Welttag des Buches

Meine Botschaft zum Welttag des Buches ist kurz und eindeutig: Lest!

Und ich habe auch gleich mal drei unverbindliche Empfehlungen.

1. Das Gewissen

Josef Bordat […] legt mit dieser Publikation eine umfassende und systematische Darstellung zu einem der wichtigsten moraltheologischen Themen vor. (Josef Gottschlich, IRP Freiburg, 18.7.2014)

Bordats Buch ist ‚ebenso gehaltvoll wie gut lesbar und hat das Zeug zum Standardwerk.‘ (Harald Stollmeier, Moralblog, 2.2.2014)

Die essayistische Diktion spricht für eine breite Zielgruppe, ohne dass dies auf Kosten der analytischen Tiefenschärfe ginge. […] In differenzierter Argumentation gelingt es Bordat, die Überlegenheit des christlichen Gewissenskonzepts gegenüber einem atheistischen Verständnishorizont darzulegen. (Andreas Püttmann, Pastoralblatt, Juli 2014)

2. Credo

Bordats Erörterungen über das Glaubensbekenntnis habe ich wie einen spannenden Roman an einem Stück gelesen. (Prof. Dr. Volker Kapp, literaturmarkt.info, 7.3.2016)

Ein sehr fundiertes und zugleich gut verständliches Buch, [das] nicht nur die eher leicht verständlichen Glaubenssätze des Credo, sondern auch dessen theologisch komplexere Aspekte klar, überzeugend und vor allem ermutigend erläutert. (Josef Gottschlich, IRP Freiburg, 11.7.2016)

Eine wirkliche Bereicherung für alle, die entweder ihre Schwierigkeiten und Zweifel mit den zentralen Glaubenswahrheiten haben oder deren Glaube zu einer Gewöhnlichkeit abgerutscht ist. (Dr. Richard Niedermeier, Medienprofile Heft 2/2016)

3. Von Ablaßhandel bis Zölibat

‚Von Ablaßhandel bis Zölibat‘ ist keine plumpe Verteidigungsschrift und vermeidet jede Schwarz-Weiß-Malerei. Das Buch sei nicht nur historisch interessierten Lesern empfohlen, sondern jedem, der seine Kirche liebt und für den sie nicht nur eine Kirche der da oben ist. Wer den Dialog mit anderen Religionen oder Weltanschauungen und die Neuevangelisation ernst nimmt, ist dazu aufgerufen, seinen Glauben zu kennen und zu verteidigen. Dieses Buch bietet ihm das Rüstzeug dafür. (Volker Niggewöhner, Die Tagespost vom 24.11.2017)

Josef Bordats Apologie [ist] allen an lebhaften und fundierten Diskussionen zu theologischen Streitfragen Interessierten sehr zu empfehlen. Darüber hinaus kann sie auch dem Religionsunterricht, insbesondere ab der neunten Jahrgangsstufe, gute Dienste leisten. (Josef Gottschlich, IRP Blog, 12.1.2018)

Fundiert und in einer allgemein verständlichen Sprache geschrieben, ist [das Buch] nicht nur dem Gläubigen zu empfehlen, der mehr über die Kirche, ihre Geschichte und den Glauben erfahren will oder argumentatives Rüstzeug für künftige Diskussionen benötigt. Auch Kirchenferne und -kritiker dürfen sich mit ihren Fragen und Argumenten durchaus ernstgenommen wissen. (Tobias Glenz, katholisch.de, 18.1.2018)

Lest, liebe Leute! Wenn nicht heute, wann dann?!

(Josef Bordat)

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Denkmal bekommt Kratzer

Hans Asperger, Namensgeber für eine Form von Autismus, war offensichtlich viel stärker in die NS-„Euthanasie“ verstrickt als bislang angenommen. Eine neue Studie des Wiener Medizinhistorikers Herwig Czech wertet bisher unbekannte Dokumente aus und belegt, dass Asperger in zwei Fällen „unheilbare“ Kinder in den Tod schickte.

Der ORF hat den aktuellen Sachstand zusammengefasst.

(Josef Bordat)

Katalonien feiert Sant Jordi

Am 23. April kombinieren die Katalanen den Georgstag mit dem „Tag des Buches“. Am Ende hat jeder ein Geschenk.

Sant Jordi (Georg), ein Märtyrer aus dem 3. Jahrhundert, ist vor allem durch die Legende vom Drachenkampf bekannt, wie sie in der Georgsdichtung seit dem 12. Jahrhundert in unterschiedlichen Varianten erzählt wird. In einem See vor der Stadt Silena hauste – so die Legende – ein Drachen, der die Stadt mit seinem Gifthauch verpestete. Die Einwohner Silenas mussten ihm täglich Lämmer opfern, um ihn milde zu stimmen. Als es keine Tiere mehr gab, wurden Kinder geopfert. Eines Tages war die Prinzessin an der Reihe. Nach einem bewegenden Abschied von den Eltern ging sie an den See. Da erschien Georg. Als der Drache auftauchte, durchbohrte ihn Georg mit seiner Lanze und rettete der Prinzessin das Leben. Aus Dankbarkeit ließ sich der König mit seinem Volk taufen.

Da ist er noch quicklebendig – der Drache. Foto: JoBo, 4-2010.

Die Geschichte vom Drachentöter Georg, der zu den Vierzehn Nothelfern zählt, faszinierte das mittelalterliche Europa. Zahlreiche Könige und Fürsten erhoben Georg zum Schutzpatron ihrer Länder, England zum Beispiel, oder auch Katalonien. Dort feiert man Sant Jordi jedes Jahr auf besondere Weise: die Damen erhalten von den Herren eine Rose, die Herren – weil zugleich „Tag des Buches“ ist – im Gegenzug ein Buch. Die Kinder malen oder basteln Drachen und singen Sant Jordi-Lieder, in denen der heldenhafte Kampf detailreich thematisiert wird.

Auf den Ramblas präsentieren sich – neben Rosenverkäufern und Buchhändlern – die unterschiedlichsten Initiativen, unter anderen „Greenpeace“, für die sicherlich „Gifthauch“ und „verpestet“ die entscheidenden Stichwörter sind. Am Stand der spanischen Blindenorganisation ONCE erhält man wertvolle Informationen zur Braille-Schrift. Auf diversen Bühnen gibt es Musik und Lesungen. Überall Rosen, Bücher – und Drachen. Sant Jordi, der einer anderen Legende nach dreimal starb und dreimal ins Leben zurückkehrte, lebt in Barcelona weiter.

(Josef Bordat)

Gott im Reihenhaus

Der Tag der offenen Klöster in Berlin

Beim gestrigen Tag der offenen Klöster in Berlin hatte ich die Gelegenheit, zwei eher unbekannte Kongregationen kennenzulernen. Die missionsärztlichen Schwestern und die Helferinnen. Beides eher neuere, kleinere Frauenorden, die kennenzulernen sich sehr gelohnt hat. Und das nicht nur wegen der angebotenen Verpflegung.

Die Kongregation der Helferinnen wurde 1856 von Eugénie Smet gegründet. Ihre Spiritualität ist ignatianisch, allerdings wollen die Helferinnen nicht als „weibliche Jesuiten“ wahrgenommen werden. Ihr eigenständiges Charisma besteht in der tätigen Nächstenliebe. Ohne eigene Einrichtungen zu betreiben, schließen sie sich bestehenden Projekten an und helfen Menschen in besonderen Notsituationen.

Weltweit stehen 470 Schwestern der Gemeinschaft im Dienst am Nächsten. Schwerpunktregion ist Indien und China – hier ganz in jesuitischer Tradition. Aber auch in Amerika, Afrika und Europa sind die Helferinnen aktiv. In Berlin sind sie momentan zu zweit. Die deutsche Hauptstadt ist die jüngste „Klostergründung“ der Kongregation – erst seit einem Jahr leben die beiden Schwestern in einer Lichtenberger Wohnung.

Die missionsärztlichen Schwestern sind in Berlin schon etwas länger und zahlreicher, so dass sie ein Reihenhaus in Biesdorf bewohnen. Auch das ist freilich weit weg von der Vorstellung eines klassischen Klosters mit Pforte, Refektorium, Kirche und Brauerei. Seit 1992 wirken die fünf Schwestern mit drei Assoziierten in Berlin, kritisch beäugt von einigen Nachbarn in der Einfamilienhaussiedlung.

„Einige Zugezogene dachten, wir sind eine Sekte“, meint eine der Schwestern schmunzelnd, „aber dann haben die, die uns schon kennen, gesagt: ‚Die Mädels sind in Ordnung!‘ und dann war es auch schon wieder gut“. Dennoch bleibt man in der Siedlung eher auf Distanz zu den Schwestern, kann nicht wirklich einordnen, was das bedeutet, dort am Klingelschild: „Kongregation“.

Die missionsärztlichen Schwestern wurden 1925 von der aus Österreich stammenden US-amerikanischen Ärztin Anna Dengel gegründet. Dabei sind nicht nur Medizinerinnen im Orden tätig – „heilen“ meint mehr als „gesund werden“. Ihr Wirken erstreckt sich denn auch auf viele Bereiche der karitativ-sozialen Arbeit. Auch die insgesamt etwa 500 missionsärztlichen Schwestern sind global tätig. Zudem gehören noch etwa 100 Frauen und Männer als Assoziierte zur Gemeinschaft.

Die Kongregation der missionsärztlichen Schwestern und die Kongregation der Helferinnen – zwei Beispiele für junge, wachsende Frauenorden im 21. Jahrhundert, deren Mitglieder mitten im Leben stehen und ihren Mitmenschen auf vielfältige Weise helfen, Heilung und Heil zu finden.

(Josef Bordat)

Der gute Hirte

Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, läßt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe. Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muß ich führen, und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten. Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen. (Joh 10, 11-18)

Im heutigen Evangelium stellt sich uns Jesus – wie implizit an vielen anderen Stellen – als der „gute Hirt“ vor und eröffnet uns, welche Bedeutung dieses Bild hat. Der Hirte als der unermüdliche, demütige Arbeiter, der sich – soweit es eben ein guter ist – ganz in den Dienst der Schafe stellt, sich um jedes einzelne Schaf kümmert, echtes Interesse zeigt und auch dann die Herde schützt, wenn Gefahr droht.

Das Bild des Hirten, das Jesus aufgreift, ist uralt. Er kann damit an eine lange Tradition anknüpfen. Schon im Alten Testament wird das Bild des Hirten als Metapher fürsorglicher Leitung auf Gott bezogen: „Der Herr ist mein Hirte“ (Ps 23, 1). Zudem wird es auf menschliche Führungskräfte übertragen, auch, um sie von daher kritisieren zu können, denn was einen Hirten auszeichnet, das war dem Volk bekannt („Weh den Hirten Israels, die nur sich selbst weiden. Müssen die Hirten nicht die Herde weiden?“, Ez 34, 2).

Auch Gott gibt Hirten eine besondere Bedeutung. Ihnen offenbart der Engel des Herrn die Ankunft des Messias, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Ihnen zeigt sich die Mutter Jesu, Maria, die Gottesgebärerin, Mutter des menschgewordenen Gottes, in Fatima: Jacinta Marto, Francisco Marto, Lúcia dos Santos. Ihnen fällt es in Person eines Beduinen zu, die Schriftrollen von Qumran zu finden, die aus Sicht der theologischen Forschung so wichtig sind, weil sie die christliche Deutung zentraler Begriffe der Bibel bestätigen und die Wahrheit des Evangeliums unterstreichen.

Das Bild entstammt einer Kultur, in der Hirten als fürsorgliche Leiter eine besondere Rolle im Alltag spielten. Sie waren omnipräsent, man wusste um ihre Bedeutung. Ohne sie war die Existenz des Gemeinwesens in Gefahr. Man verband damit Dinge, die auch für Gott, für Jesus gelten: Liebe, Treue, Sorge, Vertrauen, Beziehung, Ordnung, Einfachheit, Demut. Die Beziehung Gottes zum Menschen wird in Christus zur Beziehung des Hirten zu seiner Herde. Die ersten Darstellungen Christi sind die des guten Hirten, der ein Schaf auf seinen Schultern trägt; das Kruzifix kam erst Jahrhunderte später.

In der Nachfolge Christi geht das Bild auf Priester, Bischöfe und den Papst über: „Pastor“ heißt Hirte. Jesus erteilt Petrus den Auftrag zur Kirchenkonstruktion in damals zeitgemäßer Metaphorik: „Weide meine Schafe!“ (Joh 21, 16 und 17). Der Klerus steht zum Kirchenvolk bzw. zum einzelnen Gläubigen wie der Hirte zur Herde bzw. zum einzelnen Schaf. Vielleicht würde sich Jesus heute als der gute Bayerntrainer oder der gute VW-Manager vorstellen, heute, da Hirten exotisch geworden sind, zurückgedrängt in die romantische Folklore einer längst vergangenen Zeit.

In der Tat: Das Bild des Hirten ist heute nicht unproblematisch, vor allem wird seine Verwendung von zwei ekklesiologischen Missverständnissen begleitet. Das erste Missverständnis betrifft die Hierarchie von Hirt und Herde, das zweite das Herdendasein der Schafe.

Hierarchie. Hirt und Herde, Chef und Schaf, oben und unten. Das scheint für den einzelnen Gläubige wenig schmeichelhaft: Wer will schon gerne Schaf sein, eingepfercht in eine Herde, kontrolliert vom Hirten? Nicht vergessen werden sollte dabei allerdings, dass in dem Bild vom Hirten und seiner Herde ein Ausgleich dadurch gefunden wird, dass beide – Hirte wie Schaf – aufeinander angewiesen sind: Der Hirte lebt von der Herde, die ihn nährt, die Herde lebt Dank des Hirten, der sie schützt.

Selbst die Führung wechselt, denn auch die Führung einer Herde lebt von der vertrauensvollen Beziehung: So führt der Hirte die Herde am Abend kompromisslos in den Stall des Besitzers (und das einzelne Schaf lässt sich darauf ein, weil es durch den guten Hirten eine Ahnung von Stall und Besitzer bekam), doch tagsüber lässt sich der Hirte von seiner Herde zu den besten Futterplätzen und Wasserquellen ziehen, denn er weiß: Dafür hat nur das Schaf den richtigen Sinn.

Herdendasein. Wer die Herde als zu kollektivistisch abwertet und meint, die „dummen Schafe“ ließen sich vom Hirten treiben und einpferchen und müssten daher „vom Herdendasein befreit“ werden, etwa durch „Kunst“ (so Tanja Dückers in einem Beitrag für das Kulturmagazin Zeig Dich zum Evangelischen Kirchentag 2017), hat nicht verstanden, was das Bild der Herde im Zusammenhang mit dem Christentum bedeutet: Gemeinschaft von Individuen. Kein Schaf gleich dem anderen. Das einzelne Schaf verliert in der Herde nicht seine Individualität. Jesus selbst deutet das an, wenn er sagt, der Hirte kenne seine Schafe „einzeln beim Namen“ (Joh 10, 3).

Die Abwertung übersieht ferner, dass es zwischen Gemeinschaft und Individuum einen Ausgleich gibt, einen Kompromiss aus Freiheit und Verantwortung. Denn das Bild von Hirt und Herde beinhaltet die Weisung an die Herde, in Einheit und Liebe zum Hirten und zueinander zu stehen und es richtet zugleich an die Hirten die Mahnung, es dem guten Hirten nachzutun und der anvertrauten Herde treu zu dienen – bis in den Tod.

Die Schafe der Herde zeichnen sich im Willen zur Einheit und gegenseitigen Liebe durch die Gemeinschaft aus, die sie zur Herde macht, durch Gleichheit im Rang, was Gleichwertigkeit bedeutet, nicht Gleichförmigkeit. Christliche Gemeinschaft ist also keine Gleichmacherei – Unterschiede innerhalb der Herde sind möglich und nötig. Das eine Schaf mag mehr Wolle haben, das andere mehr blöken – der Hirte liebt sie alle gleich. Auch, wenn sie nicht gleich sind. Welch ein guter Hirt!

(Josef Bordat)

Armutsfalle Profifußball

Nein, das ist keine Satire. Ich sag das nur, damit wir uns gleich richtig verstehen. Auch, wenn man mit dem Profifußball alles mögliche verbinden mag, aber nicht Armut.

Die Profis, die wir kennen, erhalten Millionengehälter und haben nach zehn Berufsjahren ausgesorgt. Das liegt daran, dass unser Blick eher nach England, Spanien und Italien geht. Oder eben in die deutsche Bundesliga. Aber nicht in die österreichische.

Dort wurde jetzt ein Mindestlohn für die Profis beschlossen. 1300 Euro monatlich. Brutto. Über das Leben am Existenzminimum informiert 11freunde, die Fußballfachzeitschrift der etwas anderen Art. Lesenswert.

(Josef Bordat)

Im Fitness-Studio

Neben einer ausgewogenen Ernährung ist mäßige, aber regelmäßige Bewegung an der frischen Luft eine herausragende Ingredienz gelingenden Lebensvollzugs. Merke: Hauptsache gesund! Da spielt es dann auch keine Rolle, dass die frische Luft aus der Klimaanlage eines Fitness-Studios kommt. Denn das tut sie heutzutage. Das Laufband im Fitness-Studio ist der tannennadelbedeckte Waldweg des Großstädters. Seine Sonne hat 40 Watt und scheint rund um die Uhr. Immer bereit für ein wenig Bewegung.

Doch eigentlich wollte ich was ganz anders erzählen. Ich will erzählen, wie es so ist, im Fitness-Studio. Kurz: Wunderbar! Was kann es Schöneres geben als zwanglose Leibesübungen in einer Gemeinschaft Gleich- oder zumindest Ähnlichgesinnter? Neben der Gesundheit steht dabei die Freude im Vordergrund. Leistung – das war vielleicht einmal. Darüber sind wir längst hinweg. Uns, den etwa 50jährigen, geht es um die ganz individuelle Gesundheitsvorsorge mit einer Kombination aus „Cardio“ und „Gym“. Um nichts anderes.

Auch wenn dem alternden Besucher eines Fitness-Studios also jegliche Ambitionen fehlen, so bleibt es doch eine anthropologische Konstante, dass wir den Vergleich der Kräfte suchen. Und siegen wollen. Ich weiß nicht mehr, wer es war, der diesen Gedanken hatte. Platon. Oder Robert Lewandowski. Ist ja auch egal. Am Ende richtet sich der eiserne Wille zum Standhalten im Kampf bei der Generation „50plus/minus“ höchstens gegen den inneren Schweinehund. Alles andere ist Sache der Jugend der Welt, die Thomas Bach so am Herzen liegt.

„Cardio“ und „Gym“ bedeutet, zwanzig Minuten auf dem Fahrrad-Ergometer strampeln und zwanzig Minuten Rückenübungen gegen den drohenden Bandscheibenvorfall. Ich setze mich auf eines des Fahrräder, gleich neben Professor Petershagen, seines Zeichens ein renommierter Psychotherapeut. Wir nicken uns zu. Faire Geste. Gegenüber eine Gruppe Frauen auf Sitzfahrrädern, die Kreuzworträtsel lösen, während sie aufreizend langsam ihre Knie auf und ab bewegen. Einige halten 1000-Seiten-Romane in der Hand und lesen. Möglicherweise als zusätzliche Gewichtsbelastung. „Cross Fit“ für‘s Alter. Vielleicht aber auch nur, um nicht einzuschlafen. Andererseits sorgt dafür schon der pausenlose lebhafte Austausch.

Vor der Kulisse von schnatternden, blätternden, kreuzworträtsellösenden und insgesamt recht gut gelaunten Damen mittleren und gehobenen Alters beginnen Petershagen und ich mit der Übungseinheit. Jeder so, wie es geht. Ist ja schließlich nicht die Tour de France. „Stufe 10“, murmelt Petershagen, scheinbar gedankenverloren, doch gerade so laut, dass ich es höre. Vielmehr: So laut, dass er berechtigterweise meinen durfte, ich müsse es hören können. Eine Provokation. Andererseits: Stufe 10 bei der Frequenz – eine schöne Leistung. Denke ich. Ach, was – darum geht es doch nicht. Schon vergessen? Gesundheit, nicht Leistung!

Ich schalte auf Stufe 7. Das ist nicht weit weg von meiner persönlichen Bestmarke, aufgestellt auf einem Höhenergometer in St. Moritz. Allmählich steigere ich die die Trittfrequenz. „Bingo!“ ruft eine der Damen, reckt ihr Tableau in die Höhe und alle klatschen. Alle außer Petershagen und mir. Tief über den Lenker gebeugt halten wir den Rhythmus. Wie die Pleuelstangen einer Dampfmaschine rotieren meine Beine. Ich verlasse die ergonomische Position nur kurz, um eine weitere Stufe hochzuschalten.

Petershagen hat ebenfalls die Frequenz erhöht und bleibt dran. Unsere Blicke treffen sich. Wer macht den ersten Fehler? Wer geht zu früh in die nächste Tempoverschärfung? Schließlich sind es bis zu „Rücken I, Senioren“ noch acht Minuten. In identischem Rhythmus geht es hoch auf den Tourmalet. Nur einer von uns bekommt am Gipfel die zehn Sekunden Zeitgutschrift. Petershagen kämpft. Aus dem Augenwinkel bemerke ich seinen hin und her schwankenden Oberkörper. Mit letzter Kraft richte ich mich auf und nehme betont lässig einen Schluck aus der Trinkflasche. Meine Oberschenkel brennen wie Feuer und mein Herz schlägt bis zum Gaumen, doch die Botschaft kommt an. Petershagen, der Mann an meinem Hinterrad, verlangsamt die Fahrt und steigt von der Maschine. „Rückengymnastik“, deklamiert er ächzend in meine Richtung. Als sei das der Grund für den Ausstieg! Na, warte, Dir werd‘ ich…! – Schwarz. Es ist alles schwarz!

„Geht es wieder, Herr Borchert?“ Die Stimme der Trainerin klang seltsam verzerrt, wie aus ganz weiter Ferne. „Ja, ja. Wo bin ich?“ – „Rücken I.“ Ich musste kurz ohnmächtig geworden sein, denn wie mein geschundener Körper, den ich nur noch in Teilen spüren konnte, vom Ergometer auf die Gymnastikmatte gelangt war, wusste ich beim besten Willen nicht. Neben mir lag Petershagen und grinste. „Was ist – Liegestütze?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, begann er zu pumpen und presste die Wiederholungszahl durch die fest zusammengebissenen Zähne. „… mpfzehn, sech-zehn, siebzeee, acht… boh!“ – „Alle Achtung, Herr Professor!“ – „18!“ Petershagen war der personifizierte Stolz. „Na, die beiden letzten waren aber nicht ganz unten, oder?!“ – Petershagen schnaubte. „Wir wollen uns doch nicht streiten!“ Nein, nein. Sagte ich. Und beantragte den Videobeweis.

Seine Frau hatte zwischenzeitlich ihr Training (zwei Sudokus, ein Romankapitel) beendet und erinnert ihren Gatten freudestrahlend an einen Anschlusstermin. „Ja, doch“, erwiderte Petershagen unwirsch. Dann erhob er sich und ging grußlos am Sitzfahrräderlesesaal vorbei in die Umkleide. Nun war es an mir, die Zahl der Liegestütze zu übertreffen. „Was ist, Herr Borchert?“ Ich machte mich ans Werk. Wie viele es waren? Nun, zunächst einmal: Es geht hier nicht um Leistung. Es geht um Gesundheit. Um die Kräftigung des Bindegewebes, um die verbesserte Sauerstoffversorgung der Extremitätenmuskulatur und eine größere Beweglichkeit im Bereich der Halswirbelsäule. Wenn man erst mal um die 50 ist, dann ist so etwas viel wichtiger als schnöde Leistungsdaten.

21. Einundzwanzig. Ein-und-zwan-zig. Yes!

(Josef Bordat)