Was lässt Menschen fanatisch und fundamentalistisch werden?

Angesichts der zunehmenden Spannungen in den Sozialen Medien – selbst Nebensächlichkeiten werden dort regelmäßig zu Streitgegenständen –, einem alltäglichen Rassismus, Antisemitismus und einer salonfähigen Fremdenfeindlichkeit, die irritationslos zelebriert wird, einer „Bewegung“ von Menschen, die Rücksichtslosigkeit und Egoismus als Ausdruck von Freiheit und Demokratie missverstehen, angesichts der allgemeinen Zuspitzungstendenz stelle ich mir schon ab und an die Frage, wie es eigentlich dazu kommt. Dass eigentlich ganz vernünftige Menschen intellektuell ausrasten. Dass eigentlich ganz nette Menschen meinen, man müsse eine abendländische „Identität“ pflegen und gegen den Rest der Tageszeiten verteidigen. Dass Menschen den größten Unfug glauben, solange er nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk verbreitet wird.

Es gibt sicher Menschen, die sind einfach so. Aber um die geht es mir nicht. Es geht mir um die Mitläufer, die es gut und richtig finden, wissenschaftliche Erkenntnisse ungeprüft zu leugnen, dem Fremden gegenüber grundsätzlich Feind zu sein, sich aufgrund des Vorgenannten zivilisatorisch überlegen zu fühlen. Praktisch rund um die Uhr in den Sozialen Medien Schwachsinn zu verbreiten. Was treibt diese Menschen an? Geld? Kann sein. Es soll ja auch Menschen geben, denen das nützt und die darum sicher eine gewisse Zahlungsbereitschaft haben. Aber ich glaube nicht, dass finanzielle Interessen überwiegen. Aber: Interessen. Besser: Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte.

Der Wunsch nach Anerkennung, Zugehörigkeit und Geborgenheit macht uns anfällig für geschlossene Systeme mit klaren (diskursiven) Belohnungs- und Bestrafungsregeln. Denn diese Systeme versprechen, genau diesen Wunsch zu erfüllen oder uns der Erfüllung näher zu bringen, weil sie einerseits moralische, soziale und normative Strukturen anbieten, die Anerkennung, Zugehörigkeit und Geborgenheit verheißen, und weil sie andererseits (für viele Sinnsuchende überzeugend) behaupten, das offene System der freiheitlichen Gesellschaft mit seinen Überkomplexitäten ließe uns nicht zum Zuge kommen, nehme uns mit diesen Wünschen gar nicht ernst oder verhindere sogar aktiv, dass wir die uns zustehende Anerkennung, die angestrebte Zugehörigkeit und die ersehnte Geborgenheit erfahren. Das System mit seiner Wissenschaft, seiner Wirtschaft, seiner Politik, seinen Medien. „Hol Dir bei uns, was die Dir rauben!“ Ja, so könnte es funktionieren.

Das wirkt desto überzeugender, je weniger „klassische“ Formen der Anerkennung, Zugehörigkeit und Geborgenheit dem Betreffenden zur Verfügung stehen: akademischer oder beruflicher Erfolg, stabile Beziehungen und intakte Familien, religiöse Erfahrungen und kulturelles Erleben. Diese Sinnstiftungsmomente sind entweder kollektiv degeneriert oder fallen schlicht individuell weg. Und damit entsteht Bedarf für Ersatz. Diesen liefern geschlossene Systeme (schon im Internet), die dem Suchenden vermittelt, er sei über alle Maßen kompetent, wertvoll und beliebt. Niemand sollte sich nun erheben und sagen: „Das ist das Rezept der Anderen! Ich bin gegen solche Verlockungen immun!“ Kann sein. Kann aber auch sein, dass man längst seine eigene Nische gefunden hat, in der man täglich sein Maß an Bestätigung (und Dopamin) abholt, ohne länger darüber nachzudenken, ob es eigentlich richtig ist, was man da tut. Radikalisierung kommt ja nicht mit einem Warnhinweis.

Anerkennung, Zugehörigkeit und Geborgenheit brauchen wir alle. Eine Maßnahme gegen die Fanatisierung und Fundamentalisierung der Gesellschaft (und damit deren Zerrüttung) ist daher, in den noch vorhandenen Systemen des „echten Lebens“ mehr davon auszuteilen, zu vermitteln, zu geben. Ich meine nicht „Free hugs!“ (geht momentan ohnehin nicht), ich meine auch nicht, Respekt für alles und jeden (Dialog hat Grenzen), sondern ich meine, dass es darauf ankommt, das Maß an Wertschätzung, das jedem Menschen qua Würde zukommt, wirklich voll auszuschöpfen. Am Arbeitsplatz, bei der Arbeitsagentur, in der Familie, in Vereinen, an der Supermarktkasse, im Bus. Das verhindert nicht, dass Menschen meinen, auf die Straße gehen zu müssen, um für ihr Recht zu streiten, auf die Straße gehen zu können. Das verhindert aber, dass es immer mehr werden, die das meinen.

(Josef Bordat)