Verkürzend, verzerrend, kontrafaktisch

Und gerade deshalb so typisch.

Im Facebook macht eine Graphik die Runde, die für mich sehr typisch ist für die Art, wie viele Menschen heute mit Phänomenen der Gegenwartskultur umgehen. Daher einige Bemerkungen dazu.

Zu sehen ist auf der einen Seite (ganz in schwarz) eine Bevölkerungsexplosion über drei Generationen bei „Muslims“ und auf der anderen Seite (ganz in weiß) ein dramatischer Bevölkerungsrückgang im gleichen Zeitraum bei „Europäer“. Überschrieben ist die Graphik mit „Islamisierung durch den Geburten-Jihad“, also: die Eroberung „Europas“ durch „Muslims“ geschieht (diesmal) ganz unauffällig biologisch, nämlich qua Fertilitätsdifferenz.

Eine solch verkürzende, verzerrende, kontrafaktische Graphik ist nicht schon deswegen ärgerlich, weil sie verkürzend, verzerrend, kontrafaktisch ist, sondern weil sie das Thema „Islamisierung“, das durchaus ernst zu nehmen ist, derart schwachsinnig rahmt, dass es höchstselbst zur Peinlichkeit zu werden droht, auch, wenn es wichtig wäre, sich sachlich damit auseinanderzusetzen.

Die Probleme dieser Graphik liegen auf der Hand:

1. Es werden Äpfel und Birnen verglichen: religiöse und geographische Zugehörigkeit. So, als gäbe es keine muslimischen Europäer und keine europäischen Muslime, so, als seien das zwei Gruppen ohne Schnittmenge. Das ist aber falsch. Die Graphik arbeitet also mit irreführenden Kategorien.

2. Es wird Homogenität suggeriert, wo es keine gibt. Also: Beim Thema Fertilität unter Muslimen und in Europa. Diese schwankt in Europa zwischen 1,3 in Portugal und 2,0 in Frankreich (Stand: 2015). Ebenfalls gibt es Schwankungen der Fertilität in islamisch geprägten Ländern. Die höchste Fertilität haben derzeit übrigens christlich geprägte Länder Zentralafrikas (mit 4 bis 5).

3. Es wird die aktuelle Situation linear fortgeschrieben und nicht sinnvoll extrapoliert, also unter Berücksichtigung zukünftiger sozialer Bedingungen. Die Auswirkung von Assimilation und der Effekt von Wohlstandszuwachs auf die Fertilität wird ausgeblendet, obwohl dieser Zusammenhang empirisch sattsam bestätigt und für das Thema der Graphik relevant ist.

Die Faustregel „Je besser eine Frau sozioökonomisch dasteht, desto weniger Kinder hat sie“ gilt kultur- und religionsübergreifend (vgl. die Entwicklung der Fertilität in Deutschland von 1860 bis 2010, von tendenziell über 5 auf unter 2 Kinder pro Frau). Auch innerhalb einer verhältnismäßig homogenen Umgebung wirkt sich das aus, wie das Beispiel der Philippinen zeigt: Dort gibt es sehr starke Schwankungen der Fertilität innerhalb einer ziemlich einheitlichen Kultur und Religion (Katholizismus; 94 Prozent der Menschen dort sind Christen, die meisten von ihnen katholischer Prägung), abhängig von sozialen Bedingungen. Dort bekommt jede Frau statistisch gesehen 3,4 Kinder. Frauen aus wohlhabenderen Schichten haben dabei im Durchschnitt 2 Kinder (so wie Frauen in Frankreich, Chile oder Neuseeland), Frauen aus ärmeren Schichten haben nicht selten 5 und mehr Kinder. Also: Je weniger Armut, desto weniger Kinder. Man erkennt: Mit Religion hat Bevölkerungsentwicklung nur am Rande zu tun, mit Wirtschaft hingegen sehr viel.

Und wem die Philippinen zu weit weg sind: Eine Studie zu Österreich ergab, dass die Zahl der Kinder muslimischer Mütter in den letzten zehn Jahren konstant blieb. Bei Zunahme des muslimischen Bevölkerungsanteils bedeutet das also eine abnehmende Fertilität – was auch nicht anders zu erwarten war. Zumindest dann nicht, wenn man sein Wissen über Bevölkerungsentwicklung nicht allein aus bei Facebook veröffentlichten Graphiken bezieht.

Also: Die Graphik ist verkürzend, verzerrend, kontrafaktisch. Die Diskussion über den Islam und seinen Einfluss bleibt hingegen dringend nötig.

(Josef Bordat)

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Religionsgespräche

Gespräche über Religion sind schwierig. Das wusste schon Gottfried Wilhelm Leibniz, der sich vor rund 350 Jahren unermüdlich um eine Reunion der christlichen Konfessionen bemühte. Er mahnte eine „geregelte Form“ des Gesprächs an, „zu deren genaue Befolgung die Streitenden verpflichtet“ seien. Nicht hinnehmbar sei es, wenn man als Diskursteilnehmer „in die Luft hinein deklamiert, sich auf Pünktchen versteift, Ablenkungsmanöver macht durch Abschweifungen oder Änderung der Verhandlungsfolge, nur antwortet, wenn man es günstig findet, die Einwände oder treffenden Erwiderungen seines Gegners totschweigt, sie durch Spöttereien oder Invektiven lächerlich zu machen sucht, unnötige Wiederholungen bringt, die Rolle des Respondenten nicht von der des Opponenten unterscheidet, ebensowenig die des Beweispflichtigen von der des Nicht-Beweispflichtigen“ (so Leibniz in seiner Promemoria für Ernst von Hessen-Rheinfels, November 1687, in: G. W. Leibniz, Sämtliche Schriften und Briefe. Darmstadt / Leipzig / Berlin 1923 ff., Reihe I, Band 5, Seite 11).

Ablenkungsmanöver, Abschweifungen, Spöttereien. Es hat sich nicht allzuviel geändert. Das Problematische an Diskussionen über den Glauben, das Christentum, die Kirche und so ist, dass es immer gleich ums Ganze geht. Gut, das lässt sich noch mit dem Gegenstand erklären: Wo sonst ginge es ums Ganze, wenn nicht bei der Antwort auf die Gretchenfrage? Das meine ich aber nicht. Ich meine, es geht immer zugleich um alles, so dass sich eine differenzierte Betrachtung schon aus Zeitgründen verbietet. Kürzlich hatte ich ein Gespräch über Religion, das ich schon im Verlauf als sehr unbefriedigend empfand, weil es die entlegensten Themengebiete verband, nicht, um nach Verbindendem zu suchen, sondern um eine wahre Hatz durch das (angebliche) Minenfeld (scheinbar) brisanter Aspekte von Glaube, Christentum, Kirche und so zu veranstalten – Verzerrungen, Unterstellungen und die jeweils religionsaversivste Interpretation von Sachverhalten inklusive.

Jetzt kann man natürlich sagen: „Typisch Religiot – der Komplexität nicht gewachsen!“ Gut, kann sein. Aber mich nervt dieses oberflächliche Themenhopping nun mal sehr. Da findet man keinen Ansatz, weil man nicht weiß, wo. Wenn in einem Satz von Kirchensteuer, Missbrauch, den Indianern und der Frage, ob Theologie eine Wissenschaft sei, die Rede ist, fällt es mir in der Tat schwer, einen Zugriff auf die Debatte zu bekommen, weil in ihr offenbar keine Zeit für differenzierte Betrachtung sein soll. Holt man weiter aus, ist man ein Schwätzer und will den Gesprächspartner rhetorisch einlullen. Sagt man Dinge wie „Halt!“ oder „Nein!“, will man die Inquisition einführen. Sagt man darauf – eingedenk der Wortbedeutung –, dass Inquisition genau das Richtige wäre, ist man übergeschnappt.

Debatten gehen oft von falschen Kategorisierungen aus, die man annehmen muss, wenn man teilnehmen will. Ausgehend von der These, Fundamentalismus und Fanatismus gebe es in allen Religionen (eine Existenzaussage, die kaum zu widerlegen ist), wurde in einer Diskussion behauptet, das Christentum sei genauso gewalttätig wie der Islam. In dieser Form. Belegt wurde das dann mit einem pauschalen Hinweis auf die „Christen in den USA“. Ich meinte dazu: Bei den Opferzahlen habe der Islam – bezogen auf die letzten 20 Jahre – die Nase noch leicht vorn. Erst später wurde mir klar, zu welch dummer Bemerkung ich mich da habe hinreißen lassen. Als könne man die „Gewalttätigkeit“ von Religionen bemessen und vergleichen! Es ist doch ein sehr, sehr weiter und steiniger Weg von punktueller Gewaltsprache in der Bibel und im Koran, deren theologischer Interpretation und ihrer Umsetzung in der Lebenspraxis von (unterstellen wir mal) „Gläubigen“. Die angebotenen Kategorien stimmen also mit Blick auf die Gewaltfrage überhaupt nicht.

Vieles, was mit Halbwissen, Unterstellungen und Vorurteilen in der Debatte lanciert wird, lässt mich mit Wolfgang Pauli denken: „Not even wrong!“ Sondern Unsinn – eine dritte epistemische Kategorie zwischen Wahrheit und Irrtum. Unsinn, wie meine Rede von den Gewalttaten „des Islam“. Aufs Glatteis geführt worden und ausgerutscht. Einige Diskutanten zeigen regelmäßig ihren ausgeprägten Unwillen zum Perspektivwechsel als dem ernsthaften Versuch, die andere Seite zu verstehen oder zumindest zu verstehen, warum man den Anderen nicht versteht. Es gibt schlussendlich Menschen, die es für einen Ausdruck von Toleranz halten, „Religion“ zu „verbieten“. Ganz abgesehen davon, dass die Umsetzung logistisch anspruchsvoll wäre: Warum drehen sich Gespräche eigentlich nie darum, was Religionen jeweils an Gutem für den Menschen bereithalten (also auch in Bezug auf das, was jeder Mensch nachvollziehen kann, nicht auf intrinsische Glaubensinhalte, die sich nur von innen her erschließen lassen)? Das Funktionale. Das – meinetwegen – Nützliche.

Ich hoffe sehr, dass ich immer an die Falschen gerate und dass Gespräche über Religion sonst eigentlich fair und sachlich sind, fruchtbar, zielführend, konstruktiv in der Kritik, aufbauend für alle Beteiligten.

(Josef Bordat)

Facebook. Ethik des Gruppenzwangs

Warum in den Sozialen Medien „Selberdenken“ aus der Mode zu kommen droht.

Endlich, so könnte man sagen, gibt es wieder übergreifende und eindeutige Zuschreibungen menschlichen Handelns zu Gut und Böse. Hatte die Aufklärung den Menschen von der göttlichen Norm und der religiösen Orientierung entfremdet und zum „Selberdenken“ (Kant) verdammt, sorgen nun die Sozialen Medien, insbesondere Facebook, für das heteronome Korrektiv des umherirrenden Individuums – Motto: „Hast Du schon X geliked? Noch nicht? Wie, bitte?! Dann aber schnell!“ Zuwiderhandeln bedeutet das kommunikative Aus. Entfreundung. Subito.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als 2015 besorgte Facebook-Mitglieder inmitten einer Kampagne für die „Homo-Ehe“ fragten, wann sie denn wieder ihr Profilbild ohne Regenbogenstreifen zeigen dürften. „Mit den Regenbogenstreifen sehe ich gleichzeitig seekrank, verbrannt und nach Gelbsucht aus“, beklagte sich eine Dame. Aber, bedenke: „Ich kann das Foto nicht wieder austauschen, sonst denkt jeder, ich wäre homophob“. Ein Dilemma. Die Autonomie bleibt auf der Strecke, es sei denn, man verfügt über Vorzüge: „Mein Neffe hat sein Bild schon wieder ausgetauscht – aber er ist schwul, also wird ihn niemand für scheinheilig halten.“ Dispens erteilt! Oder: Glück gehabt.

Wenn Menschen Angst haben, das Nicht-Bekenntnis zu einer Sache könne – der Religionsfreiheit zum Trotz – negative soziale Folgen haben, dann muss man ernsthaft untersuchen, ob das an den Menschen oder an der Sache liegt. Zumindest könnte man auf den Gedanken kommen, dass sich eine solche Untersuchung lohnte. Ich vermute im Fall des politisch gewendeten Regenbogens: an beidem. Es handelte sich bei denen, die ängstlich nachfragten, ob man sich in der Öffentlichkeit (sprich: im Facebook) auch ohne Regenbogenhintergrund zeigen darf, sicherlich um ohnehin stark vom Gruppenzwang beeinflusste Jugendliche. Wenn aber überhaupt erst ein Druck entstehen kann, dann wohl aufgrund des rigorosen Etablierens einer ethisch wohldefinierten Klassengesellschaft: Entweder Du bist für uns („Dann zeig gefälligst Flagge!“) – oder gegen uns (also: „homophob“).

Dass diese Dichotomie, die aus der Feindbildlogik stammt, im Hintergrund steht, wird offensichtlich von den ängstlichen Facebook-Usern zumindest für möglich gehalten. Tatsächlich scheint Facebook ethisch verbindlicher zu sein als es die Katholische Kirche mit ihrem „Et-Et“ je gewesen ist. Und zwei weitere Gedanken erweisen die Kirche als weit humaner als das Facebook: 1.) Der Shitstorm erfolgt nicht nach vorhergehender Untersuchung, vulgo: inquisitio. Er erfolgt. Einfach. So. Und man sollte sich tunlichst beteiligen, sonst ergeht es einem weit schlimmer als es dem Katholiken je erging, wenn er die Fronleichnamsprozession geschwänzt hatte. 2.) Eine Beichte – das Sakrament der Versöhnung – ist im Facebook nicht vorgesehen. Hier enden Auseinandersetzungen mit Sperren und Blockaden, nicht mit Versöhnung.

Ob Regenbogen oder „Ich bin Charlie“ – wer nicht dabei ist (also: „drin“), der ist wohl „homophob“ oder „Terror-Versteher“. Wenn Menschen um ein offizielles Ende der Regenbogen-Aktion durch Dekret „von oben“ bitten (Zuckerberg locuta, causa finita!), dann sehnen sie sich danach, dass jemand ihnen die Last des „Selberdenkens“ doch wieder abnehmen möge. Aus Angst, das Eigene könne gegen sie durchschlagen und sozial desintegrierend wirken. Aus Angst vor Mobbing und dem zu erwartenden Schweigen der Freunde. Ich denke, man muss nicht mal homophober Terror-Versteher sein, um das in allerhöchstem Maße erschreckend zu finden.

(Josef Bordat)