Im Fitness-Studio

Neben einer ausgewogenen Ernährung ist mäßige, aber regelmäßige Bewegung an der frischen Luft eine herausragende Ingredienz gelingenden Lebensvollzugs. Merke: Hauptsache gesund! Da spielt es dann auch keine Rolle, dass die frische Luft aus der Klimaanlage eines Fitness-Studios kommt. Denn das tut sie heutzutage. Das Laufband im Fitness-Studio ist der tannennadelbedeckte Waldweg des Großstädters. Seine Sonne hat 40 Watt und scheint rund um die Uhr. Immer bereit für ein wenig Bewegung.

Doch eigentlich wollte ich was ganz anders erzählen. Ich will erzählen, wie es so ist, im Fitness-Studio. Kurz: Wunderbar! Was kann es Schöneres geben als zwanglose Leibesübungen in einer Gemeinschaft Gleich- oder zumindest Ähnlichgesinnter? Neben der Gesundheit steht dabei die Freude im Vordergrund. Leistung – das war vielleicht einmal. Darüber sind wir längst hinweg. Uns, den etwa 50jährigen, geht es um die ganz individuelle Gesundheitsvorsorge mit einer Kombination aus „Cardio“ und „Gym“. Um nichts anderes.

Auch wenn dem alternden Besucher eines Fitness-Studios also jegliche Ambitionen fehlen, so bleibt es doch eine anthropologische Konstante, dass wir den Vergleich der Kräfte suchen. Und siegen wollen. Ich weiß nicht mehr, wer es war, der diesen Gedanken hatte. Platon. Oder Robert Lewandowski. Ist ja auch egal. Am Ende richtet sich der eiserne Wille zum Standhalten im Kampf bei der Generation „50plus/minus“ höchstens gegen den inneren Schweinehund. Alles andere ist Sache der Jugend der Welt, die Thomas Bach so am Herzen liegt.

„Cardio“ und „Gym“ bedeutet, zwanzig Minuten auf dem Fahrrad-Ergometer strampeln und zwanzig Minuten Rückenübungen gegen den drohenden Bandscheibenvorfall. Ich setze mich auf eines des Fahrräder, gleich neben Professor Petershagen, seines Zeichens ein renommierter Psychotherapeut. Wir nicken uns zu. Faire Geste. Gegenüber eine Gruppe Frauen auf Sitzfahrrädern, die Kreuzworträtsel lösen, während sie aufreizend langsam ihre Knie auf und ab bewegen. Einige halten 1000-Seiten-Romane in der Hand und lesen. Möglicherweise als zusätzliche Gewichtsbelastung. „Cross Fit“ für‘s Alter. Vielleicht aber auch nur, um nicht einzuschlafen. Andererseits sorgt dafür schon der pausenlose lebhafte Austausch.

Vor der Kulisse von schnatternden, blätternden, kreuzworträtsellösenden und insgesamt recht gut gelaunten Damen mittleren und gehobenen Alters beginnen Petershagen und ich mit der Übungseinheit. Jeder so, wie es geht. Ist ja schließlich nicht die Tour de France. „Stufe 10“, murmelt Petershagen, scheinbar gedankenverloren, doch gerade so laut, dass ich es höre. Vielmehr: So laut, dass er berechtigterweise meinen durfte, ich müsse es hören können. Eine Provokation. Andererseits: Stufe 10 bei der Frequenz – eine schöne Leistung. Denke ich. Ach, was – darum geht es doch nicht. Schon vergessen? Gesundheit, nicht Leistung!

Ich schalte auf Stufe 7. Das ist nicht weit weg von meiner persönlichen Bestmarke, aufgestellt auf einem Höhenergometer in St. Moritz. Allmählich steigere ich die die Trittfrequenz. „Bingo!“ ruft eine der Damen, reckt ihr Tableau in die Höhe und alle klatschen. Alle außer Petershagen und mir. Tief über den Lenker gebeugt halten wir den Rhythmus. Wie die Pleuelstangen einer Dampfmaschine rotieren meine Beine. Ich verlasse die ergonomische Position nur kurz, um eine weitere Stufe hochzuschalten.

Petershagen hat ebenfalls die Frequenz erhöht und bleibt dran. Unsere Blicke treffen sich. Wer macht den ersten Fehler? Wer geht zu früh in die nächste Tempoverschärfung? Schließlich sind es bis zu „Rücken I, Senioren“ noch acht Minuten. In identischem Rhythmus geht es hoch auf den Tourmalet. Nur einer von uns bekommt am Gipfel die zehn Sekunden Zeitgutschrift. Petershagen kämpft. Aus dem Augenwinkel bemerke ich seinen hin und her schwankenden Oberkörper. Mit letzter Kraft richte ich mich auf und nehme betont lässig einen Schluck aus der Trinkflasche. Meine Oberschenkel brennen wie Feuer und mein Herz schlägt bis zum Gaumen, doch die Botschaft kommt an. Petershagen, der Mann an meinem Hinterrad, verlangsamt die Fahrt und steigt von der Maschine. „Rückengymnastik“, deklamiert er ächzend in meine Richtung. Als sei das der Grund für den Ausstieg! Na, warte, Dir werd‘ ich…! – Schwarz. Es ist alles schwarz!

„Geht es wieder, Herr Borchert?“ Die Stimme der Trainerin klang seltsam verzerrt, wie aus ganz weiter Ferne. „Ja, ja. Wo bin ich?“ – „Rücken I.“ Ich musste kurz ohnmächtig geworden sein, denn wie mein geschundener Körper, den ich nur noch in Teilen spüren konnte, vom Ergometer auf die Gymnastikmatte gelangt war, wusste ich beim besten Willen nicht. Neben mir lag Petershagen und grinste. „Was ist – Liegestütze?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, begann er zu pumpen und presste die Wiederholungszahl durch die fest zusammengebissenen Zähne. „… mpfzehn, sech-zehn, siebzeee, acht… boh!“ – „Alle Achtung, Herr Professor!“ – „18!“ Petershagen war der personifizierte Stolz. „Na, die beiden letzten waren aber nicht ganz unten, oder?!“ – Petershagen schnaubte. „Wir wollen uns doch nicht streiten!“ Nein, nein. Sagte ich. Und beantragte den Videobeweis.

Seine Frau hatte zwischenzeitlich ihr Training (zwei Sudokus, ein Romankapitel) beendet und erinnert ihren Gatten freudestrahlend an einen Anschlusstermin. „Ja, doch“, erwiderte Petershagen unwirsch. Dann erhob er sich und ging grußlos am Sitzfahrräderlesesaal vorbei in die Umkleide. Nun war es an mir, die Zahl der Liegestütze zu übertreffen. „Was ist, Herr Borchert?“ Ich machte mich ans Werk. Wie viele es waren? Nun, zunächst einmal: Es geht hier nicht um Leistung. Es geht um Gesundheit. Um die Kräftigung des Bindegewebes, um die verbesserte Sauerstoffversorgung der Extremitätenmuskulatur und eine größere Beweglichkeit im Bereich der Halswirbelsäule. Wenn man erst mal um die 50 ist, dann ist so etwas viel wichtiger als schnöde Leistungsdaten.

21. Einundzwanzig. Ein-und-zwan-zig. Yes!

(Josef Bordat)

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BVG-Rap

Ich stehe an der Haltestelle
Und schreibe auf
Der Innenseite
Einer Schokoladenverpackung
Das Konzept
Eines Textes
Der eigentlich schon
Fertig sein müsste
Längst

Ich schreibe
Einfach so
Weil noch Zeit ist
Denn der Bus kommt
Heute später
Oder gar nicht
Wer weiß das schon
Außer Gott

Eine Großbaustelle
Am Rathaus Steglitz
Erschwert
Sämtlichen
Verkehrsteilnehmern
das Durchkommen

Kommt er noch?
Sie blickt mich fragend an
Mit strahlenden Augen
Auf den Rollator gestützt
Ich weiß es nicht
Ich weiß es nicht
Ich weiß es nicht
Andere blicken auf ihr Smartphone
Und sind auch nicht
Schlauer

Da kommt er!
Ach, ne: Betriebsfahrt
Werde ich wohl
Weiter warten
Vielleicht ja bis
Zum Morgengrauen

Gut, ist nicht so toll
Der ganze Rap
Aus Steglitz
Wo ich steh
Immer noch
In der Nacht
An der Haltestelle
Aber wenigstens nicht
Antisemitisch.

(Josef Bordat)

Der Tag des Bäckers

Was, so fragt die Zeitung Die Welt jüngst in ihrer Online-Ausgabe, kann man Sinnvolles am Sonntag tun? Unterstellend, dass viele Menschen einfach in den Sonntag hineinleben („ausschlafen, rumgammeln und einfach mal rein gar nichts tun“ – Titel des Stücks: „Sie dürfen Ihren Sonntag nicht so verschwenden!“), fühlt sie sich berufen, der geneigten Leserschaft einige Tipps zur Gestaltung des Sonntags mit auf den Weg zu geben, Motto: „Machen Sie Ihren Sonntag doch zum produktivsten Tag der Woche“. Wie geht das? Ganz einfach: auf sich selbst besinnen, die freie Zeit optimal nutzen, produktiv sein, nicht unbedingt einen Wecker stellen. „Stattdessen langsam wach werden und sich dabei fragen, was man gerade wirklich braucht“. Smartphone beiseite lassen („man kümmert sich erst mal nicht um Instagram und Mails, sondern um sich selbst“), „digital detoxing“ heißt das auf deutsch, das tut man „für mindestens eine Stunde nach dem Aufstehen“, Frühstück im Bett. Sollte das mit dem Smartphone Probleme bereiten (man geht offenbar davon aus): Es gäbe Apps für’s Smartphone, die „helfen, sich zu Smartphone-Pausen zu motivieren“ (nein, ich denke mir das nicht gerade aus, um die Spalte vollzubekommen – das steht da wirklich). Sonst noch was? Ja: Ruhe und frische Luft, Tee oder Kaffee, eine Runde um den Block, zum Bäcker gehen („Der Spaziergang bringt den Körper auf Trab, die frische Luft macht wach und energiegeladen – und bestenfalls hat man danach alles für ein gediegenes Frühstück zusammen“). Nach dem Frühstück: die Woche planen. Zitat: „Dafür gibt es sogar speziell vorgefertigte Varianten, wie den ‚Happiness Planner‘ oder den ‚Getting Things Done Planner’“. Danach kann man ja mal aufräumen, denn: „Nicht nur Planung, sondern auch Ordnung hilft, befreiter und glücklicher zu leben“. Und wenn das alles erledigt ist, das Glück geplant und die Ordnung aufrecht erhalten wurde, kann man sich ja mal dazu nötigen, „entspannt ein Buch zu lesen, Musik zu hören oder das Beauty-Komplettprogramm“ – auszuführen, nehme ich an ( Beauty-Komplettprogramm steht im Text ohne Prädikat; wahrscheinlich ist allen außer mir klar, was man mit einem Beauty-Komplettprogramm für gewöhnlich tut). Das wär’s dann aber, oder? Fast! Fernsehen? Eher nicht. Das heißt: „Gegen einen (!) Film am Abend ist allerdings nichts einzuwenden“. Und, weiter? Nichts: „weiter“! Die Welt schafft es, einen Artikel über die sinnvolle Nutzung des Sonntags zu schreiben, ohne auch nur ein einziges Mal die Möglichkeit zu erwähnen, dass man – festhalten! – ja auch mal zur Kirche gehen könnte. Irgendwann zwischen Bäcker und Beauty. Digital detoxing, Getting Things Done Planner, Spaziergang – Gottesdienst, Kirchgang, Heilige Messe, das kommt für die Welt am Sonntag hingegen nicht in Frage. Kein Wunder: Der „erste Tag der Woche“ (Joh 20, 1) wurde in den Augen der Welt längst zum „letzten Tag des Wochenendes“ (Die Welt). Warum nicht gleich: Tag des Bäckers.

(Josef Bordat)

Mein Bier?

Da verzichtet man als guter Katholik vierzig geschlagene Tage (und Nächte) auf Alkohol und freut sich auf das erste Bier zu Ostern („in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche“) und dann das:


Lutherbier.

Die Bußzeit geht weiter.

Schmeckt aber gar nicht mal so schlecht.

Nächstes Jahr dann aber wieder ein Franziskaner.

Frohe Ostern!

Ihr und Euer

Josef Bordat

Berlin: „Ostern abschaffen!“

In der Berliner Politik werden Stimmen laut, das Osterfest abzuschaffen. „Wenn keiner mehr an Jesus glaubt, dann können wir uns das verlängerte Wochenende auch sparen“, so Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Tatsächlich beträgt der Anteil der Christen an der Berliner Bevölkerung jüngsten Studien zufolge nur noch 25 Prozent.

Stattdessen werde ab 2019 am Ostertermin unter dem Leitwort „Du führst mich hinaus ins Weite“ das BER-Fest gefeiert. „Schließlich kostet der uns mehr als 30 Silberlinge“, fügte Müller grinsend hinzu. Berlins Erzbischof Heiner Koch zeigte sich enttäuscht von der Berliner Politik. „Da hätte ich auch in Düsseldorf bleiben können!“, so der rheinische Oberhirte. „Da hat man wenigstens Karneval. Und einen Flughafen.“

(Josef Bordat)

Ich will tanzen!

Eigentlich tanze ich nie. Kann ich gar nicht. Will ich auch nicht. Also: können. Ich will es nicht können – tanzen. Aber ich will es dürfen! Vor allem, wenn ich es nicht tun soll. Obwohl ich also nie tanze, juckt es mich seit gestern Abend gewaltig unter den Fußsohlen. Mein Denken wird ab Gründonnerstag, 18 Uhr für 36 Stunden nur noch von einem Mantra beherrscht: Ich will tanzen! Danach legt sich der Anfall wieder. Kenne ich. Aus den letzten Jahren. Immer das gleiche. Aber diese 36 Stunden sind grauenhaft! Das kann ich Ihnen sagen! Ja. Ich will tanzen. Aber ich darf nicht! Die Macht der Kirche nimmt mir das Menschenrecht auf Bewegung meines Körpers zu Musik. Ich werde diskriminiert! In meiner Freiheit eingeschränkt, in meinem Selbstbestimmungsrecht beschnitten! Ich leide! Jahr für Jahr wird mein gepeinigter, geschundener Leib gewaltsam in den Sessel gepresst und muss regungslos das Ende des Tanzverbots abwarten. Jawohl: Tanzverbot! Die Kirche verbietet das Tanzen an Karfreitag unter Androhung von Folter. Wie bitte? Um die Kirche geht es gar nicht? Sondern um gesellschaftliche Konventionen? Stille Tage? Am Volkstrauertag darf auch nicht getanzt werden? Jetzt lenken Sie mal nicht ab! Daran sieht man doch, wie groß die Macht der Kirche ist: Sie muss gar nicht in Erscheinung treten und trotzdem tanzen – Entschuldigung! – alle nach ihrer Pfeife. Außerdem wird am Volkstrauertag der Opfer der Weltkriege gedacht! Und wer hat die angezettelt? Eben! Nein, nein – wenn wir nicht wollen, dass uns die Kirche morgen das Atmen verbietet, müssen wir uns heute wehren! Ergo: Ich werde tanzen, an Karfreitag! Kann mir keiner verbieten! Schon gar nicht die Kirche! Also, was ist: Tanzen Sie mit? Wie bitte: Sie tanzen nie? Spielt doch keine Rolle! Jetzt geben Sie sich einen Ruck! Sie haben ja dann wieder ein ganzes Jahr Ruhe.

(Josef Bordat)

Uhrumstellung

Die Umstellung der Uhren auf Sommerzeit ist jedes Frühjahr ein besonders Erlebnis. Also, eigentlich müsste ich gar nichts weiter tun, denn die Funkuhr stellt sich automatisch um. Von 1:59 Uhr springt sie halt auf 3:00 Uhr und nicht auf 2:00. Das ist alles.

Aber seit einigen Jahren habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, diesen Prozess ganz bewusst zu begleiten, zur Sicherheit. Man kann ja nie wissen. Vertrauen ist gut, nachts um 1:59 Uhr gebannt auf das Ziffernfeld des Weckers starren, ist besser.

Und dann ist es ja auch ein faszinierendes Phänomen, wenn die Uhr – jeder Logik zeitlicher Kontinuität zum Trotz – von 1:59 Uhr ohne Umschweife auf 3:00 Uhr springt. Ich bin dann immer so aufgeregt, dass ich meine Frau wecken muss. „Guck mal, Schatz: Sommerzeit!“

Ich überlege mir, ob man nicht dieses Umstellungsprozedere zu einer Art Silvesternachfeier ausbauen könnte. So mit Countdown und Sekt. Und alten Rockkonzerten auf 3 Sat. Ich meine, dass die Uhrumstellung kommerziell noch gar nicht richtig ausgeschlachtet ist. So ganz ohne Partymeile und ohne David Hasselhoff. Da ist noch Luft nach oben.

Vielleicht findet sich im Herbst wenigstens eine Gruppe Gleichgesinnter, die sich mit mir den Funkwecker anschaut, wie er von 2:59 Uhr auf – oh, Zeiten und Sitten – 2:00 Uhr zurückspringt. Einfach so. Wie von Geisterhand. Überlegen Sie sich’s. Es gibt Sekt.

(Josef Bordat)