Was Sie schon immer über Krieg und Frieden wissen wollten

Eberhard Schockenhoff legt ein großartiges Buch vor – als Kompass für eine Welt, die sich nach Frieden sehnt.

Als einer der führenden Ethiker Deutschlands hat Eberhard Schockenhoff viel zu sagen. Das macht er immer mal wieder dadurch deutlich, dass er umfangreiche Bücher zu moraltheologischen und ethischen Fragen veröffentlicht. Es sind dicke Schinken, die im Herder-Verlag erscheinen, zu den Grundlagen der Ethik (2007, 600 Seiten), zur Bioethik (2009, 650 Seiten) und – jetzt neu – zur Frage von Krieg und Frieden (750 Seiten). Für Bücherregale in Leichtbauweise eine echte Belastungsprobe.

Doch die Texte Schockenhoffs sind auch in diesem Umfang gerechtfertigt. Wer dicke Bretter bohrt, darf auch dicke Bücher schreiben. Hier ist kein Satz zu viel, kein Beispiel unpassend, kein Exkurs abwegig. Eberhard Schockenhoff gehört dabei zu den wenigen Autoren im Bereich der theologischen und philosophischen Ethik, die die Gabe haben, die komplexen Sachverhalte einfach darzulegen, ohne banal zu werden. Freilich muss man sich einlesen – die Frage, ob Menschen in bestimmten Fällen Gewalt anwenden dürfen oder gar sollen und welche Alternativen es gibt, ist keine leichte, die Antworten darauf können (und dürfen) keine leichtfertigen sein.

So lohnt es sich sehr, das Buch „Kein Ende der Gewalt?“ zur Hand zu nehmen. Schockenhoff entwickelt darin eine Friedensethik, historisch (Krieg im Laufe der Menschheitsgeschichte), ideenhistorisch (selten zuvor wurde der bellum iustum-Topos so genau und kenntnisreich rekonstruiert) und systematisch. Hier zeigt sich dann der Theologe am deutlichsten, geht Schockenhoff doch vom biblischen Konzept des Friedens aus, um seine „Friedensethik für eine globalisierte Welt“ zu motivieren. Dabei argumentiert er nicht abstrakt oder gar weltfremd, sondern bezieht die Frucht seiner Exegese auf aktuelle und aktuellste Ansätze in der Politik internationaler Beziehungen.

Das Buch eignet sich also für Theologen ebenso wie für Philosophen, Politologen, Soziologen und Juristen, kurz: für alle, die sich mit Internationalen Beziehungen aus rechtlicher, politischer oder kulturtheoretischer Perspektive befassen. Wer eine Qualifikationsarbeit zum Thema „Krieg und Frieden“ (oder auch nur zu einem der von Schockenhoff behandelten Aspekte des Themas) schreibt, kommt an diesem Werk nicht vorbei. Es eignet sich aber auch für alle, die mehr wissen wollen als das, was über bewaffnete Konflikte in den Medien gesagt wird bzw. gesagt werden kann. Alle, die tiefer schürfen wollen, die die anthropologischen, historischen und systematischen Dimensionen von Krieg und Frieden besser verstehen wollen, sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Nicht zuletzt gibt es Hilfestellung beim Verständnis der neusten Entwicklungen in Völkerrecht und Weltpolitik, also rund um Schutzverantwortung, Humanitäre Interventionen und Anti-Terror-Krieg.

„Kein Ende der Gewalt?“ ist ein großartiges Buch. Es macht deutlich – und darin liegt sowohl sein Alleinstellungsmerkmal wie auch sein besonderer Wert innerhalb der Flut an Neuerscheinungen zum Thema in den letzten zwanzig Jahren –, dass die christliche Grundhaltung den Menschen befähigt, sich zum Frieden hin zu orientieren und damit der Gewaltgeschichte ein Ende zu bereiten. Das haben andere sicherlich auch schon erkannt und geschrieben. Aber kaum jemand so nah an den Fachdiskursen und zugleich so allgemeinverständlich wie Eberhard Schockenhoff. Und auch nicht so ausführlich.

Bibliographische Angaben:

Eberhard Schockenhoff: Kein Ende der Gewalt? Friedensethik für eine globalisierte Welt.
Freiburg i. Br.: Herder (2018).
759 Seiten, € 58,–.
ISBN 978-3451378126.

(Josef Bordat)