Karneval. Ein Versuch

Das ist wirklich die härteste Karnevalssession aller Zeiten – extrem lang und alle Witze sind schon gemacht. Realsatire kann man nicht toppen. Auch nicht damit, dass man das saisonale Liedgut gendergerecht aufpoliert. Dabei wäre das wirklich mal nötig.

Ein Teil der karnevalistischen Musikstücke beschäftigt sich mit gesellschaftspolitisch eher randständigen Themen wie der Finanzkrise („Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld“), deren Bewältigung durch das subventionierte europäische Bankensystem („Die Karawane zieht weiter“), der zunehmend restriktiven Praxis baden-württembergischer Behörden in Fragen des Asylrechts („Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“) sowie der Beziehung von liberalem Bürgertum und restriktiver Staatsräson im Hinblick auf Justizvollzugsanstalten in der Türkei („Einer geht noch, einer geht noch rein“).

Es überwiegen jedoch kontraemanzipatorische Topoi, was eine Fokussierung auf den Aspekt „Geschlechtergerechtigkeit“ im Rahmen des Liedguts nahe legt. Dabei geht es mir nicht mal um jene unzweideutigen Transportationsofferten im Kontext des Strukturwandels innerhalb landwirtschaftlicher Produktionsbetriebe der Voralpenregion – Ja: „Resi, I hol di mit’m Traktor ab“), sondern es mir um einen eklatanten Fall von Entgleisung in Fragen der Geschlechtergerechtigkeit.

Ganz besonders exponiert ein diesbezüglich als Dauerbrenner zu bezeichnender musikalischer Essay jede Session aufs Neue die zunehmend distinguierenden Verhältnisse unter den Konditionalitäten des Patriarchats, Bedingungen, die die Abhängigkeitsbeziehung der Frau vom Mann zementieren, der seine sozio-ökonomische Privilegiertheit schamlos ausnutzt: „Er hat ein knallrotes Gummiboot.“ Er, der Mann, ist im Besitz der Produktionsmittel. Er, der Mann, ist Inhaber des Mobilitätsmonopols: „Mit diesem Gummiboot fahr’n wir hinaus! / Er hat ein knallrotes Gummiboot / und erst im Abendrot kommen wir nach Haus!“

Es stellt sich die Frage: Mit welchem Recht fährt der Mann mit seinem unschuldigen Opfer „hinaus“, mit welchem Recht erfolgt die Rückkehr „erst im Abendrot“? Was ist dies anderes als romantisch verklärte Freiheitsberaubung unter den Bedingungen gesellschaftlich beförderter ökonomischer Differenz?

Selbstverständlich beschränkt sich der Besitz des Mannes auf das zweckrational erforderliche Minimum: „Wir haben kein Segel und keinen Motor und keine Kombüse / Oh nein!“ – Kein Segel, kein Motor, keine Kombüse. Artefakte, welcher der weiblichen Begleitung in ihrer Zwangslage zumindest einen Rest an Menschenwürde ließen, sind nicht vorhanden. Die revolutionäre Reaktion ist in diesem Kontext nur zu verständlich („Oh nein!“). Sie ist das Wiedererwachen und Aufbegehren des antipatriarchalischen Pathos. In diesem „Oh nein!“ bündelt sich der Freiheitsdrang der unterdrückten Frau. Dieses „Oh nein!“ ist eine Absage an jede Form maskuliner Oppression. Doch letztlich verhallt dieser Schrei der Verzweiflung in den Abgründen der Männergesellschaft, denn es bleibt dabei: „Er hat ein knallrotes Gummiboot, / mit diesem Gummiboot fahr’n wir hinaus!“

Ein weiteres Beispiel besonders drastischer Ungerechtigkeit im Verhältnis der Geschlechter zeigt sich in einem Lied, das andeutet, wie tief bereits die hierarchisierte Sozialstruktur in Ritualen an und für sich zweckfreier Freizeitgestaltung verwurzelt ist: „Er steht im Tor, im Tor, im Tor und ich dahinter.“ Er im Tor, ich dahinter. Deutlicher ist das Rollenverhältnis selten auf den Punkt gebracht worden. Durch die dreimalige Wiederholung („im Tor, im Tor, im Tor“), die wie Hammerschläge auf die feminine Seele einwirken, wird die Feststellung „und ich dahinter“ dramatisch vorbereitet. Der Mann steht im Tor und damit gleichsam im Zentrum der Macht, die Frau bleibt dahinter verborgen und von jeder Partizipationsmöglichkeit prinzipiell ausgeschlossen. Das Spiel, um das es geht, findet ohne sie statt. Mehr noch: „Frühling, Sommer, Herbst und Winter bin ich nah bei meinem Schatz / auf dem Fußballplatz“. Der Mann wird als „Schatz“ verklärt, die Frau hat ihm permanent („Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter“) „nah“ zu sein, ganz gleich, an welch’ unwürdigen Stätten er sich aufhält („auf dem Fußballplatz“). Dass dies nur unter Aufgabe aller Minimalanforderungen an Geschlechtergerechtigkeit realisierbar ist, wird verschwiegen.

Doch nicht nur das ökonomische Gefälle oder die psychosozialen Interdependenzen des Freizeithabitus stabilisieren das Patriarchat, nein, es sind auch die in den familiären Strukturen über Generationen tradierten männlichen Vorstellungen zur Daseinsbewältigung, die Frauen einseitig festlegen. Dies kulminiert vor dem Hintergrund der kontemporären Anthropologie in einer subtilen Indoktrination hinsichtlich unterstellter genetischer Dispositionen, die angeblich geeignet seien, die patriarchalischen Abhängigkeitsverhältnisse biologistisch zu legitimieren: „Mein Vater war ein Wandersmann und mir steckt’s auch im Blut.“ – Die wehrlose Tochter ist prädeterminiert durch Leidenschaften des „Vaters“, ohne die Möglichkeit zu haben, eigene Strategien zur Verortung von Lebensinteressen zu entwickeln. Die Verzweiflung, die angesichts der ausweglosen Interdependenz nur zu verständlich ist, wird durch fatalistischen Zweckoptimismus zu überwinden versucht („D’rum wand’re ich froh“), der die Frau an die Grenzen ihrer Resistenzen führt („so lang ich kann“), gepaart mit übersprungshafter Kompensationsaffektivität („und schwenke meinen Hut.“). Im sich unmittelbar anschließenden Refrain zeigen sich erste Spuren eines beginnenden inneren Verfalls („Falderi, faldera“), der sich in bizarren Wahn hineinsteigert („Falderi, falderahahahaha“). Es wird klar: Die Tochter ist das a priori wehrlose Opfer der grausamen Methoden des penetranten „Vaters“, der sein Partikularinteresse am „Wandern“ ins „Blut“ seiner weiblichen Nachkommenschaft „steckt“. Es stellt sich angesichts dessen die Frage: Wo ist die Mutter des Opfers? Ist sie etwa – verzeihen Sie mir die polemische Note – „Wandersfrau“? Sicherlich nicht! Die Einseitigkeit manipulativer Edukationsansätze unter der falschen Prämisse genotypischer Realitäten und fragwürdiger epistemologischer Paradigmata ist offenkundig.

Die einzige Hoffnung, die mir angesichts dieses Befundes bleibt, ist die, das die Forschungsresultate der Gender-Studies endlich auch im Liedgut Berücksichtigung finden. Diese Hoffnung ist nicht so illusorisch, wie die Analyse vermuten lässt. Es gibt einen Silberstreif am Horizont: „Scheißegal, scheißegal, ob de ’n Huhn bis’ oder ’n Hahn“. Ich denke, diese Einsicht wird sich langfristig nicht unterdrücken lassen.

(Josef Bordat)

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„Heute herrscht schweigende Stille“

Unvergessen: Rudi Assauer, der am 6. Februar verstorbene Macher des modernen FC Schalke 04.

Unnachahmlich: Seine Sprüche, wie das Bonmot im Titel.

Drei weitere Kostproben:

„Über Trainer rede ich nicht in der Öffentlichkeit. Es sei denn, ich stelle einen ein oder schmeiße ihn raus.“

„Das Wort ,mental‘ gab es zu meiner Zeit als Spieler gar nicht. Nur eine Zahnpasta, die so ähnlich hieß. Heute stellen die sogar Trainer für die Birne ein. Das muss man sich mal vorstellen.“

„Wenn du in der ersten Minute das 1:0 machst und in der letzten das 2:0, kann dir nichts passieren.“

Ruhe in Frieden, Rudi Assauer.

(Josef Bordat)

Hundert Jahre Volksherrschaft

Heute vor 100 Jahren tagte zum ersten Mal die Weimarer Nationalversammlung. Ein hoffnungsvoller Neubeginn, der jedoch mehr versprach als er hielt. Nach vierzehn Jahren war es schon wieder vorbei mit der ersten deutschen Demokratie.

Und auch das vorläufige Ende der Demokratie war demokratisch – es kam nicht durch einen Putsch, sondern durch Wahlen. Wir Deutsche wissen, dass bei Entscheidungen des Volkes auch etwas im Ergebnis stehen kann, das letztlich undemokratisch endet. Dann ist die Wahl der letzte demokratische Akt gewesen. Demokratie, abgeschafft mit demokratischen Mitteln. Das geht.

Hannah Arendt erinnert daran, dass es in einer Republik nicht auf die Durchsetzung des Mehrheitswillens, sondern auf die Geltung des Rechts ankommt. Und dieses Recht geht der Demokratie voran, es entsteht nicht erst aus ihr heraus.

Das Grundgesetz billigt dem Volk in Fragen des Bestandes demokratischer Strukturen ein Widerstandsrecht zu, das freilich vor allem für Fälle einer aufgezwungenen Diktatur gedacht ist. Wenn das Volk jedoch selbst die Demokratie demokratisch korrekt abwählt, was dann?

Fest steht: Es gibt Grundsätze, Rechtsprinzipien, auf denen die Demokratie aufsetzt, die unbedingt gelten. Ein solches Prinzip ist die Achtung der Würde des Menschen. Keine noch so große Mehrheit kann hier den Staat aus der Pflicht nehmen, kein Volk kann seine Geltung außer Kraft setzen.

Die Frage ist freilich, wie sich eine solche außerkonventionalistische Norm in einem säkularen Staat, der sowohl religiöse Offenbarungswahrheiten als auch die evidentesten naturrechtlichen Annahmen zurückweist, rechtfertigen lässt, wenn die Mehrheit als Kriterium ausfällt. Sicher spielt dann im Einzelfall das Gewissen eine Rolle, aber das ist keine Antwort auf die allgemeine Legitimationsfrage.

Welche Grenze für den Souverän, also für das Volk, und des von ihm gebildeten Staates im Zusammenhang mit diesen elementaren Rechtsfiguren wie Würde und Leben es gibt, ist zwischen denen, die auf vorpolitische Rechte pochen, freilich umstritten. Einige sehen diese Grenze bei der Regelung zum Schwangerschaftsabbruch verletzt (so etwa der Heilige Papst Johannes Paul II.), andere im Zusammenhang mit einer restriktiven Migrationspolitik.

Sie stimmen überein in der Einschätzung, dass der Staat hier etwas regeln soll, was er nicht regeln kann, ohne dabei auf eine außerdemokratische Wahrheit zu rekurrieren. Die Mehrheit hinter sich zu wissen, das reicht in diesem Fall nicht aus.

Auch Papst Benedikt sah deutlich, dass das Recht der Mehrheit auf Durchsetzung der eigenen Interessen nicht immer zur Gerechtigkeit führt. Dem Deutschen Bundestag gab er im September 2011 dazu den entscheidenden Hinweis: „In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber daß in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig.“

In diesen Fällen wird das Durchsetzen der Mehrheitsmeinung gegen die „Würde des Menschen und der Menschheit“ den Widerstand zur Pflicht jedes Politikers machen, der auf sein Herz hört, auf die Stimme seines Gewissens, auf das Naturrecht, das in solchen Fällen zum geltenden Recht in Widerspruch geraten kann, aber immer schwerer wiegt.

(Josef Bordat)

„Jede/r“ ist nicht „alle“, „alle“ ist nicht „jede/r“

Was mich an der Genderifizierung der Sprache stört, ist nicht so sehr das gestelzte Bemühen um Gleichberechtigung, Gleichstellung oder Gleichheit in einem zwar kulturell, aber faktisch unwichtigen Bereich (Es ist ja keinem Menschen geholfen, wenn er ab 1.3.2019 als „Sklav*In“ gehalten wird.), sondern, dass es echte Bedeutungsverschiebungen gibt.

So schreibt die Stadt Hannover ihren Verwaltern jeden Geschlechts vor, künftig das Wort „jeder“ oder „jede“ durch „alle“ zu ersetzen. Man muss nicht Wittgenstein kennen, um zu wissen, dass das semantisch nicht ganz genau dasselbe ist. „Jede/r“ und „alle“ sind keine Synonyme.

„Alle“ verweist auf ein gemeinschaftliches Handeln, das nur als solches sinnvoll möglich oder erwünscht ist, vor allem dann, wenn es einem Einzelnen gar nicht möglich wäre, entsprechend zu handeln, „jede/r“ hingegen auf individuelles Zu-Tun, das sich in der Summe zu einem Ganzen ergeben kann, aber nicht muss.

Fragt man, wer die Verantwortung an einer Sache trägt, dann unterscheiden sich Antwort eins: „Alle!“ und Antwort zwei: „Jede/r!“ fundamental, denn einmal geht es um das Kollektiv und einmal um das Individuum. Man könnte sogar fragen, ob überhaupt noch „jede/r“ verantwortlich ist, wenn doch schon „alle“ verantwortlich sind. In der Umwelt- und Klimaethik ist das keine Haarspalterei gelangweilter Philosophen, sondern ein schwerwiegendes Problem bei der Motivation von Vermeidungshandeln.

Spätestens in der Finanzverwaltung gibt es mit der Gleichsetzung von „jede/r“ und „alle“ Probleme. Gilt etwa in Hannover bei der Grundsteuer demnächst eine Haftung der Grundeigentümer-Gemeinschaft für die Gesamtsumme („Alle Grundeigentümer zahlen Grundsteuer“) oder bleibt es dabei, dass der/die einzelne Bürger/in nur für seinen/ihren Anteil haftet („Jede/r Grundeigentümer/in zahlt Grundsteuer“)?

Wenn man eine Gruppe von Menschen zum Mitsingen animieren will, sagt man: „Und jetzt alle!“, und nicht: „Und jetzt jede/r“. „Alle“ ist abstrakt, unbestimmt, unpersönlich („Alle Bakterien in der Petrischale überlebten 48 Stunden.“), „jede/r“ ist konkret, bestimmt, auf die Person bezogen („Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben in Freiheit und Würde“). „Alle“ beschreibt in lockerer Weise Gattungen („Alle Vögel sind schon da“), „jede/r“ beschreibt in exakter Form Entitäten („Jeder Vogel in diesem Zoo ist geimpft.“).

Also: Nicht nur ulkige Sternchen sind das Problem des Genderismus, sondern sprachliche Ungenauigkeiten. Das, wofür uns die Philologen dieser Welt beneiden, nämlich in und mit der deutschen Sprache über eine sehr genaue Ausdrucksmöglichkeit zu verfügen, wird preisgegeben. Zumindest scheint man/frau dazu bereit. Sollte „jede/r“ wissen, damit hinterher nicht „alle“ jammern.

(Josef Bordat)

Ratgebersendungen, investigative

Meine Frau hat ein neues Hobby: Das Schauen von investigativen Ratgebersendungen zum Thema Ernährung und Gesundheit aus der Arte-Mediathek. Und die ist sehr groß, die Mediathek. In den Beiträgen wird gezeigt, was genau an Zucker so gefährlich ist, wie die Zucker-Industrie gefälschte Studien in Auftrag gibt und warum unsere Politiker dabei mitspielen (Stichwort: Korruption). Oder: Warum Fleisch so gefährlich, wie die Fleischindustrie gefälschte Studien in Auftrag gibt und warum unsere Politiker dabei mitspielen (Stichwort: Korruption). Oder: Warum Alkohol so gefährlich, wie die Brauereien gefälschte Studien in Auftrag geben und warum unsere Politiker dabei mitspielen (Stichwort: Alkohol). Oder: Warum Bewegungsmangel… ich denke, Sie haben das Prinzip verstanden.

So sitzen wir nun jeden Abend vor dem Fernseher und statt slowakischem Zweitliga-Fußball oder Bud Spencer-Filmen dringt das geballte Wissen der Arte-Mediathek deutsch-französisch in unser trautes Heim. Immer wieder unterbrochen vom vorwurfsvollen „Siehst Du – ganz gefährlich!“ meiner Frau. Zucker, Fleisch, Alkohol, Bewegungsmangel. Politiker. Selbstredend gibt es dazu nun nicht etwa Weizenbier und „was zu knabbern“, wie das zu Zweitliga-Zeiten üblich war, sondern das, was Arte-Chefkoch René empfiehlt: gedünstete Petersilie aus ökologisch unbedenklicher Hanglage. Was mir jetzt zum vollendeten Glück noch fehlt: Eine investigative Ratgebersendung, die zeigt, wie gefährlich das andauernde Schauen von investigativen Ratgebersendungen ist.

(Josef Bordat)

Warum Christ sein?

26 Prominente geben Antwort auf die zugespitzte Gretchenfrage

Ein Buch des Philosophiehistorikers Kurt Flasch hat vor einigen Jahren für großes Aufsehen gesorgt. Titel: „Warum ich kein Christ bin“ (München 2013). Darin betont Flasch, er sei „im Sinn der Kirchen kein Christ mehr“. Der christliche Glaube komme ihm unsinnig, falsch oder mindestens unbewiesen vor. Er setzt ihn gegen die Vernunft, indem er rhetorisch fragt, „ob der Glaube nicht zuweilen den Verstand ruiniert“. Damit bedient Kurt Flasch den modernen Glaubenszweifel vieler Menschen, die die Antworten auf „letzte Fragen“ nicht mehr in der Kirche suchen, sondern im Labor.

In diesem kulturellen Umfeld ist das positive Bekenntnis zum christlichen Glauben in der Öffentlichkeit fast verschwunden. Nach dem persönlichen Glauben gefragt, winden sich viele und flüchten in die Rede von Sinn und Hoffnung, vom Höheren und dem Wert der Stille, von spiritueller Erfahrung und ewiger Liebe. Dass jemand sagt, sie oder er glaube an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, ist eher unwahrscheinlich. Schön, dass 26 Frauen und Männer etwas gegen die blumige Unverbindlichkeit setzen und bekennen: Ich bin Christ.

Doch das Problem liegt im Detail. Was heißt das: „Christ sein“? Hier erhält man doch 26 höchst unterschiedliche Antworten. Das mag bereichernd sein und uns die Tiefe und Breite des Christentums vor Augen führen, es zeigt aber auch, dass der Kanon an Glaubenssätzen, wie ihn die Kirche in 2000 Jahren aufgestellt hat, heute kaum noch eine Rolle spielt für das Selbstverständnis des Christen. Es geht, wie es der Ökonomie-Historiker Felix Butschek in seinem Beitrag nennt, um die „Vielfalt christlicher Existenz“.

Der Glaube ist heute systematisch von Zweifeln durchsetzt, die so weit gehen, dass die Anfragen fundamental werden. Der evangelische Theologe und „chrismon“-Redakteur Burkhard Weitz fragt dann schon mal: „Bin ich überhaupt ein Christ?“. Johannes Rösler, sein katholischer Kollege vom „Christ in der Gegenwart“, meint zaghaft: „Vielleicht gibt es den Himmel doch“. Für Ex-Manager Eckhard Fischer erschöpft sich das „Christ sein“ im „Freiraum für Gewissensentscheidungen“, für den Psychologen Georg Fraberger in der Achtung der Menschenwürde („Der Wert des Menschen wird nur in der Theologie als solcher explizit hervorgehoben“), für die ehemalige Bundestagsabgeordnete (Fraktion „Die Linke“) Anette Groth darin, dass man „zu Unrecht nicht schweigen“ soll. Diese schüchternen Näherungen über moralische Dispositionen markieren hochinteressante Themenfelder für eine Debatte mit Anders- oder Nichtglaubenden, allein mangelt es ihnen an überzeugter (und damit überzeugender) Bekenntniskraft.

Die gibt es aber auch unter den 26 Statements, die schon vom Umgang her sehr unterschiedlich sind (zwischen drei und 25 Seiten). So spricht der methodistische Theologe Hermann Lichtenberger ganz offen von seiner „Liebe zur Bibel“, der katholische Bischof Feige setzt „ganz auf Gott“, indem er „dankbar seine Erlösungstaten feiert und sich ihm im Gebet anvertraut“ und der orthodoxe Metropolit von Austria, Arsenios Kardamakis nimmt als Christ am „Ewigkeitsmoment“ teil. Das sind Zeugnisse von theologischer Tiefe, die man vielleicht heute nur noch von Geistlichen und Hochschullehrern erwarten darf.

Dennoch ist es gut, dass auch die weniger klar konstruierten „Glaubensgebäude“ (um mit Zulehner zu sprechen) in einem Sammelband zum „Christ sein“ vorkommen. Darin mag sich manche Leserin und mancher Leser ohnehin eher willkommen fühlen als in den Kathedralen und Schlössern der „Glaubensprofis“. Dennoch zeigt sich in mancher Stellungnahme auch eine gewisse Unkenntnis, den christlichen Glauben betreffend, aus der wiederum die Unfähigkeit erwächst, sich – dort, wo nötig – als Christ auch abzugrenzen von dem, was ist, und das, was in der Ethik naturrechtlich geboten ist, im Geiste Jesu zu ergänzen. Ganz zu schweigen von dem oft spürbaren Mangel an Glaubensfreude. Denn „Christ sein“ heißt doch in erster Linie: Feiern, dass man Christ sein darf. Das kommt ein wenig zu kurz.

Bibliographische Angaben:

Predrag Bukovec / Christoph Tröbinger (Hg.): Warum ich Christ bin. 26 Antworten von Persönlichkeiten der Gegenwart.
Ostfildern: Patmos (2019).
360 Seiten, € 24,–.
ISBN: 978-3-8436-1126-8.

(Josef Bordat)

Matti Nykänen ist tot

Die finnische Skisprunglegende Matti Nykänen ist tot. Der viermalige Olympiasieger starb im Alter von 55 Jahren.

Sein Leben war eine Achterbahnfahrt. Nach den Höhen der Sportlerkarriere folgte der Absturz in die Alkoholsucht.

Nykänen sagte dazu: „Ich stand viele Jahre im Mittelpunkt, alle haben sich um mich gerissen. Ich hatte es satt, es war zu viel. Ich war unglücklich und habe angefangen, in mir drinnen eine Mauer hochzuziehen. Ich war sehr jung, als ich erfolgreich geworden bin, die Medien waren die ganze Zeit um mich herum – ich hätte Hilfe gebraucht. Das war der Anfang. Ich habe später getrunken, weil ich nichts anderes zu tun hatte, weil ich vergessen wollte.“

Unvergessen: Matti Nykänen. Ruhe in Frieden!

(Josef Bordat)