Corona-Pandemie: Eine Million Infizierte

Mittlerweile ist etwa eine Million Menschen nachweislich mit dem Corona-Virus infiziert. Nach nur etwas mehr als einem Vierteljahr seit dem ersten Auftreten ist das ein erschreckend hoher Wert, der in der Tat noch um den Faktor 5 bis 10 (beide Werte kursieren) höher liegen dürfte – viele Infizierte wissen nichts von der Infektion, weil keines der typischen Symptome auftritt.

Erstaunlich ist die sehr ungleiche Verteilung der Infektionen über den Globus. Obwohl es praktisch überall Infizierte gibt, in nahezu allen Ländern und Territorien, lebt doch etwa 81 Prozent der Infizierten in nur zehn Ländern: USA, Italien, Spanien, China, Deutschland, Frankreich, Iran, Vereinigtes Königreich, Schweiz und Türkei. Schaut man nur auf die ersten Fünf in dieser traurigen Liste, so ist es etwa 63 Prozent; 31 Prozent lebt in den drei am schlimmsten betroffenen europäischen Ländern (Italien, Spanien, Deutschland), in denen nur 2,4 Prozent der Weltbevölkerung zuhause ist.

Schaut man auf die Verteilung der etwa 50.000 Todesfälle, so wird die Konzentration auf die genannten zehn Länder noch größer: Etwa 89 Prozent der Todesopfer stammt aus diesen zehn Zentren der Pandemie. Auch hier zeigt der Blick auf die ersten Fünf die erstaunliche Konzentration der Fälle: 73 Prozent der Corona-Toten stammt aus Italien, Spanien, Frankreich, China oder den USA; 56 Prozent stammt aus den drei europäischen Ländern (Italien, Spanien, Frankreich), in denen nur 2,2 Prozent aller Menschen lebt.

Lateinamerika und Afrika, aber auch Kanada, Russland, Indien und Australien sind bisher weitgehend von der Corona-Pandemie verschont geblieben. In Mexiko und Peru – um zwei Beispiele zu nennen, die mir persönlich besonders am Herzen liegen –, sind es zusammen nur etwa 2700 Fälle von Corona-Infektion (0,27 Prozent), bei 84 Todesfällen (0,17 Prozent). In beiden Ländern lebt 2,1 Prozent aller Menschen – der Größenordnung nach also durchaus mit den oben genannten europäischen Staaten vergleichbar.

Die Letalität liegt im weltweiten Durchschnitt bei mittlerweile über 5 Prozent, in Deutschland bei etwas über einem Prozent. Traurige Spitzenwerte erreicht sie in Spanien (9 Prozent) und Italien (12 Prozent). In Mexiko (2,7 Prozent) und Peru (3,6 Prozent) liegt die Sterblichkeit höher als in Deutschland, jedoch niedriger als im globalen Durchschnitt. In den USA, dem Land mit dem momentan stärksten Anstieg der Fallzahlen, liegt sie bei 2,4 Prozent – halb so hoch wie der Weltdurchschnitt, doppelt so hoch wie in Deutschland.

(Josef Bordat)

Pflege-Erfahrungen

Geschichten aus dem Alltag mit einer 24-Stunden-Pflegekraft aus Osteuropa.

Was tun – als Sohn, als Tochter -, wenn die pflegebedürftige Mutter oder der pflegebedürftige Vater nicht mehr mit eigenen Kräften zu Hause gepflegt werden kann? Im Prinzip gibt es dann zwei Möglichkeiten: Das „Abschieben“ ins Pflegeheim (falls es dort einen freien Platz gibt) oder aber das Engagieren einer „Inhouse-Pflegekraft“.

Letzteres ist nicht unumstritten, aus ganz unterschiedlichen Gründen: eine oft mangelnde Qualifikation der von zum Teil dubiosen Agenturen vermittelten Pflegerinnen (in der überwiegenden Mehrzahl Frauen, zumeist aus Osteuropa) auf der einen Seite sowie fehlende Regelungen sozialer Absicherung (oder der Unwille, sich daran zu halten) auf der anderen Seite – die sprichwörtliche „Polin“ bringt neben ihrer Hilfsbereitschaft auch gesundheits- und sozialpolitischen Sprengstoff mit in Deutschlands Haushalte. Diejenigen, die sich trotzdem für die „Inhouse-Pflegekraft“ entscheiden, bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone.

Sigrid Tschöpe-Scheffler, zuletzt Professorin an der Technischen Hochschule Köln für Familienbildung und Leiterin des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie, stand vor der oben beschriebenen Herausforderung und hat es gemeinsam mit ihrer pflegebedürftigen, zunehmend an Demenz leidenden Mutter dennoch gewagt und sich für die Unterstützung der Alltagsarbeit durch 24-Stunden-Kräfte aus Osteuropa entschieden. Darüber hat sie ein Buch geschrieben: „Früher war ich ein flottes Huhn, heute bin ich eine lahme Ente. Meine alte Mutter, ihre Pflegekräfte aus Osteuropa und ich“, so der vielsagende Titel des im Patmos-Verlag erschienen Bandes.

Darin schreibt sie – realistisch, empathisch und durchaus auch humorvoll – von ihren Erfahrungen und denen ihrer Mutter, die beherzt die Möglichkeit zum interkulturellen Austausch mit ihrem Betreuungspersonal nutzt. Sicher ein Ideal, doch die Geschichten zeigen nicht nur die schönen Seiten – auch traurige Begebenheiten kommen zur Sprache. Der Tenor ist jedoch positiv: Eine derartig gestaltete Pflegesituation kann bereichern. Gleichwohl bleiben Fragen offen. Eine generelle Lösung für den Pflegenotstand in Deutschland bietet die „Polin“ nicht. Zumal auch in Polen (und der Ukraine) der Bedarf an gut ausgebildeten Kräften im Gesundheitswesen steigen wird.

Bibliographische Angaben:

Sigrid Tschöpe-Scheffler: Früher war ich ein flottes Huhn, heute bin ich eine lahme Ente. Meine alte Mutter, ihre Pflegekräfte aus Osteuropa und ich.
Ostfildern: Patmos 2020.
200 Seiten, 18 €.
ISBN 978-3-8436-1233-3.

(Josef Bordat)

Zusammenhalten in der Krise

Dass die Kritik an den Handelnden in einer akuten existenziellen Krise tendenziell zurückgeht und Unzufriedenheit mit Kleinigkeiten oft der Anerkennung des prinzipiell Richtigen weicht, ist nichts Neues. Dass aber die Bundesregierung im aktuellen „ARD-Deutschlandtrend“ so gut abschneidet und vor allem die Union stark von den derzeitigen Maßnahmen profitieren kann (sie erhielte bei Bundestagswahlen derzeit 34 Prozent), kommt dann doch etwas überraschend. Angela Merkel, Olaf Scholz und Jens Spahn sind die momentan beliebtesten Krisenmanager; sie legen in der Wählergunst um 11, 17 bzw. 9 Prozent zu. Auch, dass immer noch 93 Prozent die drastischen (aber sicher notwendigen) Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus unterstützen (nach 95 Prozent vor zehn Tagen), ist alles andere als selbstverständlich.

Deutschland einig Vaterland. Endlich mal.

(Josef Bordat)

Corona-Moratorium

Jede Krise ist eine Chance. Das ist ein Kalenderspruch. Er kann sich aber bewahrheiten, wenn man sie ergreift, die Chance. Sie besteht momentan darin, die Welt in der Corona-Krise etwas besser zu machen. Drei Handlungsfelder sind dabei naheliegend.

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1. Frieden: Konflikte beenden

In vielen Regionen gibt es bewaffnete Konflikte. Menschen werden Opfer unermesslicher Gewalt. Zerstörung der Infrastruktur, Armut, Perspektivlosigkeit sind die Folgen. Vertreibung und Flucht lassen die Kriege bis zu uns gelangen.

UNO-Generalsekretär António Guterres hat bereits vor gut einer Woche in einer Videobotschaft zu einem globalen Waffenstillstand aufgerufen. Der ist dringend nötig, nicht nur, weil jetzt alle Kräfte zur Überwindung der Pandemie gebraucht werden.

2. Gesundheit: Afrika helfen

Jedes Jahr erleben die Menschen im Subsahara-Afrika eine Grippe-Epidemie mit Zehntausenden Toten. Es handelt sich um die „gewöhnliche“ Grippe, gegen die es bei uns längst eine Impfung und wirksame Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Diese fehlen in den betroffenen Regionen, weil den Gesundheitssystemen das Geld fehlt. Viele Menschen sterben in Afrika Jahr für Jahr an Krankheiten, die in Europa in der Regel nicht zum Tod führen. Europa muss Afrika helfen – finanziell, logistisch, praktisch.

3. Umwelt und Klima: Ökologisch investieren

Die Corona-Krise selbst hat bereits positive Auswirkungen auf Umwelt und Klima, etwa dadurch, dass der Flugverkehr weltweit praktisch zum Erliegen kam. Doch dieser Effekt wird rasch verpuffen, wenn wir bald zur gewohnten Normalität zurückkehrten. Er ist nicht nachhaltig.

Umso mehr müssen die Investitionen aus den Mitteln des Nachtragshaushalts nachhaltig sein. Die Förderung sollte insbesondere für ökologisch sinnvolle Maßnahmen erfolgen. So kann die Corona-Krise zur Chance für eine raschere und reibungslosere Energiewende in Deutschland werden.

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Die Waffen schweigen lassen, die Schulden erlassen, den Weg der umwelt- und klimaschädlichen Wirtschafts- und Lebensweise verlassen. Das sind nur drei Ideen, wie aus der aktuellen Misere etwas entstehen kann, das unsere Welt ein wenig besser macht. Ich bin sicher, jede und jeder von Ihnen hat eigene Ideen. Nutzen wir die Chance, die uns das Virus bietet!

(Josef Bordat)

Corona – Strafe Gottes?

Das Corona-Virus hat die Welt fest im Griff. Es herrscht zugleich Sprachnot angesichts der Krise. Warum wir, warum jetzt? Warum, Gott? Ein Verdacht drängt sich auf: Corona als Strafe Gottes, als Strafe für unsere Sünden. Doch: Lässt sich dieser Verdacht biblisch, theologisch und philosophisch begründen? Antwort: Nein!

Der Tun-Ergehens-Zusammenhang im Judentum – und dessen Kritik durch Jesus

Zunächst: Der Tun-Ergehens-Zusammenhang ist Teil vieler Erzählungen der Menschheitsgeschichte. In fernöstlichen Religionen spielt er eine Rolle, etwa in der buddhistischen Karma-Lehre. Auch das Judentum zur Zeit Jesu kennt den Tun-Ergehens-Zusammenhang. Es sieht Leid als strafende Konsequenz der Sünde an, sowohl für eigenes Vergehen als auch für das Vergehen der Eltern bzw. vorangegangener Generationen, d. h. wer sich gegen Gott auflehnt, der hat die Folgen seines Verhaltens zu tragen und wer leidet, der muss Gott zuvor einen Grund gegeben haben, dass er ihn so leiden lässt. Dieses Prinzip gilt kollektiv und individuell: Wenn dem Volk Israel Übel widerfährt, dann deshalb, weil es sich gegen den Bund mit Jahwe vergangen hat. Und wer persönlich leidet, der hat zuvor das Missfallen Gottes erregt und wird von ihm dafür bestraft.

Jesus räumt damit auf. Als er mit seinen Jüngern einen „von Geburt an Blinden“ trifft, wollen diese vom Herrn nur eines wissen: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, so daß er blind geboren wurde?“ (Joh 9, 2). Leid ist also in den Augen der Jünger stets etwas „Gerechtes“, etwas, das der Leidende „verdient“ hat – eine „Strafe Gottes“. Auch die Pharisäer bezeichnen den Blindgeborenen in Sinne dieses festen Schuld-Strafe-Konnex als „ganz und gar in Sünden geboren“ (Joh 9, 34).

Jesus tritt dieser Einschätzung entgegen. Den Jüngern, die ihn nicht etwa nach der Ursache der Blindheit fragten, sondern die nur wissen wollten, wer genau die strafauslösende Sünde begangen hatte (irgendjemand muss es ja gewesen sein!), entgegnet er: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden“ (Joh 9, 3). Jesus heilt den Blinden – ein Skandal, der eine intensive Befragung des Geheilten nach sich zieht, zumal die Heilung am Sabbat geschah – und schafft damit zugleich ganz neue Verhältnisse, in denen „die Blinden sehend und die Sehenden blind werden“ (Joh 9, 39).

Jesus stellt schließlich die jüdische Ordnung vollends auf den Kopf, indem er am Beispiel der Pharisäer die Tun-Ergehens-Logik umkehrt: „Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde“ (Joh 9, 41). Nicht der – im übertragenen Sinne – „Blinde“ ist der Sünder, sondern der, der zu sehen vorgibt, der so tut, als ob.

Leid bekommt damit eine grundsätzlich andere Deutung, weg von der Strafe hin zur Bewährungschance. Das zeigt sich nicht nur hier: Nachdem Menschen von Jesus unter Aktivierung der eigenen Heilungskräfte im Glauben („Dein Glaube hat dir geholfen.“) von körperlichen oder seelischen Leiden befreit wurden, erfolgt gewöhnlich die Aufforderung an die geheilte Person, künftig im Gedenken an die Heilstat nicht mehr zu sündigen, wohlwissend, dass dies nicht aus eigener Kraft, sondern nur mit Hilfe Gottes gelingen kann. Mit Leid umgehen zu lernen oder es gar zu überwinden, indem man es im Glauben von Jesus heilen lässt, kann somit als Schritt in neues, besseres Leben gelten – auch im moralischen Sinne.

Leibniz, Wolff, Kant

Hieraus entnehmen Gottfried Wilhelm Leibniz und dann insbesondere sein Epigone Christian Wolff das Motiv der moralischen Besserung des Menschen im Rahmen individueller und kollektiver Perfektibilität: Fortschritt durch (göttlich initiierte) leidvolle Erziehung – nicht Strafe! In Leibnizens Antwort auf die Theodizeefrage(1) gibt es tatsächlichen einen Zusammenhang von Schuld (malum morale) und Leid (malum physicum). Leibniz definiert aber neben den auf Augustinus zurückgehenden Klassen malum morale und malum physicum eine dritte Art von Übel, das malum metaphysicum, die Unvollkommenheit.

Es muss nach Leibniz dieses Übel geben, um ein Streben nach Vollkommenheit zu ermöglichen. Wäre alles schon vollkommen, wäre jedes Streben, mithin jedes Handeln sinnlos. Ferner würde sich dann kein signifikanter Unterschied zwischen dem vollkommenen Schöpfer und seiner dann ebenfalls vollkommenen Schöpfung ergeben, was die Schöpfung an sich als ununterscheidbar von Gott und damit als „Nicht-Schöpfung“ entlarven würde, denn die Reproduktion des Gleichen führt nur zur Schaffung von Identitäten. Die Manifestation einer Identität ist jedoch keine schöpferische Leistung, sondern lediglich die Formulierung der unmittelbarsten, einfachsten und einsichtigsten Wahrheit.

So sind die Menschen als endliche rationale Wesen, denen Gott im Rahmen der Schöpfung keine Vollkommenheit zubilligen konnte, dem malum metaphysicum als einer natürlichen Begrenzung des Geschaffen unterworfen (nicht um sie zu strafen, sondern um ihre Existenz zu ermöglichen). Daraus ergeben sich dann die physischen Übel, die Leiden, und die moralischen Übel, die Sünden. Also: Leibnizens malum physicum als Strafe für ein malum morale, das aus Freiheit resultiert, ist nicht die „gerechte Strafe“ im singulären Fall, sondern die notwendige Bedingung einer nicht perfekten Schöpfung, die aus metaphysischen Gründen nicht perfekt sein kann.

Bedeutsam ist hierbei der Unterschied zwischen schaffen und zulassen: Nach Leibniz hat Gott das Übel nicht geschaffen, sondern zugelassen (permis), weil es im Plan der „besten aller möglichen Welten“ notwendig enthalten war. Ebenso ist es wichtig, im Hinblick auf die Moral zu erkennen, dass der Mensch zwar keine Vollkommenheit hat, wohl aber Vervollkommnungsfähigkeit (perfectibilitas).

Das malum morale ist unterdessen ein Produkt der Freiheit des Menschen und hätte nur auf Kosten dieser vermieden werden können, d. h. ein grundsätzlicher Ausschluss des moralisch Bösen von vorne herein bedeutet für Leibniz das Ende der Freiheit. Das Böse muss also um der Freiheit Willen als Teil der Schöpfung akzeptiert werden und ist folglich für Leibniz kein fahrlässiger Schöpfungsfehler Gottes, sondern ein Zugeständnis an die Freiheit des Menschen. Es bietet ihm Chancen zur Vervollkommnung, zur Verbesserung der Welt. Die Erfahrung des Übels soll demnach nicht dazu führen, mit Gott zu hadern, sondern die Welt im Sinne der perfectibilitas stets und ständig zu verbessern und damit bei sich selbst anzufangen.

So dient das Böse letztlich auch zur Besserung der eigenen Person, das Böse wird zur Herausforderung für die eigene moralische Konstitution. Diesen Gedanken der „Pädagogisierung des Leidens und des Bösen“(2) 1 führt dann insbesondere Christian Wolff weiter. Von dort erhält er Einzug in die akademische Aufklärungsphilosophie und entfaltet eine große Wirkung – bis zu Kant und sogar über Kant hinaus, der im übrigen der Meinung war, die Theodizeefrage überfordere die menschliche Vernunft.

Bei der ethischen Rezeption einer Krise wie der Corona-Pandemie ist mit Leibniz und Wolff also der moralpädagogische Gehalt des Leids zu sehen, die Fragen sind in die Zukunft gerichtet (im Sinne der Verbesserung, als Antwort auf das Wozu), nicht in die Vergangenheit (im Sinne der Erklärung des Geschehenen, als Antwort auf das Warum).

Der durchaus mit Leibniz-Wolffschem Denken kompatible christliche Deutungsansatz ist also folgender: Gott will Besserung, nicht Rache. Ihm geht es um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit. Sein Ratschluss betrifft alle, nicht nur einige. Deutlich wird dies in den Worten Jesu über das malum morale und malum physicum zu seiner Zeit: „Zu dieser Zeit kamen einige Leute zu Jesus und berichteten ihm von den Galiläern, die Pilatus beim Opfern umbringen ließ, sodass sich ihr Blut mit dem ihrer Opfertiere vermischte. Da sagte er zu ihnen: Meint ihr, dass nur diese Galiläer Sünder waren, weil das mit ihnen geschehen ist, alle anderen Galiläer aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt. Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms von Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass nur sie Schuld auf sich geladen hatten, alle anderen Einwohner von Jerusalem aber nicht? Nein, im Gegenteil: Ihr alle werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt“ (Lk 13, 1-5). Der springende Punkt ist mithin die Perspektive: wohlwollende Mahnung mit Blick in die Zukunft, nicht strafende Vergeltung mit Blick in die Vergangenheit. Die eigentliche Essenz theologischen und philosophischen Nachdenkens über das Leid ist nicht Erklärung, sondern Überwindung.

Hiob, Jesus – und wir

Und wie ist es, wenn man selbst betroffen ist, ganz konkret? Dann wird der akademische Diskurs existenziell. Wie bei Hiob. Das Aushalten des Leides als Grundvollzug des Glaubens, der den Aspekt der Verherrlichung Gottes durch den unbeirrt am Glauben festhaltenden Menschen betont, wird als Erklärungsansatz nirgendwo in der jüdisch-christlichen Tradition so deutlich erkennbar wie in der Person Hiobs. Hiob, der um das Jahr 1000 v. Chr. lebte und „aus heiterem Himmel“ alles verliert, was ihm lieb und wert war, bleibt treu im Glauben an den gerechten Gott, dessen Größe er sich anheim gibt, sehr zum Leidwesen seiner Frau, die ihn angesichts immer neuer Schreckensbotschaften spöttisch fragt: „Hältst du immer noch fest an deiner Frömmigkeit?“ (Hiob 2, 9). Eine vernünftige Erklärung für sein Schicksal hat Hiob ebenso wenig wie für seine Kraft, standhaft zu bleiben, er gibt ihr nur zurück: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“ (Hiob 2, 10). Durch das Leid wird seine Entscheidung, an Gott zu glauben und ihm gehorsam zu sein, nicht erschüttert, sondern weiter gefestigt.

Jesus denkt mit seiner Ablehnung des jüdischen Sünde-Strafe-Leid-Konnex aber nicht an „Bewährung“ im Aushalten von Leid und auch nicht an irdische Bestrafung oder Belohnung. Gottes Gerechtigkeit erweist sich für ihn in zwei Dimensionen: 1. dem Paradies als konkreter und unmittelbarer Jenseitshoffnung (Lk 23, 43) und 2. dem Anbruch des Gottesreiches als mittelbarer und zeitlich nicht festgelegter Vorstellung (Mk 13, 32). Die Theodizeefrage verliert in diesem Horizont viel von ihrer Spannung, da Gottes Gerechtigkeit sich auch über das irdische Leben hinaus erweisen kann: Der hier und jetzt ungetröstet Leidenden wird im Paradies Gerechtigkeit erfahren.

Alles Ausgleichende ins Jenseits zu verlagern, bleibt jedoch unbefriedigend, weil das Leid unmittelbar im Hier und Jetzt erfahren wird und Erklärungen im bzw. für das Diesseits gesucht werden. Also müssen sich in und durch Jesus Christus Ansätze für ein Leidverständnis gewinnen lassen, die noch im diesseitigen Leben ihre tröstende Kraft entfalten. Der Schlüssel zu diesem Verständnis ist Jesu eigenes Leid, seine eigene Verzweiflung und seine eigene Gottverlassenheit.

Aus dem metaphysisch begründeten Heil der Welt wird das persönlich erfahrene Leid und das daraus unmittelbar erwachsene Heil des menschgewordenen Gottes in der Welt, eines Gottes, der sich für diese Wandlung selber wandelt und den Kriterien Raum und Zeit unterwirft und dabei phasenweise seine Allmacht aufgibt, wie Hans Jonas andeutet.(3) Dies geschieht in schwacher Form in der Schöpfung, in der Erschaffung des Menschen als sein Abbild (Gen 1, 26-27) und in starker Form in seiner Menschwerdung in Jesus Christus. Am Kreuz zeigt sich uns die in Liebe gewandelte Allmacht als Ohnmacht. Dass dieser Schein trügt, davon zeugt die Auferstehung, an die wir Christen glauben.

Doch auch die Passion Christi bleibt freilich eine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Leids schuldig. Sie zeigt aber die Möglichkeit seiner Überwindung auf, was mit Jonas als Herausforderung für eine in Verantwortung tätige Menschheit verstanden werden muss. Gleichzeitig erfährt auch der Gekreuzigte die Gottferne des modernen Menschen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mt 27, 46).

Genau das fragen wir auch angesichts der Corona-Pandemie. Doch wir vermögen angesichts des Kreuzes (im Lichte der Auferstehung) zu erahnen, dass Gott uns nicht verlassen hat, auch, wenn es so aussehen mag. Denn wir glauben, dass alles Leid, das uns widerfährt, bereits im Leiden des Gekreuzigten enthalten ist und nichts mehr hinzutreten kann zu diesem Leid, das notwendig war für das Heil der Welt und die ganz persönliche Vollendung Christi, die in den letzten Worten deutlich wird: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19, 30) und – als Ausdruck der Geborgenheit – „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ (Lk 23, 46). Unser Leid erhält genau darin einen Sinn, dass es Teil der Nachfolge Christi und damit Teil des Heilsplans Gottes ist.

Papst Franziskus und die Botschaft der Corona-Pandemie

Corona ist also keine Strafe Gottes. Der Tun-Ergehens-Zusammenhang gilt nicht – zumindest nicht in dieser schlichten Weise: auf Sünde folgt Strafe. Dennoch kann eine solche Krise mit einer Botschaft verbunden sein. Papst Franziskus hat am 27. März in seiner kurzen Predigt im Rahmen der Andacht inmitten des aktuellen Corona-Schreckens eine solche Botschaft herausgearbeitet. Bezogen auf das Evangelium von der Stillung des Sturms (Mk 4, 35-41) – die Jünger fürchten sich, Jesus schläft, sie wecken ihn, er beruhigt den Sturm, die Jünger sind verblüfft, Jesus rügt ihr mangelndes Vertrauen – sagte Franziskus: „Der Sturm legt unsere Verwundbarkeit bloß und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir bei unseren Plänen, Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. Er macht sichtbar, wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen.“ Franziskus schlug – wie so oft in seinen Ansprachen – einen sehr weiten Bogen und bezog unsere „normale“ Lebensweise kritisch auf die derzeitige Ausnahmesituation: „In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden“.

Die Botschaft der Corona-Krise lautet kurz und schmerzhaft: Wir haben uns geirrt. Diesen Irrtum einzusehen und umzukehren, kann uns zurückführen zu Gott. Ganz ohne Strafe.

Anmerkungen:

(1) Leibniz, Gottfried Wilhelm (1996 [1710]): Die Theodizee. Von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Übels, in: Philosophische Schriften (Bd. 2), Frankfurt/M.

(2) Geyer, Carl-Friedrich (1992): Die Theodizee. Diskurs, Dokumentation, Transformation. Stuttgart, S. 32.

(3) Jonas, Hans (1984): Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme. Frankfurt/M., S. 77 f.

Hinweis:

Eine (stark) gekürzte Fassung dieser Abhandlung erschien als Gastkommentar in: Kirche & Leben, Nr. 13/2020 (vom 29.3.2020), S. 3.

(Josef Bordat)

Jenseits der Pandemie

Momentan gibt es nur ein Thema: Corona. Alles – restlos – wird mit Bezug auf die Pandemie ausgelegt. Corona ist das neue Deutungsmuster, mit dem wir die Welt interpretieren. Man hat den Eindruck, Corona ist eine Art Wendepunkt der Weltgeschichte. Ich warte auf die ersten theologischen Facharbeiten: Gibt es ein Leben nach Corona?

UNO-Generalsekretär António Guterres, eigentlich – scheint’s – ein vernünftiger Mensch, bezeichnet die Corona-Pandemie und deren (wirtschaftliche) Folgen schon als „größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“. So als wären weder Mao noch Stalin je geboren worden, so als habe es weder Korea- noch Vietnamkrieg gegeben (mit zusammen neun Millionen Toten), kein jahrzehntelanges ruinöses Wettrüsten, das die halbe Welt in den Bankrott trieb, keine Hungerkatastrophe in der Sahelzone in den 1970er und 1980er Jahren, an der etwa eine Million Menschen starb. So als gäbe es jetzt keinen Klimawandel und keine 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Und die 800 Millionen Menschen, die nicht genug zu trinken und zu essen haben – weg.

Es gerät in der Corona-Ära allzu leicht in Vergessenheit, dass die meisten Probleme, die es vor dem 15. März gab, immer noch nicht gelöst sind – auch, wenn sie im öffentlichen Bewusstsein derzeit keine Rolle spielen. Kriege und Konflikte etwa, die Lage der Flüchtlinge weltweit, der Klimawandel.

Dass man seit gut zwei Wochen Berichte über derartige Sachverhalte, die sich nicht direkt oder zumindest nach zwei, drei kleinen Schritten mit „Corona“ verbinden lassen, unter „Vermischtes“ suchen muss, wird spätestens dann zum Meta-Problem, wenn irgendwann (und der Tag wird kommen), die Zahl der Infizierten sinkt. Dann nämlich werden viele meinen, wir hätten die Krise an sich überwunden, die Krise schlechthin, die Krise aller Krisen, die „größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“.

Corona an, Krise an – Corona aus, Krise aus. Wer dann noch mit den „alten“ Themen aus der Zeit v. C. (vor Corona) kommt und etwas anderes vermitteln will, wird kaum verstanden werden. Wenn es in ein paar Wochen heißt: Siehe, die Bundesliga spielt wieder.

(Josef Bordat)