Drei heilige Könige

Mitten im Sommer, ziemlich genau ein halbes Jahr nach den Heiligen Drei Königen aus dem Osten, feiert die Kirche drei heilige Könige aus dem Norden: Erich IX. von Schweden, Knud IV. von Dänemark und Olaf II. von Norwegen. Die skandinavischen Regenten lebten etwa ein Jahrtausend nach den Weisen aus dem Morgenland.

Olaf II. (955-1030) vollendete in Norwegen die von seinem Vorgänger begonnene Christianisierung, holte Missionare ins Land, ließ Kirchen bauen. Das damals vorherrschende Heidentum bekämpfte er kompromisslos, wurde daraufhin verjagt und fiel beim Versuch, die Macht zurückzuerobern.

Knud IV. (1040-1086) hat den Kirchbau in seiner Heimat Dänemark gefördert und sich um ein reiches kirchliches Leben bemüht. Er wurde während eines Aufstands in der St. Alban-Kirche in Odensee ermordet.

Erich IX. (1120-1160) hat sich durch die Missionierung der Finnen einen Namen gemacht. Er wurde während eines Gottesdienstes erschlagen. Erich ist der Schutzpatron Schwedens.

(Josef Bordat)

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Thomas

Oder: Vom Wert des Zweifels für den Glauben

Thomas ist der Apostel mit dem wohl modernsten Zugang zum Herrn: Er glaubt nur, wenn er den empirischen Beweis für den Inhalt des Glaubens erhält. Als die anderen Jünger ihm von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen berichten, entgegnet er: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“ (Joh 20, 25). Wer wollte ihm diesen Zweifel verdenken? Am wenigsten wohl die Kirche, deren bedeutendste Heilige die Anfechtung des Zweifels kennen lernten. Sie feiert heute das Fest des „ungläubigen“ Thomas.

Mit dem Zweifel ist das so eine Sache. Er stört natürlich das Idyll der harmonischen Glaubensgemeinschaft, in der sich alle einig sind, doch andererseits hat er seinen Wert, weil er mit der Wahrheit, auf die sich die Gemeinschaft im Glauben ausgerichtet hat, in enger Verbindung steht. Dadurch, dass sich Zweifel nicht in Negation erschöpft, sondern eine Brücke baut zur Wahrheit, Bedingungen nennt, unter denen die Wahrheit annehmbar ist, nachfragt, wie sich die Wahrheit verstehen lässt, dadurch verweist der Zweifel auf die Wahrheit. Das ist sein großer Wert.

Man kann nur an Dingen zweifeln, von denen man meint, dass sie wahr sein könnten. Zweifel sind ohne Wahrheit nicht möglich, denn worauf sollten sie sich beziehen, wenn nicht auf eine Aussage, die als Wahrheit geäußert wird und nicht nur als beliebige oder sinnlose Bemerkung. Wenn es kompletter Unsinn ist, den ich höre, gehe ich nicht zweifelnd darauf ein. Auf kompletten Unsinn kann man keinen Zweifel richten. Wenn mir also jemand sagt (und in Berliner U-Bahnen passiert das schon mal), die blauen Schuhe seien im Hafen fröhlicher als vorgestern, dann bezweifle ich das nicht, indem ich frage: „In welchem Hafen?“ – „Wieso gerade da?“ – „Und warum blau? Sind Sie sich da sicher?“

Zweifel basiert also auf einer Anerkennung der Möglichkeit von Wahrheit in der bezweifelten Sache. Mehr noch: Zweifel, der geäußert wird, zeigt Interesse an der Wahrheit. Ist da was dran an der Erscheinung des Auferstanden? Wenn Thomas keinerlei Interesse gehabt, keine Sehnsucht gespürt, keinen Wunsch in sich empfunden hätte, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, hätte er sich nicht zweifelnd gezeigt, sondern ablehnend. Vielleicht wäre er dann schlicht zur Tagesordnung übergegangen. Hätte „Ach, was?!“ gesagt und gefragt, was es zu essen gibt. Aber irgendetwas an dem, was man ihm sagte, reizte ihn, so dass er es genauer erfahren wollte – sinnlich.

Das ist typisch – für die Neuzeit. Seit Bacons Begründung der modernen Erfahrungswissenschaft im frühen 17. Jahrhundert, die in der Induktion ihr Schlüsselmoment der Erkenntnisgewinnung birgt, glauben Menschen, nur noch das wissen zu können, was sich sinnlich erfassen lässt. Der moderne Mensch neigt weiterhin dazu, sich durch Reduktion auf sinnliche Erfahrung einen schlichten Bezug zur Immanenz der Welt aufzubauen und die Beziehung zur Transzendenz abzubrechen. So kann er sich der Zweifel entledigen, die mit dem religiösen Glauben für ein Sinnenwesen notwendig verknüpft sind. Manche meinen gar, durch die Verbindung von Erfahrung und Erkenntnis zu wissen, dass man nicht glauben kann, was sich nicht sinnlich erfassen lässt.

Thomas erhält auf seine zweifelnde Anfrage eine Antwort in gleicher Münze: eine sinnliche Erfahrung. Jesus sagt ihm: „Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh 20, 27). Thomas’ Glaube („Mein Herr und mein Gott!“, Joh 20, 28) ist Resultat dieser Erfahrung („Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du.“, Joh 20, 29). Wie groß ist unsere Sehnsucht nach solch einer Erfahrung, die alle Zweifel ein für alle mal beseitigt! Doch Jesus selbst erteilt ihr eine Absage: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20, 29). Was wäre das auch für ein „Glaube“, wenn ihm die gleiche epistemische Gewissheit innewohnte wie der Erkenntnis, dass Gras grün ist!

Wären wir wirklich einen Schritt weiter, wenn wir eine direkte sinnliche Erfahrung Gottes machten? Würden wir nicht eher an unserem Verstand zweifeln, als uns dadurch des Glaubens vergewissern zu können? Gotteserfahrung geht anders, sie ist mittelbar, verschleiert, schwer verständlich. Sie lässt Raum für Zweifel – und Glauben. Die biblische Offenbarung kann eine Quelle dieser Erfahrung sein, die Kirche mit ihren Heiligen, aber auch der Mitmensch, durch den Gott uns anspricht. Dem „Thomas in uns“, der nach Gewissheit schreit, lässt sich sagen: Gott darf nicht bewiesen werden, selbst wenn dies leicht wäre. Gott muss bezeugt werden, auch wenn es schwer fällt.

Und: Gott darf bezweifelt werden. Wie gut, dass Thomas seine Zweifel an der Auferstehung deutlich anmeldet! Es gehört Mut dazu, den Mund aufzumachen und das zu bezweifeln, was alle Anderen begeistert sein lässt. Viel einfacher wäre es wohl gewesen, die Zweifel zu unterdrücken und mitzuschwärmen. Für die Stimmung wäre das sicher gut gewesen, doch so hätte Thomas wohl bei der ersten Glaubenskrise die Flinte ins Korn geworfen. Seine Missionsreise hätte ihn wohl kaum über den Irak und den Iran bis nach Indien geführt. Und seinem Martyrium konnte er nur in gefestigtem Glauben entgegensehen.

Der Zweifel bereitet dem Glauben den Grund. Der Apostel Thomas zeigt, wie das gehen kann. Er zeigt: Es ist nichts verloren, solange man Sehnsucht in sich trägt.

(Josef Bordat)

Mariä Heimsuchung

Heute feiern wir das Fest Mariä Heimsuchung. Dieser Name mag irritieren. Maria wird nicht etwa „heimgesucht“ von üblen Ereignissen, „heimgesucht“ von Zweifeln und Anfechtungen, wie man vielleicht meinen könnte, sondern „Heimsuchung“ meint „Besuch“. Maria besucht ihre Tante Elisabeth. Es kommt zu der Begegnung zweier Frauen, die beide ein Kind erwarten, obwohl sie dies vor kurzer Zeit noch nicht erwarten konnten – wie eine, Elisabeth, nicht mehr, die andere, Maria, noch nicht. Das heutige Evangelium hat es liturgisch in sich. Zuerst grüßt Elisabeth ihre Nichte mit den Worten, die das Ave Maria einleiten, ein Grundgebet des Christentums katholischer Prägung, das z.B. im Rosenkranzgebet eine zentrale Rolle spielt. Maria spricht als Antwort auf den Gruß Elisabeths das Magnifikat, das in jeder Vesper gesungen wird.

Es kommt nicht darauf an, ob diese Texte von Elisabeth und Maria tatsächlich so gesprochen wurden. Lukas ist an dieser Stelle nicht historisch. Lukas verdichtet in der Antwort Marias die Heilsgeschichte des Volkes Gottes – mit zahlreichen Anspielungen auf das Alte Testament, vor allem mit Zitaten aus den Psalmen. Dass Gott mit seinem Arm machtvolle Taten vollbringt, das war schon dem Psalmisten klar. In Psalm 89, 14 heißt es: „Dein Arm ist voll Kraft, deine Hand ist stark, deine Rechte hoch erhoben.“ Dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt, lesen wir so beim Propheten Haggai 2, 22: „Ich stürze die Throne der Könige und zerschlage die Macht der Königreiche der Völker.“ Und die Sache mit den Reichen, die Gott leer ausgehen lässt, finden wir ähnlich in Psalm 34, 11: „Reiche müssen darben und hungern“ heißt es dort; „wer aber den Herrn sucht, braucht kein Gut zu entbehren“. Lukas verdichtet die Heilsgeschichte im doppelten Sinne, er fasst die Ereignisse zusammen in einem Gedicht, in einem Lied, das wir nun auch in der Liturgie singen können.

Ansonsten erstaunt es, dass Lukas nur die Begrüßung beschreibt, und uns dann allein lässt mit der Schlussbemerkung, Maria sei drei Monate bei Elisabeth geblieben, ehe sie nach Hause zurückkehrte, ohne dass er über diese Zeit etwas berichtete. Aber, wie bereits gesagt, man sollte Lukas hier nicht als Geschichtsschreiber lesen. Er hat kein historisches, sondern ein theologisches Interesse. Es kommt ihm nicht darauf an, einen detaillierten Bericht über diesen Besuch abzuliefern, sondern die Begegnung zweier Frauen zu schildern, die in ihrem tiefen Glauben an Gott persönlich die Erfahrung machen durften, dass sich Gottes Macht in ihrem Leben gezeigt hat, weil sie sich der Ansprache Gottes nicht verschlossen haben. Insoweit zeigt Lukas uns die beiden Frauen vor allem als eines: als Vorbilder im Glauben.

(Josef Bordat)

Peter und Paul

Der eine, Peter, hat Christus verleugnet. Der andere, Paul, hat Christen verfolgt. Feige, egoistische und starrsinnige Männer. Das waren sie: Peter und Paul.

Wäre es dabei geblieben, hätte die Kirche keinen Grund, ihnen zwei Jahrtausende später ein Hochfest zu bereiten. Aber es blieb nicht dabei.

Beide, Peter und Paul, erfahren ihre Bekehrung, weil Gott sie nicht aufgibt, trotz ihres Versagens. Er lässt sie den Auferstandenen sehen, der die Beziehung von sich aus (wieder)herstellt.

Dem einen, Peter, begegnet der Auferstandene im Alltag, um ihn als Hirten für die „Schafe“ und „Lämmer“ zu bestätigen.

Dem anderen, Paul, um ihn zu den Heiden zu schicken, damit die Heilsbotschaft wirklich um die ganze Welt gehe, was sie dann auch tat.

Beide begeben sich auf den Weg der Nachfolge – bis zum Tod. Peter wird gekreuzigt, Paul enthauptet. Sie sterben für den, den sie einst verleugneten und verfolgten.

Peter und Paul nutzen ihre zweite Chance und legen den Grund für die Kirche. Das kann man feiern.

(Josef Bordat)

50 Jahre Kinderdorf Bethanien in Refrath

„Als 1968 das Bethanien Kinder- und Jugenddorf in Bergisch Gladbach-Refrath eröffnet wurde, lagen hinter den Dominikanerinnen von Bethanien, die seit 1962 auf dem Gelände der ehemaligen Dynamitfabrik Kosmos lebten, etliche Entbehrungen. In nur wenigen Jahren war es den Schwestern gelungen, auf der Brache, auf der nur eine Steinbaracke stand, ein Kinderdorf zu errichten.“ So ist es auf der website des Kinderdorfs zu lesen. Dabei konnten die Schwestern schon auf Erfahrungen mit der Gründung und dem Aufbau von Kinderdörfern in der Region zwischen Maas und Rhein zurückgreifen.

Die Gründung der Bethanien Kinder- und Jugenddörfer begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Jahre 1947 begannen die Schwestern mit der Kinderdorfarbeit zunächst in den Niederlanden, nachdem sie vom Bischof von Roermond gebeten wurden, sich um die vielen elternlosen Kinder zu kümmern. Das erste deutsche Bethanien Kinder- und Jugenddorf wurde im Jahre 1956 in Schwalmtal-Waldniel gegründet. Hinzu kamen im Jahre 1965 das Bethanien Kinder- und Jugenddorf in Eltville-Erbach und im Jahre 1968 das Bethanien Kinder- und Jugenddorf in Refrath. Refrath ist ein Ortsteil von Bergisch-Gladbach, einer 100.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Köln.

In Refrath leben derzeit 114 Kinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr bei ihren leiblichen Eltern leben können. Hier finden Kinder und Jugendliche sowohl ein liebevolles und familienähnliches Zuhause als auch fachkompetente Betreuung und Förderung. Die Schwestern, die sie betreuen und fördern, gehören einem Orden an, der 1866 vom französischen Dominikaner Johannes Josef Lataste gegründet wurde: die Dominikanerinnen von Bethanien.

Der 50. Geburtstag wird das ganze Jahr 2018 gefeiert. Am Sonntag, 10. Juni um 10:30 Uhr, findet die Festmesse zum Jubiläum statt. Alle Daten zu den Veranstaltungen und weitere Informationen finden Sie auf der website des Kinderdorfs.

(Josef Bordat)

Von Jerusalem nach Rom

Heute beginnt der 101. Giro d’Italia – in Jerusalem. Jetzt verrät ein Blick in den Straßenatlas: Jerusalem liegt nicht in Italien. Dass große Rundfahrten auch mal in anderen Ländern beginnen, ist dabei nichts Besonderes (die Tour de France startete im vergangenen Jahr bekanntlich in Düsseldorf). Doch der Grund, weshalb es den Giro ausgerechnet nach Israel zieht, ist schon ein ganz spezieller. Und er hat einen Namen: Gino Bartali (1914-2000).

Gino Bartali bei der Tour de France (19. Juli 1938). Foto: Wikimedia (gemeinfrei).

Der italienische Radsportler (er gewann zweimal die Tour und dreimal den Giro) war ein gläubiger Katholik. 1937 tritt er als Laienbruder in den Karmeliterorden ein. Im Zweiten Weltkrieg, währenddessen die großen Rundfahrten in Europa zwangsweise pausieren, wirkt Bartali unermüdlich als Fahrradkurier einer katholischen Widerstandsgruppe und transportiert über große Distanzen gefälschte Papiere, die Juden zur Flucht verhelfen.

So hilft Gino Bartali mit, etwa 800 Juden zu retten. In Italien gilt er als „radelnder Oskar Schindler“. Gioia Bartali, seine Enkelin, sagte dazu: „Als gläubiger Katholik hat Opa keine Sekunde lang gezögert, Menschen in Not zu helfen“. Er habe sie Demut, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit gelehrt. Sein Motto: „Gewisse Medaillen heftet man sich nicht an die Jacke, sondern an die Seele“.

Teile seiner damaligen Ausrüstung sind beim Wallfahrtsort der Radrennfahrer, der Kirche Madonna del Ghisallo zu sehen. Für seine Beteiligung an der Rettung verfolgter Juden während des Zweiten Weltkriegs erhielt die Radsportlegende posthum den Titel eines Gerechten unter den Völkern. Nun startet ihm zu Ehren das Rennen, das er selbst dreimal gewinnen konnte, in Jerusalem. Und es endet in Rom. Ein angemessener Kurs, um einen katholischen Widerstandskämpfer zu würdigen.

(Josef Bordat)