Sibirische Hitze

Klimawandel: In Sibirien wird es immer heißer. Die Folgen sind weltweit zu spüren.

In der russischen Stadt Werkojansk in Sibirien wurde ein neuer, regionaler Temperaturrekord gemessen. Das Thermometer stieg auf 38 Grad. Das meldet das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“.

Klimawissenschaftler halten das für ein Resultat des anthropogenen Klimawandels. Jonathan Overpeck von der University of Michigan meint etwa, die Region „erwärmt sich viel schneller als wir dachten, eine Reaktion auf die steigenden Werte von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in der Atmosphäre“.

Na, und? Tut den Leuten dort sicher auch mal ganz gut! Schließlich ist Sibirien ja eher durch Kälterekorde bekannt. Gönnen wir ihnen doch die Tage (und Wochen) am Badesee!

Ja, sicher. Das Problem ist nur: Die Folgen der Hitzewelle in Sibirien bekommt die ganze Welt zu spüren. Denn die Hitze in dieser abgelegenen Region verstärkt den Klimawandel zusätzlich, der dann wieder die nächste Hitzewelle folgen lässt und so weiter. Bis zum gefürchteten Kipppunkt-Szenario, in dem es dann kein Zurück mehr gibt.

Doch warum verstärkt die Hitze den Klimawandel? Wenn wir davon ausgehen – und die allermeisten Klimawissenschaftler tun das -, dass insbesondere Treibhausgase ursächlich für den momentanen Klimawandel sind, dann führt eine Zunahme der Treibhausgaskonzentration zu einer Zunahme der Dynamiken dieses aktuellen Klimawandels, also etwa zur Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur oder auch regionaler Spitzenwerte.

Die Klimawirkung der Gase in der Atmosphäre hängt mit ihrer Fähigkeit zusammen, Wärmestrahlung aufzunehmen und an die Erde abzugeben. Stoffe, die zusammen 99,96 Prozent unserer Luft bilden, haben diese Fähigkeit nicht, weil ihnen die chemische Eigenschaft dazu fehlt: Stickstoff (78,08 Prozent Volumenanteil), Sauerstoff (20,95 Prozent Volumenanteil), Argon (0,93 Prozent Volumenanteil). Sie bestehen nämlich nur aus zwei Atomen (N2, O2) bzw. kommen atomar vor (Ar). In Frage kommen überhaupt nur drei- oder mehratomige Moleküle. So wie Kohlenstoffdioxid (CO2) und Methan (CH4). Kleinste Mengen davon machen den Unterschied, kleinste Mengenänderungen entsprechend auch.

Die Hitze in Sibirien führt zu mehr Waldbränden, die Waldbrände zu einem verstärkten Abtauen der Permafrostböden, das Abtauen der Permafrostböden setzt Methan frei. Methan ist ein hochpotentes Treibhausgas. Das fünfatomige Methan-Molekül (CH4 – einmal Kohlenstoff, viermal Wasserstoff) hat ein um den Faktor 28 bis 33 höheres Treibhauspotenzial als CO2, bezogen auf die gleiche Gewichtsmenge. Das heißt, eine bestimmte Menge CH4 absorbiert 28 bis 33 mal mehr Wärme als die gleiche Menge CO2.

Und dieses Treibhausgas verteilt sich dann in der Atmosphäre, wie Katey Walter Anthony von der University of Alaska in Fairbanks erläutert: „Methan, das aus der Arktis stammt, bleibt nicht in der Arktis. Es hat globale Auswirkungen“.

Zudem schwächt die Erwärmung den Jetstream, der Einfluss auf das Wetter in Europa und in den USA hat, wie Judah Cohen vom Atmospheric Environmental Research-Institut erklärt. Die Hitze in Sibirien verringere den Temperatur- und Druckunterschied zwischen der Arktis und niedrigeren Breitengraden. Dadurch fällt gewissermaßen die „Luftzufuhr“ durch die starke und schnelle Westwindströmung aus. In der Folge bleiben Wettersysteme wie jene, die extreme Hitze oder Regen bringen, tagelang über bestimmten Regionen. Es kommt lokal und regional zu „stehender Hitze“ oder Dauerregen. Auch bei uns.

(Josef Bordat)