Abschiebung droht

Immer öfter erreichen mich Petitionen, in denen es um Personen geht, denen die Abschiebung droht. Menschen setzen sich für ihren Verbleib in Deutschland ein, weil sie die Betroffenen für gut integriert halten. Eine Abschiebung risse sie aus der gerade im Aufbau befindlichen Existenz, stoße auch ihre Unterstützer vor den Kopf, nicht zuletzt die Einrichtungen und Unternehmen, in denen sie eine Ausbildung begonnen haben oder arbeiten, und setze sie zudem der Gefahr erneuter Repression in ihrer Heimat aus. Gleich mehrere Gründe, sich gegen die drohende Abschiebung einzusetzen.

Auch, wenn ich die Einzelfälle nicht kenne, erscheint mir vieles, was dort geschildert wird, sehr plausibel. Denn ich kenne aus Berlin ganz ähnliche Situationen. Befreundete Flüchtlinge aus Nordafrika sollen bald Berlin verlassen, obwohl sie hier bestens angekommen sind, in Ausbildung stehen, Kinder haben, die hier zur Schule gehen und sich hier wohlfühlen, mich mittlerweile in bestem Berlinerisch ansprechen. Einfach großartig diese Entwicklung zu sehen, zu spüren, wie lern- und leistungsbereit sie und ihre Eltern sind, die z.T. in Bereichen arbeiten, in denen wir wirklich großen Bedarf haben, etwa in der Erziehung und in der Pflege. Einer der Betroffenen ist Ingenieur mit einem speziellen Vertiefungsfach und arbeitet bei einer Firma in Sachsen, die dringend genau so einen Fachmann gesucht hat. Die Familie lebt in Berlin, er pendelt. Hauptsache Arbeit. Ich ziehe davor den Hut.

All diese Menschen stehen kurz vor der Abschiebung. Junge Familien, schwangere Frauen, Menschen, die gerade ihre Ausbildung oder Arbeit begonnen haben, die so froh waren, endlich etwas tun zu können, auch unbezahlt, auch weiter weg. Hauptsache, etwas zurückgeben, dem Land, das sie duldet. Ich kann das einfach nicht fassen, dass dieses Land dann so mit Menschen umgeht!

Und was die Gefährdung in der Heimat angeht: Ja, die gibt es. Es sind nämlich koptische Christen, die nach Ägypten zurückkehren sollen, wenn es nach den Behörden geht. Dort sind sie Menschen zweiter Klasse, ihre Kirchen sind oft zerstört, ebenso ihre beruflichen Existenzen. Sie müssen dort – nach Jahren in Berlin – wieder bei Null anfangen. Und dabei in ständiger Angst leben, denn der Terror kann sie jederzeit heimsuchen. Allein dieser Gedanke wird bei denen, die schon Anschläge erlebt haben und deshalb nach Berlin kamen, die Rückkehr unerträglich machen.

Natürlich setzen sich viele Menschen für sie ein, aber die Lage ist sehr ernst. Bis zum Sommer sollen in zahlreichen Fällen Entscheidungen ergehen. Nach dem Abschiebe-Dreisatz: In Ägypten ist kein Krieg. Religion spielt keine Rolle. Eine Rückkehr ist angezeigt. Wie kurzsichtig – in jeder Hinsicht! Wer nicht schon aus Menschenfreundlichkeit gegen die Abschiebung ist, der sollte es aus volkswirtschaftlichem Kalkül sein: Nach Jahren beginnt die koptische Kommunität, auf eigenen Beinen zu stehen und zum Gemeinwohl beizutragen – und gerade dann soll sie weg!

Ich hoffe, dass es noch irgendwie möglich sein wird, dass die Behörden einlenken und die koptischen Freunde bleiben können. Ich nehme sie mit in mein Gebet – die Menschen, die entscheiden, und die Menschen, über die entschieden wird.

(Josef Bordat)

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Zwei Zimmer, Küche, Bad

Wenn es an einem Samstagnachmittag irgendwo in Berlin einen Menschenauflauf gibt, findet entweder ein Mauerfall statt, eine Demo gegen Massentierhaltung oder eine Wohnungsbesichtigung. Wer also eine Wohnung sucht, ist gut beraten, sich einfach hinten anzustellen und den grinsenden jungen Mann mit den Auskunftsformularen in der ledernen Aktentasche freundlich zu grüßen. „Wohnungsbesichtigung?“ – „Ja, richtig – Bewerber A bis M“.

Es sind derer seltene auf Erden: Wohnungen. In Berlin. Bezahlbare Wohnungen. Auch in Berlin. Man kann sich glücklich schätzen, beim Besichtigungstermin überhaupt bis in den Flur vorgelassen zu werden. Oft kommt die Prozession schon auf halber Treppe zum Stoppen. „Die nächsten Zwölf!“ Das Grinsen nimmt diabolische Züge an. Und weiter. Statio in der Küche. Im Schlafzimmer hat die Hausverwaltung ein mobiles Büro eingerichtet. Hier machen die Bewerber ihre Aufwartung.

Ein älterer Herr, der sich als renommierter Schriftsteller berechtigte Hoffnungen gemacht hat, kommt gerade heraus. Seine Miene oszilliert zwischen Enttäuschung und Verzweiflung. Er hatte sein Freischwimmerzeugnis vergessen. Kann mir nicht passieren. Nach Verpfändung aller inneren Organe erhalte ich die Chance auf ein Gespräch mit dem zuständigen Sachbearbeiter der „Armageddon-Hausverwaltung OHG“.

„Der Sterbliche wäre jetzt da!“, höre ich es hinter der Tür verlauten. „Soll reinkommen!“ Ich tat, wie mir befohlen. Die dumpf klingende Stimme des Mannes, von dem nur der in gleißendes Licht gehüllte Hinterkopf zu sehen war, saß auf einem goldenen Dreh-Thron. Langsam wandte er sich um. „Sie wollen eine Wohnung!“ – „Ja… ‚Meister‘.“ – „Hahaha! Hahahahaha! Hahahahahahahaha!“ Das Lachen des Hausverwalters ging allmählich in das Piepen des Radioweckers über.

Oh, Schreck! Der Besichtigungstermin! „Zwei Zimmer, Küche, Bad, 870 Euro netto, kalt“. Meine Samstagmittag-Siesta war etwas zu lang ausgefallen. Ich musste mich beeilen. Eine halbe Stunde später erreichte ich den viergeschossigen Altbau mit der signifikanten Rudelbildung am Haupteingang. Bewerber N bis Z.

(Josef Bordat)

Gewalt gegen Gotteshäuser in Berlin nimmt zu

Farbbeutel auf Kirchengebäude, Hakenkreuz an Synagoge, Moschee in Flammen – zwar nicht Alltag in Berlin, aber doch ein Stück „Normalität“.

In der deutschen Hauptstadt gab es in den letzten drei Jahren 62 Anschläge und Schmähungen gegen Kirchen, Moscheen, Synagogen und deren Einrichtungen. Alle zweieinhalb Wochen gab es damit Gewalt gegen Gotteshäuser.

Das sind noch einmal zehn Attacken mehr als im Vergleichszeitraum davor. Und das sind nur die Taten, die auch angezeigt wurden. Nach kann es den Gemeinden, die einfach die Farbe abwischen und schweigen, nicht verübeln: Die Aufklärungsquote geht gegen Null.

(Josef Bordat)

Unter Verfolgung

Katholiken aus Vietnam gedenken in Berlin der Märtyrer ihrer Heimat. Auch heute werden Christen in Vietnam verfolgt.

Hoher Besuch in der vietnamesischen katholischen Mission in Berlin: Der Apostolische Nuntius, Erzbischof Nikola Eterović, war gekommen. Für die Feier zum Christkönigsfest mit Prozession, Heiliger Messe und anschließender Begegnung im Pfarrsaal gab es zwei Anlässe: Zum einen ist die vietnamesische Mission seit 10 Jahren in der Gemeinde St. Aloysius ansässig, zum anderen wurden vor 30 Jahren 117 Frauen und Männer heiliggesprochen, die in der Christenverfolgung in Vietnam das Martyrium erlitten.

30 Jahre
1988-2018 – Ein Banner an der St. Aloysius-Kirche verkündet den Anlass der Festveranstaltung: 30 Jahre ist es her, dass 117 vietnamesische Märtyrer heiliggesprochen wurden. Foto: JoBo, 11-2018.

Am 24. November gedenkt die Kirche seither der zahlreichen vietnamesischen Märtyrer, von denen nur einige namentlich bekannt sind. Peter Truong Van Thi zum Beispiel. Oder Andreas Dung-Lac. Insgesamt gehen Schätzung von 130.000 bis 300.000 katholischen Opfern der Christenverfolgung in Vietnam aus, die vor allem in der zweiten Hälfte des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders grausam war. 1988 hat Papst Johannes Paul II. 117 katholische Christen, die in diesen Jahrzehnten in Vietnam für ihren Glauben starben, heiliggesprochen – 96 Vietnamesen, 10 Missionare aus Spanien und 11 aus Frankreich.

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Prozession zu Ehren der 117 vietnamesischen Märtyrer, die 1988 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen wurden. Foto: JoBo, 11-2018.

Es gibt in Berlin etwa 2000 Vietnamesen katholischen Glaubens, rund jeder Zehnte war heute dabei, als Nikola Eterović in seiner Predigt einen Bogen vom Festgeheimnis zur Realität der Verfolgung schlug: Christi Reich ist nicht von dieser Welt, seine Waffen sind nicht aus Stahl, so der Nuntius. Der Märtyrer erkennt das an und führt einen geistlichen Kampf mit den Waffen Jesu: Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Erzbischof Eterović überbrachte der Festgemeinde die Grüße des Heiligen Vaters, Papst Franziskus. Der Nuntius war wegen der Feierlichkeiten in Berlin einen Tag früher aus Rom zurückgekehrt.

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Begegnung unter einem Wandbild der „Cap Anamur“, ein Rettungsschiff, das zwischen 1979 und 1987 viele Bootsflüchtlinge aus Vietnam aufnahm. Viele der Katholiken aus Vietnam kamen als so genannte „Boat People“ nach Deutschland. Foto: JoBo, 11-2018.

Gedacht wurde heute auch an die gegenwärtig unter Verfolgung leidenden Christen in Vietnam. Das Land liegt auf Rang 18 des aktuellen „Open Doors-Weltverfolgungsindex 2018“, in dem die Hilfsorganisation auf „ein Wachsen des Drucks auf Christen“ hinweist. Grund ist die neue Religionsgesetzgebung, die Anfang des Jahres in Kraft trat. Entscheidend ist dabei der in der neuen Norm erwähnte Tatbestand des „Freiheitsmissbrauchs“, der bereits vorliegt, wenn in Religionsgemeinschaften eine vom Verständnis der vietnamesischen Behörden abweichende Spiritualität gelehrt wird. Und das ist im Christentum der Fall. Die Gemeinde lasse sich nicht entmutigen, so Erzbischof Eterović. Das Beispiel der Märtyrer stärke den Glauben.

(Josef Bordat)

Ein Papst für Berlin

Erzbischof Koch zum 40. Jahrestag der Wahl von Papst Johannes Paul II.
 
Am 16. Oktober 1978 wurde der Erzbischof von Krakau Karol Wojtyła zum Papst gewählt. Er wählte für sich den Papst-Namen Johannes Paul II. als Würdigung seiner drei Vorgänger. Zum 40. Jahrestag der Wahl erinnert Erzbischof Dr. Heiner Koch an seine große Bedeutung für die deutsche Geschichte und die Geschichte des Erzbistums Berlin: „Ich blicke heute mit großer und tief empfundener Dankbarkeit auf das segensreiche Pontifikat von Johannes Paul II. zurück. Mit seiner Wahl begann eine Entwicklung, die für uns Deutsche das Erzbistum Berlin und die Stadt Berlin von entscheidender Bedeutung ist“.

Heiner Koch erläutert: „Die politischen Umwälzungsprozesse in der polnischen Heimat des Papstes brachten das kommunistische System in Europa ins Wanken. Der Ruf nach Freiheit brach sich schließlich am Ende der 80er Jahre auch im Osten Deutschlands Bahn. Papst Johannes Paul II. hat in seinen vielen Predigten die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit immer unterstützt. Er wurde somit zum entscheidenden Wegbereiter für den Fall des Eisernen Vorhangs, das Ende des geteilten Bistums Berlin und die Einheit Deutschlands“.

Schon als Kardinal habe Karol Wojtyła Ost-Berlin besucht, unvergessen sei aber sein Deutschlandbesuch im Juni 1996, so Koch, der an eine in soweit sinnfällige Koinzidenz erinnert: „Die Wahl von Papst Johannes Paul II. erfolgte am Gedenktag der Heiligen Hedwig, der früheren Herzogin von Schlesien, die auch die Patronin unserer Kathedrale in Berlin ist.“

(Josef Bordat)

„Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?“

Clemens August Graf von Galen und sein Kampf gegen das „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten („Aktion T 4“). – Grußwort anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Töten aus Überzeugung“ zur „Aktion T 4“ am 4. Oktober 2018, 15 Uhr im Caritas-Seniorenwohnhaus „Kardinal von Galen“ in der Goltzstraße 26, 10781 Berlin-Schöneberg.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin gebeten worden, einige Worte zu Clemens August Graf von Galen zu sagen, vor allem zu seiner Rolle im Widerstand gegen die „Aktion T 4“, der diese Ausstellung gewidmet ist. Die „Aktion T 4“ bezeichnet das zynisch „Euthanasie“ genannte Programm zur Vernichtung von etwa 300.000 chronisch kranken und behinderten Menschen, das in der Berliner Tiergartenstraße 4 geplant wurde, daher „T 4“. Gegen dieses menschenverachtende Programm erhob Clemens August Graf von Galen als Bischof von Münster 1941 seine Stimme. In drei wirkmächtigen Predigten mobilisierte er die westfälischen Katholiken.

Der 1878 in Oldenburg geborene und 1904 in Münster zum Priester geweihte Clemens August Graf von Galen war von 1919 bis 1929 als Pfarrer in der Gemeinde Sankt Matthias (Berlin-Schöneberg) tätig. 1933 wurde er zum Bischof von Münster geweiht und 1946 in den Kardinalsstand erhoben, einen Monat vor seinem Tod. Die Aufnahme ins Kardinalskollegium geschah aus Dankbarkeit und als Anerkennung für seine unerschrockene Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus. Am 9. Oktober 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. Seliggesprochen. Dass wir also hier und heute an Kardinal von Galen erinnern hat drei Gründe: Er wirkte hier in Sankt Matthias, er wurde vor 13 Jahren seliggesprochen und – das Entscheidende – er hat sich gegen all das gewandt, wovon diese Ausstellung handelt.

Am Tag seiner Bischofsweihe waren die Nazis schon ein halbes Jahr an der Macht, die ersten Konzentrationslager bereits in Betrieb. Das KZ Dachau zum Beispiel. Von Galen wählte als Wahlspruch das Wort Nec laudibus nec timore – „Weder durch Lob noch durch Furcht“. Das ist durchaus programmatisch für den westfälischen Hirten, der sich im Sommer 1941 (am 13. und 20. Juli sowie am 3. August) in drei Predigten gegen die „Aktion T 4“ wandte, was ihm den Beinamen „Löwe von Münster“ eintrug.

In seiner Predigt vom 3. August 1941 kritisiert er die Auffassung der Nazis, man dürfe „lebensunwertes Leben“ töten, weil es unproduktiv sei, wie eine alte Maschine oder ein lahmes Pferd. Der Schrecken über diese Gleichsetzung lässt ihn furchtlos die folgenden unmissverständlichen und darum wirkmächtigen Worte sagen: „Nein, ich will den Vergleich nicht bis zu Ende führen –, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft! Es handelt sich hier ja nicht um Maschinen, es handelt sich nicht um ein Pferd oder eine Kuh. Nein, hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern! Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen! Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von den anderen als produktiv anerkannt werden?“

Diese Worte sorgten für Unruhe unter denen, die sie hörten. Sie rüttelten an ihrem Gewissen, sie appellierten an ihre Nächstenliebe. Große Betroffenheit löste Clemens August Graf von Galen mit folgendem Satz aus: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden“. Die Gläubigen verbreiteten die Predigttexte ihres Hirten und schafften damit eine Gegenöffentlichkeit.

Und die Predigten bzw. ihre Verbreitung zeigten Wirkung: Das NS-Regime, das schon ahnte, ein „Euthanasie“-Programm werde in der Bevölkerung nicht besonders populär sein und das deswegen versuchte, die „Aktion T 4“ geheim zu halten, knickte wenig später ein. Bereits am 24. August 1941 – nur drei Wochen nach der dritten Predigt von Galens in St. Lamberti – gab Hitler Anweisung, die „Aktion T 4“ auszusetzen.

Der Historiker Winfried Süß schreibt dazu: „Die kirchlichen Proteste machten Hitler dreierlei deutlich: Erstens demonstrierten sie, dass der sorgsam über die Krankenmorde gelegte Geheimhaltungsschleier irreparabel zerrissen war. Zweitens ließen sie weiteren Widerstand der Kirchen befürchten. Und drittens machten sie deutlich, dass die ,Euthanasieʻ in erheblichen Teilen der Bevölkerung nicht konsensfähig war. So gesehen ist Hitlers Abbruchentscheidung weniger überraschend, als sie auf den ersten Blick scheint.“

Für diese Abbruchentscheidung spielte neben der breiten Rezeption der Predigten von Galens unter den Katholiken auch der Protest von Vertretern der Bekennenden Kirche eine Rolle. Das war also durchaus ein ökumenischer Widerstand. Die „Aktion T4“ wurde insgesamt ein Jahr lang ausgesetzt und dann weniger vehement weiterverfolgt.

Clemens August Graf von Galen sollte für diese Störung des Vernichtungsbetriebs getötet werden – „auf Heller und Pfennig“ wolle man mit ihm abrechnen. Aus Furcht vor noch größerer Unruhe unter den Katholiken im Rheinland und in Westfalen beschloss Reichspropagandaminister Joseph Goebbels jedoch, diese Abrechnung auf die Zeit „nach dem Endsieg“ zu verschieben. Doch dazu kam es nicht – nicht zum „Endsieg“ und nicht zur Abrechnung mit von Galen. Stattdessen gab es 1945 die militärische Niederlage und Kapitulation Deutschlands (und damit das Ende des Nationalsozialismus) und – wie eingangs bereits erwähnt – 1946 für Clemens August Graf von Galen die Kardinalswürde.

Sein beherztes Eingreifen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Menschen in Deutschland schwiegen, auch die meisten Christen, auch die meisten Katholiken, dass sie sich von ihrem Gewissen nicht aus dem Gleichgewicht bringen ließen. Nicht zuletzt dies muss uns eine Mahnung sein, die Stimme zu erheben, wenn die Würde des Menschen bedroht ist, etwa dadurch, dass man wieder Rechnungen aufmacht, wie viel uns doch „so ein Behinderter“ kostet, welche Belastung er darstellt für die Gesellschaft.

Ich erlebe solche Bemerkungen auch im aktuellen Diskurs um bioethische Fragen, wo oft genug die rechtzeitige (also: vorgeburtliche) Tötung des (möglicherweise) kranken oder behinderten Menschenlebens als „Erlösung“ angepriesen wird, als „Erlösung“ für das Kind, seine Eltern und die Gesellschaft. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich jedoch auch und gerade an ihrem Umgang mit kranken und behinderten Menschen – der Nationalsozialismus ist hier dramatisch gescheitert. Ich wünsche mir, dass wir heute – auch eingedenk der Erinnerung an dieses Kapitel unserer Geschichte – niemals aus den Augen verlieren, dass dem Menschen Würde zukommt, weil er Mensch ist – nicht, weil er jung, gesund und produktiv ist.

In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung viele interessierte und aufmerksame Besucherinnen und Besucher.

Vielen Dank!

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Oktober 2018 zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Mo. – Fr. 9 bis 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.

(Josef Bordat)