Armerika

Sinnieren geht über redigieren.

Ich bin mir selbst nicht mehr ganz sicher. Wie heißt es? „Armerika“ oder „Amerika“? Es könnte ja ein Tippfehler sein. Dass er eigentlich „Amerika“ meint, aber versehentlich „Armerika“ geschrieben hat. Ja, das mag schon sein. Andererseits – vielleicht meint er ja wirklich „Armerika“. Und ich kenne es nur nicht. Ich meine, wer bin ich, dem außenpolitischen Sprecher einer… naja… Volkspartei ist es jetzt noch nicht, aber in der Mitte der Gesellschaft ist man längst schon angekommen. Also, dass ich jetzt diesem… Herrn ins Handwerk pfusche. So als einfacher Redakteur. Wie sieht denn das aus! Und ich kann doch nicht wissen, was er meint. „Die wirkungsvolle Grenzsicherungspolitik Armerikas ist Vorbild für Europa“. Jetzt stellen Sie sich vor, ich mache da „Amerika“ raus und er meint eigentlich „Armerika“. Das ist – ich spinn‘ jetzt mal – irgendein Inselstaat im Pazifik, von dem ich noch nie was gehört habe, weil der noch nie bei Olympischen Spielen dabei gewesen ist. Ja, daher kennt man ja diese Staaten. „Trinidad and Tobago“. „Former Yugoslav Republic of Macedonia“. „Netherlands“. And so on. Und „Armerika“ war eben noch nie dabei. Also, das wäre echt peinlich. Nicht immer das Naheliegende ist wahr. Ich meine, wenn man zum Beispiel „Trinidad and Tobago“ hört, denkt man sich auch: „Jetzt musste dich aber mal entscheiden! Ich sag ja auch nicht ‚Berlin und Brandenburg‘!“. Andererseits sagt mir die Suchmaschine, wenn ich „Armerika“ eingebe: „Meinten Sie ‚Amerika‘?“ – „Ja, das weiß ich eben nicht!“ – „Bitte wiederholen Sie Ihre Eingabe!“ – Ich glaub, ich lass das. Ist wohl das Beste. Für alle.

(Josef Bordat)

Werbeanzeigen

Wahrheit.tv

Bilderberg. – In einem Geheimpapier haben das internationale Finanzjudentum, Elvis Presley und Angela Merkel die Umvolkung Europas durch den unkontrollierten Zustrom von drei Milliarden Schwarzafrikanern nach Mecklenburg-Vorpommern beschlossen. Um die Bevölkerung zusätzlich um 50 Prozent zu reduzieren, werden flächendeckend Impfungen, Mikrowellenbestrahlung und professionelle Zahnreinigungen eingesetzt. Ferner wurde die Vereinbarung zur Grundwasserverseuchung mit weiblichen Hormonen verlängert, um die Frauenquote bis 2023 deutlich zu erhöhen. Der Beschluss wurde bei Enthaltung der Reptiloide in den Reihen der Regierung gefasst. Außerdem soll die BRD GmbH in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und bis zur nächsten Mondlandung an die Börse gebracht werden. Schließlich wurde vereinbart, jedem Bürger mit Vollendung des 14. Lebensjahrs im Rahmen der Volkszählung einen Chip zu implantieren. Der darin enthaltende Algorithmus kann das verschwundene Mittelalter finden, Chemtrails verfolgen, und er korrigiert automatisch die Rechtschreibfehler in den Protokollen der Weisen von Zion. Keine Änderung gibt es beim Mehrwertsteuersatz für Aluminium und bei der Abschaffung der Meinungsfreiheit, die Kritik und Satir… ahhh….

(Josef Bordat)

So war der erste Frauenfeiertag in Berlin

Während Freiberuflerinnen aus Zehlendorf eine Gelegenheit hatten, ihre Steuererklärung anzufertigen, und Studentinnen aus Friedrichshain endlich Zeit fanden, einer Demonstration beizuwohnen, hat das Ehepaar Schalupke aus der Weddinger Müllerstraße den Frauenfeiertag ganz bewusst erlebt. Das Protokoll eines langen Tages Reise.

7. März, 23:54 – Frau Schalupke putzt die Wohnung.

8. März, 0:02 – „Glückwunsch zum Frauentag!“ – „Dass Du daran gedacht hast!“ – „Naja…!“ – „Denn hör ick jetz ma uff, wa?“ – „Logo!“

8. März, 8:37 – Herr Schalupke bringt seiner Gattin das Frühstück ans Bett. „Allet da: Bulette, Molle, Korn!“ – „Na, Du bist mir ja… is det Hackepeter?“ – „Logo!“ – „Nein, also… ick danke Dir!“

8. März, 11:48 – Herr Schalupke kommt vom Einkaufen zurück und hat seiner Frau eine Plastikrose mitgebracht. „Hier!“ – „Mensch, heut‘ werd ick aba verwöhnt!“ – „Logo!“

8. März, 12:29 – Herr Schalupke hat für seine Gattin Spaghetti Bolognese gekocht. „So, denn lasset Dir ma schmecken!“ – „Hmmm… ‘anke!“

8. März, 13:50 – Herr Schalupke geht eine Runde mit dem Hund, Frau Schalupke hat sich hingelegt.

8. März, 17:50 – Herr Schalupke kommt zurück, hat Kuchen und Schnaps mitgebracht. „Kommsten Du jetz‘ her uff eenmal?“ – „Erzähl ick Dir morgen. Heute is Frauenfeiertag!“ – „Hattse doch uffgehabt?“ – „Naja…“ – „Ick wusste‘t!“ – „Jetz reg Dir nich uff. Vier, fünf Bier. Und dann war ick och schon wieder weg. Is ja heute…“ – „Frauenfeiertag! Nein, also jetz bin ick wirklich… jerührt!“

8. März, 19:09 – Herr Schalupke hat für seine Gattin Abendbrot zubereitet. Es gibt Buletten.

8. März, 20:23 – Das Ehepaar Schalupke sieht fern.

8. März, 23:57 – „Mensch, kiekma, wie det hier aussieht!“

9. März, 0:04 – Frau Schalupke putzt die Wohnung.

(Josef Bordat)

Liebe Schmiedeberg-Fahrerinnen und -Fahrer!

Nicht alles konnte in der Schmiede zur Aufführung gelangen, aber einiges werdet ihr sicher wiedererkennen.

***

TEIL I: Von Bier und Schland

Also, liebe Freude, zunächst mal was fürs Gemüt.

Das Lied vom Bier

Wenn ein Bier ich trinke,
Ein zweites für die Linke,
Ein zweites für die Linke,
Weil ich durstig bin.

Wenn zwei Bier ich trinke,
Ein drittes herbeiwinke,
Ein drittes herbeiwinke,
Bis ich locker bin.

Wenn drei Bier ich trinke,
Meine Seele schminke
Meine Seele schminke
Ich mit Nummer vier.

Bier fünf bis zehn ich trinke,
Bis ich niedersinke,
Bis ich niedersinke,
Weil ich müde bin.

(Text: Josef Bordat, Melodie: Hilf, Herr meiner Tage)

So, berechtigte Frage: Warum dieser exzessive Alkoholgenuss? Klar: Weil wir in der Krise stecken! Die Kirche, die Regierung und – der deutsche Fußball. Was war das für ein Katastrophenjahr 2018.

Schland in Trauer

Ganz Schlahand durch die Hölle ging.
Jekatharinenburg.
Zwei-hei mal verlorn binnen kurzer Frist.
Jogi, das war wirklich großer Mist.
Aus in der Vorrunde.

Da haben die Deutschen Trauer getragen.
Sotchi, Sankt Petersburg.
Als Franzosen den Pokal bekamen.
Da haben die Deutschen Trauer getragen.
Selbst Belgien war besser.

Engländer jubeln und Kroaten.
Moskau und Königsberg.
Wir singen ganz und gar danieder
unsre alten Trauerlieder.
(Pause)
Jungs, macht das nie wieder!

(Text: Josef Bordat, Melodie: Maria durch ein‘ Dornwald ging)

(PAUSE)

Ja. Nach der Krise im Deutschen Fußball… obwohl, eigentlich haben wir den Jungs doch längst vergeben, oder. (Applaus) Ja. Ich hab hier in Schmiedeberg auch schon wieder die ersten Hunde mit Jogi Löw-Frisur gesehen.

Naja, also nach Überwindung der Fußball-Krise stecken wir mitten in einer weiteren Krise. Ich sag nur:

Wohnungslos
In der Stadt
Weil kein Mensch mehr Wohnraum hat.

(Text: Josef Bordat, Melodie: Atemlos)

Und auch da ein kleines Lied. Zum Mitsingen! „Keine Wohnung mehr frei“…

(K)eine Wohnung ist frei

Eine Wohnung ist frei.
Wer kann sie bezahlen?
Nur der bleibet dabei
Der bereit ist für Qualen
1000 Euro Belohnung
Für bezahlbare Wohnung
Sonst heißt es, oh Schreck.
Die Wohnung? Schon weg!

Man hat’s schlicht versäumt,
Wohnraum zu schaffen.
Statt dessen gibt es viel
Zum Shoppen und Gaffen.
Berlin ist für Reiche,
Wer arm ist, der weiche.
Ja, weißt Du denn nicht:
Berlin ist längst dicht.

Keine Wohnung ist frei.
Von Rudow bis Tegel.
Der Mietspiegel steigt.
Wie ein Hochwasserpegel.
Und hast‘ dich geschunden,
Eine Wohnung gefunden.
Der Preis? Einerlei!
Ist eh nicht mehr frei.

(Text: Josef Bordat, Melodie: Die Gedanken sind frei)

Ja, soweit zur Lage der Nation!

Teil II: Sabinchen und andere Fälle

Also, ich höre mir das ja jetzt schon seit Jahren an. Ich meine, wir müssen mal über die Liedtexte reden. Stichwort: Sabinchen. Ich darf mal zitieren: „Da nahm er sein Rasiermesser / und schnitt ihr ab den Schlund“. Weiter: „Das Blut zum Himmel spritzte, / Sabinchen fiel gleich um“. Meine Damen und Herren, ich glaube wir sind uns einig: Sabinchen gehört nicht in eine Zeit der… Völkerverständigung.

Ein ähnlicher Fall ist jetzt in den USA aufgetreten. Da sucht eine junge Frau eine Mitfahrgelegenheit ins kalifornische (singend) „Mendocino“. Ja, „Mendocino“. So, jetzt Ruhe!

So. Aufpassen, Sachverhalt.

Wo sich die Person zum Zeitpunkt ihrer Anfrage aufhielt, ist unbekannt, der Angabe des mutmaßlichen Tatverdächtigen nach („auf der Straße nach San Fernando“) ist allerdings davon auszugehen, dass ihr Zielort Mendocino fußläufig vor Einbrechen der Dunkelheit nicht mehr zu erreichen war. Die kürzeste Distanz zwischen dem wahrscheinlichen Aufenthaltsort der Frau zum Zeitpunkt der Anfrage und dem Stadtzentrum von Mendocino beträgt 17,3 Meilen, umgerechnet 27,5 Kilometer. Bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit einer erwachsenen Frau jüngeren Alters und Normdaten hinsichtlich Größe, Gewicht und gesundheitlicher Konstitution von sieben Kilometer pro Stunde, hätte die Antragstellerin etwa vier Stunden gebraucht, um ihr Ziel zu erreichen.

Zudem ist davon die Rede, das potentielle Opfer habe sich „wartend in der heißen Sonne“ befunden. Es ist also davon auszugehen, dass die junge Frau bereits unter erheblicher Dehydrierung gelitten haben muss und daher ihr „nimm mich bitte mit nach Mendocino“ ausschließlich als Hilferuf aus einem subjektiven Notstand heraus zu verstehen ist.

Soweit der Sachverhalt.

Anders offenbar die Interpretation des Perverslings mit der Mobilitätsmacht. Der glotzt nur blöd und gibt das hinterher den Ermittlungsbehörden gegenüber auch unumwoben zu: „Ich sah ihre Lippen, ich sah ihre Augen“. Selbst Details merkt sich der Mann in seiner Obsession („die Haare gehalten von zwei goldenen Spangen“). Unter diesem enormen Druck ist die zweckopportune Einlassung der jungen Frau („Sie sagte, sie will mich gern wiedersehn“) völlig gegenstandslos.

Dennoch raubte es dem nun vollends vernebelten Mann die letzte Kontrolle über Sinne und Verstand: „Doch dann vergaß ich leider ihren Namen“. Die Konsequenz: Der mehrfach vorbestrafte Fahrzeughalter fährt nach eigenen Angaben nun jeden Tag nach Mendocino („Ich fahre jeden Tag nach Mendocino“), um die junge Dame ausfindig zu machen, auf tätige Mithilfe der 894 Einwohner (Stand: 2010) hoffend („An jeder Tür klopfe ich an“), vergeblich, wie sich herausstellt („Doch keiner kennt mein Girl in Mendocino“).

Jetzt mal unter uns: Der Typ ist erst zu doof, sich die Kontaktdaten geben zu lassen und belästigt anschließend einen ganzen Ort! Auf die Idee, dass längst die Sicherheitskräfte von Mendocino die Einwohner der Kleinstadtsiedlung instruiert haben, den Aufenthaltsort der jungen Frau, die in der kranken Phantasie des Triebtäters längst zu „seinem Girl“ geworden ist, in keinem Fall preiszugeben, kommt er natürlich nicht!

Übrigens: Kein Einzelfall. Und ich mein jetzt noch nicht mal Roland Kaisers „Manchmal möchte ich schon mit dir“!

Meine Damen und Herren, ein Großteil der von mir untersuchten Musikstücke beschäftigt sich jedoch insbesondere mit gesellschaftspolitisch eher randständigen Themen wie der Finanzkrise („Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld“), deren Bewältigung durch das subventionierte europäische Bankensystem („Die Karawane zieht weiter“), der zunehmend restriktiven Praxis baden-württembergischer Behörden in Fragen des Asylrechts („Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“) sowie der Beziehung von liberalem Bürgertum und restriktiver Staatsräson im Hinblick auf Justizvollzugsanstalten in der Türkei („Einer geht noch, einer geht noch rein“).

(Pause)

Tendenziell überwiegen jedoch kontraemanzipatorische Topoi, was eine Fokussierung auf den Aspekt „Geschlechtergerechtigkeit“ im Rahmen des Liedguts nahe legt. Dabei geht es mir nicht mal um jene unzweideutigen Transportationsofferten im Kontext des Strukturwandels innerhalb landwirtschaftlicher Produktionsbetriebe der Voralpenregion – Ja: „Resi, I hol di mit’m Traktor ab“), sondern es mir um einen eklatanten Fall von Entgleisung in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit.

Meine Damen und Herren, ganz besonders exponiert ein diesbezüglich als Dauerbrenner zu bezeichnender musikalischer Essay jede Session aufs Neue die zunehmend distinguierenden Verhältnisse unter den Konditionalitäten des Patriarchats, Bedingungen, die die Abhängigkeitsbeziehung der Frau vom Mann zementieren, der seine sozio-ökonomische Privilegiertheit schamlos ausnutzt: „Er hat ein knallrotes Gummiboot.“ Er, der Mann, ist im Besitz der Produktionsmittel. Er, der Mann, ist Inhaber des Mobilitätsmonopols: „Mit diesem Gummiboot fahr’n wir hinaus! / Er hat ein knallrotes Gummiboot / und erst im Abendrot kommen wir nach Haus!“

Meine Damen und Herren, es stellt sich die Frage: Mit welchem Recht fährt der Mann mit seinem unschuldigen Opfer „hinaus“, mit welchem Recht erfolgt die Rückkehr „erst im Abendrot“? Was ist dies anderes als romantisch verklärte Freiheitsberaubung unter den Bedingungen gesellschaftlich beförderter ökonomischer Differenz?

Selbstverständlich beschränkt sich der Besitz des Mannes auf das zweckrational erforderliche Minimum: „Wir haben kein Segel und keinen Motor und keine Kombüse / Oh nein!“ – Kein Segel, kein Motor, keine Kombüse. Artefakte, welcher der weiblichen Begleitung in ihrer Zwangslage zumindest einen Rest an Menschenwürde ließen, sind nicht vorhanden. Die revolutionäre Reaktion ist in diesem Kontext nur zu verständlich („Oh nein!“). Sie ist das Wiedererwachen und Aufbegehren des antipatriarchalischen Pathos. In diesem „Oh nein!“ bündelt sich der Freiheitsdrang der unterdrückten Frau. Dieses „Oh nein!“ ist eine Absage an jede Form maskuliner Oppression. Doch letztlich verhallt dieser Schrei der Verzweiflung in den Abgründen der Männergesellschaft, denn es bleibt dabei: „Er hat ein knallrotes Gummiboot, / mit diesem Gummiboot fahr’n wir hinaus!“

(Pause)

Ein weiteres Beispiel besonders drastischer Ungerechtigkeit im Verhältnis der Geschlechter zeigt sich in einem Lied, das andeutet, wie tief bereits die hierarchisierte Sozialstruktur in Ritualen an und für sich zweckfreier Freizeitgestaltung verwurzelt ist: „Er steht im Tor, im Tor, im Tor und ich dahinter.“ Er im Tor, ich dahinter. Deutlicher ist das Rollenverhältnis selten auf den Punkt gebracht worden. Durch die dreimalige Wiederholung („im Tor, im Tor, im Tor“), die wie Hammerschläge auf die feminine Seele einwirken, wird die Feststellung „und ich dahinter“ dramatisch vorbereitet. Der Mann steht im Tor und damit gleichsam im Zentrum der Macht, die Frau bleibt dahinter verborgen und von jeder Partizipationsmöglichkeit prinzipiell ausgeschlossen. Das Spiel, um das es geht, findet ohne sie statt. Mehr noch: „Frühling, Sommer, Herbst und Winter bin ich nah bei meinem Schatz / auf dem Fußballplatz“. Der Mann wird als „Schatz“ verklärt, die Frau hat ihm permanent („Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter“) „nah“ zu sein, ganz gleich, an welch’ unwürdigen Stätten er sich aufhält („auf dem Fußballplatz“). Dass dies nur unter Aufgabe aller Minimalanforderungen an Geschlechtergerechtigkeit realisierbar ist, wird verschwiegen.

Doch nicht nur das ökonomische Gefälle oder die psychosozialen Interdependenzen des Freizeithabitus stabilisieren das Patriarchat, nein, es sind auch die in den familiären Strukturen über Generationen tradierten männlichen Vorstellungen zur Daseinsbewältigung, die Frauen einseitig festlegen. Dies kulminiert vor dem Hintergrund der kontemporären Anthropologie in einer subtilen Indoktrination hinsichtlich unterstellter genetischer Dispositionen, die angeblich geeignet seien, die patriarchalischen Abhängigkeitsverhältnisse biologistisch zu legitimieren: „Mein Vater war ein Wandersmann und mir steckt’s auch im Blut.“ – Die wehrlose Tochter ist prädeterminiert durch Leidenschaften des „Vaters“, ohne die Möglichkeit zu haben, eigene Strategien zur Verortung von Lebensinteressen zu entwickeln. Die Verzweiflung, die angesichts der ausweglosen Interdependenz nur zu verständlich ist, wird durch fatalistischen Zweckoptimismus zu überwinden versucht („D’rum wand’re ich froh“), der die Frau an die Grenzen ihrer Resistenzen führt („so lang ich kann“), gepaart mit übersprungshafter Kompensationsaffektivität („und schwenke meinen Hut.“). Im sich unmittelbar anschließenden Refrain zeigen sich erste Spuren eines beginnenden inneren Verfalls („Falderi, faldera“), der sich in bizarren Wahn hineinsteigert („Falderi, falderahahahaha“). Es wird klar: Die Tochter ist das a priori wehrlose Opfer der grausamen Methoden des penetranten „Vaters“, der sein Partikularinteresse am „Wandern“ ins „Blut“ seiner weiblichen Nachkommenschaft „steckt“. Es stellt sich angesichts dessen die Frage: Wo ist die Mutter des Opfers? Ist sie etwa – verzeihen Sie mir die polemische Note – „Wandersfrau“? Sicherlich nicht! Die Einseitigkeit manipulativer Edukationsansätze unter der falschen Prämisse genotypischer Realitäten und fragwürdiger epistemologischer Paradigmata ist offenkundig.

Die einzige Hoffnung, die mir angesichts dieses Befundes bleibt, ist die, das die Forschungsresultate der Gender-Studies endlich auch im Liedgut Berücksichtigung finden. Diese Hoffnung ist nicht so illusorisch, wie die Analyse vermuten lässt. Es gibt einen Silberstreif am Horizont: „Scheißegal, scheißegal, ob de ’n Huhn bis’ oder ’n Hahn“. Ich denke, diese Einsicht wird sich langfristig nicht unterdrücken lassen.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit!

***

Bis zum nächsten Mal, Ihr Lieben!

Euer
Josef

Treffen sich ein Benediktinernovize, ein Franziskanernovize und ein angehender Jesuit auf ein Bier

Treffen sich ein Benediktinernovize, ein Franziskanernovize und ein angehender Jesuit auf ein Bier in der Kneipe und sprechen über ihre Berufung und die Anforderungen des Ordenslebens.

Sagt der Benediktinernovize: „Wisst ihr, ich glaube an Gott den Allmächtigen, an Jesus Christus, seinen Sohn, an die Jungfrau Maria, an die heilige katholische und apostolische Kirche, an die Auferstehung und das ewige Leben. Aber das reicht meinem Orden nicht. Fünfmal die Woche muss ich zum Gesangslehrer, um später unseren Chor zu verstärken.“

Sagt der Franziskanernovize: „Das ist doch noch gar nichts! Auch ich glaube an Gott den Allmächtigen, an Jesus Christus, seinen Sohn, an die Jungfrau Maria, an die heilige katholische und apostolische Kirche, an die Auferstehung und das ewige Leben. Und das reicht meinem Orden auch nicht. Fünfmal die Woche muss ich zum Kochkurs, damit ich in unserer Suppenküche neue Rezepte ausprobieren kann.“

Der angehende Jesuit seufzt. Bei mir ist das so: „Ich glaube an Gott den Allmächtigen, an Jesus Christus, seinen Sohn, an die Jungfrau Maria, an die heilige katholische und apostolische Kirche, an die Auferstehung und das ewige Leben. Doch das reicht meinem Orden nicht. Ich muss zudem alles tun, damit das keiner merkt.“

(Josef Bordat)

Eine Filmbesprechung

In seiner Faust-Trilogie („Vier Fäuste gegen alle“, „Vier Fäuste schlagen zu“ und „Vier Fäuste schlagen erneut zu“) versucht sich der umstrittene turkmenische Filmemacher Ivanko Jarislawenkow an Grundkonstellationen menschlicher Existenz. Unter dem Leitmotiv physischer Konfliktlösungsmuster wird in archaischer Klarheit die Problematik der Postmoderne herausgearbeitet und in präzisen Dialogen fortwährend perpetuiert. Wenn seine schweigsamen, introvertierten Figuren einander nähern, ist die Konfrontation unausweichlich („Ich brech dir deine hässliche Nase, du Stinktier!“). Auch, wenn die Dialoge zuweilen ins Aphoristische hineinspielen („Ohne Hafer kann das beste Pferd nicht furzen!“), bleiben sie doch hinter der ausgewogenen Fotografie zurück. Jarislawenkows cineastischer Essay überspannt den Topos der Selbstbehauptung ganz bewusst. Phasenweise kulminieren die einzelnen Handlungsstränge in Szenen von chaotischer Kommunikation („Nimm das!“ – „Ah!“ – „He, he!“ – „Vorsicht!“ – „Na, wo kommst du denn her? Hier – schön zurück ins Körbchen!“ – „Ah!“ – „He, he, he!“). Insgesamt plädiert Jarislawenkow jedoch für die nonverbale Option des kommunikativen Aktes, der in seiner ganzen Ästhetik schonungslos freigelegt wird. Er trifft damit gleichsam ins Zentrum existentieller Vergewisserung des Eigenen in einer zunehmend fragilen und formlosen sozialen Umwelt. Denken wir nicht alle bisweilen: „Schnauze, sonst schlag ich dir den Schädel ein!“?

(Josef Bordat)