Natur und Recht

Wer den Menschen als bloßes Produkt einer Abfolge von zig Billiarden – noch dazu erstaunlich geglückten – aufeinanderfolgenden Zufällen denkt, für den kann auch das Naturrecht keine Geltung beanspruchen. Denn der Zufall kennt weder Sinn noch Ziel, sondern nur Wahrscheinlichkeit. Für alle weniger abenteuerlich Gesinnten ist das Naturrecht dagegen weiterhin des Nachdenkens wert. Zur neuen Aktualität einer alten Denkfigur.

Dass die menschliche Natur etwas mit der Moralität und dem Rechtsempfinden des Menschen zu tun hat, steht außer Frage. Was seit jeher umstritten ist und –soviel ist klar – auch weiterhin heftig umstritten sein wird, das ist die Frage, was wir denn meinen, wenn wir von der „Natur“ sprechen. Wenn Thomas von Aquin die natura humana anspricht, um den Hang des Menschen zum Guten zu erklären, meint er nicht das gewordene Genmaterial, sondern den seienden Geist Gottes, der das menschliche Gewissen formt, vor dessen Urteilskraft dem Menschen Tugenden und Laster als solche identifizierbar sind. Wenn die Aufklärer von „Vernunftnatur“ sprechen, erscheint ihnen dabei die menschliche Ratio als unbestechlicher „Gerichtshof“ (Kant), der in der Lage ist, Handlungen (eher: handlungsleitende Maxime und Normen) letztgültig als gut oder böse zu qualifizieren.
Thomas von Aquin meinte, der Mensch könne aus dem „Ewigen Gesetz“ Gottes das „Natürliche Gesetz“ erkennen (und zwar qua Vernunft), um daraus konkrete Schlüsse zu ziehen für Einzelvorschriften auf den unterschiedlichen Ebenen der, wie wir heute sagen würden, Individual-, Sozial- und Institutionenethik. Dabei wird das Gebot Gottes durch die Natur des Menschen in ein säkulares Rechtssystem überführt, dem alle – unabhängig von ihrer Religion – zustimmen können.
Das Naturrecht bleibt aber Ausdruck des inneren menschlichen Gespürs für das Gute und Richtige, weil sich dessen Naturbegriff nicht in der Biologie des Menschen, etwa seinen Instinkten und Trieben, erschöpft, sondern den Menschen als vom Geist der Vernunft durchdrungene leiblich-seelische Einheit sieht, die im Gewissen eine Instanz kennt, vor der sich das göttlich-natürliche Recht nicht nur als richtig, sondern auch als wahr mitteilt – unabhängig davon, was die Mehrheit daraus erkannt hat und in das faktisch geltende Rechtssystem zu überführen in der Lage war. Nach den Erfahrungen von zwei Diktaturen auf deutschem Boden wissen wir, wie wichtig es sein kann, in diesem Sinne zwischen Recht und Gesetz zu unterscheiden – und sich im Zweifel auch illegal zu verhalten.

Den ganzen Text lesen Sie in der „Tagespost“.

(Josef Bordat)

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Hetze, Hass und Völkermord. Die Rolle der Medien bei genozidaler Gewalt

Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Kann man erklären, was in den Jahren zuvor dort und anderswo geschah? Wie konnte die Schoah, die Ermordung von etwa sechs Millionen Juden Wirklichkeit werden? Eine Frage, die bis heute nicht restlos geklärt ist, trotz ambitionierter Ansätze wie der „Dialektik der Ordnung“ (Zygmunt Bauman) und der „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt), die sich in der Kritik einer instrumentalisierten menschlichen Vernunft treffen, die nur noch zu zweckrationalen Entscheidungen führt, ohne Raum zu lassen für ein reflektierendes Denken.

Ein Aspekt der historischen Klärung von Ursachen und Bedingungen genozidaler Gewalt ist auch der Blick in die Medien. „Der Stürmer“ („Deutsches Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit“) bediente sich tatsächlicher oder vermeintlicher anti-jüdischer Stereotype aus über tausend Jahren. Die „Ritualmord“-Legende lebte wieder auf. Aber auch völlig neuen Unfug ließen sich Julius Streicher und Co. einfallen: Vor Erlass des Reichsbürgergesetzes, eines der beiden Nürnberger Rassengesetze von 1935, schrieb die Zeitung, ein jüdischer Mann könne mit seinem Samen den Blutkreislauf einer „deutschblütigen“ Frau auf ewig verändern, so dass alle ihre zukünftigen Nachkommen jüdische Bluts- und Erbanteile hätten; „Imprägnation“ nannte „Der Stürmer“ seine genetische Legende über die ewigen und unausweichlichen Folgen eines vaginalen Samenergusses beim Geschlechtsverkehr mit einem Juden. Es geht aber noch platter. Während des Genozids in Ruanda (1994) erfolgte über den Radiosender RTLM mehrmals täglich der Aufruf „Tod! Tod! Die Gräben sind erst zur Hälfte mit den Leichen der Tutsi gefüllt. Beeilt euch, sie ganz aufzufüllen!“ Und als in Myanmar das Militär hunderttausende Angehörige der muslimischen Minderheit der Rohingya vertrieb, meinten UN-Beobachter, Facebook habe daran entscheidenden Anteil. In einer Untersuchung vom März 2018 sprechen sie davon, Facebook habe „grundlegend zu dem öffentlichen Grad an Verbitterung, Meinungsverschiedenheit und Konflikt in Myanmar“ beigetragen. Ultra-nationalistische Buddhisten unterhielten Seiten, auf denen sie massiv zu Hass und Gewalt gegen die Rohingya anstifteten. „Ich befürchte, dass Facebook zur Bestie geworden ist und nicht mehr das ist, wozu es gedacht sei“, sagte damals die Sonderberichterstatterin Yanghee Lee. Dabei bliebe die Propaganda ungeprüft, obgleich Facebook versicherte, man reagiere darauf, wenn jemand „kontinuierlich Hass verbreite“. Offenbar ist das allerdings nicht geschehen.

Schmähungen in der Zeitung, Propaganda im Radio, Fakenews im Internet – welche Rolle spielt Hetze bei genozidaler Gewalt? In einem Beitrag für die „Tagespost“ gehe ich dieser Frage nach.

(Josef Bordat)

Marx und Friedman im BE

In der aktuellen Tagespost vom 17. Januar erscheint mein Bericht über die Diskussion zwischen Michel Friedman und Reinhard Kardinal Marx im Berliner Ensemble – „Glauben!“.

Mir sind noch zwei Dinge eingefallen, die ich auf diesem Wege gerne ergänzen möchte.

1. Zum Thema Theodizee, oder: Glauben nach Auschwitz

Nein, meinte Marx, er könne nicht erkennen, wo hier der Sinn liege, in Auschwitz, in der Schoah, jener Sinn, auf dessen Existenz er im Kontext der Glaubensfrage eingangs des Gesprächs größten Wert legte. „Aber das heißt nicht, dass es ihn nicht gab. Wir Menschen erkennen nicht immer alles.“ – „Aber wenn wir nicht wissen, wo Gott war – wie können wir dann nach Auschwitz an ihn glauben?“ Marx wies auf dreierlei hin: Zum einen, dass sehr wohl auch in den Konzentrationslagern gebetet wurde (er hätte auch darauf hinweisen können, dass die katholische Liturgie im Priesterblock von Dachau einen festen Platz im Lager hatte), zum anderen – mit Habermas –, dass es ohne religiöse Ausdrucksform nicht möglich ist, an Sühne und Gerechtigkeit für die Opfer zu denken – politische und soziale Systeme können hier keinen Trost geben, nichts, das zum versöhnten Weiterleben befähigt. Schließlich: Dass es sehr wohl eine andere Theologie brauche, nach Auschwitz – exemplarisch führt er an, wie die Erinnerung zur theologischen Kategorie wurde, etwa bei Johann Baptist Metz (hier hätte Marx auch darauf verweisen können, dass der Topos der Erinnerung in der Kirche insgesamt seit jeher eine große Rolle spielt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“).

2. Zum Thema Religion, Moral und Recht

Das Verhältnis von Religion und Normativität ist ein weiterer Schwerpunkt des Gesprächs – soweit man davon bei der Überfülle an Stichwörtern überhaupt reden kann. Friedman setzt hier – mit Jan Assmanns theologisch fragwürdiger Monotheismuskritik im Rücken – auf die Trias „Wahrheitsanspruch-Dogmatik-Intoleranz“, die, so Marx, für das Christentum und die Kirche nicht verfange. Hier gehe es zunächst um den Weg zu Gott, dann erst um Ethik. Richtig. Das aber verführt Friedman zu der Annahme, damit sei die normprägende Dimension des Religiösen ein Irrweg; er nennt das Judentum mit seinen 613 Vorschriften. Marx pflichtet ihn bei, versäumt es jedoch festzustellen, dass der eigentliche Irrweg im praktisch folgenlosen persönlichen Bekenntnis besteht, das Friedman für die heute zu favorisierende Form von Religiosität hält. Religionen haben aber nicht nur als soziale Systeme Regeln, bereits aus dem Glauben selbst folgt eine bestimmte moralische Ordnung, die dann freilich auch auf das Leben wirkt und – wenn man nicht ganz allein damit steht – auch auf das Recht der Gemeinschaft, zumal dann, wenn die Angehörigen einer bestimmten Religion in der Mehrheit sind.

Das nur als Ergänzung.

Hingewiesen sei auch auf den Bericht von Anna Lutz für das Pro Medienmagazin. Teilweise ganz ähnlich in der Wahrnehmung, aber doch mit einer etwas anderen Akzentuierung.

Am besten beide Texte lesen. Schadet nicht. Denke ich.

(Josef Bordat)

Die JoBo-Top-10 des ersten Jahres

Das sind die zehn am häufigsten aufgerufenen Beiträge des ersten Jahres:

1. An keiner Stelle verurteilt die Bibel Homosexualität?

Der Wille Ilse Müllners, die Kirche „zu einer reifen Sexualität, in der Machtgefälle nicht sexuell missbraucht werden“ zu führen, ist sicher unterstützenswert. Ob diese Reifung darin ihren Ausgang nehmen kann, dass die Kirche – einer einseitig-spekulativen Exegese folgend – nun als erstes eine theologische Neubewertung der Homosexualität vornimmt, ist hingegen mehr als fraglich.

2. Kardinal Woelkis Hammerpredigt

Kardinal Woelki hat darin nachvollziehbar klargestellt, dass die Bejahung des Sakraments der Eucharistie die Bejahung der Katholischen Kirche einschließt. Dass man die Eucharistie nicht herauspräparieren und als eigenes Angebot an Menschen (auch Nicht-Katholiken) richten kann, die nicht zugleich auch in allen anderen liturgischen und ekklesiologischen Fragen katholische Antworten zu geben bereit sind.

3. Erpresste Ökumene

Eine Begebenheit während der Kommunionspendung (die hier als „Verteilung“ firmiert) zeigte mir dann doch deutlich die Schmerzgrenze meiner Offenheit für die Ökumenebewegung von unten. Eine Kommunionhelferin ging, nachdem die meisten Gottesdienstbesucher, die wollten, bereits kommuniziert hatten, mit der Hostienschale durch die Menschenmenge und machte vor einem neben mir stehenden Katholikentagshelfer halt.

4. Sternsinger: Ausgebeutet von der superreichen Kirche?

Auch, wenn es kaum Sinn haben dürfte, gegen die Position, die Sternsinger seien gewissermaßen Bettel-Sklaven einer superreichen Kirche, die nichts gegen Armut unternimmt, möchte ich doch noch einmal drei Dinge zum Thema „Sternsinger“ herausstellen.

5. Wikipedia – Jetzt wird’s persönlich!

Dass und warum ich Wikipedia für tendenziös halte, sobald es um Religion, Christentum und Kirche geht, habe ich mehrfach zu verdeutlichen versucht. Ich habe über Doppelstandards, totalitär anmutende Binnenstrukturen, ein – sagen wir mal: arg verkürztes – Verständnis von Sachverhalten geschrieben und darüber, dass es flappsige Bemerkungen in jede noch so knappe Biographie schaffen, vorausgesetzt, sie sind unversöhnlich gegenüber Religion, Christentum und Kirche. Wie tendenziös Wikipedia aber tatsächlich ist, habe ich erst jetzt erfahren, anhand eines Artikelgegenstands, den ich ganz gut kenne, besser jedenfalls als – ich sag mal – „Justin Bieber“. Wie tendenziös Wikipedia ist, weiß ich jetzt, nachdem ich den Artikel „Josef Bordat“ las.

6. Freckenhorster Kreis (Bistum Münster) fordert Neuausrichtung in der Kirchenlehre

Problematisch an dem Papier ist zunächst, den sexuellen Missbrauch allein als Ausdruck von Sexualität zu deuten. Tatsächlich ist er aber vielmehr ein Ausdruck von Macht und hat insofern mehr mit der Befriedigung eines Macht- und Kontrollgelüstes zu tun als mit der Befriedigung eines (möglicherweise „verqueren“) Sexualtriebs. Den Zölibat hier ursächlich zu nennen, widerspricht allem, was zu dem Zusammenhang von Zölibat und Missbrauch bisher bekannt ist.

7. Ich geb‘s ja zu: Ich bin Nazi!

Die Versuche, mich irgendwie (ich hätte jetzt fast geschrieben: „auf Teufel komm raus“) in die rechte Ecke zu stellen, reißen nicht ab. Die ulkigen Begründungen auch nicht. Einen neuen Versuch startet „Dokumentieren gegen Rechts. Verbindungen und Vernetzungen rechter Organisationen“. Dort gibt es einen Artikel über den Lepanto Verlag (katholisch!). Autor des Artikels ist ein gewisser „B. Kramer“, offenbar auch Betreiber der Seite (ein Impressum konnte ich auf der Seite nicht finden).

8. Berlin: „Ostern abschaffen!“

In der Berliner Politik werden Stimmen laut, das Osterfest abzuschaffen. „Wenn keiner mehr an Jesus glaubt, dann können wir uns das verlängerte Wochenende auch sparen“, so Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Tatsächlich beträgt der Anteil der Christen an der Berliner Bevölkerung jüngsten Studien zufolge nur noch 25 Prozent.

9. Hexenverbrennung heute

„Die Katholische Kirche würde immer noch Hexen verbrennen“ – dass das mit ‚Hexenverbrennung = Katholische Kirche‘ etwas weniger eindeutig ist, sagen uns Historiker, aber wir wollen ja nicht zu wissenschaftsgläubig sein – „wenn nicht die Aufklärung gewesen wäre!“ Gut, auch hier gäbe es Klärungsbedarf, aber lassen wir das. Und: „Die Katholische Kirche würde sofort(!!!) wieder anfangen, Hexen zu verbrennen, wenn sie mehr Macht bekommt!“. Ja, richtig. Ich gebe es zu.

10. Geschichtsstunde

Es tut mir Leid, dass ich überhaupt etwas dazu schreibe, denn eigentlich ist es nicht der Rede wert. Aber, wenn ein Vertreter des Volkes, zu dem ich nun mal auch gehöre, meint, die NS-Zeit mit all dem, was geschah, sei im Vergleich zur Gesamtschau deutscher Geschichte als eher geringfügig anzusehen und daher zu vernachlässigen (den genauen Wortlaut der Gauland-Äußerung werden Sie leicht recherchieren können), dann fällt das letztlich auch auf mich zurück.

Das also war das erste Jahr. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

(Josef Bordat)

Gedanken zum Film „Merry Christmas“

Vor 100 Jahren ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Anlass, noch einmal auf einen Film aus dem Jahre 2005 aufmerksam zu machen: Merry Christmas.

Der Essay „Großer Krieg und kleiner Frieden. Gedanken zu Merry Christmas (2005)“, erschien zunächst im Marburger Forum [Jg. 6 (2005), H. 6], dann auch auf Jobo72.

Merry Christmas ist ein großartiger, sehenswerter Film – nicht nur, aber vor allem zur Weihnachtszeit.

(Josef Bordat)

Stimmen zum Tode Robert Spaemanns

Die „Tagespost“ würdigte den großen katholischen Philosophen Robert Spaemann, der am Montag im Alter von 91 Jahren verstarb, bereits am Dienstag und am Mittwoch mit Nachrufen.

Ferner haben sich zahlreiche bekannte Weggefährten und Fachleute gegenüber der „Tagespost“ zum Tode Robert Spaemanns geäußert. Hier die Links zu den – zum Teil sehr persönlichen – Zeugnissen:

Bischof em. Heinz Josef Algermissen: Von Robert Spaemann „tief berührt“ und „nachhaltig geprägt“

Thomas Buchheim: „Wie kaum ein anderer Philosoph der jüngeren Gegenwart die Ethikdiskurse beeinflusst“

Bischof Rudolf Voderholzer: „Der bedeutendste katholische Philosoph unserer Zeit“

Norbert Bolz: Spaemann hat das philosophische Problem der Moderne theologisch gelöst

Mechthild Löhr: Lebensrechtsbewegung in Deutschland hat Spaemann viel zu verdanken

(Josef Bordat)

Zum Tode Robert Spaemanns

Robert Spaemann ist tot. Der katholische Philosoph verstarb gestern im Alter von 91 Jahren. Die „Tagespost“ würdigt Robert Spaemann mit einem ausführlichen Nachruf.

Für mich war Robert Spaemann als Moralphilosoph eine feste Größe. Er gab mir bei vielen ethischen Fragen die nötige Orientierung. Spaemann vertrat eine Ethik des umfänglichsten Lebensschutzes der Person aufgrund der Menschenwürde.

Daher sein Einsatz gegen Sterbehilfe, seine Skepsis gegenüber Humanitären Interventionen, aber auch sein Engagement gegen Atomkraft. Denn, was viele nicht wissen: Spaemann war ein entschiedener Gegner der Kernenergie.

Welchen Aspekt seines umfangreichen Werks man auch immer in den Vordergrund rückt, in einem sind sich wohl alle einig: Ein großer Denker ist von uns gegangen.

(Josef Bordat)