Glücksatlas

Wo leben die glücklichsten Deutschen?

Glück lässt sich nicht nur prima theoretisieren, sondern auch ganz praktisch erfahren. Heißt es. Und daher auch empirisch vermessen.

Und so gibt es mal wieder eine Glücksstudie, den so genannten „Glücksatlas“. Der gibt u.a. darüber Auskunft, wo die glücklichsten Deutschen leben.

Das ZDF hat die Glücksliste veröffentlicht. Dass Berlin darin überhaupt auftaucht, ist erstaunlich. Am Ende liegt die Hauptstadt sogar auf Platz 16 (von 19).

Da fühlt man sich doch gleich viel besser.

(Josef Bordat)

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Zutiefst verstörend

Ein zutiefst realistischer (und daher so verstörender) Artikel über die Entscheidung gegen das Kind erschien vor gut drei Jahren in der „Welt“: „Das Kind ist weg, die Gedanken bleiben. Verdammt“ von Paulina Czienskowski. Ich stieß nun bei Recherchen darauf und bin doch sehr überrascht, wie das Thema Abtreibung dort verhandelt wird. Mir scheint, der Text hat nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil. Fürchte ich.

Alles kommt darin vor: Die Situation der Mutter, ihr Ringen um eine Entscheidung, der Ablauf der Abtreibung, ihre Zweifel, auch die bleibenden Fragen nach dem Eingriff, zynische Vergleiche („verschütteter Milch trauert man nicht nach“ – ihr [damaliger] Lebensgefährte). Wie das eben so ist. Was nicht vorkommt: das Kind. Zumindest nicht als Rechtssubjekt. Als solches sieht es immerhin unser Grundgesetz.

Im Titel des Textes ist zwar vom Kind die Rede, aber nur in Bezug auf die Mutter: Es, das Kind, ist „weg“ (das scheint nicht weiter schlimm und muss daher nicht thematisiert werden), die Gedanken, die der Mutter, bleiben (hier wird das Thema erst relevant). Auch die Beratung scheint sich – folgt man dem Text – auf die Risiken des Einriffs für die Mutter zu beschränken. Die Risiken für das Kind scheinen keine Bedeutung zu haben.

Der Gedanke, dass dieses Kind, das nun „weg“ ist, ein eigenes, von der angestrebten Karriere der Mutter unabhängiges Lebensrecht hatte, kommt schlicht und einfach nicht vor. Nicht mal die Möglichkeit eines solchen wird erwogen. Nicht von der Frau, nicht von der Autorin, die sich (so scheint es) jeder Wertung enthält.

Vielleicht ja, weil sie sich den ausschlaggebenden Entscheidungsgrund (Karriere geht vor) zu eigen macht? Das wäre eine Spekulation. Doch, dass die seit nunmehr fast sieben Jahrzehnten geltende Auffassung, das ungeborene Kind habe ein Recht auf Leben, so gar keine Rolle mehr spielt in der Argumentation zum Thema Abtreibung, ist dann doch verstörend. Oder realistisch.

(Josef Bordat)

Kreativer Syllogismus im Dienst der guten Sache

Bin mal gespannt, ob ich es in Frankfurt überhaupt aufs Messegelände schaffe, oder ob ich gleich am Hauptbahnhof festgenommen werde. Ginge es nach der Amadeu Antonio Stiftung, wäre das wohl eine der sinnvolleren Optionen für den Verlauf des heutigen Tages. Jene Stiftung, die ich bisher (irrtümlich, wie ich jetzt weiß) mit dem ehrenwerten Einsatz für Toleranz und Menschenrechte in Verbindung gebracht hatte, stellt eine Plattform zur Verfügung. Auf dieser wird der Verlag, bei dem ich bisher drei Bücher veröffentlichte, der Lepanto-Verlag, in ein allzu rechtes Licht gerückt – und meine heutige Buchvorstellung in einen Kontext mit Islam-Hass und Gewaltbereitschaft. Das ganze mit jener bestechenden Logik, die ich sonst nur von leicht übermotivierten Einzelbloggern kenne. Tu quoque, Amadeu Antonio Stiftung?

Es sieht so aus. Nach der Lektüre eines als „Lexikonartikel“ getarnten Gesinnungsgutachtens drängt sich mir die Frage auf: Was fasziniert mich eigentlich an solchen Texten wie dem von Autor Robert Wagner?

Ist es das so irritationsfreie Geschichtsbild, das Stichwörter wie „Lepanto“ ebenso unmissverständlich wie souverän einordnet? „Das katholische Europa in Form von Spanien, Venedig und dem Papst“ – nein, nein, ich denk mir das nicht aus, das steht da so (genau so). Ist es dieses zielsichere Sendungsbewusstsein, das hinter jedem Baum, in dessen Schatten man nicht selber ruht, „Instrumentalisierung der Geschichte“ wähnt? Ist es die Eleganz, mit der die eigene Deutung von Sachverhalten in ein allgemeines und bindendes Urteil überführt wird? Ist es die Ignoranz, mit der man dabei verkennt, dass eine schiefe Deutung nicht zu einem gerechten Urteil führen kann (geht wirklich nicht). Also: Ist es dieses bislang nur bei Stefan Effenberg eruierte Maß an Selbstsicherheit, das einem rät, vor dem Urteilen am besten nicht mehr nachzudenken, weil man einer von den Guten ist? Ich meine, wenn man schon keinen Unterschied mehr macht, so von „rechten bis rechtsextremen Gruppierungen“ und in drei Sätzen und zwei Gedankenschritten von einer Bezugnahme auf Lepanto zur Befürwortung des Dritten Weltkriegs („Verteidigung Europas [..] mit Waffengewalt“) gelangt (Respekt!). Oder vielleicht doch die Genauigkeit der Datensammlung zu verdächtigen Subjekten in Sorge um die Sicherheit des Staates? Das Bemühen, einem auch sprachlich dürftigen Text mit unnötigen Fremdwörtern künstlich Niveau zu verleihen? „Toxisches Narrativ“ – da hat aber jemand Soziologie studiert, und wie! Oder sind es am Ende die sich in meinem Kopf bildenden ersten Entwürfe einer Antwort auf die Frage, wie viel feindbildideologisches Nullsummendenken man genau verinnerlicht haben muss, um die Welt derart in schwarz (denkt nicht so wie ich) und weiß (ich) einzuteilen?

Nein, jetzt weiß ich, was mich fasziniert: Es ist die innere Logik, die solche Dossiers durchzieht. „Einer der Texte des Autors erschien in X. X ist rechts. Also: Er, der Autor, ist rechts.“ – „P hat Kontakt zu X. X ist – wie gesagt – rechts. Also: P ist rechts.“ – „P‘ kennt jemanden, der jemanden kennt, der P kennt. P ist – wie gezeigt – rechts. P‘ dann natürlich auch, du Nazi!“ Der Verlag „versteht sich als ‚Katholischer Verlag für Theologie und Philosophie‘. Jaha! Da versteht er sich aber falsch! Also: Er, der Verlag, ist rechts.“ Und, merke: Rechts ist rechtsextrem ist Nazi. Nazi ist doof.

Wie gut, dass Autoren und Plattformen der Amadeu Antonio Stiftung auch diesbezüglich über jeden Zweifel erhaben sind.

(Josef Bordat)

Pressemitteilung: Bordat stellt Buch vor

Am Mittwoch, 10. Oktober 2018, stellt der aus Straelen stammende Berliner Autor Josef Bordat sein Buch „Von Ablaßhandel bis Zölibat: Das ‚Sündenregister‘ der Katholischen Kirche“ auf der Frankfurter Buchmesse vor.

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Um 15 Uhr wird Bordat auf dem Autorensofa das Katholischen Medienverbandes (Halle 3.1, B 143) Rede und Antwort stehen. Moderiert wird die Veranstaltung von Verena Tröster (Domradio, Köln).

Für weitere Fragen: josef_bordat[at]hotmail.com

(Josef Bordat)

20 Jahre Hoffnung

Hier einige Impressionen vom Franziskusfest am 6. Oktober auf „Gut Neuhof“, bei dem gefeiert wurde, dass es die Fazenda schon seit 20 Jahren in Deutschland gibt.

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Das Haupthaus. Foto: JoBo, 10-2018.
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Die Kapelle. Foto: JoBo, 10-2018.
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Nicht nur für die Kleinen interessant: Landwirtschaft auf „Gut Neuhof“. Foto: JoBo, 10-2018.
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Ehemalige und Verantwortliche vor der Kapelle. Foto: JoBo, 10-2018.
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Buntes Bühnenprogramm. Foto: JoBo, 10-2018.
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Franziskanerinnen im Gespräch über ihr Wirken auf der Fazenda. Foto: JoBo, 10-2018.

Einen ausführlichen Bericht über das Jubiläums-Franziskusfest gibt es in der Online-Ausgabe der Tagespost.

(Josef Bordat)

„Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?“

Clemens August Graf von Galen und sein Kampf gegen das „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten („Aktion T 4“). – Grußwort anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Töten aus Überzeugung“ zur „Aktion T 4“ am 4. Oktober 2018, 15 Uhr im Caritas-Seniorenwohnhaus „Kardinal von Galen“ in der Goltzstraße 26, 10781 Berlin-Schöneberg.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin gebeten worden, einige Worte zu Clemens August Graf von Galen zu sagen, vor allem zu seiner Rolle im Widerstand gegen die „Aktion T 4“, der diese Ausstellung gewidmet ist. Die „Aktion T 4“ bezeichnet das zynisch „Euthanasie“ genannte Programm zur Vernichtung von etwa 300.000 chronisch kranken und behinderten Menschen, das in der Berliner Tiergartenstraße 4 geplant wurde, daher „T 4“. Gegen dieses menschenverachtende Programm erhob Clemens August Graf von Galen als Bischof von Münster 1941 seine Stimme. In drei wirkmächtigen Predigten mobilisierte er die westfälischen Katholiken.

Der 1878 in Oldenburg geborene und 1904 in Münster zum Priester geweihte Clemens August Graf von Galen war von 1919 bis 1929 als Pfarrer in der Gemeinde Sankt Matthias (Berlin-Schöneberg) tätig. 1933 wurde er zum Bischof von Münster geweiht und 1946 in den Kardinalsstand erhoben, einen Monat vor seinem Tod. Die Aufnahme ins Kardinalskollegium geschah aus Dankbarkeit und als Anerkennung für seine unerschrockene Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus. Am 9. Oktober 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. Seliggesprochen. Dass wir also hier und heute an Kardinal von Galen erinnern hat drei Gründe: Er wirkte hier in Sankt Matthias, er wurde vor 13 Jahren seliggesprochen und – das Entscheidende – er hat sich gegen all das gewandt, wovon diese Ausstellung handelt.

Am Tag seiner Bischofsweihe waren die Nazis schon ein halbes Jahr an der Macht, die ersten Konzentrationslager bereits in Betrieb. Das KZ Dachau zum Beispiel. Von Galen wählte als Wahlspruch das Wort Nec laudibus nec timore – „Weder durch Lob noch durch Furcht“. Das ist durchaus programmatisch für den westfälischen Hirten, der sich im Sommer 1941 (am 13. und 20. Juli sowie am 3. August) in drei Predigten gegen die „Aktion T 4“ wandte, was ihm den Beinamen „Löwe von Münster“ eintrug.

In seiner Predigt vom 3. August 1941 kritisiert er die Auffassung der Nazis, man dürfe „lebensunwertes Leben“ töten, weil es unproduktiv sei, wie eine alte Maschine oder ein lahmes Pferd. Der Schrecken über diese Gleichsetzung lässt ihn furchtlos die folgenden unmissverständlichen und darum wirkmächtigen Worte sagen: „Nein, ich will den Vergleich nicht bis zu Ende führen –, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft! Es handelt sich hier ja nicht um Maschinen, es handelt sich nicht um ein Pferd oder eine Kuh. Nein, hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern! Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen! Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von den anderen als produktiv anerkannt werden?“

Diese Worte sorgten für Unruhe unter denen, die sie hörten. Sie rüttelten an ihrem Gewissen, sie appellierten an ihre Nächstenliebe. Große Betroffenheit löste Clemens August Graf von Galen mit folgendem Satz aus: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden“. Die Gläubigen verbreiteten die Predigttexte ihres Hirten und schafften damit eine Gegenöffentlichkeit.

Und die Predigten bzw. ihre Verbreitung zeigten Wirkung: Das NS-Regime, das schon ahnte, ein „Euthanasie“-Programm werde in der Bevölkerung nicht besonders populär sein und das deswegen versuchte, die „Aktion T 4“ geheim zu halten, knickte wenig später ein. Bereits am 24. August 1941 – nur drei Wochen nach der dritten Predigt von Galens in St. Lamberti – gab Hitler Anweisung, die „Aktion T 4“ auszusetzen.

Der Historiker Winfried Süß schreibt dazu: „Die kirchlichen Proteste machten Hitler dreierlei deutlich: Erstens demonstrierten sie, dass der sorgsam über die Krankenmorde gelegte Geheimhaltungsschleier irreparabel zerrissen war. Zweitens ließen sie weiteren Widerstand der Kirchen befürchten. Und drittens machten sie deutlich, dass die ,Euthanasieʻ in erheblichen Teilen der Bevölkerung nicht konsensfähig war. So gesehen ist Hitlers Abbruchentscheidung weniger überraschend, als sie auf den ersten Blick scheint.“

Für diese Abbruchentscheidung spielte neben der breiten Rezeption der Predigten von Galens unter den Katholiken auch der Protest von Vertretern der Bekennenden Kirche eine Rolle. Das war also durchaus ein ökumenischer Widerstand. Die „Aktion T4“ wurde insgesamt ein Jahr lang ausgesetzt und dann weniger vehement weiterverfolgt.

Clemens August Graf von Galen sollte für diese Störung des Vernichtungsbetriebs getötet werden – „auf Heller und Pfennig“ wolle man mit ihm abrechnen. Aus Furcht vor noch größerer Unruhe unter den Katholiken im Rheinland und in Westfalen beschloss Reichspropagandaminister Joseph Goebbels jedoch, diese Abrechnung auf die Zeit „nach dem Endsieg“ zu verschieben. Doch dazu kam es nicht – nicht zum „Endsieg“ und nicht zur Abrechnung mit von Galen. Stattdessen gab es 1945 die militärische Niederlage und Kapitulation Deutschlands (und damit das Ende des Nationalsozialismus) und – wie eingangs bereits erwähnt – 1946 für Clemens August Graf von Galen die Kardinalswürde.

Sein beherztes Eingreifen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Menschen in Deutschland schwiegen, auch die meisten Christen, auch die meisten Katholiken, dass sie sich von ihrem Gewissen nicht aus dem Gleichgewicht bringen ließen. Nicht zuletzt dies muss uns eine Mahnung sein, die Stimme zu erheben, wenn die Würde des Menschen bedroht ist, etwa dadurch, dass man wieder Rechnungen aufmacht, wie viel uns doch „so ein Behinderter“ kostet, welche Belastung er darstellt für die Gesellschaft.

Ich erlebe solche Bemerkungen auch im aktuellen Diskurs um bioethische Fragen, wo oft genug die rechtzeitige (also: vorgeburtliche) Tötung des (möglicherweise) kranken oder behinderten Menschenlebens als „Erlösung“ angepriesen wird, als „Erlösung“ für das Kind, seine Eltern und die Gesellschaft. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich jedoch auch und gerade an ihrem Umgang mit kranken und behinderten Menschen – der Nationalsozialismus ist hier dramatisch gescheitert. Ich wünsche mir, dass wir heute – auch eingedenk der Erinnerung an dieses Kapitel unserer Geschichte – niemals aus den Augen verlieren, dass dem Menschen Würde zukommt, weil er Mensch ist – nicht, weil er jung, gesund und produktiv ist.

In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung viele interessierte und aufmerksame Besucherinnen und Besucher.

Vielen Dank!

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Oktober 2018 zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Mo. – Fr. 9 bis 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.

(Josef Bordat)