Papst Franziskus: Goldenes Priesterjubiläum

Am 13. Dezember 1969 wurde Papst Franziskus in Buenos Aires zum Priester geweiht. Damals war Jorge Mario Bergoglio fast 33 Jahre alt.

Priester zu sein, so Franziskus, bedeute, Christus ins Zentrum zu stellen, bei der tägliche Feier des Messopfers: „In der Eucharistiefeier finden wir jeden Tag diese unsere Identität des Hirten wieder. Jedes Mal können wir uns seine Worte: ,Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird´ wirklich zu Eigen machen. Das ist der Sinn unseres Lebens, das sind die Worte, mit denen wir in gewisser Weise täglich unsere Weiheversprechen erneuern können. Ich danke euch für euer ,Ja‘ und für viele verborgene ,Ja‘ des Alltags, die allein der Herr kennt“, so der Heilige Vater in seiner Predigt zum Jubiläum der Priester am 3. Juni 2016.

Herzlichen Glückwunsch zum Goldenen Priesterjubiläum, Papst Franziskus!

(Josef Bordat)

„102 Deutsche wurden 2018 von Zuwanderern ermordet“ ist eine unwahre Aussage

Die Alternative für Deutschland (AfD) will nach eigenem Bekunden Fakten statt Fakenews. Gut so. Das Problem: Sie präsentiert regelmäßig Fakenews statt Fakten. Beispiel: In dem Papier „Wie es wirklich um Deutschland steht. Fakten statt Fake News“ der AfD-Fraktion im Hessischen Landtag (hier als pdf) heißt es auf Seite 101: „102 Deutsche wurden 2018 von Zuwanderern ermordet“.

Diese Aussage, die sich auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) bezieht, wie sie im Papier „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung. Bundeslagebild“ (2018) des Bundeskriminalamts (BKA) (hier als pdf) zitiert wird, ist falsch. Sie enthält zwei gravierende Fehlannahmen.

1. Nicht jedes Opfer eines vollendeten Tötungsdelikts ist tot.

Laut BKA wurden 2018 tatsächlich 102 Deutsche Opfer eines vollendeten Tötungsdeliktes, an dem mindestens ein Zuwanderer als Täter beteiligt war. Als Zuwanderer gelten Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge, Geduldete und Menschen, die sich unerlaubt in Deutschland aufhalten. Opfer eines vollendeten Tötungsdelikts ist in dieser Zählung aber auch jede Person, die infolge dieses Delikts in ihren Rechten verletzt wird, insbesondere dadurch, dass sie eine Körperverletzung erleidet.

Beispiel: Wenn ein Mensch Amok läuft und dabei andere Menschen tötet, ist das ein vollendetes Tötungsdelikt. Wenn dieser Mensch drei Personen erschießt und weitere 17 Personen durch Schüsse verletzt, gibt es insgesamt 20 Opfer, aber „nur“ drei Tote. In der BKA-Statistik erscheint als Zahl der Opfer: 20. Das heißt aber gerade nicht, dass 20 Personen getötet wurden, schon gar nicht, dass 20 Personen ermordet wurden (vgl. Punkt 2).

Explizit erklärt das BKA dazu: „Bei einem vollendeten Opferdelikt werden in der PKS alle von der Tat betroffenen Opfer unter ‚vollendetes Delikt‘ erfasst. Wurde beispielsweise ein Opfer bei einer Straftat gegen das Leben getötet, erfolgt auch für andere bei dieser Tat betroffenen Opfer, unabhängig von ihrem Verletzungsgrad, die Erfassung als Opfer eines vollendeten Tötungsdeliktes.“ (Seite 52)

In die vom BKA genutzten Statistik ging etwa auch der Anschlag am Berliner Breitscheidplatz ein, zweifellos ein vollendetes Tötungsdelikt, an dem mindestens ein Zuwanderer als Täter beteiligt war. Unter den Opfern des Anschlags befanden sich 82 deutsche Staatsangehörige; sieben wurden getötet, 75 wurden verletzt. Die meisten der Opfer dieses vollendeten Tötungsdelikts leben also noch – Gott sei Dank. Für die AfD sind sie (und auch die Verletzten anderer vollendeter Tötungsdelikte mit Tatbeteiligung von Zuwanderern) „ermordet worden“.

Wahr ist also: Ein Großteil – gemessen an der Quote vom Breitscheidplatz (91,5 Prozent) vermutlich ein sehr großer Teil – der genannten 102 Opfer der Statistik sind nicht Tote, sondern Verletzte. Für die Statistik (bzw. für deren oberflächliche Betrachter) sind sie jedoch offenbar tot, erscheinen sie doch unter „vollendete Tötungsdelikte“. Das BKA gelobt in dieser Hinsicht Besserung: „Um diese Unschärfe zu beheben, wird in der PKS künftig auch der Verletzungsgrad eines Opfers erfasst.“ (Seite 52)

2. Nicht jedes Tötungsdelikt ist ein „Mord“.

Die PKS unterscheidet bei Tötungsdelikten zwischen Mord, Totschlag, fahrlässiger Tötung, Abbruch der Schwangerschaft (bei Missachtung der Auflagen des § 218 StGB) und Tötung auf Verlangen. Das entspricht der juristischen Differenzierung. Nur ein geringer Teil der Tötungsdelikte ist dabei nach § 211 StGB strafbar, also „Mord“. Nach den Zahlen, die des BKA vorlegt, sind von den 430 Straftaten gegen das Leben mit Beteiligung von Zuwanderern (die überwiegende Mehrzahl der Straftaten blieb dabei im Versuchsstadium, in „nur“ 61 Fällen wurde das Tötungsdelikt vollendet – das sind die Fälle, die für die Ausgangsbehauptung relevant sind), 105 als Mord strafbar, wobei auch hier der Großteil im Versuchsstadium blieb, in „nur“ 21 Fällen wurde das als „Mord“ bestrafte Tötungsdelikt eines oder mehrerer Zuwanderer vollendet, wobei die Statistik es offen lässt, welche Staatsangehörigkeit die Opfer jeweils hatten.

Grundsätzlich gilt: Nicht jedes Opfer eines Tötungsdelikts durch Zuwanderer ist zwangsläufig eine Deutsche oder ein Deutscher. Zumindest das BKA kennt auch die Fallkonstellationen „Zuwanderer tatverdächtig – Opfer Asylbewerber/Flüchtling“ (Seite 52 – gleich unter „Zuwanderer tatverdächtig – Opfer deutsch“, aus der die Zahl 102 stammt) und „Deutscher tatverdächtig – Opfer Asylbewerber/Flüchtling“ (Seite 53). Dabei geht aus der Darstellung hervor, dass 15 Zuwanderer Opfer eines vollendeten Tötungsdelikts durch mindestens einen anderen Zuwanderer wurden und ein Zuwanderer unter Beteiligung mindestens eines deutschen Täters zu Tode kam.

(Josef Bordat)

Virgen de Guadalupe

Cuauhtlatoatzin, ein Angehöriger des Volkes der Chichimecca, wurde 1474 nahe der mexikanischen Azteken-Metropole Tenochtitlán geboren. 1524 ließ er sich taufen und nannte sich seitdem Juan Diego. Am 9. Dezember 1531 erschien ihm auf dem Berg Tepeyac die Jungfrau Maria, die ihn bat, auf diesem Berg eine Kapelle zu errichten.

Sein Bischof schenkte Juan Diego keinen Glauben, als er ihm von der Begebenheit berichtete. Drei Tage darauf erschien ihm Maria erneut und beauftragte ihn, dem Bischof die Rosen zu bringen, die er (mitten im Winter) am Hang des Berges finden würde. Juan Diego sammelte die Rosen in seinem Umhang und brachte sie zum Bischof.

Als er dort den Umhang öffnete, war statt der Rosen ein Abbild der Muttergottes zu sehen. Sofort gab der Bischof den Bau der Kapelle in Auftrag, neben der Juan Diego bis zu seinem Tod (30. Mai 1548) als Eremit lebte. Die kleine Kapelle wurde später durch eine große Basilika ersetzt, zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe (einem Stadtviertel der heutigen Hauptstadt Mexiko-Stadt).

Juan Diego wurde 1990 selig- und 2002 heiliggesprochen. Die neue Basilika Unsere Liebe Frau von Guadalupe aus den 1970er Jahren, in der das Gnadenbild zu sehen ist, zählt mit Platz für 40.000 Menschen zu den größten Kirchen der Welt und mit rund 20 Millionen Besuchern pro Jahr zu den bekanntesten Wallfahrtsorten der Christenheit.

(Josef Bordat)

Ist Paris die Hauptstadt von Frankreich?

Es gibt Menschen, die behaupten, Paris sei die Hauptstadt von Frankreich. Woher wissen wir, ob diese Menschen Recht haben?

Zunächst müssen wir uns konzeptionell einigen. Was meinen wir mit „Paris“, was mit „Frankreich“? Und was soll das sein: „Hauptstadt“. Wir brauchen also Bedingungen, unter denen die Aussage „Paris ist die Hauptstadt von Frankreich“ wahr wird. Wir einigen uns darauf, dass Paris die „Stadt mit dem Eiffelturm“ ist. Das sie umgebende Gebiet sei Frankreich (bis zu einer gewissen Ausdehnung, aber wir wollen nicht kleinlich werden). Eine Hauptstadt zeichne sich definitionsgemäß dadurch aus, dass sie Sitz der Regierung sowie wichtiger Verwaltungseinrichtungen ist und zudem das Zentrum von Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Dass bereits diese Definition (schon mit Blick auf die Niederlande – Hauptstadt: Amsterdam; Regierungssitz: Den Haag; Wirtschaftszentrum: Rotterdam) hochumstritten sein dürfte, vernachlässigen wir mal. Ansonsten müssten wir sagen: „Wir können uns nicht darauf einigen, was eine Hauptstadt ist, können also auch nicht entscheiden, ob Paris eine Hauptstadt ist“. Das will ich aber nicht, denn sonst wäre der Text zu Ende, ehe ich zum Punkt hätte kommen können.

Wenn wir nun die Verifizierungsbedingung haben, müssen wir prüfen, ob sich in der „Stadt mit dem Eiffelturm“ so etwas wie ein „Sitz der Regierung“ befindet. Das heißt, wir müssten beides zugleich beobachten: das Vorhandensein des Eiffelturms und regelmäßige Regierungsaktivitäten an einem bestimmten Ort. Das ist relativ schwierig. Angenommen, wir gingen davon aus, dass dieser gesuchte Ort der Amtssitz des Staatspräsidenten der Französischen Republik sei, der Élysée-Palast. Wir gingen also zunächst zum Eiffelturm, von dort über die Seine zum Élysée-Palast, suchten darin den französischen Staatspräsidenten und beobachteten ihn bei der Arbeit, die wir – im Sinne einer noch zu wählenden Definition – als „Regierungshandeln“ bezeichnen. Wäre damit der Beweis für unsere These erbracht? Nein. Denn wir müssten ja gleichzeitig den Eiffelturm sehen, um sicherzustellen, dass wir uns noch in Paris befinden und nicht schon längst in einem Vorort, der dann den Titel „Hauptstadt“ verdient hätte. Nun ist der Élysée-Palast etwa zwei Kilometer Luftlinie vom Eiffelturm entfernt und bei schlechter Sicht nur unzureichend genau zu erkennen. Es könnte sich also auch um den Funkturm auf dem Messegelände in Berlin handeln, den wir schemenhaft erkennen – womit Berlin Hauptstadt Frankreichs wäre. Mit der Beobachtung allein kommen wir also nicht weiter.

Wir könnten nun Experten befragen. Zum Beispiel französische Geographieprofessoren. Wir würden 100 französische Geographieprofessoren bitten, die Frage nach der Hauptstadt Frankreichs zu beantworten. Angenommen, 97 würden uns sagen „Paris“ und drei etwas anderes. Einer vielleicht „Wie, bitte?!“, ein anderer „Kommen Sie nächste Woche in meine Sprechstunde. Meine Sekretärin gibt Ihnen einen Termin.“ und noch ein anderer: „Marseille“. Es besteht also – auf Grundlage dieser Zahlen – unter französischen Geographieprofessoren ein gewisser Konsens in der Frage, welche Stadt Hauptstadt Frankreichs ist: Paris. Ist das nun der gesuchte Beweis? Nein, denn zum einen gibt es andere Meinungen (Marseille), zum anderen wären auch 100 Prozent für Paris kein Beweis. Die französischen Geographieprofessoren könnten sich abgesprochen haben, grundsätzlich lügen, von der Pariser Stadtverwaltung bezahlt worden sein oder sich einfach irren. Mit der Befragung kommen wir also auch nicht ans Ziel.

Wir könnten nun Quellen studieren: Als erstes mal die offizielle Tourismusseite der Stadt Paris: parisinfo.com. Gibt man dort als Suchbegriff „Hauptstadt“ ein, bekommt man immerhin 848 Treffer. Allerdings spuckt die Datenbank nur Artikel aus, die nicht einschlägig sind („Paris – Hauptstadt der Mode“ – und eben nicht „von Frankreich“) und schon gar keinen Beweis für die These „Paris ist die Hauptstadt von Frankreich“ liefern, im Gegenteil: Sucht man „ist die Hauptstadt von Frankreich“, bekommt man gar kein Ergebnis! Also: Weiterforschen und Globen, Atlanten, Almanache, Lexika zu Rate ziehen. Und natürlich: die Weiten des Internet. Hier würden wir in den meisten Quellen tatsächlich „Paris“ als „Hauptstadt von Frankreich“ vorfinden, aber sicher fänden wir auch YouTube-Videos, die von Nantes, Metz oder Lyon als Hauptstadt sprechen. Eine Radsportzeitung vom Juli 1998 betont, L’Alpe d’Huez sei „heute die Hauptstadt Frankreichs“. Jetzt ist guter Rat teuer: Welcher Quelle glauben wir? Wem vertrauen wir? Dem Mainstream, der tatsächlich (immer noch) von „Paris“ als „Hauptstadt Frankreichs“ ausgeht? Das könnten wir natürlich tun – bewiesen ist mit dem Quellenstudium jedoch noch lange nichts. Zumal ja selbst die Pariser Tourismus-Website nichts davon zu wissen scheint.

Wenn wir nun – über ein rein epistemisches Interesse hinaus – eine gewisse Präferenz für – ich sag jetzt mal – Nizza als Hauptstadt von Frankreich hätten, könnten wir aktiv werden. Wir könnten einen Verein gründen, der sich als Zweck setzt, die Öffentlichkeit dahingehend zu informieren, dass Nizza die Hauptstadt von Frankreich ist (und nicht Paris!). In Berlin findet man die dafür nötigen sieben Mitstreiter*innen (glauben Sie mir: tut man). Wir bringen natürlich auch eine eigene Schrift heraus („Notizen aus der Hauptstadt Nizza“, für Kinder den „Nizza-Blitzer“), eine Website, ein eigenes Wiki, Facebookprofile, Twitteraccounts etc. Neben der Promotion pro Nizza gehen wir vor allem gegen die Auffassung vor, Paris sei die Hauptstadt von Frankreich. Wir nennen es die „Paris-Lüge“, „Eiffel-Wahn“, „Tuileries-Hysterie“. Wir sind da sehr kreativ. Ab und zu bedrohen wir auch einzelne Pariser, die sich immer noch als Hauptstädter verstehen, und beschimpfen die französischen Geographieprofessoren, die sie darin unterstützen, kollektiv als Ignoranten. Wie kann man aber auch so blöd sein, an Paris als Hauptstadt von Frankreich zu glauben, obwohl es dafür keinen Beweis gibt!

Wenn nun jemand verstört reagiert, wenn wir die Nizza-These vertreten, so zeigt das nur die Unsicherheit der Paris-Anhänger. Wenn jemand lacht, so zeigt es seine Arroganz. Und wenn jemand trotzdem – ich sag jetzt mal: im Facebook – schreibt, Paris sei die Hauptstadt von Frankreich und diese Aussage mit einer Quelle belegt, setzen wir unsere Quellen dagegen – drei YouTube-Videos und eine Expertise aus den Nizza-Notizen – vier zu eins für Nizza. Den Beitrag in den Nizza-Notizen schrieb zwar ein Geologe, kein Geograph, aber den Unterschied merkt eh keiner. Und wenn doch, dann beschimpfen wir den, der darauf aufmerksam macht, als geographiegläubig, als montmartreversifft und als Modeopfer. Machen wir das entsprechend regelmäßig und auch durchaus selbstbewusst, entsteht bei denen, die sich – sei es, dass sie gerade dabei sind, ein Kreuzworträtsel zu lösen, sei es, dass sie sich auf ihre mündliche Abiturprüfung in Erdkunde vorbereiten – wirklich informieren wollen, wie die Hauptstadt von Frankreich heißt, unweigerlich der Eindruck einer Kontroverse. Paris oder Nizza – beides hat fünf Buchstaben! Paris oder Nizza – wer weiß das schon? Paris oder Nizza – Hauptsache nicht Italien.

Ergo: Wir wissen nicht, ob die Menschen und die Quellen, die behaupten, Paris sei die Hauptstadt von Frankreich, Recht haben. Wir können ihnen nur vertrauen.

(Josef Bordat)

Wem verdanken wir die Menschenrechte – dem Christentum oder der Aufklärung?

Heute ist der 71. Jahrestag der „Universal Declaration of Human Rights“. Am 10. Dezember 1948 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Resolution 217 A (III), die 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Sie tat dies vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und der Schoah, sie tat dies, um künftigen Generationen die Ausübung von Gewalt und Unterdrückung zumindest etwas zu erschweren. Ein für alle mal sollte der Welt klar gemacht werden: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Wie ist es dazu gekommen? Wer den Blick von der Betrachtung der unmittelbaren Vorgeschichte löst und etwas weiter in die Geschichte schaut, dem zeigt sich ein jahrhundertelanger Kampf um die Würde und Freiheit der menschlichen Person. Man kann diesen Kampf von zwei Seiten betrachten – einerseits in einer langfristigen schöpfungstheologischen und heilsgeschichtlichen Perspektive, die den Menschen als Abbild Gottes und durch Christus von der Sünde erlöst sieht, und der von Gott her Würde hat und durch Christus frei ist, andererseits aus einer kurzfristigen rechtshistorischen und gesellschaftspolitischen Sicht, welche auf die Entwicklung kodifizierter Normen schaut, also etwa auf die „Virginia Bill of Rights“ (1776), die „Declaration of Independence“ (1776) oder die „Déclaration des droits de l’homme et du citoyen“ (1789) – unzweifelhaft Resultate der Aufklärung. Beide Sichtweisen sind von Hans Joas gut beschrieben worden: Einerseits gebe es diejenigen, die meinten, die Menschenrechte seien „nicht die Frucht irgendeiner religiösen Tradition, sondern vielmehr die Manifestation eines Widerstands gegen das Machtbündnis von Staat und (katholischer) Kirche oder gegen das Christentum als Ganzes“, wie sich dieser etwa in der Französischen Revolution zeigte, andererseits deuteten einige Vertreter aus den Reihen „christlicher, vornehmlich katholischer Denker“ auf „langfristige religiöse und intellektuelle Traditionen“ hin, durch welche „den Menschenrechten der Weg gebahnt“ wurde, vor allem „das Verständnis der menschlichen Person, wie es aus dem Evangelium zu uns spricht“ (Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte. Berlin 2011, S. 16). Die Frage lässt sich also mit einem „Sowohl, als auch“ am zutreffendsten beantworten.

Christliches Gedankengut zeigt sich im Kontext der Menschenrechte, in der Entwicklung, dem Wesen und dem Geltungsanspruch dessen, was als Freiheit von staatlicher Allmacht definiert wird. Es zeigt sich in Leib- und Lebensrechten, etwa dem Folterverbot, und es liegt der Gleichberechtigung, zugrunde, die darauf basiert, dass wir Menschen vor Gott alle gleich sind, auch, wenn wir unterschiedlich aussehen, unterschiedliche Fähigkeiten haben und an Unterschiedliches glauben. In diesem Bewusstsein kann man Niemanden von den Menschenrechten ausschließen. Wer immer das tut, auch, wenn er dabei meint, die Kirche zu vertreten, handelt unchristlich. Das bedeutet nicht, dass man als Christ oder dass die Kirche insgesamt nicht eine klare Vorstellung von Gut und Böse haben sollte, von Wahrheit und Irrtum. Es bedeutet nicht, dass alles gleich gültig ist, ins Belieben des Menschen gestellt. Ganz und gar nicht. Es gebietet aber Toleranz, es gebietet, den Anderen als Person zu achten und dieser menschlichen Person auch dann ein Minimum an Rechten zuzubilligen, wenn und soweit ihre Vorstellungen derart von der Position des Staates oder der Kirche oder der Gemeinschaft abweichen, dass sich aus der Sicht von Staat, Kirche und Gemeinschaft nichts Respektables an ihr finden lässt. Auch dann soll dieser Mensch frei sein, soll dieser Mensch seine Meinung sagen dürfen, soll dieser Mensch leben. Die Trennung von Person und Position (im negativen Modus: von Sünder und Sünde) ist ein Grundgedanke der christlichen Ethik, die sich in der Forderung nach Toleranz gegenüber dem Nicht-Respektablen wiederfinden lässt.

Langfristig war die Triebkraft des Christentums entscheidend, damit die Idee der Menschenrechte aus dem Gedanken der geschöpflichen Würde und Freiheit des Menschen entstehen konnte. Kurzfristig hat die Kirche im 19. Jahrhundert bei der Umsetzung gebremst – aus Angst vor der eigenen Courage, denn sie fürchtete den Irrtum, dem sie keine Freiheit schenken wollte, mehr als sie das Gewissen, die Stimme Gottes im Menschen, schätzte. Die Kirche hat kurzzeitig vergessen, dass Wahrheit nur in Liebe zu haben ist, so, wie Liebe nur in Wahrheit zählt. Daher mussten sich die Verfechter verbindlicher Kodizes nicht nur gegen die weltlichen, sondern auch die geistlichen Machthaber durchsetzen, um für ihre Vorschläge jene juridische Bindungskraft zu erringen, die das Individuum von den Institutionen Staat und Kirche emanzipierte. Man kann es vielleicht so ausdrücken: Ohne die Institution Kirche als politisch wirksamer Machtfaktor, als weltliche Repräsentation der Christenheit wäre die Menschenrechtsidee möglicherweise früher und flächendeckender umgesetzt worden, ohne Christentum hingegen wäre sie mit Sicherheit gar nicht erst entstanden.

(Josef Bordat)

Zum Kirchenasyl

Es ist eine rührende Szene: Glöckner Quasimodo nimmt die zum Tode verurteilte Zigeunerin Esmeralda in „seine“ Kathedrale Notre-Dame auf, um sie vor der Hinrichtung zu bewahren. Als sie mit Gewalt aus der Kirche entfernt werden soll, ruft er in seiner Liebe und seiner Verzweiflung vom Turm herab: „Asyl! Asyl!“

Soweit Victor Hugos vielfach verfilmter Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ aus dem Jahre 1831, dessen Handlung im Jahre 1482 spielt. Es ist eine Romantik längst vergangener Tage, in der die Glocken noch nicht elektronisch gesteuert wurden, in der die Kirche noch Macht hatte. Heute ist das anders. Außerdem leben wir nicht in den Hirngespinsten eines französischen Romanciers, sondern in der harten deutschen Realität.

Das Thema Kirchenasyl ist in dieser dennoch aktuell. Kirchenasyl ist die vorübergehende Aufnahme von Flüchtlingen in Räumen der Kirche, mit der eine Überprüfung der Abschiebung erwirkt bzw. deren Vollzug insoweit verhindert werden soll. In der Tat führt das Gewähren von Kirchenasyl in einer Mehrzahl der Fälle dazu, dass Menschen vor unmenschlichen Härten oder Gefahren für Leib und Leben bewahrt werden. Die Quoten für eine sachlich berechtigte Behinderung der Abschiebung liegen – je nach Quelle – zwischen 70 und 90 Prozent.

Im Raum der Kirche können aber nicht nur Flüchtlinge vor unberechtigter Abschiebung Schutz finden, sondern auch Rechtsbrecher vor ungerechter Strafe. So fanden die Attentäter, die den Anschlag auf Reinhard Heydrich verübt hatten, mit Hilfe des orthodoxen Bischofs Gorazd Aufnahme in der Prager Karl-Borromäus-Kirche. Sie konnten sich dort mehrere Wochen lang versteckt halten, ehe sie entdeckt wurden und sich das Leben nahmen; Bischof Gorazd und drei Mitarbeiter wurden hingerichtet.

Dabei ist Kirchenasyl gegen den Anschein der Begriffsverwendung gar keine eigene Rechtsfigur. Es geht beim Kirchenasyl nicht um „Kirche“. Auch ein – ich sag jetzt mal – Kaninchenzuchtverein kann Asyl gewähren. Die rechtlichen Möglichkeiten des Staates sind in beiden Fällen gleich: Die Polizei darf (in Deutschland) sowohl Pfarrhäuser und Kirchen als auch Vereinsheime von Kaninchenzüchtern betreten, um Normen durchzusetzen. Der Kirchenvorstandsvorsitzende hat ebenso lediglich das Hausrecht wie auch der Kaninchenzuchtvereinsvorsitzende dies bei sich hat.

Der Eindruck, der oft erweckt wird, die Kirche habe ein „Sonderrecht“, ein Recht also, das der Kaninchenzuchtverein nicht hat, ist falsch. „Über dem Recht“ oder „im rechtfreien Raum“ findet das Kirchenasyl also nicht statt – der Staat behält die Fäden immer in der Hand und kann jedes Kirchenasyl jederzeit beenden. Vielleicht sollte man statt von Kirchenasyl besser von „Asyl in der Kirche“ sprechen.

Allerdings hat die Kirche im Hinblick auf das Gewähren von Asyl etwas, das der Kaninchenzuchtverein in aller Regel nicht hat: ein Selbstverständnis, das den Fremden als Nächsten betrachtet und im Nächsten Christus sieht (Mt 25, 35) sowie eine jahrhundertelange Tradition, die dieses Selbstverständnis umzusetzen versuchte. Daher respektiert der Staat das Kirchenasyl eher als das Kaninchenzuchtvereinsasyl.

Tatsächlich hat das Kirchenasyl eine sehr lange Tradition. Die Idee der Möglichkeit einer Zufluchtnahme zu Gott, zum Heiligen, zum Tempel, zur Tabuzone für Gewalt und Herrschaft ist eine der ältesten Leistungen menschlicher Kultur. Kirchenasyl ist das Erbe dieser Idee. Im Christentum erhält die Idee eine konkrete Rechtfertigung: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5, 29).

Der Ort, die Idee zur Tat reifen zu lassen, ist das Gewissen, dessen Freiheit das Grundgesetz hervorhebt (Art. 4, 1 GG). Damit ist für das Verhältnis des Kirchenasyls zum Rechtsstaat klar: Kirchenasyl ist zwar religiös motiviert, steht aber nicht außerhalb des Rechts, sondern ist über die Figur der Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit dessen integraler Bestandteil. Von „Unterwanderung“ des Rechts kann also nur insoweit die Rede sein, als jeder Gebrauch der Gewissensfreiheit das Recht „unterwandert“ – in der Kollision der Gewissensentscheidung mit einer Norm liegt ja gerade ihr Wesen. Ein Staat, der das verhindern will, darf keine Gewissensfreiheit geben.

Christen unterstehen dem Recht eines Staates nur so lange, wie dieses nicht dem Gottes- und Naturrecht widerspricht. Das, was Gottes- und Naturrecht ist, zeigt sich dem Christen in seinem Gewissen, von dem er frei Gebrauch machen kann. Wenn ein Christ ungerechte Härten erkennt – und die Bedrohung von Leib und Leben ist eine solche – muss er als Christ handeln. Das gebietet ihm Gott durch sein Gewissen.

Eine Frage stellt sich: Ist der Gehorsam gegenüber dem Gebot Gottes und gegenüber dem Mandat des Gewissens eine Bedrohung für den Rechtsstaat? Die Antwort lautet: Nur dann, wenn dieser zum Unrechtsstaat wird. In einigen Fällen scheint er das geworden zu sein, wenn tatsächlich ein Großteil der durch das Kirchenasyl erwirkten Verfahrensneuaufnahmen zur Anerkennung führen und das Kirchenasyl damit unberechtigte Abschiebungen verhindert. Insoweit stärkt es den Rechtsstaat sogar, soweit es darin nicht nur um formale Gesetzlichkeit, sondern auch um materiale Gerechtigkeit gehen soll. Und das sollte es. Denn ein Blick in unsere Geschichte zeigt, das so etwas wie ein Gerechtigkeitsvorbehalt bei der Anerkennung von Gesetzen nicht der schlechteste Gedanke ist.

Die Katholische Kirche hat während der NS-Diktatur Gemeinden und Einzelpersonen unterstützt, die Menschen – nicht nur Attentäter – versteckt und damit vor der Deportation und Ermordung bewahrt haben. Die Kirche hat sich damit in staatliche Angelegenheiten eingemischt und über staatliche Gesetze erhoben. Das war gut – sagen wir heute. Und es ist gut, dass die Kirche heute am Kirchenasyl fest hält und Gemeinden unterstützt, die Flüchtlinge bei sich aufnehmen und damit vor der Abschiebung bewahren.

Diese Aufnahme ist – wie jede Gewissensentscheidung – in Freiheit und mit Vernunft zu verwirklichen. Der Grundsatz lautet: Ein frei und vernünftig erwogenes Kirchenasyl ist manchmal illegal, doch meistens legitim. Es muss jedoch allen Beteiligten klar sein, dass ihr Handeln strafbar sein kann und dass es untrennbar zum Gewissensgebrauch gehört, eine mögliche Strafe anzunehmen. Wie jeder Rechtsbruch aus Gewissensgründen muss auch das Kirchenasyl daher mit Klugheit abgewogen werden, unter Berücksichtigung von Chancen und Risiken für alle Beteiligten.

Victor Hugo hatte übrigens keinen Zweifel, dass man auch unter diesen schwierigen Begleitumständen der Stimme des Gewissens Gehör verschaffen sollte: „Das Gewissen des Menschen“, so der Romancier, „ist das Denken Gottes“.

(Josef Bordat)