Der gedopte Blitz

Heute vor 50 Jahren liefen in Sacramento (US-Bundesstaat Kalifornien) drei Menschen die 100 Meter erstmals unter 10 Sekunden: Jim Hines (der einige Wochen später auch Olympiasieger wird), Ronny Ray Smith und Charles Greene. Der Wettkampf ging als „Night of Speed“ in die Sportgeschichte ein.

Seitdem kommt kaum noch jemand in den 100 Meter-Endlauf Olympischer Spiele, der die Strecke nicht regelmäßig unter 10 Sekunden läuft. Der Weltrekord steht bei 9,58 Sekunden, gelaufen 2009 in Berlin. Von Usain Bolt, der in diesem WM-Endlauf den Konkurrenten Tyson Gay (9,71) und Asafa Powell (9,84) keine Chance ließ.

Doch der Verdacht läuft immer mit. Der Sprint ist eine dopingverseuchte Disziplin. Kaum ein Top-Sprinter, der nicht schon mal gesperrt war. Historischer Tiefpunkt: Der kanadische Sprinter Ben Johnson gewinnt 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul den 100-Meter-Lauf in Weltrekordzeit von 9,79 Sekunden. Nur wenige Stunden später wird er des Dopings überführt. Der Dopingfall Johnson, der schon vor der Ziellinie den Zeigefinger der rechten Hand provokativ gen Himmel gestreckt hatte, markiert zugleich den Beginn der öffentlichen Debatte über das Thema Doping.

Solange Doping nur mit bulgarischen Gewichthebern in Verbindung zu bringen war, hielt sich das Interesse der Medien in Grenzen. Da es aber diesmal um das Duell der Giganten (Ben Johnson gegen Carl Lewis) in einer der attraktivsten olympischen Disziplinen ging, erschütterte die Nachricht vom gedopten „schnellsten Mann der Welt“ nicht nur die Leichtathletik-Familie, sondern den gesamten Sport.

Und die Gesellschaft. Denn jeder Dopingfall im Sport spricht auch uns an: „Und Du? Wie weit würdest Du gehen?“ Darauf müssen wir antworten, bevor sich unser Zeigefinger hebt. Dieser darf aber auch nicht unten bleiben. Denn Doping ist in der Tat ein Fall für die Ethik. Moralisch bedenklich sind die Absicht (Betrug), die Wirkung (Wettbewerbsverzerrung) und die Nebenwirkung (Selbstschädigung) – vom falschen Vorbild, das Spitzensportler Kindern und Jugendlichen geben, ganz zu schweigen.

Ferner tritt noch ein besonders pikanter Effekt auf: die hinter dem Doping stehende Fehlallokation von Heil- und Hilfsmitteln in einem ohnehin klammen Gesundheitswesen. Da werden Medikamente und Methoden, die für Schwerstkranke gedacht sind, missbraucht, indem sie Gesunden verabreicht werden, damit diese noch ein paar Hundertstel schneller laufen können. Perverser geht es nicht.

Dann lieber etwas gemütlicher, dafür aber sauber. Sage ich (Bestzeit: 11,6) Ihnen ganz ehrlich.

(Josef Bordat)

Advertisements

Folge der Nachfolge

Die Entscheidung, Christus nachzufolgen begünstigt den Bau einer Gesellschaft, die gerechter und menschlicher, ganz nach dem Herzen Gottes ist.

Papst Franziskus (via Twitter)

Habermas zum Geburtstag

Heute wird der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas 89 Jahre alt.

Einem so vielfältig publizierten und breit rezipierten Intellektuellen wie Jürgen Habermas ein in Art und Umfang angemessenes Geburtstags-Ständchen zu singen, ist gar nicht so einfach. Falsch: Es ist nicht möglich. Es sei denn, man beschränkt sich auf ein Thema dieses vielfältigen Werkes. Beispielsweise auf die Auseinandersetzung des Jubilars mit der Religion. Schließlich hat Habermas, der am 18. Juni 1929 in Düsseldorf zur Welt kam, in den vergangenen Jahren zu diesem Thema die eine oder andere interessante Stellungnahme hervorgebracht. Der Tenor gegenüber dem Phänomen Religion blieb dabei zwar kritisch-distanziert (Habermas selbst beschreibt sich bekanntlich als „religiös unmusikalisch“), wurde aber – zumindest im Hinblick auf die normative und soziale Funktion des Religiösen – zunehmend wohlwollend.

Ansetzen kann man im Jahr 2004, als Habermas mit dem damaligen Kurienkardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., in der Katholischen Akademie München ein viel beachtetes Gespräch über die Rolle der Religion in der Gesellschaft führte. Ein Gespräch zwischen Vertretern dergleichen Generation (Ratzinger erblickte, wie den meisten Lesern bekannt sein dürfte, am 16. April 1927 in Marktl das Licht der Welt) und zwischen zwei deutschen Denkern, die beide zu den herausragenden Intellektuellen Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählen. Von Anfang an stand fest: Das Gespräch sollte insbesondere die Notwendigkeit möglicher „vorpolitischer moralischer Grundlagen“ der Demokratie aus dem Geist der Religion thematisieren. Also die Frage: Lebt der moderne Rechtsstaat von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann (das berühmte Böckenförde-Diktum) und liefert die Religion dazu die nötige vorpolitische Kontrollinstanz (Ratzinger) oder gelingt es dem demokratischen Staat, allein mit säkularer Vernunft seine Normativität aus sich selbst heraus diskursiv zu begründen (Habermas)? Dann geschah das Überraschende: Die Argumentation im Verlauf der Diskussion ging weit über die Frage hinaus und betraf allgemein das Verhältnis von Glaube und Vernunft, von Religion und Wissenschaft (die Stellungnahmen sind nachzulesen in: Jürgen Habermas, Joseph Ratzinger: Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion. Freiburg i. Br. 2005).

Es zeigte sich, dass beide die Ablehnung einer dezidiert areligiösen, tendenziell anti-religiösen Gesellschaft eint. Das Entscheidende ist, dass auch Habermas der Religion Sinngehalte zuspricht, für die eine „ethisch enthaltsame“ Wissenschaft keine Sprache hat: das Gespür für Verfehlung und Erlösung, Scheitern und Gelingen. Dort, wo sonst alles nur noch in Geldwerten bemessen wird, kann Religion Werte setzen, die dem Auftrag des Menschen zur Bewahrung der Schöpfung über den Tag hinaus gerecht werden.

Dabei ist insbesondere das Christentum wertsetzend, wie Habermas schon lange vor dem Treffen mit Ratzinger in einem Gespräch mit Eduardo Mendieta (veröffentlicht in: Jürgen Manemann: Jahrbuch politische Theologie. Münster 1999) feststellte: „Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative.“

Wie weit die normative Funktion der Religion reicht, ist dabei freilich wieder umstritten. Während der Theologe Ratzinger den Vorrang der Religion betonte, ist die „Kontrollinstanz Kirche“ für einen liberalen Denker wie Habermas nicht annehmbar. Das Schreckgespenst eines totalitären Absolutismus, das hier auftaucht, ist für ihn undenkbar in einer liberalen Demokratie, in der alles nur relativ sein kann. Dabei übersieht Habermas freilich, dass Religion, soweit damit das Christentum gemeint ist, auch etwas Relatives meint, nämlich die Einordnung des Menschen in einen Ordo, welcher nur in der Beziehung zu Gott (der religio) erfahrbar wird, freilich mit dem Unterschied, dass hier aus der Relation feste Werte entstehen (und zwar weniger durch göttliche Vorgaben als vielmehr durch Einsicht in deren Notwendigkeit), während Werte im säkularen Modell selbst Gegenstand von Relationen, Abwägungen und Aushandlungsprozessen sein sollen, wobei die Diskursgerechtigkeit (bei Habermas gilt das Ideal der „herrschaftsfreien Kommunikation“) die einzige absolute Metanorm darstellt. Es steht also ein System innerweltlicher, menschlicher Beziehungen (Habermas) gegen ein System, in dem vorrangig die Gottesbeziehung des Menschen normativ wirkt (Ratzinger).

Unser Grundgesetz nimmt beide Traditionen auf, indem es uns an die Verantwortung „vor Gott und den Menschen“ erinnert. Doch dieses Bewusstsein geht immer mehr verloren und muss menschlichen Allmachtsphantasien einer „bornierten Aufklärung“ (Habermas) Platz machen, die Glaube und Religion als „unvernünftig“ ablehnt. Dennoch, so Habermas, müssten die Kriterien der Einordnung der Menschen in eine Wert- und Rechtsordnung vernünftig vermittelbar sein, ein theologischer Dogmatismus könne hingegen nur scheitern.

Aus katholischer Sicht ist das gewährleistet, da göttliche Gebote vom Menschen nicht befolgt werden sollen, weil sie Gebote Gottes sind, sondern weil sie sich in ihrem Regelungsgehalt einer von Gott und Mensch geteilten Vernunft als gut zu erkennen geben. Umgekehrt, so Habermas weiter, sei auch ein wissenschaftlicher Dogmatismus fehl am Platz. Habermas betont, dass das säkulare Bewusstsein der Wissenschaft lernen müsse, der Religion nicht von vornherein den Wahrheitsgehalt abzusprechen, denn – so der Philosoph mit Blick auf die boomenden Neurowissenschaften – „naturalistische Weltbilder genießen keineswegs prima facie Vorrang vor religiösen Auffassungen“.

Das meinte auch Ratzinger. Er hatte schon früher betont, dass die Wahrheit jenseits der Natur liegt und dass es dem Christentum um Abgrenzung sowohl zur einengenden Rationalität bloßer Wissenschaftlichkeit als auch zur Unvernünftigkeit des Heidentums geht, also um ein geweitetes Verständnis von Vernunft, wie sie sich in der sittlich-geschichtlichen Entfaltung des Christentums manifestiert: „Die beiden immer auseinanderfallenden Seiten der Religion, die ewig waltende Natur und die Heilsbedürftigkeit des leidenden und ringenden Menschen sind ineinander verbunden. Die Aufklärung kann Religion werden, weil der Gott der Aufklärung selbst in die Religion eingetreten ist. Das eigentlich Glauben heischende Element, das geschichtliche Reden Gottes, ist doch die Voraussetzung dafür, dass die Religion sich nun dem philosophischen Gott zuwenden kann, der kein bloß philosophischer Gott mehr ist und doch die Erkenntnis der Philosophie nicht abstößt, sondern aufnimmt. Hier zeigt sich etwas Erstaunliches: Die beiden scheinbar konträren Grundprinzipien des Christentums: Bindung an die Metaphysik und Bindung an die Geschichte bedingen sich gegenseitig und gehören zusammen; sie bilden zusammen die Apologie des Christentums als religio vera. Wenn man demgemäß sagen darf, dass der Sieg des Christentums über die heidnischen Religionen nicht zuletzt durch den Anspruch seiner Vernünftigkeit ermöglicht wurde, so ist dem hinzuzufügen, dass ein zweites Motiv gleichbedeutend damit verbunden ist. Es besteht zunächst, ganz allgemein gesagt, im moralischen Ernst des Christentums“ (so in der Rede „Die Christenheit, die Entmythologisierung und der Sieg der Wahrheit über die Religionen“ am 27. November 1999 an der Pariser Sorbonne).

Die eschatologische Dimension des theologischen Denkens könne, so wieder Habermas, die normative Sicht von Recht und Politik erweitern, weil und soweit sie an die Notwendigkeit einer kontextsensitiven Beachtung von vergangenem Leid und künftigem Potenzial erinnert, was verhindere, dass sich statische „Idealordnungen“ durchsetzen können. In diesem Sinne bilde der „öffentliche Vernunftgebrauch“ unter Einschluss „religiöser Überlieferungen“ ein „Widerlager zur Hegemonie einer auf Nutzenmaximierung eingeschworenen Zweckrationalität“, was deutlich an Benedikts Diktum von der „geweiteten Vernunft“ erinnert. Das Christentum ist eine wesentliche kulturelle Wurzel von Moral und Recht (Habermas) und daher für unsere Gesellschaft unverzichtbar (Ratzinger). Fazit: Religion und Wissenschaft spielen als Ausdruck der Vernunft sowohl bei Ratzinger als auch bei Habermas eine berechtigte Rolle beim Versuch des Menschen, zu einer Selbstvergewisserung (Anthropologie) und einer Orientierung in der Welt (Ethik) zu gelangen.

Was bedeutet das aber nun konkret? In einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ zur Leitfrage „Wie viel Religion verträgt der liberale Staat?“ äußerte sich Habermas unlängst wie folgt: „Die Religionsgemeinschaften dürfen, solange sie in der Bürgergesellschaft eine vitale Rolle spielen, nicht aus der politischen Öffentlichkeit in die Privatsphäre verbannt werden, weil eine deliberative Politik vom öffentlichen Vernunftgebrauch ebenso der religiösen wie der nichtreligiösen Bürger abhängt. Wenn die schrille Polyfonie aufrichtiger Meinungen nicht unterdrückt werden soll, dürfen die religiösen Beiträge zu moralisch komplexen Fragen wie Abtreibung, Sterbehilfe, vorgeburtliche Eingriffe in das Erbgut usw. nicht schon an der Wurzel der demokratischen Willensbildung abgeschnitten werden. Religiösen Bürgern und Religionsgemeinschaften muss es freistehen, sich auch in der Öffentlichkeit religiös darzustellen, sich einer religiösen Sprache und entsprechender Argumente zu bedienen.“ Damit bekräftigt Habermas im Grunde nicht mehr als die Geltung des Grundrechts auf Religionsfreiheit, doch ist diese ja gerade in ihrer Auslegung als Religionsausübungsfreiheit zunehmend gefährdet – auch hierzulande.

Habermas wäre aber nicht der Denker einer um Interessenausgleich bemühten Kommunikations- und Handlungstheorie, der er bekanntlich ist, würde er nicht zugleich eine Einschränkung formulieren: „In einem säkularen Staat müssen sie freilich auch akzeptieren, dass der politisch relevante Gehalt ihrer Beiträge in einen allgemein zugänglichen, von Glaubensautoritäten unabhängigen Diskurs übersetzt werden muss, bevor er in die Agenden staatlicher Entscheidungsorgane Eingang finden kann. Es muss gewissermaßen ein Filter zwischen die wilden Kommunikationsströme der Öffentlichkeit einerseits und die formalen Beratungen, die zu kollektiv bindenden Entscheidungen führen, andererseits eingezogen werden. Denn staatlich sanktionierte Entscheidungen müssen in einer allen Bürgern gleichermaßen zugänglichen Sprache formuliert und gerechtfertigt werden können.“

Das bedeutet zum Beispiel, dass sich die Kirche um eine Verkündigung ihrer Morallehre bemühen muss, die anschlussfähig ist an säkulare Konzeptionen von Mensch, Person, Würde, Leben und Recht. Die säkulare Ethik kann jedoch umgekehrt vom Erfahrungsschatz der Religionen profitieren, auch ohne ihren Offenbarungsgehalt zu übernehmen – das gelingt ohnehin nur im Glauben. Und den kann man nicht erzwingen. Doch auch, wenn Religion als Utopie verstanden wird, hat sie einen Wert für die Verständigung in einer gottvergessenen und daher ausschließlich der Welt zugewandten Kultur, denn: Wo die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus. Es ehrt den säkularen Gesellschaftsphilosophen Jürgen Habermas, dass er sich nicht scheut, den positiven Wert der Religion, des christlichen Glaubens für die moderne Gesellschaft zu betonen. In Zeiten brachialer Missverständnisse im Hinblick auf das Verhältnis von Vernunft und Glaube ist es gut, unter den philosophischen Geistern eine solch glaubwürdige Stimme zu hören.

Dieser Text erschien zuerst im Juni 2014 (anlässlich Jürgen Habermas‘ 85. Geburtstag) in der Tagespost.

(Josef Bordat)

Euthanasie mit weißen Handschuhen

„Wir sind stolz darauf, wie inklusiv und liberal wir sind. Wenn es jedoch darum geht, behinderten Kindern den Weg ins Leben zu ermöglichen, tun wir als Gesellschaft einiges dafür, dass dies möglichst unterbleibt.“ Das schrieb vor einigen Wochen Jan Fleischhauer im Spiegel.

Nun hat Papst Franziskus die Abtreibungspraxis bei diagnostizierter Behinderung mit der Euthanasie der Nazis verglichen. Im vergangenen Jahrhundert habe sich die ganze Welt über die Euthanasie der Nazis empört. „Heute machen wir dasselbe mit weißen Handschuhen“, so der Heilige Vater.

Man kann das, was heute passiert, nicht mit „damals“ vergleichen? Richtig. Die Nazis haben Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen aufgrund von Behinderung vor der Bevölkerung geheimzuhalten versucht, weil sie Widerstand fürchteten. Heute wird ganz offen darüber gesprochen und Länder wie Island werden überschwänglich gelobt, weil sie es geschafft haben, bestimmte Formen von Gen-Anomalie auszurotten. Das ist wirklich ein Unterschied.

Die Aktion T4 wird heute vorgeburtlich (darin wird dann auch der moralische Fortschritt gesehen) fortgesetzt, mit der gleichen Begründung (Leid der Betroffenen – man schaue mal den NS-Propagandafilm „Ich klage an“ von 1941 – und soziale Kosten minimieren) und dem (das ist neu) Irrtum, das Leben vor der Geburt sei ohnehin nicht schützenswert. Da waren selbst die Nazis näher an der Wahrheit.

(Josef Bordat)

WM-Wörterbuch für Anfänger

Die WM läuft und manch eine oder einer kann schon jetzt nicht mehr. Den Moderatoren und Kommentatoren folgen. Das liegt vor allem an der Fachterminologie des Fußballs, die einer Erläuterung bedarf.

Abseitsstellung
Position des Kollegen, der sich eher für Operetten interessiert.

Ausverkauft
Mindestens ein Platz pro Reihe ist besetzt.

Experte
Jemand, der weiß, warum Frankreich gegen Mexiko gewinnt, und der zwei Stunden später erklären kann, warum Frankreich gegen Mexiko verloren hat.

Fehlpass
Im Bremer BAMF-Büro erhältliches Ausweispapier.

Kommentator
Von lat. „commentarius“ (=Abriß, Notiz, Skizze, Denkschrift, Protokoll, Aufzeichnung). Manchmal auch von „commenticius“ (=ersonnen, erfunden, erlogen, gefälscht).

Sechser
Irgendwas mit Bier.

Staatsdoping
Kollektiver Drogengebrauch (→Sechser). Die Folge: Ein ganzes Land hängt wie in Trance Fahnen auf und grillt.

Torgefahr
Die stets gegebene Möglichkeit, sich mit dummen Bemerkungen lächerlich zu machen, wenn man nur alle vier Jahre Fußball schaut.

Trainer
Von lat. „trahere“ (=ziehen). Bei adäquater Ablösesumme: ziehen lassen.

Umschaltspiel
Kommt zum Tragen bei Langweilern wie Kasachstan gegen Neufundland, wenn parallel ein alter „Derrick“ läuft. Wird zum Klassiker ab 2026.

Videoassistent
Person, die in der Lage ist, die zwanzig Jahre alte Kassette mit dem Hochzeitsfilm zum Laufen zu bringen.

Werbepause
Suggeriert, dass Kartoffelchips ein wesentlicher Bestandteil der Ernährung von Leistungssportlern ist. Und dass es Sinn hat, irgendwo anzurufen, um ein Auto zu gewinnen, weil man weiß, dass der Spitzname Beckenbauers „Kaiser“ ist, nicht „Papst“. Mit Dieselmotor (das Auto).

Zuschauer
Endverbraucher dessen, was von Fernsehanstalten (→Kommentator, → Experte) vier Wochen lang rund um die Uhr angeboten wird; oft in Verbindung mit Liebe („Liebe Zuschauer“).

Viel Spaß heute Nachmittag.

(Josef Bordat)

17. Juni

Heute vor 65 Jahren fand in der DDR der Volksaufstand statt.

Was als Protest gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen begann, weitete sich rasch zu einer Demonstration für bessere Lebensbedingungen aus.

Der damalige Berliner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki schrieb 2013 in einer Berliner Boulevardzeitung: „Als die Einheit Deutschlands 1990 glücklich erreicht war, wurde der 17. Juni als Feiertag gestrichen und der 3. Oktober zum ‚Tag der Deutschen Einheit‘. Wir sollten aber darüber das Gedenken an den Volksaufstand in der DDR nicht vergessen. Denn er war nicht nur ein Protest gegen die ruinöse Wirtschaftspolitik, sondern schon damals ein Ruf nach Freiheit und nach Einheit.“

Ich würde noch einen Schritt weitergehen: Nur im Bewusstsein des 17. Juni können wir den 3. Oktober feiern. Denn hier vollendet sich, was dort begann: das Streben nach Einheit in Freiheit.

(Josef Bordat)

Schade, Peru!

Die Selección Peruana spielt gut, belohnt sich aber nicht.

Ja, schade. Schade, Peru. Eine gute Mannschaftsleistung, aber ein schlechtes Ergebnis, nämlich eine knappe Niederlage gegen Dänemark. Null zu eins. Für Peru eine ernüchternde Bilanz. Null Tore, null Punkte. Dazu der vergebene Elfmeter.

Aber Mannschaft und Fans haben eine tolle Visitenkarte abgegeben: Die Welt hat gesehen, dass Peruaner Fußball spielen und feiern können, trotz allem. Und sie haben gezeigt, dass man den Nächsten – den Mitspieler, den Kollegen, den Nachbarn, den Freund – nicht allein lässt, wenn es mal nicht so gut läuft.

Neben dieser Lehre fürs Leben können wir etwas anderes aus dem Spiel mitnehmen: Wir müssen weiter auf die Gerechtigkeit Gottes hoffen. Im Fußball hofft man darauf vergeblich. Das Schöne: Wir dürfen es – hoffen.

(Josef Bordat)