Jesus und die Familie

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen. (Mt 10, 37–42)

„Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ Deutliche Worte, die Jesus im heutigen Tagesevangelium spricht. Die Familie – laut Umfragen für die meisten Menschen das Wichtigste im Leben – bekommt nur Platz zwei in der christlichen Axiologie zugewiesen. Erst Christus, dann die Familie.

Auch seiner eigenen Familie gegenüber zeigt Jesus sich erstaunlich kühl und distanziert, die ihm andererseits soviel Unglauben entgegenbrachte, dass Jesus nur staunen kann (vgl. Mk 6, 1-6). An anderer Stelle ruft er zum Verlassen der Familie und der vertrauten Umgebung auf (vgl. Mt 19, 29).

Ein Verdacht stellt sich ein: Hat Jesus etwas gegen die Familie? Nein, ich denke nicht. Jesus erweitert viel eher den Familienbegriff als dass er ihn zurückwiese. Er weist damit den Weg von der biologischen zur sozialen Familie – letztlich hin zu einer spirituellen Familie, in der niemand mehr fremd ist. Jesus zeichnet das Bild einer Familie, in der wir einander Schwester und Bruder sein können, weil wir einen gemeinsamen Vater haben: Gott. Dieses Konzept von Familie ist das radikal Neue, das mit Jesus in die Welt kommt.

Schließlich formt Jesus die Kirche als familiäre Gemeinschaft der Gläubigen. Die Kirchengemeinde soll uns auch heute noch zur Familie werden. Eine geistige Verwandtschaft, welche die leibliche nicht ersetzen, wohl aber ergänzen soll. Ideal ist es freilich, wenn beides zu Deckung kommt, wenn die ganze Familie sich geschlossen der Gemeinde zugehörig fühlt. Doch das ist heute, zumal in unseren Breiten, wohl nur noch selten der Fall; auf die aktuellen Zahlen zur Kirche in Deutschland sei hier nur kurz hingewiesen.

Oft ist also nur ein Teil der Familie in der Gemeinde aktiv. Dem kirchennahen Partner nicht mit Argwohn oder Neid zu begegnen, das sollte dann ebenso zum Alltag gehören wie der Umstand, dass man auch als Aktivposten in der Gemeinde die Familie nicht vergisst, auch wenn man sie (zeitweilig) verlassen muss, dass man stattdessen die Liebe Gottes, die man in der Liturgie, in den Sakramenten und (hoffentlich) auch im Gemeindeleben erfährt, mitnimmt und hineinträgt in die Familie, damit dort die menschlichen Beziehungen gestärkt werden.

(Josef Bordat)