Notre-Dame

Hätte nicht gedacht, dass ich mal für ein Gebäude beten würde, aber zur heutigen Nacht tue ich es. Und schließe natürlich auch alle ein, die rund um die Kathedrale zur Stunde Dienst tun.

(Josef Bordat)

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Südsudan: Krise hält an

Vor einigen Tagen hatte ich u.a. über die schwierige Lage im Südsudan geschrieben.

Gregor Schmidt, der Comboni-Missionar aus Berlin, auf den ich mich bezog, hat nun in einem Interview ausführlich die Situation geschildert. Er rät sowohl dem Präsident des Südsudan, Salva Kiir, als auch dem Oppositionsführer Riek Machar zum Rücktritt.

Alles weitere in dem lesenswerten Interview auf dem Portal der „Konferenz Weltkirche“.

(Josef Bordat)

Karwoche. Hoffnung auf Freiheit

Die Karwoche ist geprägt von der Hoffnung auf Freiheit. Die meisten hoffen dabei auf den politischen Befreier Israels, nur ganz wenige denken an die spirituelle Freiheit des Geistes, Befreiung von religiösem Formalismus, an ein Frei werden vor und für Gott. Jene Hoffnung auf äußere Freiheit wird enttäuscht, diese Chance zur inneren Freiheit bleibt ungenutzt, weil unverstanden. So wird aus dem „Hosianna!“ ganz schnell ein „Kreuziget ihn!“, weil man sich einfach „mehr“ versprochen hat, verkennend, dass in der Passion „alles“ an Befreiung angelegt ist, was der Mensch braucht.

Mit der Auferstehung werden beide Hoffnungen erfüllt. Die Freiheiten des Inneren und des Äußeren fließen zusammen, werden eine untrennbare Einheit, die es ermöglicht, die Freiheit gleichermaßen zum Thema von Religion und Politik zu machen. Nur im Christentum ist das in dieser Eindeutigkeit gelungen, weil nur hier die Wertschätzung des Individuums und der Gemeinschaft gleichermaßen eine Rolle spielt.

Die Freiheit Gottes ist Grund der menschlichen Freiheit (Thomas von Aquin). Und Gott will uns in Christus befreien: Der österliche Mensch ist das irdische Wesen mit der größten Freiheit (Jörg Zink). Oder, in den Worten des Galaterbriefs: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5, 1). Sich dem christlichen Glauben der Kirche anzuschließen, bedeutet also nicht die Aufgabe von Freiheit, sondern ganz im Gegenteil: die Ermöglichungsbedingung ungeahnter Freiheitserfahrung.

„Die Freiheit kennzeichnet die im eigentlichen Sinn menschlichen Handlungen“, heißt es im Katechismus (Kompendium, Nr. 363). Die Freiheit ist so eng mit der Handlung verbunden, dass ein unfreies Handeln schlicht unmöglich wird. Unter Zwang mögen sich Dinge ergeben oder ereignen – gehandelt werden kann nur in Freiheit.

Ein gutes Beispiel für die Kraft des Christentums aus der Befreiung im Inneren ist denn auch die historische Überwindung der Sklaverei als äußerliches Phänomen des Rechts- und Wirtschaftssystems. Zwischen 1500 und 1800 wurden fast 11 Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika und Europa verschleppt. Auch von Christen. Zugleich unter dem Protest von Christen, von prominenten Christen wie Papst Urban VIII. und einfachen Missionaren wie Petrus Claver.

Arnold Angenendt erinnert an die Rolle der „englischen und amerikanischen Dissenters, die ihre Länder zunächst für ein Verbot des Sklavenhandels und dann auch des Sklavenbesitzes zu mobilisieren vermochten“. Sie beriefen sich nicht auf politische Revolutionen, sondern auf die Revolution schlechthin: „den durch Christi Sühneblut bewirkten Loskauf“, die Erlösung des Menschen, die zur Befreiung aller Menschen motiviert.

Humanismus und Aufklärung hingegen entwickelten zur Sklavenfrage „keine eigenen Positionen, sondern übernahm allmählich die Positionen der Quäker und Evangelikalen“ (Egon Flaig). Ansonsten kann man in der Sklavenfrage mit Delacampagne von der „Gleichgültigkeit der Humanisten“ und dem „Schweigen der Philosophen“ sprechen, die sich höchstens, so Robin Blackburn, zu Wort meldeten, um die religiösen Begründungen der Sklaverei durch pseudowissenschaftliche Versuche „rassischer Anthropologie“ zu ersetzen. Selbst im aufgeklärten 18. Jahrhundert dachten „nur wenige“ der führenden Denker und Lenker „an eine restlose Abschaffung der Sklaverei“ (Stolberg-Rillinger).

Freiheit ist nicht selbstverständlich – die äußere nicht und die innere erst recht nicht. In diesem Jahr, in dem wir 70 Jahre Grundgesetz und 30 Jahre Mauerfall feiern, wird uns das bewusst. Unser ganzes Leben ist geprägt von der Hoffnung auf Freiheit. In der Karwoche wird das ganz besonders deutlich. Wenn die Falschen verhaftet und die Falschen freigelassen werden, wenn das Zwangssystem zu triumphieren scheint, wenn jedes Fünkchen Hoffnung auf das kleinste Stückchen Freiheit nur noch absurd wirkt, dann gibt uns das leere Grab den entscheidenden Hinweis: Gott befreit uns zum Leben.

(Josef Bordat)

Wer bin ich? Wo stehe ich? Was tue ich?

Zum Sechsten Sonntag in der Fastenzeit (Palmsonntag – Palmarum)

Am Palmsonntag (Dominica in Palmis de passione Domini) wird in den Heiligen Messen der Katholischen Kirche die Passion unseres Herrn Jesus Christus gelesen – in diesem Jahr nach Lukas (22, 14 bis 23, 56). Das ist ein oft ein sehr routinierter Vorgang: Man kennt den Text, weiß, was als nächstes kommt. Spannung kann höchstens durch eine ungewöhnliche Betonung in den Vorgang hineingetragen werden. Oder durch die Frage, wo man wohl selbst gestanden hätte, damals. – Eine Betrachtung.

Wer bin ich – in der Passion meines Herrn?
Wo stehe ich – am Karfreitag?
Was tue ich – davor, danach, währenddessen?

Bin ich Judas, der verrät, um des eigenen Vorteils willen?

Bin ich Petrus, der verleugnet, sobald Nachfolge schwer wird?

Bin ich Pilatus, der sich im Urteil leicht verleiten lässt?

Bin ich Simon, der Andern hilft, ihr Kreuz zu tragen?

Bin ich Veronika, die tröstet und Tränen trocknet?

Bin ich einer, der im Schutz der Masse nach Vergeltung schreit?

Weine ich, wie die Frauen?

Bin ich Josef von Arimathäa: Ein heimlicher Verehrer, der sich vor dem Gerede der Menschen fürchtet? Der Angst hat, nicht mehr ernst genommen zu werden, weil er sich nicht dem Zeitgeist unterwirft?

Bin ich unter dem Kreuz, am Freitag Nachmittag? Auch dann, wenn die Erde bebt? Wie Johannes? Und die Frauen?

Bin ich der Verbrecher, der in Jesus sein Heil erkennt?

Bin ich der Soldat, der zum Glauben kommt?

Oder spiele ich lieber um das, was des Herrn ist – auf das Glück der Welt vertrauend? Wie die andern Soldaten?

Wer bin ich?
Wo stehe ich?
Was tue ich?

(Josef Bordat)

Warum glauben wir?

Manuskript eines Vortrag, gehalten anlässlich des Begegnungstages in der Gemeinde St. Martin, Berlin-Märkisches Viertel am 7. April 2019

Einführung

Warum glauben wir? Die Frage, die zum Thema des Vortrags gemacht wurde, ist keine einfach zu beantwortende. Ich will sogar noch weitergehen: Sie haben sich vielleicht das schwierigste Thema vorgenommen, das es überhaupt gibt. Allein dafür schon herzlichen Glückwunsch. Denn die Frage nach dem Grund unseres Glaubens ist eine irrsinnig komplexe. „Warum glauben wir?“, das liest sich erst mal harmlos, ist aber eine Frage mit Sprengstoff.

Ich will mich trotzdem um eine Antwort bemühen und auch – soweit es mir möglich ist –, die Fragen beantworten, die sich daran anschließen, also: Was glauben wir? – das wäre die Frage von Glaube (groß geschrieben) im Sinne des religiösen Glaubens, Wie glauben wir? – dabei geht es um den Ritus, schließlich: Welche Form geben wir der Religion? – da sind wir dann bei unserer Kirche.

Also, vier Begriffe sollen uns heute beschäftigen: Glauben (als Tätigkeit des Menschen), Glaube (als System von Aussagen), Religion (als rituelle Verstärkung und Verstetigung dieses Systems), Kirche (als Organisationsform der christlichen Religion, des Christentums). Dass ich das in 30 Minuten nicht so erschöpfend behandeln kann, dass alle Fragen am Ende zur Zufriedenheit aller beantwortet sind, sollte klar sein. Ich kann hier nur sehr oberflächlich vorgehen, ab und an mal eine Marke setzen, einen Pflock einschlagen, um dann gleich weiter zu gehen.

1. Glauben

Glauben als „nicht wissen“

Warum glauben wir? Weil wir nicht wissen. So könnte man in einer ersten Näherung sagen. Glauben als „nicht wissen“, aber dennoch „für plausibel halten“. Ich glaube, nachher gibt‘s Kaffee. Ich weiß es nicht, aber ich nehm‘s an. Und weil wir eben nicht alles wissen können, müssen wir den Rest eben glauben.

Und tatsächlich entsteht das Glauben auch als Reaktion auf die Unerklärbarkeit der Welt und ihrer Phänomene, also aus einer Erklärungs-, Verständnis- und Deutungsnot heraus. Die Sonne, die Sterne, der Wind, das Feuer, der Berg, der Wald – all das überstieg die Vorstellungskraft des Menschen und wurde zur Gottheit, an die man glaubte. Auch die Liebe, die Fruchtbarkeit, die Sexualität, die Freude, der Wein. Verstehen wir nicht, also: Gottheit.

Glaube und Vernunft

Dabei ist der Glaube mit der Vernunft verbunden. Heute wird das ja gerne auseinander gerupft – glauben und denken, die irrationale Religion und die rationale Wissenschaft, also: Herz und Kopf. Eigentlich jedoch ist die Religion ein Ergebnis der entstehenden Rationalität und Reflexivität des Homo sapiens.

Sie entsteht in dem Moment, indem die Vernunft im Menschen erwächst, denn die ist Voraussetzung für die Selbsttranszendierung, also das Übersteigen des Hier und Jetzt. Tiere kennen das nicht. Pflanzen kennen das auch nicht. Selbsttranszendierung ist ein Proprium des Menschen. Glauben ist damit eine urmenschliche Tätigkeit, der Glaube untrennbar mit dem Menschsein verbunden, sein Entstehen unmittelbar mit der Menschwerdung.

Und, wenn Menschen heute nicht an Gott glauben, also: einen religiösen Glauben haben, dann haben sie eben einen nicht-religiösen Glauben, glauben an die Macht der Wissenschaft, an technische Lösungen für Menschheitsprobleme, an was auch immer. Der Glaube ist ja nicht weg, nur weil Menschen nicht mehr an Gott glauben. Es gibt zum Beispiel einen weit verbreiteten Engelglauben. 60 Prozent der Deutschen glauben an Gott, 70 Prozent an Engel. Ich glaube an den Briefträger, aber die Post gibt es nicht. Nicht unüblich heute, genauso wie zahllose Ersatzreligionen: Ernährung, Fußball, Facebook.

Wann und wodurch entstand der glaubende Mensch?

Der glaubende Mensch entsteht mit dem Erscheinen des Bewusstseins und der Vernunft in der Welt, also mit dem großen Auftritt des Geistes. So, Anschlussfrage: Wann war das? Antwort: Wir wissen es nicht. Wir kennen weder den genauen Zeitpunkt noch die Gründe für das Auftreten von Rationalität. Hinzu kommt, dass sich die Gelehrten höchst uneinig sind, was man denn als „vernünftiges“ Verhalten bezeichnen soll. Ist bereits der Gedanke: „Ich könnte diesen Stein spitz machen und damit hätte ich ein etwas besseres Werkzeug!“ ein Ausdruck von Vernunft? Oder erst das, was Psychologen „kollektive Intentionalität“ nennen, also das bewusste Mitteilen (oder auch Verschweigen) von Gründen und Motiven in einer Lerngemeinschaft? Was dem Tier der Instinkt ist dem Menschen die Intention: Handlungsmotiv.

Wenn man in der Wissenschaft nicht mehr weiter weiß, versucht man oft, das Problem dadurch in den Griff zu bekommen, das man sagt, dass es das, was man sucht, in dieser reinen, klar definierten Form nicht gibt, es also nur graduell bestimmt werden kann. Michael Tomasello, der sich sehr viel mit der Kognitionsentwicklung befasst hat, unterscheidet z.B. sechs Stufen von Intentionalität – von Gruppen mit einfachem Werkzeuggebrauch vor rund sechs Millionen Jahren bis hin zu komplexen sozialen Systemen, in denen es ein Beurteilen der Ansichten Dritter gibt – und damit auch so etwas wie Stolz und Scham und Trauer, aber auch Humor, Kunst und Religion. Das wäre die Zeit vor etwa 30.000-300.000 Jahren.

Sehr ungenau, wie man merkt. Aber das ist die Zeitspanne, in der der Mensch mit dieser Form der Intentionalität entsteht. Die ältesten, unbestritten dem anatomisch modernen Menschen, dem Homo Sapiens, zugeordneten Fossilien sind 315.000 Jahre alte Schädelknochen aus Marokko. Das älteste sicher datierte Kunstwerk, die Venus vom Hohlefels, entstand vor 35.000 Jahren. Dazwischen spannt sich der Zeitraum auf, der für unsere Frage interessant ist.

Denn das für uns Interessante ist jetzt: Erst auf dieser sechsten Stufe war es möglich, dass Vorstellungen von Phantasie entwickelt wurden. Erst auf dieser Stufe ist die zwischen Ich und Du vermittelte Bezugnahme auf ein Drittes möglich, also Erfahrung wird geteilt und auch verstanden.

Erst aus dieser Zeit sind neben den Gebrauchsgegenständen auch rein symbolische Kunstgegenstände nachweisbar. Also nicht nur schöne Speerspitzen, sondern Schmuck, der eigentlich nichts bringt, sondern z.B. den Status in der Gruppe definiert.

Also: Für das Glauben braucht es eine Form von Verstand, der Verständigung ermöglicht, Gemeinschaft bildet. Umgekehrt stabilisiert der geteilte Glaube die sozialen Beziehungen. Ob das nun Folge der religiösen Erfahrungen war oder aber überhaupt der Sinn und Zweck von Religion ist, darüber gehen die Meinungen wieder auseinander.

Jetzt kann man natürlich weiter fragen, wie es denn dazu gekommen ist, dass der Mensch diese einzelnen Stufen jeweils erklimmen konnte, gerade die letzte, die ihn von der nicht-humanen Natur unterscheidet, und die damit einen guten Grund bietet, erst mal wirklich von Vernunft zu sprechen. Wie gesagt: Denken und Glauben sind in einem Kontext zu einer Zeit entstanden. Lassen Sie sich nie einreden, Sie seien intellektuell rückständig, weil sie an Gott glauben! Dann erzählen Sie von den Ursprüngen des Glaubens in der Entstehungszeit von Rationalität und Intentionalität vor 30.000-300.000 Jahren.

Also, wie kam es dazu? Es gibt Anthropologen, die die Mischernährung mitverantwortlich machen: Also, wer Schimpanse werden wollte, ist beim Gemüse geblieben, der künftige Homo Sapiens hat begonnen, Fleisch zu essen. Die Proteine hätten ihn dann körperlich so weit entwickelt, dass irgendwann das Gehirn an Größe zunahm und auch die Zahl der neuronalen Verbindungen. Das ist das was Bestseller-Autor Yuval Noah Harari in seinem viel beachteten Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ als „kognitive Revolution“ bezeichnet (vor etwa 70.000 Jahren).

Zugleich hätte das Zubereiten des Fleisches auf dem Feuer dazu geführt, sagen Anthropologen, dass fortan weniger Energie für die Verdauung nötig war. Wir alle kennen ja den Spruch: „Voller Bauch studiert nicht gern!“ Da ist ja was dran. Umgekehrt: Wenn ich Blut im Kopf haben will, um besser denken zu können, muss ich dafür sorgen, dass es nicht im Magen-Darm-Trakt gebraucht wird. Also: Leichte Kost. Aber: Nahrhaft. Und: proteinhaltig. Ergo: Grillwurst.

So, wir sind nicht die ersten, die sich mit der Frage der Entstehung von Rationalität und Religiosität beschäftigen. Ich möchte auf zwei wichtige Personen hinweisen, die im 19. und 20. Jahrhundert viel in Sachen Evolution des Menschen geforscht und geschrieben haben: der eine ist Charles Darwin, Entwickler der Evolutionstheorie, der andere ist Pierre Teilhard de Chardin, der Entwickler einer Vorstellung davon, wie man Darwins Evolutionstheorie mit dem Glauben an den Schöpfergott vereinbaren kann. Diese Vorstellung wird als „Theistische Evolution“ bezeichnet.

Darwin schreibt: „Sobald die bedeutungsvollen Fähigkeiten der Einbildungskraft, Verwunderung und Neugierde, in Verbindung mit einem Vermögen nachzudenken, theilweise entwickelt waren, wird der Mensch ganz von selbst gesucht haben, das was um ihn her vorgeht zu verstehen, und wird auch über seine eigene Existenz dunkel zu speculiren begonnen haben.“ Also, auch bei Darwin gibt es die Verbindung von Denken und Glauben, von Rationalität („Fähigkeiten der Einbildungskraft, Verwunderung und Neugierde“, „Vermögen nachzudenken“) und Religiosität („was um ihn her vorgeht zu verstehen“, „über seine eigene Existenz [..] speculiren“).

Für den Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin ist die Evolution des Menschen ein beständiger „Fortschritt geistiger Bewusstheit“. Doch ab wann, ab welchem Grad „geistiger Bewusstheit“ können wir vom „Menschen“ sprechen? Diese Frage stellt sich Teilhard auch und versucht, sie in dem 1956 erschienenen Buch La Place de l’Homme dans la Nature (dt.: „Die Entstehung des Menschen“) zu beantworten, nachdem er bereits in seinem Hauptwerk Le Phénomene Humain (dt.: „Der Mensch im Kosmos“) diese Antwort eine anthropologische Grundlage gelegt hatte.

Angesichts dieses Menschenbildes wird die Ambivalenz der Teilhardschen Theorie deutlich: Einerseits ist der Mensch einmalig und seine besonderen Fähigkeiten lassen auf den schöpferischen Eingriff Gottes schließen, andererseits ist er auch nur ein „Kind der Erde“, also der Natur. Sein Erscheinen verdankt sich einer Mutation, aber, so Teilhard, einer „in ihrer Art einmaligen Mutation“, insofern, als „in dem Phylum, das aus dieser Mutation hervorging, fast von allem Anfang an vier Merkmale festzustellen sind, die an Stärke etwas Außergewöhnliches, an Neuartigkeit etwas ganz Einmaliges darstellen: eine außergewöhnliche Dynamik der Ausbreitung, eine einmalige Schnelligkeit der Differenzierung, eine unerwartete Dauerhaftigkeit der Fortpflanzungskraft und schließlich eine in der Geschichte des Lebens bislang unbekannte Fähigkeit des Zusammenwachsens von Zweigen innerhalb ein und derselben Gruppe“.

Woher jedoch kommt diese Einmaligkeit? Mit dieser Frage öffnet sich der Raum für den Schöpfungsgedanken. In der Tat: Der einmalige, besondere Eingriff einer Intelligenz scheint angesichts der einmaligen, besonderen Mutation ein nicht von vorne herein abwegiger Gedanke zu sein. Teilhard ermöglicht es uns, den Menschen sowohl als Ergebnis der Evolution als auch als Resultat eines schöpferischen Eingriffs zu betrachten – als Kind der Natur und als Kind Gottes.

Teilhard beschreibt die Entstehung des Menschen als Schritt in die Reflexion. Der Schlüssel ist dabei die Gemeinschaftsbildung, in dem „das letzte und zweifellos höchste Streben der Natur nach Komplexität zum Ausdruck kommt“. Doch: Wann betritt der Mensch das Land des Denkens? Die Menschwerdung entpuppt sich als ambivalent: Einerseits geschieht die Entstehung der Spezies „Mensch“ wie bei anderen Spezies auch, andererseits stellen wir beim Menschen „von Anfang an gewisse Eigenschaften fest, die eine höhere Stufe von Lebendigkeit erkennen lassen, als wir sie bei den anderen Arten antreffen“. Mit dieser widersprüchlichen Genese des Menschen befasst sich Teihards Theorie.

Teilhard behauptet einerseits, die Entstehung des Menschen sei „eine Mutation, die in ihren äußeren Merkmalen allen anderen Mutationen gleich ist“. Andererseits unterscheide sie sich in ihren Ergebnissen von allen anderen Mutationen: „Wir sehen uns der überraschenden zoologischen Tatsache gegenüber, dass sich auf der Erde vom Ende des Tertiärs ab das entscheidende Streben der Evolution offensichtlich auf den Menschen konzentriert.“ Teilhard benutzt einen teleologisch aufgeladenen Evolutionsbegriff („Streben“), weil er erkannt hat, dass „alles darauf hindeutet, dass das Leben seit dem Pliozän die besten Kräfte, die ihm noch verblieben, ganz auf den Menschen ansetzte, wie ein Baum auf seinem Gipfel?“ Weiter führt er aus, dass „im Lauf der letzten zwei Millionen Jahre zwar sehr viele Gruppen ausgestorben sind, dagegen außer den Hominiden in der Natur keine wirklich neue Gruppe mehr zum Durchbruch gekommen ist“. In sehr metaphorischer Sprache streicht er die menschliche Besonderheit heraus: „An sich sollte schon diese bezeichnende Tatsache unsere Aufmerksamkeit und unseren Verdacht wecken. Wieviel mehr erst eine eingehendere Untersuchung des Phänomens des Menschen. Welch schäumende Kraft, welch ein Überschwang, welche Einmaligkeit begegnen uns doch in diesem letztgeborenen Kind der Erde!“

Glauben als Hoffen

Also erkannte dieser reflektierende Mensch seine Endlichkeit und aus der Sehnsucht nach dem Höheren und dem Anderen wurde ein Jenseitsglaube, der sich etwa in den Gräbern aller vorchristlichen Kulturen deutlich zeigt. Die prächtigen Bauten und reichen Grabbeigaben, etwa in den Pyramiden der altägyptischen Kultur, aber auch bei uns zeugen von diesem Glauben an ein Leben nach dem Tod. Und ganz nebenbei bieten oft nur die Gräber überhaupt noch Zeugnisse vergangener Epochen. Insofern hat sich die Funktion der Grabbeigaben in gewisser Hinsicht schon im Diesseits erfüllt – die Menschen leben weiter in unseren Vorstellungen, die wir über die Dinge entwickeln, die ihnen ins Grab gelegt wurden. Das älteste erhaltene Grab (in Israel wurde es gefunden) ist etwa 100.000 Jahre alt. Wir befinden uns hier also in der zeitlichen Entwicklung des Menschen auf der sechsten Intentionalitätsstufe. Da also entsteht ungefähr das Denken und das Glauben, das Trauern und das Erinnern, das Mitteilen und das gemeinsame Voneinander-Lernen, also: „kollektive Intentionalität“.

Entscheidend ist, noch einmal: Nur der Mensch glaubt, weil glauben eine Leistung der Vernunft ist. Vilayanur S. Ramachandran stellte die Einzigartigkeit religiöser Erfahrungen heraus: „Wir Menschen besitzen viele Eigenschaften, die nur unserer Art eigen sind, aber keine von ihnen ist so rätselhaft wie die Religion – unser Hang, an eine höhere Macht zu glauben, die die Welt der Erscheinungen transzendiert. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass irgendein anderes Geschöpf nach ‚dem Sinn des Ganzen‘ fragen kann“.

Noch einmal: Warum glauben wir?

Neben der Erklärungsfunktion für Unverstandenes tritt die Hoffnung auf Unverlierbares im Menschen und die Vorstellung von Ewigkeit, beides Ergebnisse der Vernunft. Die Vernunft will verstehen, sie gibt aber auch Ideen, die uns übersteigen, Transzendenzvorstellungen. Dieser zweifache Glaubensgrund hat nun zwei Nachteile.

Zum einen schwindet der Glaube, wenn natürliche Erklärungen gefunden werden. Wenn also erklärt werden kann, warum ein Vulkan Geräusche macht und Feuer speit, dass das eben mit tektonischen Platten zu tun hat usw., dann hat man den Berg-Gott als Erklärung nicht mehr nötig. Das ist ein „Gott des Rückzugs“. Viele Menschen verlieren ihren Glauben, wenn sie diesem Gottesbild anhängen. Die sagen dann: „Ich glaube nicht an Gott. Die Naturwissenschaft erklärt uns alles!“

Das stimmt natürlich nicht. Man kann naturwissenschaftlich nicht erklären, warum es falsch ist, einen Unschuldigen zu bestrafen. Insofern steckt in der Wissenschaftsgläubigkeit viel mehr Glaube als im Gottesglauben. Aber dennoch ist die Moderne davon geprägt, Max Weber sprach von „Entzauberung der Welt“ und angesichts der vier Kränkungen des religiösen Erklärungs- und Deutungsmusters bleibt von diesem „Lückenfüller“-Gott immer weniger übrig. Denken Sie an die vier großen Kränkungen: Kopernikus (Wo stehen wir? – Heliozentrisches Weltbild vs. Erde im Mittelpunkt), Darwin (Woher kommen wir? – Evolutionstheorie vs. Schöpfung), Freud (Was ist das Gewissen? – Über-Ich vs. Stimme Gottes) und die Hirnforschung (Was lässt uns Mensch sein? – Emergenz der Materie vs. immaterielle Seele). Das sind aber nur dann Angriffe auf Glaube und Religion, wenn sich religiöser Glaube in der Erklärung des wissenschaftlich (Noch-)Nicht-Erklärbaren erschöpft. Das Christentum ist – wohlverstanden – von diesem Rückzug nicht betroffen, allenfalls ein (unkatholischer) Biblizismus, der die Heilige Schrift (fälschlich) als Laborbericht liest.

Zum anderen ist der Glaube der Jenseitshoffnung ein sehr vager Glaube, der auch gar nicht mal ein bestimmtes Gottesbild braucht, ja, eigentlich gar keinen Gott. Das geht auch durch Vorstellungen wie die des Nirwanas oder anderer Ideen. Also: Warum glauben wir, immer noch, trotzdem – an Gott? Warum ein religiöser Glaube? Oder anders: Wie wurde aus dem glaubenden Menschen, der sich in der Welt orientieren will, ein gläubiger Mensch, der diese Welt religiös deutet?

2. Glaube

Am Beginn des monotheistischen Gottesglaubens steht die Erkenntnis, dass alle Gottheiten nur Stückwerk sind und es einen Gott braucht, der alles übersteigt. Der Monotheismus ermöglicht einen Glauben an Gott, der nicht mehr verzweckt ist (als Erklärung des Diesseits, konkret) oder rein spirituell erscheint (als Hoffnung auf das Jenseits, abstrakt). Der monotheistische Gott steht dazwischen. Bei diesem Gott fällt dann auch der Artikel weg – es ist schlicht Gott, an den wir glauben. Er ermöglicht uns eine Loslösung von uns. Das wiederum weckt die Sehnsucht nach Einheit, die besonders in der Mystik eine Rolle spielt. Von daher kennen alle Religionen die Mystik.

Warum glauben wir Christen? Weil wir auf einen Gott vertrauen, der uns unendlich übersteigt und der „Ganz Andere“ ist, nach Rudolph Otto, der aber sich aber mit uns so sehr identifiziert, dass er von sich aus unsere Sehnsucht nach Einheit in Jesus Christus stillt.

Religiöser Glaube als „Vertrauen“

Das Stichwort ist gefallen: Glauben heißt Vertrauen. Glauben ist ja immer ein Wagnis, um mit Peter Wust zu sprechen. Glauben heißt vertrauen. Zu glauben heißt zugleich, das Wagnis der Ungewissheit einzugehen, den sicheren Halt zu verlieren und sich fallen zu lassen – nicht ins Bodenlose, sondern in Gottes Hand. Bekennt der Glaubende den Glauben der Kirche, so sinkt er ganz bewusst nieder in dem, was die Kirche als den Boden unseres Glaubens, als das Netz, aufgespannt aus Glaubenswahrheiten, als die Basis, das Fundament des Christentums versteht. Hier bin ich Mensch, hier darf ich ruhn.

3. Religion

Kommen wir zur Religion im engeren Sinne, im Sinne des religiösen Ritus, also der Frage, wie wir mit Gott in Beziehung treten. Da ist zunächst das Opfer ein zentraler Gedanke.

Früher – ganz im Sinne der naturreligiösen Vorstellung – ging es dabei um das Opfern eines Stücks Natur: ein Paar Turteltauben, ein Stier, ein Widder – wir kennen das aus der Bibel. Indem nun Gott selbst in Jesus Christus zum Opfer wird – wir denken ja in den nächsten zwei Wochen ganz intensiv daran – ändert sich auch das Opferverständnis. Man kann zwar die Einsetzung des Brotes als symbolische Opfergabe bis in den Alten Bund zurückverfolgen, aber so richtig stimmig wird es erst als Jesus selbst sich opfert und wir im eucharistischen Herrn in der Gestalt des Brotes uns dieses Opfer immer wieder ins Gedächtnis rufen. Das ist eine ganz neue Qualität von Opfer.

Hinzu kommen die Sakramente als heilige Zeichenhandlungen, die unseren religiösen Ritus bestimmen. Religiöser Glaube ist ein Glaube, der sich religiös eingebettet weiß, also Ausdruck in einer Religiosität findet, die direkt mit Wesen und Lehre einer Religion in Verbindung steht, einer Religion, die den Glauben durch gemeinschaftlich geteilte Offenbarung und einsichtige Deutung formt und nährt, ihn aufrichtet und stärkt, etwa durch die Sakramente.

Davon abzugrenzen ist einerseits ein „religionsloser Glaube“, andererseits eine „glaubenslose Religion“.

Ein „religionsloser Glaube“ zeigt sich – sehr modern – in Glaubensformen, die fernöstliche Philosophie bzw. Weltanschauung (Vedanta, Buddha, Yoga) und Spiritualitätspraktiken (Meditation) aufnehmen und mit modernen psychohygienischen, medizinischen, nutritiven, ökologischen und anderen Komponenten eines „guten Lebens“ zu einer „Patchwork-Religiosität“ verbinden, die in ihrer synkretistischen Genese und ihrer schier beliebigen Varianz an Inhalten eigentlich gar keine „Religiosität“ ist, sondern ein ganz persönlicher Glaube an die gelungene Lebensführung. Oft wird dieser subjektivistische Glaube, der in der Welt gestresster Großstädter gerade wegen seiner individualistischen Ausbildungsformen eine enorme Anziehungskraft besitzt, mit der Spiritualität der Mystik verwechselt, weil er sich gerne auf Meister Eckhart oder Ansätze aus dem Zen-Buddhismus beruft. Die Ernsthaftigkeit christlicher Kontemplationsmystik gerade hinsichtlich der gesuchten Gottesbeziehung wird dabei jedoch zumeist unterschätzt. „Mystik“ erschöpfte sich ja niemals darin, die Kirche zu ärgern. Manches Antiklerikale entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als theologisches Missverständnis. Auch Rahners berühmtes Diktum von der Zukunft des Christentums in der Mystik ist kein Aufruf zur Revolution in der Kirche, sondern in den Herzen. Für das wesentlich durch religio und communio mit Gott und dem Nächsten bestimmte Christentum kommt „religionsloser Glauben“ eigentlich auch gar nicht in Frage, ist aber dennoch bei Dietrich Bonhoeffer an einigen Stellen spürbar und auch unter (jungen) Christen weit verbreitet („Gott: Ja! – Kirche: Nein!“). Aus Sicht des christlichen Glaubens katholischer Prägung ist das der falsche Weg.

Genauso falsch ist andererseits eine „glaubenslose Religion“, die sich als Funktionssystem der Gesellschaft mit der Rolle einer Sinnstifterin für andere Funktionssysteme (Politik, Recht, Wirtschaft) begnügt. Dabei besteht nämlich die Gefahr, dass sie – einmal ihrer originären Kompetenz beraubt, nämlich Antworten auf Glaubensfragen zu geben – ganz vom zu stützenden System aufgenommen wird. Darin erfüllt die Religion dann nur noch einen billigen Zweck: Als bloße Kulturkosmetik politische, juridische und ökonomische Prozesse moralisch aufzuwerten und sie damit bei den Menschen akzeptabler zu machen.

Religion muss also für zwei potentielle Gefahren gewappnet sein: für die Gefahr einer Banalisierung durch private Beliebigkeit (hier ist der Einzelne gefragt) und für die Gefahr einer Instrumentalisierung durch öffentliche Vereinnahmung (hier ist die Gemeinschaft gefragt). Religion ist weder rein privat, noch rein öffentlich, Religion ist beides, weil Religiosität persönlich ist und die religiöse Person sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum lebt und wirkt.

Der religiöse Glaube des Christen, wie ich ihn verstehe und zu leben versuche, strebt nach einer Religiosität, die eine öffentliche Rolle bewusst annimmt und dabei gerade auch auf die Unterstützung seitens der Kirche baut, ohne sich abhängig zu machen von politischen, juridischen oder ökonomischen Agenden. Sie strebt ferner nach einer Religiosität, die zugleich eine Kraft im privaten Umfeld (Familie, Hauskreis, Kirchengemeinde) entfaltet, also in einem tiefen und reichen Glauben, mit rituellen Handlungen und Gebeten, die von einem lebendigen Vertrauen auf den himmlischen Vater zeugen, dessen Kind ich als gläubiger Christ sein darf. Gegenstand dieses persönlichen Glaubens mit seiner privaten und seiner öffentlichen Wirkung als Religion ist Gott, in meinem Fall der Gott der Bibel. Von Gott macht sich der Mensch seine Vorstellung – Gottesbilder entstehen. Diese von außen zu erfassen – religionswissenschaftlich – ist schwierig.

4. Kirche

Es passiert im Christentum aber noch was anderes: Nicht nur wird aus dem Glauben ein Glaube, sondern aus dem religiösen Glauben, also dem geordneten Gottesbezug, entsteht zudem eine feste Form, in der die Riten (das Opfer, die Sakramente) ihre definierte Gestalt erhalten. Es entsteht – die Kirche.

Damit geschieht etwas, das oft zu Missverständnissen führt und Kritik provoziert: der Glaube, die Religion wird institutionalisiert. Menschen übernehmen das Kommando, zumindest insoweit, als sie den göttlichen Stiftungsauftrag immer wieder neu zu deuten und zu realisieren versuchen. An der Stelle setzen Zweifel ein. Und an der Stelle passieren auch Fehler. Wir können gerne über alles reden, in der Diskussion. Ich verzichte hier aber auf Beispiele. Ich verzichte aber nicht darauf, Ihnen mein Buch ans Herz zu legen, in dem zahlreiche Beispiele genannt sind.

Entscheidend ist hier: Zwischen Christentum und Christenheit zu differenzieren. Auf einem weißen Blatt sieht man nur den schwarzen Punkt. So sagt es ein chinesisches Sprichwort. Die Kirche (als von Christus gegründete und vom Heiligen Geist geführte Glaubens- und Weggemeinschaft) ist dieses weiße, reine Blatt, das in der geschichtlichen Entwicklung der Kirche (als Institution mit Menschen) den einen oder anderen schwarzen Punkt abbekommen hat. Vor dem idealen weißen Hintergrund des Christentums sieht man die realen schwarzen Flecken der Christenheit nur zu deutlich. Wäre bereits das Blatt grau oder braun, fielen die schwarzen Punkte nicht weiter auf. So aber ergibt sich aus dem starken, ja, maximalen Kontrast von Idealbild und Realität ein besonders deutliches Mißempfinden, das auch entsprechend artikuliert wird – von innen und von außen. Vor allem von außen.

Es mag ungerecht sein, an höchsten Ansprüchen gemessen zu werden, doch es ist für die Kirche der einzige Weg, um Institution und Gemeinschaft möglichst weit zur Deckung zu bringen. Insoweit hat die starke, manchmal auch überzogene Kritik an der Kirche, wie sie gerade in den Neuen Medien ungefiltert und in Echtzeit formuliert wird, ihren ganz eigenen Wert. Dennoch muß es erlaubt sein, in diesem Zusammenhang an zwei Dinge zu erinnern: erstens an die Tatsache, daß nur die Idealfolie das reale Versagen erkennbar macht und zweitens an die Tatsache, daß viele der identifizierten schwarzen Punkte bei genauerer Betrachtung gar keine Schmutzflecken sind, sondern heute nicht mehr gut lesbare und daher mißverstandene Zeichen. Wir können in der Diskussion gerne über alles reden, natürlich auch über den großen Schmutzflecken unserer Tage, den Missbrauch. Lassen Sie mich zuvor ganz kurz das Wichtigste rekapitualieren.

Zusammenfassung

Also, noch mal: Fünf Punkte sollten wir heute Nachmittag mitnehmen.

1. Glauben ist nicht „wissen“, sondern eine andere Qualität der Orientierung – nicht besser, nicht schlechter, anders.

Im christlichen Glauben wird ein Gewissheitsgrad erreicht, der den Glaubenden so sehr motiviert, dass er bereit ist, für die Aufrechterhaltung der Inhalte des Glaubens in seinem Leben Nachteile in Kauf zu nehmen (das betrifft heute ganz konkret jeden zehnten Christen), ja, dieses Leben sogar dem Glauben unterzuordnen und im äußersten Fall hinzugeben (das passiert alle fünf Minuten irgendwo auf der Welt). Wäre dieser Glaube nur ein „Nichtwissen“ der Art, wie man eben nichts über die Lottozahlen vom nächsten Samstag weiß (und möglicherweise dennoch spielt), wäre die Kraft, Leiden zu ertragen, die einen allein deshalb heimsuchen, weil man glaubt, wohl nicht annähernd so groß.

2. Glauben ist aber auch nicht „nicht wissen“. Glauben setzt Vernunft voraus, Religion besitzt eine tiefe Rationalität, die Papst Benedikt XVI. mal „geweitete Vernunft“ nannte, um sie von der engen instrumentellen Vernunft des technisch-wissenschaftlichen Systems abzugrenzen.

3. Aus dem Glauben an Gott entsteht der Gottesglaube, eine Sammlung von Aussagen über Gott.

4. Diese Aussagen sind nicht beliebig veränderbar. Sie sind tradiert in der Religion.

5. Es gibt daher eine Normativität des Glaubens, die sich in der kirchlichen Dogmatik zeigt.

Es gibt also, wenn man die Punkte 3 bis 5 zusammenfasst, ein Glaubenswissen, also ein Wissen über das Glauben und über den Glauben, ein Wissen, das sich in den Religionen verdichtet und – für das Christentum – in der Lehre der Kirche zeigt.

Glauben, Glaube, Religion, Kirche. Ich hoffe, ich konnte einen ganz kurzen Einblick geben in die – wie eingangs bereits gesagt – nicht ganz so trivialen Zusammenhänge.

Vielen Dank!

(Josef Bordat)

„Verständliche Sprache“, „große inhaltliche Dichte“, „beachtliches Buch“

Zwei Rezensionen zur Neuerscheinung „Ewiges im Provisorium. Das Grundgesetz im Lichte des christlichen Glaubens“.

 

Josef Gottschlich schreibt in seiner sehr ausführlichen Besprechung für das IRP Freiburg (pdf): „Resümierend sei festgehalten, dass Josef Bordat, wie bereits in den bisherigen Buchpublikationen, auch mit seinen Ausführungen zu Grundgesetz, Recht, Ethik und Religion annähernd uneingeschränkt zu überzeugen weiß: durch klare, verständliche Sprache, große inhaltliche Dichte und Stringenz, ein erfreulich eindeutiges Ethos der Menschenfreundlichkeit und eine innere Haltung, die im Konfliktfall stets Primärtugenden den Vorrang vor Sekundärtugenden einräumt – auch wenn damit ein hoher sittlicher Anspruch verbunden ist, der Menschen, insbesondere Gläubigen, durchaus viel abverlangt, aber auch Erstaunliches zutraut.“

Cornelia Klaebe meint: „Zum Jubiläum hat der Berliner katholische Philosoph und Journalist Josef Bordat sich mit dem ‚Grundgesetz im Lichte des christlichen Glaubens‘ auseinandergesetzt und ein beachtliches Buch zu Fragen von verfassungsrechtlicher Religionsethik geschrieben. Er beweist in seiner Auseinandersetzung unter anderem mit dem Gottesbezug der Präambel, dem Verhältnis von Kirche und Staat oder der Religionsfreiheit, dass das Grundgesetz nicht den Juristen vorbehalten ist“. (Geronnene Vernunft, in: Tag des Herrn, Nr. 15, 2019, S. 16).

Das Buch erhalten Sie hier und dort.

(Josef Bordat)

Kamerun und Süd-Sudan

Zwei Ordensmänner haben mir gestern auf unterschiedlichen Wegen sehr nachdenklich stimmende Informationen zukommen lassen, die ich hier teilen möchte.

Zum einen hatte ich die Gelegenheit, den Erfahrungsbericht eines Fokolars aus Deutschland zu hören, der einige Jahre in einem Krankenhaus in Kamerun gearbeitet hat. Dieses Krankenhaus sowie andere soziale Einrichtungen (u.a. auch die einzige Schule in der Region) mussten die Missionare im Herbst 2018 aufgrund der zunehmenden Spannungen zwischen Rebellen und Regierungstruppen aufgeben. Die Rebellen streben die Unabhängigkeit des englischsprachigen Teils Kameruns von der französischsprachigen Mehrheit an. Der Kampf ist aussichtslos, der Preis ist hoch. Wie immer leiden besonders die Alten, die Kranken und die Kinder.

Gewalt von oben prägt das Leben der Menschen im Süd-Sudan, wo ein befreundeter Comboni-Missionar aus Berlin tätig ist. Dieser hat mir einen interessanten Artikel geschickt, der aufzeigt, wie die südsudanesische Regierung ethnische Säuberungen gegen viele einheimische Völker gezielt durchführt und einen tragfähigen Frieden unmöglich macht. Der englischsprachige Text der Anthropologin Carol Berger kann hier abgerufen werden.

Kamerun und Süd-Sudan – zwei Länder, an die ich in der Karwoche besonders denken werde. Dass dem Leiden und Sterben bald ein Ende gesetzt werden möge, damit neue Hoffnung auf Frieden wachsen kann, was die Voraussetzung dafür ist, um helfen, heilen, pflegen und bilden zu können. Mehr wollen die Missionare nicht.

(Josef Bordat)