Zum Tag der deutschen Einheit

Seit 30 Jahren ist Deutschland wieder eins. 40 Jahre davor war das Land geteilt. Fremd sind sich die Deutschen in Ost und West während dieser vier Jahrzehnte geworden, zu verschieden waren ihre Lebenswelten, bis hin zu dem, was ihnen doch eigentlich nach wie vor gemeinsam war: die deutsche Sprache. Doch auch hier galt es in der DDR, eine neue Richtung einzuschlagen, um sich auch sprachlich vom Westen abzugrenzen, dessen Sprache wiederum dem Einfluss der englischsprachigen Popkultur ausgesetzt war.

DDR-Deutsch

Die Sprache in der DDR ist geprägt von bürokratischen Sonderformen und Neologismen („Objekt“, „Winkelement“, „Fahrerlaubnis“, „Großvieheinheit“) sowie politischen Euphemismen, die teilweise an Orwells „Neusprech“ erinnern („Planübererfüllung“, „antifaschistischer Schutzwall“, „versuchte[sic!] Republikflucht“, „Friedenskampf“). Texte der medialen Berichterstattung lassen sich aufgrund der Wortwahl zielsicher dem Osten Deutschlands zuordnen. Während im Westen das Volk die Politik beherrscht (zumindest theoretisch), so dominiert im Osten das Präfix „Volks-“ den politischen Sprachgebrauch – von „Volkskammer“ bis „Volkspolizei“. Zahlreiche Termini, die heute die T-Shirts von Friedrichshainern und Prenzlbergern zieren, die zumeist nach 1990 geboren wurden, waren gezielte Eingriffe der SED in den Sprachschatz (und das „Klassenbewusstsein“) der Ostdeutschen.

Worte als Waffe im Klassenkampf

Das Wort ist in der DDR ein Politikum. Das Wort ist jedoch seit jeher auch eine Waffe, die Feder ein Dolch. Das ist in der DDR nicht anders. Schriftsteller, die ironisch mit der politisierten Sprache des Ost-Alltags spielen, gelten als besonders suspekt. Witze, die auf die sprachlichen Figuren des Kaderjargons abstellen, sind sehr beliebt, etwa der von dem Mann, der voller Freude den Ort „Kürze“ sucht, da es „in Kürze“ alles gebe, was in der DDR fehlt. Obwohl sie einem viel Ärger eintragen, werden die erzählt und tradiert – hinter vorgehaltener Hand. Sie sind eine kreative Reaktion auf den Anspruch der Partei, immer Recht zu haben und in „Erichs Lampenladen“ (so die volkstümliche Bezeichnung für den Palast der Republik) von einer Erleuchtung zur nächsten zu taumeln.

Wende der Sprache, Sprache der Wende

Am 3. Oktober 1990 ging nicht nur die DDR unter, sondern auch ihre Sprache. Meinungsfreiheit braucht einen Ausdruck in freier Sprache. Die Wende der Sprache in Ostdeutschland wird eingeleitet durch die Sprache der Wende, in der eine Befreiung spürbar wird, die dem Wandel der politischen Umstände entspricht. Wie ein Seismograph zeigte die Wende-Sprache die gesellschaftlichen Veränderungen an. Man traute sich wieder, eine Meinung zu äußern, in einer Sprache, die dafür gemacht ist. „Unsere demokratische Entwicklung“, meinte Reinhold Vaatz (Neues Forum), „ist ja in erster Linie eine Befreiung der Sprache.“

Die Revolution setzte vor allem „semantische Signale“, wie Christa Wolf bemerkte, um zu ergänzen: „Die Sprache springt nun aus dem Ämter- und Zeitungsdeutsch heraus, in das sie bisher eingewickelt war, und erinnert sich ihrer Gefühlswörter.“ Gefühlsausdrücke, mal aggressiv („Sägt die Bonzen ab, schützt die Bäume“), mal kreativ („Kein Artenschutz für Wendehälse“), mal spielerisch („Reformen – aber unbekrenzt“), doch immer befreiend. Die „normale, verärgerte Sprache“ (Stefan Heym) erobert die Straßen in Dresden, Leipzig und Ost-Berlin.

Wir sind das Volk, wir sind ein Volk

Am Ende ist nicht nur die Freiheit, sondern auch die Einheit eine sprachliche Angelegenheit. Die deutsche Einheit ist enthalten in dem kleinen grammatikalischen Übergang vom bestimmten zum unbestimmten Artikel, der wohl selten bedeutungsvoller war. In die Abgrenzung von denen, die nicht Volk sind („Wir sind das Volk!“), mischt sich die Anlehnung an die Idee eines geeinten Deutschland („Wir sind ein Volk!“). Die – zumindest weitgehend – geteilte Sprache sollte dabei helfen, die innere Einheit in Zukunft noch deutlicher spürbar werden zu lassen. Obwohl das sicher mindestens weitere zehn Jahre braucht. Schließlich waren „wir“ – also „das Volk“ – 40 Jahre lang getrennt. Die Vollendung der inneren Einheit Deutschlands ist wichtig, denn davon hängt auch die Freiheit der Menschen und die Stabilität der Demokratie ab. Wer jene begräbt, bringt auch diese in den Sarg. Oder wie man in der DDR sagte: ins „Erdmöbel“.

(Josef Bordat)