Ein neues Gebot: Liebt einander!

Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht. Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen, und er wird ihn bald verherrlichen. Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen. Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt. (Johannes 13, 31-35)

Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.
– Doch wie hat Er uns geliebt? Was ist die Liebe Jesu? Kurz: Er hat uns als Seine Nächsten geliebt. Die Liebe Jesu ist Nächstenliebe, agape – geistige Hingabe, schenkende Liebe, die zur tätigen Barmherzigkeit wird. Und nicht eros, die sinnliche, begehrende Liebe.

Die Frage ist nun: Sind das zwei Arten von Liebe, die nichts miteinander zu tun haben, oder eher zwei Blickrichtungen des einen Liebens Jesu? Benedikt XVI. hat in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est (2006) eher den Unterschied verdeutlicht, indem er herausstellt, dass „die beiden Grundwörter Eros als Darstellung der ‚weltlichen‘ Liebe und Agape als Ausdruck für die im Glauben gründende und von ihm [Gott, J. B.] geformte Liebe“ dem Gegensatz von der Welt des alten Menschen und dem Reich Gottes des neuen Menschen entsprechen, ein Unterschied, wie er deutlicher nicht sein könnte. Benedikt weiter: „Beide werden häufig auch als ‚aufsteigende’ und ‚absteigende’ Liebe einander entgegengestellt; verwandt damit sind andere Einteilungen wie etwa die Unterscheidung in begehrende und schenkende Liebe (amor concupiscentiae – amor benevolentiae)“. Gleichwohl können eros und agape in der Lebenspraxis zusammenfallen, denn Differenz bedeutet nicht Dichotomie. Es ist kein Widerspruch, einen Menschen zu begehren und sich an ihn zu verschenken – ohne dass freilich eros die Bedingung für agape sein muss.

Auf ein typisches Missverständnis ist also an dieser Stelle hinzuweisen: Liebe im Sinne der Nächstenliebe (agape) ist nicht auf „Verliebtheit“ und Begehren (eros) angewiesen – das wäre das Ende der christlichen Ethik! Liebe als christliche Tugend ist, so Eberhard Schockenhoff, ein „sittlicher Grundakt, in dem der Mensch mit Zustimmung, Gutheißung und Urvertrauen dem Geschenk des Seins antwortet“, ein Akt, der als solcher zum „Strukturprinzip“ wird, „das den Grund, die Form und das Ziel des christlichen Lebens und Handelns bestimmen soll“. Das drückt Jesus normativ aus: Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.

Die Normativität der Liebe benötigt einen Begriff von Liebe, der wirklich in den Bereich dessen fällt, was der Mensch sollen kann. Damit ist klar – noch einmal sei es gesagt –, dass die Liebe, die Jesus meint, nicht im Sinne des Gefühlsbegriffs eros, sondern im Sinne des Vernunft- bzw. Willensbegriffs agape angesprochen ist. Liebe als christliche Tugend ist weniger Gefühl als vielmehr Haltung. Damit wird Liebe überhaupt erst ethisch relevant und kann geboten werden – ein Gefühl von Zuneigung hingegen kann man nicht verordnen. Von agape, so noch einmal Schockenhoff, sei denn auch in der Bibel an den Stellen die Rede, an denen in der deutschen Übersetzung „Liebe“ steht, eine Liebe, die mit einem unbedingten normativen Anspruch verknüpft ist, der das Christentum gegenüber allen anderen Religionen, Ideologien und Philosophien auszeichnet. Schockenhoff weist zudem darauf hin, dass agape in der griechischen Sprache eigentlich sehr ungebräuchlich ist, in der Bibel aber weitaus öfter vorkommt als das „ausdrucksstarke, im klassischen Griechisch bevorzugte Wort eros“, das „nahezu vollkommen vermieden“ wird, ebenso wie das Wort philia (Freundschaft), das „nur gelegentlich“ erscheine. Weil agape sonst kaum gebraucht wird, sei es, so Schockenhoff, „in seinem Sinngehalt weniger festgelegt“ als das in den Göttermythen zudem verschlissene und „mit allerlei geschlechtlicher Pikanterie“ negativ konnotierte Wort eros.

Die Liebe stellt ein vitales Konstitut des christlichen Glaubens dar, denn in dieser Liebe bleibt der „scheidende Erlöser und das Geschenk seiner Hingabe unter den Jüngern für alle Zeiten lebendig“ (Schockenhoff). Umgekehrt gilt: Der erheblichen Anforderung, die jene grenzenlose Liebe dem Menschen stellt, dem ungeheuerlich erscheinenden Anspruch einer (zumindest zeitweiligen) Selbstaufgabe im Interesse des Nächsten (nichts anderes findet bei einer Perspektivenübernahme statt), der ambitionierten agape in der Nachfolge Christi kann nur gerecht werden, wer „alle Wirklichkeit – die der anderen und die des eigenen Selbst – von Gott her“ sieht, denn: „Von ihm als dem Zentrum aller Wirklichkeit aus betrachtet, können wir alle in unserem Eigenwert wahrgenommen werden und so als Personen existieren, durch die das Licht göttlicher Wertschätzung hindurchscheint“, was dazu führt, dass diese Liebe zur unbedingten Annahme des Anderen „in seinem So-Sein und Hier-Sein“ führt (Schockenhoff). Eine solche absolute Liebe kann ohne absoluten Bezugspunkt, der eine bewirkende, zielgebende und einheitsstiftende Funktion erfüllt, nicht gelingen. Mit anderen Worten: Gott ist Garant dieser Liebe. Gott allein.

(Josef Bordat)

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Meine Schafe hören auf meine Stimme

Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins. (Johannes 10, 27-30)

Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir. Im heutigen Evangelium stellt sich uns Jesus – wie implizit an vielen anderen Stellen – als der Hirte seiner Schafe vor. Das polarisiert: Bin ich Teil der Herde oder stehe ich außerhalb?

Ausgerechnet auf dem Tempelweihfest brüskiert er „die Juden“ damit, dass er sie ausschließt: Ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört (vgl. Johannes 10, 22-26). Das bedeutet, dass man das Schafsein nicht durch den Glauben annimmt, sondern umgekehrt: Man muss bereits in die Herde des Herrn gestellt sein, um zu glauben. Der Glaube ist die Gnade des Schafes.

Jesus ist der gute Hirte. Das Bild des Hirten ist ein gutes Bild, eines, das reich an Assoziationsmöglichkeiten ist. Man verbindet damit Dinge, die auch für Gott, für Jesus gelten: Liebe, Treue, Sorge, Vertrauen, Beziehung, Ordnung, Einfachheit, Demut. Schon der Psalmist sang: Der Herr ist mein Hirte. (vgl. Psalm 23). Die Beziehung Gottes zum Menschen wird in Christus zur Beziehung des Hirten zu seiner Herde. Die Schafe der Herde zeichnen sich durch die Gemeinschaft aus, die sie zur Herde macht, aber auch durch Gleichheit, was Gleichwertigkeit bedeutet, nicht Gleichförmigkeit. Das eine Schaf mag mehr Wolle haben, das andere mehr blöken – der Hirte liebt sie alle gleich.

In der Nachfolge Christi geht das Bild auf Priester, Bischöfe und den Papst über: „Pastor“ heißt Hirte. Jesus erteilt Petrus den Auftrag zur Kirchenkonstruktion in zeitgemäßer Metaphorik: Weide meine Schafe! (vgl. Johannes 21, 15-19). Der Kleriker steht zum Kirchenvolk bzw. zum einzelnen Gläubigen wie der Hirte zur Herde bzw. zum einzelnen Schaf. Das scheint für den einzelnen Gläubige wenig schmeichelhaft: Wer will schon gerne Schaf sein, eingepfercht in eine Herde, kontrolliert vom Hirten?

Nicht vergessen werden sollte dabei allerdings, dass in dem Bild vom Hirten und seiner Herde ein Ausgleich zwischen Gemeinschaft und Individuum, ein Kompromiss aus Freiheit und Verantwortung dadurch gefunden wird, dass beide – Hirte wie Schaf – aufeinander angewiesen sind: Der Hirte lebt von der Herde, die ihn nährt, die Herde lebt Dank des Hirten, der sie schützt. Selbst die Führung wechselt, denn auch die Führung einer Herde lebt von der vertrauensvollen Beziehung: So führt der Hirte die Herde am Abend kompromisslos in den Stall des Besitzers (und das einzelne Schaf lässt sich darauf ein, weil es durch den guten Hirten eine Ahnung von Stall und Besitzer bekam), doch tagsüber lässt sich der Hirte von seiner Herde zu den besten Futterplätzen und Wasserquellen ziehen, denn er weiß: Dafür hat nur das Schaf den richtigen Sinn.

(Josef Bordat)

Karwoche. Hoffnung auf Freiheit

Die Karwoche ist geprägt von der Hoffnung auf Freiheit. Die meisten hoffen dabei auf den politischen Befreier Israels, nur ganz wenige denken an die spirituelle Freiheit des Geistes, Befreiung von religiösem Formalismus, an ein Frei werden vor und für Gott. Jene Hoffnung auf äußere Freiheit wird enttäuscht, diese Chance zur inneren Freiheit bleibt ungenutzt, weil unverstanden. So wird aus dem „Hosianna!“ ganz schnell ein „Kreuziget ihn!“, weil man sich einfach „mehr“ versprochen hat, verkennend, dass in der Passion „alles“ an Befreiung angelegt ist, was der Mensch braucht.

Mit der Auferstehung werden beide Hoffnungen erfüllt. Die Freiheiten des Inneren und des Äußeren fließen zusammen, werden eine untrennbare Einheit, die es ermöglicht, die Freiheit gleichermaßen zum Thema von Religion und Politik zu machen. Nur im Christentum ist das in dieser Eindeutigkeit gelungen, weil nur hier die Wertschätzung des Individuums und der Gemeinschaft gleichermaßen eine Rolle spielt.

Die Freiheit Gottes ist Grund der menschlichen Freiheit (Thomas von Aquin). Und Gott will uns in Christus befreien: Der österliche Mensch ist das irdische Wesen mit der größten Freiheit (Jörg Zink). Oder, in den Worten des Galaterbriefs: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal 5, 1). Sich dem christlichen Glauben der Kirche anzuschließen, bedeutet also nicht die Aufgabe von Freiheit, sondern ganz im Gegenteil: die Ermöglichungsbedingung ungeahnter Freiheitserfahrung.

„Die Freiheit kennzeichnet die im eigentlichen Sinn menschlichen Handlungen“, heißt es im Katechismus (Kompendium, Nr. 363). Die Freiheit ist so eng mit der Handlung verbunden, dass ein unfreies Handeln schlicht unmöglich wird. Unter Zwang mögen sich Dinge ergeben oder ereignen – gehandelt werden kann nur in Freiheit.

Ein gutes Beispiel für die Kraft des Christentums aus der Befreiung im Inneren ist denn auch die historische Überwindung der Sklaverei als äußerliches Phänomen des Rechts- und Wirtschaftssystems. Zwischen 1500 und 1800 wurden fast 11 Millionen Menschen aus Afrika nach Amerika und Europa verschleppt. Auch von Christen. Zugleich unter dem Protest von Christen, von prominenten Christen wie Papst Urban VIII. und einfachen Missionaren wie Petrus Claver.

Arnold Angenendt erinnert an die Rolle der „englischen und amerikanischen Dissenters, die ihre Länder zunächst für ein Verbot des Sklavenhandels und dann auch des Sklavenbesitzes zu mobilisieren vermochten“. Sie beriefen sich nicht auf politische Revolutionen, sondern auf die Revolution schlechthin: „den durch Christi Sühneblut bewirkten Loskauf“, die Erlösung des Menschen, die zur Befreiung aller Menschen motiviert.

Humanismus und Aufklärung hingegen entwickelten zur Sklavenfrage „keine eigenen Positionen, sondern übernahm allmählich die Positionen der Quäker und Evangelikalen“ (Egon Flaig). Ansonsten kann man in der Sklavenfrage mit Delacampagne von der „Gleichgültigkeit der Humanisten“ und dem „Schweigen der Philosophen“ sprechen, die sich höchstens, so Robin Blackburn, zu Wort meldeten, um die religiösen Begründungen der Sklaverei durch pseudowissenschaftliche Versuche „rassischer Anthropologie“ zu ersetzen. Selbst im aufgeklärten 18. Jahrhundert dachten „nur wenige“ der führenden Denker und Lenker „an eine restlose Abschaffung der Sklaverei“ (Stolberg-Rillinger).

Freiheit ist nicht selbstverständlich – die äußere nicht und die innere erst recht nicht. In diesem Jahr, in dem wir 70 Jahre Grundgesetz und 30 Jahre Mauerfall feiern, wird uns das bewusst. Unser ganzes Leben ist geprägt von der Hoffnung auf Freiheit. In der Karwoche wird das ganz besonders deutlich. Wenn die Falschen verhaftet und die Falschen freigelassen werden, wenn das Zwangssystem zu triumphieren scheint, wenn jedes Fünkchen Hoffnung auf das kleinste Stückchen Freiheit nur noch absurd wirkt, dann gibt uns das leere Grab den entscheidenden Hinweis: Gott befreit uns zum Leben.

(Josef Bordat)

Macht aus Ohnmacht

In jener Zeit, als Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes von dem Berg herabgestiegen war und sie zu den anderen Jüngern zurückkamen, sahen sie eine große Menschenmenge um sie versammelt und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Sobald die Leute Jesus sahen, liefen sie in großer Erregung auf ihn zu und begrüßten ihn. Er fragte sie: Warum streitet ihr mit ihnen? Einer aus der Menge antwortete ihm: Meister, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er ist von einem stummen Geist besessen; immer wenn der Geist ihn überfällt, wirft er ihn zu Boden, und meinem Sohn tritt Schaum vor den Mund, er knirscht mit den Zähnen und wird starr. Ich habe schon deine Jünger gebeten, den Geist auszutreiben, aber sie hatten nicht die Kraft dazu. Da sagte er zu ihnen: O du ungläubige Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir! Und man führte ihn herbei. Sobald der Geist Jesus sah, zerrte er den Jungen hin und her, so dass er hinfiel und sich mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden wälzte. Jesus fragte den Vater: Wie lange hat er das schon? Der Vater antwortete: Von Kind auf; oft hat er ihn sogar ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Doch wenn du kannst, hilf uns; hab Mitleid mit uns! Jesus sagte zu ihm: Wenn du kannst? Alles kann, wer glaubt. Da rief der Vater des Jungen: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Als Jesus sah, dass die Leute zusammenliefen, drohte er dem unreinen Geist und sagte: Ich befehle dir, du stummer und tauber Geist: Verlass ihn, und kehr nicht mehr in ihn zurück Da zerrte der Geist den Jungen hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Der Junge lag da wie tot, so dass alle Leute sagten: Er ist gestorben. Jesus aber fasste ihn an der Hand und richtete ihn auf, und der Junge erhob sich. Als Jesus nach Hause kam und sie allein waren, fragten ihn seine Jünger: Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben? Er antwortete ihnen: Diese Art kann nur durch Gebet ausgetrieben werden. (Mk 9, 14-29)

Warum klappt das mit dem Heilungswunder bei den Jüngern Jesu nicht? Schon interessant, was ihnen als erstes einfällt, nachdem Jesus einen offenbar sehr schweren Krankheitsfall geheilt hatte: „Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben?“ Statt sich für den Jungen zu freuen, dem es nach langen Jahren der Qual und des Leidens wieder gut geht, fühlen sie sich irgendwie zurückgesetzt.

Jesus antwortet ihnen: „Diese Art kann nur durch Gebet ausgetrieben werden“. Wie soll man das verstehen? Vielleicht so: Das Gebet ist das Gespräch mit Gott, es steht für die demütige Suche des Menschen nach dem Willen Gottes. Nur so lassen sich Wunder vollbringen, mit denen auch hartnäckige Dämonen besiegt werden können.

Dabei kommt es weder auf den Schaueffekt, noch auf die persönliche Kompetenz an. Als das Versagen der Jünger mit ihrer Schwäche erklärt wird („Ich habe schon deine Jünger gebeten, den Geist auszutreiben, aber sie hatten nicht die Kraft dazu.“), reagiert Jesus äußerst unwirsch: „Da sagte er zu ihnen: O du ungläubige Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen?“

Nanu – so kennen wir Jesus ja gar nicht! So gereizt, so genervt. Ihn stört offenbar das menschliche Kalkül, mit dem man Wunder vollbringen will: Je stärker, desto besser. Doch: Wer wirklich stark sein will, muss sich seiner Schwäche bewusst werden und dann den wirken lassen, der stärker ist als alles andere: Gott. Das ist das Prinzip Jesu, das die Menschen seiner Zeit nicht verstanden haben – nicht einmal seine Jünger, nicht einmal unter dem Kreuz: Macht entsteht aus der Ohnmacht, in der sich der Mensch ganz auf Gott verlässt. Oder, wie es Jesus sagt: „Alles kann, wer glaubt“.

(Josef Bordat)

Wasser, Wein und Wahrheit

„Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt, und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt, und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn.“ (Joh 2, 1-11)

Wie peinlich! Auf der Party geht der Wein aus. Wie praktisch! Einer der Gäste kann Wasser in Wein verwandeln. Das beeindruckt. Ein guter Anfang für den, der alles vollenden wird.

So kann man die bekannte Geschichte der Hochzeit von Kana lesen. Doch ist sie geprägt von tiefer Metaphorik, die uns theologisch etwas mehr herausfordert als darin nur den spektakulären Beginn des öffentlichen Auftretens Jesu zu sehen. Wir entdecken in den Bildern Hinweise auf die Heilsgeschichte – in, mit und durch Christus.

Zunächst ist die Hochzeit selbst ein Bild: Gott schließt im Bräutigam Christus einen neuen Bund mit seinem Volk, das sich daraufhin zur Braut „Kirche“ formiert.

Dann die Sache mit dem Wein. Er steht für die besondere Freude angesichts des Bundes. Diese Freude geht der Festgemeinde aus. Es bedarf einer Wandlung, um weiterfeiern zu können. Einer Wandlung, wie sie Christus immer wieder vollziehen wird, wenn er Trauriges froh, Krankes gesund und Totes lebendig macht.

Und am Ende seines irdischen Lebens wandelt er das Kreuz vom Symbol des grausamen Leids zum Symbol des ewigen Heils. Damit wandelt er alles – nichts ist mehr, wie es war. Die Kirche Jesu Christi verkörpert denn auch eine lange Wandlungsgeschichte, die bis heute andauert.

Mittendrin – in Kana und Kirche: Maria. Sie gibt uns den entscheidenden Rat: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2, 5). Ausgerechnet Maria, möchte man sagen. Die annehmende, die duldende, die schweigende Maria. Gerade deshalb sollten wir als Diener des einen Herrn (1 Kor 12, 5) besonders achtsam auf ihren Rat hören. Denn sie ist die Mutter Jesu, des guten Rates Gottes.

Schließlich: Wie wandelt Christus? In Kana ist das Ausgangsmaterial Wasserkrüge aus Stein – schwer, hart, scheinbar nicht zu verrücken. Es sind Monumente der alten Ordnung. Sie dienen dazu, der „Reinigungsvorschrift der Juden“ (Joh 2, 6) gerecht zu werden. Nicht aber der Stimmung auf der Hochzeit.

Jesus nimmt diese Wasserkrüge und wer fortan daraus trinkt, schmeckt Wein. Mehr noch: Aus den Artefakten der formalen Gesetzeskonformität wird der „gute Wein“ (Joh 2, 11) entnommen, der bislang unerkannt blieb, weil er „bis jetzt zurückgehalten“ wurde (Joh 2, 11): Christus selbst.

Christus erfüllt das Gesetz, das bislang nur voller Vorschriften ist. Er gibt dem Gesetz erstmals einen Geschmack – keinen faden Beigeschmack, kein „Geschmäckle“, sondern den guten Geschmack, der sich ergibt, wenn man hinter den Buchstaben den Menschen sieht. Christus wendet das Gesetz in Barmherzigkeit.

Damit nimmt er nichts von der Bedeutung des Gesetzes weg, sondern schenkt uns eine andere Perspektive auf dessen Wesenkern, die es uns erfüllen lässt: Liebe. Heraus kommt eine gewandelte Vorstellung dessen, worauf es ankommt. Am Ende steht eine tiefe Freude.

Die steht schon am Anfang, wenn wir spüren: Er ist da! Nach Geburt, Erscheinung und Taufe des Herrn feiert die Kirche den Beginn seines sichtbaren Wirkens. Und unseres Heils. Denn seine Jünger erkannten ihn und „glaubten an ihn“ (Joh 2, 11).

Fortan werden ihn die Apostel in die Welt tragen – man mag sich vorstellen, dass jeder der sechs Krüge zwei Henkel hat. Der Wein, in dem die Wahrheit liegt, kommt zu uns. Wir dürfen feiern.

(Josef Bordat)

Alle Jahre wieder. Kommt der Zweifel an der historischen Existenz des Christuskinds

Alle Jahre wieder. Kommt das Christuskind. Und mit ihm der Zweifel an seiner historischen Existenz. Daran schließen sich in den Sozialen Medien lange Debatten über Wesen und Wille Gottes, die Geschichte und Gegenwart des Christentums und den Sinn oder Unsinn von Religion(en) an. Das endet dann meist bei der Kirchensteuer.

Wir können über alles reden. Ob es ein Stall war oder eher eine Höhle, ob da wirklich Engel waren. Und Hirten. Wie das mit der Volkszählung war und mit dem Stern von Bethlehem. Der ist besonders interessant und hat die Forschung immer schon sehr beschäftigt. Eine Theorie über den Stern von Bethlehem geht auf Johannes Kepler zurück: Es handle sich um eine dreifache Planetenkonjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische. Sie fand 7 v. Christus statt, was zeitlich passt. Der Bedeutung nach ohnehin: Der Jupiter ist der „Königsstern“, der Saturn galt als kosmische Repräsentation der Juden (das englische „Saturday“ für Sabbat erinnert daran) und die Fische stehen für „Geburt“. Auch die anderen Phänomene, die Matthäus beschreibt – das „Voranziehen“ und „Stehenbleiben“ (Mt 2, 9) – lassen sich mit Keplers Theorie astronomisch erklären.

Gut, das hätten wir also. Aber ob Maria zeitlebens Jungfrau blieb, ob sie es überhaupt noch war, im Jahr der Geburt Jesu. Und wann dieses Jahr genau gewesen sei – das wisse man schließlich auch nur so ungefähr. Es fragt sich dabei , was man eigentlich mit einer solchen Diskussion bezwecken will, wenn man sie anstößt. Oft habe ich den Eindruck, dass es allein um die Diskreditierung des christlichen Glaubens geht, darum, der Welt vorzuführen, er sei etwas Irrationales oder zumindest völlig Beliebiges, das an jedem halbwegs seriösen Faktencheck scheitert und neben den man mit dem gleichen Recht jede andere Beliebigkeit stellen kann.

Betrachtet man jedoch die Geschichte, so ist es keineswegs egal, ob Jesus gelebt hat oder nicht. Die Entwicklung des Christentums ist ohne die Person Jesu nicht plausibel. Vielmehr: Ohne die Überzeugung der ersten Generation, dass Jesus leibhaft auferstanden ist und lebt (und das nicht nur in ihren Erinnerungen oder in ihren Herzen), ist die Entwicklung des Christentums völlig unplausibel. Menschen, die sich – ohne Aussicht auf Veränderung in der Gesellschaft – über einen Zeitraum von fast 300 Jahren (also zehn Generationen lang) verfolgen und ermorden lassen, müssen eine Hoffnung haben, die den Tod übersteigt. Und damit Jesus sterben und auferstehen kann, muss er erst einmal geboren werden.

Jetzt ist es freilich etwas kühn, von der Auferstehung auf den Tod und vom Tod auf die Geburt zu schließen. Wären Tod und Auferstehung die einzige Spur zur Krippe, dann wäre das etwas dünn. Wir haben die Spuren – bezogen auf historische Ereignisse wie die Geburt und das Leben antiker Menschen – nur ganz selten so deutlich vorliegen, dass wir uns sicher sein können. Dass Sokrates gelebt hat, ist etwa nur sehr schwach belegt, einzig durch seinen Schüler Platon nämlich. Platon könnte Sokrates aber auch erfunden haben, so wie Jostein Gaarder seine Sophie. Wir wissen es nicht. Bei Jesus ist die Quellenlage deutlich besser: Wir sind über keine Persönlichkeit der Antike so gut unterrichtet wie über den historischen Jesus von Nazareth.

Die vier Evangelien beschreiben das Leben Jesu zwar nur bruchstückhaft, doch ist das im Ergebnis immer noch weit informativer als das, was wir etwa über den Philosophen Sokrates wissen. Die Evangelisten wollten auch keine Biographien schreiben, sondern den theologischen Gehalt des Lebens Jesu herausstellen. So konzentrieren sie sich auf die Geburt und ihre besonderen Umstände, die Heilungs- und Wundererzählungen, die Lehre in ihrer Neuheit und Außergewöhnlichkeit und vor allem das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu, Ereignisse, mit denen Christen seitdem Opfer und Heil für die Welt verbinden.

„Bibel? Märchenbuch!“ – Es gibt neben den biblischen noch eine Reihe außerbiblischer Quellen, die Jesus erwähnen. Es gibt insgesamt mindestens neun Texte, die nicht zur Bibel gehören und in denen Jesus erwähnt wird. Es sind dies das Testimonium Flavianum (Flavius Josephus), eine Jakobusnotiz, der Talmud, die römische Geschichtsschreibung bei Sueton, Tacitus und Plinius dem Jüngeren sowie Notizen bei Thallus, Mara Bar Serapion und Lukian von Samosata. Sie alle erwähnen Jesus, in je unterschiedlicher Absicht. Wichtige Lebensereignisse – wie der Prozess und die Hinrichtung Jesu – gelten Historikern als bestens belegte Tatsachen, weit umfassender und stichhaltiger belegt sind als vergleichbare Ereignisse der antiken Welt. Zudem gibt es archäologische Befunde, die die Existenz Jesu nahelegen, etwa die Wandzeichnung eines gekreuzigten Esels, eine antike Karikatur, mit der sich der Künstler über die Verehrung eines Gekreuzigten lustig macht; unterschrieben ist sie mit „Alexamenos betet seinen Gott an“.

Der springende Punkte ist aber doch wohl der: Zwei Jahrtausende nach der Lebzeit des Sokrates treffen sich nicht über zwei Milliarden Anhänger des Sokrates regelmäßig in für Sokrates erbauten Gebäuden, singen für Sokrates komponierte Lieder und preisen Sokrates als ihren Heiland und Retter. Auch halten nicht hundert Millionen Menschen an ihrer Treue zu Sokrates fest, obwohl sie deswegen tagtäglich Nachteile erdulden müssen. Und es lassen sich nicht zigtausende Menschen Jahr für Jahr eher einsperren, foltern und töten, als den Namen des Sokrates zu verraten.

Das ist bei Jesus anders. Denn wir glauben an die Person Jesu, ganz Mensch und ganz Gott, eine Person, die als Mensch für die Wahrheit einsteht. Wir glauben an den Sohn Gottes, an den Menschen Jesus, der uns Gottes Wahrheit nahebringt. Auf Augenhöhe, wie man heute sagt. Um das zu können, dazu muss er ja geboren worden sein. Wann und wo und wie – darüber können wir gerne debattieren. Als Christen aber feiern wir zunächst und vor allem, dass Gott Mensch wurde. Nicht um zu richten, sondern um zu retten. Alles andere ist Nebensache.

(Josef Bordat)

Menschwerdung Gottes. Wie darf man das verstehen?

Gott wird Mensch, in Jesus Christus, im Kind, das in Bethlehem in einer Krippe liegt. Wir feiern es an Weihnachten. Doch, was bedeutet das: Menschwerdung Gottes? Zunächst: Wie ist es nicht gemeint? Nicht gemeint ist, dass in Jesus ein Halbgott entsteht, der hin- und hergerissen ist zwischen der göttlichen und der menschlichen Natur, der bestimmte göttliche Eigenschaften besitzt (aber eben nur einige) und bestimmte menschliche (und auch nicht alle). Das ist nicht gemeint. Jesus ist ganz Gott und ganz Mensch, mit allem, was dazu gehört. Und das auch noch gleichzeitig: Gott und Mensch.

Es gehört zu den zentralen Themen christlicher Theologie, darüber nachzudenken, wie man das fassen kann. Logisch ist es ja nicht. Logisch wäre die 50/50-Lösung des Halbgotts. Wahr ist hingegen (bzw.: soll sein) die Einheit zweier unvermischter 100-Prozent-Naturen in einer Person namens Jesus: Gott und Mensch.

Karl Rahner hat diese Einheit über das Phänomen des Geistes zu erklären versucht. Der menschliche Geist übersteigt den Menschen (also die eine 100-Prozent-Natur namens „Mensch“) und strebt zu Höherem. Im Extremfall gelangt die Selbsttranszendierung vollständig hin zum Absoluten (also zur anderen 100-Prozent-Natur namens „Gott“). Jesus, so Rahner, sei diese komplette und totale Selbstentäußerung gelungen, auf Gott hin, bis zur restlosen Identifikation. Zwischen dem Geist Jesu und dem Heiligen Geist passt gewissermaßen kein Gedanke mehr.

So, und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Es bleibt nicht bei dieser Transzendierung, sondern es passiert in Jesus eine Art Schubumkehr in Richtung Welt. Also, während man auch Buddha durchaus zubilligen kann, spirituell ziemlich nah ans Göttliche gelangt zu sein, muss man bei Buddha feststellen, dass die Schlussfolgerung dieses „erleuchteten Geistes“ die Teilnahmslosigkeit, ja, das Desinteresse an der Welt ist. Er verlässt in der Transzendierung zum Göttlichen gleichsam das Menschliche.

Anders Jesus: Er zeigt, dass man nur in der Rückwendung zur Welt das Geheimnis der geistigen Offenheit für Gott durchdringen kann. Ganz salopp gesagt: Ohne Rückbesinnung auf die Welt und die Menschen bringt einem die geistige Einheit mit Gott nichts. Nur am konkreten Handeln ist dem Menschen letztlich die geistige Selbstmitteilung Gottes verstehbar. Daher die Gleichrangigkeit von Gottes- und Nächstenliebe, die Jesus neu einführt. Deshalb geht es gerade an Weihnachten auch so weltlich zu, mit Volkszählung, Stall, Hirten usw.

Da Jesu Geist zur Einheit fähig ist (zur familiären Beziehung mit dem Absoluten, das die Juden zuvor und auch die Moslems danach nur weit entrückt und in fast schamhafter Ehrfurcht ansprechen) und auch in Bezug auf den Menschen optimal lebt (um dann immer wieder im Gebet besagte Einheit mit Gott, dem „Vater“, zu suchen – viele Wunderberichte alternieren zwischen diesen beiden Orientierungen), können wir, so Rahner, ihn Jesus erkennen, was Selbstmitteilung Gottes bedeutet, was Gott – jetzt wieder etwas oberflächlich gesagt – eigentlich von uns will. Dazu ist die Menschwerdung nötig. Damit wäre Weihnachten die Klärung eines großen Missverständnisses, das die Schöpfung belastet.

Wenn nun Jesus als die personale Selbstmitteilung Gottes erscheint, dann ist Er der Retter aller Menschen, nicht nur derer, die an ihn Glauben. Auch das ist eine Konsequenz aus der Vorstellung Rahners, der in dem Zusammenhang den Begriff des „anonymen Christen“ geprägt hat: Menschen, die Anteil haben an der durch die Menschwerdung Gottes neu gewonnenen Nähe des Menschen zu Gott, ohne jedoch an Jesus Christus als denjenigen zu glauben, der diese Nähe konstituiert. Finde ich spannend, gerade in bzw. für Zeiten, in denen das formal Religiöse mehr und mehr schwindet.

(Josef Bordat)