200 Jahre Peru – Teil 8: Die Heilige Rosa von Lima

Am 28. Juli 1821 erklärte Peru seine Unabhängigkeit. Das ist jetzt 200 Jahre her. – Nachfolgend einer von zwölf Beiträgen zum Peru-Geburtstag, die hier im Laufe des Jahres am 28. jeden Monats um 18:21 Uhr erscheinen sollen. Heute möchte ich Ihnen die Nationalheilige vorstellen: die Heilige Rosa von Lima.

Rosa von Lima wurde als Isabel Flores de Oliva am 20. April 1586 in Lima geboren. Schon als kleines Mädchen hat sie sich ein gottgeweihtes Leben gewünscht. Ihr Vorbild: die Heilige Katharina von Siena. Mit 20 Jahren trat sie wie ihr Vorbild dem Dritten Orden der Dominikaner bei. Elf Jahre lang lebte sie als geweihte Jungfrau in einer Hütte, die sie im Garten des elterlichen Anwesens hatte errichten lassen. Sie widmete ihre Zeit der Kontemplation, dem karitativen Dienst und einfacher Handarbeit, deren Erlös zum Unterhalt der Familie beitrug. Rosa von Lima starb mit nur 31 Jahren am 24. August 1617 in Lima.

Rosa von Lima ist eine echte Pionierin: Sie ist nicht nur die erste Heilige Amerikas (1671 sprach sie Papst Klemens X. heilig), sie wirkte auch an der Gründung des ersten kontemplativen Klosters in Südamerika mit, das aber erst sechs Jahre nach ihrem Tod errichtet wurde. Oft werden daher Parallelen gezogen zu den spanischen Kontemplationsmystikern und Klostergründern ihrer Zeit, zu Teresa de Ávila und Juan de la Cruz.

Rosa von Lima betete oft: „Herr, vermehre meine Leiden, aber auch meine Liebe.“ Dieses Gebet erschließt sich uns – zumindest, was den ersten Teil betrifft – nur dann, wenn wird bedenken, was Rosa über den „Lohn des Leidensmutes“ an einen Arzt namens Castillo schrieb, nämlich, dass wir „ohne die Last der Bedrängnis nicht zum Gipfel der Gnade gelangen können“. Wie anders denkt da unsere Zeit, die nicht nur das Leid eliminieren will, sondern im Zeifel den Leidenden gleich mit.

Dabei gilt wohl: So wie man Gnade annehmen, aber nicht erzwingen kann, so sollte man Leid annehmen, aber nicht anstreben. Wer etwa das Martyrium sucht, disqualifiziert sich in den Augen Gottes. Der Konnex von Gnade und Leid spiegelt damit die Abhängigkeit des Menschen, der empfängt, von Gott, der gibt. Beides – Leid und Gnade – kommt von Gott und gilt Rosa von Lima als Vorstufe zum Heil. Damit löst sie – im Vorbeigehen – auch das Theodizeeproblem: Leid ist kein Gegensatz, sondern ein Weg zum Heil.

Dies gläubig annehmen zu können, setzt ein tiefes Vertrauen auf Gott – Seine Barmherzigkeit und Seinen Ratschluss – voraus. Nicht jeder wird dies aufbringen können wie die Heilige Rosa von Lima. Doch die Rede vom „sinnlosen Leid“, mit der alles mögliche gerechtfertigt werden kann, sollte einem Menschen eingedenk des mystischen Zugangs zum Leid, wie ihn die erste Heilige Südamerikas erschließt, nicht mehr ganz so leicht von den Lippen gehen.

Denn, zumindest das kann jede und jeder mitnehmen, auch dann, wenn er Rosa von Lima nicht versteht: Was wissen wir schon darüber, was das Leid einem Menschen bedeutet? Wen es stört, dass die Heilige Rosa von Lima über das eigene Leid ein Urteil spricht, sollte sich hüten, über das Leid Anderer ein Urteil zu sprechen, zumal eines, das nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Darüber hinaus verweist das kurze irdische Leben der Rosa von Lima auf die Bedeutung der Buße. Die Heilige, deren Eltern aus Spanien stammten, verfolgte durch die selbstauferlegte Strenge das Ziel, die Bekehrung ihres Volkes zu befördern, vor allem aber die Bluttaten der spanischen Eroberer zu sühnen. Manch einer wird angesichts ihrer Lebensgeschichte in sich gegangen sein, vielleicht reichte es gar in dem einen oder anderen Fall tatsächlich zur Veränderung der Haltung.

Die Verehrung Rosas von Lima setzt jedenfalls unmittelbar nach ihrem Tode ein – erst in der Stadt Lima, dann im Land Peru, schließlich in ganz Lateinamerika. Die Heilige Rosa ist Patronin von Lima, von Peru, ja, von ganz Südamerika. Ferner ist sie Patronin von Westindien und der Philippinen sowie der Gärtner und Blumenhändler. Rosa von Lima wird angerufen bei Ausschlag, Verletzungen, Entbindungen und Familienstreitigkeiten.

(Josef Bordat)