Europas Meisterschaften. Eine Bilanz

Die European Championships, ein Zusammenschluss von sieben Sportverbänden zur gleichzeitigen Ausrichtung ihrer Europameisterschaften in Glasgow und Berlin, waren ein voller Erfolg. Das kontinentale Mini-Olympia im Fußball-WM-Sommer hat für den Fernsehathleten wirklich die Atmosphäre eines Multi-Sport-Events vermittelt. Standortwechsel und Livestreams, Studiomoderation und Medaillenspiegel – wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, wir seien schon zwei Jahre weiter, bei Olympia.

Allerdings: Nur bei oberflächlicher Betrachtung. Wer sich ein wenig auskennt, der weiß, dass mit den European Championships ein Format gewählt wurde, dass es den Verbänden ermöglicht, überhaupt noch eine angemessene Aufmerksamkeit zu erzeugen. Es Sportarten wie die Leichtathletik und das Schwimmen aufgewertet, deren Top-Stars oftmals gerade nicht in Europa, sondern in Jamaika und Australien leben. Oder in den USA. In einer Zeit, in der diese chronisch knapp ist, ist das Beste gerade gut genug, und wer nicht gerade ein Freund dieser Sportarten ist, schaut auch nur auf die Allerbesten. Und die kommen nicht immer aus Europa.

Wer in Berlin noch genauer hingeschaut hat, wird feststellen, dass in den Disziplinen, in denen Menschen aus der nicht-europäischen Welt besonders gut sind, Athleten nicht-europäischer Herkunft dominieren. Das ist bei der B-Mannschaft Kenias im Trikot der Türkei oder einem Dreispringer aus Kuba, der seit 2017 halt mal für Aserbaidschan startet, witzig bis anrüchig, bei Athleten mit Migrationshintergrund ist es ermutigend. Denn es zeigt die Chancen, die der Sport bietet. Gerade nach dem „Fall Özil“ ist das wichtig. Und es zeigt unseren Kontinent, wie er sein sollte: offen, bunt und leistungsstark.

Sie sollten also eine Fortsetzung erfahren, die European Championships. Am besten an einem Ort, idealerweise mit noch mehr (Rand-)Sportarten. Zugleich sollte man aber auch mit dem IOC und dessen europäischem Pendant sprechen, um die fragwürdigen „Europaspiele“ abzuschaffen, für die bisher nur zweiklassige Aktive und despotische Regime gewonnen werden konnten – 2015 bei der Premiere Aserbaidschan (mit Baku), im kommenden Jahr Weißrussland (nachdem die Niederlande sich als Ausrichter zurückzogen). Und man sollte es wagen, auch mal (wieder) mehr Leichtathletik ins öffentlich-rechtliche TV-Programm aufzunehmen. „König Fußball“ braucht eine Königin. Es ist schön, dass sich diese standesgemäß mit Diamanten schmückt. Schade nur, dass es kaum jemand sieht.

(Josef Bordat)

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Angriffe auf Asylbewerber

Die Zahl der Angriffe auf Asylbewerber und ihre Unterkünfte geht zurück. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor.

Das ist die verhältnismäßig gute Nachricht. Die schlechte: Die Zahl liegt mit 627 Angriffen auf Menschen und 77 Attacken auf ihre Unterkünfte im ersten Halbjahr 2018 immer noch erschreckend hoch.

Zu den Delikten zählten u. a. gefährliche Körperverletzung, schwere Brandstiftung, Sachbeschädigung, Volksverhetzung und Beleidigung.

Rückläufig sind die Straftaten deshalb, weil ihre Zahl zuvor geradezu unfassbar hoch lag: im ersten Halbjahr 2017 bei 1227, im ersten Halbjahr 2016 bei 2259.

(Josef Bordat)

Elija-Erfahrung: Engel helfen

Umkehr schafft man nicht allein.

In jenen Tagen ging Elija eine Tagereise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter. Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Doch der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich. Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb (1 Kön 19, 4-8).

Die Bibel ist gespickt mit Geschichten, die von Umkehr, von grundlegender Veränderung berichten. Die bekannteste ist sicher die des Saulus, der in Damaskus zum Paulus wird. Auch Zöllner, die ihre Einstellung zum Geld unter dem Eindruck der Präsenz Jesu Christi ändern oder Soldaten, die plötzlich ganz anderen Hierarchien gehorchen, sind aus dem Neuen Testament bekannt. Doch auch der Alte Bund sorgt bei einigen Menschen für Veränderung – aus Mördern werden Befreier, aus Hirten werden Könige, aus Familienvätern Stammesgründer. Vor allem bei den Propheten findet Veränderung statt. Elija etwa hat mit dem Leben eigentlich abgeschlossen. Er legt sich hin, um zu sterben. Mitten in der Wüste will er einen besonders leidvollen Suizid begehen: verhungern bzw. verdursten. Kurz darauf wandert er 40 Tage durch die Wüste zum Gottesberg Horeb – eine übermenschliche Leistung.

Von der größten Depression zur größten Motivation, von null auf hundert. Was war passiert? Ein Engel bringt Elija etwas zu essen und zu trinken, das einfachste, das der Mensch kennt: Wasser und Brot. Zweimal kommt der Engel – Gott lässt Elija nicht in Ruhe. Nicht, wenn es um die gesuchte Grabesruhe geht. Er hilft ihm wieder auf die Beine – und wie! Gott bedient sich dabei eines Boten, eines Engels. Engel sind im christlichen Glauben Geistwesen, von Gott erschaffen wie Menschen, Tiere und Pflanzen, aber eben nicht als Teil der sichtbaren, sondern einer unsichtbaren Sphäre des Seienden. Aus dieser wirken sie – immer im Auftrag und unter der Weisung Gottes – in die sichtbare Welt hinein. Die Bibel gibt davon beredt Zeugnis. Wer das Wort „Engel“ in einer Online-Ausgabe der Einheitsübersetzung sucht, erhält 305 Treffer.

Engel unterstützen nicht nur lebensmüde Propheten wie Elija, oder solche, die in argen Schwierigkeiten stecken (vgl. Dan 6), sondern ebenso die Apostel Petrus und Paulus – jenen in der Gefangenschaft (vgl. Apg 12, 7), diesen in Seenot (vgl. Apg 27, 23). An anderen Stellen erscheinen Engel als Wächter des Paradieses (vgl. Gen 3, 24), als Verkünder des göttlichen Gesetzes (vgl. Apg 7, 52-53), als Vollstrecker der Urteilssprüche Gottes (vgl. 2 Mose 12, 23; 1 Makk 7, 41; Apg 12, 23; Offb 15, 6), als Kämpfer gegen böse Mächte (vgl. Offb 12, 1-17), als Bewahrer vor Fehldeutungen göttlicher Weisungen (vgl. Gen 22, 10-11), als Beschützer und Retter von Gott auserwählter Menschen, die bedroht (vgl. Gen 19, 1-11) oder zu Unrecht bestraft werden (vgl. Dan 3, 49-50), als Mutmacher (vgl. Ri 6, 11-12) und als Überbringer überraschender positiver Neuigkeiten (vgl. Ri 13, 2-3). Von daher kann man verstehen oder zumindest nachvollziehen, dass auch menschliche Helfer in der Not gerne als „Engel“ bezeichnet werden, auch in einer säkularen Gesellschaft, die von Gott nichts wissen will.

Nicht zuletzt sind Engel wichtige Helfer Jesu (vgl. Mt 13, 41; Mt 16, 27; Mk 8, 38). Sie begleiten das Leben und Wirken des Gottessohns auf Erden vom Anfang bis zum Ende. Zentral ist die Rolle Gabriels, eines der drei Haupt- oder Erzengel, bei der Verkündigung an Maria, dass sie den Sohn Gottes zur Welt bringen werde (vgl. Mt 1; Lk 1); die Kirche erinnert mit dem Angelus-Gebet daran, täglich um 12 Uhr mittags. Zur Geburt Christi erscheint „ein großes himmlisches Heer“ (Lk 2, 13), das zum Lobpreis Gottes die berühmten Worte spricht: „Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk 2, 14). Engel dienen Jesus nach dessen Zeit in der Wüste, gleich nach den (vergeblichen) Anläufen des Teufels, den Herrn in Versuchung zu führen (vgl. Mk 1, 13; Mt 4, 11). Ein Engel stärkt Jesus in der Stunde tiefster Anfechtung im Garten Gethsemane (vgl. Lk 22, 43). Dann sind es Engel, die den Stein des Grabes wegrollen und den am leeren Grab trauernden und verängstigten Frauen die Auferstehung Jesu verkünden (vgl. Mt 28, 2-5). Engel sind es auch, die Christi Himmelfahrt deuten und die Wiederkunft des Herrn ankündigen (vgl. Apg 1, 10-11). Und schließlich werden sie Christus dabei begleiten (vgl. Mt 25, 31).

Angesichts dessen kann man verstehen, dass die Katholische Kirche an den Engeln festhält. Die Kirche hat sich immer zur Existenz von Engeln bekannt. Auf dem Vierten Laterankonzil (1215) stellt die Kirche in einer Definition gegen die Albigenser und Katharer klar, dass der dreifaltige Gott „der Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, des Geistigen und des Körperlichen (ist): er schuf in seiner allmächtigen Kraft vom Anfang der Zeit an aus nichts zugleich beide Schöpfungen, die geistige und die körperliche, nämlich die der Engel und die der Welt: und danach die menschliche, die gewissermaßen zugleich aus Geist und Körper besteht“ (Denzinger, S. 800). Auf dem Ersten Vatikanischen Konzil (1870-1871) wurde diese Aussage noch einmal bekräftigt. Auch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) bekennt sich zur Existenz von Engeln. In Gaudium et spes, der „Pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute“, wird unter Nr. 19 der Psalmist zitiert, der die Stellung des Menschen wie folgt beschreibt: „Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst? Oder des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst? Wenig geringer als Engel hast du ihn gemacht, mit Ehre und Herrlichkeit ihn gekrönt und ihn über die Werke deiner Hände gesetzt. Alles hast du ihm unter die Füße gelegt“ (Ps 8, 5-7). In Lumen Gentium, der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“, heißt es zunächst eher beiläufig unter Hinweis auf Mt 25, 31: „Bis also der Herr kommt in seiner Majestät und alle Engel mit ihm“ (Nr. 49), um dann nachzulegen: „Daß aber die Apostel und Märtyrer Christi, die mit ihrem Blut das höchste Zeugnis des Glaubens und der Liebe gegeben hatten, in Christus in besonderer Weise mit uns verbunden seien, hat die Kirche immer geglaubt, sie hat sie zugleich mit der seligen Jungfrau Maria und den heiligen Engeln mit besonderer Andacht verehrt“ (Nr. 50). Die Botschaft des Engels an Maria wird zweimal aufgegriffen (Nr. 53 und Nr. 56). Der Katechismus der Katholischen Kirche bekräftigt die Glaubenswahrheit der Existenz von Engeln: „Daß es geistige, körperlose Wesen gibt, die von der Heiligen Schrift für gewöhnlich Engel genannt werden, ist eine Glaubenswahrheit. Das bezeugt die Schrift ebenso klar wie die Einmütigkeit der Überlieferung“ (Nr. 328). Das Große Glaubensbekenntnis spricht zwar nicht explizit von Engeln, aber immerhin von der Schöpfung einer „unsichtbaren Welt“. Und als deren Bewohner gelten die Engel.

Umkehr – das ist die beständige Aufgabe jedes Christen, eine Lebensleistung, die nur mit Hilfe Dritter gemeistert werden kann. Die Kirche mit ihrer Gemeinschaft, mit ihren Sakramenten und ihren Riten hilft dabei, so gut das geht. Doch manchmal braucht es ganz besondere Unterstützung. Dann kann es sein, dass einem nur noch eine Elija-Erfahrung weiterhilft. Dazu müssen wir offen bleiben für das Wirken der Engel. Das wiederum erkennt man oft erst mit einigem zeitlichen Abstand. Retrospektiv fällt einem auf, dass da jemand war, der in besonders schwierigen Phasen durch ganz einfache Gaben (eine aufbauende Mail, eine ermutigende Bemerkung, ein Lächeln) dazu beitrug, sich neu aufzustellen, neue Kraft zu sammeln, neuen Mut zu fassen, sind wieder auf den Weg zu machen – weiter Richtung Gottesberg.

(Josef Bordat)

Antisemitische Straftaten in Deutschland

Im ersten Halbjahr 2018 sind 408 antisemitische Straftaten in Deutschland registriert worden, wie das ZDF unter Berufung auf das Bundesinnenministerium (BMI) meldet. 349 Taten wurden dem rechtsextremen, sechs dem linksextremen Spektrum zugeordnet. Eine religiöse Ideologie wiesen neun, eine „ausländische“ Ideologie zwölf der Taten auf. Nicht zuzuordnen waren 25 Taten.

85 Prozent der antisemitischen Straftaten in Deutschland geht also auf das Konto von Rechtsextremisten. Dieser sehr hohe Anteil wird auch damit zu erklären versucht, dass zunächst fast alle nicht eindeutig zuzuordnenden Taten dem rechten Spektrum zugeordnet werden, auch wenn eindeutige Beweise für ein rechtsextremes Tatmotiv fehlen.

Der Schriftzug „Juden raus!“ gilt generell als „rechtsextrem motiviert“, die damit verbundene Tat geht entsprechend als „rechtsextrem“ in die Statistik ein, obwohl eine solche Parole auch in islamistischen Kreisen populär ist. „Damit entsteht möglicherweise ein nach rechts verzerrtes Bild über die Tatmotivation und den Täterkreis“, heißt es in dem zugehörigen Bericht des BMI.

Was stimmt nun? Die Lösung ist eigentlich ganz einfach: Man kann auch als Ausländer rechtsextrem sein und als Rechtsextremist einen Migrationshintergrund haben. Und dass sich Islamismus und Faschismus ideologisch sehr nahe stehen, ist eine gesicherte Erkenntnis. Geeint sind sie in ihrem Antisemitismus, der rassistischen Variante des Antijudaismus.

Wie auch immer: 408 antisemitische Straftaten in Deutschland sind 408 Gründe für Scham und Ekel.

(Josef Bordat)

Zwischen Heldentum und Heiligkeit: Martyrium

Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren. (Joh 12, 24-26)

„Wenn das Weizenkorn nicht auf die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ und: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“. Diese beiden Verse aus dem heutigen Tagesevangelium zum Fest eines der berühmtesten römischen Märtyrer, des Heiligen Diakons Laurentius, geben Gelegenheit, über das Martyrium nachzudenken, das im Christentum als besonderer Ausdruck des „Fruchtbringens“ und der Heiligkeit („wird es bewahren bis ins ewige Leben“) gilt: die Kirche wächst dort, wo sie verfolgt wird; das Blutzeugnis ist ein wesentlicher Aspekt der Kanonisierung.

Der Mensch darf das Martyrium nicht herbeiführen, nicht anstreben, einmal fahrlässig mit dem eigenen Leben sein (denn auch das ist heilig) oder gar – als „Selbstmordattentäter“ – auf andere Menschen ausdehnen, um in den Augen der Kirche ein Märtyrer, ein Heiliger sein zu können. Der Märtyrer bezeugt schlicht seinen Glauben, auch auf die Gefahr hin, dabei mit seinem Leben zu bezahlen. Die Bereitschaft, diese letzte Konsequenz zu tragen, passt zur Radikalität des Heiligen, der allen vor Augen führt, dass es ihm ernst war und ernst ist mit seiner Überzeugung, so ernst, dass er ihr treu bleibt, bis in den Tod.

Dieses Schema passt aber auch auf die Gesinnung eines säkularen Helden, der für eine politische Überzeugung (etwa die Freiheit) zu sterben bereit ist und mit seinem Tod für sie Zeugnis ablegt; die Geschichte lebt von diesen Menschen, ohne dass sie Heilige wären.

Auf das mit dem Tod bezeugte Ideal kommt es nun an, ob von der Heiligkeit des Martyriums gesprochen werden kann, denn nur, wenn das, was der Märtyrer bezeugt, wofür er stirbt, heilig ist, ist auch das Martyrium ein heiliger Akt. Während dies beim Helden, der etwa für die Freiheit stirbt, in den Augen der Kirche nicht der Fall ist, erweist sich der Heilige, der für Gott stirbt, gerade dadurch als heilig, dass er im Tod für das Heilige schlechthin Zeugnis ablegt. Er drückt damit aus: „Gott ist wichtiger als das Leben – Gott allein“. Nur der Glaube kann Gründe liefern, „sein Leben in dieser Welt gering [zu] achte[n]“, denn nur im Glauben wird man es „bewahren bis ins ewige Leben“.

Wenn dem so ist, dann folgt daraus, dass das Zeugnis des Märtyrers nicht nur ein ausschließlich persönlicher Glaubensakt ist, mit dem er sich im Sinne der Integrität selbst über den Tod hinaus treu bleibt, sondern dass er den Glauben an sich bezeugt, weil sich im Zeugnis der Glaube an sich, nicht nur der persönliche Glaube, als das Bezeugte manifestiert. Wesen und Akt des Glaubens fallen im Zeugnis in eins, denn das Zeugnis im Tod des Heiligen zeugt vom Wesen des Glaubens und ist zugleich ein Akt des Glaubens.

Auch dies könnte noch gelten, ersetzte man „Glauben“ durch „Freiheit“, denn das Zeugnis im Tod des Helden offenbart ebenso als Akt der Freiheit zugleich das Wesen der Freiheit, das nämlich genau darin besteht, freiwillig für seine Ideale sterben zu können. Es geht also auch beim Helden nicht nur um die persönliche Freiheit, sondern um Freiheit an sich.

Doch nur, wenn das Geglaubte etwas Heiliges ist und damit das Heilige an sich bezeugt wird und sich im Zeugnis das Heilige selbst die Bezeugung schafft, was die besondere Begnadigung des Zeugen durch das Heilige andeutet, nur dann liegt es nahe, vom Martyrium als einem Akt der Heiligkeit zu sprechen, der den Märtyrer zum Heiligen macht. Dieses bezeugte und sich zugleich Bezeugung schaffende Heilige ist Gott, die christliche Religion, aber auch die Instanz, die „heilig“ spricht: die Kirche.

Hätte sie dieses Selbstverständnis, als Kirche heilig zu sein, nicht, könnte sie nicht nur den Titel nicht (weiter)verleihen, sondern stellte sich selbst grundsätzlich in Frage. Heiligkeit ist ein Wesensmerkmal der Kirche, nicht nur, weil sie Gott bezeugt, und damit eine „Märtyrerin“ ist, sondern weil sich Gott selbst diese Bezeugung durch sein eigenes Martyrium geschaffen hat: durch den Kreuzestod des menschgewordenen Gottes, Jesus Christus, der von sich selbst spricht als „das Weizenkorn“, das „auf die Erde fällt und stirbt“ und so „reiche Frucht“ bringt: die Kirche.

(Josef Bordat)

Autogenes Training im Wettkampfmodus

So heißt es, mein erstes belletristisches Buch. Hat lange gedauert, fast ein halbes Jahrhundert. Aber jetzt ist es so weit: Fertig! Mit „Liebe und Leidenschaft“ entstanden in „Schichtarbeit, ab und zu auch morgens“ die in diesem Buch veröffentlichten, satirischen Texte, so der Klappentext.

In Kürze wird der Satireband im Alverna-Verlag erscheinen. Er wird 251 Seiten umfassen und 12 Euro 50 kosten. Kein Witz.

(Josef Bordat)

Wie eine Satire entsteht

Oder auch nicht.

Manchmal hat man es leicht. Dann fliegen einem die lustigen Einfälle nur so in die Tastatur und kurze Zeit später ist sie fertig, die Satire. Pünktlich. Man hat sogar noch Zeit, die gröbsten Fehler zu korre… kurri… zu berichtigen. Doch an manchen Tagen ist das Geschäft des Satirikers ein zähes. Es fällt ihm schlechterdings nichts ein. Zumindest nichts, das lustig ist und sich über 3500 Zeichen strecken lässt. Die Themen liegen zwar auf der Straße, aber nicht immer auf dem Schreibtisch. Da liegt nur ein Notizbuch, in das hinein ich laufend die Ideen meiner Frau schreibe. Oder die besten Schwiegermutterwitze, die mir Schwiegervater erzählt, unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Moment – ein Wortspiel? Wäre das was? Nein, nicht, wenn ich mein Niveau halten will, das auch bei 35 Grad Außentemperatur nicht ins Unermessliche sinken soll. Eine U-Bahnfahrt durch Berlin bietet normalerweise hinreichend Stoff für eine Satireband-Trilogie oder ein Kabarettprogramm mit zwei Pausen, nur heute ist irgendwie der Wurm drin. Wo sind die kreativen „Motz“-Verkäufer? Wo die Mutter einer siebenköpfigen Hydra mit französischem Vornamen? Wo der TAZ-Leser, der seinem das Sitzpolster mit einem machetenförmigen Messer malträtierenden Dreijährigen zusäuselt: „Malte-Konstantin – nein! Was haben wir besprochen? Jaha – Du könntest Dich verletzen!“? Wo sind all diese Menschen, wenn man sie mal braucht? Wahrscheinlich im Urlaub. Wäre das ein Thema: Reise, Reiseversicherung, Reiserücktrittsversicherung? Vormerken! Was gibt es Neues von der AfD? Nichts. Wäre vermutlich auch nicht lustig gewesen. Die Zeit bis zur Abgabe verrinnt. Ich habe keine Idee. Nicht die Spur. Ich lese ein wenig umher. Aus dem Sommerloch lugen Meldungen der Art „Klosterbrauereien von Leergutmangel weniger betroffen“. Betroffen. Besoffen. Ha! Endlich! Obwohl: Was heißt „weniger“? Und warum „Leergutmangel“? Gut, Arbeitstitel: „Gefährdet das Duale System Deutschland?“ Da könnte man aber meinen, es geht um Özil. Also: Was anderes. Nur, was? Ich blättere im Notizbuch. Seit Wochen gähnende Leere. Nicht gut. Gar nicht gut. Leergut. Leernichtgut. Leerböse. Es reicht! Mir muss jetzt was einfallen. Wenn nur diese Hitze nicht wäre! Im Arbeitszimmer herrschen Temperaturen wie in der Sauna. Vielleicht so: Bischöfe ziehen sich in Sauna zurück, um zu beraten. Den Aufguss wagen. Blöd. Dann eben was über die Katze unserer Nachbarin, die bereits mehr Impfungen hinter sich hat als manche Anthroposophenfamilie. Aber 3500 Zeichen bekomme ich nur hin, wenn ich Katzens Kosenamen sämtlich aufführe. Und das dürfte wiederum Probleme mit dem Datenschutz bringen. Moment: „Persönlichkeitsrechte für Tiere“. Endlich, herrlich absurd – ein Brüller! Bis ich merke, dass dazu bereits Gesetzentwürfe in den Deutschen Bundestag eingebracht wurden. In meiner Mailbox geben sich spendable nigerianische Geschäftsleute und ehemalige US-Offiziere, die mich heiraten wollen, die Klinke in die Hand. Warum auch nicht? Geld für alle, Ehe für alle, alles für alle. Auch ein Thema. Sicher, aber nicht, wenn man zwar lustig schreiben will, aber nicht um jeden Preis. Ich gebe dem Offizier einen Korb. Er bietet mir drei Millionen. Ich bleibe hart. Der Mann aus Nigeria erhöht auf fünf Millionen. Willkommen auf dem Transfermarkt. Wäre ja auch mal was: Der FC Bayern hat deswegen so viel Geld, weil er als einziger Verein der Bundesliga auf die Mails nigerianischer Geschäftsleute antwortet. Und Lewandowski will weg, weil er Brigadegeneral James McDovell heiraten soll. Es ist heiß heute, hatte ich das schon gesagt? Ich glaube, es hat keinen Sinn. Vielleicht fällt mir ja nächste Woche wieder was ein.

(Josef Bordat)