Weihnachtsgeschichte im Kindergarten

So, liebe Kinder. Ich lese euch jetzt die Weihnachtsgeschichte vor. Ja, die gibt es auch als Animationsvideo, aber ich lese sie euch vor. Dauert nicht lange. Die hat der Lukas aufgeschrieben… nein, nicht der Podolski. Einfach „Lukas“. Man sagt ja auch: „Matthäus“. So, jetzt ist Ruhe hier. Also. „Es begab sich aber zur der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.“ Was? „Augustus“, „Quirinius“ – komische Namen? Da hast Du recht, Malte-Kevin! „Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.“ Wie bitte? Nein, die mussten da wirklich hin. „Online“ ging damals nicht. So, jetzt aber mal wieder zuhören. „Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.“ Ja, das war jetzt ein Satz mit mehr als 140 Zeichen, stimmt! Das ging damals noch. „Und als sie dort waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte.“ Ja, richtig: „logisch“. Aber darum geht es jetzt nicht. „Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ Was? Nein, auch über Airbnb war nichts mehr frei. Die mussten wirklich in den Stall. Wie? Nein, „wegen Tierschutz“ hat man sie nicht „drangekriegt“, jedenfalls nicht, dass ich wüsste. „Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.“ Ja, sicher. Hättest Du da keine Angst? Gut, ja „Laserschwert“… aber das hatten die Hirten damals nicht. Hört mal weiter zu, bitte. „Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ „Krippe“, Malte-Kevin, nicht „Gerippe“! Wo die so schnell die Windeln her hatten? Also, das waren mehr so Tücher. Und die hatten die dabei. Hm? Ja, warum auch nicht. Bitte? Das weiß ich nicht, ob die die schon aus Nazareth mitgebracht hatten. Vielleicht haben sie die Tücher ja in Bethlehem gekauft. „Bethlehem“, Malte-Kevin, nicht „Bettlaken“! So, weiter. Ihr wollt doch noch die Plätzchen essen, oder? Also! Ja, die sind vegan. Glaub ich. Was? Laktose? Müsste ich mal gucken. Puh. Sehen wir gleich nach, OK? Ich weiß, Dein Papa ist Rechtsanwalt – ich guck gleich nach! Jetzt aber erst mal weiter, die Geschichte ist noch nicht zuende. „Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Das heißt soviel wie „gut gefallen“, „mögen“. Was? Ja, oder „liken“. „Und als die Engel von ihnen in den Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.“ Das bedeutet: „mitgeteilt“. „Getwittert“? Naja, meinetwegen. „Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in einer Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Also, im übertragenen Sinne. Was? Nein. „Bewegen“ im übertragenen Sinne. „Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“ So, das war die Weihnachtsgeschichte. Hat sie euch gefallen? Wie bitte? Verstoß gegen das Neutralitätsgesetz? Kann sein, Malte-Kevin.

(Josef Bordat)

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Nikolaus am Niederrhein

Der Beitrag ist dem Niederrheiner Hanns Dieter Hüsch gewidmet, der am Nikolaustag vor 13 Jahren verstorben ist.

Am Niederrhein ist es Tradition, dass der Nikolaus am Abend des 5. Dezember um die Häuser zieht und die Kinder besucht, um Ihnen die Geschenke zu bringen. Ich erinnere mich noch gut an den Nikolaus.

Der Nikolaus ist so etwas wie eine moralische Instanz. Der fragt immer: „Na, warst Du auch schön brav?“ Oder – gegen Aufpreis: „War die Maxime Deines Handelns jederzeit so, dass Du wollen kannst, sie werde zur Grundlage eines allgemeinen Gesetzes?“

Weil der Niederrhein an der Grenze zu Holland liegt, kam ab und zu auch der „Zwarte Piet“ (heute ersetzt durch die „weiße Petra“, unbezopft). Das ist der holländische Knecht Ruprecht. Der Mann für’s ganz Grobe. Knecht Ruprecht oder Zwarte Piet – is’ eigentlich das Gleiche. Die kann man trotzdem unterscheiden: Der Zwarte Piet hat ’nen TUI-Katalog unter’m Arm.

Ja, der Nikolaus. Eine moralische Instanz. Wichtigste moralische Instanz am Niederrhein, gewissermaßen der Sicherheitsrat, das sind jedoch „die Leute“. Bevor ein Diktator in Düsseldorf Giftgas gegen die Zivilbevölkerung einsetzt, muss er sich die Frage stellen: „Wat denken die Leute?“

Die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats sind am Niederrhein „die Nachbarn“. Die Nachbarn haben ein Veto-Recht in allen Fragen, die das Leben des Niederrheiners betreffen. „So kannst Du nicht rumlaufen, wat sollen die Leute denken? Und ers’ ma’ die Nachbarn!“

Ja, der Niederrhein. Den Niederrheiner an sich zu beschreiben bzw. das, was von ihm übrig bleibt, ist im Grunde nicht möglich. Man kann sich dem Niederrheiner und seiner Lebensart nur annähern. Am besten ist es in diesem Zusammenhang, wir schauen uns mal an, wie die berühmte Gretchenfrage aus Goethes „Faust“ gestellt und beantwortet worden wäre, wenn Goethe Niederrheiner gewesen wäre. Die Situation is’ klar. Ja? Ne, ich frag nur, vielleicht lesen Physik-Studenten mit. Is’ aber klar, oder? Na, dann.

Also.

Gretchen: Hömma, wie ist dat mit de Religion?
Faust: Wie, Religion?

Der Niederrheiner fragt immer noch mal nach. Zur Sicherheit.

Gretchen: Ja, Religion! Wat is damit?
Faust: Wat soll damit sein?

Damit ist das Präludium des Dialogs abgeschlossen. Jedes Gespräch am Niederrhein beginnt mit dem in sich abgeschlossenen Vierzeiler: Ausgangsfrage, Rückfrage, Bestätigungsfrage, Abschlussfrage. Ausgangsfrage: Hömma, wie is dat? – Rückfrage: Wie, dat? – Bestätigungsfrage: Wat is damit? – Abschlussfrage: Wat soll damit sein?

Jetzt tritt der Dialog in die entscheidende Phase.

Gretchen: Ja, dat frag ich Dich!
Faust: Ja, wat weiß ich?!

Und mit der manchmal etwas unwirsch vorgetragenen finalen Endfrage ist das Gespräch beendet und beide sind zufrieden. Manchmal schließt sich noch ein beschwichtigendes „Und, sons’?“ an oder ein „Zuhause alles klar?“. „Zuhause“ ist dabei nicht räumlich gemeint, sondern meint die Gesamtheit der Lebensumstände.

Wir üben das jetzt mal.

Beispiel: Umsatzsteuererklärung.

Hömma, wie ist datt mit de Umsatzsteuererklärung?
Wie, Umsatzsteuererklärung?
Ja, Umsatzsteuererklärung! Wat is damit?
Wat soll damit sein?
Ja, dat frag ich Dich!
Ja, wat weiß ich?!
Und, sons’? Zuhause alles klar?

Beispiel: Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop.

Hömma, wie ist dat mit de Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop?
Wie, Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop?
Ja, Störfall im Atomkraftwerk Hamm-Uentrop! Wat is damit?
Wat soll damit sein?
Ja, dat frag ich Dich!
Ja, wat weiß ich?!
Und, sons’? Zuhause alles klar?

Nur der unendlichen Gnade Gottes ist es zu verdanken, dass das Bundesland Nordrhein-Westfalen immer noch existiert.

(Josef Bordat)

Messias, Teil drei

Also, wenn Sie mich fragen, hätte er nach dem „Halleluja“ aufhören sollen. Der Händel. Was kann denn dann noch kommen? Theologisch? Musikalisch? Ja, gut: der Dritte Teil. Ich weiß. Aber, mal unter uns: Wer will nach dem „Halleluja“ überhaupt noch was hören? Ja: Wer kann?

Andererseits – das gibt den Konzerthäusern natürlich die Möglichkeit, eine Pause zu machen. „19 Uhr: ‚Messiah – Der Messias‘. Mit einer Pause“. Zwanzig Minuten. Ein Sekt, ein Bier, drei Brezel. Ja, meine Frau isst in der Pause nichts. Zwanzig Euro. Immerhin. Ein Euro pro Minute. Auch daran musste Händel ja denken. Ein guter Komponist ist immer auch ein guter Geschäftsmann. Das sieht man ja an dem Bohlen. Und dieser McCartney ist auch nicht ohne. Obwohl: Der soll ja längst tot sein. Seit 1969 schon. Und dann durch einen Doppelgänger ersetzt worden sein. Ja, was heißt hier „Verschwörungstheorie“?! Das müssen Sie mir erst mal beweisen, dass das wirklich der McCartney ist! Also: Ball flachhalten!

Aber jetzt noch mal zurück zum Händel. Also, der ist mit Sicherheit tot. Schon lange. Und der hat sich mit dem „Messias“ auch mindestens soviel Mühe gegeben wie der McCartney mit „Yesterday“. Also, rein vom Umfang her kann man die beiden Stücke kaum vergleichen. „Yesterday“, das sind ja nicht mal drei Minuten. Bei der S7 gibt es Abschnitte, da kann man das Lied komplett zwischen zwei Stationen spielen und hat noch Zeit, einmal mit dem Hut durch den ganzen Wagen zu gehen. Und der „Messiah“? Da geht nichts unter zwei Stunden! Und dann, wenn man wirklich auf‘s Klo muss: „Halleluja“.

Ja, und danach ist Pause. Da soll man dann ordentlich Geld liegen lassen. Die Pause, das ist ja für viele Konzerthäuser die Haupteinnahmequelle. Also: Sekt, Bier, Brezel. Musik machen die eigentlich eher nebenbei. Um die Leute zu locken. Mittel zum Zweck. Aber: Wir lassen uns das nicht mehr bieten! Demnächst gehen wir nach dem „Halleluja“. Teil Drei können wir auch zuhause hören.

(Josef Bordat)

„Das Mädchen trägt Kleider und Zöpfe!“

Oha – da schrillen die Alarmglocken!

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Olle Hellboms filmatiseringar spelas Pippi av Inger Nilsson. Här syns hon, 12 år gammal, som Pippi under ett evenemang i Amsterdam 1972. Foto: Peters, Hans / Anefo, Wikimedia. Lizenz: CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/).

Jetzt wissen wir alles über das Elternhaus der Pippilotta Viktualia Rullgardina Krusmynta Efraimsdotter Långstrump.

Gut gemacht!

(Josef Bordat)

Koyaanisqatsi 2.0

In dem Film „Koyaanisqatsi“ („Leben im Ungleichgewicht“) von 1982 geht es um die überwältigende Schönheit der Natur, die von unserer modernen Zivilisation immer mehr gefährdet und schließlich zerstört wird.

In meinem Alltag entspricht die Dramaturgie des Films einem Spaziergang durch die karge Parklandschaft des frostigen Spätherbsts, in der die kahlen Bäume mit ihrem nackten, zum bleigrauen Himmel ausgestreckten Gerippe an Ästen und Zweigen kaum noch etwas von der Farbenpracht erahnen lassen, die hier vor wenigen Wochen das Auge erfreute, die jedoch auch in ihrer trostlosen Schlichtheit auf die elementare Kraft des Lebens deuten, trotzig ihr triebloses Geäst in den stürmischen Wind ragend – anders als die bald zu erwartende Reine der schneebedeckten Wiesen, anders als die Frühlingsblüte der Kirschen zu beiden Seiten des Weges, anders als das Zwitschern und Summen der Fauna in gleißender Sommerglut, doch so, dass man tief in sich jene Rührung des Herzen spüren kann, die mit zitternder Stimme sagen lässt: erhabenes Wesen, dein Name sei „Natur“. Und dann, wieder zuhause, schalt ich den Computer ein und geh‘ für zehn Minuten ins Facebook.

Koyaanisqatsi.

(Josef Bordat)