Weihnachtsgeschichten, oder: Ist das Leben nicht schön?

Vor 75 Jahren kam It’s a Wonderful Life in die Kinos.

Weihnachten sollte uns – über die Menüplanung hinaus – zu denken geben. Da wird eine junge Frau ungeplant schwanger – und bekommt ihr Kind, allen Schwierigkeiten zum Trotz. Da klopfen Fremde an die Tür – und werden abgewiesen. Da ist eine Ortsgemeinde, die zuhört, und eine Forschergruppe, die Gott sucht. Weihnachten gibt zu denken. Und nicht nur uns Christen. Weihnachten ist auch in einer immer areligiöseren Gesellschaft ein wichtiges Ereignis. Ein Familienfest, oft überfrachtet mit großen Erwartungen. Zudem ist Weihnachten auch ein Kulturereignis.

Ich meine nicht die Weihnachtslieder, Adventsmärkte und Krippenspiele, die das Geschehen in Bethlehem auf die Bühne bringen. Ich denke an Filme, die sich des Weihnachtszaubers als Hintergrund oder auch als Motiv bedienen. So entstehen Weihnachtsgeschichten – der Plural war kein Fehler in der Überschrift. Zwar gibt es nur eine Weihnachtsgeschichte – sie steht bei Lukas im zweiten Kapitel, Verse 1 bis 20 –, nur eine Geschichte von der Menschwerdung Gottes in einer armen Familie inmitten einer Militärdiktatur, nur diese eine Geschichte, die die Welt veränderte und eine neue Zeit beginnen ließ. Doch Weihnachten inspiriert die Menschen, immer wieder neue Geschichten zu erzählen, die von dem handeln, das auch im Hintergrund der Menschwerdung Gottes steht: Versöhnung aus dem Wunsch nach Frieden, Neuanfang im Bewusstsein der alles verzehrenden Kraft der Liebe. Stoff, aus dem große Filme entstanden.

So wie It’s a Wonderful Life („Ist das Leben nicht schön?“), eine US-Produktion aus dem Jahr 1946 unter der Regie von Frank Capra, basierend auf der Kurzgeschichte „The Greatest Gift“ von Philip Van Doren Stern. Es ist eine von Kritikern hoch gelobte (und fünfmal für den Oscar nominierte) Tragikomödie über den unschätzbaren Wert des Lebens. Gewonnen hat er übrigens nur einen „Sonderoscar“ für die Entwicklung des Kunstschnees als Spezialeffekt. Doch immerhin wird er seit Jahrzehnten vom American Film Institute zu den 100 besten Filmen aller Zeiten gzählt.

Worum geht es? George Bailey (gespielt von James Stewart) ist ein guter Mensch. Ausgerechnet an Heiligabend verliert er seinen Lebensmut. Ein Fehler mit großer Tragweite lässt ihn am Sinn des Lebens zweifeln. Er beschließt, von einer nahegelegenen Brücke ins Wasser zu springen, um sich zu töten. Plötzlich fällt ein älterer Herr ins Wasser, in Bailey triumphiert für den Augenblick der gute Mensch, der für Andere da ist, und er rettet den Mann, der Bailey damit am Suizid hindert, aus den Fluten. Der Gerettete stellt sich ihm als sein Schutzengel vor. Bailey glaubt ihm zunächst nicht, sieht in ihm aber einen willkommenen Gesprächspartner, dem er sein Leid klagen kann. Als er sein Leben auf die Formel bringt, alle ins Unglück zu stürzen und es daher wohl besser gewesen wäre, nie geboren worden zu sein, zeigt ihm der Engel, wie sich alles entwickelt hätte – ohne ihn, George Bailey.

Bailey hat nun die (einmalige) Chance, den Lauf der Welt ohne ihn zu betrachten und muss feststellen, dass er in vielen Kontexten fehlt, dass er an schier allen Ecken und Enden gebraucht wird, dass zahlreiche Menschen ihn und seine Hilfe schmerzlich vermissen, dass Projekte ohne ihn scheitern, ja, dass die ganze Stadt ohne ihn eine andere, eine schlechtere wäre. Er erfährt so seine Bedeutung für Andere und erkennt den Wert seines Lebens. Das ruft in ihm die Verantwortung wach und er beschließt, seinem Leben nun doch kein Ende zu machen. Der Status Quo ist wieder hergestellt, die Anderen sind nun für ihn da und helfen ihm aus seiner misslichen Lage – und der Engel erhält seine sehnlichst erwünschten Flügel, mit denen er endlich aufsteigen kann in den Himmel.

An einem Weihnachtsfest, das immer noch unter Corona-Einschränkungen steht und an dem wir auf über fünf Millionen Tote der weltweiten Pandemie blicken, hat der Film eine tröstliche Botschaft, die in den letzten 75 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hat: Das Leben ist – trotz allem – schön.

(Josef Bordat)