Die Welt besiegen

Im heutigen Tagesevangelium (Joh 16, 29-33) sagt Jesus: „Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16, 33). Wer davon spricht, einen Sieg errungen zu haben, der gibt damit zu verstehen, dass er sich durchgesetzt hat gegen einen Gegner. Ein Sieg setzt eine Auseinandersetzung voraus, einen Wettbewerb, einen Streit, den man auch hätte verlieren können.

Jesus spricht davon, die Welt besiegt zu haben. Das kann sich zum einen auf die äußeren Um- und Zustände in der Welt beziehen, auf Ungerechtigkeit und Unfrieden, auf Armut und Not, auf Machtmissbrauch und Rechtsbeugung. Das kann aber zum anderen auch das Weltliche und allzu Menschliche im Inneren meinen – Hass und Wut, Neid und Gier, Eitelkeit und Heuchelei.

Wer diesen inneren Kampf gewinnt, der hat es im Wettbewerb mit den Verlockungen der Welt viel leichter und kann auch den äußeren Umständen besser standhanden bzw. diese zum Guten verändern. Denn der Zusammenhang zwischen beidem ist augenfällig: Ohne Hass keinen Unfrieden, ohne Gier keine Ungerechtigkeit, ohne Neid keine Not.

Jesus will uns Kraft geben, diesen inneren Streit erfolgreich auszufechten und bietet sich als Motivationstrainer an, der genau weiß, wie schwer und wie hart diese Auseinandersetzung mit sich selbst ist, mit einem Ich, das in der Welt steht und bedrängt wird: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16, 33).

(Josef Bordat)

Wohnung frei!

Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten? Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr. Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen? Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns. Jesus antwortete ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, glaubt wenigstens aufgrund der Werke! Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater. (Joh 14, 1-12)

Der Sohn geht zum Vater – doch nicht, um wegzugehen, das irdische Jammertal enttäuscht zu verlassen (dazu hätte er wohl allen Grund gehabt), sondern um seinen Jüngern und damit auch uns einen Platz zu bereiten. Denn Gott wendet sich nicht von uns ab (auch dazu hätte er allen Grund), sondern plant mit uns: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ Wohnungen für uns.

Jesus hat durch seinen Tod und seine Auferstehung den Weg zu Gott bereitet. Er ist „der Weg und die Wahrheit und das Leben“. Das bedeutet: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Er allein hat den Wohnungsschlüssel, denn nur er ist der Sohn des Hausherrn. Das ist entweder eine unverschämte Selbstüberhebung (so sahen es viele seiner Zeitgenossen) oder einfach nur logisch. Denn wer sonst sollte den Vater bei der Hausverwaltung vertreten, wenn nicht der Sohn?

(Josef Bordat)

Jesus Christus – Gottes Sohn, in Einheit mit dem Vater

Um diese Zeit fand in Jerusalem das Tempelweihfest statt. Es war Winter und Jesus ging im Tempel in der Halle Salomos auf und ab. Da umringten ihn die Juden und fragten ihn: Wie lange hältst du uns noch hin? Wenn du der Christus bist, sag es uns offen! Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters vollbringe, legen Zeugnis für mich ab; ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört. Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins. (Joh 10, 22-30)

Der irische Musiker Paul David Hewson (bekannt – unter seinem Künstlernamen Bono – als Sänger der Rockband U2) soll einmal gesagt haben, Jesus sei entweder verrückt gewesen, oder aber Jesus sei wirklich der Sohn Gottes. Im christlichen Glauben folgen wir der zweiten Möglichkeit: Jesus ist Gottes Sohn. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat er den Weg zu Gott bereitet. Jesus ist „der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6), was bedeutet: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14, 6). Das ist entweder eine unverschämte Selbstüberhebung (so sahen es viele seiner Zeitgenossen) oder einfach nur logisch. Denn wer sonst sollte zum Vater führen, wenn nicht der Sohn?

Jesus geht im heutigen Tagesevangelium – anschließend an das Bild des guten Hirten (Joh 10, 1-21) – noch einen Schritt weiter, indem er die Einheit von Vater und Sohn bezeugt: „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10, 30). Es lassen sich auch andere Stellen finden, in denen diese Einheit betont wird (etwa Joh 14, 9: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“), ebenso wie Stellen gefunden werden können, in denen Jesus auf den Vater hinweist und sich dabei selbst zurücknimmt (etwa Joh 14, 28: „denn der Vater ist größer als ich“). Die Verbindung von Vater und Sohn durch den Heiligen Geist als von Liebe gestiftete Beziehung zweier göttlicher Personen, die eines Wesens sind, das ist sicher eines der größten Geheimnisse des christlichen Glaubens.

Es fällt auf, dass an ganz zentralen Stellen, in wichtigen, ja, entscheidenden Situationen in Jesu irdischem Leben von ihm als „Sohn Gottes“ gesprochen wird: im Moment der Taufe und im Augenblick des Todes. Das Bekenntnis der Sohnschaft Jesu kommt dabei aus zwei Quellen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: bei der Taufe ist es Gott selbst, der Vater, der als „eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“ (Lk 3, 22), in der Todesstunde sind es Heiden, römische Soldaten, also Menschen, die mit Gott nichts am Hut haben: „Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!“ (Mt 27, 54). Gott und Welt bekennen im Evangelium die Sohnschaft Jesu.

Jesus nicht für verrückt zu erklären, sondern an ihn als Sohn Gottes zu glauben, ist eine Lebensentscheidung. Mit der Positionierung gibt man Antwort auf die Frage: Ist es wahr, dass Jesus Gott ist? In der heutigen Perikope (und auch an anderen Stellen des Johannesevangeliums) bekommen wir eine eindeutige Antwort: Ja! Dieses Ja bildet die Basis des Christentums, dieses Ja ist das grundlegende Bekenntnis des christlichen Glaubens.

(Josef Bordat)

Lasten, oder: Zweierlei Joch

Das Neue Testament zeigt uns zweierlei Joch.

Zum einen das schwere Joch der Pharisäer. Sie vertreten eine Normativität mit Gesetzen, die bis ins Detail alles regeln.

Zum anderen das leichte Joch Jesu. Er vertritt das Gebot der Liebe, die Gott, den Nächsten und die eigene Person fest einschließt, in der konkreten Ausgestaltung indes Freiraum lässt und für den Fall des Versagens Vergebung anbietet.

(Josef Bordat)

Was macht Jesus einzigartig?

Im Facebook – wo sonst? – fiel mir ein Sharepic auf, also eines der Bilder, auf denen ein griffiger Slogan vor sinnfälligem Hintergrund die Welt und alles weitere erklärt. Dort war sinngemäß zu lesen, dass Jesu Lehre nichts Besonderes sei, da Jesus (hier: „hebräischer Prediger“) lediglich wiederholte, was Menschen (genannt werden unter anderem Platon, Buddha und Konfuzius) zuvor bereits gelehrt hätten. Das – so heißt es dort – sei „gut, zu wissen“.

Ich gebe zu, dass ich im Gegensatz zu dem Sharepic-Urheber nicht sämtliche Schriften aller genannten Personen in allen Einzelheiten kenne, so dass ich den Sachverhalt nicht abschließend beurteilen kann. Meiner groben Einschätzung nach stimmt das aber nur teilweise.

Es gibt in der Tat zentrale Elemente der Lehre Jesu, die es auch zuvor schon gab (und die wir Menschen uns seitdem immer wieder neu angeeignet haben). Beispielsweise die Goldene Regel. Die ist in der Tat fester Bestandteil der Lehre aller genannten Autoren.

Bei Konfuzius heißt es etwa: „Was ihr nicht wollt, daß man euch zufügt, fügt es anderen nicht zu“, ähnlich bei Buddha: „Füge anderen nicht Leid durch Taten zu, die dir selber Leid zufügen“. Und Platon fragte rhetorisch: „Soll ich mich anderen gegenüber nicht so verhalten, wie ich möchte, daß sie sich mir gegenüber verhielten?“, lange bevor Jesus sagte: „Alles, was ihr wollt, daß euch die Menschen tun, also tuet auch ihr ihnen“ (Mt 7, 12; auch: Lk 6, 31; Röm 13, 8-10; Gal 5, 14). Man könnte jedoch bereits hier Differenzen in der Akzentuierung feststellen (so unterscheidet sich der offene Imperativ bei Jesus formal von der Frage Platons und inhaltlich vom negativen Modus bei Konfuzius und Buddha, der die Regel zudem auf den Anwendungsfall „Leid“ beschränkt), aber darum soll es jetzt gar nicht gehen.

Schauen wir auf die wirklich substanziellen Lehrunterschiede. Jesus selbst spricht von einem „neuen Gebot“, das er in die Welt bringt: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben” (Joh 13, 34). Neu ist daran die Dimension (Liebe), die Kontinuierung (wie ich, so auch ihr) und die damit verbundene Radikalität. Denn: Was heißt das? Das heißt ja doch, dass wir bereit sein sollen, das Leben füreinander zu geben, aus Liebe zueinander. Denn genau so hat Jesus uns geliebt – am Kreuz.

Richtig innovativ wird das Liebesgebot, wenn man es in der Konsequenz zuende denkt, die Jesus in der Bergpredigt andeutet und die als „Feindesliebe“ Geschichte macht. Jesus grenzt bei der Einführung dieser allumfassenden Liebe seine Haltung explizit von der Tradition ab: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“ (Mt 5, 43-48). Bei Platon etwa ist Liebe eng mit Freundschaft verbunden (philia), eine Liebe als Norm (agape), die sogar den Feind einschließt, ist ein ideengeschichtliches Novum.

Also: Die Liebe in einer Radikalität, die auch vor dem Angesicht des Feindes nicht endet, ist neu. Ich wüsste jedenfalls nicht, wo Konfuzius das Prinzip der Feindesliebe formuliert hätte. Doch, wie gesagt: Ich kenne nicht alle Schriften des Konfuzius.

Der entscheidende Unterschied zwischen Jesus und allen, die vor ihm waren, ist jedoch ein anderer: Er bezeugt seine Lehre mit seinem Leben. Die Einheit von Lehre und Leben ist einzigartig bei Jesus von Nazareth. Erkennbar wird sie an seinem Tod. Hier praktiziert Jesus das, was er zuvor gepredigt hat.

Für Christen kommen dann noch einige Unterscheidungsmerkmale hinzu, etwa die Auferstehung und die Gottessohnschaft. Aber das sind Wahrheiten des Glaubens, die muss man nicht teilen. Rein ideenhistorisch und philologisch betrachtet, erschöpft sich der Unterschied in der Liebesbotschaft, in ihrer Radikalität und in der Konsequenz des persönlichen Vorlebens ihrer Maßgaben. Dieser Unterschied ist so gravierend, dass er die Wirkung haben konnte, die als „Christentum“ bekannt ist und die in den letzten Tagen etwa drei Milliarden Menschen zum Innehalten, Nachdenken und Feiern motivierte. Bei Platon sind es ein paar weniger. Gut, zu wissen.

(Josef Bordat)

Karfreitagsgedanken

Jesus stirbt. Er schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Dann: „Es ist vollbracht.“ – Verlassenheit und Vollendung berühren sind, Leid und Heil, Tod und Leben.

In dem Moment, in dem der Herr Seinen Geist aufgibt, beginnt das Programm, das später als Christentum bekannt werden sollte: der Vorhang des Tempels zerreißt, der Hauptmann bekennt sich. Juden und Heiden sind betroffen, sakrale und säkulare Systeme. Nichts hält stand, als Gott den Neuen Bund besiegelt – kein äußeres Gebäude aus Stein, kein inneres aus Gedanken.

Verlassenheit und Vollendung – beides fällt im Tod zusammen: Das Verlassen dieser Welt und die Vollendung in Gott. Jesus Christus vollendet mit seinem Tod am Kreuz nicht nur sich, er vollbringt mehr: er vollendet die Welt, die er verlässt. Dies geschieht, indem sich Gott gleichsam selbst in Christus „verlässt“, die Ohnmacht des von Soldaten Gekreuzigten der Allmacht des von Engeln Verherrlichten vorziehend.

Darauf lässt sich Gott in Jesus Christus ein, um aus Liebe zur Schöpfung menschliches Leid bis zur Konsequenz des Todes nachzufühlen, um uns in Sterben und Tod ganz nah zu sein. Und auch in den tiefsten Abgründen des Lebens, in denen wir Verlassenheit spüren.

Gott ist in Jesus Christus bei uns, wenn wir leiden, wenn wir sterben. Das ist gewiss. So gibt es kein sinnloses Leid und keinen sinnlosen Tod, weil alles im Kreuz aufgehoben ist, im Leid der Gottverlassenheit, das größer ist als jedes andere Leid, und in der Vollendung des Lebens, die bedeutender ist als jede andere Vollendung, weil sie vollbringt, dass der Tod zum Tor wird – aufgestoßen zu neuem, ewigem Leben.

Gott wurde in Jesus Christus Mensch. Er trägt die unausweichlichen Konsequenzen, bis zum Schluss, bis zu Sterben und Tod. Diese Folge des Menschseins wird heute oft verdrängt. Das Sterben ist aber ein zum Leben gehörender Prozess, den es zu begleiten, dessen Verlauf und Dauer es aber nicht zu gestalten gilt, auch dann nicht, wenn dazu der Wille bekundet wird.

Das Sterben wird im Christentum als Teil des irdischen Lebens ernstgenommen. Der Sterbende erfährt in besonderen Sakramenten der Kirche, dass er von seiner Glaubensgemeinschaft angenommen ist und bleibt, im Sterben, im Tod und über den Tod hinaus. Der Sterbende darf aus dem Hier und Jetzt scheiden – im Vertrauen darauf, von Gott in Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen zu werden.

(Josef Bordat)

Judas – Schuld und Heil

In jener Zeit ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohenpriestern und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie zahlten ihm dreißig Silberstücke. Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, ihn auszuliefern. Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote gingen die Jünger zu Jesus und fragten: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten? Er antwortete: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern. Die Jünger taten, was Jesus ihnen aufgetragen hatte, und bereiteten das Paschamahl vor. Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch. Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten und ausliefern. Da waren sie sehr betroffen, und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr? Er antwortete: Der, der die Hand mit mir in die Schüssel getaucht hat, wird mich verraten. Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre. Da fragte Judas, der ihn verriet: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus sagte zu ihm: Du sagst es. (Matthäus 26,14-25)

Die Person des Judas gehört wohl zu den verstörendsten Gestalten des Neuen Testaments. Einerseits kann das Heilswerk ohne ihn und seinen Verrat nicht vollendet werden, andererseits trifft ihn die persönliche Schuld, Jesus verraten zu haben. Einerseits kann man ihm damit den Vorwurf machen, eine der übelsten Verhaltensweisen überhaupt an den Tag gelegt zu haben, nämlich einen Freund zu verraten, sein Vertrauen zu missbrauchen und ihn dem Gegner auszuliefern, andererseits braucht es genau dieses Verhalten, damit das Mosaik der entscheidenden Tage der Menschheitsgeschichte vollständig wird. Felix culpa – glückliche Schuld. Es ist kompliziert.

Dabei wollte Judas, nach allem, was Theologen und Historiker ergründet haben, mit seinem Verrat nicht den Tod Jesu, sondern dessen Reaktion. Er wollte eine Offenbarung des Messias als Anführer eines Volksaufstands gegen die Besatzungsmacht der römischen Militärdiktatur, als den Befreier, auf den Israel so lange gewartet hatte. Doch die Freiheit, die Jesus meint, ist keine regionalpolitische, sondern eine, welche die ganze Menschheit betrifft. Das wissen wir heute. Damals muss es für einen Freiheitskämpfer wie Judas Iskariot eine enorme Geduldsprobe gewesen sein, dass Jesus zwar die Mächtigen der Zeit mit göttlicher Weisheit schier zur Verzweiflung brachte, aber nicht zur Revolution aufrief. Das, so wird Judas wohl gemeint haben, werde sich nur in einer existenziellen Bedrohungssituation ändern können. Diese will er mit dem Verrat herbeiführen.

Doch Gottes Plan ist – wie bekannt sein dürfte – ein ganz anderer. Nur deshalb denken wir heute noch an jene Tage Anfang April des Jahres 30. Hätte es den von vielen ersehnten Volksaufstand gegeben, wären Jesus und Judas allenfalls Fußnoten der Globalgeschichte – auf eine Revolution mehr oder weniger kommt es schließlich nicht an. Doch Jesus Christus, der vom Menschen Judas verraten und für 30 Silberlinge – für den Preis eines Sklaven – verkauft wird, der am Kreuz für uns und unsere Sünden stirbt und der von den Toten aufersteht zu neuem Leben, hat alles, was in der Geschichte geschieht, zur Fußnote des Evangeliums, der Heilsbotschaft Gottes werden lassen.

Das konnte Judas nicht wissen. Er weiß nur: Sein Volk leidet. Und er ahnt, dass der Schlüssel zur Überwindung des Leids sein Rabbi Jesus ist. So wird er zum Verräter und liefert Jesus dem Tod aus. Gott sei Dank. Denn so hält das leidende Volk bis heute den Schlüssel des Heils in Händen: das Kreuz.

(Josef Bordat)