Textänderung

Dass Chinesen gerne kopieren, ist westlichen Herstellern von Maschinen, Anlagen und elektronischen Geräten bekannt. Dass Chinesen aber auch sehr kreativ sein können, zeigt nun eine Wiedergabe der Erzählung von Jesus und der Ehebrecherin aus dem Johannesevangelium (Joh 8, 1-11). In einem chinesischen Lehrbuch der Wirtschaftsethik ist es Jesus, der die Ehebrecherin am Ende selbst steinigt und dabei sagt: „Auch ich bin ein Sünder, aber wenn das Gesetz nur von makellosen Menschen umgesetzt werden könnte, dann wäre das Gesetz tot“. Und nicht, wie überliefert: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

Damit wird nicht nur die Aussage der Perikope auf den Kopf gestellt und damit verhindert, das im Original so deutlich erscheinende ethische Prinzip des Christentums zu erkennen, die Trennung von Sünde und Sünder bei der Beurteilung eines Menschen, man erspart den Lesern mit dieser staatlich anerkannten chinesischen Bibelübersetzung auch die mühevolle Auseinandersetzung mit der Spannung von Norm und Barmherzigkeit. Dass das ausgerechnet in einem Ethiklehrbuch geschieht, ist die ultimative Pointe dieser dreisten Fälschung.

(Josef Bordat)