Zwischen den Fronten

Paulus vor dem Hohen Rat – eine „Zerreißprobe“.

In jenen Tagen als der römische Oberst genau wissen wollte, was die Juden Paulus vorwarfen, ließ er ihn aus dem Gefängnis holen und befahl, die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat sollten sich versammeln. Und er ließ Paulus hinunterführen und ihnen gegenüberstellen. Da Paulus aber wusste, dass der eine Teil zu den Sadduzäern, der andere zu den Pharisäern gehörte, rief er vor dem Hohen Rat aus: Brüder, ich bin Pharisäer und ein Sohn von Pharisäern; wegen der Hoffnung und wegen der Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht. Als er das sagte, brach ein Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern aus, und die Versammlung spaltete sich. Die Sadduzäer behaupten nämlich, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch Geister, die Pharisäer dagegen bekennen sich zu all dem. Es erhob sich ein lautes Geschrei, und einige Schriftgelehrte aus dem Kreis der Pharisäer standen auf und verfochten ihre Ansicht. Sie sagten: Wir finden nichts Schlimmes an diesem Menschen. Vielleicht hat doch ein Geist oder ein Engel zu ihm gesprochen. Als der Streit heftiger wurde, befürchtete der Oberst, sie könnten Paulus zerreißen. Daher ließ er die Wachtruppe herabkommen, ihn mit Gewalt aus ihrer Mitte herausholen und in die Kaserne bringen. In der folgenden Nacht aber trat der Herr zu Paulus und sagte: Hab Mut! Denn so wie du in Jerusalem meine Sache bezeugt hast, sollst du auch in Rom Zeugnis ablegen. (Apg 22, 30; 23, 6-11)

In der heutigen Lesung prallen sie aufeinander: Pharisäer und Sadduzäer. Paulus nutzt die Gespaltenheit des Hohen Rates aus, indem er sich auf eine Seite schlägt, auf die der Pharisäer. Ein Streit bricht aus, der so heftig wird, dass Paulus gewissermaßen zum Schutz aus der Versammlung gebracht wird („Als der Streit heftiger wurde, befürchtete der Oberst, sie könnten Paulus zerreißen. Daher ließ er die Wachtruppe herabkommen, ihn mit Gewalt aus ihrer Mitte herausholen und in die Kaserne bringen“, Apg 23, 10).
Pharisäer und Sadduzäer – das waren beides einflussreiche religiöse Parteien im jüdischen Staat Israel, beide ziemlich formalistisch und streng, doch mit unterschiedlichen Glaubenslehren.

Das Programm der Pharisäer geht auf Exodus 19, 6 zurück, wo steht: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.“ Es ging ihnen also darum, die Differenz zwischen auf der einen Seite Klerus sozusagen und auf der anderen Seite Laien zu überwinden und die Heiligung des Alltags durch die Tora zu befördern, konkret dadurch, dass die Reinheits- und Speisegebote für Priester für das ganze Volk gelten sollten. Das bedeutete dann natürlich, eine geeignete Form der Verkündigung zu finden. Heraus kam dann eine passgenaue Deutung des Gesetzes für das Alltagsleben, die so genannte „mündliche Tora“. Damit sollte für alle auftretenden Fälle der Lebenspraxis eine jüdische Lösung gefunden werden, also eine Lösung, die gesetzeskonform ist. Daraus resultiert eine Kasuistik mit klaren Handlungsanweisungen.

Die Sadduzäer wiederum lehnten dieses Popularisierungsverfahren der Pharisäer ab. Im Gegenteil: Sie stärkten die Eigenverantwortlichkeit der Gläubigen durch die Vorstellung einer ausschließlich innerweltlichen Kompensation der Verhaltens. Also man erhält in ihren Augen bereits im irdischen Leben Lohn und Strafe für seine Taten, für deren moralische Qualität man selbst Sorge trägt, orientiert am Gesetz, aber doch in dessen Auslegung. Eine Auflösung der Problematik eines moralischen Dilemmas im Jenseits – etwa durch die göttliche Barmherzigkeit, die menschliche Vernunft übersteigt – ist in ihren Augen nicht möglich. So glaubten die Sadduzäer nicht an eine unsichtbare Schöpfung mit Engeln und Geistwesen und auch nicht an die Auferstehung („Die Sadduzäer behaupten nämlich, es gebe weder eine Auferstehung noch Engel noch Geister, die Pharisäer dagegen bekennen sich zu all dem“, Apg 23, 8).

Jesus ist die Auferstehung in Person, die Auferstehung und das Leben. Paulus verkündet Jesus als den Auferstandenen – nur so kennt er Ihn. Daher ist es für Paulus klar, auf welche Seite er sich stellen muss: auf die der Pharisäer. Damit fordert er die Sadduzäer natürlich heraus. Und der Streit ist da. Er wird für Paulus zur „Zerreißprobe“, die er besteht. Insoweit ist er startklar für die Mission im Zentrum der Macht: „In der folgenden Nacht aber trat der Herr zu Paulus und sagte: Hab Mut! Denn so wie du in Jerusalem meine Sache bezeugt hast, sollst du auch in Rom Zeugnis ablegen“, Apg 23, 11).

(Josef Bordat)