David Hume als Rassist

Einige andere aber auch.

Heute vor 309 Jahren wurde der schottische Philosoph und Historiker David Hume geboren, ein Vertreter des britischen Empirismus (insoweit John Locke folgend), der die Erkenntnis allein der Erfahrung zuschrieb, für den die Metaphysik dagegen keine Bedeutung hatte. Neben der Beschäftigung mit der Frage, was uns etwas wissen lässt, sah es David Hume als seine Aufgabe an, herauszufinden, unter welchen Bedingungen die menschliche Natur sich vom barbarischen zum zivilisierten Zustand empor entwickelte (vgl. E. Morton: Race and Racism in the Works of David Hume. In: Journal on African Philosophy, Jg. 1 [2002], Nr. 1).

Hume behauptet im Essay Of National Characters, dass alle Nationen, die jenseits der Polarkreise oder zwischen den Wendekreisen leben, im Vergleich zum übrigen Menschengeschlecht minderwertig seien (D. Hume: Of National Characters. In: The Philosophical Works of David Hume. Including all the essays, and exhibiting the more important alterations and corrections in the successive editions published by the author. Bd. 3. Edinburgh / Boston 1854, 228 f.).

Denn, so Hume, sie könnten jene Entwicklung zu zivilisierten Gesellschaften, die Hume ethisch begründet, „von Natur aus“ nicht mitmachen: „He concluded that moral causes led whites to develop from barbarism to civilization, but that blacks were unable by nature to make a similar advancement from barbarism“, mit der Konsequenz: „For Hume, the barbarous situation of blacks is unalterable“ (Morton: Race and Racism).

David Hume stand damit nicht allein. Der große Rechts- und Staatsphilosoph Charles de Montesquieu stellt fest, dass das Klima und die Art der Bodenbeschaffenheit in den tropischen Gefilden zwangsläufig zur Herausbildung von Sklavennaturen hatte führen müssen (C. d. Montesquieu: Vom Geist der Gesetze. Stuttgart 1965, 268 f.).

Ein besonders beredtes Beispiel anthropologischer Ignoranz liefert auch Immanuel Kant. In der „Nationenkunde“ seiner Schrift Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen lässt sich der in Königsberg fest verwurzelte Kant auf allerhand Urteile über europäische Nachbarn, aber auch über außereuropäische Kulturen ein, was dann in der Charakterstudie über die „Negers von Afrika“ so klingt: „[Sie] haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.“ (I. Kant: Gesammelte Schriften. Hrsg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften / Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Bd. 2 [Vorkritische Schriften 1757-1777], Berlin 1910, 253).

Mit Bezug auf David Hume fügt er hinzu: „Herr Hume fordert jedermann auf [In Of National Characters, J. B.], ein einziges Beyspiel anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und behauptet: daß unter den hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren Ländern anderwärts verführt werden, obgleich deren sehr viele auch in Freyheit gesetzt würden, dennoch nicht ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft, oder irgend einer andern rühmlichen Eigenschaft etwas großes vorgestellt habe, obgleich unter den Weißen sich beständig welche aus dem niedrigsten Pöbel empor schwingen, und durch vorzügliche Gaben in der Welt ein Ansehen erwerben. So wesentlich ist der Unterschied zwischen diesen Menschengeschlechtern, und er scheint eben so groß in Ansehung der Gemütsfähigkeiten, als der Farbe nach zu seyn“ (Kant: Gesammelte Schriften, 253)

Wolbert Smidt weist darauf hin, dass bereits 1787 Johann Friedrich Blumenbach dieser Aufforderung David Humes nachgekommen ist, indem er eine Liste bedeutender Schwarzafrikaner veröffentlichte (Die philosophische Kategorie des Läppischen und die Verurteilung der Afrikaner durch Kant. In: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien, Jg. 4 [2004], Nr. 6, 50 [Anm. 28]; vgl. dazu auch W. Smidt: Afrika im Schatten der Aufklärung. Das Afrikabild bei Immanuel Kant und Johann Gottfried Herder. Bonn 2000).

Preußens großer Staatsphilosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel begründet in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte systematisch die natürliche Inferiorität der Neuen Welt und rechtfertigt historizistisch die Zerstörung indianischer Kulturen als ein notwendiges Ereignis: „Man hat sie in Europa gesehen: Geistlos und von geringer Fähigkeit der Bildung. Die Inferiorität dieser Individuen in jeder Rücksicht, selbst in Hinsicht der Größe, gibt sich in allem zu erkennen […] Von Amerika und seiner Kultur, wie sie namentlich in Mexico und Peru sich ausgebildet hatte, haben wir zwar Nachrichten, aber bloß die, daß dieselbe eine rein natürliche war, die untergehen mußte, sowie der Geist sich ihr näherte“ (G. W. F. Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III. In: Ders.: Werke. Bd. 20, Frankfurt a. M. 1970, 199 f.).

Die rassistische Bestimmung des Zivilisierten, Ingeniösen und Moralischen wurde im Europa der Aufklärung kaum hinterfragt. So ist ein rassistischer roter Faden erkennbar vom 17. bis zum 19. Jh., von Hume bis Hegel, an den auch die großen Vordenker des demokratischen Toleranz- und Freiheitsduktus in Frankreich und Preußen, Montesquieu und Kant, anknüpfen. Auf diese Weise wurde der Barbarisierung ganzer Völker und Ethnien ein „rationaler“ und „aufgeklärter“ Nährboden bereitet. Von moralischem Fortschritt, Kernanliegen des Bemühens um Vernunft und Bildung in Rationalismus und Hochaufklärung, ist hier, aller moraltheoretischen Klugheit zum Trotz, nichts zu erkennen.

(Josef Bordat)