Wer trägt Schuld, wenn Menschen Unsinniges tun?

Nach der „Erstürmung des Kapitols“ wurde rasch die Frage nach der Verantwortung gestellt. Wer ist an allem Schuld? Trump, weil er in den letzten Wochen soviel Unsinn verzapft hat? Die Sozialen Medien, weil sie diesen Unsinn bereitwillig veröffentlichten? Einige Meinungsführer, weil sie den veröffentlichten Trump-Unsinn fleißig teilten? Oder am Ende doch die- und derjenige Einzelne, welche und welcher sich am 6. Januar auf den Weg Richtung US-Parlament gemacht hat? Wer ist verantwortlich? Gibt es hier Täter (Trump) und Opfer (Trump-Fans), wie Kardinal Schönborn meint? Oder muss hier nicht jede und jeder, der dem Unsinn glaubt, zur Rechenschaft gezogen werden, weil und soweit sie oder er ja freiwillig dem Unsinn folgt, wenn sie oder er Unsinniges tut?

Ich versuche eine Antwort.

Freiwillig ist eine Bezeichnung für das Wesen des konstituierenden Wollens eines Menschen, welches dieser von sich aus, also selbst, und vor allem frei bestimmt. Willensfreiheit bedeutet eine Unabhängigkeit des Willens von jedweder zwingenden, beeinflussenden Kausalität, äußeren und inneren Ursachen in dem Sinne, dass der Wille als konstante Fähigkeit des Wollens einen Kern enthält, der nicht Produkt oder Wirkung irgendwelcher anderen Faktoren ist. Faktoren wie Trump und Twitter. Aber auch – etwas tiefer versteckt: Faktoren wie unsere Neuronen. Neurowissenschaftler behaupten, das die neuronalen Prozesse im Gehirn unser Wollen derart vorherbestimmen, dass es witzlos sei, überhaupt noch von Willensfreiheit zu sprechen. Sie sagen: Der Willensakt geht den neuronalen Prozessen nicht voraus, sondern ergibt sich aus ihnen. In entsprechender Weise folgt das Gefühl, eine Handlung intendiert zu haben – also der Willensakt – den für eine Willkürhandlung notwendigen kortikalen und subkortikalen Prozessen und tritt zusammen mit den nachfolgenden Handlungen auf.

Der US-amerikanische Physiologe Benjamin Libet führte Anfang der 1980er Jahre Versuche durch, die darauf abzielten, die zeitliche Abfolge von bewusster Handlungsentscheidung und motorischer Umsetzung der Entscheidung in einer Handlung zu messen. Das nach ihm benannte „Libet-Experiment“ löste eine kontroverse Diskussion über mögliche Schlussfolgerungen hinsichtlich der Freiheit des menschlichen Willens aus. Besonders die kurze Zeitspanne zwischen Bereitschaftspotential und bewusster Entscheidung war vielen nicht aussagekräftig genug. Eine Studie von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, der Charité Berlin sowie des Bernstein Zentrums für Computational Neuroscience Berlin um John-Dylan Haynes haben Libets Befunde 2008 bestätigt und ihre Aussage, den Entscheidung gingen neuronale Prozesse voraus, eindrucksvoll bestätigt. Haynes et al. haben mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) Veränderungen im Gehirn untersucht, die einer bewussten Entscheidung vorausgehen. Sie fanden dabei heraus, dass bereits etliche Sekunden bevor wir eine Entscheidung bewusst treffen, erste Anzeichen der Absicht aus dem Gehirn herausgelesen werden können (anhand der Bilder, die die fMRT erzeugt) – bis zu sieben Sekunden vorher. Das räumt die Zweifel an Libets Ergebnis in beeindruckender Weise aus, die bereits ehedem zu der sehr weitreichenden Annahme (ver)führten, es gebe keinen freien Willen.

Stimmt das – nun erst recht? Zwei Einwände dagegen: Komplexität und Konsequenz.

1. Komplexität. Um die Zeitspanne zwischen Neuronenfeuer und objektivierbarer Entscheidung (Knopfdruck) geht es nicht. Es geht um etwas anderes: Bereits das Versuchsdesign des „Libet-Experiments“, aber auch der Studie von Haynes et al. läuft am philosophischen Handlungsbegriff vorbei. In der Freiheitsdiskussion werden menschlichen Handlungen für wesentlich komplexer erachtet als das, was die Probanden in den Versuchen zu tun hatten. Diese erreichen den Handlungsbegriff nicht, denn Handeln ist mehr als „Knöpfchen drücken“. Damit sagt das Ergebnis im philosophischen Sinne nichts über Willensfreiheit aus. Denn schon seit Platon und Aristoteles wissen wir, dass der Wille nicht in dem Sinne frei ist, dass er keinerlei Mandat unseres Denkens unterstünde. Wir können nur wollen, was unser Verstand (materialistisch: unser Gehirn) als vernünftig auszeichnet. Unsinn zu wollen, ist kein Ausdruck von Freiheit. Ein selbst vom Denken unabhängiger freier Wille ist damit undenkbar.

2. Konsequenz. Wie bei Libet geht es bei Haynes nicht nur um isolierte, sondern auch um grund- und folgenlose Entscheidungen. Im Leben sind (wichtige) Entscheidungen, die zu (komplexen) Handlungen führen, aber nie folgenlos und zudem immer eingebettet in einen komplexen Daseinskontext, dessen Phänomene kausal verbunden sind. Die Entscheidung, diesen Text zu schreiben, hat nicht nur etwas mit neuronalen Vorprägungen wenige Sekunden vor dem Griff in die Tastatur zu tun, sondern mit meinem Dasein als Autor, damit, dass ich meine, so leben zu sollen, wie ich es tue, weil das meinem Wesen, meiner Persönlichkeit am ehesten entspricht. Vielleicht auch, da ich in einer bestimmten Weise gezwungen bin, Texte zu schreiben, weil ich nichts anderes kann, aber diese (vielleicht: tragische) Disposition ist eben keine Vorentscheidung, die meine Neuronen situativ treffen, sondern eine, die mir mein Ich (um bei dem Begriff zu bleiben, der am besten passt, auch, wenn es nur darum geht, die Summe aller Prägungen zu bezeichnen) aufgibt und mit der ich nun mal leben muss. Diese Prägung aktiv anzunehmen, widerspricht nicht meiner Freiheit, sondern ist gerade ihr höchster Ausdruck. Unfrei würde ich nur, wenn daraus eine Art Sucht entstünde (da muss man aufpassen) – oder, wenn ich die Prägung bewusst negierte, nur um zu zeigen, dass ich frei bin. Das wäre – ironischerweise – ein Zeichen von Unfreiheit, eine Art Trotz-Zwang, eine Pauschal-Opposition, wie sie sich heute auf einer kollektiven Ebene manchmal zeigt, oft paradoxerweise in Verbindung mit dem Anspruch, Freiheit(en) zu verteidigen. Und das nicht nur in den USA.

Also: Die Willensfreiheit ist durch Erkenntnisse über die Arbeitsweise unseres Gehirns nicht vom Tisch. Was (längst) passé ist, das ist die Vorstellung eines von jeder Körperlichkeit und Materialität erhabenen Willens in absoluter Ausprägung. Ein solcher kommt dem Menschen nicht zu (im Christentum ist dieser Wille Gott vorbehalten). Das wussten wir schon lange zuvor, ebenso wie wir schon um die innerpersönliche Begrenzung unserer Willensfreiheit durch Rationalität wussten. Die Neurowissenschaften können uns aber zeigen, dass es wirkmächtige Vorprägungen gibt, die uns nicht bewusst sind und die auf neuronaler Ebene unser Verhalten steuern, dass es also umso wichtiger ist, sich bei großen Entscheidungen Zeit zu nehmen, sich dieser Vorprägungen und möglichst vieler ihrer Einflüsse (Glaube, Kultur, Erziehung, moralische Vorstellungen) bewusst zu werden und insgesamt den verbleibenden Rest an Nicht-Unbewusstem (das betrifft wohl nur den geringsten Teil unserer Handlungen) durch ganz bewusste Bewusstwerdung aufzuwerten. Dieser Vorgang lässt sich üben, durch Bewusstseinsbildung, intellektuell, aber auch emotional, meditativ und – in Gestalt der Gewissensbildung – moralisch. Je mehr Zeit und Energie wir auf diesen Bildungsprozess verwenden, desto seltener werden wir nach unbedachten, voreiligen Entscheidungen mit dramatischen (oder auch nur peinlichen) Folgen denken müssen: „Wie konnte ich nur?!“

Also, Antwort auf die Frage: Der Mensch selbst bleibt verantwortlich und trägt insoweit Schuld, wenn er sich nicht die Mühe macht, vor einer komplexen Handlungsentscheidung nachzudenken, 1. woher der Handlungsimpuls kommt (und wie dieser Impuls zu bewerten ist), 2. was die Handlung beinhaltet und 3. welche Folgen sie hat.

(Josef Bordat)