„Lazarus, komm heraus!“

Zum Evangelium des Passionssonntags (Johannes 11, 1-45)

Die Sache ist längst entschieden. Lazarus ist tot, seit vier Tagen schon. Zweimal weißt Johannes auf diese Frist hin, obwohl es darauf nun wirklich nicht ankommt. Was damit zum Ausdruck gebracht werden soll, ist die Irreversibilität des Todes: die Verwesung des Leichnams hat bereits begonnen. Das Grab ist versiegelt mit einem Stein – wohl auch wegen der drohenden Geruchsbelästigung: „Herr, er riecht aber schon“. Ergo: Da ist nichts mehr zu machen.

Zumindest nicht für den Menschen. Und für Gott? Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Zusammen mit der seinen Jüngern vermittelten Erkenntnis, dass „für Gott nichts unmöglich“ ist, ergibt sich vielleicht doch noch eine Chance. Ausgehend von der persönlichen Betroffenheit Jesu kulminiert die tiefe innere Erschütterung in Entschlossenheit, Sein Wesen, das der Welt bald offenbart werden sollte, nämlich die Auferstehung und das Leben zu sein, dem Kreis der Hinterbliebenen bereits hier und jetzt zu zeigen: „Nehmt den Stein weg!“

Was dann folgt, liegt außerhalb der Erfahrungswelt des Menschen, doch ganz in der Logik des lebensfreundlichen Gottes, für den nichts unmöglich ist. Jesus dankt dem Vater vorab für die lebensspendende Kraft, die Er spürt, noch bevor Er sagt: „Lazarus, komm heraus!“ Und Lazarus, der Tote, kommt aus dem Grab. Tatsächlich: In der Sache mit Lazarus, den Johannes als „Freund“ Jesu vorstellt, zeigt sich die Herrlichkeit des Herrn in ihrer wohl deutlichsten Ausprägung: der Herrschaft über den Tod.

Johannes hat die Begebenheit in theologischer Absicht aufgeschrieben, lange nach der Auferstehung Jesu, in deren Licht die Geschichte des Lazarus weit weniger unglaublich erscheint als läse man sie losgelöst von der Osterbotschaft. Denn nach der Auferstehung wusste die Urgemeinde (und wissen auch wir), dass Jesus Christus den Tod besiegt hat – ein für alle mal und für alle Menschen. Da ist Lazarus nichts weiter als ein Fallbeispiel.

Die Kirche hat den inneren Zusammenhang zwischen der Auferweckung des Lazarus und der Auferstehung Christi erkannt und das Johannes-Fragment als Kapitel 11 unmittelbar vor die Passionsgeschichte gestellt. Auch liturgisch befinden wir uns mit dem heutigen Passionssonntag vor der Heiligen Woche, mit dem Einzug in Jerusalem (Palmsonntag, Kapitel 12), der Fußwaschung (Gründonnerstag, Kapitel 13), dem Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus (Karfreitag, Kapitel 18 und 19) und Seiner Auferstehung (Ostermorgen, Kapitel 20).

In diesem Sinne präsentiert uns die Kirche heute einen Vorgeschmack der Auferstehung, zugleich eine Kurzfassung der Geschichte des jungen Christentums: „Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.“ Lazarus lebt. Und es lebt der Glaube derer, die sahen, wie Jesus ihn aus dem Tod ins Leben geholt hat. Und noch mehr werden es, die der Osterbotschaft glauben, die sich nach der Entdeckung des leeren Grabs rasch verbreitet. Und die sich – allen Widerständen und Verfolgungen zum Trotz – dem Christentum zuwenden, der Religion der Auferstehung und des Lebens.

In der jetzigen Situation vieler Menschen auf der Welt, die sich derzeit wegen der Corona-Pandemie in Quarantäne befinden, kann das Wort Jesu Mut machen: „Lazarus, komm heraus!“, und: „Löst ihm die Binden, und lasst ihn weggehen!“ Auch wir werden irgendwann zurück zum Alltagsleben gerufen werden, unsere engen räumlichen Bindungen werden aufgehoben sein und wir werden weggehen können, dahin gehen könne, wohin wir gehen wollen. Eine kleine Auferstehung wird das sein.

(Josef Bordat)