Europas Meisterschaften. Eine Bilanz

Die European Championships, ein Zusammenschluss von sieben Sportverbänden zur gleichzeitigen Ausrichtung ihrer Europameisterschaften in Glasgow und Berlin, waren ein voller Erfolg. Das kontinentale Mini-Olympia im Fußball-WM-Sommer hat für den Fernsehathleten wirklich die Atmosphäre eines Multi-Sport-Events vermittelt. Standortwechsel und Livestreams, Studiomoderation und Medaillenspiegel – wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, wir seien schon zwei Jahre weiter, bei Olympia.

Allerdings: Nur bei oberflächlicher Betrachtung. Wer sich ein wenig auskennt, der weiß, dass mit den European Championships ein Format gewählt wurde, dass es den Verbänden ermöglicht, überhaupt noch eine angemessene Aufmerksamkeit zu erzeugen. Es Sportarten wie die Leichtathletik und das Schwimmen aufgewertet, deren Top-Stars oftmals gerade nicht in Europa, sondern in Jamaika und Australien leben. Oder in den USA. In einer Zeit, in der diese chronisch knapp ist, ist das Beste gerade gut genug, und wer nicht gerade ein Freund dieser Sportarten ist, schaut auch nur auf die Allerbesten. Und die kommen nicht immer aus Europa.

Wer in Berlin noch genauer hingeschaut hat, wird feststellen, dass in den Disziplinen, in denen Menschen aus der nicht-europäischen Welt besonders gut sind, Athleten nicht-europäischer Herkunft dominieren. Das ist bei der B-Mannschaft Kenias im Trikot der Türkei oder einem Dreispringer aus Kuba, der seit 2017 halt mal für Aserbaidschan startet, witzig bis anrüchig, bei Athleten mit Migrationshintergrund ist es ermutigend. Denn es zeigt die Chancen, die der Sport bietet. Gerade nach dem „Fall Özil“ ist das wichtig. Und es zeigt unseren Kontinent, wie er sein sollte: offen, bunt und leistungsstark.

Sie sollten also eine Fortsetzung erfahren, die European Championships. Am besten an einem Ort, idealerweise mit noch mehr (Rand-)Sportarten. Zugleich sollte man aber auch mit dem IOC und dessen europäischem Pendant sprechen, um die fragwürdigen „Europaspiele“ abzuschaffen, für die bisher nur zweiklassige Aktive und despotische Regime gewonnen werden konnten – 2015 bei der Premiere Aserbaidschan (mit Baku), im kommenden Jahr Weißrussland (nachdem die Niederlande sich als Ausrichter zurückzogen). Und man sollte es wagen, auch mal (wieder) mehr Leichtathletik ins öffentlich-rechtliche TV-Programm aufzunehmen. „König Fußball“ braucht eine Königin. Es ist schön, dass sich diese standesgemäß mit Diamanten schmückt. Schade nur, dass es kaum jemand sieht.

(Josef Bordat)

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Die etwas andere Weltmeisterschaft

Gestern ging sie dann zuende, die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Recht spektakulär, mit einem nicht ganz so souveränen 4:2-Sieg der Franzosen über die Kroaten. Nicht ganz so souverän, wie das Ergebnis klingt, schließlich ging Frankreich zweimal auf recht zweifelhafte Weise in Führung: ein Freistoß nach Stolperer Griezmanns führt zum 1:0, ein von eben diesem verwandelten Handelfmeter zum 2:1. Aber daran, dass Frankreich ein würdiger Weltmeister ist, gibt es wohl keinen Zweifel.

Diese Weltmeisterschaft war anders. Gleich war die Dominanz der UEFA (aus dem Verband kamen die vier Halbfinalisten) und auch der Sieger des Finales ist ein altbekannter Weltmeister (1998) und Vize-Weltmeister (2006). Neu war allerdings der Videobeweis, der sich bewährt hat, die neuen, sympathischen Kräfte im Weltfußball Belgien und Kroatien, das Wiedererstarken von Frankreich und England. Und anders als sonst war natürlich das Abschneiden derer, die man wohl unter „Enttäuschungen“ abbuchen muss: Deutschland, Spanien, Argentinien und Brasilien scheitern früh, Italien und Holland noch früher.

Die nächste und die übernächste WM werden nochmal ganz anders werden: die eine (2022 in Katar) findet in der Adventszeit statt, die andere (2026 in Mexiko, Kanada und der USA) mit 48 Mannschaften. Was bleibt: Kommerz, Dopingvorwürfe, die „große Bedeutung von Standards“ (Oliver Kahn). Mal im Ernst: Quo vadis, Fußball?

(Josef Bordat)

Final-Check: Frankreich

Frankreich. Die Multikulti-Mannschaft, in der Moslems wie Paul Pogba und N’Golo Kante ebenso ihren Platz haben wie Migranten aus Afrika. Samuel Umtiti zum Beispiel, der aus Kamerun stammt und den Siegtreffer im Halbfinale gegen Belgien erzielte. Der Star der Mannschaft ist unbestritten Kylian Mbappé, Frankreichs Meister von Morgen. Spätestens von übermorgen.

Als Frankreich das letzte Mal Weltmeister wurde, im Sommer 1998, war seine Mutter Fayza Mbappé gerade mit Kylian schwanger. Fayza hat damals Handball gespielt, in der ersten französischen Liga. Kylians Vater Wilfred stammt aus Kamerun.

Kylian Mbappé wird bereits mit Pelé verglichen. Das reimt sich und ist natürlich auch so üblich, wenn ein junger Spieler durch die Decke geht. Aber erst einmal muss Mbappé zumindest einmal Weltmeister werden, bevor er es dann am Ende seiner Karriere dreimal gewesen sein kann. Morgen könnte der 19jährige den Grundstein legen für eine außergewöhnliche Karriere. Was sage ich: das Erdgeschoss bauen.

(Josef Bordat)

Mit Gott ins Finale

Der Trainer der kroatischen Fußballnationalmannschaft, der 51-Jährige Zlatko Dalić, ist ein gläubiger Katholik.

Er sagt von sich: „Alles, was ich in meinem Leben und meiner beruflichen Karriere erreicht habe, schulde ich meinem Glauben, und dafür bin ich meinem Gott dankbar“ („Kod mene je vjera stalna i sve što sam napravio u životu i svojoj karijeri mogu zahvaliti vjeri i dragom Bogu“).

Wie ihm sein Rosenkranz, den er stets bei sich trägt, hilft, schwierige Situationen zu meistern, lesen Sie in der Tagespost.

(Josef Bordat)

Kollektiv und Individuum. Oder: Wie es zusammen besser geht

Wenn man sich das WM-Geschehen anschaut, kann man den Triumph starker Kollektive über herausragende Individuen erkennen.

Frankreich, Belgien, England und Kroatien haben einen ausgeglichenen Kader von sehr guten Spielern, ohne dass jemand allzu weit herausragt.

Das gilt auch für andere Mannschaften, die verhältnismäßig erfolgreich waren, also Schweden, Japan, Russland, Dänemark.

Mannschaften hingegen, die zu sehr auf einzelne Superstars setzten, scheiterten, allen voran Argentinien und Portugal, aber auch Brasilien und Polen.

Sie schieden aus, weil der Abstand zwischen dem Besonderen und dem Gewöhnlichen zu groß war, um jenem durch dieses Geltung zu verschaffen.

Die WM ist also auch eine Manifestation der Bedeutung von Gemeinschaft, die immer dann besonders gut funktioniert, wenn sich der Einzelne zum Wohle aller einordnet.

(Josef Bordat)

Die globale Ballordnung

Eine Beobachtung zwischen dem Viertel- und Halbfinale

Die WM ist auf der Zielgeraden. Im Halbfinale sind die europäischen Verbände unter sich. Für Ozeanien kam das Aus in der Qualifikation, für Afrika in der Vorrunde, für Asien im Achtelfinale und für Amerika im Viertelfinale – Brasilien verlor gegen Belgien.

Dass Europa im Halbfinale einer WM den Ton angibt, ist durchaus üblich. Bei den letzten fünf Weltmeisterschaften – die laufende eingeschlossen – nahm die UEFA 15 von 20 möglichen Plätzen ein. Die Gründe? Zum einen stellt die UEFA mit 13 Verbänden so viele Teilnehmer wie Afrika und Amerika zusammen. Zum anderen ist der Fußball ein europäischer Sport, der hier über die beste Infrastruktur verfügt.

Bei den ebenfalls traditionell starken südamerikanischen Mannschaften gibt es oft Leistungsunterschiede zwischen den Legionären, die in den Top-Ligen Europas spielen, und denen, die in der Heimat kicken. Die Folge: Stars wie Messi, Suarez und Neymar können ihr Potential nicht zu hundert Prozent auf den Platz bringen, die Mannschaften bauen trotzdem zu sehr auf ihr außergewöhnliches Können.

Die Breite in Europa ist zudem ein Grund dafür, dass es immer wieder UEFA-Verbände sind, die ganz nach vorn kommen. Versagen die Mannschaften aus Italien, Holland, Spanien oder Deutschland, kommen eben „neue“ oder zumindest weniger etablierte Fußballnationen dafür groß raus: Frankreich, Belgien, England, Kroatien.

Das lässt hoffen für die ab Herbst beginnende UEFA Nations League, mit der Freundschaftsspiele aufgewertet werden. Deutschland trifft dann in einer Gruppe auf Frankreich und Holland. Erstmals nicht als Favorit.

(Josef Bordat)

Radio Horeb-Wochenkommentar

Mein Wochenkommentar für Radio Horeb vom 30. Juni ist nun als Podcast abrufbar. Thema: Fußball als Ersatzreligion.

Die Stilisierung der Spieler zu Idolen, zu „Heiligen“ ist nicht das einzige Phänomen, dass den Fußball in eine Nähe zur Religion rückt. Die Verbindungen sind vielgestaltig, die Beziehung ist komplex. Dazu mache ich im Wochenkommentar einige Bemerkungen.

Zum Podcast geht es hier.

(Josef Bordat)