Was ist Liebe?

Der letzte Berliner Tatort mit Meret Becker ist rasant und gefühlvoll zugleich.

Nach sieben Jahren und 15 Folgen (der RBB ist klein und kommt nicht so oft an die Reihe) hört Meret Becker beim Tatort auf, um sich künftig „anderen künstlerischen Aufgaben widmen und auf Neues konzentrieren“ (ARD) zu können. Noch einmal verkörperte sie die Kommissarin Nina Rubin, die gemeinsam mit Robert Karow (Mark Waschke) in der hauptstädtischen Unterwelt ermittelt.

Der Tatort mit dem Titel Das Mädchen, das allein nach Haus’ geht taucht ein in den kriminellen Zweig der russischen Oligarchie, dessen Brutalität mehr als nur angedeutet wird. Familienclans und Bandenkriege bilden den Hintergrund, die Polizei beobachtet, weiß viel, kann aber wenig tun. Doch die Mafia wird nervös – zu viele Familien tummeln sich offenbar im lukrativen Geschäft mit illegalem Müllexport und lassen die Margen sinken.

Müll und Russenmafia – damit ist der im November und Dezember 2021 gedrehte Fernsehfilm hochaktuell. Die festen Verbindungen der Oligarchen zu (deutschem) Staat und (russisch-orthodoxer) Kirche werden deutlich gezeigt und durch manche Spitze in den Dialogen und durch launige Kommentare Karows auch manchmal etwas überbelichtet.

Seine Attraktivität bezieht der Krimi nicht – wie beim Tatort zumeist üblich – aus der Fallkonstruktion und der Frage nach Täter und Motiv. Es ist schnell klar, wer den Mord beging und warum und es ist offensichtlich, wer denn der „korrupte Bulle“ ist, von dem man gehört hat. Die wirklich elektrisierende Spannung entsteht in den Beziehungen – zwischen den Kommissaren Robert Karow und Nina Rubin einerseits sowie Nina Rubin und der Kronzeugin Julie andererseits. Die Aktion ihrer Rettung macht den Tatort zu einem spektakulären Actionthriller. Pikanterweise findet diese am Flughafen BER statt. An ironischen Anspielungen mangelt es ohnehin nicht.

Die Antwort auf die eigentliche Kernfrage des Tatorts, was denn die Liebe sei, wenn schon die Familie diese nicht geben kann (und unverbindliche Bettgeschichten schon gar nicht), gibt am Ende Nina Rubin, ganz nach Joh 15,13: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ In ihrem Fall für die (neue) Freundin. Damit hätte Das Mädchen, das allein nach Haus’ geht am Ende auch noch einen christlichen Subtext.

Ein großartiger Abgang einer in vielerlei Hinsicht besonderen Tatort-Kommissarin. Sehenswert.

(Josef Bordat)