WM-Wörterbuch für Anfänger

Die WM läuft und manch eine oder einer kann schon jetzt nicht mehr. Den Moderatoren und Kommentatoren folgen. Das liegt vor allem an der Fachterminologie des Fußballs, die einer Erläuterung bedarf.

Abseitsstellung
Position des Kollegen, der sich eher für Operetten interessiert.

Ausverkauft
Mindestens ein Platz pro Reihe ist besetzt.

Experte
Jemand, der weiß, warum Frankreich gegen Mexiko gewinnt, und der zwei Stunden später erklären kann, warum Frankreich gegen Mexiko verloren hat.

Fehlpass
Im Bremer BAMF-Büro erhältliches Ausweispapier.

Kommentator
Von lat. „commentarius“ (=Abriß, Notiz, Skizze, Denkschrift, Protokoll, Aufzeichnung). Manchmal auch von „commenticius“ (=ersonnen, erfunden, erlogen, gefälscht).

Sechser
Irgendwas mit Bier.

Staatsdoping
Kollektiver Drogengebrauch (→Sechser). Die Folge: Ein ganzes Land hängt wie in Trance Fahnen auf und grillt.

Torgefahr
Die stets gegebene Möglichkeit, sich mit dummen Bemerkungen lächerlich zu machen, wenn man nur alle vier Jahre Fußball schaut.

Trainer
Von lat. „trahere“ (=ziehen). Bei adäquater Ablösesumme: ziehen lassen.

Umschaltspiel
Kommt zum Tragen bei Langweilern wie Kasachstan gegen Neufundland, wenn parallel ein alter „Derrick“ läuft. Wird zum Klassiker ab 2026.

Videoassistent
Person, die in der Lage ist, die zwanzig Jahre alte Kassette mit dem Hochzeitsfilm zum Laufen zu bringen.

Werbepause
Suggeriert, dass Kartoffelchips ein wesentlicher Bestandteil der Ernährung von Leistungssportlern ist. Und dass es Sinn hat, irgendwo anzurufen, um ein Auto zu gewinnen, weil man weiß, dass der Spitzname Beckenbauers „Kaiser“ ist, nicht „Papst“. Mit Dieselmotor (das Auto).

Zuschauer
Endverbraucher dessen, was von Fernsehanstalten (→Kommentator, → Experte) vier Wochen lang rund um die Uhr angeboten wird; oft in Verbindung mit Liebe („Liebe Zuschauer“).

Viel Spaß heute Nachmittag.

(Josef Bordat)

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Vor der WM ist vor der übernächsten WM

Die FIFA hat entschieden. Nein, keine Angst: Die WM 2018 findet statt. Ja, in Russland. Heute um 16 Uhr ist die Eröffnungsfeier, danach spielt der Gastgeber gegen Saudi Arabien. Das Duell zweier „Feinde der Pressefreiheit“ (Reporter ohne Grenzen). Nein, was ich meine: Die FIFA hat über den Austragungsort der übernächsten WM 2026 entschieden. „Ort“ ist gut – zum ersten Mal richten drei Länder das Turnier gemeinsam aus: Mexiko, Kanada und die USA.

Schon interessant: Die USA wollen eine Mauer bauen, an der Grenze zu Mexiko. Die USA wollen eine WM ausrichten, zusammen mit Mexiko. Paradoxien der Gegenwartskultur. Würde mich jedenfalls nicht wundern, baute Kanada demnächst eine Mauer an der Grenze zu den USA.

Warum drei Länder? Weil ein Land es alleine kaum noch schaffen dürfte, mit demnächst 48 Mannschaften. Zu meinen Lebzeiten hat sich damit die WM-Teilnehmerzahl verdreifacht, von 16 (1974) über 24 (1982) und 36 (1998) bis 48 (2026). Ende: wohl offen.

Erst wenn 64 Mannschaften an den Start gehen und Spanien mit Honduras, Sri Lanka und den Kapverdischen Inseln in einer Gruppe um den Einzug ins Sechzehntelfinale kämpft, werden die Fernsehsender und Hauptsponsoren merken, dass man Schwachsinn nicht vermarkten kann. Indianerehrenwort.

(Josef Bordat)

Die Fußball-WM für Katholiken

Ein paar Fakten zur Fußball-Weltmeisterschaft.

1.) Weltmeister werden nur Christen. Es ist noch nie ein Land Weltmeister geworden, in dessen Bevölkerung die Christen nicht in der Mehrheit sind: Brasilien (90 Prozent Christen), Argentinien (96 Prozent), Uruguay (76 Prozent), Italien (87 Prozent), England (74 Prozent), Deutschland (67 Prozent), Spanien (80 Prozent) und Frankreich (55 Prozent).

2.) Der Katholikenanteil an der Bevölkerung beträgt im globalen Durchschnitt etwa 17 Prozent. Die großen Fußballnationen Brasilien (73 Prozent), Argentinien (78 Prozent), Uruguay (74 Prozent), Italien (79 Prozent) und Deutschland (29 Prozent), die zusammen 17 der 20 WM-Titel gewannen, haben einen – zum Teil deutlich – höheren Anteil an römisch-katholischen Gläubigen. Die Gottesmutter ist dabei immer an ihrer Seite: Nossa Senhora Aparecida (Brasilien), die Virgen de Lujan (Argentinien) oder auch die Virgen de los Treinta y Tres (Uruguay). Und wer wie wir einen Nationalheiligen hat, der „Gut gemacht!“ heißt, muss wohl auch nicht um den Erfolg bangen.

3.) Für Katholiken ist eine Weltmeisterschaft immer eine Herzensangelegenheit. Je nach spiritueller Ausrichtung gibt es da ganz unterschiedliche Präferenzen:

***

Jesuiten: Große Vergangenheit, heute eher destruktiv bis selbstmitleidig. Hadern dauernd mit dem Schiri, dem Rasen, dem Luftdruck des Balles. Sind regelmäßig kurz vor dem Ausscheiden, stehen dann genauso regelmäßig im Halbfinale und alle fragen sich: Warum? – Argentinien. Gut: Auch wegen Franziskus.

Benediktiner und Franziskaner: Frankreich. – Die einen wegen der Hymne, die anderen wegen „Bruder Hahn“.

Charismatiker: Brasilien.

Küsterinnen und Küster: Unauffällig, zuverlässig, fleißig. – Südkorea.

Katholische Blogger: Belgien. – Hat keiner auf der Rechnung, werden allgemein unterschätzt. Sehr schnell und beweglich. Klares vertikales Spiel.

Ministranten und Organisten: Halten zum Schiedsrichter. Erfahren genauso wenig Wertschätzung. – Aber: Oh, weh sie machen Fehler!

Wir sind Kirche: Halten zu Niemandem. Kritisieren lieber den Schiedsrichter. Und den Ausrichter. Den Veranstalter ohnehin. Rufen zur Gegen-WM in Sterkrade auf: Ost-Timor gegen Kurdistan.

Missionarinnen der Nächstenliebe: Nehmen sich aus Mitleid der Ausgestoßenen an, stehen an der Seite derer, an deren Seite sonst keiner steht. Also: Holland.

Mystiker: England. – Dann können sie sich am Ende freuen, wieder „Nichts“ gewonnen zu haben.

Dominikaner: Technisch perfekt, wissen alles besser. Eine Macht. – Spanien.

Pfadfinderinnen: Portugal. Wegen Cristiano Ronaldo.

Pfadfinder: Alle außer Portugal. Wegen Cristiano Ronaldo. Und der Pfadfinderinnen.

Petrusbrüder: Uruguay. – Tradition und Härte.

Aktivisten der KinderKirche: Dänemark. Logo! Ähm: Lego.

Theologinnen und Theologen (habilitiert): Island. Sind auch immer für Überraschungen gut.

Theologinnen und Theologen (Erstsemester): Australien. Mal was gaaanz anderes.

Gemeindereferentinnen: Finden faire Spiele wichtiger als „Gewinnen um jeden Preis“. Sonst: Mexiko. Oder Kolumbien. Oder „vielleicht auch mal“ Costa Rica. Oder „ein anderes Team aus Afrika“.

Aktive Katholiken im Erzbistum Berlin: Polen und Kroatien.

Sternsinger: „Wir kommen daher aus dem Morgenland.“ Iran. Saudi-Arabien. – Noch Fragen?

Kolping: Egal, wer spielt. Egal, wer gewinnt. Hauptsache, das Bier ist kalt.

Piusbrüder: Peru. Trauern auch der goldenen Vergangenheit nach. Oder: Russland.

Kirchenkritiker. Panama. Auch die sind selten qualifiziert.

Sedisvakantisten: Niemand. Eine WM ohne Italien ist ungültig.

***

Wie dem auch sei: Eine schöne Fußball-Weltmeisterschaft! Möge der Beste gewinnen. Also: Deutschland.

(Josef Bordat)

Philosophiegeschichte des Fußballs – Teil 7: Gegenwart (Logik)

Ohne Logik geht im Fußball ganix.

„Wenn wir alle schlagen, können wir es schaffen.“ (Horst Hrubesch)
„Das nächste Spiel ist immer das nächste.“ (Matthias Sammer)
„Ich wage mal eine Prognose: Es könnte so oder so ausgehen.“ (Ron Atkinson)
„Ich mache nie Voraussagen und werde das auch niemals tun.“ (Paul Gascoigne)
„Stancovic hat die Zukunft noch vor sich.“ (Sascha Rufer)
„Auch ohne Matthias Sammer hat die deutsche Mannschaft bewiesen, dass sie in der Lage ist, ihn zu ersetzen.“ (Marcel Reif)
„Je länger das Spiel dauert, desto weniger Zeit bleibt.“ (Marcel Reif)
„Ein Tor muß her, soll es nach 90 Minuten nicht noch so stehen wie jetzt.“ (Heribert Faßbender)
„Norwegen in rot, die deutsche Mannschaft, das muss ich Ihnen nicht mehr sagen und da brauche ich auch gar nicht viel zu erklären, wie so oft – wie eigentlich immer, wie fast immer, in den Farben, die Sie kennen: In den weißen Trikots und den schwarzen Hosen! Aber, meine lieben Zuschauer, das wissen Sie ja sicher auch so, da muß man keine großen Worte mehr verlieren.“ (Heribert Faßbender)

Und mein persönlicher Favorit:
„Die Statistik zeigt, dass, wenn Österreich kein Tor geschossen hat, es in den letzten Spielen entweder unentschieden gespielt oder verloren hat.“ (Heinz Prüller)

(Josef Bordat)

Welcher WM-Star passt zu mir? – Der große Jobo-Psychotest

Ministrantinnen, Pfadfinder, Kolping-Jugend aufgepasst: Welcher WM-Star passt zu mir?

1. Du bist auf einer Familienfeier. Was machst Du?
a) Du knüllst Opas Kirchenzeitung zusammen und kickst die Kugel aus zehn Metern Entfernung in einen der Kinderwagen. Du tanzt im Rhythmus der vorwurfsvollen Bemerkungen Deiner Cousinen.
b) Du liest Opa aus der Kirchenzeitung vor.
c) Du sprichst mit Deinen Cousins über Karriere, Autos und festverzinsliche Wertpapiere. Später übernimmst Du den Grill.
d) Du lässt Deine Cousinen Fotos von Dir machen. Danach sprichst Du mit ihnen über Permanent Make-up.
e) Du stehst am Rand und denkst: „Ein Wahnsinn!“

2. In Deiner Gemeinde ist Pfarrfest. Wo bist Du aktiv?
a) Torwandschießen.
b) Ministrant. Später bringst Du dem Pfarrer Kuchen.
c) Aufbau, Abbau, Zapfanlage.
d) Eigener Stand: „Ein Foto mit mir – 5 Euro!“. Du finanzierst die neue Orgel zu 93 Prozent.
e) Eigener Stand: „Komm, ich erzähl Dir Geschichten von früher!“. Eintritt frei (Spenden zugunsten der neuen Orgel erbeten).

3. Welcher Star wärst Du gerne?
a) Pelé.
b) Papst Franziskus. Oder Franziskus von Assisi. Auf keinen Fall Maradona.
c) Du lehnst Starrummel ab. Dein Vorbild ist „der deutsche Steuerzahler“.
d) Cristiano Ronaldo.
e) Heino.

4. Du schreibst eine zweistündige Mathe-Klausur. Welches Szenario beschreibt am besten Deine Taktik?
a) Du knüllst den Aufgabenzettel zusammen, kickst ihn aus 14 Metern in den Mülleimer, zeigst auf die Lehrerin und verlässt grinsend die Klasse.
b) Du löst die Aufgaben in zehn Minuten. In der restlichen Zeit betest Du einen Rosenkranz und schreibst Briefe an sozial benachteiligte Familien.
c) Du hast Dich drei Wochen intensiv vorbereitet und rufst in den zwei Stunden Dein gesamtes Potenzial ab. Du beginnst mit den einfachsten Aufgaben. Bei den Aufgaben, mit denen Du Schwierigkeiten hast, rechnest Du mehrere Varianten durch und wählst die, welche Dir am plausibelsten erscheint. Mit dem Schlussgong wirst Du fertig, ballst die Faust und sagst: „Ja!“ – Danach beginnst Du sofort mit der Vorbereitung auf die schwere Lateinklausur in zwei Monaten.
d) Du liest Dir die Aufgaben durch, verstehst nichts, jammerst ein bisschen rum. Nach der Klausur sprichst Du mit der Lehrerin unter vier Augen. Du erhältst ein „voll befriedigend“.
e) Du liest Dir die Aufgaben durch, verstehst nichts, lachst und denkst: „Ein Wahnsinn!“

5. Welchen Film magst Du besonders?
a) Ice Age.
b) Das Lied von Bernadette.
c) Stirb langsam.
d) Bin ich schön?
e) Derrick.

6. Wie sieht Dein Traumurlaub aus?
a) Drei Wochen Strandfußball (Copacabana, Karibik, Sankt Peter-Ording).
b) Städtetour: Montserrat-Tschenstochau-Rom.
c) Wanderurlaub in der Lüneburger Heide.
d) Wellness-Weekend im Hotel „Pascha“.
e) Zuhause alte Fotos gucken, um sich an alte Zeiten zu erinnern. Oder Ibiza. Um alte Zeiten zu vergessen.

7. Was würdest Du machen, wenn Du einen Tag lang die Möglichkeit hättest, die Welt zu verändern?
a) Drei Wochen Strandfußball. Oder Torwandschießen.
b) Dafür sorgen, dass alle Menschen in Frieden und Wohlstand ein glückliches Leben führen können.
c) Die Effizienz in der Produktion deutscher Unternehmen steigern, zur Schaffung der notwendigen Wettbewerbsvorteile mit dem Ziel einer langfristigen Sicherung von Arbeitsplätzen.
d) Erst die Haare, dann die Augenbrauen.
e) Nochmal in aller Ruhe meine Verträge durchsehen. Ein Wahnsinn!

Die Auflösung:
Überwiegend a): Neymar.
Überwiegend b): Lionel Messi.
Überwiegend c): Thomas Müller.
Überwiegend d): Cristiano Ronaldo.
Überwiegend e): Oliver Kahn.

(Josef Bordat)

Philosophiegeschichte des Fußballs – Teil 6: Gegenwart (Religionskritik)

Ein Interview mit Lukas Podolski.

Lukas, ein wichtiges Tor erzielt, viel gelaufen, viel gerackert. Zufrieden?
Ja, sischer. Ein wichtiges Tor erzielt, viel gelaufen, viel gerackert. Kann man zufrieden sein.

Lukas, noch Probleme mit der Theodizeefrage?
Nö, überhaupt nüsch. Leibniz hat die ja gelöst. Wir leben in der bestmöglichen Welt, die Gott im Zustand der Potentialität als solche erkannt und zur Existenz gebracht hat. Und in der hat das Übel metaphysische Notwendigkeit.

Wegen der Freiheit des Menschen?
Ja, sischer. Auf dieser Ebene der Modalität geht dem Schöpfungsakt ein Wahlakt voraus, bei dem Gott die beste Welt aus allen möglichen Welten, die sich alle gleichermaßen frei entwickeln, identifiziert. Gegründet auf seiner unendlichen Voraussicht. Also: preavisio, nicht praedeterminatio. Viele tun das durcheinanderbringen.

Danke, Lukas.
Bidde.

(Josef Bordat)

Du fehlst, Jérôme!

Einige Menschen spüren in diesen Tagen besonders die Lücken, die das Leben in seiner ganzen Unvollkommenheit reißt und als Seelenwunde blutend offen lässt auf ewig.

Natürlich habe ich versucht, ihn zu finden. Was denken Sie denn?! Aber ganz so einfach ist das nicht. Zum normativen Rahmen: Eine bundesweit tätige Supermarktkette offeriert pro Einkauf im Wert von 10 Euro je eine Porträtkarte eines deutschen Nationalspielers (erweiterter Kader, Stand: Herbst 2017 – also noch mit Sané).

Verflossener, was freute sich einst mein Herz! Welch Labsal meiner Seele, dich in die Arme zu schließen! Jetzt nicht mal mehr ein DFB-Logo (Sammelkarte 34) wert: Leroy Sané (Manchester City).

Die Krux: Die Karten sind in undurchsichtigem Zellophan verpackt und die Spieler zudem extrem ungleich verteilt. Auf dem Schwarzmarkt liegt ein Sebastian Rudy bei sieben Komma drei Süle. Der Handel mit Özil und Gündoğan wurde kurzzeitig ausgesetzt. Erst mein Gnadengesuch bei Herrn Steinmeier („Mein geliebter Präsident!“) konnte etwas Entspannung auf den Markt bringen. Wenn die Chinesen nicht eingreifen, droht bei Süle weiterer Kursverfall. Ein echter Löw wird bereits gegen eines der G7-Länder eingetauscht.


Wo zwei oder drei versammelt sind. Jonas Hector (1. FC Köln) und Sami Khedira (Juventus Turin).

So – und nun zur Sache: Ich habe alle Karten zusammen. Alle. Bis auf einen: Jérôme Boateng. Was auch immer ich tue, ich finde ihn nicht. Der Fall ist klar: Ich muss weiter einkaufen! Ich ziehe einige größere Investitionen in langlebige Wirtschaftsgüter und gut stapel- und lagerfähige Waren vor. „Küchenpapier. Kann man immer gebrauchen! Hält sich.“ Die 50 Euro in „Wisch & weg“ ergeben allerdings viermal Sané und einmal DFB-Logo. Von Jérôme keine Spur.

Ich bin der Verzweiflung nahe. Im Kassenbereich lauere ich älteren Damen auf, die zwar regelmäßig für 100 Euro Katzenfutter kaufen, die Option auf zehn Spielerkarten aber ebenso regelmäßig verstreichen lassen. Anfangs habe ich es mit höflicher Nachfrage versucht. Doch meist zuckten die Ignorantinnen nur lächelnd die Schultern. „Welche Karten?“ Seitdem habe ich meine Taktik geändert. Als eine der Damen mal wieder Zutaten fürs Katzenbankett erwirbt, gehe ich mit gezogener Wasserpistole auf sie zu. „Gib!“ Ich entreiße der Kassiererin die zehn Hoffnungsträger. Einmal Löw (im Urlaub am Gardasee), neunmal DFB-Logo.

Wutentbrannt kaufe ich für 30 Euro Bier (Sané, Sané, Gomez). Irgendetwas muss mir jetzt mein seelisches Gleichgewicht zurückgeben. Nach weiteren Kaufaktionen erhöht sich das Portfolio um drei Sanés, fünf ter Stegens und Co-Tainer Schneider. Kein Boateng. Zuhause ziehe ich mich in die Garage zurück, die für die Zeit der WM zum Sammelkartenlager ausgebaut wurde. Hinter der Schublade mit der Aufschrift „Sané“ befindet sich der laminierte Regenwald in DIN A 7. Hinter dichten Spinnenweben: „Jérôme“.

Am nächsten Tag wiederholt sich das Prozedere. Ich kaufe, kaufe, kaufe. Und kaufe. Eigens eingerichtete Müllpressen am Ausgang des Supermarkts erleichtern mir die Verarbeitung der Unmengen an Hygieneartikel, von denen ich mir nur den einen erhoffe. Vergebens. Durch den Schleier der Tränen erahne ich die Dame von gestern. Diesmal ist die Katzenliebhaberin auf der Höhe und liefert ihre zehn Karten widerstandslos aus. Viermal Sané, viermal DFB-Logo, zweimal die Physiotherapeuten beim Reinigen eines Aquariums. Ich stelle die Theodizeefrage neu: Jérôme – wo bist Du? Du fehlst!

(Josef Bordat)