Augustinus

Der Tagesheilige des morgigen 28. August, Augustinus von Hippo, ist nicht nur einer der wichtigsten Philosophen im Übergang von der Antike zum Mittelalter, sondern auch einer der bedeutendsten christlichen Theologen. Er hat die Lehre der Kirche maßgeblich mitbestimmt, er ist ein bedeutender Kirchenlehrer. Das konfessionsverschiedene Verständnis theologischer Schlüsselkonzepte wie Erbschuld oder Gnade hängt bis heute eng mit der unterschiedlichen Deutung seiner Schriften in der katholischen und in der reformatorischen Tradition zusammen.

Zentrales Thema seines Denkens ist die Liebe. Drei Zitate sollen das verdeutlichen. Ganz neu-platonisch bringt Augustinus ethische und ästhetische Maßstäbe miteinander in Beziehung: „Soviel in dir die Liebe wächst, soviel wächst die Schönheit in dir. Denn die Liebe ist die Schönheit der Seele.“ Wer wollte diese Schönheit nicht erreichen! Der Weg dahin führt über Umkehr und Askese: „Wandle das Herz, und das Werk wird sich wandeln! Reiß aus die Begierde, pflanze ein die Liebe! Wie nämlich die Begierde die Wurzel allen Übels ist, so ist auch die Liebe die Wurzel alles Guten.“ Und weil das so ist, gilt in Augustinus’ Ethik letztlich nur eine Norm: „Liebe und tu, was du willst.“ Oft wird die Voraussetzung – die Liebe – vergessen und die Norm auf die Konsequenz – Tu, was du willst. – reduziert. Doch ohne die gute Haltung führt die Handlung nicht zum Guten. Freiheit ist gebunden an Verantwortung oder – um Augustinus von hinten zu lesen – der Wille ist gebunden an die Liebe.

Zu vielen Einzelfragen, die weit über den Glauben hinausweisen, hat sich Augustinus Gedanken gemacht. Seine Lebensphilosophie wird auch außerhalb der Kirche rezipiert und erlebt in unseren Tagen eine gewisse Renaissance. Augustinus meint nämlich, die Glückseligkeit des Menschen sei nicht in den äußeren Dingen zu finden, sondern in seinem Inneren, in Gott. Der Wunsch nach weltlichen, materiellen Dingen, getrieben durch die cupiditas (Begehrlichkeit), wird bei ihn seiner Spiritualität überschrieben durch den Wunsch nach himmlischen Dingen, gelenkt durch die caritas (Nächstenliebe). Glück besteht für Augustinus in jenem Seelenfrieden, der durch das Befolgen der caritas entsteht und nicht durch das Befriedigen der cupiditas. So ist für Augustinus Gott das Höchste Gut, das summum bonum. Die Glückseligkeit besteht in seiner Betrachtung und in der Freude über Gottes Dasein. Die Tugend wurzelt in der Erfüllung des göttlichen Gebotes. Die Erfüllung des göttlichen Gebotes wiederum ist nur im Einklang mit dem Reich Gottes möglich, in dem Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Und dieses Reich beginnt im Hier und Jetzt.

Denn das Reich Gottes, so Augustinus, werde durch Wunder im Hier und Jetzt der Welt offenbar. Bei Augustinus überwiegt mithin der Hinweis- und Zeichencharakter des Wunders, er sieht in ihnen keinen Sonderstatus hinsichtlich ihrer ontologischen Struktur. Das Wunder als göttlichen Tat dient letztendlich dazu, Gott zu erkennen, und zwar aus den sichtbaren Dingen: „Die Wunder, welche unser Herr Jesus Christus getan, sind gewiß göttliche Werke und mahnen den menschlichen Geist, Gott aus den sichtbaren Dingen zu erkennen“, mehr noch: „damit wir den unsichtbaren Gott durch die sichtbaren Werke bewundern“ (Tract. in Io. Ev. 24, 1). Nach Augustinus liegt der Zweck des Wunders darin, uns auf das eigentliche Wunder der Wirklichkeit zu stoßen, also uns nicht nur einen Vorgeschmack auf die vollendete Schöpfung zu geben, die einst als Wunder offenbar wird, sondern eine andere Perspektive auf die nur scheinbar unvollendete Schöpfung anzubieten, die uns erkennen lässt, dass bereits hier und jetzt das in Aussicht gestellte „Dauer-Wunder“ jenseitiger Vollendung zu erleben ist. Augustinus lenkt den Blick, der in die Ferne auf das Wunder jenseits der Schöpfung gerichtet ist, das in kleinen Teilen gelegentlich in ihr manifest wird, auf das Wunder der Schöpfung selbst. Die Physikotheologie, die vor allem im 18. Jahrhundert blühte, hat hier ihre Wurzeln.

Doch der Einfluss des antiken Kirchenlehrers auf die abendländische Ideengeschichte ist noch viel größer. Von Augustinus stammt die Unterscheidung von malum morale und malum physicum, die Leibniz in seiner Theodizee aufgreifen sollte. Er entwickelte erstmals die Kriterien des Gerechten Krieges, die dann bei Thomas von Aquin verfeinert wurden und so in das politische Denken einflossen (bis heute sind sie Grundlage des Diskurses um die Humanitäre Intervention, etwa im Kontext der Responsibility to Protect-Doktrin). Sein Werk Gottesstaat ist neben Platons Politeia die Urgestalt der Utopie, einer literarischen Form Politischer Philosophie, die sich seit der Frühen Neuzeit (Morus, Campanella, Bacon) in zahlreiche Ansätze einer fiktiven, gleichwohl ambitionierten Gesellschaftskritik ausdifferenziert – bis in die Gegenwart (Orwell, Huxley, Skinner). Und das sind nur drei kursorisch aufgelistete Beispiele, die den bleibenden Einfluss Augustinus‘ auf die Religions-, Staats- und Sozialphilosophie verdeutlichen.

Augustinus ist aber vor allem ein Mensch, der zeitlebens auf der Suche war und im Glauben die Erfüllung fand. Gott ist die Antwort auf seine Fragen. „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“, war eine seiner zentralen Einsichten. Das ist – wenn man es wirklich durchdenkt – mehr als ein Kalenderspruch. Und das ernsthafte Reflektieren ist man ihm schuldig – dem Heiligen Augustinus von Hippo.

(Josef Bordat)

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Mariä Himmelsaufnahme

Warum feiern die Katholiken heute?

Die Katholische Kirche feiert heute ein Fest: die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel. Sie ist das passende Gegenstück zur Menschwerdung Gottes. Die Katholische Kirche (und die orthodoxen Christen) feiern am 15. August deshalb eine Art „Komplementärweihnacht“.

Bei der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel gelangt die Natur des Menschen in Gestalt Marias durch Jesus zu Gott. Die volkstümliche Bezeichnung „Mariä Himmelfahrt“ ist wegen der aktivischen Konnotation irreführend. Maria fährt nicht zum Himmel auf, sie wird aufgenommen, also: Mariä Himmelsaufnahme.

„Warum aber feiern die Katholiken dieses Fest? Schließlich steht nirgendwo in der Bibel ausdrücklich, dass Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde!“

Richtig. Dennoch gibt es einige gute biblische, theologische und historische Gründe, die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel zu feiern.

1. Biblische Gründe

Es gibt zwei alttestamentliche und zwei neutestamentliche Stellen, die auf die Aufnahme Mariens in den Himmel deuten. In Psalm 132 heißt es: „Erheb dich, Herr, komm an den Ort deiner Ruhe, du und deine machtvolle Lade!“ (Ps 132, 8) „Du“, das ist Jesus, die „Lade“, das ist Maria. Und im Hohelied heißt es: „Wer ist die, die aus der Steppe heraufsteigt, auf ihren Geliebten gestützt?“ (Hld 8, 5) Auch diese Stelle drückt die Verbindung Mariens mit Jesus aus.

Zudem spricht die Offenbarung eine deutliche Sprache. Erstens heißt es mit Bezug zu Psalm 138: „Der Tempel Gottes im Himmel wurde geöffnet, und in seinem Tempel wurde die Lade seines Bundes sichtbar“ (Offb 11, 19a). Zweitens ist die sonnenbekleidete, sternenbekränzte Frau ein Hinweis auf die Vollendung Mariens bei Gott: „Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt“ (Offb 12, 1). Das Licht der Sonne steht für die himmlische Herrlichkeit, die Maria umstrahlt, dessen Quelle Gott selbst ist („Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit des Herrn erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm“, Offb 21, 23). Die Zwölf ist die Zahl der Vollendung – zwölf Stämme Israels, zwölf Apostel, zwölf Sterne. Ergo: Maria ist vollendet bei Gott.

2. Theologische Gründe

Maria ist die „Begnadete“ (Lk 1, 28), von Gott gesegnet – „mehr als alle anderen Frauen“ (Lk 1, 42). Im Glauben der Kirche ist sie frei von Schuld. So drückt es das Dogma von der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter (1854, Papst Pius IX.) aus: „Diese Unsere Worte sollen vernehmen die Uns so teuern Söhne der katholischen Kirche; sie sollen fortfahren mit stets glühenderem Eifer der Frömmigkeit, der Liebe und Hingabe die seligste Gottesgebärerin und Jungfrau Maria, die ohne Makel der Erbsünde empfangen wurde, zu verehren, anzurufen und anzuflehen“.

Wenn Maria frei von Sünde war („unbefleckt“), dann gibt es theologisch keinen Grund, an ihrer Aufnahme dort (also: bei Gott) zu zweifeln, wo wir alle – trotz unserer Sündhaftigkeit – hinzugelangen hoffen: zu Gott.

3. Historische Gründe

Es gibt aber auch einige historische Indizien dafür, dass mit Maria etwas anders lief als – beispielsweise – mit den Aposteln. Schon sehr bald in der jungen Christenheit haben viele Orte für sich beansprucht, im Besitz von Reliquien, also von leiblichen Überresten der Apostel zu sein. Das Geschäft damit blühte, so dass Martin Luther spottete, dass von den zwölf Aposteln 14 allein in Deutschland liegen sollen.

Niemals jedoch hat irgendjemand dies im Zusammenhang mit Maria reklamiert: im Besitz von Reliquien zu sein. Eine Ahnung von der leiblichen Aufnahme? Das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (1950, Papst Pius XII.) kam viel später, aber die Ahnung, der Sinn, das Gespür der Gläubigen, der „sensus fidei“, scheint bereits sehr lange zuvor die Kirche in diese Richtung geführt zu haben.

Es gibt tatsächlich – und das ist erstaunlich – keine Erkenntnisse über Ort, Zeitpunkt und Art des Todes der Maria. Bereits in der Antike wird das als erstaunlich bemerkt, etwa beim Kirchenvater Epiphanios. Dieser schreibt im 4. Jahrhundert in seinem Panarion: „Aber wenn einige meinen, dass wir uns irren, dann lasst sie die Heilige Schrift durchsuchen. Sie werden nichts darüber finden, ob sie starb oder nicht starb; sie werden nichts finden, ob sie beerdigt wurde oder nicht beerdigt wurde. Mehr als dies: Johannes reiste nach Asien, jedoch nirgendwo können wir lesen, dass er die heilige Jungfrau mit sich nahm“. Erklärt wird das mit der Rücksichtnahme der Bibel auf die begrenzte Vernunft des Menschen: „Vielmehr bewahrt die Schrift absolutes Stillschweigen, um das Gemüt der Menschen nicht zu schockieren wegen der außergewöhnlichen Natur der Wunder. Was mich angeht, ich wage mich nicht, zu sprechen; statt dessen bewahre ich meine eigenen Gedanken, und übe mich in Stillschweigen“.

Andere sind da redseliger. Bereits aus dem 2. Jahrhundert stammt der Melito von Sardes zugeschriebene Transitus Mariae, in dem es heißt: „In Gegenwart der Apostel, die um ihr Bett versammelt waren und auch in Gegenwart ihres göttlichen Sohnes und vieler Engel, starb Maria und ihre Seele stieg in den Himmel auf begleitet von Christus und den Engeln. Ihr Leib wurde von den Jüngern beerdigt. Schwierigkeiten entstanden unter einigen Juden, die ihren Leib aus dem Weg schaffen wollten. Daraufhin geschahen verschiedene Arten von Wundern, um sie zu überzeugen, dass sie den Leib Marias ehren sollten. Am dritten Tag kehrte Christus zurück. Auf Bitten der Apostel wird die Seele Marias mit ihrem Leib vereint.Von singenden Engeln begleitet,trug Christus Maria ins Paradies“. Im frühen 6. Jahrhundert stufte ein päpstliches Dekret (Decretum Gelasianum) den Transitus Mariae als apokryphisch ein, was dessen weite Verbreitung jedoch nicht verhinderte. Die Folge: Im Mittelalter war die Aufnahme Mariens in den Himmel ein fester Bestandteil des christlichen Glaubens.

„Aber dann hat die Reformation damit Schluss gemacht, oder?“

Nein. Auch für Martin Luther war die Aufnahme Mariens in den Himmel eine Selbstverständlichkeit, und der protestantische Reformer Martin Butzer schreibt noch Mitte des 16. Jahrhunderts: „Doch zweifelt kein Christ daran, die würdigste Mutter des Herrn lebe bei ihrem lieben Sohn in himmlischen Freuden“. Der Glaube an Mariä Himmelsaufnahme erreichte erstaunlich ungehindert die Moderne – lange bevor er zum Dogma wurde.

Das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens hat Papst Pius XII. am 1. November 1950 in der Apostolischen Konstitution Munificentissimus Deus wie folgt formuliert: „In der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und auch kraft Unserer eigenen verkündigen, erklären und definieren Wir: Es ist ein von Gott geoffenbartes Dogma, daß die immerwährende Jungfrau Maria, die makellose Gottesgebärerin, als sie den Lauf des irdischen Lebens vollendete, mit Leib und Seele zur himmlischen Glorie aufgenommen wurde.“

In dieser Frage schritt der sensus fidei wie gesagt bereits lange voraus, das Lehramt bestätigte den Glaubenssinn nur noch. Und selbst dieses Nachvollziehen einer 1800jährigen Glaubensgeschichte geschah nicht eigenmächtig: Papst Pius XII. befragte im Sinne der kirchlichen Einheit die Bischöfe. Das Ergebnis war ein deutliches Votum für das Dogma: Lediglich 22 von 1181 Oberhirten sprachen sich dagegen aus, also nur 1,8 Prozent.

Wir Katholiken dürfen sie heute also mit ganzem Herzen feiern: die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel.

(Josef Bordat)

Maximilian Maria Kolbe

Heute vor 77 Jahren starb Pater Maximilian Maria Kolbe im Hungerbunker des KZ Auschwitz. Er hatte sich für den Familienvater Franciszek Gajowniczek geopfert, indem er an seiner Stelle in den Tod ging. Um annähernd ermessen zu können, was das bedeutet, ist es hilfreich, den Ort des Grauens einmal gesehen zu haben.

Das Foto zeigt die heutige Gedenkstätte im einstigen Hungerbunker des KZ Auschwitz. Die Kerze ist ein Geschenk Papst Johannes Pauls II., der Maximilian Kolbe 1982 heilig sprach. Franciszek Gajowniczek war damals in Rom dabei; er verstarb im Jahr 1995.

Der Franziskaner-Minorit Maximilian Maria Kolbe war Publizist. Er gründete ein katholisches Pressehaus (mit Radiostation) und war Herausgeber und Schriftleiter katholischer Zeitschriften. Er riet seinen Autoren: „Schreiben Sie nichts, was nicht auch von der Jungfrau Maria unterschrieben werden könnte.“ Eine bedenkenswerte Maßgabe – auch für katholische Blogger.

(Josef Bordat)

Dominikus. Nie war er so wertvoll wie heute

Heute feiert die Katholische Kirche das Fest des Heiligen Dominikus. Dominikus war ein spanischer Ordensgründer und lebte im Hochmittelalter. Und ist dennoch sehr aktuell.

Um seine epochale Bedeutung zu verstehen, müssen wir uns in diese Zeit zurückversetzen. Einer prunkvollen Polit-Kirche, die in Äußerlichkeiten verstrickt ihren Verkündigungsauftrag weitgehend unerfüllt lässt, stehen neue Basis-Bewegungen gegenüber, die es in neuer Innerlichkeit und entgrenzender Spiritualität ganz anders machen wollen – und dabei weit über das Ziel hinausschießen.

Gesucht ist in dieser Situation eine Kraft, die die überlieferte Lehre des Christentums wieder neu und beherzt vertritt, unverfälscht und zeitgemäß, glaubwürdig und engagiert, gleichermaßen kritisch gegenüber Verweltlichung und Häresie. Der Heilige Dominikus ist diese Kraft. Obwohl er selbst nicht als begnadeter Rhetoriker galt, schenkte er der Kirche den Predigerorden (Ordo Praedicatorum – OP).

Seit 800 Jahren bringen Dominikaner (und Dominikanerinnen) die Botschaft des Evangeliums zu den Menschen. Ganz unterschiedliche Frauen und Männer brachte der Orden hervor: Albert der Große, Thomas von Aquin und Meister Eckhart, Francisco de Vitoria und Bartolomé de Las Casas, Santa Rosa de Lima und San Martín de Porres, Tomás de Torquemada und Giordano Bruno.

Gerade heute ist die intellektuelle Durchdringung der christlichen Lehre und die Verkündigung in klarer, dennoch besonnener Diktion wieder besonders nötig, da in gewisser Weise eine ähnliche Problemlage entstanden ist wie vor fast 1000 Jahren: eine politisierte Kirche, die kaum mehr denn als Sozialunternehmen wahrgenommen wird, provoziert unkatholische Fundamentalismen. Es braucht heute mehr denn je den weiten Geist des Dominikus.

(Josef Bordat)

Drei heilige Könige

Mitten im Sommer, ziemlich genau ein halbes Jahr nach den Heiligen Drei Königen aus dem Osten, feiert die Kirche drei heilige Könige aus dem Norden: Erich IX. von Schweden, Knud IV. von Dänemark und Olaf II. von Norwegen. Die skandinavischen Regenten lebten etwa ein Jahrtausend nach den Weisen aus dem Morgenland.

Olaf II. (955-1030) vollendete in Norwegen die von seinem Vorgänger begonnene Christianisierung, holte Missionare ins Land, ließ Kirchen bauen. Das damals vorherrschende Heidentum bekämpfte er kompromisslos, wurde daraufhin verjagt und fiel beim Versuch, die Macht zurückzuerobern.

Knud IV. (1040-1086) hat den Kirchbau in seiner Heimat Dänemark gefördert und sich um ein reiches kirchliches Leben bemüht. Er wurde während eines Aufstands in der St. Alban-Kirche in Odensee ermordet.

Erich IX. (1120-1160) hat sich durch die Missionierung der Finnen einen Namen gemacht. Er wurde während eines Gottesdienstes erschlagen. Erich ist der Schutzpatron Schwedens.

(Josef Bordat)

Thomas

Oder: Vom Wert des Zweifels für den Glauben

Thomas ist der Apostel mit dem wohl modernsten Zugang zum Herrn: Er glaubt nur, wenn er den empirischen Beweis für den Inhalt des Glaubens erhält. Als die anderen Jünger ihm von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen berichten, entgegnet er: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“ (Joh 20, 25). Wer wollte ihm diesen Zweifel verdenken? Am wenigsten wohl die Kirche, deren bedeutendste Heilige die Anfechtung des Zweifels kennen lernten. Sie feiert heute das Fest des „ungläubigen“ Thomas.

Mit dem Zweifel ist das so eine Sache. Er stört natürlich das Idyll der harmonischen Glaubensgemeinschaft, in der sich alle einig sind, doch andererseits hat er seinen Wert, weil er mit der Wahrheit, auf die sich die Gemeinschaft im Glauben ausgerichtet hat, in enger Verbindung steht. Dadurch, dass sich Zweifel nicht in Negation erschöpft, sondern eine Brücke baut zur Wahrheit, Bedingungen nennt, unter denen die Wahrheit annehmbar ist, nachfragt, wie sich die Wahrheit verstehen lässt, dadurch verweist der Zweifel auf die Wahrheit. Das ist sein großer Wert.

Man kann nur an Dingen zweifeln, von denen man meint, dass sie wahr sein könnten. Zweifel sind ohne Wahrheit nicht möglich, denn worauf sollten sie sich beziehen, wenn nicht auf eine Aussage, die als Wahrheit geäußert wird und nicht nur als beliebige oder sinnlose Bemerkung. Wenn es kompletter Unsinn ist, den ich höre, gehe ich nicht zweifelnd darauf ein. Auf kompletten Unsinn kann man keinen Zweifel richten. Wenn mir also jemand sagt (und in Berliner U-Bahnen passiert das schon mal), die blauen Schuhe seien im Hafen fröhlicher als vorgestern, dann bezweifle ich das nicht, indem ich frage: „In welchem Hafen?“ – „Wieso gerade da?“ – „Und warum blau? Sind Sie sich da sicher?“

Zweifel basiert also auf einer Anerkennung der Möglichkeit von Wahrheit in der bezweifelten Sache. Mehr noch: Zweifel, der geäußert wird, zeigt Interesse an der Wahrheit. Ist da was dran an der Erscheinung des Auferstanden? Wenn Thomas keinerlei Interesse gehabt, keine Sehnsucht gespürt, keinen Wunsch in sich empfunden hätte, der Wahrheit auf die Schliche zu kommen, hätte er sich nicht zweifelnd gezeigt, sondern ablehnend. Vielleicht wäre er dann schlicht zur Tagesordnung übergegangen. Hätte „Ach, was?!“ gesagt und gefragt, was es zu essen gibt. Aber irgendetwas an dem, was man ihm sagte, reizte ihn, so dass er es genauer erfahren wollte – sinnlich.

Das ist typisch – für die Neuzeit. Seit Bacons Begründung der modernen Erfahrungswissenschaft im frühen 17. Jahrhundert, die in der Induktion ihr Schlüsselmoment der Erkenntnisgewinnung birgt, glauben Menschen, nur noch das wissen zu können, was sich sinnlich erfassen lässt. Der moderne Mensch neigt weiterhin dazu, sich durch Reduktion auf sinnliche Erfahrung einen schlichten Bezug zur Immanenz der Welt aufzubauen und die Beziehung zur Transzendenz abzubrechen. So kann er sich der Zweifel entledigen, die mit dem religiösen Glauben für ein Sinnenwesen notwendig verknüpft sind. Manche meinen gar, durch die Verbindung von Erfahrung und Erkenntnis zu wissen, dass man nicht glauben kann, was sich nicht sinnlich erfassen lässt.

Thomas erhält auf seine zweifelnde Anfrage eine Antwort in gleicher Münze: eine sinnliche Erfahrung. Jesus sagt ihm: „Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Joh 20, 27). Thomas’ Glaube („Mein Herr und mein Gott!“, Joh 20, 28) ist Resultat dieser Erfahrung („Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du.“, Joh 20, 29). Wie groß ist unsere Sehnsucht nach solch einer Erfahrung, die alle Zweifel ein für alle mal beseitigt! Doch Jesus selbst erteilt ihr eine Absage: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ (Joh 20, 29). Was wäre das auch für ein „Glaube“, wenn ihm die gleiche epistemische Gewissheit innewohnte wie der Erkenntnis, dass Gras grün ist!

Wären wir wirklich einen Schritt weiter, wenn wir eine direkte sinnliche Erfahrung Gottes machten? Würden wir nicht eher an unserem Verstand zweifeln, als uns dadurch des Glaubens vergewissern zu können? Gotteserfahrung geht anders, sie ist mittelbar, verschleiert, schwer verständlich. Sie lässt Raum für Zweifel – und Glauben. Die biblische Offenbarung kann eine Quelle dieser Erfahrung sein, die Kirche mit ihren Heiligen, aber auch der Mitmensch, durch den Gott uns anspricht. Dem „Thomas in uns“, der nach Gewissheit schreit, lässt sich sagen: Gott darf nicht bewiesen werden, selbst wenn dies leicht wäre. Gott muss bezeugt werden, auch wenn es schwer fällt.

Und: Gott darf bezweifelt werden. Wie gut, dass Thomas seine Zweifel an der Auferstehung deutlich anmeldet! Es gehört Mut dazu, den Mund aufzumachen und das zu bezweifeln, was alle Anderen begeistert sein lässt. Viel einfacher wäre es wohl gewesen, die Zweifel zu unterdrücken und mitzuschwärmen. Für die Stimmung wäre das sicher gut gewesen, doch so hätte Thomas wohl bei der ersten Glaubenskrise die Flinte ins Korn geworfen. Seine Missionsreise hätte ihn wohl kaum über den Irak und den Iran bis nach Indien geführt. Und seinem Martyrium konnte er nur in gefestigtem Glauben entgegensehen.

Der Zweifel bereitet dem Glauben den Grund. Der Apostel Thomas zeigt, wie das gehen kann. Er zeigt: Es ist nichts verloren, solange man Sehnsucht in sich trägt.

(Josef Bordat)

Mariä Heimsuchung

Heute feiern wir das Fest Mariä Heimsuchung. Dieser Name mag irritieren. Maria wird nicht etwa „heimgesucht“ von üblen Ereignissen, „heimgesucht“ von Zweifeln und Anfechtungen, wie man vielleicht meinen könnte, sondern „Heimsuchung“ meint „Besuch“. Maria besucht ihre Tante Elisabeth. Es kommt zu der Begegnung zweier Frauen, die beide ein Kind erwarten, obwohl sie dies vor kurzer Zeit noch nicht erwarten konnten – wie eine, Elisabeth, nicht mehr, die andere, Maria, noch nicht. Das heutige Evangelium hat es liturgisch in sich. Zuerst grüßt Elisabeth ihre Nichte mit den Worten, die das Ave Maria einleiten, ein Grundgebet des Christentums katholischer Prägung, das z.B. im Rosenkranzgebet eine zentrale Rolle spielt. Maria spricht als Antwort auf den Gruß Elisabeths das Magnifikat, das in jeder Vesper gesungen wird.

Es kommt nicht darauf an, ob diese Texte von Elisabeth und Maria tatsächlich so gesprochen wurden. Lukas ist an dieser Stelle nicht historisch. Lukas verdichtet in der Antwort Marias die Heilsgeschichte des Volkes Gottes – mit zahlreichen Anspielungen auf das Alte Testament, vor allem mit Zitaten aus den Psalmen. Dass Gott mit seinem Arm machtvolle Taten vollbringt, das war schon dem Psalmisten klar. In Psalm 89, 14 heißt es: „Dein Arm ist voll Kraft, deine Hand ist stark, deine Rechte hoch erhoben.“ Dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt, lesen wir so beim Propheten Haggai 2, 22: „Ich stürze die Throne der Könige und zerschlage die Macht der Königreiche der Völker.“ Und die Sache mit den Reichen, die Gott leer ausgehen lässt, finden wir ähnlich in Psalm 34, 11: „Reiche müssen darben und hungern“ heißt es dort; „wer aber den Herrn sucht, braucht kein Gut zu entbehren“. Lukas verdichtet die Heilsgeschichte im doppelten Sinne, er fasst die Ereignisse zusammen in einem Gedicht, in einem Lied, das wir nun auch in der Liturgie singen können.

Ansonsten erstaunt es, dass Lukas nur die Begrüßung beschreibt, und uns dann allein lässt mit der Schlussbemerkung, Maria sei drei Monate bei Elisabeth geblieben, ehe sie nach Hause zurückkehrte, ohne dass er über diese Zeit etwas berichtete. Aber, wie bereits gesagt, man sollte Lukas hier nicht als Geschichtsschreiber lesen. Er hat kein historisches, sondern ein theologisches Interesse. Es kommt ihm nicht darauf an, einen detaillierten Bericht über diesen Besuch abzuliefern, sondern die Begegnung zweier Frauen zu schildern, die in ihrem tiefen Glauben an Gott persönlich die Erfahrung machen durften, dass sich Gottes Macht in ihrem Leben gezeigt hat, weil sie sich der Ansprache Gottes nicht verschlossen haben. Insoweit zeigt Lukas uns die beiden Frauen vor allem als eines: als Vorbilder im Glauben.

(Josef Bordat)