„Jede/r“ ist nicht „alle“, „alle“ ist nicht „jede/r“

Was mich an der Genderifizierung der Sprache stört, ist nicht so sehr das gestelzte Bemühen um Gleichberechtigung, Gleichstellung oder Gleichheit in einem zwar kulturell, aber faktisch unwichtigen Bereich (Es ist ja keinem Menschen geholfen, wenn er ab 1.3.2019 als „Sklav*In“ gehalten wird.), sondern, dass es echte Bedeutungsverschiebungen gibt.

So schreibt die Stadt Hannover ihren Verwaltern jeden Geschlechts vor, künftig das Wort „jeder“ oder „jede“ durch „alle“ zu ersetzen. Man muss nicht Wittgenstein kennen, um zu wissen, dass das semantisch nicht ganz genau dasselbe ist. „Jede/r“ und „alle“ sind keine Synonyme.

„Alle“ verweist auf ein gemeinschaftliches Handeln, das nur als solches sinnvoll möglich oder erwünscht ist, vor allem dann, wenn es einem Einzelnen gar nicht möglich wäre, entsprechend zu handeln, „jede/r“ hingegen auf individuelles Zu-Tun, das sich in der Summe zu einem Ganzen ergeben kann, aber nicht muss.

Fragt man, wer die Verantwortung an einer Sache trägt, dann unterscheiden sich Antwort eins: „Alle!“ und Antwort zwei: „Jede/r!“ fundamental, denn einmal geht es um das Kollektiv und einmal um das Individuum. Man könnte sogar fragen, ob überhaupt noch „jede/r“ verantwortlich ist, wenn doch schon „alle“ verantwortlich sind. In der Umwelt- und Klimaethik ist das keine Haarspalterei gelangweilter Philosophen, sondern ein schwerwiegendes Problem bei der Motivation von Vermeidungshandeln.

Spätestens in der Finanzverwaltung gibt es mit der Gleichsetzung von „jede/r“ und „alle“ Probleme. Gilt etwa in Hannover bei der Grundsteuer demnächst eine Haftung der Grundeigentümer-Gemeinschaft für die Gesamtsumme („Alle Grundeigentümer zahlen Grundsteuer“) oder bleibt es dabei, dass der/die einzelne Bürger/in nur für seinen/ihren Anteil haftet („Jede/r Grundeigentümer/in zahlt Grundsteuer“)?

Wenn man eine Gruppe von Menschen zum Mitsingen animieren will, sagt man: „Und jetzt alle!“, und nicht: „Und jetzt jede/r“. „Alle“ ist abstrakt, unbestimmt, unpersönlich („Alle Bakterien in der Petrischale überlebten 48 Stunden.“), „jede/r“ ist konkret, bestimmt, auf die Person bezogen („Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben in Freiheit und Würde“). „Alle“ beschreibt in lockerer Weise Gattungen („Alle Vögel sind schon da“), „jede/r“ beschreibt in exakter Form Entitäten („Jeder Vogel in diesem Zoo ist geimpft.“).

Also: Nicht nur ulkige Sternchen sind das Problem des Genderismus, sondern sprachliche Ungenauigkeiten. Das, wofür uns die Philologen dieser Welt beneiden, nämlich in und mit der deutschen Sprache über eine sehr genaue Ausdrucksmöglichkeit zu verfügen, wird preisgegeben. Zumindest scheint man/frau dazu bereit. Sollte „jede/r“ wissen, damit hinterher nicht „alle“ jammern.

(Josef Bordat)

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