Laurentius, Diakon und Märtyrer

„Wenn das Weizenkorn nicht auf die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ und: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“ (Joh 12, 24-25).

Diese beiden Verse aus dem heutigen Tagesevangelium zum Fest eines der berühmtesten römischen Märtyrer, des Heiligen Diakons Laurentius, geben Gelegenheit, über das Martyrium nachzudenken, das im Christentum als besonderer Ausdruck des „Fruchtbringens“ und der Heiligkeit („wird es bewahren bis ins ewige Leben“) gilt: die Kirche wächst dort, wo sie verfolgt wird; das Blutzeugnis ist ein wesentlicher Aspekt der Kanonisierung.

Heiligkeit ist ein Wesensmerkmal der Kirche, nicht nur, weil sie Gott selbst bezeugt, auch unter Verfolgung, und damit als Gemeinschaft eine „Märtyrerin“ ist, sondern weil sich Gott wiederum diese Bezeugung durch sein eigenes Martyrium geschaffen hat: durch den Kreuzestod des menschgewordenen Gottes, Jesus Christus, der von sich selbst spricht als „das Weizenkorn“, das „auf die Erde fällt und stirbt“ und so „reiche Frucht“ bringt. Und diese Frucht ist die Kirche.

Schon in der Zeit, in der Laurentius lebte, wirkte und das Martyrium erlitt, war der Zusammenhang zwischen Heiligkeit, Wachstum im Glauben und Verfolgung deutlich erkennar. Tertullian meinte: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.“ Hier muss man nun aufpassen, denn dieser Satz ist ebenso wahr wie missverständlich. Er könnte dazu verleiten, das Martyrium anzustreben – und das wäre gerade nicht christlich.

Der Blut-Same-Konnex ist komplexer als es der berühmte Satz bei oberflächlicher Betrachtung zu verstehen gibt. Es gibt keine direkte Kausalität zwischen Verfolgung und Verbreitung, aber es gibt Bedingungen, die beides gleichzeitig beförderten. Die wichtigste ist das Christentum selbst, als entgrenzende Religion mit einem neuen Gottesbild und einem neuen Verständnis vom Reich Gottes, in dem alle willkommen sind – Frauen und Männer, Juden und Heiden, Sklaven und Freie, Reiche und Arme.

Die Botschaft von der neuen Lehre war ebenso attraktiv wie irritierend. Insofern gab es zwei typische Reaktionen: Widerstand (von oben) und Annahme (von unten). Diese hängen beide mit der Kraft der Botschaft zusammen, ohne, dass sie selbst in direktem kausalen Zusammenhang stünden. Und wenn, dann wohl eher so, dass mehr Annahme zu mehr Widerstand führte, nicht umgekehrt, wie Tertullian andeutet.

Dennoch gibt es einen mittelbaren Zusammenhang von Verfolgung und Verbreitung: Durch die Botschaft des Christentums und deren neue Anhänger wurde die Gesellschaft verändert – das provozierte die Mächtigen, ermutigte jedoch zugleich die Ohnmächtigen. Offenbar befähigte sie der neu gewonnene Mut, ihre Angst angesichts der Gefahren zu überwinden, was wiederum all diejenigen überzeugte, die davon erfuhren.

Insoweit stimmt es dann wieder mit dem Blut der Märtyrer, das zum Same der Kirche wird. Angesichts von Verfolgung oder grausamen Hinrichtungsmethoden (Laurentius soll auf einem Rost verbrannt worden sein) ruft niemand: „Das will ich auch!“ Aber zu erleben, wie Menschen der Verfolgung trotzen, weil sie über etwas verfügen, mit dessen Hilfe man allen Widrigkeiten trotzen kann, das wollen viele. Und dieses Etwas ist der Glaube an die Botschaft Jesu, dieses Etwas nennen wir Christentum.

(Josef Bordat)