Unter Beobachtung

Das Fremde steht am Niederrhein erst einmal unter Beobachtung. Dabei geht es nicht um das ethnisch Fremde, sondern darum, dass man die oder den nicht kennt. Das Fremde ist das Nicht-Eingeordnete. Das trifft dann blond-blaue Norwegerinnen genauso wie Nordafrikaner oder Pharmaziestudenten aus dem Senegal. „Kennste den?“ – „Den hab ich hier noch nie gesehen!“ Das ist der Anfangsverdacht am Niederrhein, der weitere Forschungsaktivitäten einläutet.

Meist wird man dann irgendwann mal unverfänglich angesprochen. „Tach. Sie sind mir gestern schon aufgefallen. Sind nicht von hier, oder?“ Ein unsicheres Lächeln verrät, dass der Fragesteller sich der Legitimität der initiierten Nachforschung auch nicht ganz sicher ist. In Berlin würde man jetzt antworten: „Geht Dir nüscht an, Alta!“ Wahlweise mit erhobener Faust und/oder ausgestrecktem Mittelfinger. In Hamburg oder München ruft man bei solchen Gelegenheiten den Anwalt an, der in Sachen Persönlichkeitsrecht und Diskriminierung sicher was rausholen kann. Am Niederrhein muss man da diplomatischer vorgehen, schließlich ist man ja mit seiner relativen Fremdheit Auslöser der mühseligen Beobachtungsarbeit gewesen. „Nein, ich bin hier zu Besuch!“ – „Ach, so.“ – „Ja.“

Wer jetzt meint, das Informationsbedürfnis des durchschnittlichen Niederrheiners sei befriedigt, irrt. „Bei Jansens oder van den Heuvels? Oder…?“ Wieder dieses Lächeln, das allmählich diabolische Züge entwickelt. Denn jetzt hat man ihn an der Angel. Man weiß – als Niederrheiner – natürlich ganz genau, dass Jansens und van den Heuvels derzeit gar keinen Besuch empfangen können; Jansens sind im Urlaub (Griechenland, Halbpension, 699 Euro p.P.), Frau van den Heuvel liegt mit einer akuten Dispersion des melachondritischen Plasmaretikulums (rechts) im Rhein-Klinikum Moers. Zimmer 21. Herr van den Heuvel ist tot. Mit dem fordernden „Oder“ eröffnet man aber die weite Welt der Spezifizierung.

Viele fallen darauf rein. „Nein, nicht bei Jansens oder van den Heuvels. Bei Maasmanns.“ Jetzt beginnt das Gehirn des Niederrheiners die 90 Prozent seines geistigen Potentials zu aktivieren, auf die der Mensch laut „Scientology“ keinen Zugriff hat. Maasmanns. Maasmann, Marianne, geborene Straeten. 72, Hausfrau und Mutter dreier Kinder (Stefan, 43, Industriekaufmann, wohnhaft im Ort – Claudia, 41, beruflicher Werdegang nach absolvierter Handelsschule unbekannt, Aufenthaltsort unbekannt – Berthold, 37, Zahnarzt mit eigener – größtenteils fremdfinanzierter – Praxis im Nachbarort). Maasmann, Herbert. 76, pensionierter Hauptschullehrer, stellvertretender Vorsitzender der Schützenbruderschaft „St. Gertrudis“. „Ach, so – Maasmanns.“ – „Ja, genau!“ – „Ach, dann sind Sie mit denen verwandt?“ Am Niederrhein besucht man sich in der Regel nur ab einem gewissen Grad an Übereinstimmung im Erbgut. „Nö, nicht direkt.“ Man hört es rattern und ist von Mitleid ergriffen. „Ich bin ein Schulfreund vom Stefan.“

Erlösung wird greifbar. Die Gesichtszüge des Fragestellers entspannen sich. Die Befürchtung, islamistische Terrorgruppen (oder die Telekom) spionierten die Wohnsiedlung aus, erweisen sich (vorerst) als falsch. Die Neugier ist befriedigt. Zumindest kurzfristig. „Sagen Se ma…“ – „Ja?“ – „Wat is eigentlich aus der Claudia geworden? Die sieht man so selten.“

(Josef Bordat)