Christentum und Freiheit

In einem Kommentar zum Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidbeihilfe vom 26. Februar 2020 hatte ich behauptet: „Die Abschaffung der Sklaverei etwa konnte nur gelingen, weil sich Christen vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes für die Freiheit des Menschen einsetzten“. Dass diese These begründungspflichtig sei, darauf wies ein Leser des Kommentars zu Recht hin. Ich hole die Begründung gerne nach, an Ort und Stelle bereits geschehen, aber auch hier – etwas ausführlicher noch und mit weiterführenden Verweisen – in meinem Blog, in dem der Kommentar zuerst erschien.

Also: „Die Abschaffung der Sklaverei etwa konnte nur gelingen, weil sich Christen vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes für die Freiheit des Menschen einsetzten“.

1. Die Befreiung von der innerlichen Sklaverei der Sünde durch die Wahrheit (im christlichen Glauben: durch Jesus Christus) und die Abschaffung der Sklaverei als äußerliches Phänomen des Rechts- und Wirtschaftssystems gehören ganz eng zusammen. Das ist systematisch einsichtig: Wer die Sklaverei abschaffen will, muss zunächst von der Sünde befreien, die die Sklavenhalter gefangen hält. Sie sind gebunden an Gier und Geld, an Markt und Macht. Wenn diese Fesseln erst mal gelöst sind, kann ein Umdenken beginnen, das zur Ächtung von Sklaverei führt. Der Zusammenhang lässt sich aber auch historisch nachweisen.

Arnold Angenendt erinnert an die Rolle der „englischen und amerikanischen Dissenters, die ihre Länder zunächst für ein Verbot des Sklavenhandels und dann auch des Sklavenbesitzes zu mobilisieren vermochten“ (Angenendt: Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, S. 224). Sie beriefen sich nicht auf politische Revolutionen, sondern auf die Revolution schlechthin: „den durch Christi Sühneblut bewirkten Loskauf“ (ebd.), die Erlösung des Menschen, die zur Befreiung aller Menschen motiviert.

2. Die Aufklärung entwickelte zur Sklavenfrage „keine eigenen Positionen, sondern übernahm allmählich die Positionen der Quäker und Evangelikalen“ (Egon Flaig, zit. nach Angenendt: Toleranz und Gewalt, S. 222 f.). Ansonsten kann man in der Sklavenfrage mit Delacampagne von der „Gleichgültigkeit der Humanisten“ und dem „Schweigen der Philosophen“ sprechen, die sich höchstens, so Robin Blackburn, zu Wort meldeten, um die religiösen Begründungen der Sklaverei durch pseudowissenschaftliche Versuche „rassischer Anthropologie“ zu ersetzen (Angenendt: Toleranz und Gewalt, S. 223). Im aufgeklärten 18. Jahrhundert dachten „nur wenige“ der führenden Denker und Lenker „an eine restlose Abschaffung der Sklaverei“ (Barbara Stolberg-Rillinger: Europa im Jahrhundert der Aufklärung. Stuttgart 2000, S. 276). Wie einige herausragende Denker über „die Anderen“ dachten, habe ich anlässlich des 309. Geburtstags von David Hume erläutert.

Also: Es waren damals nicht die vielgerühmten Denker der Aufklärung, sondern einfache, fromme Christen, die den Impuls gaben, die Sklaven zu befreien. Die „einzig im Christentum eingeleitete Abschaffung der Sklaverei“ (nur im Christentum sei sie überhaupt zum „religiösen Problem“ geworden) verdanke sich , so Angenendt mit McKivigan, „mehr christlichen Prinzipien als christlichen Institutionen“ (Angenendt: Toleranz und Gewalt, S. 226). Denn: Während die Evangelikalen in den USA die befreiende Botschaft des Christentums aufnahmen, um sie politisch umzusetzen, blieben die Päpste in der Sklavenfrage lange bei ihrer moraltheologischen Zurückhaltung und sprachen sich erst im 19. Jahrhundert entschieden gegen die Sklaverei aus, als die nordamerikanischen Christen längst die Pionierarbeit geleistet hatten.

3. Das heißt: Nur im Christentum wird Sklaverei überhaupt zum moralischen Problem, einzig die Christenheit leitete folgerichtig ihre Abschaffung ein. Während die großen Philosophen der Aufklärung die Sklaverei noch im späten 18. Jahrhundert mit rassistischen Argumenten rechtfertigten, hatte das Wirken von Christen in Nordamerika längst zur Ächtung von Sklavenhandel und Sklavenbesitz beigetragen. Sie setzten sich für die Würde und Freiheit der Sklaven ein, weil sie in der christlichen Botschaft von der Erlösung des Menschen durch den Sühnetod Christi das Motiv für die Befreiung aller Menschen entdeckten. Die Christenheit sorgte damals ganz konkret dafür, dass es Freiheit für alle Menschen gibt, weil alle Menschen als Ebenbilder Gottes die gleiche Würde haben – ungeachtet ihrer Herkunft und Hautfarbe, weil alle Menschen von Christus „zur Freiheit befreit“ wurden (vgl. Gal 5, 1).

Das Ende der Sklaverei hängt also eher mit christlichen Prinzipien als mit kirchlichen Institutionen zusammen (oder gar mit der Aufklärungsphilosophie – die hat sich in dem Kontext nun wirklich nicht mit Ruhm bekleckert). Tatsächlich kann man den Freiheitsdiskurs von zwei Seiten betrachten – einerseits in einer langfristigen ideengeschichtlichen Perspektive, andererseits in einer kurzfristigen rechtshistorischen Sicht; diesen Gedanken entfaltet Hans Joas in Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Langfristig war die Triebkraft des Christentums entscheidend, damit die Idee der Freiheit aus dem Gedanken der geschöpflichen Würde des Menschen und als Ausdruck der besonderen Stellung, die der menschlichen Person durch die befreiende Botschaft des Evangeliums Jesu Christi zukommt, Gestalt annehmen konnte. Kurzfristig betrachtet hat die Kirche bei der rechtsverbindlichen Umsetzung von Freiheitsrechten im 19. Jahrhundert gebremst.

4. Man kann es vielleicht so zusammenfassen: Ohne die Institution Kirche als politisch wirksamer Machtfaktor, als weltliche Repräsentation der Christenheit wäre die Idee der politischen Freiheit möglicherweise früher und flächendeckender umgesetzt worden, ohne Christentum hingegen wäre sie mit Sicherheit gar nicht erst entstanden. Diese Differenz zu machen – zwischen Leben und Lehre – ist leider nötig. Christen sind Menschen. Sie sind insoweit nicht besser als Nicht-Christen. Sie haben es aber besser, weil sie im Christentum eine Orientierung vorfinden, auf die sie im Glauben immer wieder verwiesen werden. In jedem Gottesdienst, in jedem Gebet. Der Ritus ist liturgisch geprägt vom Bekenntnis der Schuld, der Bereitschaft zur Vergebung, der Chance zur Umkehr, der Kraft des Neubeginns und der Hoffnung auf Heil. Das stärkt und befreit – Voraussetzungen dafür, auch Anderen Mut zu machen und Freiheit zu ermöglichen.

(Josef Bordat)

Dauerbrenner

Oder: Was Menschen wirklich interessiert

Normalerweise werden Beiträge in meinem Blog ein paar Tage lang täglich ein paar mal gelesen und verschwinden dann im virtuellen Nirwana. Bei einigen Texten ist das anders. Sie werden seit Jahren praktisch täglich aufgerufen, einige sogar über hundert Mal im Monat.

Bei zweien davon geht es um das Verhältnis von Christentum und Gewalt. Der ältere der beiden Texte, er stammt aus dem Jahr 2011, trägt den Titel Lukas 19, 27 – Aufruf zur Gewalt gegen Andersgläubige?. Es handelt sich um eine ganz kurze Ausdeutung der Bibelstelle im damaligen Tagesevangelium (Lukas 19, 11-28), die bislang rund 38.000 Mal aufgerufen wurde. Bei dem neueren Text aus dem Sommer 2017 (‚Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert‘) geht es um ein ganz ähnliches Thema (und auch hier ist der Anlass die Auslegung des Tagesevangeliums), diesmal interpretiert anhand einer Stelle aus dem Matthäusevangelium (Mt 10, 36-37). Dieser Text ist bisher etwa 8.000 Mal aufgerufen worden, bereits über 2.000 Mal im laufenden Jahr 2020.

Bei zwei anderen Beiträgen aus dem Jahr 2012 geht es um das Thema Sterben und Tod in der antiken Philosophie, einmal bei Platon (etwa 16.000 Aufrufe) und dann bei Epikur und Lukrez (etwa 10.000 Aufrufe). Der dritte Text aus der thanatologischen Trilogie wird dagegen praktisch völlig ignoriert: Sterben und Tod in der Philosophie. Teil 3: Montaigne verzeichnet nur etwas mehr als 2.000 Aufrufe.

Und dann sind da noch zwei Texte, die eigentlich Spezialthemen behandeln, von denen ich dachte, dass sie – außer mir – kaum jemanden interessieren. Zum einen geht es um Picassos Frühwerk „Ciencia y caridad“ (1897), dessen Bedeutung ich 2011 nach einem Besuch des „Museu Picasso de Barcelona“ im Rahmen eines Blog-Beitrags hervorheben wollte: Wissenschaft und Religion. Ein Versuch mit Pablo Picasso. Ein großartiges Gemälde – doch mit seither rund 12.000 Aufrufen hätte ich nicht gerechnet. Zum anderen – noch einmal Platon: In Seele und Staat bei Platon, ein Beitrag aus dem Jahr 2012, geht es um die „Politeia“. In dieser Schrift versucht Platon, die Gerechtigkeit als Ergebnis eines harmonischen Zusammenspiels der Seelenteile bzw. der Stände im Staat aufzufassen. Eigentlich trockner Schulstoff und alles andere als ein „burner“ wird der Beitrag in schöner Regelmäßigkeit aufgerufen – bisher etwa 6.000 Mal. Oft erfolgen die Aufrufe in verdächtigen 20er-Paketen. Wird da wohl gerade eine Schulklasse das Verhältnis von „Seele und Staat bei Platon“ behandeln?

Last, but not least: Widerstand2020! Der Text vom Anfang des Monats entwickelt sich mit mittlerweile etwa 1.000 Aufrufen zum Kurzfrist-Dauerbrenner, um es mal so zu sagen. Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten. Auch das hätte ich nicht gedacht.

Christentum und Gewalt, Sterben und Tod, Wissenschaft und Religion, Seele und Staat, Platon und Picasso – Themen, die offenbar viele Menschen interessieren.

(Josef Bordat)

Zum Europatag

„Der erste deutsche Bundespräsident, Theodor Heuss, hat einmal gesagt, Europa stehe gleichsam auf drei Hügeln, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgotha, die Akropolis in Athen und das Kapitol in Rom. Die Akropolis stehe für die griechische Philosophie und den Zugang zur Wissenschaft und den Künsten. Rom stehe für die Rechts- und Herrschaftsordnung, wie sie sich erstmals im Römischen Reich der Antike ausgeprägt hat, und Golgotha für das Christentum, das in Jerusalem aus dem Judentum hervorgegangen ist.

Ohne Zweifel hat das Christentum seit Kaiser Konstantin diesen Kontinent entscheidend geprägt bis in unsere Tage. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Christliche Werte und christliche Moralvorstellungen scheinen in der Europäischen Union des 21. Jahrhunderts immer weniger eine Rolle zu spielen. Über das christliche Erbe und die Zukunft Europas spricht Volker Niggewöhner mit dem Philosophen und Publizisten Josef Bordat.“

Soweit der Begleittext. Das dazu gehörende Video gibt es hier.

(Josef Bordat)

Corona-Karwoche, oder: Freiheit erfahren

Die Karwoche ist geprägt von der Hoffnung auf Freiheit. Die meisten der Zeitgenossen Jesu (offenbar wohl auch Judas) hofften dabei auf den politischen Befreier Israels, nur ganz wenige denken schon damals an die spirituelle Freiheit des Geistes, Befreiung von religiösem Formalismus, an ein Frei werden vor und für Gott. Jene Hoffnung auf äußere Freiheit wird enttäuscht, diese Chance zur inneren Freiheit bleibt hingegen oft ungenutzt, weil unverstanden.

Und das nicht nur damals. Heute ist es ganz ähnlich: Es ist in der Corona-Krise viel die Rede von der Einschränkung der äußeren Freiheiten, die wir sonst regelmäßig – ohne groß darüber nachzudenken – in Anspruch nehmen. Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Freizügigkeit. Selbstverständlichkeiten, die jetzt eben nicht mehr lebbar sind, ohne Gefahr für sich und andere. Auf der Ebene innerer Freiheit sind auch heute – den vielen Ratgebern zum Trotz, die diesen Topos aus allen möglichen und unmöglichen Perspektiven betrachten – viele Menschen kaum ansprechbar. So könnte aus dem „Hosianna!“-Zuspruch für die Krisen-Politik der Bundesregierung ganz schnell ein „Kreuziget ihn!“ werden – oder: ein „Kreuziget sie!“, dann nämlich, wenn die Maßnahmen nicht planmäßig wieder gelockert werden können.

Im Christentum ermöglicht die innere Freiheit die äußere Befreiung des Menschen. Denn mit der Auferstehung werden beide Hoffnungen erfüllt: die spirituelle Freiheit der Gotteskindschaft und – darauf basierend – die weltliche Freiheitsidee als Unabhängigkeit von mehr als nötig einengenden religiösen oder politischen Normen. Die Freiheiten des Inneren und des Äußeren fließen zusammen, werden eine untrennbare Einheit, die es ermöglicht, die Freiheit gleichermaßen zum Thema von Religion und Politik zu machen. Nur im Christentum ist das in dieser Eindeutigkeit gelungen, weil nur dort die Wertschätzung des Individuums und der Gemeinschaft gleichermaßen eine Rolle spielt; durch engagierte Christen wird dieser Gedanke historisch wirkmächtig (etwa im Zusammenhang mit dem Ende der Sklaverei, vgl. hier [Punkt 3]).

Die Freiheit Gottes ist Grund der menschlichen Freiheit (Thomas von Aquin). Und Gott will uns in Christus befreien: Der österliche Mensch ist das irdische Wesen mit der größten Freiheit (Jörg Zink). Oder, in den Worten des Galaterbriefs: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5, 1). Sich dem christlichen Glauben der Kirche anzuschließen, bedeutet also nicht die Aufgabe von Freiheit, sondern ganz im Gegenteil: die Ermöglichungsbedingung ungeahnter Freiheitserfahrung. Spürbar wird das auch jetzt, in der Corona-Krise, wenn wir – unabhängig von der äußeren Freiheitsbeschränkung – über die Medien Gottesdienst feiern und uns mit dieser neuen Erfahrung auch von manchen Zwängen befreien, die unsere Vorstellung von einer „gelungenen“ Kar- und Osterliturgie einengen.

„Die Freiheit kennzeichnet die im eigentlichen Sinn menschlichen Handlungen“, heißt es im Katechismus (Kompendium, Nr. 363). Die Freiheit ist so eng mit der Handlung verbunden, dass ein unfreies Handeln schlicht unmöglich wird. Unter Zwang mögen sich Dinge ergeben oder ereignen – gehandelt werden kann nur in Freiheit. In jener inneren Freiheit, von der Jesus spricht. Wenn wir diese in den kommenden Tagen entdecken und erfahren, wird das momentane Fehlen äußerer Freiheiten weniger schwer erträglich sein.

(Josef Bordat)

Christentum steht im Weg: Kirchen als Anschlagsziele

Was haben die freikirchliche „Tübinger Offensive Stadtmission“, die evangelische Thomaskirche in Leipzig und die katholische St. Elisabeth-Kirche in Berlin gemeinsam? Richtig: Sie wurden in den letzten zwei Wochen zum Ziel von Anschlägen. Und: Jedesmal folgte ein Bekennerschreiben auf der linksextremistischen Plattform „de.indymedia.org“.

Beim Brandanschlag auf die freikirchliche „Tübinger Offensive Stadtmission“, die sich unter anderem um Drogenabhängige und Straßenkinder kümmert und sich für die Versöhnung zwischen Überlebenden der Schoah und den Nachkommen der Täter einsetzt wurde am 27. Dezember 2019 ein Gemeindebus attackiert. Er brannte aus, ein Schaden von 40.000 Euro.

In der Silvesternacht wurden bei einem Anschlag auf die Leipziger Thomaskirche, in der einst Johann Sebastian Bach wirkte, 25 Scheiben zerstört, darunter unwiderbringliche Buntglasfenster über dem Mendelssohn-Portal sowie sämtliche Jugendstil-Fenster auf der Gartenseite. Der Schaden konnte noch nicht beziffert werden.

Auf die denkmalgeschützte katholische St. Elisabeth-Kirche in Berlin-Schöneberg, Heimat der slowenischen Mission, ist in der Nacht vom 8. zum 9. Januar ein Farbanschlag verübt worden. Der Polizei zufolge beschmierten bislang unbekannte Täter das Gebäude mit mehreren Schriftzügen in schwarzer und weißer Farbe. Der Schaden konnte noch nicht beziffert werden.

Drei Anschläge in zwei Wochen – immer nachts, immer feige, immer gefolgt von einem Bekennerschreiben auf der linksextremistischen Plattform „de.indymedia.org“. Diese sind verblüffend gleichförmig in Diktion und Aussage, gespickt mit hanebüchenen Gedankengängen, die tatsächlich als Argumente einer moralischen Rechtfertigung von Gewalttaten gegen Gebrauchs- und Kulturgüter dienen sollen. Eine Melange aus Dummheit und Selbstgerechtigkeit wird als Grundlage einer Moral missverstanden. Sie offenbart die höchste Form von Intoleranz: „Was mir nicht passt, hat kein Existenzrecht!“ – ein Denken, das im äußersten Fall die physische Vernichtung billigt, ein Denken, aus dem Völkermorde entstehen, ein faschistoides Denken. Es geht also um weit mehr als um ärgerliche Sachschäden: Es geht um Kulturverlust in unfassbarem Ausmaß, um eine dumm-dreiste Karrikatur kritischen Bewusstseins, die absolutistischer nicht vorgetragen werden könnte. Dass sich diese Haltung explizit gegen Werte des Christentums (wie den Gedanken des unbedingten Lebensrechts jedes Menschen) und – konfessionsübergreifend – christliche Einrichtungen wendet, ist fast schon wieder tröstlich.

(Josef Bordat)

Christentum

Der heute vor 130 Jahren in Berlin geborene Publizist Kurt Tucholsky hat einmal gesagt: „Das Christentum ist eine gewaltige Macht. Dass zum Beispiel protestantische Missionare aus Asien unbekehrt wieder nach Hause kommen – das ist eine große Leistung.“ Offenbar meint Tucholsky, dass die fernöstliche Philosophie und Religion für Christen so attraktiv sind, dass sie als Substitute ihres Glaubens taugen, ja sich sogar als solche aufdrängen.

Die Überzeugungskraft der Spiritualität des Konfuzianismus‘ sollte die von der „gewaltigen Macht“ (durchaus ambivalent gemeint) des Christentum benebelten Missionare „bekehren“. Gelingt das nicht, sei das „eine große Leistung“, fügt der scharfzüngige Satiriker süffisant hinzu. Offenbar sieht er die Macht des Christentums nicht nur in ihrer Spiritualität gegründet.

Genauso offenbar wird jedoch, dass Tucholsky die Geschichte der Kirche in Korea entweder nicht kennt oder bewusst ignoriert. Die christliche Botschaft traf dort auf den Konfuzianismus. Sie überzeugte die Gelehrten und ließ sie das Christentum annehmen. Aneignung statt Mission, Stärke statt Macht, christlicher Glaube statt fernöstliche Spiritualität – es geht eben auch so herum.

Tatsächlich lässt sich in Berlin, in Deutschland, in Europa („zu Hause“) jedoch erkennen, was Tucholsky erwartet hat: Das Christentum hat einen schweren Stand, wenn es mit den Kulturen und Religionen Asiens konfrontiert wird.

Der Buddhismus etwa ist attraktiv wie nie zuvor. Eine abstrakte Spiritualität macht dem dogmatischen Glauben Konkurrenz, meditative Praktiken sind beliebter als die liturgischen Rituale der Kirche, und ihrer biblisch tradierten Heilsbotschaft hält der autonome Mensch die Selbsterlösungsmotive fernöstlicher Weisheiten entgegen.

Lässt sich der Trend umkehren? Dazu müsste das, was einst die christliche Botschaft in Korea attraktiv gemacht hat, wieder stärker ins Licht gestellt werden: Das Christentum steht für die Gleichheit aller Menschen vor Gott. Das hat nicht nur in der von starrer Dualität geprägten asiatischen Kultur überzeugt, sondern sollte auch und gerade in der Pluralität westlicher Gesellschaften verfangen, in der so viele Menschen unter der herrschenden Ungleichheit leiden.

(Josef Bordat)

Wem verdanken wir die Menschenrechte – dem Christentum oder der Aufklärung?

Heute ist der 71. Jahrestag der „Universal Declaration of Human Rights“. Am 10. Dezember 1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Resolution 217 A (III), die 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Sie tat dies vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Schoah, sie tat dies, um künftigen Generationen die Ausübung von Gewalt und Unterdrückung zumindest etwas zu erschweren. Ein für alle mal sollte der Welt klar gemacht werden: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Wie ist es dazu gekommen? Wer den Blick von der Betrachtung der unmittelbaren Vorgeschichte löst und etwas weiter in die Geschichte schaut, dem zeigt sich ein jahrhundertelanger Kampf um die Würde und Freiheit der menschlichen Person. Man kann diesen Kampf von zwei Seiten betrachten – einerseits in einer langfristigen schöpfungstheologischen und heilsgeschichtlichen Perspektive, die den Menschen als Abbild Gottes und durch Christus von der Sünde erlöst sieht, und der von Gott her Würde hat und durch Christus frei ist, andererseits aus einer kurzfristigen rechtshistorischen und gesellschaftspolitischen Sicht, welche auf die Entwicklung kodifizierter Normen schaut, also etwa auf die „Virginia Bill of Rights“ (1776), die „Declaration of Independence“ (1776) oder die „Déclaration des droits de l’homme et du citoyen“ (1789) – unzweifelhaft Resultate der Aufklärung. Beide Sichtweisen sind von Hans Joas gut beschrieben worden: Einerseits gebe es diejenigen, die meinten, die Menschenrechte seien „nicht die Frucht irgendeiner religiösen Tradition, sondern vielmehr die Manifestation eines Widerstands gegen das Machtbündnis von Staat und (katholischer) Kirche oder gegen das Christentum als Ganzes“, wie sich dieser etwa in der Französischen Revolution zeigte, andererseits deuteten einige Vertreter aus den Reihen „christlicher, vornehmlich katholischer Denker“ auf „langfristige religiöse und intellektuelle Traditionen“ hin, durch welche „den Menschenrechten der Weg gebahnt“ wurde, vor allem „das Verständnis der menschlichen Person, wie es aus dem Evangelium zu uns spricht“ (Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Berlin 2011, S. 16). Die Frage lässt sich also mit einem „Sowohl, als auch“ am zutreffendsten beantworten.

Christliches Gedankengut zeigt sich im Kontext der Menschenrechte, in der Entwicklung, dem Wesen und dem Geltungsanspruch dessen, was als Freiheit von staatlicher Allmacht definiert wird. Es zeigt sich in Leib- und Lebensrechten, etwa dem Folterverbot, und es liegt der Gleichberechtigung, zugrunde, die darauf basiert, dass wir Menschen vor Gott alle gleich sind, auch, wenn wir unterschiedlich aussehen, unterschiedliche Fähigkeiten haben und an Unterschiedliches glauben. In diesem Bewusstsein kann man Niemanden von den Menschenrechten ausschließen. Wer immer das tut, auch, wenn er dabei meint, die Kirche zu vertreten, handelt unchristlich. Das bedeutet nicht, dass man als Christ oder dass die Kirche insgesamt nicht eine klare Vorstellung von Gut und Böse haben sollte, von Wahrheit und Irrtum. Es bedeutet nicht, dass alles gleich gültig ist, ins Belieben des Menschen gestellt. Ganz und gar nicht. Es gebietet aber Toleranz, es gebietet, den Anderen als Person zu achten und dieser menschlichen Person auch dann ein Minimum an Rechten zuzubilligen, wenn und soweit ihre Vorstellungen derart von der Position des Staates oder der Kirche oder der Gemeinschaft abweichen, dass sich aus der Sicht von Staat, Kirche und Gemeinschaft nichts Respektables an ihr finden lässt. Auch dann soll dieser Mensch frei sein, soll dieser Mensch seine Meinung sagen dürfen, soll dieser Mensch leben. Die Trennung von Person und Position (im negativen Modus: von Sünder und Sünde) ist ein Grundgedanke der christlichen Ethik, die sich in der Forderung nach Toleranz gegenüber dem Nicht-Respektablen wiederfinden lässt.

Langfristig war die Triebkraft des Christentums entscheidend, damit die Idee der Menschenrechte aus dem Gedanken der geschöpflichen Würde und Freiheit des Menschen entstehen konnte. Kurzfristig hat die Kirche im 19. Jahrhundert bei der Umsetzung gebremst – aus Angst vor der eigenen Courage, denn sie fürchtete den Irrtum, dem sie keine Freiheit schenken wollte, mehr als sie das Gewissen, die Stimme Gottes im Menschen, schätzte. Die Kirche hat kurzzeitig vergessen, dass Wahrheit nur in Liebe zu haben ist, so, wie Liebe nur in Wahrheit zählt. Daher mussten sich die Verfechter verbindlicher Kodizes nicht nur gegen die weltlichen, sondern auch die geistlichen Machthaber durchsetzen, um für ihre Vorschläge jene juridische Bindungskraft zu erringen, die das Individuum von den Institutionen Staat und Kirche emanzipierte. Man kann es vielleicht so ausdrücken: Ohne die Institution Kirche als politisch wirksamer Machtfaktor, als weltliche Repräsentation der Christenheit wäre die Menschenrechtsidee möglicherweise früher und flächendeckender umgesetzt worden, ohne Christentum hingegen wäre sie mit Sicherheit gar nicht erst entstanden.

(Josef Bordat)