Migration als Menschenrecht, oder: Was, wenn alle Grenzen fielen?

Wie wäre es eigentlich, wenn man alle Grenzen öffnete? Was passierte, gäbe es ein Recht auf Einwanderung? Kämen dann 300 Millionen Menschen nach Deutschland? Oder „ganz Afrika“? Wäre das das Ende der Welt? Nein, wahrscheinlich nicht.

Man muss ja heute aufpassen. Ein nettes Wort über Flüchtlinge und schon ist man unten durch. Deswegen spreche auch nur ungern über Migration. Obwohl ich selbst auch viel unterwegs bin und die Zeit im Ausland, die mir bisher vergönnt war, sehr genossen habe. Ich kenne sehr viele Menschen, denen es ähnlich geht. Und ich kenne immerhin einige, die aus anderen Teilen der Welt stammen und jetzt in Deutschland leben und hier positive Erfahrungen machen dürfen. Überhaupt: Ist nicht jeder Mensch ein potentieller Migrant? Es scheint so. Migration ist ein aktuelles, aber kein neues Phänomen. Die überragende Rolle der Migration lässt sich anhand einiger weniger Beispiele rasch aufzeigen. Die so genannte „Völkerwanderung“ im 4.-6. Jahrhundert n. Chr. führte germanische Stämme von Ost- nach Mittel- und Westeuropa. Eine weitere Migrationswelle setzte mit der Entdeckung Amerikas 1492 ein: Spanische und portugiesische Eroberer – Missionare, Glücksritter und Abenteurer – machten den Anfang, die Sklaventransporte durch Engländer und Spanier im 16.-19. Jahrhundert von Afrika nach Amerika sowie die Kolonisierung Nordamerikas durch Europäer im 19. und frühen 20. Jahrhundert folgten. Erinnert sei auch an nationalistisch bedingte Migration in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Europa und im Nahen Osten, die Folge von „ethnischen Säuberungen“, teilweise mit genozialer Intention, gewesen ist. Ich denke an die Vertreibung der Armenier in der Türkei (1908-25), an die der Juden im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten (1935-45), aber auch an die der Deutschen im russischen Machtbereich (1944-48) und schließlich an die der Palästinenser nach der Gründung Israels (1948).

Heute ist Migration ein weltweites Massenphänomen, das sich unter den Bedingungen der Globalisierung ständig verschärft. Etwa 300 Millionen Menschen sind derzeit unterwegs bzw. leben dort, wo sie nicht geboren wurden. Rund 70 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Migration wird sich in Zukunft, so die einschlägigen Prognosen, weiter beschleunigen. Zu der erzwungenen Abwanderung (Flucht) aus dem Grunde, dass elementare Menschenrechte in der Herkunftsregion nicht (mehr) gewährleistet werden, tritt die Arbeitsmigration. Die Welt bleibt in Bewegung. Dabei gibt es – die historischen Beispiele und die aktuellen Zahlen zeigen es – freiwillige und unfreiwillige Migration. Freiwillig ist die Migration dann, wenn man auch in seinem Heimatland bleiben könnte, aber eine Option im Ausland wahrnehmen will. Unfreiwillig ist die Migration dann, wenn ein menschenwürdiges Leben in der Heimat nicht mehr möglich ist. Dabei ist für mich nicht entscheidend, warum das der Fall ist. Ob Krieg, Gewalt, existenzbedrohende Armut, politische oder religiöse Verfolgung Ursache ist, sollte meiner Ansicht nach unerheblich sein. Und ob die existenzbedrohende Armut aufgrund von Misswirtschaft oder Ernteausfall und ob der Ernteausfall aufgrund von Klimawandel oder „einfach so“ auftritt, spielt für mich keine Rolle. Die Differenzierung der unfreiwilligen Migranten in „Klassen“ ist einfach nur zynisch, so, als ob die Gefahr zu verhungern weniger zur Flucht berechtigte als die Gefahr der Verfolgung oder des Krieges. Das heißt umgekehrt: Wenn wir nicht wollen, dass Menschen zu uns kommen, dann müssen wir helfen, die unterschiedlichen Fluchtursachen zu beheben – soweit das möglich ist.

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948, die am 10. Dezember 70 Jahre alt wird, sieht ein Auswanderungsrecht vor, aber kein Einwanderungs- und kein Niederlassungsrecht. In Art. 13, 1 wird Freizügigkeit nur innerstaatlich proklamiert, in Art. 13, 2 auf Auswanderung und Rückkehr ins eigene Land beschränkt; von einem Einwanderungsrecht in ein Drittland eigener Wahl ist nicht die Rede. Dabei wurde genau das schon mal als proto-völkerrechtliche Idee angedacht – im 16. Jahrhundert, als es für die Spanier darum ging, nach der „Entdeckung“ Amerikas nun die Besiedlung des Kontinents zu begründen. Das Land war ja nicht unbewohnt. Es hatte eine Bevölkerung, einen Staat, eine Regierung, eine Kultur, eine Religion. Dann kamen die Spanier. Mit welchem Recht? Dem der militärischen Übermacht? Das reichte nicht mehr aus, in der Begründungsdebatte jener Zeit.

Francisco de Vitoria, um das epochale Entdeckungsjahr 1492 im kastilischen Burgos geboren, entwarf die Vision einer einig existierenden Menschheit (totus orbis), die in ihrer Verschiedenheit hinsichtlich Rasse, Kultur und Religion als universale Weltgemeinschaft, als res publica aller Nationen, allein das abstrakte Völkerrecht zur konstitutionellen Basis erheben darf und nicht etwa tradierte und rein theologisch begründete Überlegenheitsansprüche einer Minderheit. Kultureller Pluralismus, der den Anderen zur Toleranz nötigt, ist bei Vitoria an universalistische Prinzipien gebunden, die eine frühe Form von Menschenrechten darstellen. Mit dem Begriff des totus orbis entstehen so symmetrische Beziehungen, die durch das Völkerrecht im Geiste der Toleranz geregelt werden. Vitoria entwickelt in diesem Geist ein Konzept des Menschenrechts auf Freizügigkeit und Migration mit den Komponenten Einwanderungs-, Niederlassungs- und Einbürgerungsrecht. Er geht dabei von dem naturrechtlichen Vernunftpostulat „communia sunt omnium“ aus, also von der unbestreitbaren Tatsache, dass zunächst alle Dinge allen gemeinsam waren, es jedem erlaubt gewesen sei, überall hinzugehen und sich überall niederzulassen. Vitoria schließt daraus, dass seitdem das ganze Menschengeschlecht eine Art universale Staatenrepublik bilde. Aus dieser Annahme, theologisch gestützt durch den Verweis auf das christliche Grundgebot der Nächstenliebe, entsteht ein Migrationsrecht, dessen Prinzip es ist, dass „jedermann die von ihm angestrebten Regionen aufsuchen und dort so lange verweilen darf, wie es ihm beliebt“ (Vitoria). Es dürfe „kein Volk anderen Völkern die Einwanderung verweigern“ (Vitoria). Das meint er freilich zunächst mit Blick auf die Spanier, die sich in Lateinamerika niedergelassen hatten. Doch prinzipiell gilt dies auch für die Indios, die nach Spanien einwandern möchten. Er entwirft damit ein Migrationsrecht, das globale Freizügigkeit gewährt und schlägt dazu eine Einbürgerungsregelung nach dem ius soli-Prinzip vor.

Vitoria behauptet ferner, dass „kein Volk anderen Völkern den freien Handel verbieten und von der Benutzung der Meere, Häfen und Flüsse als Gemeingut des ganzen Menschengeschlechts ausschließen dürfe“. Er gesteht in seinem ius commercii den Spaniern Umgang mit und Beteiligung an gemeinschaftlich nutzbaren Dingen der Indios zu, wenn diese gleichfalls anderen Völkern offen stünden. Ausdrücklich bezieht er hierbei die Nutzung kollektiver Naturschätze ein, die ohne Besitzer laut Völkerrecht ihrem Finder gehörten. Vitoria koppelt sein liberales Migrationsrecht also mit einem nicht minder liberalen Handelsrecht, das er aus einem allgemeinen Nutzungsrecht entwickelt. Ohne Ansehen der Nationen würde damit der freie Warenaustausch völkerrechtlich festgelegt. Vitorias Plädoyer für freie Migration, freie Nutzung der Ressourcen und freien Handel schließt die Überlegung mit ein, dass dies alles nicht zum Nachteil einer beteiligten Partei geschehen darf. So gelten die genannten Grundsätze nur, solange der Migrant das Gastrechts nicht missbrauche, d.h. solange er in der Region seiner Wahl „keinen Schaden anrichtet und kein Unrecht begeht“ (Vitoria). Analog endet der Freihandel und die Exploration der Naturschätze dort, wo die Einheimischen diese berechtigterweise nicht dulden, d.h. dort, wo das Nutzungsrecht an einer Sache durch Aneignung derselben kein allgemeines mehr ist, wo es also mit anderen Worten bereits einen Eigentümer gibt.

Wenn das Berücksichtigung findet, wenn also Migranten das Recht der neuen Heimat kennen und akzeptieren, dann könnte sich der vitorianische Gedanke des freien Austauschs von Menschen und Gütern auch heute bereichernd auswirken. Zumindest für die Menschen sollte er freier möglich sein. Selbst wenn alle Grenzen fallen, wird es dabei nicht zur „Katastrophe“ kommen. Der Anteil der Migranten würde sich von derzeit 3,4 auf rund 6 Prozent nahezu verdoppeln, meint der Migrationsforscher Franck Düvell (Oxford/Berlin). Umfragen zeigten, dass etwa zehn Prozent der Menschen grundsätzlich mit dem Gedanken spielt, das eigene Land zu verlassen. Nicht einmal ein Prozent habe dafür aber konkrete Pläne. Ein globales Chaos entstünde mit offenen Grenzen wohl nicht. Im Gegenteil, meint Philipp Jacobs in einem Beitrag für die Rheinische Post: Die Migration würde geordneter ablaufen und sich nicht nur (wie heute, unter gefährlichen Bedingungen) junge Männer auf den Weg machen. Ganze Familien könnten gemeinsam auswandern, auch alleinstehende Frauen. Das wirke sich auf die Kriminalität der Migranten aus, die in ihrer Eigenschaft als jung und männlich eher zu Gewalt und Verbrechen neigen – nicht in ihrer Eigenschaft, Migranten zu sein. Ein höherer Frauenanteil unter den Migranten wirkte sich hingegen „gewaltpräventiv“ aus. Zudem sei mit einer Belebung der Wirtschaft zu rechnen: „Migration bedeutet fast immer einen wirtschaftlichen Aufschwung für die Region, in die migriert wird“ (Düvell). Auch die Herkunftsländer profitieren vom einsetzenden Geldtransfer.

Und für alle, die sich in einer solch „grenzenlosen“ Welt Sorgen um Deutschland machen: Nur sechs Prozent der laut erwähnter Umfrage migrationswilligen Menschen hat Deutschland als Ziel angegeben. Die meisten wollen in die USA. Wir in Deutschland „müssten“ also mit nur vier bis fünf Millionen Einwanderern in den nächsten Jahren rechnen, wenn die Grenzen offen wären. Das sind etwa soviel, wie in den letzten drei Jahren nach Deutschland immigriert sind. Allerdings würden dann auch weiterhin Menschen aus Deutschland auswandern. Das waren in den letzten drei Jahren immerhin drei Millionen, was dazu beitrug, dass die Einwohnerzahl in Deutschland während der letzten zehn Jahre lediglich um 600.000 stieg, von 82,2 (2007) auf 82,8 (2017) Millionen. Bliebe die Zahl der Auswanderer auf diesem Niveau, lebten per Saldo nach der Migrationswelle, die durch die Grenzöffnung bedingt wäre, ein bis zwei Millionen Menschen mehr in Deutschland, im Mittel also 84,3 statt 82,8 Millionen, ein Zuwachs von rund 1,8 Prozent. Zusammenbrechen würde „das System“ deswegen nicht. Und allzu eng werden dürfte es dann mit 235 Einwohnern pro Quadratkilometer auch nicht – im Vatikan sind es fast 2000, in den Niederlanden immerhin rund 400 Einwohner pro Quadratkilometer. Also: Auch vor einer Welt mit offenen Grenzen müsste man also keine Angst haben: sie ginge nicht unter. Und vor dem Migrationspakt, dem der Deutsche Bundestag heute mit großer Mehrheit zustimmte, noch viel weniger.

(Josef Bordat)

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Gender Pay Gap: Frauen verdienen mehr

Frauen im Management verdienen oft mehr als Männer in vergleichbaren Positionen. Das berichtet die Rheinische Post heute unter Hinweis auf eine Untersuchung des Beratungsunternehmens Ernst & Young.

Demnach liegt der Verdienst von Frauen in Vorständen börsennotierter Unternehmen in Deutschland durchschnittlich etwa 17 Prozent höher als der ihrer männlichen Kollegen.

In den 30 DAX-Unternehmen ist der Gender Pay Gap nicht so groß: Dort verdient eine Frau im Vorstand nur ein Prozent mehr als ein Mann.

Allerdings geht der Trend auch hier (also bei den Giganten der deutschen Wirtschaft) zu einer deutlicher geöffneten Vergütungsschere: Während die männlichen Vorstände in den letzten vier Jahren einen Gehaltszuwachs von vier Prozent verzeichneten, betrug die Steigerung bei Frauen im Vorstand 15 Prozent.

(Josef Bordat)

So reich ist das Erzbistum München-Freising

Die reichste Diözese Deutschlands hat Zahlen veröffentlicht, nach denen sie über ein Vermögen von sechs Milliarden Euro (sieben Milliarden US-Dollar) verfügt.

Damit schafft es das reichste deutsche Bistum leider nur ganz knapp in die Liste der 20 reichsten Deutschen und teilt sich mit Ludwig Merckle und Maria-Elisabeth Schaeffler Rang 18. Georg Schaeffler hat übrigens vier Erzbistümer München-Freising. Aber der muss ja auch richtig hart dafür arbeiten! So als Unternehmenserbe.

Also, ganz nach oben reicht es für das reichste deutsche Bistum nicht, aber immerhin könnte es den Welthunger beenden, wenn es sich endlich auflöste und sein Vermögen liquidierte! Jeder Mensch bekäme dann einen Dollar und die Probleme des Planeten wären Geschichte.

Aber, nein! Stattdessen will das reichste deutsche Bistum sein Vermögen behalten! Einfach so! Unter anderem knapp 3000 Wohnungen, an denen sich der Kirchenkrösus in der Absicht festkrallt, sie„verstärkt günstig zu vermieten, um den Wohnmarkt zu entlasten“. Das muss man sich mal vorstellen! Mehr an Egoismus und Raffgier geht nun wirklich nicht!

Mit gut einem Drittel des Vermögens sichert die Kirche im Erzbistum München-Freising, die den Hals scheinbar nie voll kriegt, „Bildung, Soziales und das kirchliche Leben“: „Die drei größten Stiftungen des Erzbistums, die Bildung, Soziales und das kirchliche Leben fördern, beziffern ihr Vermögen mit zusammen 2,11 Milliarden Euro“.

Mit dem Rest werden dann u.a. die Pensionen der emeritierten Priester gesichert. Als ob die nicht endlich mal arbeiten gehen könnten, so wie alle anständigen Menschen! So, wie die Schaefflers.

Günstigen Wohnraum, Bildung, Soziales, Altersversorgung – für einen derartigen Schnick-Schnack schmeißt das Erzbistum München-Freising das über Jahrtausende mit Folter und „Türkollekte“ erpresste Geld aus dem Fenster, statt den Deutschen für gute drei Monate den Konsum von Bier und Eiscreme zu ermöglichen. Dafür muss das geschundene Volk nämlich Jahr für Jahr höchstselbst 21 Milliarden Euro (24 Milliarden US-Dollar) berappen, während die Peiniger in München-Freising selbstsüchtig „den Wohnmarkt entlasten“!

Aber, was will man schon von der Katholischen Kirche erwarten?!

(Josef Bordat)

Bequem und höchstvortheilhaft

Heute vor 300 Jahren wurde Jacob Christian Schäffer geboren, der Erfinder der Waschmaschine.

Jacob Christian Schäffer, am 31. Mai 1718 als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren, studierte in Halle Theologie. 1760 machte ihn die Universität Wittenberg zum Magister und Doktor der Philosophie. 1763 erhielt er ein theologisches Doktordiplom in Tübingen. Unzählige wissenschaftliche Akademien in ganz Europa machten ihn zu ihrem Mitglied.

Die eigentliche Lebensleistung liegt jedoch jenseits von Philosophie und Theologie: Schäffer beschäftigte sich mit Elektrizität, Farbenlehre und Optik und konstruierte entsprechende Instrumente und technische Geräte, mit dem Ziel, diese „wirtschaftsnützlich zu gebrauchen“ (immer diese Prädestinationsvorstellung; Weber, Max – ick hör dir trapsen!). 1767 erschien Schäffers Schrift „Die bequeme und höchstvortheilhafte Waschmaschine. Wie solche in den damit gemachten Versuchen bewährt gefunden“.

Jacob Christian Schäffer hatte „bewährt gefunden“, was heute in kaum einem deutschen Haushalt fehlt: die Waschmaschine. Sein Modell arbeitete mit gegeneinander verschiebbaren Zapfen, so genannten „Rührflügeln“ – eine Funktionsweise, die bis Mitte der 19. Jahrhunderts Standard war. Eine Nachbildung seiner Waschmaschine steht heute im Miele-Museum in Gütersloh.

Wer sagt, Philosophen und Theologen seien zu nichts zu gebrauchen?

(Josef Bordat)

Zeit und Wert

Die Uhrumstellung folgt dem Paradigma der ökonomischen Verwertung von Zeit. Drei Gedanken dazu.

1. Zeit geriet durch die Entwicklung der Zeitmessung vom Naturzustand unterschiedlichen Zeiterlebens in den Zustand der gleichförmigen wirtschaftlichen Verwertbarkeit. Seit Beginn der Neuzeit wird Zeit mit Geldwert in Verbindung gebracht und einheitlich bemessen. Die Rhythmik der Zeit ist einer Monotonie gewichen, in der kaum noch zwischen Tag und Nacht, Werk- und Sonntag unterschieden wird. Die Struktur des Tages, die Jahrhunderte hindurch von Gebetszeiten bestimmt wurde (Stundengebet), ist aufgehoben: „The city never sleeps“. Die wirtschaftliche Nutzung der Zeit, ihre Stückelung in vermeintlich gleichwertige Abschnitte und die Kontrolle über ihre Verwertung im Sinne des Effizienzgedankens haben die Industrialisierung vorangetrieben (Schichtproduktion) und – durch eine immer weiter vorangeschrittene Verdichtung der Zeit – die Informationsgesellschaft hervorgebracht, die in Lichtgeschwindigkeit Daten als ökonomische Güter handelt.

2. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ergibt sich damit ein Problem für den weiteren wirtschaftlichen Umgang mit der Zeit: Sie lässt sich nicht weiter verdichten, denn es geht nicht schneller als in der Lichtgeschwindigkeit des Internet. Der Herausforderung optimaler Nutzung von Zeit kann die Wirtschaft bei gegebener Duration heute also nicht mehr im Rahmen gesteigerter Sukzessivität (Verdichtung durch Beschleunigung), sondern nur durch progressive Simultanität (Parallelisierung) gerecht werden. Zudem kann durch Anpassung (also: Umstellung) der Wert eines Zeitabschnitts gesteigert werden, etwa dadurch, dass mehr und länger andauernde Helligkeit in Phasen der „Freizeit“ zu Handlungen veranlasst, die sonst unterblieben. Denn: Auch – und gerade – Freizeit gehört zum Verwertungskalkül eines ökonomischen Umgangs mit Zeit.

3. Der Versuch der neuen Ökonomie, Wachstum nicht mehr über Beschleunigung, sondern über Parallelisierung (multi tasking, cross selling, permanente Erreichbarkeit) zu generieren, wirft Probleme der Überforderung, Abhängigkeit und ökonomischen Ungerechtigkeit auf. Die Kritik an der Zeitparallelisierung bezieht sich auf die Qualität des wirtschaftlichen Produkts, dem keine Reifung mehr vergönnt ist (zu kurze Entwicklungszeiten technischer Produkte), auf die im vorherrschenden Trend noch mehr aufgehobene Strukturiertheit des menschlichen Lebens (24-Stunden-Gesellschaft), auf die vom zusammenbrechenden Sozialsystem weiter forcierte Vereinzelung des zeitlich zur absoluten Flexibilität genötigten „Simultanten“ (Ego- / Single-Gesellschaft), insbesondere aber auf die gesundheitlichen Risiken durch die hohe Belastung des Parallelitätsdrucks, die sich aus der Zerrissenheit zwischen dem Hier der physischen und dem Dort der psychischen Präsenz ergeben.

(Josef Bordat)

Armut in Deutschland

Natürlich ist es Unfug, pauschal zu sagen, es gäbe keine Armut in Deutschland. Es gibt Armut. Das kann man auch ohne Expertenberichte und Wirtschaftsstudium sehen, wenn man mit offenen Augen durch Berlin geht. Dennoch ist es wichtig, einige Dinge zu klären, um die Situation richtig einschätzen zu können.

Absolut arm ist in Deutschland niemand. Absolut arm ist jemand, der mit weniger als 1,50 Euro (1,90 US-Dollar) pro Tag auskommen muss. Das gilt für etwa zwei Milliarden Menschen auf der Welt. Für Menschen in Deutschland gilt das nicht.

Relativ arm sind in Deutschland relativ viele, Tendenz steigend. Relativ arm ist jemand, der weniger als 40 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Von relativer Armut bedroht ist jemand, der weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Das traf in den vergangenen 25 Jahren auf elf bis 16 Prozent der Bevölkerung zu; tendenziell ist der Anteil der von relativer Armut bedrohten Menschen ansteigend (elf bis zwölf Prozent in den 1990er Jahren, zwölf bis 16 Prozent seit 2000).

Heißt das, dass es den Menschen in Deutschland immer schlechter geht? Nein. Dazu muss man wissen, dass die Bezugnahme auf das Durchschnittseinkommen paradoxe Effekte mit sich bringt.

Tendenziell gibt es in einer immer wohlhabender werdenden Gesellschaft, in der die unteren Einkommensgruppen unterproportionalen Einkommenszuwachs verzeichnen (oder Transferleistungen wie „Hartz IV“ nicht proportional angepasst werden), immer mehr „relativ arme“ Menschen, auch, wenn diese sich tatsächlich mehr leisten können als zuvor.

Kommt in der Berechnung das arithmetische Mittel zur Anwendung (was in Deutschland nicht der Fall ist), hätte bereits der Zuzug eines einzigen Milliardärs zur Folge, dass plötzlich Tausende „relativ arm“ wären, ohne, dass sich etwas in ihrem Leben geändert hätte – einfach dadurch, dass das Durchschnittseinkommen durch diesen Milliardär angehoben würde. Umgekehrt würde die „relative Armut“ über Nacht abnehmen, wenn sehr reiche Menschen Deutschland verließen.

Wird in der Berechnung der Median zugrunde gelegt (was in Deutschland der Fall ist), wird dieser paradoxe Effekt vermieden. Aber ein Ansteigen der Mittelstandseinkommen, der geeignet ist, den Median zu verschieben, hat einen ähnlich paradoxen Effekt. Es bedeutete eben bei gleichzeitig weniger stark ansteigenden Transferleistungen eine Zunahme „relativer Armut“. „Relative Armut“ ließe sich also nur dadurch bekämpfen, dass der „Hartz IV“-Satz dauerhaft prozentual stärker steigt als die Mittelstandseinkommen.

Nur müsste ein solcher Anstieg auch finanziert werden – etwa über höhere Sozialabgaben oder höhere Steuern. Träfen diese Maßnahmen auch jene Menschen, deren Einkommen am „Rande“ der „60-Prozent-Grenze“ liegen, bestünde die Gefahr, dass dadurch zahlreiche Menschen in die Armut gedrückt würden. Wiederum ein paradoxer Effekt.

Sinnvoller wäre es, die relative Armut anhand der absoluten Preis-, nicht anhand der relativen Einkommensentwicklung zu bestimmen. So hätte man die Kaufkraft angesichts absoluter Lebenshaltungskosten als Indikator für Armut. Wenn man mit einem festen Betrag X über Jahre hinweg Waren im Umfang von Y kaufen kann, dann kann es einem ja egal sein, ob der (besserverdienende) Nachbar jetzt 1,2*Y und in drei Jahren 1,7*Y kaufen könnte, wenn er wollte.

Der Armut in Deutschland kann man aber nur dann wirklich begegnen, wenn man den Begriff öffnet, also um kulturelle und auch spirituelle Aspekte erweitert. Mit relativ wenig Geld lässt sich mit Klugheit und Bescheidenheit in Deutschland ein relativ gutes Leben führen, aber nicht ohne Bildung, ohne Teilhabe und ohne Sinn.

(Josef Bordat)