Widerspricht sich Jesus?

Zum Schluss der im heutigen Evangelium gelesenen Perikope sagt Jesus etwas sehr Interessantes: „Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch“ (Lk 9, 50). An einer anderen Stelle steht, dass Jesus sinngemäß auch das Gegenteil gesagt habe: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich“ (Mt 12, 30). Ein Widerspruch?

Beide Äußerungen haben ihre Berechtigung in gewissen Situationen. Geht es bei Mt 12, 30 um die Tatsache, dass Neutralität und Nichthandeln letztlich zur gleichen negativen Konsequenz führen kann wie aktives Handeln, so geht es bei Lk 9, 50 um die Arroganz und Hartherzigkeit von Menschen, die meinen, auf das Tun des Guten ein Exklusivrecht zu haben.

In manchen Situation, in denen es nur ein Entweder-Oder gibt (Mt 12, 30 steht im Kontext einer solchen), ist auch die Unterlassung eine Handlung, auch die Indifferenz eine Entscheidung. Dann läuft die positive Haltung auf das Ablehnen der negativen hinaus. Meist ist es aber so, dass mit der Ablehnung einer Haltung nicht automatisch verbunden ist, ihr glattes Gegenteil zu vertreten.

Es ist insbesondere in Fragen des Glaubens grundsätzlich nicht zwingend, dass die Negation des einen eine affirmative Positionierung des Anderen impliziert. Wer nicht für oder gegen etwas ist, muss nicht gegen oder für das Gegenteil sein. Die zweiwertige Logik wird der Lebenspraxis indifferenter Menschen nicht gerecht, deren (religiöse) Gleichgültigkeit jede Stellungnahme verhindert, weil ihr die notwendige Voraussetzung fehlt: eine begründete Meinung.

Das Leben ist mehr als ein Nullsummenspiel. Das Leben erfordert zugleich manchmal Entscheidungen, vor denen man sich nicht durch Passivität drücken kann. Jesus weist auf beides hin, jeweils zur passenden Situation. Also: Kein Widerspruch.

(Josef Bordat)