Wahn oder Hass?

Hanau – eine Woche danach.

In der Debatte um die Motive von terroristischer Gewalt gegen Menschengruppen, wie zuletzt in Hanau, werden zwei Positionen gegeneinander ausgespielt:

1. Der Täter ist „verrückt“: Die psychische Disposition (etwa zu paranoiden Verhaltensmustern) ruft Gewalt gegen Menschengruppen hervor.

2. Der Täter ist „verführt“: Die Hetze gegen Menschengruppen (etwa in den Sozialen Medien) ruft Gewalt hervor.

In Wahrheit gehört beides zusammen: Bei entsprechender Disposition (etwa zu paranoiden Verhaltensmustern) kann Hetze gegen Menschengruppen (etwa in den Sozialen Medien) die vorhandene Neigung aktualisieren und auf diese Weise die Gewalthandlung auslösen.

Wer hetzt, trägt damit zwar keine Schuld an der Neigung, sehr wohl aber eine Mitschuld an der Handlung.

(Josef Bordat)

Hanau und die AfD

Weil sowas von sowas kommt. (99 Luftballons, Nena)

Es wird momentan viel über den Zusammenhang von rechtextremer Hetze – auch seitens der AfD – und dem Anschlag von Hanau diskutiert. Die AfD weist die Anschuldigungen, sie bereite rassistisch motivierten Terrorakten ideologisch den Nährboden, weit von sich und verweist auf die psychische Verfassung des mutmaßlichen Täters Tobias R. Der sei eben „irre“, die Tat habe nichts mit der von der AfD vertretenen politischen Position zu tun.

Ich finde in diesem Zusammenhang einen Umstand recht interessant: Am Tag des Anschlags von Hanau (und zwar einige Stunden davor) berichtet die arabische Medienanstalt Al-Jazeera, dass die AfD-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen ein Malbuch für Kinder herausgegeben habe, in dem zahlreiche rassistische und xenophobe Motive zum Ausmalen angeboten werden, unter anderem eine Seite mit offenbar türkischen und arabischen Personen, die alle eine Waffe gezückt halten und dabei fröhlich tanzen.

Die AfD hat sich von dem Malbuch, das bei einer Veranstaltung in Krefeld auftauchte, zwischenzeitlich distanziert. Offenbar war jedoch irgendwann irgendjemand in der AfD auf den Gedanken gekommen, es läge in irgendeiner Weise im Rahmen zivilisatorischen Tuns, Kinder die Konturen von ausnahmlos als Gewalttäter dargestellten Menschen türkisch-arabischer Herkunft ausmalen zu lassen. Allein dieser Gedanke ist bestens geeignet, die Glaubwürdigkeit der alles von sich weisenden AfD in Zweifel zu ziehen. Zum Anschlagsmotiv des Tobias R. – rassistisch motivierter Hass auf Menschen türkisch-arabischer Herkunft – passt der AfDler-Gedanke hingegen auffällig gut.

(Josef Bordat)

Hanau

Wenn Menschen aus dem Ausland mich fragen, was denn eigentlich los sei in Deutschland, kann ich nur noch sagen: Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, warum hierzulande immer mehr Menschen Verschwörungstheorien anhängen, Rechtsextremisten wählen, sich einen Bürgerkrieg wünschen, Gewalt gegen die verüben, die hinsichtlich irgendeiner Eigenschaft anders sind. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es uns einfach zu lange viel zu gut gegangen.

Die Nachricht aus Hanau, wo ein Mensch offensichtlich in zwei Shisha-Bars insgesamt neun Personen erschoss, nach Hause fuhr, seine Mutter und sich selbst tötete, macht mich fassungslos. Nach derzeitigem Stand liegt ein fremdenfeindliches Motiv vor. Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen übernommen, weil von einer „terroristischen Gewalttat“ auszugehen ist. Der mutmaßliche Täter hatte sich ausländerfeindlich und rassistisch geäußert. Zuvor soll er Verschwörungstheorien über Geheimorganisationen und Untergrund-Labore sowie rassistische Inhalte sich bis hin zu Genozid-Fantasien im Internet veröffentlicht haben.

Psychisch Kranker Einzeltäter? Überzeugter Rechtsextremist? Gewaltsamer Ausdruck der gesellschaftlichen Entwicklung hin zur Akzeptanz von rechtsextremen Ansichten? Vielleicht ist es gerade die Mischung aus allem, die Terrorakte wie den von Hanau ermöglichen. Wenn ich mich so umschaue in den Sozialen Medien, dann steht uns diesbezüglich noch einiges bevor.

Den Opfern der Bluttat und ihren Hinterbliebenen mein Mitgefühl und meine Gebete.

(Josef Bordat)