Diskursanalytische Beobachtungen. Und anderes rein Subjektive

Selten war eine ganze Woche über soviel Betrieb auf meiner Facebook-Seite. Selten? Noch nie! Die Beiträge zu Carola Rackete – vielmehr zu den vierzig Menschen, die sie mit der „Seawatch 3“ barg und in den sicheren Hafen Lampedusa brachte – erreichten viele Interessierte und regten diese offenbar gleichermaßen an wie auf. Beiträge auf meiner Profilseite zur Thematik erreichten etwa 400 „Rückmeldungen“, also „Likes“ oder „Kommentare“. Das ist für jemanden, der sonst 4 „Rückmeldungen“ pro Woche erhält, schon ziemlich außergewöhnlich. An anderen Stellen (unter anderem in meiner Mailbox) ging die Diskussion weiter.

Es gab darin völlig unterschiedliche Auffassungen. Während die einen meinten, ohne Frau Rackete wären die vierzig Menschen gar nicht geflohen, meinten andere (zu denen ich mich auch zähle), ohne Frau Rackete wären die vierzig Menschen trotzdem geflohen. Und heute wahrscheinlich tot. Während die einen meinten, Gesetze seien in jedem Fall zu achten, meinten andere (ich auch) es gäbe Fälle, in denen das Gewissen die Norm aussticht. Während die einen meinten, geborgene Flüchtlinge sollten nach Libyen zurückgebracht werden, meinten andere, es sei dort nicht sicher. Das meine ich auch. Und so weiter.

Was mir sonst noch auffiel.

Die Geschwindigkeit, mit der einige Menschen mir geantwortet haben, lässt mich an Reflexe denken. Oft zeigen die Antworten eine pauschale Haltung, die gar nicht an der konkreten Situation des Falls Maß nimmt. Das ist ethisch aber geboten.

Die Wortwahl, mit der einige – besonders christliche – Christen die Aktion – über deren Verlauf man im Detail streiten kann, wenn man denn die exakten Abläufe mal rekonstruiert haben wird – be- und verurteilen, lässt mich ratlos zurück, vor allem auch dann, wenn in unflätiger Weise über die Person Frau Racketes, über die vierzig geretteten Menschen oder über „Afrika“ im allgemeinen geschrieben wird.

Die Irritation, die eintritt, wenn dieselben Menschen, die mich für jede noch so kleine und unbedeutende Intervention in Sachen Lebensschutz für ungeborene Menschen loben, mich nunmehr verdammen, weil ich den geschützten Bereich („menschliches Leben“) auf Migranten ausdehne.

Die Bestürzung, die darauf folgt: Haben die Gegner des „Marsch für das Leben“ Recht, wenn sie sagen, die Lebensschutzbewegung interessiert sich nur für ungeborenes Leben aus Deutschland – alles andere ist ihr egal? Das kann, das will und das werde ich nicht glauben, solange ich Menschen kenne, die mit der gleichen Gewissenhaftigkeit für das Überleben geborener Menschen eintreten wie sie das Überleben ungeborener Menschen fordern – jeweils unabhängig von utilitaristischen Erwägungen. „Was bringt uns ein aus dem Mittelmeer gefischter Neger, der kein deutsch spricht?“, ist genauso unappetitlich wie „Was bringt uns ein Behinderter, der nicht rechtzeitig abgetrieben wird?“.

Die Erkenntnis, dass wir zwischen Sacheinschätzung und moralischem Urteil klar unterscheiden müssen. Denn hier liegt auch die Differenz von Argument und Scheinargument begründet. Ich gebe zu, dass ich in der Frage ertrinkender Menschen hoffnungslos emotionalisiert bin und es mir daher schwer fällt, etwaige komplexe, langfristige Wirkungen einer Rettungsaktion so zu würdigen, wie es möglich wäre, ginge es um verlorene Ladung eines Tankers. Da könnte man sagen: Intensive Sicherungsaktionen im Mittelmeer führen tendenziell zu schlampigeren Sicherheitskontrollen beim Auslaufen in Rio oder Shanghai. Bei Menschen ist mir diese Denkweise zu abstrakt, wenn es um konkrete Fälle geht. Ich bin aber nach wie vor davon überzeugt, dass a) eine „Zusammenarbeit“ von Schleppern und Seenotrettern keine konzertierte, sondern eine situative ist, b) es dabei immer um Hilfe für Menschen, nicht für migrationspolitische Präferenzen geht, c) niemand seine Heimat verlässt, weil die Flucht ein paar Prozent sicherer geworden ist. Wir sprechen von ein paar Geretteten, wir sprechen von tausenden Menschen, die Jahr für Jahr ertrinken. Was hat wohl mehr Wirkung auf die Fluchtentscheidung? Nein, auf das Risiko kommt es offenbar gar nicht an. Die Not ist zu groß.

Zum Schluss ein Wunsch.

Vielleicht investieren alle Schwestern und Brüder im Glauben, die so hitzig mitdiskutiert haben, um mich zu überzeugen, dass Carola Rackete eine Kriminelle und Seenotrettung (in der von ihr durchgeführten Art und Weise) ein Verbrechen ist, die gleiche Zeit, die gleiche Energie, die gleiche Kraft am Wochenende, um im Bekanntenkreis je einen Menschen, der nicht an Gott glaubt, von der Wahrheit, Güte und Schönheit des Christentums zu überzeugen. – Deutschland erstrahlte am Montag im Glauben wie zuletzt unter Adenauer.

(Josef Bordat)