Gewollt. Geliebt. Geschossen?

Ich werde (voraussichtlich) nie verstehen, wie ein und derselbe Mensch es gleichzeitig schafft, die wunderbare Einsicht zu verbreiten, dass „jedes Kind – geboren oder ungeboren – gewollt und geliebt“ ist, und damit zu drohen, auf 7000 Menschen, darunter auch gewollte und geliebte Kinder, schießen zu lassen, sollten sie sich der US-Grenze von Mexiko aus zu sehr nähern.

Ich hoffe, ich habe die Presseberichte falsch verstanden. Denn das wäre in diesem Fall noch die beste aller Möglichkeiten.

(Josef Bordat)

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„Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind?“

Clemens August Graf von Galen und sein Kampf gegen das „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten („Aktion T 4“). – Grußwort anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Töten aus Überzeugung“ zur „Aktion T 4“ am 4. Oktober 2018, 15 Uhr im Caritas-Seniorenwohnhaus „Kardinal von Galen“ in der Goltzstraße 26, 10781 Berlin-Schöneberg.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin gebeten worden, einige Worte zu Clemens August Graf von Galen zu sagen, vor allem zu seiner Rolle im Widerstand gegen die „Aktion T 4“, der diese Ausstellung gewidmet ist. Die „Aktion T 4“ bezeichnet das zynisch „Euthanasie“ genannte Programm zur Vernichtung von etwa 300.000 chronisch kranken und behinderten Menschen, das in der Berliner Tiergartenstraße 4 geplant wurde, daher „T 4“. Gegen dieses menschenverachtende Programm erhob Clemens August Graf von Galen als Bischof von Münster 1941 seine Stimme. In drei wirkmächtigen Predigten mobilisierte er die westfälischen Katholiken.

Der 1878 in Oldenburg geborene und 1904 in Münster zum Priester geweihte Clemens August Graf von Galen war von 1919 bis 1929 als Pfarrer in der Gemeinde Sankt Matthias (Berlin-Schöneberg) tätig. 1933 wurde er zum Bischof von Münster geweiht und 1946 in den Kardinalsstand erhoben, einen Monat vor seinem Tod. Die Aufnahme ins Kardinalskollegium geschah aus Dankbarkeit und als Anerkennung für seine unerschrockene Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus. Am 9. Oktober 2005 wurde er von Papst Benedikt XVI. Seliggesprochen. Dass wir also hier und heute an Kardinal von Galen erinnern hat drei Gründe: Er wirkte hier in Sankt Matthias, er wurde vor 13 Jahren seliggesprochen und – das Entscheidende – er hat sich gegen all das gewandt, wovon diese Ausstellung handelt.

Am Tag seiner Bischofsweihe waren die Nazis schon ein halbes Jahr an der Macht, die ersten Konzentrationslager bereits in Betrieb. Das KZ Dachau zum Beispiel. Von Galen wählte als Wahlspruch das Wort Nec laudibus nec timore – „Weder durch Lob noch durch Furcht“. Das ist durchaus programmatisch für den westfälischen Hirten, der sich im Sommer 1941 (am 13. und 20. Juli sowie am 3. August) in drei Predigten gegen die „Aktion T 4“ wandte, was ihm den Beinamen „Löwe von Münster“ eintrug.

In seiner Predigt vom 3. August 1941 kritisiert er die Auffassung der Nazis, man dürfe „lebensunwertes Leben“ töten, weil es unproduktiv sei, wie eine alte Maschine oder ein lahmes Pferd. Der Schrecken über diese Gleichsetzung lässt ihn furchtlos die folgenden unmissverständlichen und darum wirkmächtigen Worte sagen: „Nein, ich will den Vergleich nicht bis zu Ende führen –, so furchtbar seine Berechtigung ist und seine Leuchtkraft! Es handelt sich hier ja nicht um Maschinen, es handelt sich nicht um ein Pferd oder eine Kuh. Nein, hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern! Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen! Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt? Hast du, habe ich nur so lange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind, solange wir von den anderen als produktiv anerkannt werden?“

Diese Worte sorgten für Unruhe unter denen, die sie hörten. Sie rüttelten an ihrem Gewissen, sie appellierten an ihre Nächstenliebe. Große Betroffenheit löste Clemens August Graf von Galen mit folgendem Satz aus: „Wenn man den Grundsatz aufstellt und anwendet, dass man den ‚unproduktiven‘ Menschen töten darf, dann wehe uns allen, wenn wir alt und altersschwach werden“. Die Gläubigen verbreiteten die Predigttexte ihres Hirten und schafften damit eine Gegenöffentlichkeit.

Und die Predigten bzw. ihre Verbreitung zeigten Wirkung: Das NS-Regime, das schon ahnte, ein „Euthanasie“-Programm werde in der Bevölkerung nicht besonders populär sein und das deswegen versuchte, die „Aktion T 4“ geheim zu halten, knickte wenig später ein. Bereits am 24. August 1941 – nur drei Wochen nach der dritten Predigt von Galens in St. Lamberti – gab Hitler Anweisung, die „Aktion T 4“ auszusetzen.

Der Historiker Winfried Süß schreibt dazu: „Die kirchlichen Proteste machten Hitler dreierlei deutlich: Erstens demonstrierten sie, dass der sorgsam über die Krankenmorde gelegte Geheimhaltungsschleier irreparabel zerrissen war. Zweitens ließen sie weiteren Widerstand der Kirchen befürchten. Und drittens machten sie deutlich, dass die ,Euthanasieʻ in erheblichen Teilen der Bevölkerung nicht konsensfähig war. So gesehen ist Hitlers Abbruchentscheidung weniger überraschend, als sie auf den ersten Blick scheint.“

Für diese Abbruchentscheidung spielte neben der breiten Rezeption der Predigten von Galens unter den Katholiken auch der Protest von Vertretern der Bekennenden Kirche eine Rolle. Das war also durchaus ein ökumenischer Widerstand. Die „Aktion T4“ wurde insgesamt ein Jahr lang ausgesetzt und dann weniger vehement weiterverfolgt.

Clemens August Graf von Galen sollte für diese Störung des Vernichtungsbetriebs getötet werden – „auf Heller und Pfennig“ wolle man mit ihm abrechnen. Aus Furcht vor noch größerer Unruhe unter den Katholiken im Rheinland und in Westfalen beschloss Reichspropagandaminister Joseph Goebbels jedoch, diese Abrechnung auf die Zeit „nach dem Endsieg“ zu verschieben. Doch dazu kam es nicht – nicht zum „Endsieg“ und nicht zur Abrechnung mit von Galen. Stattdessen gab es 1945 die militärische Niederlage und Kapitulation Deutschlands (und damit das Ende des Nationalsozialismus) und – wie eingangs bereits erwähnt – 1946 für Clemens August Graf von Galen die Kardinalswürde.

Sein beherztes Eingreifen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Menschen in Deutschland schwiegen, auch die meisten Christen, auch die meisten Katholiken, dass sie sich von ihrem Gewissen nicht aus dem Gleichgewicht bringen ließen. Nicht zuletzt dies muss uns eine Mahnung sein, die Stimme zu erheben, wenn die Würde des Menschen bedroht ist, etwa dadurch, dass man wieder Rechnungen aufmacht, wie viel uns doch „so ein Behinderter“ kostet, welche Belastung er darstellt für die Gesellschaft.

Ich erlebe solche Bemerkungen auch im aktuellen Diskurs um bioethische Fragen, wo oft genug die rechtzeitige (also: vorgeburtliche) Tötung des (möglicherweise) kranken oder behinderten Menschenlebens als „Erlösung“ angepriesen wird, als „Erlösung“ für das Kind, seine Eltern und die Gesellschaft. Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich jedoch auch und gerade an ihrem Umgang mit kranken und behinderten Menschen – der Nationalsozialismus ist hier dramatisch gescheitert. Ich wünsche mir, dass wir heute – auch eingedenk der Erinnerung an dieses Kapitel unserer Geschichte – niemals aus den Augen verlieren, dass dem Menschen Würde zukommt, weil er Mensch ist – nicht, weil er jung, gesund und produktiv ist.

In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung viele interessierte und aufmerksame Besucherinnen und Besucher.

Vielen Dank!

Die Ausstellung ist noch bis zum 29. Oktober 2018 zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Mo. – Fr. 9 bis 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.

(Josef Bordat)

Ausersehen und geheiligt

Eine Betrachtung zu Jeremia 1, 4-5

Das Wort des Herrn erging an mich: Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt. (Jer 1, 4-5)

Wir wissen aus der modernen Biologie, dass die „Formung“ des Menschen im Moment der Zeugung passiert, wenn sich die Gene von Vater und Mutter zu einem neuem, einzigartigen Leben vereinen, das sich dann „nur“ noch entwickelt, das wächst, reift, altert und stirbt. Nun spricht der Prophet Jeremia davon, dass Gott ihn bereits vor der biologischen Zeugung „ausersehen“ und vor der Geburt „geheiligt“ hat.

Das kann man nun ganz eng auslegen und auf den Propheten Jeremia beziehen, der von seiner Berufung berichtet, das kann man aber auch auf jeden Menschen, d.h. auf den Menschen an sich beziehen, der innerhalb der Schöpfung Gottes ausersehen und geheiligt ist. Die „Berufung“ des Menschen wäre es dann, von Gott mit Heiligkeit beschenkt worden zu sein – von Anfang an. In den säkularen Rechtsrahmen wurde dieser Gedanke übernommen und erscheint bis heute im Begriff der unveräußerlichen Menschenwürde.

Die Idee der Würde entspringt also dem metaphysischem Gedanke einer besonderen Auszeichnung des Menschen durch die göttliche Information, die in der biologischen Formung enthalten ist. Beim Menschen tritt zum genetischen Code in Gestalt der DNS eine geistige Mitgift hinzu, die in von allem nichtmenschlichen Leben unterscheidet: Vernunft und Gewissen. Nur so kann der Mensch als Mensch leben, indem er sein Tun bedenkt und moralischen Regeln unterwirft.

Hier berührt sich zugleich die Vorstellung einer in Gott gegründeten Schöpfung der Welt durch Information, durch das „Wort“ (vgl. den Johannesprolog) mit der Vorstellung davon, dass Gott jedem einzelnen Menschen das Leben in einem schöpferischen Akt schenkt und dabei von sich selbst gibt, dass der Mensch teilhabe an epistemischem und ethischem Geist. So ist in jedem Menschen gleichsam die ganze Welt enthalten – und zugleich ein göttlicher Funke, eine Stimme, die ihn belehrt und berät.

Wird die Heiligkeit des Menschen bestritten, ist zugleich die Menschenwürde in Gefahr. Es zeigt sich etwa bei Peter Singer, wohin jemand gelangt, der das christliche Menschenbild mit dem Hinweis auf den darin enthaltenen „unangebrachten Respekt vor der Lehre von der Heiligkeit des menschlichen Lebens“ (Praktische Ethik. 2. Aufl., Stuttgart 1994, S. 271) verwirft: zur ethischen Rechtfertigung von Abtreibungen bis zur Geburt und – bei Krankheit und Behinderung – auch darüber hinaus.

Der Mensch ist kein reines Naturprodukt wie das Tier. Er unterscheidet sich als vernünftiges, mitfühlendes Wesen von allem anderen, das die Schöpfung so wunderbar reich macht. Eingedenk seiner besonderen Begabung mit Vernunft und Gewissen wird er von Gott in die Leitung der irdischen Welt erhoben, um die nichtmenschliche Natur verantwortungsvoll zu nutzen. Und für diese Aufgabe braucht Gott nicht nur das Rednertalent berühmter Propheten und Apostel, sondern die Tatkraft jedes einzelnen, von Gott geliebten Menschen, den Er ausersehen und geheiligt hat.

(Josef Bordat)

Irland-Referendum zeigt Deutungshoheit in Fragen des Lebensschutzes

Ich habe zur Sicherheit noch mal nachgeschaut. Ein Blick in meine alten Biologiebücher bestätigt die Intuition. In dem Buch „Biologie – 9./10. Schuljahr“ (1979) heißt es kurz und eindeutig: „Die Entwicklung eines neuen Menschen beginnt mit der Befruchtung einer Eizelle“ (S. 48). Und in „Humanbiologie“ (1987) heißt es: „Sobald eine von 200 Mio. Spermazellen in die Eizelle eingedrungen und ihr Zellkern mit dem Kern der Eizelle verschmolzen ist, ist diese befruchtet. Die Entwicklung des neuen Lebewesens beginnt“ (S. 34). Ein neues Lebewesen, ein neues Leben. Und wenn Spermazelle und Eizelle von zwei Menschen stammen (Mann und Frau schreib ich jetzt mal nicht), dann entsteht – mal mitdenken – ein neues menschliches Leben. Das dazu.

Abtreibung ist die Beendigung menschlichen Lebens. Deutlicher: die Tötung eines ungeborenen Menschen, also eines Menschen, keiner Vorstufe des Menschen, die hinsichtlich des in Deutschland grundgesetzlich gewährten Lebensschutzes nichts zählte, soweit sie eben „noch kein richtiger“ Mensch sei. Im Diskurs über Abtreibungen wird dieses Leben aber oft begrifflich depotenziert, um es rhetorisch aus den Schutzbereich des Grundgesetzes herauszudrängen. Es wird ihm die Eigen- und Vollständigkeit geraubt. Es heißt dann: Es gehe um den Körper der Frau – und zwar nicht primär, sondern ausschließlich. Und: Diese habe ganz allein das Recht, über ihren Körper zu entscheiden.

Der christliche Lebensschutz ist in Zeiten säkularer Deutungshoheiten ständig in der Gefahr einer Selbstmarginalisierung. Die eigene Sprachform muss anschlussfähig bleiben an die Debatten. Dazu mein Leitartikel in der aktuellen Ausgabe der Tagespost.

(Josef Bordat)

Ist das Retten von Menschenleben eine Straftat?

Ja, folgt man der Staatsanwaltschaft Griechenlands. Dort wurden drei spanische Feuerwehrmänner des Menschenhandels beschuldigt, weil sie Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet und an Land gebracht haben (diesen Sachverhalt bestreiten sie nicht), um ihnen damit – so der Vorwurf – zur illegalen Einreise zu verhelfen (das ist umstritten). Offenbar reicht aber für eine Verurteilung schon der bloße Tatbestand der „Beihilfe zur illegalen Einreise“ aus, auch ohne, dass die „Täter“ eine solche Absicht hatten. Also: Auch dann, wenn der Zweck ihrer Intervention darin lag, Menschen vor dem Ertrinken zu retten, überwiegt der Umstand, dass die die Geretteten danach an Land gebracht haben, ohne, dass die dafür nötigen Einreisevoraussetzungen vorlagen.

Für Fälle wie diese ist uns das Gewissen geschenkt, und damit die Fähigkeit, jenseits von Konventionen und Normen über Gut und Böse zu urteilen. Natürlich ist die Sache kompliziert, wenn man sie von außen und in Gänze betrachtet, also zu Ende denkt, Signalwirkungen berücksichtigt, langfristige Erwägungen vornimmt. Doch keine konsequentialistische Gesamtschau darf dazu führen, humanitäres Handeln im Einzelnen zu bestrafen. Eine Rechtslage bzw. -sprechung, die die Botschaft vermittelt, es sei illegal, Menschen vor dem Ertrinken zu retten und ans Ufer eines europäischen Landes zu bringen, so sie keine EU-Bürger sind, ist nicht nur mit der Ethik des Lebensschutzes unvereinbar, sondern auch mit all jenen Werten, auf die sich Europa so gerne bezieht, auch in Abgrenzung zu anderen Weltregionen, aus denen oft genug jene Menschen stammen, deren Leben zu retten offenbar illegal ist.

Bis zu zehn Jahre Gefängnis drohen den drei Feuerwehrmännern aus Spanien. Die Höhe der Strafe hängt wahrscheinlich auch mit der Zahl der Fälle (also der „Schwere der Tat“) zusammen. Im Klartext: Je mehr Menschenleben gerettet, desto länger in Haft. Den Umkehrschluss überlasse ich Ihnen. Auch, was man tun muss, um von der griechischen Justiz unbehelligt zu bleiben, wenn mal wieder jemand im Mittelmeer um Hilfe schreit.

(Josef Bordat)

Widerliche Menschenwürde

Ich bin einiges gewohnt, insofern stört es mich nicht weiter, als „widerlich“ bezeichnet zu werden bzw. im weiteren Sinne mitgemeint zu sein, insoweit ich mich nämlich, ohne Mitglied einer Partei zu sein, um den Lebensschutz sorge. „Widerlich“ ist gemessen an dem, was ich sonst zu hören bekomme, eher noch höflich. Was aber schon interessant ist, das ist der Umstand, dass die- oder derjenige, die oder der Lebensschützer als „widerlich“ bezeichnet, damit zugleich den verfassungsmäßigen Auftrag an den Staat, das Leben jedes Menschen zu schützen, zurückweist. Und das ist für ein Mitglied eines Verfassungsorgans dann eben doch etwas problematisch.

Ja, muss denn der Staat den „Zellhaufen“ schützen?! – Ja, das muss er. Das ist Bestandteil der Achtung und des Schutzes der Menschenwürde, die dem Staat in Artikel 1 des Grundgesetzes aufgegeben ist. Zumindest ist das die unwidersprochene Auffassung des Bundesverfassungsgerichts. Das sagte nämlich schon vor 25 Jahren: „Diese Würde des Menschseins liegt auch für das ungeborene Leben im Dasein um seiner selbst willen. Es zu achten und zu schützen bedingt, daß die Rechtsordnung die rechtlichen Voraussetzungen seiner Entfaltung im Sinne eines eigenen Lebensrechts des Ungeborenen gewährleistet“ (BVerfGE 88, 203, 252). Daraus folgt: „Liegt die Würde des Menschseins auch für das ungeborene Leben im Dasein um seiner selbst willen, so verbieten sich jegliche Differenzierungen der Schutzverpflichtung mit Blick auf Alter und Entwicklungsstand dieses Lebens“ (BVerfGE 88, 203, 267).

OK, OK – Schutz des Lebens! Aber: „Zellhaufen“?! Hallo??? Wohl kaum, oder?! – Doch, doch. Wiederum in den Augen der Verfassungshüter, hier mit Blick auf Artikel 2 des Grundgesetzes: „Das Recht auf Leben wird jedem gewährleistet, der ‚lebt‘; zwischen einzelnen Abschnitten des sich entwickelnden Lebens vor der Geburt oder zwischen ungeborenem und geborenem Leben kann hier kein Unterschied gemacht werden. ‚Jeder‘ im Sinne des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ist ‚jeder Lebende‘, anders ausgedrückt: jedes Leben besitzende menschliche Individuum; ‚jeder‘ ist daher auch das noch ungeborene menschliche Wesen“ (BVerfGE 39, 1, 133). Ganz klar: „Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG schützt auch das sich im Mutterleib entwickelnde Leben als selbständiges Rechtsgut“ (BVerfGE 39, 1, 131).

Ja, aber – Moment mal: Das ist ein Urteil von 1975! Mittelalter! – Mag sein, aber die geltende Rechtsprechung des BVerfG aus dem Jahre 1993 (etwas Aktuelleres gibt es in der Sache nicht vom BVerfG) weicht in diesen entscheidenden Punkten der Auslegung der Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes nicht von der aus dem Jahre 1975 ab, im Gegenteil: BVerfGE 88 bezieht sich in der Definition des Schutzgegenstands „Leben“ explizit auf BVerfGE 39. Das bedeutet, Art. 1, Abs. 1, Satz 1 und Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG müssen demnach zusammengefasst so gelesen werden: „Die Würde des menschlichen Lebens ist unantastbar – von der Empfängnis an.“

Wenn also der Lebensschutz, der genau daran erinnern will, „widerlich“ ist, dann ist dies auch das Grundgesetz, das Bundesverfassungsgericht, die Menschenwürde und das Leben. Das sollte man wissen, bevor man das nächste mal twittert.

(Josef Bordat)

Dilemma Abtreibung

Die anglikanische Kirche spricht sich gegen eine rechtliche Freigabe von Schwangerschaftsabbrüchen aus und zugleich für eine Änderung des entsprechenden Verfassungszusatzes, um die Rechte von Frauen und ungeborenen Kindern klar zu definieren, heißt es in einer Mitteilung der anglikanischen Erzbischöfe von Armagh und Dublin, Richard Clarke und Michael Jackson, aus der irische Medien zitieren. „Wir erkennen das Dilemma, mit dem sowohl der Gesetzgeber als auch die Ärzte und Pflegekräfte bei uneingeschränktem Zugang zu Abtreibung während der ersten Schwangerschaftsmonate konfrontiert sind“, so die Erzbischöfe.

Uneingeschränkte Abtreibung in den ersten zwölf Wochen oder gar in jeder Phase der Schwangerschaft seien aber ethisch für die anglikanische Kirche nicht zu akzeptieren. Irland hat eines der strengsten Abtreibungsgesetze der Welt. Ein Schwangerschaftsabbruch ist bislang auch nach einer Vergewaltigung, Inzest oder einer schweren Missbildung des Fötus nicht erlaubt und kann mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft werden. Erlaubt sind Abtreibungen nur, wenn das Leben der Mutter bedroht ist.

Weitere Informationen in der Online-Ausgabe der Tagespost.

(Josef Bordat)