Christi. Tatsächlich breitete sich das Christentum noch im 1. Jahrhundert durch Gemeindegründungen in der ganzen damals bekannten Welt aus, weil die Jünger tatsächlich in die entlegensten Gebiete gingen. Die Briefe der Apostel Petrus und Paulus zeigen das: Sie richten sich an die neuen Gemeinden in Rom, Korinth, Kleinasien und anderswo. Erstaunt notiert Tertullian über die Christen am Ende des 2. Jahrhunderts: „Sie sind erst gestern geboren und schon in der ganzen Welt verbreitet“ (Apologeticum 37, 7).

Also: Klarer Auftrag Christi, zudem aber auch Bedürfnis der ersten Christen: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4, 20). Mission ist also geradezu ein innerer Zwang des Missionierenden. Dass Mission nicht mit Zwang für den zu Missionierenden einhergehen darf, das macht Christus in seinen „Anweisungen für die Mission“ (vgl. Mt 10, 7-15) deutlich, die den Missionsauftrag an Bedingungen knüpft (Friedfertigkeit der Glaubensweitergabe, Freiwilligkeit der Glaubensannahme). Die Schriftstelle lautet: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel! Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, ist seines Lohnes wert. Wenn ihr in eine Stadt oder in ein Dorf kommt, erkundigt euch, wer es wert ist, euch aufzunehmen; bei ihm bleibt, bis ihr den Ort wieder verlasst. Wenn ihr in ein Haus kommt, dann entbietet ihm den Gruß. Wenn das Haus es wert ist, soll euer Friede bei ihm einkehren. Wenn das Haus es aber nicht wert ist, dann soll euer Friede zu euch zurückkehren. Und wenn man euch nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, geht weg aus jenem Haus oder aus jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen! Amen, ich sage euch: Dem Gebiet von Sodom und Gomorra wird es am Tag des Gerichts erträglicher ergehen als dieser Stadt.“

Jesus fordert eine Mission in Liebe und durch Überzeugung, die ihre Abbruchbedingung im freien Willen des zu Missionierenden findet. Jesus trug seinen Jüngern auf, ohne materielle Ansprüche in völliger Bedürfnislosigkeit, friedlich und in Toleranz gegenüber Andersgläubigen zu missionieren und dabei heilende, pflegerische und seelsorgliche Arbeit zu leisten. Und selbst die Drohung zum Schluss ist keine Kampfansage, sondern verlagert jede Ambition, die über das, was die Jünger tun sollen, in die Transzendenz, macht sie also zu einer Sache Gottes, nicht des Menschen. Das klingt für uns heute gewaltsam, nimmt aber den Druck aus der Sache. Die Jünger sollen keine Gewalt anwenden und auch nicht bei Widerstand die Stadt verfluchen oder sonst was. Einmal werden Jesus und die Jünger nicht aufgenommen in einem Dorf und dann fragen Jakobus und Johannes: „Herr, sollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie verzehrt?“ (Lk 9, 54). Und dann heißt es ganz nüchtern: „Da wandte er [also: Jesus] sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen in ein anderes Dorf“ (Lk 9, 55-56). Also: Keine Gewalt, nicht mal als Phantasie.

Die Annahme des christlichen Glaubens kann also nur freiwillig erfolgen, erzwungen werden kann allenfalls die formale Mitgliedschaft in der Glaubensgemeinschaft, also: in der Kirche, durch eine „Zwangstaufe“. Da diese wertlos ist, soweit und solange die innere Haltung zum Glauben fehlt, hat die Kirche ihre Vornahme verboten. Die Argumente dafür waren biblischer, theologischer und naturrechtlicher Art. Es galt der Grundsatz Ad fidem nullus est cogendus, der auch in das um 1130 zusammengestellte Decretum Gratiani Eingang fand (p. II, c. 23, q. 5, c. 33) – „Zum Glauben ist niemand zu zwingen“.

3. Historische Irrwege

Dennoch kamen Zwangstaufen vor. Fälschlicherweise werden sie heute der Kirche zur Last gelegt, obwohl sie keine religiöse, sondern eine politische Funktion hatten und nur dort aufgetreten sind, wo die Kirche als weltliche Macht wirkte. In den ersten drei Jahrhunderten ihrer Geschichte gab es keine Zwangstaufen und keine Schwertmission. Die Menschen entschieden sich freiwillig und oft unter Einsatz ihres Lebens für die Nachfolge Christi. Im Kern ihrer Begründung ist die Kirche dementsprechend nicht durch Gewalt vorbelastet.

Nach der Konstantinischen Wende, als das Christentum Staatsreligion des sich auflösenden Römischen Reiches wurde, wandte es in dieser Funktion als Staatsreligion Zwangsmittel an, um Heiden zu „christianisieren“. Also: In dem Maße, in dem die Kirche eine staatstragende Rolle übernahm (und Kirchenvertreter als weltliche Herrscher fungierten), wurde sie mit der machtpolitischen Forderung nach Zwangstaufen konfrontiert. Dabei wurden die von weltlichen Herrschern angeordneten Formen intoleranter Mission seitens prominenter Kirchenvertreter kritisch gesehen. Zwei bedeutende Beispiele dafür sind die Zwangstaufen, die Karl der Große Ende des 8. / Anfang des 9. Jahrhunderts unter den Sachsen vollziehen ließ, und die Mission in Lateinamerika im Auftrag der spanischen Krone während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

In beiden Fällen waren es weltliche Herrscher, die Mission als Mittel der Machtpolitik einsetzten. Die Kritik an diesem Ansinnen kam aus Kirchenkreisen, von Hofpredigern und Ordensleuten, die mit biblischen, theologischen und natur-, später auch (proto)völkerrechtlichen Argumenten opponierten. Zehn Jahre nachdem Karl der Große gegen die Sachsen in den Krieg gezogen war, erließ er 782 in der Capitulatio de partibus Saxoniae Vorschriften zur Todesstrafe für alle, die sich nicht taufen lassen wollten. Der theologischen Rechtmäßigkeit der Alternative „Taufe oder Tod“ hat sein Hoftheologe Alkuin entschieden widersprochen. Als die Reyes Católicos, die Katholischen Könige, ab 1510 Amerika eroberten und die autochthone Bevölkerung von den Conquistadores im Rahmen einer gewaltsamen Kolonisation nebenbei „christianisiert“ werden sollte, stieß das bei den Missionaren auf massiven Widerspruch, für den vor allem der Dominikaner Bartolomé de Las Casas steht. Der politisch und ökonomisch motivierten Unterdrückung setzt Las Casas die Befreiung „seiner“ Idios durch eine evangeliumszentrierte Mission mit friedlichen Mitteln und ein christliches Leben als positives Beispiel entgegen. Jesus wolle, so Las Casas, dass sein Evangelium „zärtlich, geschmeidig und mit aller Sanftmut“ verkündet werde. Und er zitiert dann auch immer wieder die Missionsbedingungen, an die sich nicht alle halten wollten.

Das ist Geschichte, aus der wir lernen müssen und auch gelernt haben. So komme ich nun zur Mission heute.

4. Mission heute

Was auch heute noch gilt, ist der Missionsauftrag Christi: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“. Das ist ziemlich eindeutig, davor können wir uns als Christen nicht drücken. Noch einmal: Die Katholische Kirche ist apostolisch, also missionarisch, das heißt, sie ist „als Gesandte unterwegs“ (Ad gentes, Nr. 2 – Ad gentes ist das Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche, das vom Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert wurde, also auch da war die Mission ein großes Thema). Die Katholische Kirche ist ihrem Wesen nach darauf ausgerichtet, die Botschaft Jesu Christi allen Menschen zu verkünden. Jede Heilige Messe endet mit „Ite, missa est!“ – „Geht, jetzt ist Mission angesagt!“ Aber, eben: „Gehet hin in Frieden!“ oder auch „Gehet hin und bringt Frieden!“. Mission in friedlicher Absicht, das ist unser Auftrag, an den wir jeden Sonntag erinnert werden. Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn „Mission“ mittlerweile einen negativen Beigeschmack hat.

Noch einmal: Mission funktioniert nicht mit dem Holzhammer. Also, dass man sagte: „Du musst das jetzt glauben!“ – möglicherweise gefolgt von einem „sonst“ plus Drohung. Mission heißt, dass man sagt: „Ich nehme Dich so, wie Du bist. Aber, wenn Du in Dir die Sehnsucht nach Veränderung spürst, dann habe ich Dir etwas anzubieten, von dem ich überzeugt bin, dass es gut für Dich ist. Melde Dich dann einfach bei mir. Hier – meine Nummer“. So in der Art. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Das heißt: Ich muss dann auch wirklich bereit sein, den Anderen mit seinen Fragen ernst zu nehmen. Ihn anzunehmen, mitzunehmen, zu Jesus Christus zu führen. Das setzt voraus, dass ich mir Zeit nehme. Und: Dass ich selbst weiß, in welche Richtung der Weg einzuschlagen ist. Nur, wer fest im Glauben steht, kann Andere überzeugen und zum Glauben bringen. Oder zum Zweifel am Unglauben. Das ist ja oft schon eine ganze Menge.

Mission ist in der Kirche heute einerseits Sache großer Organisationen, die in der Welt wirken, seien es Ordensgemeinschaften oder Hilfswerke wie Adveniat, Misereor, oder auch Missio (da steckt der Missionsanspruch schon im Namen), Mission ist aber auch das Wirken eines jeden einzelnen Katholiken in seinem persönlichen Umfeld. Auch katholische Publizisten können missionarisch sein, wenn sie überzeugend vom Glauben und von der Kirche berichten. Ich habe das in meinem aktuellen Buch versucht zu tun. Soweit zur Werbung.

Aber: Mission stößt heute auf Unverständnis, auf Ablehnung, bei uns in Berlin, in vielen Teilen der Welt auch auf rechtliche und faktische Hindernisse, bis hin zu Verfolgung. Auch das sagt Jesus, bevor er die Jünger losschickt – Mission kommt ja von „mittere“ und das heißt nichts anderes als „(los)schicken“ –, also zur Mission bereit macht: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch an die Gerichte ausliefern und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und den Heiden zum Zeugnis“ (Mt 10, 16-18). Das können einige Menschen, die als Missionare zu den Brennpunkte der Welt entsandt wurden, bestätigen. Jedes Jahr werden katholische Missionare getötet, 2017 waren es weltweit 23. Einige von ihnen wurden Opfer „normaler“ Kriminalität (das gibt es natürlich auch), andere starben jedoch durch religiös motivierte Gewalt, d.h. sie wurden getötet, weil sie katholische Missionare sind. Das wiederum kann die Kirche nicht aufhalten, es hat sie bisher auch nicht aufgehalten. Selbst die Verfolgung der Urgemeinde und die Zerstreuung der ersten Christen in die ganze nahöstliche Hemisphäre (vgl. Apg 8) dient am Ende der Verbreitung der christlichen Botschaft, denn mit den Menschen, die in neue Gebiete aufbrechen, gelangt auch die Botschaft des Evangeliums in diese Gebiete.

Diese Erfahrung macht die Kirche Jesu Christi auch in ihrer jüngeren Geschichte. Als in Frankreich das „Gesetz zur Aufhebung der Ordenskongregationen“ (1901) den Auftakt zu einer breit angelegten Zerstörungs- und Vertreibungswelle bildete, führte das beispielsweise zur weltweiten Ausbreitung des Salesianerordens. Die Schwestern und Brüder werden gleichsam gezwungen, ihren Orden und ihre salesianische Spiritualität in andere Länder und Kontinente zu tragen.

In diesem Sinne ist es gut, wenn vertriebene Christen aus dem Irak und Syrien, oder auch Kopten aus Ägypten, Katholiken aus Nigeria oder Kamerun, aus dem Südsudan oder dem Kongo zu uns nach Europa, nach Deutschland, nach Berlin kommen und hier eine Neuevangelisierung voranbringen, die wir aus eigener Kraft nicht schaffen. Gerade die Kirche in Berlin profitiert von der Migration. Die Zahl der Katholiken in unserer Stadt ist in den letzten zehn Jahren von 318.492 auf 331.431 gestiegen, ein Plus von vier Prozent. In welcher Diözese gibt es das sonst, in Mitteleuropa?

Das darf freilich nicht dazu führen, dass man jetzt die Katholiken auffordert, ihre Heimat zu verlassen und nach Europa zu kommen, um hier das christliche Leben zu bereichern – das wäre sehr egoistisch. Doch wenn Verfolgung und Vertreibung dazu führen, dass sie zu uns kommen, so sollten wir sie hier bei uns zumindest mit offenen Armen empfangen, als Menschen in Not und als Christen mit einer Botschaft – einer Botschaft für uns.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

(Josef Bordat)