Würde, Freiheit, Selbstbestimmung – Radio Horeb-Kommentar

Zum Nachlesen: Mein Radio Horeb-Kommentar zum Thema meines neuen Buchs: Kernbegriffe der Lebensrechtsdebatte. Nachzuhören ist er hier.

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich aus bioethischer Perspektive mit Fragen des Lebensschutzes. Das sollte nicht überraschen. Die Themen Abtreibung und Sterbehilfe, die Frage des moralischen Status des Embryo, Vorstellungen des richtigen Umgangs mit Kranken, Behinderten, Alten, Dementen, Sterbenden und Ungeborenen sind grundlegend für Philosophie und Theologie gleichermaßen. Der richtige Umgang mit dem Menschen ist die zentrale ethische Fragestellung; Moral ist eine menschliche Umgangsform.

Die Anthropologie geht der Ethik voraus, weil sie Vorentscheidungen trifft hinsichtlich des Gegenstands, zu dem sich moralisch verhalten werden soll. Wenn ich nicht über das Leben und den Menschen nachdenke, hat es auch keinen Zweck, über Wissenschaft und Forschung, Wirtschaft und Arbeit, Politik und Publizistik, Kultur und Kunst nachzudenken. Immanuel Kant hat die Frage „Was ist der Mensch?“ als die Synthese aller philosophischen Bemühung betrachtet, als Ausgangs- und Fluchtpunkt zugleich für Epistemologie, Ethik und Ästhetik. Grund genug, Lebensrechtsfragen in den Mittelpunkt zu stellen.

Wenn man sich nun mit Lebensrechtsfragen beschäftigt, dann stehen drei Begriffe immer wieder zur Diskussion: Würde, Freiheit, Selbstbestimmung. Und da hab ich mir gedacht: Schau Dir diese Begriffe mal genauer an! Und daraus ist dann ein kleines Buch geworden, um dass es jetzt nicht gehen soll, sondern um dessen Inhalt: Würde, Freiheit, Selbstbestimmung – was heißt das eigentlich? Also, was bedeutet das aus der Perspektive des christlichen Glaubens, aber auch aus Sicht der philosophischen und theologischen Tradition?

Bevor ich eine Antwort gebe, muss ich noch mal etwas ausholen, denn auch diejenigen, die in Lebensrechtsfragen zu ganz anderen Antworten kommen als ich, argumentieren mit Würde, Freiheit, Selbstbestimmung. Beispiel: Sterbehilfe.

Wer im Internet nach „Hilfe“ im Kontext von „Selbstmord“ bzw. „Suizid“ sucht, bekommt neben der Telefonseelsorge und Psychotests zunehmend auch die Angebote von kommerziellen Sterbehilfe-Organisationen angezeigt. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 (Aschermittwoch) zum § 217 StGB hat diese Art der „Hilfe“ für suizidale Menschen grundsätzlich möglich gemacht. Das war ja Thema meines letzten Wochenkommentars vor rund sechs Wochen, Ende Juni war das.

Also: Hilfesuchende finden im Netz Hilfe, aber eben Hilfe zum Sterben, nicht zum Leben. Auch wenn das Thema Sterbehilfe vor allem im Kontext schwerer Erkrankungen und älterer Menschen diskutiert wird, zeigt sich doch hier eine gewisse Entgrenzung. Dahinter steht die Normalisierung des Suizids (als „Freitod“ verklärt bzw. missverstanden) unter dem Paradigma der Würde und Selbstbestimmung.

Würde, Freiheit, Selbstbestimmung – mit diesem Dreiklang bewerben die Sterbehilfe-Organisationen ihr Angebot.

Es geht – das zur Erinnerung – immer noch darum, Menschen auf Wunsch und Verlangen zu Tode zu bringen. Dieses Handwerk entspreche dem Wesen seiner Würde, verwirkliche ein Maximum an Freiheit, sei gleichsam höchster Ausdruck der Selbstbestimmung. So die Befürworter der Sterbehilfe und das Bundesverfassungsgericht folgt ihnen darin.

Anderes Beispiel: Abtreibung. Auch bei der Frage der Abtreibung spielen die Konzepte Würde, Freiheit, Selbstbestimmung eine Schlüsselrolle: „Mein Bauch [und alles, was da drin ist] gehört mir!“ Die Würde des Menschen wird auch in diesem Fall angeführt: die Würde der Frau, zu der es gehöre, über ihren Körper selbstbestimmt entscheiden zu dürfen. Wer wollte da widersprechen. Dass Zeitpunkt und Ausmaß der Entscheidung die Abtreibung zum moralischen Problem werden lassen, wird dabei gerne übersehen.

Festzuhalten ist: Die Menschenwürde wird in beiden Fällen zum Gegenstand der Freiheit und Selbstbestimmung; sowohl die eigene Würde (Suizid) als auch die Würde des Kindes (Abtreibung) – lassen sich daran bemessen, wie frei und selbstbestimmt der Mensch entscheidet. Soweit die heute fast ausnahmslos anzutreffende Interpretation der Begriffe Würde, Freiheit, Selbstbestimmung.

Es geht dabei ideengeschichtlich um die Befreiung von alten (und daher: „falschen“) Moralvorstellungen als Akt der Selbstbestimmung zur Erlangung dessen, was diese Vorstellungen nur verheißen, nicht aber verwirklichen: Menschenwürde. Ist dieser Gedankengang vom philosophischen Gehalt der benutzten Konzepte gedeckt? Was lässt sich aus Sicht der christlichen Anthropologie und Ethik erwidern? Prüfen wir mal die Begriffe – vor dem Hintergrund ihres lebensrechtlichen Verwendungskontexts in den Debatten über Abtreibung und Sterbehilfe.

Das habe ich mir gedacht und dazu das erwähnte Buch geschrieben. Das kann ich hier nicht in fünf Minuten entfalten, aber ich kann sagen, was ich für richtig halte, wenn die Rede auf Würde, Freiheit, Selbstbestimmung kommt.

Also:

1. Die Würde des Menschen kommt jedem Menschen unbedingt zu. Sie wird dem Menschen nicht von anderen Menschen zuerkannt, sie ist unmittelbar Ausdruck seines Menschseins. Für Christen ist dieses Menschsein Geschöpflichkeit: Der Mensch erhält als Abbild Gottes seine Würde vom Schöpfer.

2. Die Freiheit des Menschen ist keine absolute, sie ist gebunden an die moralische Pflicht zum Guten, an die Verantwortung vor dem Menschen und – für Christen – auch und insbesondere vor Gott. Nur in dieser Bindung ist Freiheit vernünftig realisierbar.

3. Für Christen ist das Leben heilig und unbedingt schützenswert. Die Autonomie des Menschen endet an der Grenze dieser Heiligkeit – auch im Hinblick auf das eigene Leben. Selbstbestimmung in Fragen des Lebens und Sterbens droht zur Fremdbestimmung zu werden – der Druck auf kranke und alte Menschen nimmt zu.

Und das müssen wir verhindern. Auch, wenn da mittlerweile fast alle Kräfte in unserer Gesellschaft anderer Ansicht sind, weil sie Würde, Freiheit, Selbstbestimmung anders deuten als dies aus dem christlichen Glauben heraus – und auch aus der Vernunft heraus – möglich ist.

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar 2020 zum § 217 StGB ist in der Welt und wir müssen damit umgehen. Höchstrichterliche Urteile gilt es im Rechtsstaat zu akzeptieren; das ist eine Grundbedingung für dessen funktionieren. Doch auch gegen Urteile höchster Gerichte kann sich das Gewissen sträuben – und in meinem Fall tat es dies. So sehr, dass ich mich fast genötigt sah, meine Position darzulegen. Was ich in meinem Buch tat, heute in diesem Kommentar tue und immer wieder tun werde. – Auch hier im Blog.

(Josef Bordat)