Graciano Rocchigiani ist tot

Der ehemalige Box-Weltmeister Graciano „Rocky“ Rocchigiani ist tot. Der in Rheinhausen geborene Berliner starb infolge eines Autounfalls auf Sizilien. Offenbar war er zu Fuß unterwegs und wurde von einem Auto angefahren.

Seine beiden Kämpfe gegen Henry „Gentleman“ Maske gehören für mich zu den Höhepunkten der deutschen Sportgeschichte der Nachwendezeit. Auch mit Dariusz „Tiger“ Michalczewski duellierte er sich zweimal. Rocky verlor – alle vier Kämpfe. Mal klar, mal umstritten.

Man musste Graciano „Rocky“ Rocchigiani nicht mögen. Er hatte das, was man dem (Wahl-)Hauptstädter an sich gerne nachsagt: eine große Klappe. Er war allerdings der einzige Berufssportler, dem ich geglaubt habe, was er sagt.

Damals im Studentenwohnheim war ich, wenn mich meine Erinnerung nicht völlig im Stich lässt, der einzige, der bei den innerdeutschen Duellen für „Rocky“ war. So als nach Berlin emigrierter Niederrheiner.

Vielleicht aber auch, weil ich solche Typen halt nicht so mag, die kommen, sehen und siegen. Ich mag Typen, die hinfallen, dann aufstehen. Wieder hinfallen. Und wieder aufstehen. Die dann, wenn sie final gefallen sind, sagen: „Ich hab’s versucht!“

Ruhe in Frieden, Graciano Rocchigiani!

(Josef Bordat)

Advertisements

Kevin und Kipchoge

Zehnkampf und Marathon: Zwei Weltrekorde an einem Tag.

Welch ein Sportsonntag! Ein Tag für die Leichtathletik-Geschichtsbücher! Denn praktisch zeitgleich wurden im französischen Talence und in der deutschen Hauptstadt Berlin die Weltrekorde im Zehnkampf und über die Marathondistanz pulverisiert.

Der 26jährige Franzose Kevin Mayer steigerte den Weltrekord im Zehnkampf auf 9126 Punkte. Damit liegt der neue Weltrekord 81 Punkte über der alten Bestmarke des Amerikaners Ashton Eaton aus dem Jahr 2015 – das ist der größte Sprung in der Zehnkampf-Weltrekordentwicklung seit einem halben Jahrhundert.

Praktisch zur gleichen Zeit lief der Kenianer Eliud Kipchoge beim Berlin-Marathon einen neuen Weltrekord. Der 33jährige kam in 2:01:39 Stunden ins Ziel. Das entspricht einer Steigerung von 1:18 Minuten gegenüber der bisherigen Bestmarke seines Landsmanns Dennis Kimetto aus dem Jahr 2014 (ebenfalls in Berlin gelaufen).

Kevin Mayer und Eliud Kipchoge haben gezeigt, wozu Menschen in der Lage sind. Mit Fleiß und Talent, mit Vielseitigkeit und Durchhaltevermögen. Merci und Thank you!

(Josef Bordat)

Europas Meisterschaften. Eine Bilanz

Die European Championships, ein Zusammenschluss von sieben Sportverbänden zur gleichzeitigen Ausrichtung ihrer Europameisterschaften in Glasgow und Berlin, waren ein voller Erfolg. Das kontinentale Mini-Olympia im Fußball-WM-Sommer hat für den Fernsehathleten wirklich die Atmosphäre eines Multi-Sport-Events vermittelt. Standortwechsel und Livestreams, Studiomoderation und Medaillenspiegel – wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, wir seien schon zwei Jahre weiter, bei Olympia.

Allerdings: Nur bei oberflächlicher Betrachtung. Wer sich ein wenig auskennt, der weiß, dass mit den European Championships ein Format gewählt wurde, dass es den Verbänden ermöglicht, überhaupt noch eine angemessene Aufmerksamkeit zu erzeugen. Es Sportarten wie die Leichtathletik und das Schwimmen aufgewertet, deren Top-Stars oftmals gerade nicht in Europa, sondern in Jamaika und Australien leben. Oder in den USA. In einer Zeit, in der diese chronisch knapp ist, ist das Beste gerade gut genug, und wer nicht gerade ein Freund dieser Sportarten ist, schaut auch nur auf die Allerbesten. Und die kommen nicht immer aus Europa.

Wer in Berlin noch genauer hingeschaut hat, wird feststellen, dass in den Disziplinen, in denen Menschen aus der nicht-europäischen Welt besonders gut sind, Athleten nicht-europäischer Herkunft dominieren. Das ist bei der B-Mannschaft Kenias im Trikot der Türkei oder einem Dreispringer aus Kuba, der seit 2017 halt mal für Aserbaidschan startet, witzig bis anrüchig, bei Athleten mit Migrationshintergrund ist es ermutigend. Denn es zeigt die Chancen, die der Sport bietet. Gerade nach dem „Fall Özil“ ist das wichtig. Und es zeigt unseren Kontinent, wie er sein sollte: offen, bunt und leistungsstark.

Sie sollten also eine Fortsetzung erfahren, die European Championships. Am besten an einem Ort, idealerweise mit noch mehr (Rand-)Sportarten. Zugleich sollte man aber auch mit dem IOC und dessen europäischem Pendant sprechen, um die fragwürdigen „Europaspiele“ abzuschaffen, für die bisher nur zweiklassige Aktive und despotische Regime gewonnen werden konnten – 2015 bei der Premiere Aserbaidschan (mit Baku), im kommenden Jahr Weißrussland (nachdem die Niederlande sich als Ausrichter zurückzogen). Und man sollte es wagen, auch mal (wieder) mehr Leichtathletik ins öffentlich-rechtliche TV-Programm aufzunehmen. „König Fußball“ braucht eine Königin. Es ist schön, dass sich diese standesgemäß mit Diamanten schmückt. Schade nur, dass es kaum jemand sieht.

(Josef Bordat)

Die etwas andere Weltmeisterschaft

Gestern ging sie dann zuende, die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Recht spektakulär, mit einem nicht ganz so souveränen 4:2-Sieg der Franzosen über die Kroaten. Nicht ganz so souverän, wie das Ergebnis klingt, schließlich ging Frankreich zweimal auf recht zweifelhafte Weise in Führung: ein Freistoß nach Stolperer Griezmanns führt zum 1:0, ein von eben diesem verwandelten Handelfmeter zum 2:1. Aber daran, dass Frankreich ein würdiger Weltmeister ist, gibt es wohl keinen Zweifel.

Diese Weltmeisterschaft war anders. Gleich war die Dominanz der UEFA (aus dem Verband kamen die vier Halbfinalisten) und auch der Sieger des Finales ist ein altbekannter Weltmeister (1998) und Vize-Weltmeister (2006). Neu war allerdings der Videobeweis, der sich bewährt hat, die neuen, sympathischen Kräfte im Weltfußball Belgien und Kroatien, das Wiedererstarken von Frankreich und England. Und anders als sonst war natürlich das Abschneiden derer, die man wohl unter „Enttäuschungen“ abbuchen muss: Deutschland, Spanien, Argentinien und Brasilien scheitern früh, Italien und Holland noch früher.

Die nächste und die übernächste WM werden nochmal ganz anders werden: die eine (2022 in Katar) findet in der Adventszeit statt, die andere (2026 in Mexiko, Kanada und der USA) mit 48 Mannschaften. Was bleibt: Kommerz, Dopingvorwürfe, die „große Bedeutung von Standards“ (Oliver Kahn). Mal im Ernst: Quo vadis, Fußball?

(Josef Bordat)

Final-Check: Frankreich

Frankreich. Die Multikulti-Mannschaft, in der Moslems wie Paul Pogba und N’Golo Kante ebenso ihren Platz haben wie Migranten aus Afrika. Samuel Umtiti zum Beispiel, der aus Kamerun stammt und den Siegtreffer im Halbfinale gegen Belgien erzielte. Der Star der Mannschaft ist unbestritten Kylian Mbappé, Frankreichs Meister von Morgen. Spätestens von übermorgen.

Als Frankreich das letzte Mal Weltmeister wurde, im Sommer 1998, war seine Mutter Fayza Mbappé gerade mit Kylian schwanger. Fayza hat damals Handball gespielt, in der ersten französischen Liga. Kylians Vater Wilfred stammt aus Kamerun.

Kylian Mbappé wird bereits mit Pelé verglichen. Das reimt sich und ist natürlich auch so üblich, wenn ein junger Spieler durch die Decke geht. Aber erst einmal muss Mbappé zumindest einmal Weltmeister werden, bevor er es dann am Ende seiner Karriere dreimal gewesen sein kann. Morgen könnte der 19jährige den Grundstein legen für eine außergewöhnliche Karriere. Was sage ich: das Erdgeschoss bauen.

(Josef Bordat)

Mit Gott ins Finale

Der Trainer der kroatischen Fußballnationalmannschaft, der 51-Jährige Zlatko Dalić, ist ein gläubiger Katholik.

Er sagt von sich: „Alles, was ich in meinem Leben und meiner beruflichen Karriere erreicht habe, schulde ich meinem Glauben, und dafür bin ich meinem Gott dankbar“ („Kod mene je vjera stalna i sve što sam napravio u životu i svojoj karijeri mogu zahvaliti vjeri i dragom Bogu“).

Wie ihm sein Rosenkranz, den er stets bei sich trägt, hilft, schwierige Situationen zu meistern, lesen Sie in der Tagespost.

(Josef Bordat)

Kollektiv und Individuum. Oder: Wie es zusammen besser geht

Wenn man sich das WM-Geschehen anschaut, kann man den Triumph starker Kollektive über herausragende Individuen erkennen.

Frankreich, Belgien, England und Kroatien haben einen ausgeglichenen Kader von sehr guten Spielern, ohne dass jemand allzu weit herausragt.

Das gilt auch für andere Mannschaften, die verhältnismäßig erfolgreich waren, also Schweden, Japan, Russland, Dänemark.

Mannschaften hingegen, die zu sehr auf einzelne Superstars setzten, scheiterten, allen voran Argentinien und Portugal, aber auch Brasilien und Polen.

Sie schieden aus, weil der Abstand zwischen dem Besonderen und dem Gewöhnlichen zu groß war, um jenem durch dieses Geltung zu verschaffen.

Die WM ist also auch eine Manifestation der Bedeutung von Gemeinschaft, die immer dann besonders gut funktioniert, wenn sich der Einzelne zum Wohle aller einordnet.

(Josef Bordat)