Auf die Probe gestellt

Wie wir die Quarantäne mit benediktinischer Weisheit meistern.

Pater Anselm Grün, Benediktinermönch. Seit Jahrzehnten leistet er kompetent und tiefgründig Lebenshilfe auf Grundlage der biblischen Botschaft, der theologischen Tradition der Kirche, insbesondere seiner Ordensgemeinschaft, und neusten psychologischen Erkenntnissen. Dass er sich gerade jetzt, in einer Zeit kollektiver Krisenhaftigkeit, zu Wort meldet, ist wichtig und wertvoll.

Im Gespräch mit Simon Biallowons, dem Cheflektor des Herder-Verlags, analysiert Pater Anselm Grün aus benediktinischer Sicht, was die Quarantäne-Situation bedeutet, und entwickelt daraus Perspektiven auf gegenwärtige Schlüsselbegriffe: Trägheit und Rhythmus, Daheimsein und Distanz, Sorge und Solidarität. Trotz der Kürze (das Buch hat keine 100 Seiten) gelingt es ihm, dazu die entscheidenden Hebel in Bewegung zu setzen.

Anschlussmöglichkeiten an den reichen Erfahrungsschatz des Christentums zeigen sich schon sprachlich: „Quarantäne“ (von „quaranta giorni“ – 40 Tage) erinnert an die „Quaresima“ (Fastenzeit). Doch Pater Anselm Grün nutzt nicht nur die Etymologie, um Brücken zu schlagen. Auch die Phänomenologie der Quarantäne bietet Bezugspunkte zur Innerlichkeit, zum Verzicht, zum Ritus, also zu Aspekten des christlichen Fastens im Bewusstsein der 1500 Jahre reifen Spiritualität des Benediktinerordens.

Ein verbindendes Motiv von Quarantäne und „Social Distance“ auf der einen sowie Fasten- und Bußzeit auf der anderen Seite ist das der „Probe“. Die Situation fordert uns heraus. So wie der Verzicht auf das sonst so Bequeme und manchmal auch Betäubende in unserem Leben beim Fasten tiefsitzende Belastungen der Seele offenbart, so können auch jetzt Probleme zum Vorschein kommen, die wir ohne die qua Corona-Virus erzwungene Pause von der Normalität nicht bemerkt hätten. Auch dafür gibt Pater Anselm Grün Rüstzeug.

Balance halten (zwischen Nähe und Distanz, Kontakt und Alleinsein, Kommunikation und Stille), aushalten (sich und andere), das ist das Gebot der Stunde, die jedoch auch Möglichkeiten bietet, die wir unter normalen Umständen nicht hätten. Es ergibt sich die Chance, eingeschlagene Wege grundsätzlicher als sonst zu überdenken und neue Ziele zu definieren. Eine solche Chancen hat man nicht oft.

Sicher: Grau ist alle Theorie, auch die wohlbegründetste. Dennoch kann das Buch helfen, das Zusammenleben in Familien und Wohngemeinschaften zu verbessern und auch Alleinlebenden den Blick auf ihre besonders schwere Lage zu weiten. Der Effekt dürfte auch dann noch zu spüren sein, wenn man sich beim Hausarzt gegen Corona wird impfen können. Denn die Herausforderungen des Umgangs mit Zeit, mit Freiräumen, mit uns, für die Pater Anselm Grün Lösungen anbietet, bleiben bestehen, auch, wenn Probleme der spezifischen Situation wie der sprichwörtliche „Lagerkoller“ bald vergehen mögen.

Das Buch ist also weit mehr als eine Schrift anlässlich einer Ausnahmesituation, die zeigt, wie man die aktuelle Krise friedlich und gesund übersteht. Es deutet darüber hinaus an, wie man Krisen als Chancen nutzbar macht, indem man sie als Anlässe begreift, tiefer in sich hineinzuschauen – und in die reiche Tradition der Benediktiner. Es gibt mehr Proben zu bestehen als Corona.

Bibliographische Angaben:

Anselm Grün: Quarantäne! Eine Gebrauchsanweisung. So gelingt friedliches Zusammenleben zuhause.
Freiburg i. Br.: Herder 2020.
96 Seiten, 14 Euro.
ISBN 978-3-451-38869-9.

(Josef Bordat)