Christentum und Freiheit

In einem Kommentar zum Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zur Suizidbeihilfe vom 26. Februar 2020 hatte ich behauptet: „Die Abschaffung der Sklaverei etwa konnte nur gelingen, weil sich Christen vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes für die Freiheit des Menschen einsetzten“. Dass diese These begründungspflichtig sei, darauf wies ein Leser des Kommentars zu Recht hin. Ich hole die Begründung gerne nach, an Ort und Stelle bereits geschehen, aber auch hier – etwas ausführlicher noch und mit weiterführenden Verweisen – in meinem Blog, in dem der Kommentar zuerst erschien.

Also: „Die Abschaffung der Sklaverei etwa konnte nur gelingen, weil sich Christen vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes für die Freiheit des Menschen einsetzten“.

1. Die Befreiung von der innerlichen Sklaverei der Sünde durch die Wahrheit (im christlichen Glauben: durch Jesus Christus) und die Abschaffung der Sklaverei als äußerliches Phänomen des Rechts- und Wirtschaftssystems gehören ganz eng zusammen. Das ist systematisch einsichtig: Wer die Sklaverei abschaffen will, muss zunächst von der Sünde befreien, die die Sklavenhalter gefangen hält. Sie sind gebunden an Gier und Geld, an Markt und Macht. Wenn diese Fesseln erst mal gelöst sind, kann ein Umdenken beginnen, das zur Ächtung von Sklaverei führt. Der Zusammenhang lässt sich aber auch historisch nachweisen.

Arnold Angenendt erinnert an die Rolle der „englischen und amerikanischen Dissenters, die ihre Länder zunächst für ein Verbot des Sklavenhandels und dann auch des Sklavenbesitzes zu mobilisieren vermochten“ (Angenendt: Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, S. 224). Sie beriefen sich nicht auf politische Revolutionen, sondern auf die Revolution schlechthin: „den durch Christi Sühneblut bewirkten Loskauf“ (ebd.), die Erlösung des Menschen, die zur Befreiung aller Menschen motiviert.

2. Die Aufklärung entwickelte zur Sklavenfrage „keine eigenen Positionen, sondern übernahm allmählich die Positionen der Quäker und Evangelikalen“ (Egon Flaig, zit. nach Angenendt: Toleranz und Gewalt, S. 222 f.). Ansonsten kann man in der Sklavenfrage mit Delacampagne von der „Gleichgültigkeit der Humanisten“ und dem „Schweigen der Philosophen“ sprechen, die sich höchstens, so Robin Blackburn, zu Wort meldeten, um die religiösen Begründungen der Sklaverei durch pseudowissenschaftliche Versuche „rassischer Anthropologie“ zu ersetzen (Angenendt: Toleranz und Gewalt, S. 223). Im aufgeklärten 18. Jahrhundert dachten „nur wenige“ der führenden Denker und Lenker „an eine restlose Abschaffung der Sklaverei“ (Barbara Stolberg-Rillinger: Europa im Jahrhundert der Aufklärung. Stuttgart 2000, S. 276). Wie einige herausragende Denker über „die Anderen“ dachten, habe ich anlässlich des 309. Geburtstags von David Hume erläutert.

Also: Es waren damals nicht die vielgerühmten Denker der Aufklärung, sondern einfache, fromme Christen, die den Impuls gaben, die Sklaven zu befreien. Die „einzig im Christentum eingeleitete Abschaffung der Sklaverei“ (nur im Christentum sei sie überhaupt zum „religiösen Problem“ geworden) verdanke sich , so Angenendt mit McKivigan, „mehr christlichen Prinzipien als christlichen Institutionen“ (Angenendt: Toleranz und Gewalt, S. 226). Denn: Während die Evangelikalen in den USA die befreiende Botschaft des Christentums aufnahmen, um sie politisch umzusetzen, blieben die Päpste in der Sklavenfrage lange bei ihrer moraltheologischen Zurückhaltung und sprachen sich erst im 19. Jahrhundert entschieden gegen die Sklaverei aus, als die nordamerikanischen Christen längst die Pionierarbeit geleistet hatten.

3. Das heißt: Nur im Christentum wird Sklaverei überhaupt zum moralischen Problem, einzig die Christenheit leitete folgerichtig ihre Abschaffung ein. Während die großen Philosophen der Aufklärung die Sklaverei noch im späten 18. Jahrhundert mit rassistischen Argumenten rechtfertigten, hatte das Wirken von Christen in Nordamerika längst zur Ächtung von Sklavenhandel und Sklavenbesitz beigetragen. Sie setzten sich für die Würde und Freiheit der Sklaven ein, weil sie in der christlichen Botschaft von der Erlösung des Menschen durch den Sühnetod Christi das Motiv für die Befreiung aller Menschen entdeckten. Die Christenheit sorgte damals ganz konkret dafür, dass es Freiheit für alle Menschen gibt, weil alle Menschen als Ebenbilder Gottes die gleiche Würde haben – ungeachtet ihrer Herkunft und Hautfarbe, weil alle Menschen von Christus „zur Freiheit befreit“ wurden (vgl. Gal 5, 1).

Das Ende der Sklaverei hängt also eher mit christlichen Prinzipien als mit kirchlichen Institutionen zusammen (oder gar mit der Aufklärungsphilosophie – die hat sich in dem Kontext nun wirklich nicht mit Ruhm bekleckert). Tatsächlich kann man den Freiheitsdiskurs von zwei Seiten betrachten – einerseits in einer langfristigen ideengeschichtlichen Perspektive, andererseits in einer kurzfristigen rechtshistorischen Sicht; diesen Gedanken entfaltet Hans Joas in Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Langfristig war die Triebkraft des Christentums entscheidend, damit die Idee der Freiheit aus dem Gedanken der geschöpflichen Würde des Menschen und als Ausdruck der besonderen Stellung, die der menschlichen Person durch die befreiende Botschaft des Evangeliums Jesu Christi zukommt, Gestalt annehmen konnte. Kurzfristig betrachtet hat die Kirche bei der rechtsverbindlichen Umsetzung von Freiheitsrechten im 19. Jahrhundert gebremst.

4. Man kann es vielleicht so zusammenfassen: Ohne die Institution Kirche als politisch wirksamer Machtfaktor, als weltliche Repräsentation der Christenheit wäre die Idee der politischen Freiheit möglicherweise früher und flächendeckender umgesetzt worden, ohne Christentum hingegen wäre sie mit Sicherheit gar nicht erst entstanden. Diese Differenz zu machen – zwischen Leben und Lehre – ist leider nötig. Christen sind Menschen. Sie sind insoweit nicht besser als Nicht-Christen. Sie haben es aber besser, weil sie im Christentum eine Orientierung vorfinden, auf die sie im Glauben immer wieder verwiesen werden. In jedem Gottesdienst, in jedem Gebet. Der Ritus ist liturgisch geprägt vom Bekenntnis der Schuld, der Bereitschaft zur Vergebung, der Chance zur Umkehr, der Kraft des Neubeginns und der Hoffnung auf Heil. Das stärkt und befreit – Voraussetzungen dafür, auch Anderen Mut zu machen und Freiheit zu ermöglichen.

(Josef Bordat)

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Zum Verhältnis von Kirche und Freiheitsrechten im 19. Jahrhundert.

Als die Freiheitsrechte – darunter auch die Pressefreiheit, die wir heute feiern – im 19. Jahrhundert in die Verfassungen der sich herausbildenden modernen europäischen Nationalstaaten aufgenommen wurden, sahen sich die Hüter des Lehramts der Katholischen Kirche bedroht. Zwei Enzykliken sind in diesem Zusammenhang bedeutend: Mirari vos (1832, Papst Gregor XVI.) und Libertas praestantissimum (1888, Papst Leo XIII.). Sie wenden sich strikt gegen den neuen Ansatz, das Gewissen vom Subjekt her zu bestimmen und nicht von der objektiven Wahrheit her und damit dem Einzelnen gegen diese Wahrheit Freiheiten einzuräumen, auch Freiheiten zum Widerspruch, zum Widerstand und – aus Sicht der Kirche – zum Irrtum.

Zunächst zu Mirari vos, zu deutsch: „Ihr wundert Euch“. Gemeint ist damit „über das lange Schweigen“, denn Mirari vos erschien als Antrittsenzyklika Papst Gregors XVI. erst im zweiten Jahr seines Pontifikats. Heute wundern sich indes viele – auch viele Katholiken – über den Inhalt der darin formulierten Gedanken, zumindest über die Schärfe, mit der sie vorgetragen werden. Es wimmelt in der Polemik gegen die Freiheit des subjektivistisch gedeuteten, inhaltlich leeren Gewissens von sprachlichen Spitzen und deftigen Kraftausdrücken – nach Maßgabe dessen, was von einer Enzyklika stilistisch erwartet werden kann, aber vor allem auch im Vergleich zu den Enzykliken der letzten Jahrzehnte aus der Feder von Papst Johannes Paul II., Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus, ist das kaum erträglich. Die Gefahr der Beliebigkeit, die dem Subjektivismus eignet, wird zum „Wahnsinn“ („Aus dieser modrigen Quelle der Gleichgültigkeit, die den Glauben betrifft, fließt jene törichte und falsche Ansicht, die man besser als Wahnsinn bezeichnet, für jeden die Gewissensfreiheit zu fordern und zu verteidigen.“), die Meinungsfreiheit – eine Stütze der modernen Demokratie – wird zum „Wegbereiter für diesen überaus verderblichen Irrtum“, aus dem „die Wandlung der Gesinnungen“ entstamme, „die zur Verderbnis der Jugend“ führten, einem Zustand, aus dem wiederum „die Verachtung des Volkes gegenüber der Religion sowie der heiligsten Dinge und Gesetze hervorgeht“. Genau das ist ja die Idee des subjektivistischen Gewissenskonzepts: im Zweifel muss es ein „Recht auf Verachtung der Ordnung“ geben. Die Sorge Papst Gregors XVI. kann dahingehend verstanden (und insoweit auch geteilt) werden, dass er zu meinen scheint, es bestünde die Gefahr, aus dem Zweifel des Gewissens im Einzelfall werde ein Dauerzustand unmotivierter Rebellion gegen Kirche und Staat, eine Art „Wutbürgertum“ um der Wut willen. Schaut man sich heute um und blickt auf die Heerscharen besorgter Bürgerinnen und Bürger, könnte man fast geneigt sein, dem Papst posthum Recht zu geben. Ironie der Geschichte. In Mirari vos wird weiterhin benannt, wie dem subjektivistischen Gewissensbegriff in der Gesellschaft zum Durchbruch verholfen werden soll: mit den liberalistischen Konzepten der „Redefreiheit“ und der „Pressefreiheit“.

Daran knüpft über ein halbes Jahrhundert später Libertas praestantissimum an, eine Schrift „über die Freiheit und den Irrtum des Liberalismus“. Was hier so unmodern oder gar anti-modern klingt, ist von der Sorge getränkt, dass sich die Beliebigkeit des Subjektivismus aus der philosophisch-theoretischen Betrachtung des Gewissens in der sozialen und politischen Praxis in Gestalt eines Liberalismus manifestiert, der keine Grenzen anerkennt und der Rücksichtslosigkeit Tür und Tor öffnet. Während der Subjektivismus Freiheit und Wahrheit gegeneinander ausspielt, stellt das Naturrecht, wie wir sahen, eine vitale Beziehung, ja: eine Abhängigkeit her. Die katholische Formal lautet seit Thomas von Aquin: „Freiheit ja, Liberalismus nein!“. Denn Freiheit bleibt an Wahrheit gebunden, und damit an Pflicht und Verantwortung, die – zumindest nach Meinung des Lehramts der Katholischen Kirche – im Liberalismus zu kurz kommen. Die Freiheit des Menschen liegt im Horizont der Wahrheit Gottes. Bewegt sie sich dort hinaus – und diese Gefahr sieht die Kirche im Liberalismus – ist sie keine Freiheit mehr, die zum Menschen passt.

Leo XIII. betrachtet diesen Konnex am Ende eines von Subjektivismus und Individualismus geprägten Jahrhunderts als vollends aufgeknüpft und bezieht daher seine Motivation: „Da jedoch viele hartnäckig an der Meinung festhalten, als seien jene Freiheiten auch in dem, was sie Verdorbenes enthalten, die höchste Zier unseres Jahrhunderts und das notwendige Fundament, auf dem die Staaten ruhen, in dem Maße, dass ohne sie eine vollkommene Staatsregierung nicht denkbar sei, darum erscheint es Uns mit Rücksicht auf das öffentliche Wohl notwendig, diese Frage besonders zu erörtern“ (Nr. 2). Der Papst führt dazu zunächst aus, dass die Rechtsordnung den Freiheitsgebrauch des Menschen zu dessen Wohl einschränken muss: „Da es sich so mit der menschlichen Freiheit verhält, so musste sie gestählt werden durch entsprechende Hilfs- und Schutzmittel, durch welche ihre ganze Tätigkeit auf das Gute hin- und vom Bösen abgelenkt werde; widrigenfalls hätte die Willensfreiheit dem Menschen zum großen Schaden gereichen können“ (Nr. 7). Dieser Ordnung steht das Naturrecht im Rücken: „Ein solches Gesetz ist an erster Stelle das Naturgesetz, welches geschrieben steht und eingegraben ist in die Seele jedes einzelnen Menschen; es ist nämlich die menschliche Vernunft selbst, die da das Gute befiehlt und das Böse verbietet“ (Nr. 8). Dieses Naturrecht, aber auch das positive Recht der menschlichen Gemeinschaft wurzelt in Gott, durch, mit und in welchem der Mensch zur wahren Freiheit gelangt: „Ob die menschliche Freiheit in dem Individuum oder in der Gesellschaft, ob sie denen, die befehlen, oder in denen, die gehorchen, betrachtet wird, zu ihrem Wesen gehört notwendig, dass sie jener höchsten und ewigen Vernunft unterworfen ist, die nichts anderes ist als die Autorität Gottes, der befiehlt und verbietet. Diese gesetzmäßigste Gewalt Gottes über die Menschen hebt so wenig die Freiheit auf oder mindert sie, dass sie dieselbe vielmehr schützt und vervollkommnet. Die wahre Vollkommenheit jeglichen Wesens besteht ja darin, dass es nach seinem Ziele strebt und es erreicht; das höchste Ziel aber, das der Mensch in seiner Freiheit anstreben soll, ist Gott“ (Nr. 11). Daraus folgt das Recht zum Widerstand gegen „unrechtes Recht“: „Die rechtmäßige Gewalt stammt von Gott, und wer der Gewalt widersteht, widersteht dem Willen Gottes; auf diese Weise erhält der Gehorsam eine ganz erhabene Würde, da er der gerechtesten und höchsten Autorität geleistet wird. Wo aber das Recht zu befehlen nicht vorhanden ist, oder wo etwas befohlen wird, was der Vernunft, dem ewigen Gesetze, dem Gebote Gottes zuwider ist, ist es recht, nicht zu gehorchen, nämlich den Menschen nicht zu gehorchen, damit Gott der schuldige Gehorsam geleistet werde. Hierdurch ist der Tyrannei der Zugang versperrt und die weltliche Obrigkeit angewiesen, dass sie nicht alles an sich ziehe, dem einzelnen Bürger sind seine Rechte gewahrt, ebenso der Familie wie allen Mitgliedern des Staatswesens; jedem wird das Maß seiner wahren Freiheit gegeben, das wie wir gezeigt haben, darin besteht, dass ein jeder nach den Gesetzen und nach der gesunden Vernunft leben kann“ (Nr. 13). Gegen diese Freiheit, der die Kirche immer als „Schützerin“ diente (Nr. 12), wende sich nun der Liberalismus, der „unvernünftig“ (Nr. 15) und sogar „gefährlich“ (Nr. 16) sei, was an der „Kultusfreiheit“ (Nr. 20-22), der „Rede- und Pressefreiheit“ (Nr. 23) sowie der „Lehrfreiheit“ (Nr. 24-28) verdeutlicht wird, immer mit dem Anspruch, dass es erstens die Wahrheit gibt, dass sie zweitens zu erkennen ist und dass sie drittens in der kirchlichen Lehre ihren anzuerkennenden Ausdruck findet.

Das ist heute – nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – schwer verdauliche Kost. In Teilen – vor allem in der Diktion – ist es schlicht zurückzuweisen. Doch ich will mal für Gregor XVI. und Leo XIII. etwas Ehrenrettung betreiben. Die Päpste des 19. Jahrhunderts haben geahnt, dass ein subjektivistisch begründetes Gewissen nicht als moralische Instanz taugt, soweit man daran festhält, die Existenz und Erfahrbarkeit einer moralischen Wahrheit zu behaupten. Das ist das ethische Argument gegen subjektivistische Gewissensfreiheit: Ein inhaltsleeres Gewissen, das beliebig gefüllt werden kann, hat keinen Wert und damit keine Bedeutung für die Ethik. Es ist richtig, dass sich die Kirche sorgt, das Gewissen könne zum leeren Begriff und zum beliebig einsetzbaren Joker in der Moraldebatte werden. Das Gewissen ist als subjektive Gegebenheit Ausdruck einer objektiven Wertordnung, bleibt also angebunden an moralische Wahrheit und an Verantwortung, einer Verantwortung gegenüber der außerhalb des Menschen stehenden absoluten Normativität, sprich: des göttlichen Gebots, das qua Naturrecht ins Subjekt gelangt und dort gleichsam Manifestation des Objektiven bleibt.

Also: Soll das Gewissen überhaupt noch eine Rolle in der Ethik spielen, darf es nicht derart ausgehöhlt werden, wie Gregor und Leo dem Liberalismus unterstellten, überzogen in der Form, zu misstrauisch dem Menschen gegenüber, doch nicht gänzlich verfehlt, wie man den Ego-Debatten heute erkennen kann. Die Forderung nach strenger Prüfung des Gewissens sind von daher berechtigt, man darf es sich mit der Berufung auf das Gewissen nicht zu einfach, quasi bequem machen. Schon gar nicht, wenn man in den Medien zum Multiplikator von Meinungen wird. In diesem Punkt können und müssen wir aus den römischen Positionen des 19. Jahrhunderts lernen.

(Josef Bordat)

Corona-Karwoche, oder: Freiheit erfahren

Die Karwoche ist geprägt von der Hoffnung auf Freiheit. Die meisten der Zeitgenossen Jesu (offenbar wohl auch Judas) hofften dabei auf den politischen Befreier Israels, nur ganz wenige denken schon damals an die spirituelle Freiheit des Geistes, Befreiung von religiösem Formalismus, an ein Frei werden vor und für Gott. Jene Hoffnung auf äußere Freiheit wird enttäuscht, diese Chance zur inneren Freiheit bleibt hingegen oft ungenutzt, weil unverstanden.

Und das nicht nur damals. Heute ist es ganz ähnlich: Es ist in der Corona-Krise viel die Rede von der Einschränkung der äußeren Freiheiten, die wir sonst regelmäßig – ohne groß darüber nachzudenken – in Anspruch nehmen. Versammlungsfreiheit, Religionsfreiheit, Freizügigkeit. Selbstverständlichkeiten, die jetzt eben nicht mehr lebbar sind, ohne Gefahr für sich und andere. Auf der Ebene innerer Freiheit sind auch heute – den vielen Ratgebern zum Trotz, die diesen Topos aus allen möglichen und unmöglichen Perspektiven betrachten – viele Menschen kaum ansprechbar. So könnte aus dem „Hosianna!“-Zuspruch für die Krisen-Politik der Bundesregierung ganz schnell ein „Kreuziget ihn!“ werden – oder: ein „Kreuziget sie!“, dann nämlich, wenn die Maßnahmen nicht planmäßig wieder gelockert werden können.

Im Christentum ermöglicht die innere Freiheit die äußere Befreiung des Menschen. Denn mit der Auferstehung werden beide Hoffnungen erfüllt: die spirituelle Freiheit der Gotteskindschaft und – darauf basierend – die weltliche Freiheitsidee als Unabhängigkeit von mehr als nötig einengenden religiösen oder politischen Normen. Die Freiheiten des Inneren und des Äußeren fließen zusammen, werden eine untrennbare Einheit, die es ermöglicht, die Freiheit gleichermaßen zum Thema von Religion und Politik zu machen. Nur im Christentum ist das in dieser Eindeutigkeit gelungen, weil nur dort die Wertschätzung des Individuums und der Gemeinschaft gleichermaßen eine Rolle spielt; durch engagierte Christen wird dieser Gedanke historisch wirkmächtig (etwa im Zusammenhang mit dem Ende der Sklaverei, vgl. hier [Punkt 3]).

Die Freiheit Gottes ist Grund der menschlichen Freiheit (Thomas von Aquin). Und Gott will uns in Christus befreien: Der österliche Mensch ist das irdische Wesen mit der größten Freiheit (Jörg Zink). Oder, in den Worten des Galaterbriefs: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5, 1). Sich dem christlichen Glauben der Kirche anzuschließen, bedeutet also nicht die Aufgabe von Freiheit, sondern ganz im Gegenteil: die Ermöglichungsbedingung ungeahnter Freiheitserfahrung. Spürbar wird das auch jetzt, in der Corona-Krise, wenn wir – unabhängig von der äußeren Freiheitsbeschränkung – über die Medien Gottesdienst feiern und uns mit dieser neuen Erfahrung auch von manchen Zwängen befreien, die unsere Vorstellung von einer „gelungenen“ Kar- und Osterliturgie einengen.

„Die Freiheit kennzeichnet die im eigentlichen Sinn menschlichen Handlungen“, heißt es im Katechismus (Kompendium, Nr. 363). Die Freiheit ist so eng mit der Handlung verbunden, dass ein unfreies Handeln schlicht unmöglich wird. Unter Zwang mögen sich Dinge ergeben oder ereignen – gehandelt werden kann nur in Freiheit. In jener inneren Freiheit, von der Jesus spricht. Wenn wir diese in den kommenden Tagen entdecken und erfahren, wird das momentane Fehlen äußerer Freiheiten weniger schwer erträglich sein.

(Josef Bordat)

Fastenzeit

1. Am heutigen Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit, in der sich Christen auf Ostern vorbereiten. Fasten spielt aber nicht nur im Christentum, sondern in allen großen Religionen eine Rolle. Bekannt sind der islamische Ramadhan (Fasten als eine der fünf Säulen des Glaubens), das jüdische Fest Jom Kippur (Fasten als dankbare Erinnerung an den Versöhnungstag, an dem der Priester im Heiligtum für die Sünden des ganzen Volkes sühnte, Lev 16, 29-31) oder auch die Rede vom Nutzen des Fastens im Buddhismus (Fasten als Beitrag zu einem ungetrübten Geist).

In der Bibel finden wir zahlreiche Stellen, die den Wert des Fastens belegen. Dabei geht es insbesondere um Buße und Befreiung von Schuld und Sünde. „Buße tun“ heißt dabei im Christentum, umzukehren und sich auf die Botschaft Jesu zu besinnen. Dieser Versuch, zur Quelle des Lebens zurückzukehren, geht mit dem äußeren Akt des Fastens einher. Buße und Fasten lassen sich kaum voneinander trennen. Daher wird die nun beginnende „österliche Bußzeit“, wie es korrekt heißt, zurecht auch „Fastenzeit“ genannt.

2. Fasten hat der Bibel nach eine lange Tradition. Schon die Einwohner der Stadt Ninive haben versucht, ihrem Untergangsschicksal durch „Fasten und Buße“ zu entgehen: „Da glaubten die Leute von Ninive an Gott und ließen ein Fasten ausrufen und zogen alle, groß und klein, den Sack zur Buße an.“ (Jon 3, 5). Ferner ist das Fasten damit auf die Beschwichtigung Gottes gerichtet – als Alternative zum Opfer. An anderer Stelle wird diese Intention noch deutlicher: „Dann rief ich dort am Fluss bei Ahawa ein Fasten aus; so wollten wir uns vor unserem Gott beugen und von ihm eine glückliche Reise erbitten für uns, unsere Familien und die ganze Habe.“ (Esr 8, 21).

Auch auf die Gefahren und Unannehmlichkeiten des Fastens wird in der Bibel verwiesen. In den Psalmen heißt es einmal „Ich nahm mich durch Fasten in Zucht, doch es brachte mir Schmach und Schande.“ (Ps 69, 11) und an anderer Stelle: „Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Leib nimmt ab und wird mager.“ (Ps 109, 24). Entscheidend für die Tradition des Fastens in der christlichen Kirche ist jedoch, dass Jesus Christus selbst 40 Tage in die Wüste ging, um sich fastend auf seine Mission vorzubereiten (Mt 4, 1-11). Hier ist der Bezug zum Alten Bund erkennbar, denn die Israeliten zogen nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei auf dem Weg in das verheißene Land 40 Jahre durch die Wüste.

3. Viele Heilige, die sich in die Nachfolge Christi begeben haben, stellten das Fasten in den Mittelpunkt ihrer Berufung, etwa Hildegard von Bingen oder Franz von Assisi. In einem Brief an die heilige Klara formuliert Franziskus Grundsätze des Fastens. Der Brief selber ist leider nicht erhalten, doch schreibt die heilige Klara von Assisi an die selige Agnes von Prag über diesen Brief. Daraus lässt sich ableiten, dass Franz von Assisi den gesunden Schwestern riet, das ganze Jahr hindurch zu fasten – außer an Sonntagen und an Weihnachten.

4. Für viele Menschen, die heute fasten, überwiegt der Gesundheitsaspekt des Verzichts. Der ist sicher gegeben. Schon Hippokrates hat das Fasten aus gesundheitlichen Gründen empfohlen: „Wer stark, gesund und jung bleiben und seine Lebenszeit verlängern will, der sei mäßig in allem, atme reine Luft, treibe täglich Hautpflege und Körperübung, halte den Kopf kalt, die Füße warm und heile ein kleines Weh eher durch Fasten als durch Arzneien.“

Heute erreicht die Verzichtskultur zudem den Status einer Modeerscheinung, die getragen wird von Gesundheitstrend, Schlankheitswahn und dem Wunsch nach Ausbruch und Befreiung, dessen Erfüllung man sich für Körper und Seele gleichermaßen erhofft. Fasten, um sich zu retten. Und angesichts der düsteren Prognosen zum Klimawandel fordern immer mehr Menschen – auch solche, von denen man es kaum erwartet – einen weitreichenden Verzicht auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens: Verzicht auf das Auto, Verzicht auf Fleisch. Oder gar auf tierische Produkte insgesamt. Fasten, um die Welt zu retten.

5. Es gibt – unabhängig von der Motivation – verschiedene Formen und Gestalten des Fastens: Heilfasten, verbunden mit völliger Abstinenz fester Nahrung, der selektive Verzicht auf bestimmte Nahrungs- bzw. Genussmittel (etwa Alkohol, Süßigkeiten, Fleisch), das Einschränken von Lebensgewohnheiten. Dann bleiben der Fernseher oder das Mobiltelefon zeitweilig ausgeschaltet. „Warum nur?“, möchte man fragen. Auch wenn man den religiösen Motivationen nicht folgt und insoweit nicht schon im Fasten selbst den Grund erkennt, so hat das Fasten auch als Verzichtsübung im Hinblick auf die Buße, Umkehr und Neuorientierung zwei entscheidende säkulare Aspekte: Solidarität und Freiheit.

6. Zum einen ist das Gefühl der Solidarität mit denen, die nicht freiwillig entsagen, sondern einfach nicht genug haben von dem, auf das wir verzichten, ein bestimmendes Moment des Fastens. Aus der Verbundenheit im Verzicht erwächst die tätige Hilfe, nicht nur in der Anteilnahme an der Not des Mitmenschen, sondern im Teilen des Materiellen, so dass die Not gelindert werden kann. Hier wirkt sich das Fasten ganz konkret aus, in der Welt.

Diese Solidarität ist zunächst ein Akt des Einzelnen, der aus dem persönlichen Verzicht heraus zum Teilen befähigt wird. Aus der individualistischen Fastenlehre hat sich jedoch auch eine christliche Konsumethik entwickelt, die sich nicht nur positiv auf das körperliche Befinden und das Seelenheil dessen auswirkt, der sich ihr verschreibt, sondern die auch systematisch gesellschaftliche Veränderung herbeiführen kann. So ist es nach Max Weber ironischerweise gerade diese innerweltliche Askese, die eine große historische Rolle bei der Schaffung des modernen Wohlstandes gespielt hat. Ein bescheidener Lebenswandel, die Bereitschaft zum Reinvestieren von Gewinn und der Wille zum Lernen prägten eine Ausrichtung auf die diesseitige Welt, in der das verantwortliche Ausüben weltlicher Aufgaben mit Blick auf das Jenseitige und Ewige idealisiert wurde; Gott als letzter Zweck, auch der Wirtschaft.

Kern der Unternehmer-Askese ist bei Max Weber der Gedanke, nicht um des möglichen Genusses, sondern um der Ehre Gottes willen, fleißig zu sein und reich zu werden: „Das sittlich wirklich Verwerfliche ist nämlich das Ausruhen auf dem Besitz, der Genuss des Reichtums mit seiner Konsequenz von Müßigkeit und Fleischeslust, vor allem von Ablenkung von dem Streben nach ,heiligem‘ Leben. Und nur weil der Besitz die Gefahr dieses Ausruhens mit sich bringt, ist er bedenklich. […] Der Reichtum ist eben nur als Versuchung zu faulem Ausruhen und sündlichem Lebensgenuss bedenklich und das Streben danach nur dann, wenn es geschieht, um später sorglos und lustig leben zu können. Als Ausübung der Berufspflicht aber ist es sittlich nicht nur gestattet, sondern geradezu geboten.“ (Askese und kapitalistischer Geist, in: M. Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1 [Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus], Tübingen 1978, S. 166 ff.)

7. Zum anderen ist da die Idee der Freiheit, die das Fasten motiviert. Doch was hat Verzicht mit Freiheit zu tun? Eine Antwort lautet: So wie uns der Zwang zum Konsum, dem wir häufig unterliegen, die echte Freiheit raubt und uns nur die Spur einer Scheinfreiheit lässt, so kann uns umgekehrt der Verzicht auf Konsum die Freiheit zurückgeben. Es ist die Freiheit, etwas nicht zu haben, nicht haben zu müssen.

Wer gelernt hat, dass der Konsumzwang einengt und der Verzicht befreit, wird sich weniger schwer tun zu teilen als der, der diese Erfahrung nicht hat machen können. Das wiederum hat eine Rückwirkung auf die Bereitschaft zur Solidarität. Das Unverständnis gegenüber der Radikalität vieler Heiliger ist ein wenig auch der mangelnden Erfahrung geschuldet, wie viel Freude es macht und wie befreiend es wirkt, auf die äußeren Vergnügungen und Lebensinhalte wie Reichtum, Ruhm und Karriere zu verzichten und sich ganz Gott und dem Mitmenschen zuzuwenden.

(Josef Bordat)

Freiheit

Manche Menschen haben ein sehr eigentümliches Verständnis von Freiheit. Das tritt immer dann zu Tage, wenn sich diese Menschen mit dem eigentümlichen Freiheitsverständnis von anderen Menschen in irgendeiner Weise belästigt fühlen. Wenn diese Belästigung nicht an sich justiziabel ist, wird dann der Freiheitbegriff bemüht: Es schränkt mich ein! Ergo: Es darf nicht sein!

Freiheit setzt weder der Existenzberechtigung dessen eine Grenze, das ich selbst nicht in Anspruch nehmen möchte, noch bedeutet Freiheit, von allem, was einem nicht passt, verschont zu bleiben. Auch, wenn genau dieser Wunsch besteht. Im gesellschaftlichen Diskurs über die Grenzen der Freiheit spricht man dann vom „Verschonungspluralismus“: Verschon‘ mich bitte, ich tolerier‘s ja schon!

Das, was unser Recht zur Freiheit hergibt, entspricht aber eher einem „Konfrontationspluralismus“: Es gibt offensichtlich vieles, das anders ist, als man es gerne hätte, doch man kann nicht verlangen, dass es aus dem eigenen Blickfeld verschwindet, denn der Andere hat das Recht, es zu zeigen – auch, wenn man das nicht will.

Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden, Andersglaubenden und Andershandelnden. Das schränkt die eigene Freiheit ein. Freiheit ist keine absolute Verfügungsmacht, keine Umsetzungsgarantie des eigenen Willens in die allgemeine Wirklichkeit, sondern relative Berechtigung zur Mitgestaltung des gemeinsam in Anspruch genommenen und miteinander geteilten Freiheitsraums. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

(Josef Bordat)

30 Jahre Mauerfall

Hinter Deutschland liegt eine Generation Lebens und Arbeitens in Freiheit und Einheit. Die nächste Generation entscheidet, ob es dabei bleibt.

Berlin, Lichterfelde-Süd. Dort, wo einst die Mauer Ost und West trennte, wachsen nun Kirschbäume. Gepflanzt wurden sie in den 1990ern von in Berlin lebenden Japanern – aus Dankbarkeit für die Deutsche Einheit. Mittlerweile sind die Bäume zu einer prächtigen Allee herangewachsen, die zur Blütezeit zahlreiche Besucher anzieht.

Dass in den vergangenen 30 Jahren miteinander nicht immer gut Kirchen essen war, ist allen in Ost und West klar. Die Unterschiede, die geblieben sind und sich zum Teil sogar vergrößerten, zeigen sich nicht nur im Wahlergebnis. Doch auch da: Wenn, wie zuletzt in Thüringen, von denen, die zur Wahl gehen, die Hälfte für extreme linke oder extreme rechte Positionen optiert, dann steckt dahinter ein anderes Konzept von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Die für die allermeisten Menschen im Westen alternativlose Auffassung, die vor 30 Jahren friedlich erzwungene Demokratie sei die beste aller schlechten Staatsformen, wird offenbar nicht mehr von einer deutlichen Mehrheit der Menschen im Osten vertreten. Anders lassen sich die ostdeutschen Wahlergebnisse des Jubiläumsjahres der Weimarer Verfassung (100 Jahre), des Grundgesetzes (70 Jahre) und des Mauerfalls (30 Jahre) nicht erklären.

Das Jahrhundert des Ringens um Rechtsstaatlichkeit, um gleiche Chancen für alle, um gute Lebensbedingungen für möglichst viele – mit zahlreichen dramatischen Rückschlägen, deren Spuren zum 9. November 1989 führten – sollte eigentlich genug Lehr- und Anschauungsmaterial bereithalten, um auf dem Weg in die gemeinsame Zukunft nicht erneut zu straucheln. Der Anfang ist gemacht: Hinter Deutschland liegt eine Generation Lebens und Arbeitens in Freiheit und Einheit. Die nächste Generation hat es in der Hand, dafür zu sorgen, dass es dabei bleibt.

(Josef Bordat)