Robert Enke

Zum zehnten Todestag des Fußballnationaltorwarts

In „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ schildert Literaturnobelpreisträger Peter Handke das Schicksal des aus seinen Lebensbezügen herausgerissenen Fußballtorwarts Josef Bloch. Handke bedient sich der Torwartallegorik, um dem rastlos umherreisenden Protagonisten die Erkenntnis zu ermöglichen, dass nicht in der Bewegung, sondern in der Ruhe die Kraft liegt: Der Torwart, der stehen bleibt, fängt den Ball.

Fußballtorwart Robert Enke hat sich bewegt, hat sich bewegen lassen, war beunruhigt, hatte Depressionen, litt unter Versagensängsten. Und hat davon geschwiegen. Der Öffentlichkeit wurde das Seelenleben Enkes erst durch seinen Suizid heute vor zehn Jahren bekannt. Größer als die Angst vor dem Versagen war nur die Angst, dass jemand sie bemerken könnte. Als Nationalspieler in einer WM-Saison ist man eben nicht depressiv und ängstlich.

Depression. Die Krankheit trifft viele. Warum sollte sie nicht auch Fußballer treffen? Versagensangst. Auch sie trifft viele. Beileibe nicht nur Berufsfußballer. Jeder von uns muss sich die Frage stellen, welchen Stellenwert Erfolg und Anerkennung haben und wodurch letztere erfahren wird. Welche Rolle spielt der Beruf, welche Rolle spielen Familie und Freunde? Was hält einen noch, wenn man den Job verliert? Fragen zwischen Haben und Sein. Robert Enke mahnt unsere Leistungsgesellschaft.

(Josef Bordat)

Das war Doha

Ich erinnere mich noch gut an das Sportjahr 1996: Jan Ulrich wurde Zweiter bei der Tour de France – nur knapp hinter seinem Kapitän Bjarne Riis. Und wenige Tage später gewann Frank Busemann in Atlanta olympisches Silber im Zehnkampf. Zwei Überraschungen, zwei junge, hoffnungsvolle deutsche Sportler. Fast ein Vierteljahrhundert und damit eine Generation später gibt es mit Emanuel Buchmann und Niklas Kaul eine ähnliche Konstellation: Buchmann wurde Vierter bei der Tour und Kaul Zehnkampf-Weltmeister. Wieder zwei junge, hoffnungsvolle deutsche Sportler.

Zu hoffen bleibt, dass beiden das Schicksal ihrer Vorgänger erspart bleibt. Busemann wurde 1997 bei der WM noch einmal Dritter, danach warfen ihn Verletzungen immer wieder zurück. Bei den Spielen in Sydney (2000) belegte er den siebten Platz, danach war Schluss. Und die Geschichte von Jan Ulrich kennen Sie: Nach dem Toursieg 1997 und Olympia-Gold in Sydney machte er vor allem durch sein bewegtes Privatleben auf sich aufmerksam. Und durch Doping.

Doch bei Buchmann und Kaul gibt es allen Grund, ein gutes Gefühl zu haben. Im Radsport hat sich einiges geändert und auch die neuen Stars sind charakterlich für eine lange, erfolgreiche Karriere prädestiniert: Nicht nur Talent zeichnet sie aus, sondern auch eine gesunde Selbsteinschätzung und ein gezieltes Haushalten mit den eigenen Kräften. Bodenständig und bescheiden treten sie auf, benennen nüchtern Stärken und Schwächen, lassen sich durch den Rummel nicht aus der Ruhe bringen.

Die Leichtathletik-WM in Doha war insgesamt sehr ambivalent. So, wie vielleicht das ganze Land Katar von Gegensätzen lebt, wie dem zwischen unvorstellbarem Reichtum weniger und der Armut hunderttausender Arbeitssklaven. Die Wettbewerbe fanden praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt (selbst die sytematische Ausgabe von Freikarten konnte das Stadion nicht füllen), brachten in durchweg hervorragendem Niveau aber einige Höchstleistungen – bei bester Unterhaltung Dank spektakulärer Lasershows bei ausgesuchten Wettbewerben auf der Bahn.

Diese Showelemente könnten durchaus noch häufiger das Programm bereichern und auch auf die technischen Disziplinen ausgeweitet werden, weil dort ebenfalls hochklassiger Sport geboten wird. Das Kugelstoßfinale war für mich ein, wenn nicht sogar das Highlight der WM. Mit 22,91m, 22,90m und 22,90m gingen die Medaillen weg – drei Leistungen in Weltrekordnähe. Der Zweifel stößt mit. Klar. Doch es ist auch die technische Entwicklung in einer Disziplin, die nicht unbedingt zu den publikumswirksamsten zählt. Man muss schon genau hinsehen, um die feinen Unterschiede zu sehen.

Bei anderen feinen Unterschieden gibt es hingegen keine Entwicklung in der Leichtathletik. Die IAAF hält fest an der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen – für Intersexuelle ist da kein Platz. Vielleicht sollte man über eine Art Handicap nachdenken und Intersexuelle nach der Gunnarson-Methode starten lassen oder die genetischen Vorteile anders ausgleichen. Vielleicht eine Schnapsidee, aber immer noch besser, als Angst vor der schwarzen Frau zu haben, die laufen will.

Mit Sicherheit eine Schnapsidee: die Startblockkamera. Dem Zuschauer immer tiefere Einblicke zu gewähren und damit die Illusion echter Teilhabe zu vermittelt, ist eine Fehlentwicklung, die hart an der gebotenen Achtung vor der Würde des Sportlers kratzt. Und der Sportlerin. Und letztlich auch der Zuschauer. Transparenz ist an anderer Stelle nötig.

(Josef Bordat)

Mut und Menschlichkeit

In Doha finden derzeit die Leichtathletik-Weltmeisterschaften statt. Am ersten Wochenende stehen dabei immer die Sprintentscheidungen über die 100m im Mittelpunkt. Diesmal ganz besonders inszeniert: mit einer Lasershow vor dem Start. Die Show war grandios, die Siegerzeiten sind beeindruckend; der US-Amerikaner Coleman siegte in 9,76s, die Jamaikanerin Fraser-Pryce in 10,71s – Weltklasse. Keine Frage.

Und dennoch sind es zwei andere Dinge, die für mich das erste WM-Wochenende prägten. Zum einen ist da die schwedische Stabhochspringerin Angelica Bengtsson, der beim letzten Versuch über 4,80 – einer Höhe an ihrem persönlichen Leistungslimit – der Stab bricht. Sie bleibt unverletzt und darf den Versuch wiederholen, leiht sich kurzerhand den Stab der Kollegin Ninon Guillon-Romarin (Frankreich), läuft an, springt – drüber.

Zum anderen ist da der 5000m-Läufer Braima Suncar Dabó aus Guinea-Bissau. In seinem Vorlauf weit zurückliegend sieht er den ebenfalls schon abgeschlagenen Jonathan Busby von der Karibikinsel Aruba kraftlos strauchelnd, hilft ihm auf, stützt ihn und schleppt ihn die letzte Runde mit ins Ziel. Dabó wurde als insgesamt 35. (und Letzter) gewertet, Busby disqualifiziert. Gemeinsam zeigten sie ein bewegendes Bild von Sportsgeist und Fairness.

Die wenigsten von uns eignen sich zum Stabhochspringen oder 5000m-Laufen. Dennoch haben Angelica Bengtsson und Braima Suncar Dabó ein Beispiel gegeben – für Mut und Menschlichkeit. Wenn du scheiterst – versuch es gleich noch mal. Hol dir Unterstützung, lass dir dabei helfen. Und wenn du selbst helfen kannst, dann zögere nicht, gestrauchelten Menschen mit deiner Kraft wieder auf die Beine zu bringen – und ins Ziel.

(Josef Bordat)

Das waren noch Zeiten

Heute vor 45 Jahren, am 17. August 1974, fand das DFB-Pokalfinale statt. Im Düsseldorfer Rheinstadion schlug die Frankfurter Eintracht den Hamburger Sportverein mit 3:1 Toren. Das Besondere an dem Spiel: Im Fernsehen war es nur in Kurzberichten zu sehen, da ARD und ZDF das DFB-Pokalfinale nicht wie gewohnt live übertrugen. Die öffentlich-rechtlichen Sender protestierten damit gegen die Einführung von Trikot- und Bandenwerbung im Profi-Fußball.

Am 24. März 1973 war Eintracht Braunschweig als erste Profi-Mannschaft mit Trikotwerbung aufgelaufen. Der Sponsor: „Jägermeister“. Dabei umging der Verein das Werbeverbot des DFB dadurch, dass er den Braunschweiger Löwen kurzerhand zum Hirsch umgestaltete. Trikotwerbung war nämlich nicht erlaubt, eigentlich.

Mit dem „Jägermeister“-Hirsch war der Bann gebrochen: Bald spielten auch andere Vereine mit Werbebotschaft auf dem Leibchen. Heute läuft kaum noch ein Verein ab der Kreisliga ohne Trikotwerbung auf den Platz. Nur die Allergrößten können die Einnahmen entbehren – der FC Barcelona etwa, der erst seit 2012 mit kommerzieller Botschaft spielt; zuvor boten Messi & Co. dem Kinderhilfswerk „Unicef“ fünf Jahre lang die Brust, vor 2006 spielten sie nur für den Verein.

(Josef Bordat)

Erinnerung

Vor zehn Jahren: Die Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin (15.-23. August 2009).

Berlino – der heimliche Superstar der WM-Tage von Berlin. Foto: JoBo, 8-2009.

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Nelson Evora mit errungener Silbermedaille (Dreisprung). Foto: JoBo, 8-2009.

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Allyson Felix im Interview. Foto: JoBo, 8-2009.

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Berlino – Star zum Anfassen. Foto: RVB, 8-2009.

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Verdienter Lohn: Siegerehrung über die 100 Meter. Wer (er)kennt die Großen Drei des Sprints? Foto: JoBo, 8-2009.

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Fotografen verdecken Usain Bolts neue Bestmarke: 9,58 Sekunden – Weltrekord über die 100 Meter. Hat bis dato Bestand. Foto: JoBo, 8-2009.

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Auch die schönsten Tage enden – Feierabend im Olympiastadion. Foto: JoBo, 8-2009.

Ich denke gerne daran zurück, an die Wettkämpfe, an die tollen Leistungen, vor allem aber an die Begegnungen mit Menschen, denen man sonst nicht begegnet.

(Josef Bordat)

Boykott 2.0

Stell Dir vor, es sind Europa-Spiele und niemand geht hin. Das heißt: ginge hin. Wenn sie oder er denn überhaupt wüsste, dass sie stattfinden, die 2. Europa-Spiele in Minsk. Von den Medien werden sie weitgehend ignoriert, von der Politik erst recht: Kein EU-Staatsoberhaupt wird zur Eröffnungsfeier reisen.

Ignoranz ist der neue Boykott. Da können die Sportler ruhig um Tickets für Olympia kämpfen, solange keiner darüber spricht, muss das niemanden interessieren. So sind dann am Ende ausgerechnet die, um die es eigentlich gehen sollte, die Hauptleittragenden der Funktionärsphantasie: die Sportler. Dazu sei auf einen treffenden Kommentar in der FAZ hingewiesen.

Ansonsten gilt es, die Spannung zwischen überragender Bedeutung für den einzelnen Aktiven und Bedeutungslosigkeit für den Rest der Welt, in den nächsten zehn Tagen auszuhalten. Vielleicht kann ja auch ein Schuh daraus werden: Man nimmt es sportlich, rein sportlich. Und der Show des Machthabers verschließt man sich durch öffentlich-rechtliche Ignoranz. Könnte funktionieren, diese neue Form des Boykotts.

(Josef Bordat)